Auf neu­er Fahrt

Die Altphilologin Emily Wilson hat als erste Frau Homers „Odyssee“ ins Englische übersetzt. Die Lektüre weckt den Wunsch nach einer deutschen Neuübersetzung. Von

Verzweifelt wartet Penelope auf die Heimkehr ihres Ehemanns und die erste deutsche Odyssee-Übersetzung einer Frau. John William Waterhouse: Penelope and the Suitors, 1912. Quelle: WikiCommons

Die jun­ge Mag­gie Tul­li­ver, Haupt­fi­gur in Geor­ge Eli­ots Roman The Mill on the Floss (1860), ist eigen­wil­lig, ein­falls­reich, ori­gi­nell – eine beson­ders star­ke Prot­ago­nis­tin also, deren Geschich­te man nicht so leicht wie­der ver­ges­sen kann. Denn Mag­gie ist intel­li­gent, intel­li­gen­ter jeden­falls als ihr etwas älte­rer Bru­der Tom, dem alles Schu­li­sche schwer­fällt. Wäh­rend sein Leh­rer ihn mit der Lek­tü­re grie­chi­scher und latei­ni­scher Tex­te quält, sitzt sei­ne Schwes­ter Zuhau­se und bringt sich die alten Spra­chen wei­test­ge­hend selbst bei. Als Tom sie heim­lich beim Ler­nen erwischt, schimpft er:

I should like to see you doing one of my les­sons! Why, I learn Latin too! Girls never learn such things. They’re too sil­ly.
Na, das möcht‘ ich doch mal sehen, wenn du mei­ne Arbei­ten machen soll­test! Ich ler­ne ja auch Latein. Mäd­chen ler­nen so was nicht. Dazu sind sie zu dumm.
(Die Müh­le am Floss, Ü: Juli­us Fre­se, 1861)

Wer sich fragt, war­um erst jetzt – mehr als 150 Jah­re spä­ter, in einem Jahr­zehnt, in dem eini­ge die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter gern als bereits erreich­tes Ziel abha­ken wür­den – die ers­te eng­li­sche Über­set­zung der Odys­see von einer Frau erschie­nen ist und das (unab­hän­gig von der Qua­li­tät der Über­set­zung) ein Grund zur Freu­de ist, dem lege ich die Lek­tü­re von Eli­ots wun­der­ba­rem Roman ans Herz. Die dar­in beschrie­be­ne haar­sträu­ben­de Hart­nä­ckig­keit, mit der man begab­te und macht­lo­se Frau­en an den Herd gedrängt hat, lässt sich nur schwer ertra­gen.

Frau­en wur­de Bil­dung, vor allem aber die Kennt­nis anti­ker Spra­chen, sys­te­ma­tisch ver­wehrt. Wie man sie vom intel­lek­tu­el­len Leben aus­ge­schlos­sen hat, ist nicht nur in Eli­ots Roma­nen The­ma. Im 17. Jahr­hun­dert klagt die gro­ße eng­li­sche Dich­te­rin Aphra Behn in einem Vor­wort zu einer neu­en Lukrez-Über­set­zung, den sie selbst nicht im Ori­gi­nal lesen konn­te1:

The God­li­ke Vir­gil and Gre­at Homer’s Muse­Li­ke Divi­ne Mys­te­ries are conceal’d from us.…But… Thou by this Trans­la­ti­on dost advan­ce Our Know­ledge from the sta­te of Igno­ran­ce; And Equall’st Us to Man!

Die weni­gen Frau­en, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten die alten Spra­chen beherrsch­ten, hat­ten kei­ne Bil­dung im klas­si­schen Sin­ne erhal­ten, son­dern Grie­chisch und Latein im Pri­va­ten gelernt. Geor­ge Eli­ot hat­te bei­spiels­wei­se Zugang zu einer umfang­rei­chen Biblio­thek und konn­te sich vie­les im Selbst­stu­di­um aneig­nen. Die Dich­te­rin Eliza­beth Bar­rett Brow­ning wur­de unter­des­sen zusam­men mit ihrem Bru­der unter­rich­tet und konn­te so mit drei­zehn Jah­ren ihr ers­tes Gedicht in grie­chi­scher Spra­che ver­fas­sen. Auch Vir­gi­nia Woolf, die in dem Essay „On Not Knowing Greek“ das Gegen­teil demons­triert, erhielt Pri­vat­stun­den.

