„Wir sind nur als geschlossene Gruppe stark“

Patricia Klobusiczky und Maria Hummitzsch sind seit April 2017 erste und zweite Vorsitzende des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ). Im Interview mit TraLaLit schauen sie auf das vergangene Jahr zurück, ziehen Bilanz und blicken auf das Jahr 2019 voraus. Interview:

Beim alljährlichen Branchentreff in Wolfenbüttel klappt das mit der Geschlossenheit schon ganz gut. Ganz rechts im Bild: die erste Vorsitzende inter pares. Foto: Ebba D. Drolshagen
Der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) vertritt seit 1954 die Interessen der freiberuflichen Literaturübersetzerinnen und -übersetzer in Deutschland gegenüber Verlagen und der Öffentlichkeit. Seit März 2017 wirken Patricia Klobusiczky und Maria Hummitzsch als erste und zweite Vorsitzende des Verbandes.

2018 war euer erstes gemeinsames Jahr als Vorsitzende des VdÜ. Wie lautet eure Bilanz?

Maria Hummitzsch: 2018 war nicht unser erstes gemeinsames, aber ja, da habt ihr Recht, unser erstes so ganz vollständiges Jahr als Vorsitzende und als neu bzw. wiedergewählter Vorstand. Es ist kein Geheimnis, dass sich 2017 kaum ein Mitglied des VdÜ um den Vorsitz gerissen hat – auch Patricia nicht. Dafür gibt es viele nachvollziehbare Gründe, allen voran das Bewusstsein, dass dieses Ehrenamt zeitintensiv und nervenaufreibend ist und oft genug vom eigentlichen Übersetzen abhält. Hinzu kam, dass Patricias Vorgänger Hinrich Schmidt-Henkel dieses Amt mit so viel Raffinesse, Schwung und Großmut ausgeübt hat, dass einem allein beim Anblick der Fußstapfen, in die es zu treten galt, ganz schwindelig werden konnte. Patricia hat sich – nach vielen Vorgesprächen, die ihr Mut und Lust machten – dazu entschlossen, dieses Amt zu übernehmen. Ich schätze sie sehr für diesen Schritt, denn was sie leisten muss und leistet, ist gewaltig. Allein die Einarbeitung in die diversen Aufgabenbereiche und alle damit verbundenen Themen und Herausforderungen, die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit, das Amlaufenhalten der verbandsinternen Arbeitsgruppen, die Beratung in Vertragsfragen oder auch die menschliche Aufbauhilfe bei Burnout und Überforderung. All das ist von Vorstand und HoKo zu bewältigen und wird oft vergessen. Viel von dem, was die Gremien leisten, ist für die Mitglieder leider nicht sichtbar, aber ich bin froh und dankbar, in Patricia eine so kundige und vertrauensvolle Vorstandspartnerin zu haben.

Patricia Klobusiczky: Maria hat mir vier Jahre Vorstandserfahrung voraus, und ich lerne viel von ihr – und das, obwohl ich fast eine Generation älter bin. Das wiederum hat den Vorteil, dass ich viel Branchenkenntnis mitbringe. Wir verstehen und ergänzen uns hervorragend, auch wenn wir keineswegs immer einer Meinung sind. Ich glaube, die Arbeit profitiert sehr von diesen zwei verschiedenen Blickwinkeln. Ich kannte Maria vorher ja gar nicht, sie ist ein ungeheurer Glücksfall, für mich und für den ganzen Verband.

Was waren die Schwerpunkte eurer Vorstandsarbeit? Und was steht im Jahr 2019 an?

P.K.: Ein Schwerpunkt waren die so zeit- wie arbeitsintensiven Verhandlungen zu einem aktualisierten Übersetzungsnormvertrag, Näheres dazu werden wir bald kommunizieren. Ein anderer Schwerpunkt, der uns auch 2019 und darüber hinaus beschäftigen wird, ist unser Informations- und Beratungsangebot für alle Mitglieder, das wir stetig erweitern und verfeinern. Wir haben ja sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen an allen Schaltstellen – Presse, Website, Soziale Medien –, die umgehend auf Neuigkeiten und Neuerungen reagieren, das ist ein Pfund, mit dem wir gern und gut wuchern. Aber wir müssen natürlich im Vorfeld viel Aufbereitungsarbeit leisten, Fragen und Themen sammeln, die unsere Mitglieder beschäftigen, ihnen gemeinsam mit unseren Rechtsexperten Valentin Döring von ver.di und Victor Struppler auf den Grund gehen und die Antworten dann in eine Form gießen, die sowohl verständlich ist als auch der Komplexität dieser Themen gerecht wird.

