Kri­tik – Im Geist der Über­set­zung

Wie übt man Übersetzungskritik? Sieglinde Geisel hat eine Replik auf meine Replik verfasst, die wir nicht unkommentiert stehen lassen wollen. Hier also die Fortsetzung der Debatte. Von

Blick auf den Zuckerhut (portugiesisch: Zuckerbrot, englisch: Zuckerlaib) in Rio de Janeiro, wo dieser Beitrag entstand. Foto: Stefanie Kohl.

Lie­be Sieg­lin­de,

dei­ne Replik hat den Ten­nis­ball unse­res argu­men­ta­ti­ven Matches wie­der tief in mei­ne Hälf­te gespielt. Auch ich las Dei­nen Text und frag­te mich: Ist das mein Ernst?

Dann sam­mel­te ich mich, las Ingen­da­ay, las Gad­dis, gewann Abstand, und die Ant­wort ist: ja. Und nicht nur ist das mein Ernst (eine sicher­lich eher uner­heb­li­che Ein­zel­mei­nung), es ist auch – lei­der! – der Ernst der gera­de­zu gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­kri­tik.

Begin­nen wir, um Dir gewis­ser­ma­ßen den Ball abzu­neh­men, mit dem Bei­spiel, das Du zur Krö­nung Dei­nes Argu­men­tes ganz ans Ende des Brie­fes gestellt hast:

Aus der Per­spek­ti­ve der Autorin sieht das ganz anders aus. Sie geht im Aus­land auf Lese­rei­se und stellt fest, dass ihr Buch in Polen, Korea, Russ­land ganz anders auf­ge­fasst wird, als sie es geschrie­ben hat, und all­mäh­lich däm­mert ihr, dass sie in der Über­set­zung ihren eige­nen Text nicht wie­der­erken­nen wür­de. Da wird es der Autorin nicht nur unheim­lich, sie fühlt sich aus­ge­lie­fert.

Ich weiß nicht, ob die „Autorin“, die Du da ins Feld führst, mit Dir iden­tisch oder zumin­dest Dir bekannt ist. Ich wäre jeden­falls sehr inter­es­siert, sie ken­nen zu ler­nen, denn mir scheint, dass sie eine recht nai­ve Vor­stel­lung vom Über­set­zen hat. Hat sie ernst­haft geglaubt, dass sie „in der Über­set­zung ihren eige­nen Text wie­der­erken­nen wür­de“? Und wenn ja: Was genau heißt das denn, „wie­der­erken­nen“?

Auch hier befin­den wir uns auf dem eng­ma­schig ver­min­ten Gelän­de der Inter­pre­ta­tio­nen. Ich mag nur Ror­schach-Mus­ter sehen, wo Du etwas „wie­der­erkennst“ und ein Drit­ter eine vage Ahnung hat. Das zen­tra­le Kri­te­ri­um für Dich scheint die Selbst-Inter­pre­ta­ti­on der Autorin zu sein. Man muss gar nicht Bar­t­hes zitie­ren, um bei einer sol­chen Her­an­ge­hens­wei­se wack­li­ge Knie zu bekom­men. Wenn Auto-Exege­se allein der Maß­stab unse­res Den­kens über Lite­ra­tur wäre, dann wäre Homer oder die schon von Dir als Bei­spiel ange­führ­te Bibel letz­ten Endes unüber­setz­bar und, um einen Gegen­pol zu bezeich­nen, jemand wie Chris­ti­an Kracht auch. Ist das Dein Ernst?

Aber ich will noch einen Schritt wei­ter­ge­hen: Die von Dir beschrie­be­ne Autorin „stellt fest“, dass ihr Buch im Aus­land „ganz anders auf­ge­fasst wird, als sie es geschrie­ben hat“. Ist das nicht jedem Schrei­ben imma­nent, dem lite­ra­ri­schen alle­mal? Und ver­schlei­ert die Empö­rung der besag­ten Autorin nicht, dass „Auf­fas­sen“ und „Schrei­ben“ auch in der eige­nen Spra­che oft Wel­ten tren­nen? Wil­liam Gad­dis, um mal lang­sam aber sicher kon­kret zu wer­den, ist dafür doch das bes­te Bei­spiel.

