Schwarz-weiße Horizonte

Paolo Bacilieris Graphic Novel „Fun“ ist eine großartige Hommage an das Kreuzworträtsel und seine verschlungenen Wege durch die Kulturen. Benjamin Clays Übersetzung macht vieles richtig, versagt aber in einem zentralen Punkt. Von

Arthur Wynne erfindet an einem New Yorker Wintertag das Kreuzworträtsel. Seine Erfindung erscheint am 21. Dezember 1913 in einer Beilage zur Zeitschrift New York World. Auf www.crosswordtournament.com/more/wynne.html kann man es auch einsehen und zu lösen versuchen. © Paolo Bacilieri / Avant Verlag

Sind Kreuzworträtsel Literatur? Für eingefleischte Rätselfreunde steht fest: Ein gutes Kreuzworträtsel ist mehr als einfache Massenunterhaltung, es ist Kunst. Dieser Kunstform steht gleichwohl noch ein langer Weg bevor, ehe sie in der weiteren literarischen Öffentlichkeit auch als solche anerkannt und wahrgenommen wird.

Ein Meilenstein auf diesem Weg, eine grafisch-literarische Hommage an dieses ganz besondere Genre ist die Graphic Novel Fun von Paolo Bacilieri, die seit letztem Jahr in der deutschen Übersetzung von Benjamin Clay vorliegt. Nicht nur gibt Bacilieri in diesem grafischen Roman an der Oberfläche einen historischen Überblick über die Geschichte des Kreuzworträtsels seit seiner Erfindung im Jahr 1913. Er erzählt auch  eine spannende Geschichte über Wahrheit und Fiktion, über Rätsel und ihre Auflösung, und er überträgt die Dreieinigkeit des Kreuz-Wort-Rätsel(n)s so vollkommen auf die Konstruktion seines Buches, dass man als Leser nach fast 300 Seiten nicht weiß, ob man soeben einen Roman gelesen oder ein Kreuzworträtsel gelöst hat.

Ausgangspunkt ist die Stadt New York. Hier begann im Winter 1913 die weltweite Erfolgsgeschichte des Kreuzworträtsels. Schon im Prolog zu seinem Roman führt uns Bacilieri mit ganzseitigen Ansichten die quadratisch gekachelten Fensterfronten so gekonnt und subtil vor Augen, dass es der begleitenden, in kleine Blasen eingelassenen Satzteile gar nicht bedurft hätte, die da erzählen:

Col senno di poi, non poteva che succedere qui in questa città.
Rückblickend betrachtet hätte es eigentlich nirgendwo sonst geschehen können als in dieser Stadt.

Die Stadtarchitektur greift auf die Architektur der Seiten über, die immer verkachelter werden, immer abstrakter, immer geometrischer, und auf Seite 13 hat sich der Comic ganz und gar in eine Kreuzworträtsel-Seite verwandelt.

Hier hebt die Geschichte an. Die am einfachsten wiederzugebende Erzählebene dieses mitunter wirr verkreuzten Rätselgeflechts ist die mehr oder weniger chronologische Wiedergabe der historischen Entwicklung des Kreuzworträtsels in den USA und Westeuropa. Wir folgen hier der zentralen Figur in Fun, dem exzentrischen Schriftsteller Pippo Quester (ein kaum verhohlenes Porträt des berühmten Mailänders Umberto Eco), der über dieses Thema ein Buch mit dem Titel „Der vertikale Horizont“ („L’orizzonte verticale“) schreibt.

Wir lesen aber nicht nur, was Quester über das Kreuzworträtsel schreibt, wir sehen auch wie er schreibt. Gemeinsam mit seinem Assistenten, dem Comic-Autor Zeno Porno, recherchiert er die Hintergründe der Erfindung und Entwicklung des Kreuzworträtsels, was natürlich äußerst langweilig mitanzuschauen wäre, mischte sich nicht eine argentinische Studentin namens Mafalda Citicillo mit einer Plastikpistole in die Angelegenheit ein …

Zum Unterhaltungswert dieser rätselhaften Story tragen zwei Faktoren besonders bei. Der erste ist die überzeugende zeichnerische und sprachliche Charakterisierung der Figuren, die insbesondere auch in Benjamin Clays deutscher Übersetzung gut funktioniert. Questers verschmitzt-gelehrter, etwas altertümlicher Tonfall steht in krassem Kontrast zu der spätpubertären Unbeholfenheit des Zeno Porno. Ersterer scheint geradewegs aus einer Anthologie der Weltliteratur entstiegen zu sein, während letzterer selbst redet wie die Comics, die er zumeist liest.

