Thi­xo­tro­pe Trans­la­ti­on

Der norwegische Autor Svein Jarvoll hat einen Roman verfasst, der die Grenzen der Übersetzbarkeit aufzeigt. Für Übersetzer birgt dies großes Potenzial. Von

Australienreisen waren nicht immer möglich. Edward Wells: A New Map of the Terraqueous Globe, 1700. Quelle: WikiCommons.

Svein Jar­voll (gebo­ren 1946 in Lurøy) hat unter ande­rem meh­re­re Essay­bän­de, einen Gedicht­band und Über­set­zun­gen von Adam Thor­pe, Peer Hult­berg oder Sap­pho ver­öf­fent­licht. Neben dem auch hier­zu­lan­de bekann­ten Jan Kjær­stad gilt er als wich­ti­ger Ver­tre­ter der post­mo­der­nen nor­we­gi­schen Lite­ra­tur, ist aber auch in sei­ner Hei­mat recht unterre­zi­piert. Seit Sep­tem­ber die­sen Jah­res liegt im Ver­lag von Urs Enge­ler mei­ne Über­set­zung sei­nes ein­zi­gen Romans vor: En Aus­tra­lia­rei­se (Eine Aus­tra­li­en­rei­se, 1988) – ein Buch, das gleich von zwei Sei­ten aus les­bar ist: Der ers­te Teil, Den gule boka (Das gel­be Buch) endet im Ori­gi­nal auf S. 257; dar­un­ter befin­det sich der zwei­te Teil, Lon­aque­mor (valen­cia­nisch für: „die Wel­le, die stirbt“), für des­sen Lek­tü­re das Buch umge­dreht und auf der letz­ten Sei­te auf­ge­schla­gen wer­den muss.

Zwar lau­fen bei­de Tei­le auf­ein­an­der zu, aber sie erzäh­len voll­kom­men unter­schied­li­che Geschich­ten. Der ers­te wid­met sich den Rei­sen des Nor­we­gers Mark Stol­ler, der in Spa­ni­en die Dänin Lone Øgaar­d­mo­se trifft und mit ihr eine Bezie­hung beginnt. Gemein­sam rei­sen sie wei­ter nach Irland und Ita­li­en, ehe sie sich bei Flo­renz tren­nen. Der zwei­te han­delt von der Aus­tra­lie­rin Emmi, die sich mit ihrer Freun­din Ali­ce auf den Weg in den aus­tra­li­schen Wald macht, wo ihr Vater als Ere­mit in einer Hüt­te haust. Dort fin­det Emmi ein Buch über den (fik­ti­ven) Eth­no­gra­phen und Ent­de­ckungs­rei­sen­den Magnus C. Ztloh­mul und liest des­sen Vor­wort, das der Roman kom­plett wie­der­gibt. Bei­de Tei­le refe­rie­ren immer wie­der auf ande­re Tex­te, sei­en es Dan­tes Commedia, deren Struk­tur mit Mark Stol­lers eige­ner Jen­seits­fahrt durch das Dies­seits ver­knüpft ist, oder ande­re Tex­te, die nur in kur­zen Zita­ten auf­tau­chen, etwa Gedich­te des Kata­la­nen Aus­iàs March oder des Grie­chen Archi­lochos, den Jar­voll auch selbst auf Nor­we­gisch her­aus­ge­ge­ben hat. In Vor­wort zu die­ser Über­set­zung steht Fol­gen­des:

Jeg har i den tiden gjen­dikt­nin­gen av Archi­lochos beskjef­ti­get meg fle­re gan­ger opp­levd at flyk­ti­ge for­bin­del­ser oppsto mel­lom frag­men­ter, og jeg kal­te dis­se for­bin­dels­e­ne tiksotro­pi­ske (tiksotro­pi er den egens­kap ved en væs­ke at den blir tyn­ne­re ved røring og tyk­ner igjen når rørin­gen stan­ser).
Zu der Zeit, als mich die Archi­lochos-Nach­dich­tung beschäf­tig­te, erleb­te ich mehr­mals, dass zwi­schen den Frag­men­ten flüch­ti­ge Ver­bin­dun­gen ent­stan­den, und ich bezeich­ne­te die­se Ver­bin­dun­gen als thi­xo­trop (Thi­xo­tro­pie ist die Eigen­schaft einer Flüs­sig­keit, dass sie sich beim Ver­rüh­ren dün­ner wird und wie­der zäh­flüs­si­ger wird, wenn das Ver­rüh­ren  endet).

