Die neue Literaturkritik

Wie weit sich eine Übersetzung vom Original entfernen darf, ist eine Frage. Wie wir Übersetzungen lesen und beurteilen, eine ganz andere. Eine Klarstellung. Von

Der Kritiker staunt über die Interpretation. Aus: Wilhelm Busch, Der Virtuos. Quelle: WikiMedia
Die bisherigen Debattenbeiträge im Überblick:
(1) Sieglinde Geisel: Übersetzen heißt antworten (27. Juni 2018)
(2) Felix Pütter: Antworten heißt interpretieren (11. Juli 2018)
(3) Sieglinde Geisel: Übersetzen – im Geist des Originals (17. Juli 2018)
(4) Felix Pütter: Kritik – Im Geist der Übersetzung (12. September 2018)
(5) Dirk van Gunsteren: Verfälschen ist kein Übersetzen (7. Oktober 2018)
(6) Mahmoud Hassanein: Nicht interpretieren heißt nicht übersetzen (24. Oktober 2018)
(7) Dirk van Gunsteren: Ein Diener ist kein Sklave (4. November 2018)

Den Fortgang der Debatte über Übersetzungskritik verfolge ich mit großer Freude, denn dieser Austausch war natürlich nie als das Zwiegespräch angelegt, als das er begonnen hatte.

Allerdings beschleicht mich nun auch der Verdacht, dass wir uns da in eine Sackgasse manövriert haben. Die zuletzt hier diskutierte Frage, ob eine Übersetzung ein Werk ersten oder zweiten Ranges sei, ist in etwa so alt wie das Übersetzen selbst.

Ich fühle mich jetzt wie der Literaturwissenschaftler George Steiner, der im Jahr 1975 konsterniert feststellte:

Over some two thousand years of argument and precept, the beliefs and disagreements voiced about the nature of translation have been almost the same. Identical theses, familiar moves and refutations in debate recur, nearly without exception, from Cicero and Quintilian to the present-day.
In zwei Jahrtausenden Diskussion und Vorschriften sind die Glaubenssätze und Widersprüche, die über das Wesen der Übersetzung geäußert wurden, fast die gleichen geblieben. Die gleichen Thesen, bekannten Vorstöße und Rückzüge kehren in den Debatten immer wieder, fast ausnahmslos, von Cicero und Quintilian bis heute.

So gerne wir auch dazu beitragen, alte Diskussionen für die heutige Zeit fruchtbar zu machen, wir haben TraLaLit nicht als Warmhalteplatte für 2000 Jahre alte Diskussionen gegründet. Dass sich Mahmoud „Hieronymus“ Hassanein und Dirk „Augustinus“ van Gunsteren gegenseitig bestätigen, im Unrecht zu sein, mag unilateral befriedigend wirken, macht auch hübsche Gastbeiträge, führt uns aber inhaltlich nicht besonders weit.

Am Anfang meiner Beschäftigung mit diesem Thema standen weder Cicero noch Hieronymus, sondern das Erstaunen über das eklatante Versagen der fast gesamten Literaturkritik (und mit ihr der literarischen Öffentlichkeit) im Umgang mit übersetzter Literatur.

Was ich meine, will ich durch ein Gedankenexperiment verdeutlichen. Stellen wir uns vor, wir lebten in einer Welt, in der die Rollen von Übersetzerinnen und Autorinnen vertauscht wären. Erstere wären die Stars des Feuilletons, letztere fristeten (außerhalb ihres eigenen Sprachraums) ein Leben im literarischen Untergrund.

Zum Beispiel hieße es nicht: „Jetzt im Buchhandel: Die Autobiographie von Michelle Obama“, sondern: „Jetzt im Buchhandel: Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr und Henriette Zeltner erzählen gemeinsam die Biographie von Michelle Obama“. Es würde nicht „Das neue Buch von Elena Ferrante“ sondern „Das neue Buch von Karin Krieger“ angekündigt. Und nicht Joanne K. Rowling wäre die Großverdienerin der Branche, sondern ihre deutsche Stimme Klaus Fritz.

In dieser kontrafaktischen Welt nähmen sich Lesezirkel „das Gesamtwerk von Frank Heibert“ vor. Wenn die Übersetzung eines Buches von, sagen wir, Isabel Bogdan erschien, würde man gespannt auf die nächste, von Marcus Ingendaay oder Dirk van Gunsteren warten. Und Sätze wie „Hast du gehört? Bald erscheint  Harry Potter endlich in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach!“ wäre in aller Munde.

