Eine gol­de­ne Him­bee­re für Net­flix

Mit „Roma“ hat der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón ein preisgekröntes Meisterwerk geschaffen. Die deutschen Untertitel, die offenbar aus der englischen Fassung übersetzt wurden, gewinnen vermutlich keine Preise: Sie werden diesem subtilen Film nicht gerecht. Von

Tepeji 22, Colonia Roma, Schauplatz des Films. Bild (bearbeitet): Wikimedia

Der euro­päi­sche Ver­band audio­vi­su­el­ler Über­set­zer AVTE und der fran­zö­si­sche Ver­band audio­vi­su­el­ler Über­set­zer ATAA haben vor weni­gen Tagen einen Appell an Fil­me­ma­che­rin­nen und Fil­me­ma­cher ver­öf­fent­licht. Die Ver­bän­de rufen zu einer bes­se­ren Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Film­bran­che und Unter­tit­lern auf, um in Zei­ten, in denen Fil­me vor allem über Strea­ming­diens­te kon­su­miert wer­den, eine hohe Qua­li­tät der Unter­ti­te­lun­gen sicher­zu­stel­len und die Arbeit pro­fes­sio­nel­ler Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer zu wür­di­gen. Das Unter­ti­tel­fo­rum, ein deut­scher Ver­ein audio­vi­su­el­ler Über­set­zer, schließt sich dem Appell voll und ganz an:

Ein Film bleibt außer­halb sei­ner eige­nen Sprach­re­gi­on für ein aus­län­di­sches Publi­kum bedeu­tungs­los, wenn er nicht über­setzt ist. Aller­dings muss er so unter­ti­telt sein, dass aus­län­di­sche Zuschauer*innen ihn genau­so mit Gewinn anschau­en kön­nen, wie die Zuschauer*innen, die die Originalsprache(n) ver­ste­hen. Gelingt das nicht, wer­den die Unter­ti­tel also bemerkt, obwohl das nicht der Fall sein soll­te, dann wird der Zuschau­er in sei­ner Wahr­neh­mung von Bild, Dia­log und Ton gestört.

Als aktu­el­les und bedau­er­li­ches Bei­spiel für Unter­ti­te­lun­gen, die nicht den pro­fes­sio­nel­len Stan­dards ent­spre­chen, wer­den in dem Appell die eng­li­schen und fran­zö­si­schen Unter­ti­tel von Roma genannt. Auch die deut­schen Unter­ti­tel las­sen eini­ges zu wün­schen übrig.

Roma, ein Schwarz-Weiß-Film des mexi­ka­ni­schen Fil­me­ma­chers Alfon­so Cuarón, aus­ge­zeich­net u.a. mit dem gol­de­nen Löwen von Vene­dig und einem Oscar als bes­ter nicht-eng­lisch­spra­chi­ger Film, zeigt ein Jahr im Leben einer mexi­ka­ni­schen Fami­lie und ihrer indi­ge­nen Haus­häl­te­rin Cleo in der frü­hen 70er Jah­ren. Der Titel Roma bezieht sich auf den Schau­platz des Gesche­hens, Colo­nia Roma, einen Stadt­teil von Mexi­ko-Stadt und Hei­mat­ort des berühm­ten Regis­seurs. Roma ist einer der unge­wöhn­lichs­ten Fil­me der ver­gan­ge­nen Jah­re: Nicht nur, weil lei­se Schwarz-Weiß-Fil­me sel­ten sind, son­dern auch, weil es einer der bis­lang erfolg­reichs­ten vom Inter­net-Strea­ming-Dienst Net­flix pro­du­zier­ten Fil­me ist.

Die ers­te Sze­ne des Films zeigt die indi­ge­ne Cleo, wie sie Hun­de­kot aus der Haus­ein­fahrt ent­fernt. Sie arbei­tet als Haus­häl­te­rin für ein Ehe­paar mit vier Kin­dern. Der Vater Anto­nio ver­lässt die Fami­lie und Cleo wird schwan­ger, wor­auf­hin ihr Freund spur­los ver­schwin­det. Der Film fokus­siert auf die­se Frau­en­fi­gu­ren, bei­de auf ihre Art ein­sam, und zeigt wie sie mit ihrer Ein­sam­keit umge­hen und ler­nen, auf wen sie sich ver­las­sen kön­nen und auf wen nicht.