Beson­ders inter­es­sant hier­an ist die Ety­mo­lo­gie des Fach­be­griffs, der aus der Che­mie stammt: ἡ θίξις bedeu­tet „das Berüh­ren“, τροπή „Wen­dung“. Etwas ver­än­dert sich also durch Berüh­rung.1 Dies trifft nicht nur auf die alt­grie­chi­schen Tex­te zu, die ja nur noch als Frag­men­te vor­lie­gen, son­dern auch auf mei­ne Über­set­zung der Aus­tra­li­en­rei­se: Ich berüh­re den Text, tas­te ihn ab, um zu klä­ren, wie er sich zusam­men­fügt. Ist er klar durch­schau­bar? Oder muss ich umrüh­ren, damit der Boden­satz auf­wir­belt und ich sei­nen Grund erken­nen kann? Aber wenn sich der Text wie­der um sich selbst schließt und sei­ne Geheim­nis­se in der Tie­fe birgt, muss ich ande­re Hilfs­mit­tel ver­wen­den, die die Rät­sel auf­lö­sen, sie in Schwin­gung brin­gen. Mein Ziel ist es ja, erst ein­mal die Kom­po­si­ti­on der Aus­tra­li­en­rei­se zu ver­ste­hen und dann etwas Eige­nes zu pro­du­zie­ren, das dem Publi­kum des Buches eine ähn­li­che Lese­er­fah­rung berei­tet wie mir. Offen­sicht­lich ist schon jetzt, dass nicht alles ins Deut­sche unform­bar sein wird.

Was das bedeu­tet, möch­te ich an drei Bei­spie­len zei­gen, denen alle eine Sache gemein­sam ist: Sie stra­pa­zie­ren die Gren­zen der Über­setz­bar­keit so sehr, dass sie eine ori­gi­nal­ge­treue Über­tra­gung fast unmög­lich machen. Aber viel­leicht liegt gera­de hier­in ihr son­der­ba­res Poten­zi­al.

Gram­ma­ti­ka­li­sche und rhyth­mi­sche Eigen­hei­ten

Im drit­ten Kapi­tel des ers­ten Teils begeg­net Mark Stol­ler dem Alt­phi­lo­lo­gen Ist­mir Der­and­re Schmied, mit dem er ein lan­ges Gespräch über das Erler­nen des Alt­grie­chi­schen führt. Von Ist­mir erhält Mark dann auch den Auf­trag, ein Gedicht zu schrei­ben, in dem die Form des Dua­lis ver­wen­det wird:

– Lag et dikt på nor­sk der dua­lis tas i bruk.
(Kallipyger, steatopyger,
jegkysse er hvor kjødet blomstrer
Lik tvende re
Lik tvende dråpe.
At denne ene, den underskjønne,
Bestemt er to og tillike én
Forstår min munn som er én i kysset
Og to i prisen til hendiadysset.)

