Eine neue Per­spek­ti­ve

Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen" handelt von Identität und Identifikation. Susan Bernofkys englische Übersetzung wirft auf diese Aspekte ein neues Licht. Von

Flüchtlinge auf dem Dach vom Hostel Georghof in Berlin-Friedrichshain © Montecruz Foto
Über­set­zung: Frey­ja Mels­ted, Julia Rosche und Fio­na Money.
The Eng­lish ori­gi­nal of this essay is avail­ab­le here.

Gehen, Ging, Gegan­gen ist ein Roman unse­rer Zeit. Er ist nicht nur aktu­ell, weil er sich mit eben jenen Her­aus­for­de­run­gen aus­ein­an­der­setzt, denen sich Deutsch­land, Euro­pa und die rest­li­che Welt momen­tan stel­len muss, son­dern auch, weil er sich bewusst mit dem Zeit­li­chen beschäf­tigt. Der Roman erzählt bei­spiels­wei­se von der Ver­gan­gen­heit und dem, was pas­sie­ren kann, wenn Men­schen zu viel Zeit haben, wie etwa der kürz­lich pen­sio­nier­te Prot­ago­nist Richard und die Flücht­lin­ge, die nicht wis­sen, wie es mit ihnen wei­ter­ge­hen wird. Die­ses Spiel mit der Zeit ist einer von vie­len Aspek­ten, für die die eng­li­sche Über­set­zung von Sus­an Ber­n­of­sky – die ins­ge­samt gro­ßen Anklang gefun­den hat – hoch gelobt wur­de.

Beson­ders inter­es­sant an die­ser Über­set­zung sind jedoch nicht die zeit­li­chen Ele­men­te, son­dern viel mehr die räum­li­chen. Die Autorin Jen­ny Erpen­beck beschäf­tigt sich immer wie­der mit Spra­chen, Iden­ti­tä­ten und äuße­ren wie auch inne­ren Gren­zen. Sie ver­bin­det dabei die Erfah­run­gen der nach Deutsch­land gekom­me­nen Flücht­lin­ge– wie das Erler­nen der deut­schen Spra­che oder der Kampf mit den Behör­den – mit Ein­bli­cken in die Gedan­ken­welt Richards, einem ehe­ma­li­gen Pro­fes­sor aus der DDR, der in gewis­ser Wei­se auch ein Frem­der in der west­deut­schen Kul­tur ist.

Die­ser Aspekt wird durch die Über­tra­gung ins Eng­li­sche etwas ver­dreht. Ber­n­of­kys Über­set­zung gelingt es zwar sehr gut, die kar­ge und unmit­tel­ba­re Spra­che des deut­schen Ori­gi­nals zu über­tra­gen. Den­noch führt der Erzähl­stil in der eng­li­schen Über­set­zung dazu, dass der Fokus des Lesers weni­ger auf Richard, son­dern auf die Geflüch­te­ten gerich­tet ist, da deren Per­spek­ti­ve auf die deut­sche Kul­tur – die hier in der Über­set­zung das Frem­de dar­stellt – mehr Anlaufs­punk­te für die Iden­ti­fi­ka­ti­on der eng­lisch­spra­chi­gen Leser­schaft bie­tet. Beson­ders deut­lich wird dies, wenn Erpen­beck auf die Wort­wahl im Deut­schen auf­merk­sam macht. In der Über­set­zung ändert sich der Ton – was bei dem Wech­sel vom Eng­li­schen ins Deut­sche unver­meid­bar ist:

Der oder jener begrüßt Richard jetzt schon auf Deutsch: Guten Tag, wie geht es? Und Richard sagt: Gut.
Some of the refu­gees now greet Richard in Ger­man: Guten Tag, wie geht es? And Richard says: Gut.