Zum anderen wird die Haupthandlung immer wieder von kurzen, farbig illustrierten Episoden unterbrochen (bzw. angereichert!), die mit dieser in allenfalls losem Zusammenhang stehen. Hier sehen wir meistens Zeno irgendwelche Abenteuer seines ungeregelten Patchwork-Lebens in Mailand bestehen. Das ist nicht nur zumeist witzig, sondern überträgt das Prinzip des Kreuzworträtsel (in dem nebeneinander stehende Wörter ja auch eigentlich nichts miteinander zu tun haben, obwohl sie natürlich aufs Engste miteinander verbunden sind) auf subtile Weise auf die Form des Comics.

Fun ist in der Tat mit traditionellen literarischen Begriffen nicht zu fassen. Fun ist eine Graphic Novelin der die Grafik den Roman überkommen hat. Fun ist im gleichen Maße ein Roman wie ein Kreuzworträtsel.

Bacilieri lehrt uns Leserinnen und Leser das Rätseln. Seine Hommage an diese Form ist allumfassend. Nicht nur überträgt er das Prinzip der Aufteilung des Papiers in schwarz-weiße Kästchen auf die Bildsprache seines Comics, er streut seine Hin- und Verweise auf die Handlung (man sollte besser sagen: auf mögliche Handlungen) so diskret wie ein Kreuzworträtselautor.  In diesem Sinne ist die Lektüre von Fun ein ganzheitlicher Genuss.

Den Lektüreschlüssel zu diesem kreuzwort-literarischen Verwirrspiel liefert ein Zitat des großen (auch einmal für „unübersetzbar“ gehaltenen) französischen Autors Georges Perec:

Ce qui en fin de compte, caractérise une bonne définition de mots croisés, c’est que la solution en est évidente, aussi évidente que le problème a semblé insoluble tant qu’on ne l’a pas résolu. Une fois la solution trouvée, on se rend compte qu’elle était très précisément énoncée dans le texte même de la définition, mais que l’on ne savait pas la voir, tout le problème étant de voir autrement … (Französisches Originalzitat nach http://www.pol-editeur.com/index.php?spec=livre&ISBN=2-86744-662-7)
Letzten Endes macht einen guten Kreuzworträtsel-Hinweis aus, dass seine Lösung einleuchtend ist, so einleuchtend, wie das Problem unlösbar erschien, so lange [sic!] es ungelöst war. Wenn die Lösung erst einmal gefunden ist, erkennt man, dass sie sehr genau im Text der Definition enthalten gewesen ist, dass man jedoch nicht gewusst hat, wie man sie darin hätte erkennen können, sodass das eigentliche Problem nur darin bestanden hat, den Text anders zu lesen. (Deutsch von Benjamin Clay)

Texte anders zu lesen, noch anders und immer wieder anders – ist es das, was wir von Kreuzworträtslern lernen können? In diesem Sinne haben sie so einiges mit Übersetzerinnen und Übersetzern gemein.

Bacilieris Fun ist in der Tat auch eine Hommage an das Übersetzen. Ganz und gar augenfällig wird das am Ende, als Quester mit seiner Scherzübersetzung von Catulls „Carmen 85“ zitiert wird:

Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris.
Nescio, sed fieri sentio et excrucior.
Ich hasse und liebe. Warum ich das tue, fragst du vielleicht.
Ich weiß es nicht, aber ich spüre, dass es geschieht und ich mache Kreuzworträtsel.

Diese Spielerei, immerhin die zentrale Schlusspointe des ganzen Werks, deutet auf eine tieferligende Frage, die dieses von Anfang bis Ende durchzieht: Sind Kreuzworträtsel übersetzbar?