Die aus dem alt­dä­ni­schen twin­næ, twæn­næ sowie dem alt­nor­di­schen tven­nir, tvin­nir (Plu­ral) und tvennr, tvinnr (Adjek­tiv) abge­lei­te­te Form tven­de bedeu­tet in etwa „aus zwei Tei­len bestehend, zwei­ge­teilt, dop­pelt“; der Dua­lis wird ver­wen­det, wenn genau zwei Din­ge oder Per­so­nen gemeint sind, ist im heu­ti­gen Nor­we­gi­schen aber unüb­lich und im Grun­de nur noch in älte­ren Tex­ten (z. B. von Ibsen) zu fin­den. Im Deut­schen exis­tiert die­ses sprach­li­che Phä­no­men nicht. Was nun? Die ein­fachs­te Lösung sieht so aus: eine Form wäh­len, die der gewünsch­ten zumin­dest ähn­lich sieht. Eine denk­ba­re Über­set­zung der Dua­lis­form „tven­de“ wäre: „dop­pelt“, „zwei­fach“, „zwie­fach“ oder auch „genau zwei“. Das Deut­sche soll aber zumin­dest ein biss­chen anti­quiert klin­gen, das Publi­kum über eine For­mu­lie­rung stol­pern, die genau­so unge­wohnt ist wie die nor­we­gi­sche. Des­halb habe ich einen etwas gestelz­ten Geni­tiv gewählt, der sich zwar nicht als Dua­lis aus­ge­ben kann, jedoch extra her­vor­hebt, dass es sich um genau zwei Bir­nen und zwei Trop­fen han­delt:

– Schreib ein Gedicht auf Deutsch, das den Dua­lis in Gebrauch nimmt.
(Kallipygen, Steatopygen,
Darf ich euch küssen, wo das Fleisch heranreift
Wie der Birnen zwei
Wie der Tropfen zwei.
Dass dieses Eine und Wunderschöne
bestimmt gleich zwei ist und genauso eins,
versteht mein Mund, der eins im Küss-
en ist und zwei im Hendiadys.)

Die­ses Gedicht, des­sen wesent­li­ches Merk­mal dar­in besteht, eine Sache durch exakt zwei Wör­ter glei­cher oder ähn­li­cher Bedeu­tung aus­zu­drü­cken, schwingt in einem abwechs­lungs­rei­chen Rhyth­mus dahin (die beton­ten Sil­ben sind von mir her­vor­ge­ho­ben): Dak­ty­len und Jam­ben tau­chen in der ers­ten Stro­phe auf, in der zwei­ten gibt es nur noch Jam­ben und dazu einen Gleich­klang in den letz­ten bei­den Ver­sen. Der „Kuss“ („kys­set“) reimt sich auf das „Hen­dia­dys“ („hen­dia­dys­set“); die­se Eigen­heit lässt sich vor­läu­fig nur durch eine Nomi­na­li­sie­rung nach­ah­men, die auch noch unsach­ge­mäß getrennt wird („Küss-en“ statt „Küs-sen“, auch wenn natür­lich bei­des mög­lich gewe­sen wäre) und dann ein schrof­fe­res Ver­sen­de pro­du­ziert als das nor­we­gi­sche Gegen­stück.
Bei der Über­set­zung die­ses Gedich­tes konn­te ich mich also nicht dar­auf ver­las­sen, es in Gän­ze wie­der­ge­ben zu kön­nen; wegen der im Deut­schen nicht gebräuch­li­chen Dua­lis­form und des eher frei­en, aber durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus muss­te ich Zuge­ständ­nis­se machen.