Der Film bril­liert mit einer beein­dru­cken­den Bild­spra­che, die nicht über­setzt wer­den muss. Da es auf Net­flix kei­ne Syn­chron­fas­sun­gen gibt, ist ein Groß­teil derer, die den Film sehen, auf die Unter­ti­tel ange­wie­sen um das Gespro­che­ne im Film zu ver­ste­hen. Unter­ti­tel wer­den auf Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Rus­sisch ange­bo­ten, Audi­o­de­skrip­ti­on für Hör­ge­schä­dig­te gibt es auf Spa­nisch und Eng­lisch. Die Figu­ren im Film spre­chen mexi­ka­ni­sches Spa­nisch und stel­len­wei­se unter­hal­ten sich indi­ge­ne Cha­rak­te­re auch auf Mix­te­co, einer Spra­che mit etwa 20.000 Spre­chern, älter als Mexi­ko selbst, die man mit­hil­fe einer App erler­nen kann. In den deut­schen Unter­ti­teln von Michè­le Jochem Yunus wer­den sowohl spa­ni­sche als auch die Pas­sa­gen in indi­ge­nen Spra­chen (weit­ge­hend) über­setzt.

Für Regis­seur Alfon­so Cuarón war die Fra­ge der Unter­ti­te­lung des Fil­mes schon früh ein Streit­punkt. Net­flix hat­te vor­ge­se­hen, für spa­ni­sche Zuschaue­rin­nen und Zuschau­er Unter­ti­tel zur Ver­fü­gung zu stel­len, in der Annah­me, sie wür­den das mexi­ka­ni­sche Spa­nisch des Fil­mes nicht aus­rei­chend ver­ste­hen. Der Regis­seur ver­ur­teil­te dies und bezeich­ne­te es als lächer­lich. In den ver­schie­de­nen Varie­tä­ten wird z.B. die zwei­te Per­son Plu­ral unter­schied­lich ver­wen­det (ustedes und voso­tros). Auch auf lexi­ka­li­scher Ebe­ne wur­den Aus­drü­cke ange­passt (wie z.B. mamá zu madre, ver­gleich­bar mit dem deut­schen Mama/Mutter). Dies führt zu der ver­wir­ren­den Situa­ti­on, dass die Unter­ti­tel sich für Spa­ni­er deut­lich von dem Gespro­che­nen unter­schei­den und ver­mit­telt den Ein­druck, dass die mexi­ka­ni­sche Varie­tät nicht den­sel­ben Sta­tus hat wie die ibe­ri­sche. Nach dem Auf­ruhr ent­fern­te Net­flix die Unter­ti­tel für Spa­ni­er; nun gibt es nur noch die spa­ni­schen Unter­ti­tel für Hör­ge­schä­dig­te.

Die zwi­schen­mensch­li­chen Kon­flik­te im Film ent­ste­hen durch unzu­läng­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on und Miss­ver­ständ­nis­se, auch und vor allem zwi­schen Figu­ren, die eigent­lich die­sel­be Spra­che spre­chen. Wie die Cha­rak­te­re mit­ein­an­der spre­chen – was sie sagen und wie sie es sagen – ist ein wesent­li­cher Bestand­teil des Aus­sa­ge des Fil­mes und somit ist auch eine äqui­va­len­te Über­tra­gung des Gespro­che­nen in der Über­set­zung von gro­ßer Rele­vanz.

Wenn die Figu­ren zusätz­lich noch wei­te­re Spra­chen spre­chen, die nicht ver­wandt oder gegen­sei­tig ver­ständ­lich sind, wie Mix­te­co oder Eng­lisch, wird das Motiv des Ver­ste­hens und Nicht-Ver­ste­hens noch deut­li­cher. Cleo und Ade­la, ihre Freun­din und eben­falls Ange­stell­te im Haus­halt, unter­hal­ten sich auf einer Spra­che, die von den Fami­li­en­mit­glie­dern nicht ver­stan­den wird. Beson­ders irri­tie­rend wirkt das auf die Kin­der, die genervt sind, weil sie die indi­ge­ne Spra­che nicht ver­ste­hen und der Jun­ge Cleo und Ade­la bit­tet:

¿Qué dicen? Ya no hablen así.
Was sagst du? Hör auf, so zu reden.

Die Unter­ti­te­lung von Fil­men ist mit dem Über­set­zen von Lite­ra­tur eng ver­wandt. Wie beim lite­ra­ri­schen Über­set­zen gilt es, eine ande­re Spra­che ins Deut­sche zu über­tra­gen und auf Sprach­re­gis­ter der Figu­ren zu ach­ten und Umgangs­spra­che adäquat zu über­tra­gen. In der Form sind Unter­tit­ler jedoch stark ein­ge­schränkt. Eine ange­neh­me Lese­ge­schwin­dig­keit für einen erwach­se­nen Men­schen beträgt etwa 200 Wör­ter pro Minu­te oder etwa 17 Zei­chen pro Sekun­de. Das schränkt die Arbeit von Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern enorm ein und lässt oft wenig Spiel­raum für ela­bo­rier­te For­mu­lie­run­gen. Auch Wort­spie­le und sprach­li­che Mit­tel kön­nen oft nicht über­tra­gen wer­den.

