Der Tod der Autorin

Die Bestsellerautorin Elena Ferrante widersetzt sich dem Verlangen der Medien nach einem passenden Gesicht für die Vermarktung ihrer Romane. Das hat Folgen für ihre amerikanische Übersetzerin Ann Goldstein. Von

Das Spiel mit Identitäten beherrschen Ferrante und Goldstein perfekt. Vielleicht haben sie sich von Bibi Andersson und Liv Ullman in Ingmar Bergmanns Film "Persona" (1966) inspirieren lassen. Quelle: WikiMedia

Kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans L’amore molesto im Jahr 1992 schreibt Elena Ferrante ihrem italienischen Verleger einen Brief. Sie gedenke nicht, selbst Werbung für ihr Erstlingswerk zu machen. Sie werde nicht an Lesungen teilnehmen, keine Preise annehmen und schon gar nicht im Fernsehen auftreten. Interviews dürften nur schriftlich stattfinden. Überhaupt: sei sie als Autorin nicht überflüssig?

I believe that books, once they are written, have no need of their authors. If they have something to say, they will sooner or later find readers.
(Ü Ann Goldstein)
Ich glaube, dass Bücher, sobald sie geschrieben sind, ihre Autoren nicht mehr benötigen. Sofern sie etwas zu sagen haben, werden sie früher oder später Leser finden.

Ferrantes Verständnis von Autorschaft erinnert viele Kritiker an den französischen Literaturtheoretiker Roland Barthes. Der verkündete Ende der sechziger Jahre in seinem polemischen Essay La Mort de l’auteur die Mündigkeit des Lesers und den Tod des Autors, dessen Rolle unter dem Einfluss des Humanismus und später des Kapitalismus ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rückte. Barthes beklagt in dem Essay, dass die Rezeption von Literatur sich zu sehr von der Person des Autors und dessen Lebensgeschichte, Vorlieben und Interessen beeinflussen lasse und so dem Text seine vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten nehme:

L’explication de l’œuvre est toujours cherchée du côté de celui qui l’a produite.
Die Erklärung für ein Werk wird stets bei dem gesucht, der es produziert hat.

Kaum eine zeitgenössische Autorin hat dieses Prinzip so verinnerlicht wie Ferrante, die unermüdlich betont, dass die Kenntnis des Autors oder der Autorin für das Verständnis eines Werks kaum relevant sei und diesem sogar schade. In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung La Republica sagte sie:

Our faces, all of them, do not do us any favors, and our lives add nothing to the work.
(Ü Ann Goldstein)
All unsere Gesichter tun uns keinen Gefallen und unsere Lebensgeschichten tragen nichts zu unserem Werk bei.

Das Interview ist 2016 im Sammelband Frantumaglia: A Writer’s Journey erschienen, der neben Interviews auch Briefe und kurze Essays der Autorin enthält und einen umfassenden Einblick in das Mysterium Ferrante und ihre Inszenierung der eigenen Autorschaft bietet. Ein stets wiederkehrendes Thema ist in diesem Band Ferrantes kontinuierliches Beharren auf der Autonomie ihres Werkes. Die körperliche Präsenz der Autorin sei für ihre Leserinnen und Leser irrelevant, argumentiert Ferrante seit dem Erscheinen ihres ersten Romans. Auf Italienisch wurde der Band bereits 2003 veröffentlicht und mit der wachsenden internationalen Bekanntheit der Autorin stetig ergänzt.

Ferrantes englische Übersetzerin ist die Amerikanerin Ann Goldstein. Von Beginn an hat sie deren Stimme stets stilsicher, unaufgeregt und präzise ins Englische übertragen. Goldsteins allererste Ferrante-Übersetzung des Romans I giorni dell’abbandon war bereits 2005 erschienen, fast zeitgleich mit der gleichnamigen Verfilmung von Roberto Faenza. Der Verlag Europa Editions hatte verschiedene Übersetzer und Übersetzerinnen aufgefordert, eine Arbeitsprobe einzureichen. Goldstein übersetzte prompt den kompletten Roman und erhielt den Auftrag.

Zum Star der englischsprachigen Literatur- und Übersetzerszene wurde Ann Goldstein allerdings erst in den letzten Jahren. Das große „Ferrante-Fieber“, von dem vor allem der anglo-amerikanische Raum erfasst wurde, setzte 2012 mit Erscheinen der vierteiligen „Neapolitanischen Saga“ ein, die auch hierzulande die Bestsellerlisten stürmte. Für den letzten Teil Storia della bambina perduta wurden sie und Ferrante für den Man Booker International Prize nominiert.

Um das rasant ansteigende öffentliche Interesse an der Autorin zu bedienen, wandten sich die Medien an Goldstein, die zum wandelnden Gesicht der Autorin im amerikanischen Raum mutierte und diese auf Lesungen ersetzt. Dabei war es sicherlich von Vorteil, dass Goldstein aufgrund ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit im Korrektorat des New Yorkers zum kulturellen Establishment gehört und einige interessante Anekdoten zu erzählen hat, die genug Stoff für die Feuilletons bieten.