Akro­ny­me

Eine wei­te­re Beson­der­heit der Aus­tra­li­en­rei­se sind Buch­sta­ben­kom­bi­na­tio­nen: „MS“ steht für „Mark Stol­ler“, aber auch für „Mer­kur Sen­de­bo­te“, „Mor­te Sicu­ra“ o. Ä. Sol­che Akro­ny­me erschei­nen in allen denk- und undenk­ba­ren Vari­an­ten, ganz beson­ders in einer Pas­sa­ge, die mög­li­cher­wei­se fol­gen­der­ma­ßen ange­legt ist: Mark ist mit sei­ner Gelieb­ten Lone in Irland ange­kom­men; dort begeg­net er einem Neben­buh­ler, der sei­ne Freun­din kid­nappt. Das Gan­ze ist jedoch nicht als Kri­mi­nal­fall oder als Thril­ler erzählt, son­dern als bur­lesk-ero­ti­sche Fabel, in der Mark „Naut­mark“ heißt („Nar­ren­mark“), Lone „Fipe­lo­ne“ („Fip­se­lo­ne“) und der Übel­tä­ter „Rulpp“. Dar­aus ergibt sich das Akro­nym NRF, das für „Nor­sk Rødt Fe“ steht („Nor­we­gi­sches Rot­vieh“, ein nor­we­gi­sches Haus­rind). Auf einem eben sol­chen ent­führt Rulpp Lone. Nach einer Wei­le fährt er mit ihr auf einem impro­vi­sier­ten Boot in eine Welt, in der nicht nur Milch und Honig flie­ßen. Das „NRF“ grun­diert die gan­ze Text­stel­le:

Fipe­lo­ne rod­de over de bre­de fla­te­ne uten­for Skum­ma­melk­buk­ta, hun rod­de gjen­nom laps­kaus­bå­rer og over Mjøl­ke­rings­flue­ne og mel­lom de fire Kefir­hau­se­ne, hun rod­de for­bi elve­mun­nin­ger med mjød […], til tina var på høy­de med Sur­na­pes­set ved inn­gan­gen til pas­set som fører til Åbit­sens land, der Fløy­teåi ren­ner ut (Nes­ten Ren Flø­te, sa Rulpp, som nøt uts­ik­ten). Det gikk så sky­ret sto om åreb­la­de­ne […] og ganske snart måt­te Fipe­lo­ne gi et sukk fra seg og si at nei, det­te, det orket hun ikke len­ger. Nak­kes­mer­ter? Ryggs­mer­ter? Fots­mer­ter? sa Rulpp. Noen Råd og Fors­lag. Hvor­for gjør du det­te mot meg, Rulpp, sa Fipe­lo­ne, jeg er Naut­mark, det er ham jeg har hug til, vi skal stif­te fami­lie. Nyfød­te Rosa Flein­s­kal­ler, sa Rulpp, Nei Ro Fort­satt.
Fip­se­lo­ne ruder­te über die brei­ten Flä­chen vor der Schaum­milch­bucht, sie ruder­te durch die Labskaus­wo­gen, über die Milch­ring­flie­gen und durch die vier Kefir­schä­ren, sie ruder­te an Fluss­mün­dun­gen mit Met vor­bei […], bis das Fäss­chen auf der Höhe mit der Sauer­milch­pis­se am Tor des Durch­gangs war, der ins Land des Klei­nen Früh­stücks führt, wo der Flott­fluss abfließt (Nahe­zu Rei­nes Flott, sag­te Rulpp, der die Aus­sicht genoss). Es ging so weit, dass der Skyr an den Rudern fest­stock­te […], und ganz fix muss­te Fipe­lo­ne auf­seuf­zen und sagen Nein, das hier, das schaff­te sie nicht mehr. Nacken­schmer­zen? Fuß­schmer­zen? Rücken­schmer­zen?, sag­te Rulpp. Noch Rat­schlä­ge und Fin­ger­zei­ge. War­um tust du mir das an, Rulpp, sag­te Fip­se­lo­ne, ich gehö­re Nar­ren­mark, auf ihn hab ich Lust, wir wer­den eine Fami­lie grün­den. Neu­ge­bo­re­ne Rosa Kahl­köp­fe, sag­te Rulpp, Nein, Rude­re Fort­wäh­rend.