Die Geschichte dieser Kunstform liefert hier nur Hinweise, keine eindeutige Antwort. Ja, es hat direkte Übertragungen von Kreuzworträtseln von einer Sprache in eine andere gegeben (die erste Ausgabe des italienischen Rätselheft-Klassikers Settimana Enigmistica war beispielsweise ein regelrechtes Plagiat), aber eigentlich ist die Lektion eine andere: Wann immer das Kreuzworträtsel die Grenze von einem Land zu einem anderen überschreitet, ändert es seine Gestalt. Die englischen Rätsler liebten, anders als die amerikanischen Erfinder, kryptische Hinweise und erfanden das „Cryptic Crossword“, die Franzosen ließen sich für ihre „Mots croisés“ von der Tradition der Aphorismes inspieren und schufen so eine quasi-literarische Spielform, für Italien schuf Piero Bartezzaghi eine eigene, nach ihm benannte Kunstform, usw.

Bacilieris Hauptfigur Pippo Quester ist der bestmögliche Erzähler für diese vielsprachige Geschichte des Kreuzworträtsels. Der eigenbrötlerische, hochbelesene Schriftsteller kann von der Natur des Kreuzworträtsels in den verschiedenen Kulturen nur dank seiner Vielsprachigkeit so leichthändig erzählen. Nicht nur ist seine Rede von lateinischen oder französischen Zitaten durchsetzt, Quester hustet sogar auf Englisch!

Die deutsche Übersetzung von Benjamin Clay, die sich mit einigem Erfolg bemüht, die unterschiedlichen Handlungsebenen der Vorlage auch sprachlich erfahrbar zu machen, ebnet aber ausgerechnet diesen zentralen Aspekt des Romans fast komplett ein. Quester spricht, zitiert, hustet in der Version, die wir auf Deutsch lesen, immer auf Deutsch; und selbst in den Teilen seiner Rätsel-Retrospektive, die in Amerika spielen, haben sich Übersetzer und Verlag entschieden, deutsche Termini zu verwenden, wo Bacilieri im italienischen Original die englischen stehen lässt.

Unter dieser übersetzerischen Entscheidung leidet besonders die Episode, die erzählt, wie das Kreuzworträtsel (genauer gesagt, das Kreuzworträtsel-Heftchen, noch genauer gesagt, die legendäre Settimana Enigmistica) nach Italien kam. Die Geschichte des jungen Ingenieurs Giorgio Sisini, der 1930 in der Wiener Straßenbahn eine unbekannte Kreuzworträtsellöserin mit unbeholfenem „Mi scusi, Fräulein“ anspricht, liest sich in der deutschen Fassung so:

© Paolo Bacilieri / Avant Verlag

 

Nach einer Replik auf Italienisch wird für den Rest der Unterhaltung Deutsch gesprochen. Erst der Blick ins Original zeigt, wie viel größer Bacilieri die Sprachverwirrung angelegt hat:

– „Mi scusi, Fräulein …“
– „Ja?“
– „Was ist das? Che cos’è quella?“
– „Come, prego?“
– „… quella! Perdonate, vi osservo da un poi quella strana rivista che state compilando, di che si tratta? È un gioco?“
– „Jawohl, è un gioco … se chiama Kreuzworträtsel! Cruciverba.“
– „Formidable! Permette? Wunderbar! Che idea geniale!“

Abgesehen von der in jeder Hinsicht komischen Entscheidung, das preußische „Jawohl“ mit „Kann man so sagen“ wiederzugeben, muss man hier (beispielhaft für einige Stellen im Comic) konstatieren, dass der Szene fast alle sprachlichen Nuancen abhanden gekommen sind. Und das ist nicht nur schade, sondern tragisch, da die interkulturelle Übersetzung an dieser Stelle gerade das wichtigste Thema ist.

Dieses zentrale Versäumnis wirft einen Schatten auf das Buch und seine ansonsten durchaus selbstbewusste und lustige Übersetzung. Immerhin verdanken wir ihr einen Meilenstein der Comickunst und die Erkenntnis, dass die Übersetzung eines Werkes in eine andere Sprache dessen sprachlichen Horizont paradoxerweise auch einengen kann.


Paolo Bacilieri/Benjamin Clay: Fun. (Im italienischen Original: Fun und More Fun.)

Avant Verlag 2018 ⋅ 296 Seiten ⋅ 30 Euro

www.avant-verlag.de/comic/fun

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