Die Kennt­nis anti­ker Spra­chen und Tex­te galt als idea­le Vor­aus­set­zung für das dich­te­ri­sche Dasein. Es ist daher wenig über­ra­schend, dass sowohl die Unkennt­nis als auch das Erler­nen anti­ker Spra­chen bei weib­li­chen Autoren gro­ße Unsi­cher­hei­ten her­vor­rief. Wenn Frau­en die alten Spra­chen tat­säch­lich gelernt hat­ten, wur­den ihr Ver­ständ­nis und ihre Über­set­zun­gen anti­ker Tex­te nicht sel­ten als ama­teur­haft abge­tan. Konn­ten sie jedoch kei­ne Grund­kennt­nis­se vor­wei­sen, wur­den ihre Tex­te neben Autoren, denen schon in der Wie­ge die Meta­mor­pho­sen vor­ge­le­sen wor­den, als min­der­wer­tig ein­ge­stuft. Erst als Frau­en Zugang zu den Uni­ver­si­tä­ten erhiel­ten und man sie die von Män­nern errich­te­ten Elfen­bein­tür­me schritt­wei­se erklim­men ließ, konn­te ihr Aus­schluss aus den Hal­len ehr­wür­di­ger Über­set­zer anti­ker Tex­te nicht mehr mit der Lai­en­haf­tig­keit ihrer Über­set­zun­gen begrün­det wer­den (obgleich man es natür­lich trotz­dem ver­sucht hat).

Knapp hun­dert Jah­re nach­dem die ers­ten Frau­en ihre Diplo­ma in der Hand hiel­ten, hat nun also die eng­li­sche Alt­phi­lo­lo­gin Emi­ly Wil­son als ers­te Frau Homers Odys­see ins Eng­li­sche über­setzt. Wil­son hat einen mus­ter­gül­ti­gen aka­de­mi­schen Wer­de­gang vor­zu­wei­sen – Stu­di­um der Alt­phi­lo­lo­gien in Oxford mit anschlie­ßen­der Pro­mo­ti­on in Yale und einer Pro­fes­sur an der Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia. Sie tritt mit ihrer Über­set­zung in die Fuß­stap­fen von Caro­li­ne Alex­an­der, die vor drei Jah­ren als ers­te Frau die Ili­as ins Eng­li­sche über­setz­te.

Die ers­te eng­li­sche Über­set­zung der Odys­see stammt von Shake­speares Zeit­ge­nos­sen Geor­ge Chap­man, der auch die Ili­as in einen für das eli­sa­be­tha­ni­sche Zeit­al­ter typi­schen jam­bi­schen Fünf­he­ber gebracht hat. Es folg­ten Über­set­zun­gen von Tho­mas Hob­bes, Alex­an­der Pope und ein Dut­zend ande­rer männ­li­cher Intel­lek­tu­el­ler. Um ein Gefühl für die gra­vie­ren­den Unter­schie­de zwi­schen den jewei­li­gen Über­set­zun­gen zu gewin­nen, lohnt es sich einen ver­glei­chen­den Blick in die Über­set­zung von Emil V. Rieu von 1946 zu wer­fen. Rieus Über­set­zung wirkt inzwi­schen sehr ver­al­tet, dürf­te aber noch immer in vie­len Bücher­re­ga­len zu fin­den sein. Denn Rieu war Mit­be­grün­der der über­aus erfolg­rei­chen Pen­gu­in Clas­sics-Rei­he, die mit sei­ner über­aus erfolg­rei­chen Odys­see-Über­set­zung ein­ge­lei­tet wur­de.