Im deut­schen Ori­gi­nal sind sol­che Rede­we­dun­gen nicht beson­ders auf­fäl­lig; sie fügen sich rei­bungs­los in den Fließ­text ein. Eng­lisch­spra­chi­ge Leser wer­den jedoch mit simp­len Rede­wen­dun­gen einer für sie frem­den Spra­che kon­fron­tiert, was eher an die Situa­ti­on der Flücht­lin­ge erin­nert, die sol­che Rede­wen­dun­gen erst erler­nen müs­sen.

Dies ist natür­lich die Schwie­rig­keit beim Über­set­zen eines Romans, in dem die unter­schied­li­chen Kennt­nis­se der deut­schen Spra­che eine klei­ne, aber signi­fi­kan­te Rol­le spie­len, und der sich inten­siv mit den Mecha­nis­men der Anpas­sung und Aus­gren­zung beschäf­tigt. Richards Ver­traut­heit mit der deut­schen Kul­tur, die den Flücht­lin­gen fehlt, spielt hier­bei eine wich­ti­ge Rol­le. Ber­n­of­sky sieht in der Regel davon ab, kul­tu­rel­le Anspie­lun­gen aus dem Deut­schen zu erklä­ren. Der Lese­fluss der eng­li­schen Über­set­zung wird so nicht durch umständ­li­che Erläu­te­rung gestört, aller­dings gehen dadurch auch vie­le Anspie­lun­gen  ver­lo­ren. Als zum Bei­spiel Rashid, einer der Flücht­lin­ge, Richard davon erzählt, wie er vom Innen­mi­nis­ter abge­wie­sen wur­de, denkt Richard bedrückt dar­über nach, dass „eine Grup­pe von Flücht­lin­gen kein Volk [ist]“ (im Eng­li­schen: „a group of refu­gees ist not a Volk“). Durch die Ent­schei­dung den deut­schen Begriff ohne wei­te­ren Kon­text bei­zu­be­hal­ten, ver­mei­det Ber­n­of­sky einen äqui­va­len­ten eng­li­schen Begriff suchen zu müs­sen, der die ver­schie­de­nen Kon­no­ta­tio­nen des Begriffs „Volk“ im Deut­schen umfasst. Dadurch bleibt zwar der Lese­fluss erhal­ten, die Wir­kung die­ser Aus­sa­ge kann sich jedoch nicht voll und ganz ent­fal­ten.

In ande­ren Fäl­len geht Ber­n­of­sky geschick­ter mit den impli­zier­ten kul­tu­rel­len Anspie­lun­gen um, die im deut­schen Ori­gi­nal ver­streut sind. Im Rah­men einer Dis­kus­si­on der Kon­flik­te in Mali und Niger denkt Richard über die Rol­le sei­ner eige­nen Vor­fah­ren im Krieg nach:

Richard denkt an sei­nen Vater, der als deut­scher Sol­dat in Nor­we­gen und Russ­land war, um Kriegs­wir­ren zu erzeu­gen. Det­lef denkt an sei­ne Mut­ter, die mit der glei­chen Sorg­falt, mit der sie als deut­sches Mäd­chen die Zöp­fe flocht, dann spä­ter als Trüm­mer­frau Stei­ne klopf­te für den Wie­der­auf­bau.
Richard thinks of his father, who was sent to Nor­way and Rus­sia as a Ger­man sol­dier to pro­du­ce may­hem. Det­lef thinks of his mother, who with the same care with which she’d once brai­ded her hair as a young Ger­man girl had later tap­ped the mor­tar from pie­ces of stone as a rub­ble woman hel­ping to rebuild the coun­try.

Durch die Kur­siv­schrei­bung des Begriffs rub­ble woman anstel­le von „may­hem“, das im Eng­li­schen weni­ger betont ist als das deut­sche „Kriegs­wir­ren“, lenkt Ber­n­of­sky die Auf­merk­sam­keit der Leser. Die eng­li­schen Leser sind aller Vor­aus­sicht nach mit dem Begriff der Trüm­mer­frau­en nicht ver­traut. Mit­hil­fe der Kur­siv­schrei­bung deu­tet Ber­n­ofksy die ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­ebe­nen an, ohne von der wesent­li­chen Aus­sa­ge abzu­len­ken. Im Unter­schied zu dem Begriff Volk, wird durch die Über­set­zung rub­ble woman der Zusam­men­hang erklärt, auch wenn die Leser mit dem Kon­zept als sol­chem nicht ver­traut sind.

