Nicht inter­pre­tie­ren heißt nicht über­set­zen

Übersetzerinnen und Übersetzer verdienen Wertschätzung. Sich zu Dienern degradieren zu lassen, verdienen sie nicht. Von

Auf Augenhöhe mit der Kunst. Mark Tansey: The Innocent Eye Test. © Mark Tansey
Die bis­he­ri­gen Debat­ten­bei­trä­ge im Über­blick:
(1) Sieg­lin­de Gei­sel: Über­set­zen heißt ant­wor­ten (27. Juni 2018)
(2) Felix Püt­ter: Ant­wor­ten heißt inter­pre­tie­ren (11. Juli 2018)
(3) Sieg­lin­de Gei­sel: Über­set­zen – im Geist des Ori­gi­nals (17. Juli 2018)
(4) Felix Püt­ter: Kri­tik – Im Geist der Über­set­zung (12. Sep­tem­ber 2018)
(5) Dirk van Guns­te­ren: Ver­fäl­schen ist kein Über­set­zen (7. Okto­ber 2018)

Lie­be Debat­tie­ren­de,

mit gro­ßem Inter­es­se ver­fol­ge ich die Kon­tro­ver­se über Über­set­zungs­kri­tik, die sich seit Juni 2018 auf TraLaLit ent­spinnt. Ich hat­te eigent­lich gar nicht vor, mich da ein­zu­mi­schen. Denn obwohl ich die eine oder ande­re Fest­stel­lung von Sieg­lin­de Gei­sel befremd­lich fand, fühl­te ich mich durch Felix Püt­ter ver­tre­ten. Zum Ver­fas­sen die­ses pole­mi­schen Kom­men­tars hat mich letzt­end­lich der Bei­trag von Dirk van Guns­te­ren moti­viert, oder genau­er gesagt, pro­vo­ziert, in dem der Über­set­zer auf­ge­for­dert wird, sei­ne Inter­pre­ta­ti­on sowie sein Ego aus dem Spiel zu las­sen und gefäl­ligst dem Autor des „Ori­gi­nals“ zu die­nen.

Wenn ich über­set­ze, will ich aber nie­man­dem und nichts die­nen. Ich will weder dem Autor, noch mei­ner Aus­gangs- oder Ziel­spra­che die­nen. Ich weiß, dass es hier um eine Meta­pher geht. Sie ver­letzt aber mein Ego. Ja, ich bin Über­set­zer und habe zufäl­lig auch ein Ego! War­um eigent­lich nicht? Ich will jedes Mal genannt wer­den, wenn man von mei­ner Über­set­zung spricht. Schließ­lich sind es ja mei­ne Wor­te, die man da liest. Ich will dafür gelobt wer­den, wenn sie das Lob ver­die­nen. Ich will mit dem Autor aus­ge­zeich­net wer­den, wenn er dank mei­ner Über­set­zung einen Preis erhält. Ganz neben­bei und zugleich zuge­spitzt gefragt: Wie viel Lite­ra­tur hät­ten die ver­ehr­ten Mit­glie­der des Nobel­ko­mi­tees die­ses Jahr im Ori­gi­nal gesich­tet? Und wie vie­le „Ori­gi­na­le“ hat­ten sie eigent­lich in den letz­ten Jahr­zehn­ten gele­sen? Ich sehe mich, wenn ich mit einem Autor in Kon­takt tre­te, sei es bei gemein­sa­men Lesun­gen, per Mail oder ein­fach zum Quat­schen auf ein Bier­chen, als sei­nen gleich­be­rech­tig­ten Part­ner – nicht als sei­nen Knecht. Ich will mir gar nicht die Situa­ti­on aus­ma­len, in der dies tat­säch­lich der Fall wäre: Dürf­te ich dann am Tisch neben ihm sit­zen? Oder wäre der Boden eher ein ange­mes­se­ner Platz? Oder müss­te ich die gan­ze Zeit ste­hen blei­ben? Bekä­me ich etwa eine Ohr­fei­ge bei einer fal­schen Fra­ge und einen Peit­schen­hieb bei einem höf­li­chen Hin­weis auf einen Lap­sus im „Hei­li­gen Ori­gi­nal“?

Ich fin­de die Die­ner­me­tapher gräss­lich und emp­fin­de sie als Abwer­tung des Über­set­zers und sei­ner Arbeit. Sie mag gut gemeint sein: Man will damit sei­nen Respekt vor dem Autor und sei­nem „Ori­gi­nal“ zum Aus­druck brin­gen. Aber das Gegen­teil von gut ist gut gemeint, wie man es so schön auf Deutsch sagt. Ich gehe mit mei­nem Autor respekt­voll und mit sei­nem Text ver­ant­wor­tungs­voll um. Dafür muss ich mich nicht als sei­nen Die­ner ver­ste­hen. Schließ­lich sind wir ja im 21. Jahr­hun­dert! Und von ihm erwar­te ich übri­gens ein Dan­ke­schön, wenn irgend­wann in sei­nem Post­fach ein Paket mit sei­nem Buch in mei­ner Über­set­zung lan­det, das er in den meis­ten Fäl­len nicht mal wie­der­erken­nen wür­de, weil er die ara­bi­sche Schrift nicht ent­zif­fern kann.