Im Vor­wort zu ihrer Odys­see-Über­set­zung umreißt Wil­son ihre Her­an­ge­hens­wei­se an den home­ri­schen Text: „Rea­ding The Odys­sey with fresh, curious, and cri­ti­cal eyes may help us not only rethink our assump­ti­ons about peop­le in the past, but also break down some of our modern dis­tinc­tions and assump­ti­ons“. Zwei Aspek­te sind Wil­son bei ihrer Über­set­zung beson­ders wich­tig gewe­sen: Homer soll von jeg­li­chem Bom­bast befreit wer­den – eine voll­kom­men gerecht­fer­tig­te Agen­da, die nicht nur dazu dient, das Grau­en, mit dem sicher­lich so man­cher Leser an unver­ständ­li­che Über­set­zun­gen anti­ker Tex­te denkt, zu besänf­ti­gen. Ein sol­cher Ansatz ist auch im Sin­ne von Homers Ori­gi­nal, das sicher­lich anspruchs­voll und kom­plex ist, aber jeg­li­chen baro­cken Sprach­pomp ver­mis­sen lässt.

Wil­sons Über­set­zung des Pro­ömi­ums ist von erstaun­li­cher Schlicht­heit:

Tell me about a com­pli­ca­ted man. / Muse, tell me how he wan­de­red and was lost / when he had wre­cked the holy town of Troy, / and whe­re he went, and who he met, the pain / he suf­fe­red in the storms at sea, and how / he worked to save his life and bring his men / back home. He fai­led to keep them safe; poor fools, / they ate the Sun God’s catt­le, and the god / kept them from home. Now god­dess, child of Zeus, / tell the old sto­ry for our modern times. / Find the begin­ning. (Ü Wil­son)
The hero of the tale which I help the muse to beg me tell is that resource­ful man who roamed the wide world after he had sacked the holy cita­del of Troy. He saw the cities of many peo­p­les and he learnt their ways. He suf­fe­red many hardships on the high seas in his strugg­le to pre­ser­ve his life and bring his com­ra­des home. But he fai­led save tho­se com­ra­des, in spi­te of all his efforts. It was their own sin that brought them to their doom, for in their fol­ly they devou­red the oxen of Hype­ri­on the Sun, and the god saw to it that they should never return. This is the tale I pray the divi­ne Muse to unfold to us. Begin it, god­dess, at wha­te­ver point you will. (Ü Rieu)

Homers dak­ty­li­scher Hexa­me­ter ist schwer in ande­re Spra­chen zu über­trag­bar. Da die eng­li­sche Spra­che für die­sen Rhyth­mus nicht geeig­net ist, haben sich seit Chap­mans ers­ter Über­set­zung vie­le für den jam­bi­schen Pen­ta­me­ter ent­schie­den, der für die eng­li­sche Dich­tung typisch ist. Der Ver­gleich mit der Rieus Über­set­zung ermög­licht es uns, Wil­sons Gespür für Rhyth­mus zu bewun­dern. Ihre streng gehal­te­nen, jam­bi­schen Fünf­he­ber haben mit Rieus schnö­der Pro­sa, die im direk­ten Ver­gleich erst recht unpoe­tisch wirkt, wenig gemein.

Nun könn­te man mei­nen, dass eine Pro­sa­über­set­zung für das 20. Jahr­hun­dert, in dem vor allem Roma­ne die Bücher­ti­sche bevöl­ker­ten, ange­mes­se­ner gewe­sen sei. Rieus Über­set­zung zeigt aller­dings sehr ein­drück­lich, wie kom­pli­ziert Pro­sa klin­gen kann. Wil­son hat sich nicht nur für Vers­maß, son­dern auch die Zei­len­län­ge des grie­chi­schen Ori­gi­nals bei­be­hal­ten – eine Zei­le des eng­li­schen Texts ent­spricht einer Zei­le des Ori­gi­nals. Dies hat zur Fol­ge, dass rela­ti­ve aus­führ­li­che Umschrei­bun­gen (sie­he Rieus Satz „It was their own sin…“) ver­mie­den wor­den sind.