Wenn Wort­spie­le aller­dings Teil län­ge­rer Dia­lo­ge sind und im Lau­fe des Gesprächs wie­der auf­ge­grif­fen wer­den, müs­sen sie zwangs­läu­fig beach­tet wer­den. Bei den deut­schen Unter­ti­teln zu Roma wird dies ver­sucht und gelingt stel­len­wei­se auch ganz gut. Im Rah­men einer Fami­li­en­fei­er außer­halb der Stadt spa­zie­ren eini­ge Erwach­se­ne und Kin­der über ein Feld:

- No cor­ren tan lejos, nada más lle­gamos a la fal­da y nos regresa­mos.
-¿Qué fal­da?
‑La del cer­ro.
-¿El cer­ro tiene fal­da?
‑Si la fal­da, la base, pues, mijo.
‑Alex, el cer­ro tiene fal­da. Si nos aga­che­mos, pode­mos ver­le los cal­zo­nes.
-¿Qué hacen? Vién­do­le los cal­zo­nes al cer­ro.
‑El cer­ro no tiene cal­zo­nes, babo­so.
‑Tú tampo­co.
- Am Saum des Hügels keh­ren wir wie­der um.
– Saum?
‑Zum Abhang.
‑Der Hügel hat einen Saum?
‑Das Gefäl­le eben!
‑Alex! Der Hügel hat einen Saum. Wie ein Rock. Bücken wir uns, sehen wir sei­ne Unter­ho­se.
‑Was machst du?
‑Ich sehe mir die Unter­ho­se des Hügels an. Hügel haben kei­ne Unter­ho­sen
‑Du auch nicht!
‑Arsch­loch!

„Fal­da del cer­ro“, wort­wört­lich der Rock eines Hügels oder Bergs, beschreibt den unte­ren Teil eines Ber­ges, zu Deutsch den „Fuß“. Da das Bild im Dia­log ein­ge­bun­den ist und mit kind­li­chem Humor erklärt wird, muss­te die Unter­tit­le­rin ein neu­es Bild fin­den. Mit Saum ist dies mög­lich, muss aber zusätz­lich erklärt wer­den (Der Hügel hat einen Saum). Dies wirkt zwar im Dia­log etwas unna­tür­lich, doch der Grund für den erklä­ren­den Ein­schub erschließt sich aus dem Zusam­men­hang und er ist für das Ver­ständ­nis des Dia­logs not­wen­dig, auch wenn Hügel im Deut­schen streng genom­men kei­nen Saum haben.

An ande­ren Stel­len, wo sich die Unter­ti­tel wei­ter vom gespro­che­nen Spa­nisch ent­fer­nen, sind die Inten­tio­nen der Unter­tit­le­rin nicht so klar. Ein­mal hagelt es in Roma. Die Kin­der sam­meln im Vor­hof Hagel­kör­ner auf und sin­gen dabei ein mexi­ka­ni­sches Kin­der­lied, das in den deut­schen Unter­ti­teln zwar über­setzt, aber zusam­men­ge­fasst und inhalt­lich stark abge­än­dert wur­de:

Que llue­va, que llue­va
La Vir­gen de la Cue­va
Los paja­ri­tos can­tan,
Las nubes se levan­tan.
Es reg­net! Es schüt­tet!
Der alte Mann schnarcht.

Eine genaue­re Über­set­zung des Inhalts wäre:

Es reg­ne, es reg­ne
Die Jung­frau der Höh­le
Die Vög­lein sin­gen
Die Wol­ken stei­gen auf.

Der kur­ze Abschnitt ist nicht hand­lungs­re­le­vant und es spielt für den wei­te­ren Film kei­ne wesent­li­che Rol­le, ob die Vög­lein und die Wol­ken in den deut­schen Unter­ti­teln vor­kom­men. Klar ist aber, von einem alten schnar­chen­den Mann ist nir­gend­wo die Rede und es ist daher frag­lich, war­um er in den deut­schen Unter­ti­teln vor­kommt. Höchst­wahr­schein­lich hat er sich über die eng­li­sche Über­set­zung hin­ein­ge­schli­chen. Schließ­lich gibt es einen eng­li­schen Kin­der­reim: It’s rai­ning, it’s pou­ring, the old man was sno­ring.