Patricia Klobusiczky (l.) und Maria Hummitzsch (r.)
Foto: Ebba D. Drolshagen

M.H.: Genau wie Patricia bin auch ich in nicht minder große Fußstapfen getreten. Luis Ruby hat zwei Amtsperioden lang als wacher, kritischer und kluger Geist den 2. Vorsitz bekleidet. Ich durfte und darf viel von ihm lernen, sowohl in menschlicher als auch professioneller Hinsicht. Zu seinen Kernbereichen zählte und zählt die Vertragsberatung unserer Mitglieder. Das neu gegründete Vertragsberatungsteam, dessen geballtes Wissen von vielen Kolleginnen und Kollegen in Anspruch genommen wird, und das seit Beginn des Jahres bestehende Zusatzangebot, einer internen Rechtsberatung durch die Kanzlei Beisler & Struppler, sind für unseren Verband sehr wichtige im Hintergrund waltende Instanzen. Im Rahmen dieser (Team- und Zusammen-)Arbeit schälen sich für uns bestimmte Evergreens heraus, die wir übersichtlich und für alle Mitglieder zugängig in einem FAQ zu Vertragsabschlüssen beantworten wollen. Das ist viel Arbeit, die ohne das Zutun unserer hervorragenden Rechtsberater undenkbar wäre, zumal uns immer häufiger auch Fragen von Übersetzerinnen und Übersetzern erreichen, die für Amazon oder Agenturen oder Selfpublishing-Plattformen arbeiten. Gerade dazu finden sich gegenwärtig wenige Antworten auf den Seiten der VdÜ-Homepage, und auch diese Gruppen wollen wir bei unseren Beratungs- und Informationsangeboten nicht außer Acht lassen.

Zu Beginn des Jahres hat sich der VdÜ klar für den umstrittenen Entwurf zur Novelle der EU-Urheberrechts-Richtlinie ausgesprochen. Warum hat sich der Vorstand in dieser Frage so klar positioniert?

P.K.: Als Vorstand sollten wir auch für eine Zukunft Weichen stellen, in der das physische Buch aller Voraussicht nach nur von einer Minderheit genutzt werden wird. Und weil dann das Gros unserer Werke überwiegend in digitaler Form kursieren dürfte, müssen wir einer drohenden Erosion des Urheberrechts entgegenwirken. Wir haben da genau dieselben Interessen wie unsere Auftraggeber und Verleger, auf Google oder YouTube können wir uns hingegen sicher nicht verlassen. Über die breit inszenierten Desinformationskampagnen und den massenhaften Bot-Einsatz in Nordamerika (fernab der europäischen Nutzer) wurde schon genug berichtet, aber es konnte mir bisher auch niemand erklären, wovon Buch- und Zeitungsverlage ihre Autor/innen und Übersetzer/innen bezahlen sollen, wenn die Plattformen keine Lizenzen erwerben, die Nutzer über alles kostenlos verfügen möchten und dann auch noch den Adblocker einsetzen. Wie sollen da Einnahmen generiert und anteilig an die Urheber ausgeschüttet werden?

M.H.: Natürlich kommen auch politische bzw. strategische Überlegungen dazu. Uns ist an einer Richtlinie gelegen, in der im besten Fall sowohl die Verlagsbeteiligung ermöglicht wird, geregelt durch nationale Gesetze, als auch die Notwendigkeit einer angemessenen Vergütung für die Urheberinnen festgehalten ist. Das Urheberrechtsgesetz gehört dringend nachgebessert, und wenn unsere Rechte auf europäischer Ebene gestärkt werden, könnte uns das unter Umständen hierzulande helfen.

Es gab ja auch aus den Reihen der VdÜ-Mitglieder Kritik an der Neufassung. Wie steht ihr zu dieser Kritik an eurer Haltung? Wie ist das Meinungsbild unter den Übersetzerinnen und Übersetzern insgesamt?

