„Über­all ist Wirklichkeit“

Eva Ruth Wemme ist die Übersetzerin der Stunde. Auf der Leipziger Buchmesse wurde sie für Gabriela Adameșteanus Roman „Verlorener Morgen“ ausgezeichnet. Ein Gespräch über ihre Übersetzung, ihre Liebe zu Rumänien und die Realität. Interview: und

Große Leinwand für die Übersetzerin: Eva Ruth Wemme bedankt sich für den Preis der Leipziger Buchmesse. Foto: Die Andere Bibliothek

Eva Ruth Wem­me, war­um über­set­zen Sie?
Ursprüng­lich aus Spaß! Aber es hat auch etwas Mis­sio­na­ri­sches: Ich habe die Viel­falt der rumä­ni­schen Lite­ra­tur ken­nen­ge­lernt – war­um soll­ten Leu­te, die zufäl­lig kein Rumä­nisch kön­nen, dar­an kein Ver­gnü­gen haben?! Also ver­wen­de ich die Spra­che als Instru­ment, Sie dar­an teil­ha­ben zu lassen.

Sie schrei­ben ja auch eige­ne Tex­te, dazu müs­sen Sie das Instru­ment der Spra­che eben­falls beherr­schen. Inwie­fern ist das Über­set­zen anders?
Das Über­set­zen ist auf jeden Fall viel spie­le­ri­scher. Man muss die Tem­pe­ra­tur nicht so stark regu­lie­ren. Natür­lich muss ich schau­en, dass ich die Tem­pe­ra­tur der Autorin tref­fe, aber als Autorin muss ich den Ofen sozu­sa­gen sel­ber anma­chen. Ich ver­spü­re dann auch viel mehr Ver­ant­wor­tung, weil ich etwas Bestimm­tes will und das auch tref­fen muss. Das ist eine grö­ße­re Anstrengung.

Im Inter­view mit Dag­mar Bru­now auf dem Über­set­zer­zen­trum der Leip­zi­ger Buch­mes­se haben Sie dazu auf­ge­ru­fen, das Über­set­zen als eigen­stän­di­ge Kunst­form zu begrei­fen. Was macht die­sen Beruf denn aus? Was ist eine selbst­be­wuss­te Übersetzung? 
Beim Über­set­zen muss man noch mehr – oder ande­re – Tricks ken­nen. Ich brau­che ein ande­res Instru­men­ta­ri­um, das ja auch spe­zi­ell auf die Spra­che abge­stimmt sein muss. Dazu muss ich mich an die Aus­gangs­spra­che gewöh­nen und an die Schar­nie­re, die ich für bestimm­te Idio­me erfin­de, damit sie auch im Deut­schen funk­tio­nie­ren. Das braucht Übung.

Was für Schar­nie­re ver­langt das Rumänische?
Zum Bei­spiel muss man Mil­lio­nen Gerun­di­en über­set­zen, ohne dau­ernd Gerun­di­en zu verwenden.

Sie woll­ten ja erst über­set­zen und haben dann Rumä­nisch gelernt – das ist eher unge­wöhn­lich. Woher kam der Wunsch zu über­set­zen, und woher kam der Wunsch, Rumä­nisch zu lernen?
Ich wuss­te, ich möch­te gern mit Stift und Papier arbei­ten. Den Über­set­zer­be­ruf habe ich gewählt, weil ich als 19-Jäh­ri­ge nicht gleich sagen woll­te: „Ich wer­de Schrift­stel­le­rin!“ Und Eng­lisch oder Fran­zö­sisch über­set­zen woll­te ich nicht, das machen schon so vie­le. Ost­eu­ro­pa hat mich immer inter­es­siert; ich woll­te erst Pol­nisch ler­nen, aber das erwies sich als zu schwer für mich. Ich muss­te jedes Wort mit Mühe aus­wen­dig ler­nen und habe kei­ner­lei Zusam­men­hang gese­hen. Rumä­nisch ist ja eine roma­ni­sche Spra­che, und da ich auf einem alt­sprach­li­chen Gym­na­si­um war, bot sich das an.

Ist Rumä­ni­en wirk­li­cher als Deutschland? 
Wirklicher?

In Ihrem Buch Ama­lin­ca haben Sie geschrie­ben, in Rumä­ni­en hät­ten Sie einen „Zip­fel der Wirk­lich­keit“ ergriffen.
Das ist eine per­sön­li­che Geschich­te. Damals such­te ich die Wirk­lich­keit und die Rei­bung, und in Rumä­ni­en kamen mir die Tat­sa­chen ent­ge­gen. Aber natür­lich ist über­all Wirklichkeit.