Die­se Ein­fach­heit ihrer Über­set­zung zeigt sich auch in der Wort­wahl: Rieus „holy cita­del“ wird bei Wil­son zu einer „holy town“; aus dem „in their fol­ly they devou­red“ wird ein schlich­tes „they ate“ und aus dem unnö­tig kom­ple­xen „This is the tale I pray the divi­ne Muse to unfold to us“ wird „god­dess, child of Zeus, / tell the old sto­ry“. Dass Wil­son mit ihrer Über­set­zung damit auch näher am Ori­gi­nal ist, ver­rät ein kur­zer Blick auf den grie­chi­schen Text. Das Wort „εἰπὲ“ (von dem Wort lei­ten sich die Begrif­fe Epos oder Epik ab) ist ein rela­tiv simp­ler Impe­ra­tiv, der mit „sprich“ über­setzt wer­den kann. Ähn­lich sieht es mit der Über­set­zung des Wor­tes „ἤσθιον“ aus – säße man im Schul­un­ter­richt mit einem Gemoll auf dem Tisch, wür­de man das schlicht als „sie aßen“ über­set­zen, was deut­lich neu­tra­ler ist als Rieus „they devou­red“. 2

Noch inter­es­san­ter sind aller­dings die Wör­ter, die Wil­sons Über­set­zung eine beson­de­re Moder­ni­tät ver­lei­hen. Die­se Moder­ni­tät zeigt sich schon im Pro­ömi­um bei der Über­set­zung des Adjek­tivs „πολύτροπον“. Das Wort ist ein typisch home­ri­sches Epi­the­ton, das der Cha­rak­te­ri­sie­rung des Hel­den dient. Es setzt sich aus zwei Wör­tern zusam­men – „πολύς“ bedeu­tet „viel“; „τρόπος“ kann mit „Art und Wei­se“, aber auch mit „Mit­tel“ oder „Weg“ über­setzt wer­den. Das Epi­the­ton lässt sich wört­lich kaum adäquat über­set­zen, daher bedie­nen sich Über­set­zer gern kom­ple­xer Umschrei­bun­gen. Bei Chap­man heißt es bei­spiels­wei­se: „that many a way / Wound with his wis­dom to his wis­hed stay“. 3 Rieu und Wil­son haben ver­sucht das Epi­the­ton in jeweils einem Wort zusam­men­zu­fas­sen. Wäh­rend sich Rieu für „resource­ful“ ent­schied, um den Hel­den als erfin­de­risch und ein­falls­reich zu cha­rak­te­ri­sie­ren, beschreibt Wil­son ihn als „com­pli­ca­ted man“ – eine durch­aus unge­wöhn­li­che Wort­wahl, die nicht nur auf die Kom­ple­xi­tät der Haupt­fi­gur, son­dern auch des Epos in sei­ner Gesamt­heit anspielt.

Die Moder­ni­tät zeigt sich auch an ande­ren Stel­len ihrer Über­set­zung. Wil­son lässt Pene­lo­pes Ver­eh­rer “meat keb­abs” vor­be­rei­ten und Odys­seus von Athe­ne mit einem „thre­ad­ba­re tote bag and a wal­king stick“ aus­stat­ten. 4 Das mag über­ra­schen und durch­aus auch befremd­lich wir­ken, dürf­te aller­dings einer Leser­schaft des 21. Jahr­hun­derts ent­ge­gen­kom­men – und die­se Leser­schaft für das Stan­dard­wer­ke der west­li­chen Kul­tur zu gewin­nen, soll­te im Inter­es­se eines jeden Über­set­zers anti­ker Lite­ra­tur sein. Funk­tio­nie­ren tut Wil­sons Über­set­zung aller­dings nur, weil die Über­set­ze­rin es mit der Ver­wen­dung sol­cher hoch­mo­der­nen Wör­ter nicht über­treibt und sich nicht skla­visch an die­sem Voka­bu­lar ori­en­tiert. Wil­son zeigt mit ihrer Über­set­zung der Odys­see, dass Ein­fach­heit und Moder­ni­tät nicht gleich Anspruchs­lo­sig­keit bedeu­ten muss. Über die Spra­che ihrer Über­set­zung schreibt sie in dem Vor­wort:

I have fre­quent­ly aimed for a cer­tain level of sim­pli­ci­ty, often using fair­ly ordi­na­ry, strai­ght­for­ward, and read­a­ble Eng­lish.