Das Akro­nym NRF wird auf­ge­spal­ten, die drei Tei­le auf die drei Cha­rak­te­re über­tra­gen: Mark heißt „Naut­mark“. „Naut“ bedeu­tet“ nicht nur „Vieh“, son­dern auch „dum­me, ein­fäl­ti­ge Per­son“, also etwas in der Art von „Du blö­de Kuh!“. Soll die Buch­sta­ben­kom­bi­na­ti­on gewahrt blei­ben, kann ich mich jedoch nur für das deutsch­spra­chi­ge Wort ent­schei­den, das mit V beginnt. Lone, die ja Dänin ist, bekommt das däni­sche Wort „fip“ zuge­teilt; die­ses lässt sich in etwa als „Fips“ über­set­zen, was eine nahe lie­gen­de Lösung ist, da Marks Freun­din im Text als „klein“ beschrie­ben wird. Das F für „fe“ lässt sich nicht ret­ten; zwar hät­te ich ver­su­chen kön­nen, eine „Nor­we­gi­sche Rot­fär­se“ durch den Text tram­peln zu las­sen, aber das hät­te den Sinn doch erheb­lich ent­stellt, weil es eben nicht um ein weib­li­ches Rind geht, das noch nicht gekalbt hat, son­dern um ein männ­li­ches, das noch nicht gezeugt hat.

Bis auf weni­ge Aus­nah­men, etwa „Nyfød­te Rosa Flein­s­kal­ler“ („Neu­ge­bo­re­ne Rosa Kahl­köp­fe“ – die an die­ser Stel­le irri­tie­ren­de Anspie­lung an den Nor­we­gi­schen Rund­funk NRK wür­de ich mir näm­lich ger­ne erspa­ren) war es mir oft mög­lich, Über­set­zun­gen zu fin­den, die sich als Akro­nym schrei­ben lie­ßen. Oben­drein wer­den V und F im Deut­schen (öfters) gleich aus­ge­spro­chen; es ist also nicht so schlimm, wenn NRV statt NRF in der Über­set­zung steht.

Dia­lekt

Das ach­te Kapi­tel ist ein Dia­log, eine Art Dra­ma im Roman, und kann als sur­rea­lis­tisch bezeich­net wer­den: Nach­dem er wäh­rend sei­nes Ita­li­en­auf­ent­halts von sei­ner Freun­din Lone ver­las­sen wor­den ist, liegt Mark depres­siv in einem Zelt und hal­lu­zi­niert. In sei­ner Fan­ta­sie leis­ten ihm die bei­den Lei­chen­ma­den Jack und Jock Gesell­schaft, mit denen er in ein fie­ber­haf­tes Gespräch über den Tod ver­fällt, aber auch The­men wie Zah­len­mys­tik berührt. Im rasen­den Wech­sel zieht eine Kaval­ka­de unter­schied­lichs­ter Gestal­ten an sei­nem inne­ren Auge vor­bei. Vie­le davon absol­vie­ren nur einen kur­zen Auf­tritt, dar­un­ter der Bischof und ein Lehr­ling, die in einem kar­ne­val­es­ken Spiel die Rol­len tau­schen: Der Got­tes­mann erweist sich als Rüpel, der Aus­zu­bil­den­de als fein­sin­nig. Aber da Schimpf­ti­ra­den bekannt­lich lus­ti­ger sind als Gebe­te, möch­te ich einen Blick auf die fol­gen­de Pas­sa­ge wer­fen, die in so etwas wie einer Oslo­er Gos­sen­spra­che ver­fasst ist:

Bis­pen: Lab­li, sijæ! Den spir­re­vip­pen trur han kann kom­me her! Jæs­ke lime kjef­ten igjen­præ! Din sabb! Din møk­ka­mann! Ræva mi lera­rei! Det ska bli en annen dans, din kly­se! Haru hørt makan til jæk­la dia­lek­ta pånå! Dada­da-di-dad­ada­da! Kjenn på den, og på den! Vir­ru luk­te på den? Vir­ru smake på den? Her haru den! Her ska flas­set fly og øra flag­re, det kan du tarei gift på! Jag­gu­mæ snyteskaf­tet smurt uto­ver under over under øya pån. Og haka på snei! Og haka på brøs­tet! Og brøs­tet på magan! Bare­teå­taog­tør­knopp­dael­l­erh­va! Sup­pe­hue. Nok­sagt. Mjel­ke­bust! Piss mæ i øret! Kyss mæ i ræva, spell spar! Hva i snørr­grøn­ne bondes­kau­en er det for noe mæl? […]