Die ver­ein­zel­ten Stel­len, an denen Ber­n­of­sky den Kon­text erklärt oder sogar erwei­tert, rei­chen jedoch nicht aus, um zu ver­hin­dern, dass man sich als Lese­rin der eng­li­schen Über­set­zung deut­lich stär­ker mit den Flücht­lin­ge iden­ti­fi­ziert, also den­je­ni­gen, die von außen auf die deut­sche Kul­tur schau­en. Richards eige­ne Erfah­run­gen als Frem­der wer­den im Roman zwar the­ma­ti­siert, bei­spiels­wei­se durch eine Rei­se nach Ame­ri­ka, wäh­rend der er „ganz durch­ein­an­der von Fremd­sein“ ist (im Eng­li­schen: „bes­i­de hims­elf with the for­eig­n­ness“). Die­ses Fremd­sein in der eng­lisch­spra­chi­gen Kul­tur geht aller­dings in der Über­set­zung ver­lo­ren, genau wie das „Guten Tag“ im Fluss des deut­schen Ori­gi­nals ver­sinkt:

Er klopft und war­tet, Awad macht ihm auf.
How are you?
Wahr­schein­lich gut, was soll er sagen.
How are you?
Auch Awad geht es gut.
Höf­lich­keits­flos­keln in einer Spra­che, in der weder der eine zu Hau­se ist noch der and­re.
He knocks and waits, and Awad opens the door.
How are you? Awad asks.
Pro­bab­ly he’s doing well, what else should he say?
How are you?
Awad’s doing well too.
Empty phra­ses signi­fy poli­teness in a lan­guage in which neit­her of them is at home.

Dass die eng­li­sche Über­set­zung die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Leser­schaft mit den Flücht­lin­gen bedingt, min­dert natür­lich nicht die Qua­li­tät die­ser Über­set­zung. Im Gegen­teil, sie mil­dert die durch­aus pro­ble­ma­ti­schen Aspek­te des Ori­gi­nals, das Gefahr läuft, die Situa­ti­on der Flücht­lin­ge gänz­lich aus einer pri­vi­le­gier­ten Per­spek­ti­ve zu betrach­ten – näm­lich der des hoch­ge­bil­de­ten Pro­fes­sors, der, als er die Geschich­ten der Flücht­lin­ge hört, Über­schnei­dun­gen zu sei­ner eige­nen Erfah­run­gen des Fremd­seins sucht. Die eng­li­schen Leser sind jedoch wie die Flücht­lin­ge in einer ande­ren Spra­che Zuhau­se und genau wie die­se nicht mit den Gepflo­gen­hei­ten der deut­schen Kul­tur ver­traut. Dadurch ver­schiebt sich die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Leser­schaft mit den Cha­rak­te­ren des Romans auf sub­ti­le und bedeut­sa­me Art und Wei­se.

In der Über­set­zung gehen so man­che der dif­fe­ren­zier­ten, kul­tu­rel­len Anspie­lun­gen des Ori­gi­nals ver­lo­ren. Die Iden­ti­fi­zie­rung aber mit den­je­ni­gen, die neu in Deutsch­land sind, ist gleich­wohl inter­es­san­ter. Sus­an Ber­n­of­sky hat so –ob beab­sich­tigt oder nicht – ein Werk geschaf­fen, das den Hype ver­dient.


Jen­ny Erpenbeck/Susan Ber­n­of­sky: Go, went, gone (Auf Deutsch: Gehen, ging, gegan­gen)

Gran­ta Books 2017 ⋅ 286 Sei­ten ⋅ 8,95 Euro

http://www.portobellobooks.com/go-went-gone‑2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.