Ein wei­te­rer Aspekt unter­schei­det Wil­sons Über­set­zung der Odys­see von den Über­set­zun­gen ihrer Vor­gän­ger: Wil­son ist sich der Signi­fi­kanz ihrer Über­set­zung im Kon­text der Über­set­zungs­ge­schich­te des Epos und auch der Bil­dungs­ge­schich­te von Frau­en über­aus bewusst. Im Guar­di­an schreibt sie:

After all, women from a wide varie­ty of back­grounds are now able to enrol at pres­ti­gious uni­ver­si­ties and col­le­ges and learn Latin and Greek from scratch; know­ledge of the anci­ent lan­guages is no lon­ger open only to men. But the lega­cy of male domi­na­ti­on is still with us – insi­de the disci­pli­ne of clas­sics its­elf and in how non-spe­cia­list gene­ral rea­ders gain access to the histo­ry and lite­ra­tu­re of the anci­ent world… The works of dead, white eli­te men have lar­ge­ly been trans­la­ted by living, white eli­te men.

Wil­son ist – so die Hoff­nung – Weg­be­rei­te­rin einer neu­en Genera­ti­on von Über­set­ze­rin­nen. Mit ihrer Über­set­zung gelingt es ihr, sich intel­lek­tu­ell von ihren männ­li­chen Vor­rei­tern zu eman­zi­pie­ren, ohne sich jedoch gänz­lich von der Über­set­zungs­ge­schich­te des Wer­kes zu distan­zie­ren.

Die intel­lek­tu­el­le Eman­zi­pa­ti­on hat nicht nur eine ande­re Form zur Fol­ge, son­dern auch zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der Dar­stel­lung weib­li­cher Figu­ren geführt. Ihre Über­set­zung zeigt, dass Wil­son als Über­set­ze­rin sehr stark in den femi­nis­ti­schen und post-kolo­nia­len Dis­kur­sen ver­an­kert ist. Im eng­li­schen Feuil­le­ton hat vor allem ihre Kri­tik an der Ver­wen­dung des abwer­ten­den Wor­tes „bitch“ in den Über­set­zun­gen männ­li­cher Kol­le­gen für Auf­se­hen gesorgt. Hele­na bezeich­net sich bei­spiels­wei­se in der Über­set­zung von Ste­phen Mit­chell von 2014 als eine “bitch that I was“. Das Wort “κυνώπις” bedeu­tet eigent­lich so viel wie „Hunds­ge­sicht“ oder „dog face“. Als Über­set­zer oder Über­set­ze­rin darf man das sicher als abwer­ten­de Bezeich­nung inter­pre­tie­ren. Ob jedoch die Ver­wen­dung des Wor­tes „bitch“ mit all sei­nen frau­en­ver­ach­ten­den Kon­no­ta­tio­nen wirk­lich not­wen­dig ist, muss im Zeit­al­ter von #metoo drin­gend hin­ter­fragt wer­den. Anders als Mit­chell hat Wil­son das Wort als ver­gleichs­wei­se neu­tra­les Wort­spiel über­setzt: „They made my face the cau­se that houn­ded them“.

Wil­sons femi­nis­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se an die Über­set­zung der Odys­see zeigt sich auch bei ihrer Beschrei­bung der Pene­lo­pe. Im 24. Buch der Odys­see über­setzt Wil­son: „the death­less gods will make a poem to delight all tho­se on earth about intel­li­gent Pene­lo­pe“. Ihre männ­li­che Kol­le­gen heben da ande­re Aspek­te der Figur her­vor. Bei Rieu lau­tet der Satz: „the death­less god them­sel­ves will make a song for mor­tal ears, to grace Pene­lo­pe the con­stant queen“. In der klas­si­schen, deut­schen Über­set­zung von Johann Hein­rich Voß ist gar von der „keu­schen Pene­lo­peia“ die Rede. Ein solch simp­ler Ver­gleich zeigt, wie stark Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer durch weni­ge Wor­ten die Les­ar­ten beein­flus­sen kön­nen und wie sehr ihre Über­set­zun­gen doch in der Zeit ihrer Ent­ste­hung ver­an­kert sind.