Dazu zählt die bereits legendäre Geschichte, wie sie überhaupt mit dem Übersetzen von italienischen Texten angefangen hat. Ende der Achtziger beschloss Goldstein zusammen mit Kollegen und Kolleginnen, auf Kosten des Magazins Italienisch zu lernen. Das Ziel war, Dantes La Divina Comedia im Original zu lesen. Die fast vierzigjährige Goldstein war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie zuvor in Italien gewesen. Ihre erste Übersetzung, die natürlich im New Yorker veröffentlicht wurde, fertigte sie an, um einem Freund auszuhelfen. Seitdem übersetzt sie neben Ferrante auch Autoren wie Alessandro Baricco, Pier Paolo Pasolini, Giacomo Leopardi und Primo Levi.

Das öffentliche Interesse an Ann Goldstein ist – wenn man bedenkt, wie wenig Aufmerksamkeit Übersetzerinnen und Übersetzer in den Feuilletons geschenkt wird – überwältigend hoch und der Übersetzerin selbst fast unheimlich. „It’s very odd,“ sagte sie der amerikanischen Zeitschrift The Atlantic: „Es ist sehr skurril.“

Goldstein gibt zwei Arten von Interviews. Die einen verlangen von Goldstein offensichtlich Antworten, die nur die Autorin selbst geben könnte. Goldstein beteuert darin mit bewundernswerter Ausdauer und Geduld, dass sie über Ferrante genauso wenig wisse wie die einfache Leserin.

Zum anderen wurden in einigen Magazinen aber erstaunlich umfangreiche und detaillierte Werkstattgespräche mit Ann Goldstein veröffentlicht, die unter Anderem Auskunft darüber geben, wie ihr Arbeitsprozess aussieht (sie setzt sich an den Schreibtisch und fängt an zu tippen), welche Materialien sie verwendet (gedruckte und elektronische Wörterbücher) und ob sie ihre übersetzten Texte laut vorliest (in der Regel nicht).

Viele Journalisten und Journalistinnen hegen natürlich auch insgeheim die Hoffnung, sich der abwesenden Autorin über deren Übersetzerin annähern zu können. Die Journalistin Naomi Skwarna thematisiert dies in ihrem Artikel über Goldstein sehr offen:

The temptation is to ask Goldstein to speak for Ferrante.
Es scheint verlockend, Goldstein aufzufordern für Ferrante zu sprechen.

Dafür bietet sich Goldstein allerdings nicht an, da auch sie nach eigenen Aussagen nur in E-mail-Kontakt mit der Autorin steht. Und selbst dieser wird über den Verlag vermittelt. In Frantumaglia bringt Ferrante dieses Verhältnis sehr trocken auf den Punkt:

The translators write and I respond. Their queries can take me a long time. I like helping them find solutions.
(Ü Ann Goldstein)
Die Übersetzter schreiben und ich antworte. Ihre Fragen kosten mir manchmal viel Zeit. Es gefällt mir, ihnen beim Finden von Lösungen zu helfen.

Auch die deutsche Übersetzerin Karin Krieger steht nach eigenen Angaben mit Ferrante schriftlich in Kontakt. Da man in Deutschland das „Ferrante-Fieber“ beinahe verpasst hätte, musste Krieger die „neapolitanische Saga“ in rasender Geschwindigkeit übersetzen, um mit dem internationalen Hype Schritt zu halten. Erst 2016 – knapp vier Jahre, nachdem die englische Übersetzung des ersten Teils der Tetralogie erschienen war – wurde der erste Band in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Ferrantes frühere Romane sind bisher noch nicht auf Deutsch veröffentlicht. Das Erscheinen der Frantumaglia-Sammlung wurde für das Frühjahr 2019 angekündigt.

Krieger erhielt für ihre Übersetzung mehr Aufmerksamkeit als es für Übersetzer und Übersetzerinnen in Deutschland üblich ist. Sie durfte sich über ein großes Porträt in der SZ freuen und auch vereinzelt Interviews geben. An den Ruhm von Ann Goldstein reicht das Interesse an Krieger allerdings nicht heran, was sicherlich auch mit der vergleichsweise durchwachsenen Rezeption der Romane zusammenhängt (was dem kommerziellen Erfolg Ferrantes keinerlei Abbruch getan hat). Für die Übersetzung von Frantumaglia werden allerdings andere Übersetzerinnen angekündigt. Krieger wird also nicht in dem Maße zur „deutschen Ferrante“ werden wie Goldstein zur „englischen Ferrante“ geworden ist.

Ein Blick in die Frantumaglia-Sammlung zeigt, dass dies auch nicht unbedingt notwendig ist. Denn der Band führt eindrücklich vor Augen, dass Ferrante zwar ihr Gesicht der Öffentlichkeit vorenthält, aber dennoch in kontrollierter Form rege mit den Medien interagiert. Die Autorin hat in den letzten Jahren nicht nur  mit der Paris Review oder der New  York Times schriftliche Interviews geführt, sondern auch mit türkischen, norwegischen oder brasilianischen Medien.