Das sind natürlich irre Vorstellungen, aber eigentlich auch wieder nicht, und zwar aus drei Gründen:

1. Warum denn nicht? Das neue Buch „von Elena Ferrante“ erscheint schließlich auf Deutsch „von Karin Krieger“. Es ist, ob man es zur Kenntnis nimmt oder nicht, nun einmal (auch) ihr Text.

Mir ist klar, dass die allermeisten Übersetzerinnen (und die meisten Übersetzer) sich wie Dirk gar nicht vor „ihre“ Autoren und Autorinnen schieben möchten. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass einem Gast aus meiner Parallelwelt unsere Literaturrezeption wohl ebenso unvollständig und beschränkt vorkäme wie uns die seine.

Und, so würde ich hinzufügen, es hat noch niemand vernünftig begründen können, warum die Übersetzung zu kaschieren angeblich „normal“, den Originaltext zu kaschieren aber so vermeintlich „albern“ sein sollte.

2. Es gibt ja einige Beispiele von Übersetzerinnen und Übersetzern, deren Status den von Autoren erreicht. Luther war wohl der erste, Voß folgte später, in der Neuzeit haben Erika Fuchs und Harry Rowohlt Kultstatus erreicht.

3. Ein Vergleich mit der Welt der klassischen Musik zeigt, wie plausibel das von mir beschriebene Szenario eigentlich ist (bzw. hätte sein können).

(Üb-)Ersetzen wir nämlich in meiner Darstellung die Übersetzer(innen) durch Interpret(innen) und die Autor(innen) durch Komponist(innen), so klingt, was eben noch unvorstellbar schien, plötzlich ganz wirklichkeitsgetreu. In der klassischen Musik, wo man Komposition und Interpretation am schärfsten trennen kann, sind die Interpreten heutzutage die Stars und stehen (wie beispielsweise Igor Levit) auch offen dazu. Wenn Anna Netrebko auftritt, braucht gar nicht angekündigt zu werden, was sie singt.

Das war keineswegs immer so, im Gegenteil: Die Entwicklung der westeuropäischen Konzertkultur von einer Komponisten- zu einer Interpretenkultur ist relativ jung. Sie begann mit der Etablierung des Virtuosenkults um Paganini, Liszt und andere um 1850 und war mit der massenhaften Verbreitung akustischer Reproduktionsmedien um 1950 weitestgehend abgeschlossen.

In dieser überschaubaren Zeitspanne von nur 100 Jahren stellte sich auch die Musikkritik vom Kopf auf die Füße (oder umgekehrt, das dürfte heiß umstritten sein) und wurde von einer (fast) ausschließlichen Kompositionskritik zu der (fast) ausschließlichen Interpretationskritik unserer Tage.

Ohne es jetzt den Musikerkollegen gleichtun und die Autoren mit dem Bade ausschütten zu wollen, stelle ich mir doch die Frage: Was hindert uns daran, für die Literatur ähnliches zu vollführen?

Am Anfang von TraLaLit, ich wiederhole mich, stand das Staunen, ja Stutzen, über die ungehemmte Bräsigkeit, mit der übersetzte Literatur beinahe allerorten (außerhalb der Übersetzerkreise selbst) behandelt wird.

Während Opernkritik selbstverständlich Dirigats-, Orchester-, Gesangs-, Regie-, Schauspielkritik in einem ist, während der Oscar Filme in 24 (!) verschiedenen Kategorien bewertet, hat sich die Literaturkritik, die Literatur so gerne für die Krone der geistigen Schöpfung hält, als unfähig erwiesen, in mehr als einer Kategorie zu denken. Das könnte man einfältig nennen, aber selbst eine Falte besteht immer noch aus zwei Seiten.

Es dürfte also klar sein, dass es nicht darum geht, Übersetzern das Ego zu streicheln. Es geht auch nicht darum, die Anbindung übersetzter Texte an das Original zu leugnen. Es geht darum, Wege hin zu einer vieldimensionalen Rezeption übersetzter Literatur zu erkunden.

Ob wir dann in hundert Jahren so verdutzt auf die Literaturkritik unserer Tage zurückschauen wie wir von heute auf die Musikkritik Anfang des 19. Jahrhunderts, das kann ich nicht prognostizieren. Aber ob wir den Status quo ertragen oder verändern wollen, das liegt in unserer eigenen Hand.

Wenn auch du an der neuen Literaturkritik mitwirken willst, freuen wir uns über deine Stimme, deine Meinung oder deine Rezension. Schreib uns einfach eine Mail an redaktion@tralalit.de.

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