P.K.: Ich begrüße es sehr, dass unsere Mitglieder ihre Kritik laut und deutlich üben, wenn ihnen etwas missfällt, das gehört zur Meinungsbildung – Aufgabe des Vorstands ist schließlich, den Willen der Mitgliedschaft (des „Souveräns“, wie Hinrich Schmidt-Henkel unlängst bemerkt hat) umzusetzen. Und deren Interessen auch langfristig zu wahren. Ich bin im Forum auch auf kritische Nachfragen und Anmerkungen eingegangen und habe erklärt, warum wir diesen Kurs im Hinblick auf künftige Entwicklungen verfolgen. Gemessen an der Zahl unserer Mitglieder waren die Gegenstimmen allerdings sehr vereinzelt.

In der zweiten Jahreshälfte wurde die Einkommensumfrage des VdÜ veröffentlicht. Welche Schlussfolgerungen zieht ihr aus der Studie?

P.K.: Dass die Urheberrechtsnovellierung leider nicht dazu beigetragen hat, die Lage zu verbessern, weil sie so butterweich ausgefallen ist. Also kämpfen wir weiter, klären unsere Mitglieder über ihre Urheberrechte auf, bieten ihnen kompetente Rechtsberatung, beobachten die Gesetzgebung auf europäischer Ebene, die gegebenenfalls Folgen für die nationale Gesetzgebung hat, dann werden wir wieder beim Justizministerium vorstellig.

M.H.: Der Verband wird nicht umhin kommen, in naher Zukunft eine neue kraftzehrende Runde von Vergütungsverhandlungen einzuläuten und auch zusätzliche Aktionen zu planen. Die Übersetzerinnen und Übersetzer sind noch stärker dazu aufgefordert, trotz der gestörten Vertragsparität bessere Konditionen zu verhandeln und schlechte Konditionen nicht einfach hinzunehmen.

Von über 1200 VdÜ-Mitgliedern haben sich nur ca. 200 an der Umfrage beteiligt. Sind die Ergebnisse überhaupt repräsentativ?

M.H.: Die geringe Beteiligung ist tatsächlich ein Problem, eben weil die Ergebnisse dann nicht als repräsentativ gelten und nicht sinnvoll und glaubwürdig für die so wichtige Lobby-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verwendet werden können (auch wenn sie aus unserer Sicht ein realistisches Bild ergeben) – und diese niedrige Beteiligung stimmt auch nachdenklich. Die Umfrage war einfach und gut strukturiert, das Ausfüllen hat nach eigener Erfahrung keine fünf Minuten in Anspruch genommen, die Mitglieder hatten mehrere Wochen Zeit und wurden mehrmals an die Umfrage erinnert. Woran lag es also? Ich bin an diesem Punkt ganz ehrlich: Wir, und damit meine ich alle aktiven Kolleginnen und Kollegen, können uns noch so sehr für die Belange des Verbands einsetzen, aber ein Zutun der Mitglieder ist an vielen Stellen unerlässlich. Und das sind dann auch frustrierende Momente, denn allein in die Konzeption und Ausarbeitung, die Durchführung, Auswertung und Aufbereitung der Ergebnisse sind viele Arbeitsstunden geflossen (und natürlich auch Gelder), und es müsste im Interesse jedes einzelnen Mitglieds sein, an diesen Studien teilzunehmen. Die Ergebnisse bilden unsere berufliche Realität ab, sie sind Anhaltspunkt und Alarmsignal, Hoffnungsschimmer oder Munition. Wir brauchen sie als Orientierung und Argumentationshilfe. Wir sind als Verband letztlich nur als geschlossene Gruppe stark, und umso aktiver jeder und jede einzelne, desto besser. Und ja, was das angeht, besteht noch Luft nach oben.

Welches Ereignis aus dem Jahr 2018 wird euch in besonderer Erinnerung bleiben?

P.K.: Die Verleihung des Stahl-Literaturpreises der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt an Rosemarie Tietze, denn hier wird nicht nur eine herausragende Kollegin gewürdigt, der wir alle unendlich viel verdanken (den Deutschen Übersetzerfonds, beispielsweise), sondern auch die literarische Übersetzung als eigenständige Kunstform. Das halte ich für zukunftsweisend.