Wer Herr über sei­nen Text sein will, der soll­te ihn nicht zum Über­set­zen frei­ge­ben. Und schon gar nicht zum Lesen, wenn er kon­se­quent sein will. Denn sicher­lich wird es (bös­wil­li­ge) Lesen­de geben, die ihm Wor­te in den Mund legen, von denen er meint, er habe sie nicht geschrie­ben, oder ihm das eine oder ande­re Wort im Mund ver­dre­hen, mit dem er etwas völ­lig anders zu glau­ben meint. Denn das „Ori­gi­nal“ ist in der Tat eine Text­mas­se, aus der die Lesen­den, dar­un­ter auch die Über­set­zen­den, ihre eige­nen Tex­te gestal­ten. Ich nen­ne es mit einem grei­sen Wei­sen namens Hans J. Ver­meer ein Tex­tem, aus dem so vie­le Tex­te, wie es Lesen­de (und Über­set­zen­de) gibt, ent­ste­hen kön­nen. Ähn­lich wie aus einem Pho­nem der Spra­che X so vie­le Pho­ne ent­ste­hen kön­nen, wie es Spre­chen­de der­sel­ben Spra­che gibt. Die­se Unter­schie­de kön­nen mit dem „blo­ßen Ohr“ wahr­nehm­bar sein, wie es bei­spiels­wei­se beim Pho­nem /r/ und sei­nen geläu­fi­gen Pho­nen, dem Zungenspitzen-[r] und dem Zäpfchen-[r], im Deut­schen der Fall ist. Die foren­si­sche Pho­ne­tik lehrt uns jedoch, dass eine genaue­re Ana­ly­se unend­lich vie­le Vari­an­ten der bei­den Pho­ne zu Tage för­dern kann. Die fei­nen und daher leicht über­hör­ba­ren Unter­schie­de hän­gen von all­ge­mei­nen Fak­to­ren wie Geschlecht, sozia­ler und regio­na­ler Her­kunft und Alter sowie von situa­ti­ons­spe­zi­fi­schen bzw. indi­vi­du­el­len Fak­to­ren wie Stim­mung, Sprech­ge­schwin­dig­keit, Sprech­stil ab.

Die ver­blüf­fen­de Erkennt­nis, die eigent­lich gar nicht ver­blüf­fen darf, ist, dass nicht nur unter­schied­li­che Spre­chen­de aus dem­sel­ben Pho­nem unter­schied­li­che Pho­ne pro­du­zie­ren, son­dern dass ein und der­sel­be Spre­chen­de ver­schie­de­ne Phon­va­ri­an­ten in unter­schied­li­chen Situa­tio­nen arti­ku­liert.

Die Par­al­le­le zum Über­set­zen dürf­te spä­tes­tens ersicht­lich sein, wenn man das Selbst­ex­pe­ri­ment wagt und einen Text in regel­mä­ßi­gen Zeit­ab­stän­den immer wie­der neu über­setzt. Der Text muss gar kein her­me­ti­sches Gedicht der „Höhen­kamm­li­te­ra­tur“ sein. Ein bana­ler Dia­log aus einem Roman der „Tri­vi­al­li­te­ra­tur“ reicht voll­kom­men. Einer Autorin oder einem Autor, der immer wie­der sei­nen Text neu über­setzt oder gar schreibt, dürf­te es – neben­bei bemerkt – gar nicht anders gehen. Ich über­set­ze, also inter­pre­tie­re ich, also ände­re und ver­än­de­re ich.

Wem Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer unheim­lich sind, weil sie inter­pre­tie­ren, dem sei von der Lek­tü­re der Über­set­zun­gen drin­gend abge­ra­ten. Denn Über­set­zun­gen sind nicht ihre „Ori­gi­na­le“. Sie sind anders als ihre „Ori­gi­na­le“. Sie müs­sen anders sein. Sie kön­nen gar nicht anders! Eine geschei­te Über­set­zungs­kri­tik, ob mit oder ohne Kennt­nis­se der Aus­gangs­spra­che, muss von der simp­len Tat­sa­che aus­ge­hen, dass die­se Anders­ar­tig­keit kein Man­gel per se ist. Sie ist viel­mehr die Vor­aus­set­zung einer jeden Über­set­zung.

Wider­spruch? Zustim­mung? Es ist sicher noch nicht alles gesagt. Das kannst du unten in den Kom­men­ta­ren oder per Mail an redaktion@tralalit.de ändern. Wir freu­en uns auf wei­te­re Stim­men!

2 Comments

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  1. 1
    Hinrich Schmidt-Henkel

    Was für eine Erfri­schung, die­ser Bei­trag! Ich hät­te einen ein­zi­gen Ein­wand. Es ist näm­lich, anders als im Vor­spruch gesagt, kei­ne Pole­mik, son­dern eine aus­ge­spro­chen gut beleg­te, sach­li­che Dar­stel­lung von Tat­sa­chen.

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