Wil­sons femi­nis­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se an die Über­set­zung bedeu­tet aller­dings nicht, dass sie aus dem Ori­gi­nal einen femi­nis­ti­schen Text macht – man könn­te sogar sagen, dass sie genau das Gegen­teil tut und mit ihrer nüch­ter­nen Spra­che die von Homer beschrie­be­ne Bru­ta­li­tät in ihrer gan­zen Här­te her­vor­hebt:

I would rather die in my own house, than watch such cri­mes com­mit­ted! Stran­gers dis­ho­unored! Slave girls drag­ged around, raped in my lovely home! (Ü Wil­son)
I would rather die by the sword in my own house than wit­ness the per­pe­tu­al repe­ti­ti­on of the­se outra­ges, the bru­tal tre­at­ment of visi­tors, men hau­ling the maids about for their foul pur­po­ses in that lovely house. (Ü Rieu)

Anders als ihre Vor­gän­ger bezeich­net Wil­son die Frau­en im Haus des Odys­seus als Skla­vin­nen. Das Wort „maid“ 5 beschö­nigt die Macht­ver­hält­nis­se der Zeit und erin­nert im Zusam­men­hang mit Bezeich­nun­gen wie „Madam“ und „Sir“ eher an eng­li­sche Gesell­schafts­ro­ma­ne als an ein Epos, in dem die Hälf­te der Cha­rak­te­re ihren Tod fin­det. Und wäh­rend Rieu umständ­lich (wenn auch ein­deu­tig) auf die sexu­el­le Gewalt, die die­se Frau­en, die spä­ter von Odys­seus gna­den­los ermor­det wer­den, anspielt, bringt Wil­son die Gescheh­nis­se auf den Punkt. Das ist radi­kal und hohe Kunst.

Man kommt bei der Lek­tü­re von Wil­sons Odys­see nicht umhin, sich zu fra­gen, wie es eigent­lich um die deut­schen Über­set­zun­gen des home­ri­schen Tex­tes bestellt ist. Eines gleich vor­ab: Eine deut­sche Über­set­zung der Odys­see von einer Frau gibt es (noch) nicht. 6 Am bekann­tes­ten ist noch immer die als mus­ter­gül­tig gel­ten­de Über­set­zung von Johann Hein­rich Voß aus dem 18. Jahr­hun­dert. An deren Gül­tig­keits­dau­er konn­ten auch die Odys­see-Neu­über­set­zung von Wolf­gang Scha­de­waldt (1958), Anton Wei­her (1955) und Roland Ham­pe (1979) in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts wenig rüt­teln.

Die letz­te Neu­über­set­zung der Odys­see aus dem Jahr 2007 stammt von dem Gra­e­zis­ten Kurt Stein­mann, der im ver­gan­ge­nen Jahr auch eine neue Ili­as-Über­set­zung ver­öf­fent­lich­te. Sei­ne Odys­see-Über­set­zung hat durch­aus Anklang gefun­den, obgleich sich das deut­sche Feuil­le­ton schwer­tut, die Voß’sche Über­set­zung ganz aus den Rega­len zu ver­ban­nen. Aller­dings reicht einen Blick auf die ers­ten Zei­len sei­ner Über­set­zung, um fest­zu­stel­len, dass sich das Ver­ständ­nis des 73-jäh­ri­gen Schwei­zers von Moder­ni­tät wohl grund­le­gend von dem sei­ner Lese­rin­nen und Leser unter­schei­den dürf­te:

Muse, erzähl mir vom Man­ne, dem wand­lungs­rei­chen, den oft es / abtrieb vom Wege, seit Tro­jas hei­li­ge Burg er ver­heer­te.

