Ingle­ño­le­mán

Die Mexikanerin Aura Xilonen hat mit ihrem Debütroman "Gringo Champ" Aufsehen erregt. Susanne Langes einfallsreiche und kreative Übersetzung auch. Von

Susanne Lange 2018. Copyright: Privat
Am 21. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir in den Wochen vor der Buch­mes­se alle fünf Nomi­nier­ten vor. Alle Fol­gen der Rei­he sind hier zu fin­den.

Das Buch

Libo­rio, der jun­ge Prot­ago­nist von Aura Xilo­nens Roman Grin­go Champ, weiß nicht so recht, wer er ist. Sei­ne leib­li­chen Eltern kennt er nicht und er ist sich nicht ein­mal ganz sicher, wie alt er eigent­lich ist. Wäh­rend sei­ner Kind­heit in Mexi­ko wird er miss­han­delt und beschließt, den Grenz­fluss zu durch­schwim­men, um in die USA zu gelan­gen. Er lan­det in einer Stadt nahe der Gren­ze und erzählt von dort aus sei­ne Geschich­te.

Zu Beginn des Romans arbei­tet Libo­rio für einen vul­gä­ren Buch­händ­ler, der ihn auf dem Dach­bo­den des Ladens über­nach­ten lässt. Dort liest er alles, was ihm in die Fin­ger kommt – fängt mit den Bil­der­bü­chern an und arbei­tet sich mit der Zeit bis zu den gro­ßen Wäl­zern durch. Ihm unbe­kann­te Wör­ter schlägt er nach, was sei­nem Wort­schatz anzu­mer­ken ist. Libo­rio ist wort­ge­wandt, schlag­fer­tig – und löst sei­ne Kon­flik­te den­noch lie­ber mit phy­si­scher Gewalt. Er hat nichts zu ver­lie­ren, gerät in Schlä­ge­rei­en und ver­traut auf sei­ne Fäus­te, sonst nichts.

Ahí rom­pí los lazos que me atab­an al mos­t­ra­dor de la book don­de tra­ba­jo: sen­tí vibrar el pol­vo a mi alre­de­dor y salí dis­pa­ran­do para ama­dre­ar­me los puños a su jeta, total, qué podia per­der si nun­ca he ten­i­do nada.
Da habe ich die Lei­nen gekappt, die mich an den Laden­tisch der Book ver­täu­ten, wo ich arbei­te, habe gespürt, wie der Staub um mich her­um in Auf­ruhr geriet, und bin raus­ge­schos­sen, um mir die Fäus­te an sei­ner Schnau­ze zu stau­chen, was hat­te ich zu ver­lie­ren, wo ich nie was beses­sen habe.

Libo­rio schlägt sich durch und lernt mit der Zeit auch, Hil­fe anzu­neh­men. So wird aus dem ver­arm­ten ille­ga­len Ein­wan­de­rer ein erfolg­rei­cher Boxer. Der Inhalt ist nicht frei von Kli­schees: Libo­rio ist ein har­ter Kämp­fer mit wei­chem Kern, fin­det Zuflucht in der Welt der Bücher und bringt es mit der Hil­fe güti­ger Mit­men­schen trotz schlim­mer Umstän­de zum Erfolg. Was die­ses Buch beson­ders macht, ist jedoch nicht sein Inhalt.

Die Spra­che der bei Ent­ste­hen des Romans 19-jäh­ri­gen Autorin Aura Xilo­nen ist gewal­tig. Vor allem der Prot­ago­nist wirkt durch den Gebrauch vie­ler Fremd­wör­ter in dem ansons­ten nied­ri­gen Sprach­re­gis­ter bei­na­he unge­wollt über­heb­lich. Eine so ori­gi­nel­le Aus­drucks­wei­se liest man ande­rer­seits nur sel­ten. Sei­ne Spra­che ist hoch­ge­sto­chen und zugleich tief im Umgangs­sprach­li­chen ver­an­kert, so grob wie poe­tisch.

Aura Xilo­nens Spa­nisch ist ver­schach­telt und hybrid. Spanglish, oder der von ihr bevor­zug­te Begriff Ingle­ñol (Ver­schmel­zung von ing­lés, Eng­lisch, und espa­ñol, Spa­nisch) ist eine sehr ober­fläch­li­che Beschrei­bung. Xilo­nen mischt nicht nur Spa­nisch mit eng­li­schen Aus­drü­cken son­dern auch Gemein­spra­che mit Bil­dungs­jar­gon, baut jede Men­ge inter­tex­tu­el­le Anspie­lun­gen ein und spielt zudem mit der Erfin­dung einer Men­ge neu­er Wör­ter. Dabei ent­steht eine ganz eige­ne Spra­che.