Die Ver­wun­de­rung, die der Bischof am Ende die­ses Aus­zugs über sei­ne eige­ne Spra­che äußert, ist fast schon selbst iro­nisch; es sind in der Tat nicht nur die Schimpf­wör­ter, die hier Pro­ble­me berei­ten. Im Stan­dard­nor­we­gi­schen wür­de man zumin­dest in der Schrift­form auf Eli­die­run­gen ver­zich­ten. „Jeg skal“ (hier: „Ich wer­de“) wür­de dann nicht zu „Jæs­ke“ ver­kürzt, „Vir­ru“ und „Haru“ wür­den als „Vil du“ und „Har du“ aus­for­mu­liert. Der Bischof gibt nichts auf sprach­li­che Höf­lich­keit; sei­ne Pre­digt ist des­halb so lus­tig, weil sie so unge­ho­belt ist. Es wäre daher falsch, sie ins Hoch­deut­sche zu über­set­zen. Also muss ein Dia­lekt her, eine Art Kunst­spra­che, in der sich die sprach­li­chen Phä­no­me­ne des Aus­gangs­tex­tes wie­der­fin­den las­sen: Eli­die­run­gen, Schimpf­wör­ter, deren Bedeu­tung nicht gleich ein­wand­frei zu erken­nen ist, kurz, auf einer lin­gu­is­ti­schen Ebe­ne muss die Über­set­zung die kar­ne­va­lis­ti­sche Rol­len­ver­keh­rung des Ori­gi­nals sicht­bar machen. Aus mei­ner Kind­heit ist mir die Trie­rer Mund­art sehr ver­traut; sie mag sich sehr gewöh­nungs­be­dürf­tig anhö­ren, aber das ist ja der Sinn der gan­zen Sache. So sieht das Ergeb­nis aus:

Der Bischof: Loasst blei­wen, soan eich! Den Döb­ben­schös­ser määhnt, n könnt hei hin­ner kom­men! Eich stop­fen dem öt Maul! Dau Droan­fun­zel! Dau Drääk­bad­di! Eich brään­gent dir schunn bäi! Hei gitt noa annern Rejeln getanzt, dau Schme­erlab­ben! Hott äänen schum­mo­al su ön schlem­men Dia­lekt loa gehort! Dada­da-di-dad­ada­da! Hei, fehl moal, loa uch! Wëlls drun ree­chen? Drun schmaacken? Hei hos­ten! Hei fle­jen de Schup­pen un flat­tern de Uhren, doa kaans dau Gaft drop holen! Aoh fregg, die ganz Rotz­noas vun dem loa aage­schmiert, rie­wer, run­ner un enner de Au. Unt Kin run­ner! Unt Kinn schief! Un de Brust op dn Bauch! Holt­bluß­rop­p­un­ma­chend­lich­mo­al­sau­wer­ha­s­tehé­ie­ren! Döl­bes. Genuch jetz. Mel­lisch­boart! Pin­kel mir ant Uhr! Küss mir n Pop­pes, spiel Pik! Wat zum schnu­del­gree­nen Bau­ern­boa­gen ass dat fiern Bat­sche­lei! […]