Ja, Über­set­zun­gen kön­nen „ver­zer­ren“, „falsch dar­stel­len“, „miss­ver­ste­hen“. Aber damit machen sie nur trans­pa­rent, was beim Lesen immer schon der Fall war: Wir ver­zer­ren, wir stel­len falsch dar, wir miss­ver­ste­hen. Eine Über­set­zung zu lesen ist inso­fern der ehr­li­che­re Genuss, denn in der ver­mit­teln­den Über­set­zung fin­den wir uns selbst wie­der und mer­ken: Wir kön­nen unse­ren Augen nicht trau­en. (Ein sehr Gad­dis-scher Ansatz, eigent­lich.)

Über­set­zun­gen ent­bin­den uns inso­fern von der lie­ben, aber teuf­li­schen Illu­si­on, „ganz beim Autor“ zu sein, wenn wir ein Buch lesen. Ich habe zuerst das ers­te Kapi­tel von Ingen­da­ays „Fäl­schung der Welt“ und dann das von „Reco­gni­ti­ons“ von Gad­dis gele­sen. Bei Ingen­da­ay weiß ich, da spielt jemand mit Wor­ten und prä­sen­tiert mir sei­ne Ver­si­on einer Geschich­te, die nicht sei­ne ist. Gad­dis’ eng­li­sche Sprach­in­ten­si­tät fin­de ich beklem­mend, denn ich weiß, dass ich mit mei­nen Gedan­ken zu dem, was vor mir liegt, ganz allein bin. (Das ist kei­ne Lite­ra­tur­kri­tik, nur eine per­sön­li­che Reak­ti­on.)

Unse­re Lese­kul­tur und unser Lite­ra­tur­be­trieb sind vom Kult um das Ori­gi­nal so beses­sen wie wohl noch nie in der Geschich­te. Dass eine Autorin wie Ele­na Fer­ran­te mit ihrer Star-Ver­wei­ge­rung alle Welt so mas­siv zu irri­tie­ren ver­mag, ist der bes­te Beweis dafür. Und das, obwohl die strik­te Tren­nung von Autorin und Erzäh­le­rin das aller­ers­te ist, was all die Welt­wei­sen der Lite­ra­tur in ihren phi­lo­lo­gi­schen Pro­pä­deu­ti­ka gelernt haben dürf­ten.

Machen wir uns doch frei von die­sen fal­schen Freun­den! Nabeln wir die Lite­ra­tur von den omni­prä­sen­ten Autoren ab! Wenn wir uns ernst­haft dazu durch­rin­gen woll­ten, könn­ten Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer dazu die bes­ten Geburts­hel­fer sein.

Noch ein­mal zurück zu Dei­ner ent­setz­ten Fra­ge:

Dann wäre der Über­set­zer wich­ti­ger als der Autor, es hie­ße, dass die Über­set­ze­rin mit der Autorin machen kann, was sie will. Ist das Dein Ernst?

Als Über­set­zer möch­te ich enthu­si­as­tisch mit dem Kopf schüt­teln. Nein, ich bin nicht wich­ti­ger. Nein, ich kann mei­ne Vor­la­ge nicht irgend­wo hin­bie­gen. Aber wir unter­hal­ten uns hier über das Feld der Lite­ra­tur­kri­tik, und wenn ich auf den Zustand der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­kri­tik schaue, bleibt mir als Ant­wort lei­der nur ein resi­gnier­tes Nicken.

Vor dem Start von Tra­LaLit woll­ten wir wis­sen, wie es um die Über­set­zungs­kri­tik in den deutsch­spra­chi­gen Feuil­le­tons bestellt ist. Wir lasen zwei Mona­te lang täg­lich Zei­tung und tru­gen unse­re Ergeb­nis­se akri­bisch in eine Excel-Lis­te ein. Und das Ergeb­nis die­ser Stu­die ist, um es mit Dei­nen Wor­ten kurz zu sagen: In den Augen der Kri­tik kön­nen Über­set­ze­rin­nen mit Autorin­nen machen, was sie wol­len. Nie­mand ver­gleicht.