In essayhaften Antworten erzählt Ferrante in Frantumaglia Anekdoten aus ihrer Kindheit und Jugend; man erfährt, welche Kritiker sie gelesen hat (natürlich auch Roland Barthes), welche Romane sie beeinflusst haben und dass sie sich als Frau identifiziert. Der Leser kommt in Frantumaglia auf seine Kosten und erfährt eigentlich alles, was man über eine Autorin und ihr Werk wissen muss. Seit März schreibt Ferrante außerdem eine wöchentliche Kolumne für den Guardian, in der sie ihre Schwärmerei für den Schauspieler Daniel Day-Lewis teilt oder über ihre Nikotinsucht schreibt. (Übersetzt wird die Kolumne natürlich von Ann Goldstein.) Ihre „Neapolitanische Saga“ wird zudem gerade von HBO als Fernsehserie produziert. Ferrante hat am Drehbuch mitgearbeitet.

Ferrante ist also weniger abwesend, als es den Anschein hat. Man könnte sogar sagen, dass die Autorin überaus präsent ist, nur eben zu ihren eigenen Bedingungen, denen sich jedoch nicht alle fügen wollen. Die Autorin sorgt durch ihre körperliche Abwesenheit dafür, dass die Rezeption ihrer Werke möglichst wenig von dem Privatleben ihrer Schöpferin beeinflusst wird. Wie ungewöhnlich die Unkenntnis eines Gesichtes im digitalen Zeitalter ist, zeigen nicht nur die vielen Porträts von Ann Goldstein, die als eine Art Platzhalter dienen, sondern auch der schamlose Enthüllungsversuch des italienischen Journalisten Claudio Gatti, der für entrüstete Aufschreie in der Literaturszene gesorgt hat.

Ein Großteil der Kritiker und Leser hat Gatti für sein Vorgehen heftig kritisiert. Es gibt jedoch auch vereinzelte Versuche, in genau die Bereiche vorzustoßen, vor denen Barthes und Ferrante gewarnt haben. Denn angeblich hat Ferrante unter anderem Ingeborg Bachmann und Christa Wolf aus dem Deutschen übersetzt. Seitdem meinen Kritiker eine Erklärung für Ferrantes „weiblichen Blick“ gefunden, in ihrer Saga gar Parallelen zu Wolfs Nachdenken über Christa T. entdeckt zu haben, auf die man ohne den Artikel von Gatti wohl kaum gestoßen wäre. Der einzig denkbare positive Nebeneffekt dieser versuchten Enthüllung von Ferrantes Gesicht könnte sein, dass man die Autorin in Interviews zukünftig mehr über das Übersetzen ausfragt.

Notwendig ist dies allerdings nicht, wenn einem eine kompetente Übersetzerin wie Ann Goldstein zur Verfügung steht, die sich gelassen den bohrenden Fragen der Medien stellt und nebenbei noch geduldig Werbung für übersetzte Literatur macht. Denn diese ist auf dem amerikanischen Markt nur wenig erfolgreich. Ferrantes Romane stellen da eine absolute Ausnahme dar, derer sich auch die Übersetzerin bewusst ist:

Translated books […] get so little attention, and I think the idea that this book is a translated book—I think it’s kind of important for the translator to be a presence.
Übersetzte Bücher erhalten so wenig Aufmerksamkeit und ich denke, die Tatsache das dies ein übersetztes Buch ist – Ich denke, dass es wichtig ist, dass die Übersetzerin Präsenz zeigt.

Goldstein verdankt ihre Medienpräsenz der scheinbar eingeschränkten Verfügbarkeit der Autorin, deren Konzept von Autorschaft es erlaubt, dass das Rampenlicht auch auf ihre Verleger und Übersetzerinnen fällt. Ferrantes selbst herbeigeführter, körperlicher „Tod“ ermöglicht die „Wiedergeburt der Übersetzerin“ in der öffentlichen Wahrnehmung. Goldstein weiß dieses Geschenk zu nutzen und die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern in den Mittelpunkt der  Aufmerksamkeit zu rücken:

I think people should recognize that translated books have translators — they didn’t get there magically.
Ich denke, die Leute sollten anerkennen, dass übersetzte Bücher Übersetzer haben – sie sind nicht einfach auf magische Art und Weise aufgetaucht.
Alle Zitate im Text wurden von Julia Rosche ins Deutsche übersetzt.


Elena Ferrante/Ann Goldstein: Frantumaglia. A Writer’s Journey. (Im italienischen Original: La Frantumaglia)

Europa Editions 2016 ⋅ 400 Seiten ⋅ 14,47 Euro

www.europaeditions.com/book/9781609452926/frantumaglia


Elena Ferrante/Petra Kaiser/Julika Brandestini: Frantumaglia. Mein geschriebenes Leben. (Im italienischen Original: La Frantumaglia)

Suhrkamp 2019 (angekündigt) ⋅ 400 Seiten ⋅ 24 Euro

www.suhrkamp.de/buecher/frantumaglia-elena_ferrante_42800.html

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