Modern klingt anders. Da wünscht man sich doch fast, dass Raoul Schrott – das enfant ter­ri­ble der klas­si­schen Phi­lo­lo­gie – sich dem­nächst auch mal eine „Über­tra­gung“ der Odys­see vor­nimmt.

Noch bes­ser wäre aller­dings, wenn die kom­pe­ten­ten und hoch moti­vier­ten Frau­en, die in allen ande­ren Phi­lo­lo­gien in deut­li­cher Über­zahl sind, auch die klas­si­schen Phi­lo­lo­gien infil­trie­ren und sich mit einer gesun­den Por­ti­on Grö­ßen­wahn an die Neu­über­set­zung der Odys­see her­an­wa­gen wür­den.7 Inspi­ra­ti­on kann man sich bei Vor­ei­te­rin­nen wie bei­spiels­wei­se Mari­on Gie­bel holen, die dut­zen­de Edi­tio­nen und Über­set­zun­gen anti­ker Tex­te her­aus­ge­bracht hat (u.a. von Sopho­kles, Plut­arch und Cice­ro). Bekannt sind auch Lise­lot Hucht­hau­sen, Greb Ibscher, Mar­ga­re­the Bil­ler­beck und Hele­ne Homey­er.8

Es gibt sie also, die deutsch­spra­chi­gen Über­set­ze­rin­nen anti­ker Tex­te. Man mag es sich kaum aus­ma­len, wel­che geist­rei­chen und inno­va­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze noch in den Schub­la­den die­ser Welt ver­steckt sind. Träu­men ist erlaubt.


Homer/Emily Wil­son: The Odys­sey (Ori­gi­nal: ἡ Ὀδύσσεια)

Nor­ton & Com­pa­ny 2017 ⋅ 592 Sei­ten ⋅ 26,99 Euro

http://books.wwnorton.com/books/978–0‑393–08905‑9/

  1. Die Über­set­zung stamm­te von Tho­mas Creech und wur­de 1638 ver­öf­fent­licht.
  2. In der deut­schen Über­set­zung von Johann Hein­rich Voß wird die Stel­le mit „schlach­te­ten“ über­setzt.
  3. Bei Voß ist von den „Taten des viel­ge­wan­der­ten Man­nes“ die Rede.
  4. Zum Ver­gleich die Über­set­zung von Rieu: „But the par­ty in the palace, after the meat had been roas­ted, with­drawn from the spits, and car­ved up, devo­ted them­sel­ves to the plea­su­res of the table“ und „she gave him a thre­ad­ba­re tote bag and a wal­king stick“
  5. Auch Voß ver­wen­det im Deut­schen die Bezeich­nung „Magd“.
  6. Tat­säch­lich ist Deutsch die ein­zi­ge gro­ße euro­päi­sche Spra­che neben dem Spa­ni­schen, in die die Odys­see noch nicht von einer Frau über­setzt wur­de. Die Fran­zo­sin Anne Dacier ver­öf­fent­lich­te bereits im Jahr 1708 ihre Über­set­zung. Die ers­te ita­lie­ni­sche Über­set­zung einer Frau (Rosa
    Cal­zec­chi Ones­ti) erschien 1968.
  7. Im 52. Jahr­gang der Zeit­schrift Über­set­zen ist der Arti­kel „Män­ner sind die bes­se­ren Über­set­zer“ erschie­nen. Die Über­set­ze­rin Sven­ja Becker erklärt dar­in, war­um männ­li­che Über­set­zer eher preis­wür­di­ge Lite­ra­tur über­set­zen: „Sie blei­ben sel­te­ner auf dem seri­en­mä­ßi­gen Über­set­zen von schlecht bezahl­ten Taschen­bü­chern hän­gen, sie wol­len lite­ra­risch was rei­ßen“ und „Män­ner sind von den eige­nen Fähig­kei­ten über­zeug­ter“.
  8. Nen­nens­wert sind auch Rena­ta von Sche­liha, Emi­lie Boer, Marie-Loui­se von Franz, Anne Fried­rich, Rena­te Joh­ne und Jula Ker­schen­stei­ner

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