Ant­wor­ten heißt inter­pre­tie­ren

Bei der Jahrestagung des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) hielt die Literaturkritikerin Sieglinde Geisel einen Vortrag zum Thema Übersetzungskritik, der viele interessante Einblicke bot, aber ebenso viele Fragen offen ließ. Dabei wollten wir es nicht bewenden lassen. Von

Bildquelle: Pixabay, Bearbeitung: Freyja Melsted
Die­ser Text ant­wor­tet auf den von Sieg­lin­de Gei­sel am 22. Juni 2018 gehal­te­nen Vor­trag, der inzwi­schen auch unter dem Titel „Über­set­zen heißt ant­wor­ten“ beim Online-Maga­zin tell erschie­nen ist.

Lie­be Sieg­lin­de,

es muss unheim­lich gewe­sen sein, als Nicht-Über­set­ze­rin in Wol­fen­büt­tel einem Raum vol­ler Über­set­zer gegen­über­zu­tre­ten, ich stel­le es mir in etwa so unheim­lich vor wie als Nicht-Kri­ti­ker in einen Raum vol­ler Kri­ti­ke­rin­nen zu tre­ten und zu wis­sen, dass kei­nes mei­ner Wor­te unbeob­ach­tet blei­ben kann von all denen, die mir schwei­gend zuhö­ren, obwohl sie mehr wis­sen als ich.

An jenem Frei­tag im Juni stan­dest Du vor­ne, und ich war Teil jener unheim­li­chen Rot­te. Kein Über­set­zer zwar (anders als „Jour­na­list“ oder „Kri­ti­ker“ ist dies, fin­de ich, kein ganz frei­er Begriff, tra­gen soll­te ihn nur, wer auch etwas vor­zu­wei­sen hat), aber auch kein Nicht-Über­set­zer, kein Kri­ti­ker, aber auch kein Nicht-Kri­ti­ker.

Als Zwit­ter­zu­hö­rer hing ich also an Dei­nen Lip­pen und folg­te mal kri­ti­ke­risch fas­zi­niert, mal über­set­ze­risch schüch­tern Dei­nen Gedan­ken, voll­zog nach, wie Du uns Bei­spiel um Bei­spiel Dein über­set­zungs­kri­ti­sches Cre­do ent­fal­te­test und gab mich der Begeis­te­rung hin, die sich nach und nach in mir aus­brei­te­te. Offen­bar gab es außer­halb unse­res froh­ge­mut begon­ne­nen, aber auch völ­lig grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Pro­jek­tes Tra­LaLit noch ande­re, die sich nicht nur für das Schrei­ben, son­dern auch für das Lesen von Über­set­zun­gen inter­es­sier­ten.

So begeis­tert war ich an jenem Nach­mit­tag in Wol­fen­büt­tel, dass ich Dei­ne Rede zunächst für ein über­set­zungs­kri­ti­sches Mani­fest hielt, eine fast poli­ti­sche Rede, eine Kampf­an­sa­ge an das igno­ran­te Feuil­le­ton, das unse­ren klei­nen Vor­trags­saal umstellt hat­te. „Über­set­zen heißt ant­wor­ten“, „Über­set­zer und Autor sind Part­ner“, „Über­set­zer haben Macht“ – mein tau­meln­der Geist füg­te jedem die­ser Ver­dik­te ein Aus­ru­fe­zei­chen hin­zu und spie­gel­te mir vor, von die­sen Sät­zen, die­ser Rede und Dir könn­te so etwas wie revo­lu­tio­nä­re Stim­mung aus­ge­hen.

Die Ernüch­te­rung kam erst eine Woche spä­ter beim Lesen des Rede­tex­tes. Erst jetzt bemerk­te ich Dein Zögern, Dei­ne offe­nen Fra­gen. Die revo­lu­tio­nä­re Stim­mung war ver­flo­gen, ich fühl­te mich sokra­ti­siert, jetzt war mir eher nach Gesprächs­kreis zumu­te. Dei­ne Bei­spie­le, die mir als Para­dig­ma­ta in Erin­ne­rung geblie­ben waren, als stol­ze Stan­dar­ten unse­res noch zu grün­de­nen Batail­lons, hat­ten uns ja in Wahr­heit in die unsi­che­ren Land­schaf­ten Dei­ner Zwei­fel füh­ren sol­len, auf dass wir selbst nach­zu­den­ken begän­nen.

Bei der zwei­ten Lek­tü­re erwach­te mein Wider­stands­geist. Nicht pathe­tisch und revo­lu­tio­när wie im ers­ten Moment, auch nicht lei­se, wei­se zwei­felnd wie im zwei­ten, son­dern dun­kel und wider­sprüch­lich erschien mir Dei­ne Argu­men­ta­ti­on mit einem Mal. Die Richt­schnur Dei­ner Gedan­ken, so merk­te ich, führ­te mich kei­nes­wegs ins gelob­te Land der Über­set­zungs­kri­tik. Wohin sie mich führ­te, will ich Dir beschrei­ben.