Cam­peón gaba­cho (gaba­cho, ähn­lich wie Grin­go, ein umgans­sprach­li­cher Aus­druck u.a. für US-Ame­ri­ka­ner) ist Aura Xilo­nens Debüt­ro­man und wur­de in Mexi­ko beju­belt. Sie reich­te die Geschich­te bei einem Wett­be­werb ein und erhielt den hoch­do­tier­ten Pre­mio Mau­ru­cio Achar. Das Buch erschien 2015, als von einer Mau­er an der Gren­ze noch kei­ne Rede war. Xilo­nen kon­zi­pier­te den Roman laut eige­ner Aus­sa­ge nicht als poli­ti­schen Kom­men­tar. Doch die jun­ge Autorin berei­chert die nord­ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur mit einer authen­ti­schen und ehr­li­chen Per­spek­ti­ve und sprengt dabei auf beein­dru­cken­de Art die Gren­zen ihrer eige­nen Spra­che.

Die Jury­be­grün­dung

„Das Debüt einer jun­gen Mexi­ka­ne­rin, die den US-Immi­gran­ten unter ihren Lands­leu­ten eine trot­zi­ge Stim­me ver­leiht. Susan­ne Lan­ge macht Libo­rio, den Buch­händ­ler, der zum Boxer wird, mit allen schnodd­ri­gen Wort­spie­len und alter­tüm­li­chen Wen­dun­gen auch im Deut­schen leben­dig.“

Die Über­set­zung

Es dau­ert eine Wei­le, sich in eine Über­set­zung hin­ein­zu­le­sen, in der „fok­kin“ das am häu­figs­ten ver­wen­de­te Adjek­tiv ist, Lan­ges Über­set­zung von Xilo­nens „foquin“, das wie­der­um das eng­li­sche „fuck­ing“ ver­ball­hornt. Xilo­nens Spra­che ist reich an Wort­spie­len, idio­ma­ti­schen Wen­dun­gen und Wort­neu­schöp­fun­gen. Die hybri­de spa­ni­sche Spra­che fließt in einem ele­gan­ten Rhyth­mus und Susan­ne Lan­ge über­trägt sie in ein eben­so hybri­des Deutsch. Das ist natur­ge­mäß etwas eigen­wil­lig und gewöh­nungs­be­dürf­tig:

–Fuck you, men – me gri­tan –. Fuck , fuck, fuck. Go home, foquin Prie­to, lár­ga­te al culo de tu puta madre, indio pat­ar­ra­ja­da.
»Fuck you, man«, rufen sie. »Fuck, fuck, fuck. Go home, fok­kin Drecks­mex, furz dich zurück zum Arsch dei­ner Mama, Pro­le­ten­in­dio.«

Doch wer durch­hält, fin­det zwi­schen all den „Fucks“ poe­ti­sche Wen­dun­gen:

„¡Ori­ta ven­go, put­ar­r­a­co cabe­zón, me voy con la due­ña de mi cora­zón!”, y se lanza­ba, intré­pi­do, como un puto astro­nau­ta ena­mo­ra­do hacia el foquin cie­lo.
»Komm gleich wie­der, zäher Zeck, ich geh zur Seño­ra mei­nes Her­zens!«, und wild ent­schlos­sen stürz­te er los, ein ver­knall­ter Astro­naut, direkt Rich­tung fok­kin Him­mel.

Man könn­te die Über­set­zung bewer­ten, indem man sie neben das Ori­gi­nal legt und Wort für Wort ver­gleicht. Die­se Her­an­ge­hens­wei­se wür­de der Leis­tung der Über­set­ze­rin jedoch nicht gerecht, denn sie ent­fernt sich stel­len­wei­se weit vom Ori­gi­nal. Das ist bei einem Buch wie die­sem nicht nur unver­meid­bar, son­dern auch abso­lut not­wen­dig. Susan­ne Lan­ge löst sich in den ent­schei­den­den Momen­ten von dem spa­ni­schen Text und schafft sich dadurch Raum für einen ori­gi­nel­len Umgang mit der deut­schen Spra­che. Und auch wenn nicht alle Aus­drü­cke und Wort­spie­le Xilo­nens ins Deut­sche über­tra­gen wer­den kön­nen, ver­sucht sie immer wie­der zu kom­pen­sie­ren, was sie an ande­ren Stel­len nicht ret­ten konn­te.