M.H.: Für mich ist es vor allem das, was immer wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet: Gespräche. Beispielsweise die Gespräche, die Patricia, Hinrich und ich im Juni während eines Arbeitswochenendes in der Heide geführt und die mir erneut bewusst gemacht haben, wie unerlässlich der persönliche Austausch und das offene Gespräch für jeden zwischenmenschlichen Kontakt, jede (Arbeits-)Beziehung und jedes Team sind, und wie sehr mich die Zusammenarbeit mit so regen, klugen und im besten Sinne weltgewandten Menschen bereichert. Oder die Gespräche, die ich mit geliebten und geschätzten Kolleginnen und Kollegen über die Gleichzeitigkeit von Souveränität und Versagensängsten geführt habe. Oder die quirligen Gespräche mit Roberta Gado und Thomas Weiler in Leipziger Biergärten, in denen wir das Programm für das Leipziger Übersetzerzentrum im Jahr 2019 erdacht und beschlossen haben. Es gibt zahlreiche öffentliche Ereignisse im Verbandsjahr, die von Bedeutung und steter Grund zur Freude sind. Aber unvergleichlich und erstaunlich ist für mich immer wieder, was sich in den Stuhlreihen vor den Bühnen oder am Ufer von Badeseen ereignet.

Welche Übersetzungen, die 2018 erschienen sind, haben euch persönlich besonders beeindruckt?

M.H.: Kojo Laings Die Sonnensucher in der 2015 erschienenen Neuübersetzung von Thomas Brückner, einen der radikalsten Romane der jüngsten Gegenwart, den Ilija Trojanow in seinem Nachwort zu Recht als Zumutung und zugleich großartiges Stück Literatur bezeichnet hat, als einen Meilenstein, nicht nur der afrikanischen Literatur. Laing ist ein Meister der fantasievollen Szenerien, sein Werk ist voller Ironie und Witz, und Thomas Brückner hat diesem surrealistischen Großstadtroman mit verschiedenen Stilregistern, avancierten Erzähltechniken und verschiedenen Dialekten der Stadt Accra, von Pidgin bis hin zu kolonial geprägtem Englisch, auf unvergleichliche Weise Glaubhaftigkeit und Lebendigkeit verliehen.

P.K.: Mich haben Andor Gelléris Erzählungen Stromern in der Übersetzung von Timea Tankó beeindruckt. Es ist schon das zweite Buch von Gelléri, das sie aus dem Ungarischen übertragen hat, eine höchst eigenwillige Prosa, von großer Poesie und Sinnlichkeit, die ans Unübersetzbare grenzt und in der deutschen Ausgabe doch in ihrer ganzen Bandbreite schwingt und klingt.

Gebt uns noch einen kleinen Ausblick: Auf welche besonderen Übersetzungen dürfen wir uns im kommenden Jahr freuen?

P.K.: Ich freue mich besonders auf Jakuta Alikavazovic‘ Roman Das Fortschreiten der Nacht in der Übersetzung von Sabine Mehnert, die hier wahre Pioniersarbeit geleistet und den Nautilus Verlag überzeugt hat, das Werk einer jungen französischen Schriftstellerin mit bosnisch-montenegrinischen Wurzeln zu veröffentlichen, in dem sie sich auf bisher unerhörte Weise mit dem Krieg in Jugoslawien auseinandersetzt und damit auch mit Fragen, die uns aktuell beschäftigen.

M.H.: Ich freue mich auf James Baldwins Essay The Fire Next Time in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow, weil Miriam für mich eine der mutigsten Übersetzerinnen ist, die wir haben. In ihrer Dankesrede für den Hieronymusring sagte sie: „Ich bin täglich aufgefordert, die deutsche Sprache zu beunruhigen, sie aufzustören, zu bedrängen.“ Genau das tut sie in all ihren Übersetzungen. Ihre Worte und den Sound ihrer verschiedenen Übersetzungen im Ohr – sei es in Eimear McBrides Das Mädchen ein halbfertiges Ding, NoViolet Bulawayos Wir brauchen neue Namen oder in Samuel Salvons Die Taugenichtse – bin auch ich mutiger beim Übersetzen. Und dass Baldwins Streitschrift zwischen Christentum und Rassismus hochaktuell ist, steht außer Frage.

Anm. d. Red.: Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

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