Zu Beginn Dei­ner Rede stell­test Du meh­re­re Mög­lich­kei­ten der Bibel­über­set­zung sowie vier Dos­to­jew­ski-Über­set­zun­gen neben­ein­an­der, lei­der ohne Nen­nung der deut­schen Übersetzer(innen). Du kamst zu dem Schluss, dass Über­set­zen immer Inter­pre­tie­ren sei und daher „unheim­lich“.

Schon an die­ser Stel­le, die mich damals noch in Ent­zü­ckung ver­setz­te, stut­ze ich jetzt und fra­ge mich: Was ist so unheim­lich am Inter­pre­tie­ren? Inter­pre­tierst nicht auch Du beim Lesen, ist nicht das Inter­pre­tie­ren über­haupt der ein­zi­ge Zugang, den wir zu einem Text haben?

Aber hier sind wir ja schon auf dem Ter­rain der Über­set­zungs­kri­tik, Dei­nem nächs­ten The­ma. Hier ent­warfst du drei Grund­sät­ze, die Du aller­dings sofort leicht her­ab­las­send als insu­lä­ren „Ide­al­fall“, ja als „Aus­nah­me“ hin­stell­test, jen­seits derer Du aber nur ein wei­tes Meer der Unsi­cher­heit und der offe­nen Fra­gen sahst. Mein Unbe­ha­gen gilt bei­den: Inseln und Meer.

Zunächst zu ers­te­ren. Die drei Vor­aus­set­zun­gen für das, was Du unter „Über­set­zungs­kri­tik“ ver­stehst, näm­lich (1.) Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che, (2.) Kennt­nis des Ori­gi­nal­tex­tes, (3.) ver­glei­chen­de „Über­prü­fung“, füh­ren im Ergeb­nis zu dem, was Du uns Zuhö­rern in der Fol­ge anhand von zwei Bei­spie­len vor Augen führ­test. Ich will die­se Über­set­zungs­kri­tik hier kurz und zuge­ge­be­ner­ma­ßen despek­tier­lich „Maß­band­kri­tik“ nen­nen.

Wer (wie Du in den von dir prä­sen­tier­ten Bei­spie­len) nach die­ser Maß­ga­be an einen Text her­an­geht, ermit­telt zunächst aus dem Ori­gi­nal ein Mess­sys­tem, das es ermög­licht, den über­setz­ten Text geo­dä­tisch zu ana­ly­sie­ren. Hier, so sagt man dann, bleibt er „hin­ter dem Ori­gi­nal zurück“, hier hat er ihm „etwas vor­aus“, womög­lich steht etwas über, man ver­misst zen­ti­me­ter­ge­nau alle Abwei­chun­gen und Dif­fe­ren­zen.

Ein sol­ches metri­sches Vor­ge­hen wider­spricht nur lei­der Dei­ner Aus­gangs­the­se, dass Über­set­zen ein Inter­pre­tie­ren sei. Denn wer inter­pre­tiert, muss ja – sonst bedürf­te es sei­ner Diens­te nicht – von vorn­her­ein aner­ken­nen, dass es auch ande­re vali­de Inter­pre­ta­tio­nen geben kann. Um im Bild zu blei­ben: Wer ein Gelän­de neu ver­misst, der tut es, um vor­he­ri­ge Mes­sun­gen zu kor­ri­gie­ren. Wer aber neu über­setzt, will es zwar womög­lich auch bes­ser (was auch immer das dann heißt), in ers­ter Linie aber doch anders machen als die, die es zuvor ver­sucht haben.

Die „Maß­band­kri­tik“ macht aber noch einen fol­gen­rei­che­ren Feh­ler. Denn sie ist bei aller ange­maß­ter Objek­ti­vi­tät blind für die eige­ne Inter­pre­ta­ti­ons­ge­la­den­heit. Über­set­zen, so viel wird jeder unter­schrei­ben, der es ein­mal selbst pro­biert hat, bedeu­tet ja immer, zwi­schen ver­schie­de­nen kon­f­li­gie­ren­den Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten abzu­wä­gen. Wer aber die eige­ne Inter­pre­ta­ti­on zum Maß­stab frem­der Arbeit macht, redu­ziert die poten­zi­ell unzähl­ba­ren Dimen­sio­nen eines Tex­tes auf das ein­di­men­sio­na­le Kon­ti­nu­um „falsch–schlecht–gut–,könnte auch als Ori­gi­nal durch­ge­hen‘“.