Aura Xilo­nen selbst ermu­tigt ihre Über­set­ze­rin­nen, frei mit dem Text umzu­ge­hen und mit der eige­nen Spra­che zu spie­len. Das beinhal­tet die Adap­ti­on kul­tu­rel­ler Aspek­te und den Gebrauch von Neo­lo­gis­men. Sie nimmt in Kauf, dass sich das Werk dadurch ver­än­dert. In einem Inter­view mit der Zeit­schrift The Rum­pus erklärt sie:

We have beco­me mono­to­nous, without color, without the beau­ti­ful games of lan­guage. And I ima­gi­ned that the same thing could hap­pen to peop­le from other coun­tries as well. We use much fewer words to wri­te ever­ything, and so rich and varied is this lan­guage. The­re­fo­re, when I worked with the trans­la­tors, I would exp­lain more or less the mea­ning of the word in Spa­nish, and they would try to con­vey a simi­lar mea­ning in their lan­guage, becau­se lan­guage must be in con­stant rebel­li­on, con­stant ten­si­on, to remain ali­ve. I didn’t want the novel to be trans­la­ted liter­al­ly. I wan­ted it to be a reinven­ti­on of lan­guage.
Ohne die schö­nen Sprach­spie­le sind wir mono­ton gewor­den, farb­los. Ich kann mir vor­stel­len, dass es den Leu­ten in ande­ren Län­dern genau­so gehen könn­te. Wir drü­cken uns mit viel weni­ger Wör­tern aus, dabei haben wir doch eine so rei­che und viel­sei­ti­ge Spra­che zur Ver­fü­gung. Wenn ich mit Über­set­ze­rin­nen arbei­te, erklä­re ich ihnen die gro­be Bedeu­tung eines Wor­tes auf Spa­nisch und sie sol­len ver­su­chen, die Bedeu­tung mehr oder weni­ger in ihre Spra­che zu über­tra­gen. Um leben­dig zu blei­ben, muss Spra­che immer rebel­lisch sein, sich rei­ben. Ich will nicht, dass das Buch wort­wört­lich über­setzt wird. Ich wün­sche mir eine Neu­erfin­dung der Spra­che.

Susan­ne Lan­ge folgt die­ser Anwei­sung. Ihre Über­set­zung ist frei, krea­tiv und zele­briert unkon­ven­tio­nel­len Sprach­ge­brauch. Aura Xilo­nens Sprach­wucht gin­ge in einer leicht leser­li­chen, idio­ma­ti­schen Über­set­zung völ­lig unter. Die Alter­na­ti­ve ist eine Über­set­zung in inno­va­ti­vem Deutsch, voll schie­fer Bil­der. Libo­ri­os „Kno­chen­mark ver­brut­zelt [ihm]“, Mis­ter Aba­cuc spricht „pytha­go­reisch, mit der Kathe­te sei­nes Lächelns“.

Was soll das? Wer redet so? Eigent­lich nie­mand – genau dar­in liegt der Reiz die­ses Tex­tes. Hybri­de und unkon­ven­tio­nel­le Spra­che wird in deut­schen Über­set­zun­gen oft über­flo­gen und höchs­tens ange­deu­tet. In Grin­go Champ wird sie in den Vor­der­grund gerückt und zele­briert.

Um wie Xilo­nen mit den Gren­zen der eige­nen Spra­che zu spie­len, baut die Über­set­ze­rin in den deut­schen Text Angli­zis­men und His­pa­nis­men ein. Den Wells Park etwa besu­chen Micker­fi­cker, Macker­f­acker, Chi­cas, Chi­cos, Can­dy­m­en, Schnorr­ze­cken, Spa­ño­le­ros und Fip­se. Libo­ri­os „Chief“ flüs­tert ihm mit einer „Pea­nut­stim­me“ (voz de tili­che) ins Ohr. Dabei nutzt Susan­ne Lan­ge auch eini­ge beson­de­re Vor­tei­le der deut­schen Spra­che, wie Kom­po­si­ta, die sich schier belie­big zusam­men­set­zen las­sen. Aus einer Wen­dung wie „árbol de noche tris­te“ macht sie eine „Trau­er­nacht­wei­de“, „cabe­za dura“ bezeich­net sie als „Gra­nit­bir­ne“ und aus „cos­til­las ama­rim­ba­das“ wer­den „Marim­ba­rip­pen“. Auch mit den gram­ma­ti­ka­li­schen Kon­ven­tio­nen der deut­schen Spra­che lässt sich spie­len. So bas­telt Lan­ge zum Bei­spiel aus Sub­stan­ti­ven Ver­ben: „Und was arbei­test du?«, gegen­fra­ge ich [Libo­rio] rasch.“

Über­set­zun­gen wie Grin­go Champ ste­chen her­aus. Nicht nur, weil ver­hält­nis­mä­ßig eher wenig latein­ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur auf Deutsch erscheint, son­dern auch auf­grund der außer­ge­wöhn­li­chen sprach­li­chen Her­an­ge­hens­wei­se. Über­set­ze­rin und Ver­lag ver­trau­en den Lese­rin­nen und Lesern, dass sie sich in den unge­wöhn­li­chen Roman hin­ein­le­sen und ihn ver­ste­hen wer­den – viel­leicht nicht jedes ein­zel­ne Wort, aber das sprach­li­che Gesamt­kunst­werk, das Xilo­nen und Lan­ge erschaf­fen haben.