Es ist der detail­ver­ses­se­nen Arbeit ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter Über­set­ze­rin­nen und akri­bi­scher Lek­to­ren zu ver­dan­ken, dass die Qua­li­tät vie­ler Über­set­zun­gen hoch ist und sich „Abwei­chun­gen“ vom Ori­gi­nal – wie immer man das defi­niert – in Gren­zen hal­ten. Das ist rich­tig so, dar­an will wohl nie­mand in der Welt etwas ändern. Ich jeden­falls nicht.

Aber Lite­ra­tur­kri­tik ist etwas ande­res. Lite­ra­tur­kri­tik ist kein Lek­to­rat und kein Schreib­kur­sus. Lite­ra­tur­kri­tik hat doch nicht die Auf­ga­be, bes­se­re Vor­schlä­ge oder auch nur Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge zu machen. Als Kri­ti­ker muss ich das Werk, so wie es nun mal vor­liegt, einer Prü­fung unter­zie­hen. Für mich (und für Tra­LaLit) heißt das: die sprach­schöp­fe­ri­sche Leis­tung des Über­set­zers und die schöp­fe­ri­sche der Autorin sowohl für sich als auch im Zusam­men­spiel zu ana­ly­sie­ren, ein­zu­ord­nen und zu bewer­ten. Dass ich mir das auch ohne Ein­be­zie­hung des Ori­gi­nal­tex­tes grund­sätz­lich vor­stel­len kann, habe ich in mei­nem letz­ten Bei­trag dar­ge­legt. (Kon­kre­te Bei­spie­le gibt es auch, z.B. hier oder hier.)

Das Gros der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­kri­tik, so viel ist nach unse­rer Unter­su­chung klar, sieht das ganz anders. Die­ses Gros inter­es­siert sich für Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer nicht, oder es wirft sie mit den Autorin­nen und Autoren in einen Topf.

Nun will ich Dich als Ver­fech­te­rin akri­bi­scher Über­set­zungs­kri­tik kei­nes­wegs zu die­sem Gros zäh­len. Mei­ne Bestands­auf­nah­me wird Dich auch kaum über­ra­schen. Ich fra­ge mich nur: Was nun? Dei­ne Vor­schlä­ge, wenn ich sie rich­tig ver­ste­he, gehen in zwei Rich­tun­gen: 1) Ein Nach­wort zu jeder Über­set­zung!, und 2) Mehr Ver­glei­che mit dem Ori­gi­nal!

Bei­dem stim­me ich unein­ge­schränkt zu. Bei­des scheint mir aber auch ähn­lich unrea­lis­tisch wie die For­de­rung, jedes Buch der Red­lich­keit hal­ber grund­sätz­lich in zwei Über­set­zun­gen zu ver­öf­fent­li­chen. Sicher­lich wün­schens­wert, sicher­lich ein Gewinn, aber Du wirst so gut wie ich wis­sen, dass es dazu nicht kom­men wird. Um Dich also zu zitie­ren: Ist das Dein Ernst?

In mei­nem letz­ten Brief habe ich die Land­kar­te der Lite­ra­tur in Inseln (deren Spra­che wir spre­chen) und Meer (des­sen Spra­che wir nicht spre­chen) unter­teilt. In Dei­nem Wol­fen­büt­te­ler Vor­trag sag­test Du über das Meer:

Bei Büchern, die aus dem Unga­ri­schen, Rus­si­schen, Chi­ne­si­schen etc. über­setzt sind, kann ich zwar sagen, ob das, was ich hier lese, gutes Deutsch ist – doch habe ich kei­ne Ahnung, was davon aufs Kon­to des Über­set­zers und was aufs Kon­to der Autorin geht.

Mit einem so ein­fa­chen wie fal­schen Satz (natür­lich geht „gutes Deutsch“ immer erst­mal aufs „Kon­to“ des Über­set­zers) hast Du Dich da schön aus der Affä­re gezo­gen. Und in Dei­ner Replik-Replik ziehst Du Dich ganz und gar auf die Insel zurück. Des­halb möch­te ich Dich zum Schluss ein Stück weit zurück Rich­tung Meer zer­ren und Dich zurück­fra­gen: Hältst Du Über­set­zungs­kri­tik ohne Kennt­nis der Aus­gangs­spra­che für unmög­lich?

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