In gewis­ser Wei­se treibt mei­ne Über­set­zung die sprach­li­che Grenz­über­schrei­tung des Ori­gi­nals noch wei­ter. Wäh­rend im Stan­dard­nor­we­gi­schen Wor­te wie „spir­re­vipp“ („Drei­kä­se­hoch“), „sabb“ („Schmutz­fink“) oder „sup­pe­hue“ („Voll­trot­tel“) noch bekannt sind (aber womög­lich schon fast ver­ges­sen), sind mei­ne trie­ri­schen Äqui­va­len­te „Döb­ben­schös­ser“ („Topf­schei­ßer“), „Drääk­bad­di“ („Dreck­spatz“) und „Döl­bes“ („Idi­ot“) wohl kaum im Stan­dard­deut­schen anzu­tref­fen. Das Haupt­pro­blem bei Dia­lek­ten besteht ja dar­in, dass sie kaum ver­schrift­licht wer­den, wes­halb ich mich bei mei­ner Recher­che auf all­zu unau­to­ri­sier­te Inter­net­quel­len ver­las­sen muss­te, aber auch auf mei­ne eige­ne Wahr­neh­mung, die bes­ten­falls sub­jek­tiv zu nen­nen ist. Das Resul­tat ist die oben ste­hen­de Kunst­spra­che, die nur in den Schimpf­wör­tern ent­schie­den vom Ori­gi­nal abweicht; die ver­wa­sche­ne Aus­spra­che, das Eli­die­ren gan­zer Sil­ben behält sie hin­ge­gen bei. Ein paar Beob­ach­tun­gen hier­zu: „Loasst“ wür­de aus­ge­schrie­ben „Loass öt“ hei­ßen, also so viel wie „lass es“; „hos­ten“ hie­ße „hos­te ön“, also „hast du ihn“ und „ant“ wäre „an öt“, also „in das“. Tref­fen zwei voka­li­sche Lau­te auf­ein­an­der, wird einer von ihnen ger­ne aus­ge­las­sen. Dies trägt ele­men­tar zum erschwer­ten Ver­ständ­nis bei.

Thi­xo­tro­pie

Mei­ne Fra­ge, die ich an Svein Jar­volls Aus­tra­li­en­rei­se gestellt habe, lau­tet: Was pas­siert, wenn ich das Nor­we­gi­sche „berüh­re“? Wie ver­än­dert sich das Sprach­ma­te­ri­al, wird es nach­gie­big, ver­flüs­sigt es sich und erhär­tet es dann sofort wie­der? Und wie kann ich die­se Trans­for­ma­ti­on auch in mei­ne Über­set­zung hin­über­brin­gen, damit die Lese­rin­nen und Leser bei der Berüh­rung mei­nes Tex­tes genau die glei­che Reak­ti­on beob­ach­ten kön­nen wie ich bei der Berüh­rung des Ori­gi­nals?

Bei einer sol­chen Ver­wand­lung geschieht oft­mals Uner­war­te­tes. Es kann sein, dass die Über­set­zung ganz neue Bedeu­tungs­schich­ten frei­gibt und roher, här­ter wirkt als das Ori­gi­nal: was sie viel­leicht auch muss, denn wegen der sprach­li­chen Unter­schie­de, die es unbe­streit­bar gibt, hat sie vie­le Zuge­ständ­nis­se zu machen, die nicht nur Kom­pro­mis­se sind, son­dern auch Poten­zia­le, die sich auf ihre je eige­ne Wei­se ent­fal­ten dür­fen. Allen Gestalt­wech­seln ist jedoch gemein­sam, dass sie den Aus­gangs­text etwas auf Sei­te schie­ben – ihn aber gleich­zei­tig ins Bewusst­sein des Publi­kums zurück­ho­len, weil sie ihre Fremd­heit nicht als Schwie­rig­keit begrei­fen, son­dern als poie­sis, also als einen sprach­li­chen Pro­zess, der sei­ne eige­ne Gemacht­heit her­vor­kehrt.


Svein Jarvoll/Matthias Fried­rich: Eine Aus­tra­li­en­rei­se. (Im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal: En aus­tra­lia­rei­se.)

Ver­lag Urs Enge­ler 2018 ⋅ 116 Sei­ten ⋅ 21 Euro

www.engeler.de/australienreise.html

  1. Ich bezie­he mich an die­ser Stel­le bewusst nicht auf die Anwen­dung des Fach­be­griffs Thi­xo­tro­pie in der Che­mie, son­dern ledig­lich auf die Wort­her­kunft.

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