Was fas­zi­niert Sie so an Rumä­ni­en? In Ama­lin­ca bezeich­nen Sie das Land an einer Stel­le als „ver­narbt“.
Die Nar­ben der Geschich­te erkennt man in Rumä­ni­en über­all: an den Dör­fern, an den Städ­ten, an den Gesich­tern der Men­schen, an der Spra­che, an der Archi­tek­tur, am Zer­fa­sern der Dör­fer. Dazu gehört auch, dass man kei­nen Ärmel über die Nar­be zieht, son­dern sie offen zeigt. Als ich Anfang der neun­zi­ger Jah­re zum ers­ten Mal nach Rumä­ni­en fuhr, hat­te man noch nicht so viel Ärmel dar­über gezo­gen. Fünf­und­zwan­zig Jah­re spä­ter woll­te ich mei­nem Mann das ver­narb­te Buka­rest zei­gen, aber es war nicht mehr da. Das Zen­trum ist reno­viert und tou­ris­ten­be­reit. Nur: es war das Feh­len genau die­ser Ober­flä­che gewe­sen, das mir erlaubt hat­te, mich dort hei­misch zu fühlen.

Im Ver­lo­re­nen Mor­gen kom­men vie­le die­ser Nar­ben vor. Haben Sie das Rumä­ni­en, das die­ses Buch beschreibt, noch kennengelernt?
Die­ses Rumä­ni­en ken­ne ich nur aus Erzäh­lun­gen. Die Erzäh­lun­gen von Gabrie­la Ada­meş­te­anu und vie­len Rumä­nen las­sen sich zu hun­dert Pro­zent mit dem ver­ein­ba­ren, was das Buch beschreibt.

Was ist denn untergegangen?
Es ist nichts unter­ge­gan­gen, die­ses Rumä­ni­en ist noch immer zu fin­den. Unter der Ober­flä­che des euro­pa­schwan­ge­ren Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus schwelt wei­ter­hin die Trau­rig­keit und Schick­sal­haf­tig­keit, die das gan­ze Land aus­macht und mit der die Rumä­nen ihre eige­ne Geschich­te betrach­ten. Auch die Figu­ren im Ver­lo­re­nen Mor­gen ver­su­chen immer, sich selbst und ihren Prin­zi­pi­en mora­lisch treu zu blei­ben, obwohl die­se von der Außen­welt und den Gescheh­nis­sen immer wie­der tor­pe­diert werden.
Die Vicas gibt es in Rumä­ni­en noch  immer und die Rent­ner, die von ein paar Toma­ten am Tag leben. Ihr Leben ist geprägt von Alters­ar­mut und einer tie­fen Ver­zweif­lung am Leben. Die­se Ver­zweif­lung gibt es nach wie vor, aber heu­te ist sie von Euro­pa gemacht. Die Vicas von heu­te sind Opfer einer Poli­tik, die total ver­sagt hat. Die poli­ti­sche Men­ta­li­tät Rumä­ni­ens stammt eigent­lich auch aus die­ser Zeit, nur wer­den die äuße­ren Pat­terns jetzt von Euro­pa vor­ge­ge­ben. Das hat das Land zurück­ka­ta­pul­tiert statt vor­wärts. Davon pro­fi­tie­ren nur weni­ge Leu­te, die es ver­stan­den haben, mit­zu­schwim­men. Die zeigt der Roman ja auch.

Wäre Rumä­ni­en außer­halb der EU bes­ser aufgehoben?
Nein, das will ich damit gar nicht sagen. Rumä­ni­en hat zur­zeit – im Gegen­satz zu wei­ter öst­lich lie­gen­den Län­dern – kei­ne ande­re Wahl, als in der EU zu sein. Aber es tut dem Land kei­nes­wegs aus­schließ­lich gut.

Sie haben in Ber­lin ja tag­täg­lich mit Rumä­ni­en, bzw. mit Rumä­nen zu tun.
Denen tut es wie­der­um gut, weil sie gehen konn­ten. Das tun sehr vie­le, in Rumä­ni­en spricht man über­all von Mas­sen­emi­gra­ti­on. Ich selbst habe nun in mei­ner Arbeit nur mit den Ärms­ten der Migran­ten zu tun, nicht mit den gebil­de­ten Ärz­ten, die sich allei­ne zu hel­fen wis­sen. Trotz­dem sagen alle, selbst wenn sie in – für mich – ent­setz­li­chen Ver­hält­nis­sen leben: Gut, dass wir hier sind, denn da hät­ten wir das so nicht geschafft.