Gera­de die poten­zi­el­le Unend­lich­keit der Inter­pre­ta­tio­nen ist es doch aber, für die uns und alle Lesen­den das Über­set­zen sen­si­bi­li­sie­ren müss­te und soll­te. Wenn man dies als Aus­gangs­punkt für die Beschäf­ti­gung mit über­setz­ter Lite­ra­tur nimmt, ist es wenig sinn­voll, nach ent­we­der „guten“ oder „schlech­ten“ Lösun­gen Aus­schau zu hal­ten.

Viel­mehr wird es dann gebo­ten sein, sich beim Lesen auf die Suche nach dem inter­pre­ta­to­ri­schen Win­kel zu bege­ben, den die Über­set­ze­rin an den Text ange­legt hat, und von die­sem Win­kel aus die Über­set­zung (aus eige­nem Recht!) zu kri­ti­sie­ren. Es stün­de dann also nicht die Fra­ge im Vor­der­grund, ob der deut­sche Text dem Ori­gi­nal­text mehr oder weni­ger ent­spricht, son­dern viel­mehr, inwie­fern er die selbst­auf­er­leg­ten Inter­pre­ta­ti­ons­richt­li­ni­en, die sich aus der Beschäf­ti­gung mit dem Ori­gi­nal­text erge­ben haben, im Deut­schen umzu­set­zen ver­mag.

In die­ser Per­spek­ti­ve wäre an einen Über­set­zer wie Mar­cus Ingen­da­ay nicht die Fra­ge zu stel­len, ob er das Ori­gi­nal „ver­fälscht“ habe oder nicht, son­dern viel­mehr müss­te man sich fra­gen, ob er eine schlüs­si­ge Inter­pre­ta­ti­on des Ori­gi­nals vor­zu­stel­len und vor allem mit den Mit­teln der eige­nen Spra­che wie­der­zu­ge­ben imstan­de ist.

Das Famo­se an die­sem Ver­fah­ren ist, dass sich das (viel­leicht lei­der nicht zugäng­li­che, oder viel­leicht lei­der in einer unver­ständ­li­chen Spra­che ver­fass­te) Ori­gi­nal aus unse­rer über­set­zungs­kri­ti­schen Glei­chung fast gänz­lich her­aus­ge­kürzt hat. Nur noch für die – letzt­end­lich sekun­dä­re – Fra­ge, für wie schlüs­sig man die ursprüng­li­che, sich in der Über­set­zung äußern­de Inter­pre­ta­ti­on hält, kann man es im güns­ti­gen Fall zura­te zie­hen.

Wir hät­ten uns damit also nicht nur der pri­vi­le­gier­ten Inseln, son­dern zugleich auch noch jenes wei­ten Mee­res ange­nom­men, in dem hilf­los all die Lite­ra­tur­kri­ti­ker schwim­men, die nicht wis­sen, wie Über­set­zun­gen aus ihnen frem­den Spra­chen bei­zu­kom­men ist und die des­halb vor der angeb­lich untrenn­ba­ren Ein­heit von Schrift­stel­ler- und Über­set­zer­leis­tung kapi­tu­liert haben.

Wer Über­set­zun­gen liest, hat die ein­ma­li­ge Chan­ce, ande­ren beim Lesen zuzu­schau­en, zuzu­hö­ren, ja: zuzu­le­sen. Noch dazu ande­ren, die mit Sicher­heit viel genau­er gele­sen haben als man selbst. Nicht nur der Über­set­zer ist der „Drit­te im Bett“, auch man selbst beob­ach­tet in obs­zöns­ter Wei­se das Zwie­ge­spräch zwi­schen zwei­en, die mit­ein­an­der Inti­mes aus­han­deln. (Und wenn man bedenkt, dass die Autorin oder der Autor uns beim Lesen ihrer Über­set­zer wis­send, aber sprach­los über die Schul­ter schau­en, wird end­gül­tig frag­lich, wer bei die­ser Ména­ge-à-trois eigent­lich der Stö­ren­fried ist.)

Fei­ern wir also doch die Inter­pre­ta­tio­nen, anstatt uns vor ihnen zu fürch­ten! Schlie­ßen wir uns nicht jenen drö­gen Land­ver­mes­sern der Lite­ra­tur an, die über­all noch mehr Zoll­stö­cke aus­le­gen wol­len, son­dern fal­ten wir die­se Zoll­stö­cke in alle Rich­tun­gen aus­ein­an­der und zei­gen so jenen grau­en Kul­tur­geo­dä­ten, wie viel­fäl­tig, wie rich­tungs­reich, wie maß­los die Welt­li­te­ra­tur ist.

Dein Felix

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