Lieb­lings­satz

„Sie aber, mit der fok­kin Sanft­mut, die die Blind­heit gibt, sah mich erst, als es schon zu spät war, ein­ver­leibt der heid­ni­schen Nacht eines roten Bus­ses, als wir Mons­ter aus den alveo­lä­ren Kloa­ken der Stadt spros­sen, unter die­ser Hie­ro­gly­phe, die ekto­plas­mi­sche Hie­be auf eini­ge weni­ge reg­nen lässt, wenn inmit­ten der Stra­ßen, der Later­nen, der hän­gen­den Gär­ten der fok­kin Ster­ne jemand im Stil­len sich ver­liebt“

Zwei Fra­gen an die Nomi­nier­te

Was macht das Buch aus?
Susan­ne Lan­ge: „Grin­go Champ“ ist die Geschich­te eines jun­gen mexi­ka­ni­schen Ein­wan­de­rers in den USA, ille­gal und mit­tel­los. Aura Xilo­nen wirft ein inter­es­san­tes Licht auf die­sen gera­de ein­ge­trof­fe­nen „wet­back“, der nicht nur sei­ne Pro­ble­me mit den Nord­ame­ri­ka­nern, son­dern auch mit den Lati­nos hat. Doch den Reiz die­ses Buches macht vor allem sei­ne Spra­che aus: Xilo­nen voll­zieht die Fremd­heit und das lang­wie­ri­ge Ein­le­ben direkt in der Spra­che nach. Ihr Prot­ago­nist Libo­rio erobert sich da ein neu­es Ter­rain durch neue Wor­te, erfin­det bra­chi­al drauf­los, ob man ihn ver­steht oder nicht. Da mischen sich Schimpf­wör­ter mit Fach­spra­chen (denn bei sei­ner Arbeit in einer Buch­hand­lung arbei­tet er sich durch das gan­ze Lexi­kon), Rede­wen­dun­gen aus der Groß­el­tern­ge­nera­ti­on, Leih­ga­ben aus der Lite­ra­tur mit Erfun­de­nem. Die Beschimp­fun­gen rei­chen vom „stra­to­sphä­ri­schen Bas­tard“ bis zur „schril­len Fla­tu­lenz“, von der „Zün­del­ze­cke“ bis zum „Drecks­mex“. Hier wird also nicht nur eine Geschich­te erzählt, son­dern direkt sprach­lich erleb­bar gemacht.

Was haben Sie beim Über­set­zen gelernt?
Bei jeder Über­set­zung lernt man dazu. Das ist das Wun­der­ba­re dar­an. Da mir die Autorin völ­li­ge Frei­heit beim Erfin­den gege­ben hat, konn­te ich hier die Fle­xi­bi­li­tät der eige­nen Spra­che aus­lo­ten, konn­te Ver­ben bil­den und Wör­ter aus ande­ren Spra­chen ein­ge­mein­den. Je deut­li­cher sich beim Über­set­zen die Spra­che des Prot­ago­nis­ten her­aus­kris­tal­li­siert hat, des­to kla­rer wur­de mir auch, dass sich die Neu­schöp­fun­gen nicht als Soli­tä­re in den Text ein­fü­gen las­sen, son­dern alles vom Sprach­fluss, vom Rhyth­mus getra­gen wer­den muss. Wenn sie sich natür­lich in den Rede­fluss ein­fü­gen, erhal­ten selbst die unge­wöhn­lichs­ten Begrif­fe eine Art Selbst­ver­ständ­lich­keit. Natür­lich habe ich beim Über­set­zen auch mein Reper­toire an Beschimp­fun­gen ent­schei­dend erwei­tern kön­nen.


Aura Xilonen/Susanne Lan­ge: Grin­go Champ (Im spa­ni­schen Ori­gi­nal: Cam­peón gaba­cho)

Han­ser 2019 ⋅ 352 Sei­ten ⋅ 23 Euro

www.hanser-literaturverlage.de/buch/gringo-champ/978–3‑446–26000‑9/

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