Ada­meş­te­a­nus Ver­lo­re­ner Mor­gen ist jetzt auch end­lich hier. In Rumä­ni­en ist das Buch ja schon vor drei­ßig Jah­ren erschie­nen. Eine lan­ge Zeit.
Ja, Gabrie­la Ada­meş­te­anu ist seit Lan­gem mit rie­si­ger Mühe und unglaub­li­chem Opti­mis­mus von Ver­lag zu Ver­lag gelau­fen und hat immer ver­sucht, die­ses Buch an den Mann zu bringen.

Wie ist es dann bei der Ande­ren Biblio­thek gelandet?
Über Jan Kon­eff­ke, einen deut­schen Schrift­stel­ler, der aber auch rela­tiv gut Rumä­nisch kann, sich mit der rumä­ni­schen Lite­ra­tur­sze­ne aus­kennt und sich in Deutsch­land für sie ein­setzt. Die­ses Buch hat tat­säch­lich er an den Ver­lag gebracht.

Sie haben die Autorin per­sön­lich ken­nen­ge­lernt und mit ihr zusam­men­ge­ar­bei­tet. Hat sie sich in die­sem Buch auch selbst porträtiert?
In allen Figu­ren sind auch Tei­le von ihr – genau­so wie ich dann mei­ne Sprach­an­tei­le irgend­wo spie­geln muss­te. Selbst in dem hin­ter­häl­tigs­ten Titi Ialo­miţea­nu muss­te ich mich sprach­lich wie­der­fin­den. Für sie war es sicher drei­mal so furcht­bar wie für mich, sich damit zu iden­ti­fi­zie­ren. Denn sie schreibt ja auch ver­ständ­nis­voll über die Schwä­chen die­ser Figur.
Die Figur der Vica Del­că habe ich durch unser Ken­nen­ler­nen noch plas­ti­scher gese­hen. Gabrie­la Ada­meş­te­anu hat auch etwas von Vica. Sie ist eine fei­ne Dame, ver­fügt aber auch über die gro­ßen Ges­ten, die in Vicas Tira­den lie­gen, und über die Frei­zü­gig­keit, mit der sie Wer­tun­gen von sich gibt und Din­ge für sich ein­schätzt, dann aber plötz­lich auf einen lie­be­vol­len Blick umschal­tet. Dass das bei Vica alles mit­ein­an­der zusam­men­hängt und sie nicht bloß eine ordi­nä­re alte Frau ist, konn­te ich durch die Begeg­nung mit Gabrie­la Ada­meş­te­anu bes­ser verstehen.

Ändert das die Her­an­ge­hens­wei­se? Ver­spü­ren Sie ihr gegen­über Verantwortung?
Die spü­re ich sowie­so immer. Das gehört mit zum Beruf, so wie ein Pilot auch Ver­ant­wor­tung trägt. Umso mehr freut es mich, dass es gelun­gen ist – auch für sie. Sie ist ja auch nicht mehr dreißig.

Wir fan­den es in der Tat sehr gelun­gen, haben aber gehört, dass Sie gar nicht ganz zufrie­den sind.
Wenn ich das Buch auf­schla­ge, sehe ich auf jeder Sei­te etwas, das ich hät­te anders machen kön­nen. Aber das ist eigent­lich fast immer so.

Man merkt dem Text an, dass es sich um eine Über­set­zung han­delt. Hät­ten Sie ger­ne noch mehr geglättet?
Nein, ich über­set­ze nicht so, dass ich Sät­ze immer wei­ter umstel­le, bis sie „deutsch“ klin­gen. Es ist tat­säch­lich mein Cre­do, dass das Rumä­ni­sche ein biss­chen durch­schim­mern soll. Ein über­setz­ter Text muss trans­pa­rent sein.

Eva Ruth Wem­me, 1973 in Pader­born gebo­ren, stu­dier­te in Köln, Ber­lin und Buka­rest und lebt in Ber­lin. Sie war Dra­ma­tur­gin am Schau­spiel­haus Chem­nitz und ist als Autorin, Über­set­ze­rin und Bera­te­rin für Migran­tin­nen und Migran­ten aus Rumä­ni­en tätig. Sie über­setz­te u.a. Mir­cea Carta­re­s­cu, Ste­fan Ago­pian und I.L.Caragiale aus dem Rumä­ni­schen. Im Ver­bre­cher Ver­lag hat sie die Bücher „Mei­ne 7000 Nach­barn“ (2015) und zusam­men mit Sil­via Cris­ti­na Stan „Ama­lin­ca“ (2018) veröffentlicht. 


Gabrie­la Adameșteanu/Eva Ruth Wem­me: Ver­lo­re­ner Mor­gen (Im rumä­ni­schen Ori­gi­nal: Dimi­ne­ață pierdută)

Die Ande­re Biblio­thek 2018 ⋅ 564 Sei­ten ⋅ 42 Euro

www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Verlorener-Morgen::741.html

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