Wei­te­re Feh­ler in der Über­set­zung las­sen ver­mu­ten, dass die Erstel­le­rin der Unter­ti­tel tat­säch­lich mit einer eng­li­schen Vor­la­ge gear­bei­tet hat, anstatt mit den spa­ni­schen Ori­gi­nal­dia­lo­gen. So sind etwa ver­ein­zel­te eng­li­sche Stel­len gar nicht unter­ti­telt. Auch vie­le Unge­nau­ig­kei­ten in der Ver­wen­dung von Sin­gu­lar und Plu­ral in direk­ter Anre­de deu­ten dar­auf hin, wie in der bereits zitier­ten Bit­te des Jun­gen an Cleo, Spa­ni­sche zu spre­chen: „¿Qué dicen? Ya no hablen así“, ist im Spa­ni­schen Plu­ral; die Unter­ti­tel „Was sagst du? Hör auf, so zu reden“ aller­dings Sin­gu­lar. Im Eng­li­schen sind die bei­den For­men der Anre­de gleich. Außer­dem heißt der mexi­ka­ni­sche Snack „gan­si­tos“, eine Art klei­ner Kuchen mit Erd­beer­mar­me­la­de und cre­mi­ger Fül­lung, in den deut­schen Unter­ti­teln „Twin­kie“, was wie­der­um eine ver­gleich­ba­re, in den USA popu­lä­re Süßig­keit ist, in Euro­pa aber weit­ge­hend unbe­kannt.

Eines der Kin­der bit­tet Cleo um einen „licua­do de plá­ta­no“, eine Bana­nen­milch. In den eng­li­schen Unter­ti­teln fragt er nach einem „bana­na smoot­hie“ und in deut­schen Unter­ti­teln heißt es: „Cleo, kann ich einen Smoot­hie haben?“ Dies erklärt, woher der Aus­druck Smoot­hie kom­men könn­te, der mitt­ler­wei­le auch Ein­zug in die deut­sche Spra­che gehal­ten hat, zum Zeit­punkt der Hand­lung 1970 aller­dings noch nicht, und auch im Eng­li­schen wur­de der Aus­druck erst in den 1980er Jah­ren popu­la­ri­siert.

Vie­le der Unge­nau­ig­kei­ten der deut­schen Unter­ti­tel sind Fra­gen der Ver­ein­heit­li­chung. So wird die Mut­ter manch­mal als Seño­ra Sofia, an ande­ren Stel­len jedoch über­setzt als Frau Sofia bezeich­net. Die Haupt­fi­gur Cleo heißt ein­mal Cleolega­ria, an einer ande­ren Stel­le Cleodega­ria. Zudem wer­den Spre­cher­wech­sel nicht immer rich­tig ange­zeigt und im Ori­gi­nal ist der Beruf der Mut­ter Che­mi­ke­rin (quí­mi­ca), in den deut­schen Unter­ti­teln wird sie als Bio­che­mi­ke­rin bezeich­net. Aus dem bekann­ten, eher mit Pud­ding ver­gleich­ba­ren Nach­tisch flan wird eine Geschmacks­rich­tung von Eis.

Feh­ler in der Ver­ein­heit­li­chung der Schreib­wei­sen wer­den nur bei sehr genau­em Lesen der Unter­ti­tel über­haupt wahr­ge­nom­men. Doch Miss­ach­tung des Sprach­re­gis­ters ver­an­lasst, dass die Aus­sa­ge in den Unter­ti­teln nicht zu der Stim­mung der Sze­ne passt und bewirkt somit eine ver­zerr­te Wahr­neh­mung. Deut­lich wird dies etwa bei Beschimp­fun­gen. Die Kin­der belei­di­gen sich in geschwis­ter­li­cher Riva­li­tät des öfte­ren unter­ein­an­der als „babo­so“, was einen Schlei­mer aber auch einen ein­fäl­ti­gen Dumm­kopf bezeich­nen kann. In den deut­schen Unter­ti­teln wird der Aus­druck als „Idi­ot“ und auch als „Arsch­loch“ über­setzt, eine Wort­wahl, die im Deut­schen eine sehr star­ke Beschimp­fung ist und abso­lut nicht zur Aus­drucks­wei­se und dem Cha­rak­ter der jun­gen Figur passt.

Wei­te­re Unge­nau­ig­kei­ten, wie etwa Unter­schei­dun­gen zwi­schen Sin­gu­lar und Plu­ral oder for­ma­ler und infor­ma­ler Anre­de, ver­än­dern eben­falls wie die Figu­ren rezi­piert wer­den. Als Cleo Sofia, Mut­ter der Fami­lie und ihrer Arbeit­ge­be­rin, gesteht, dass sie ein Kind erwar­tet, hat sie Angst, dafür gekün­digt zu wer­den.

-¿Me va a cor­rer?
-¿Cor­rer? Cla­ro que no, Cleo, como crees, no seas ton­ta.
-Wer­den Sie mir kün­di­gen?
‑Kün­di­gen? Natür­lich nicht!

Im Spa­ni­schen, wie auch in den deut­schen Unter­ti­teln spricht Cleo mit ihrer Vor­ge­set­zen per Sie, in der gekürz­ten Ant­wort der Mut­ter ist die Art der Anre­de nicht mehr klar. Im Spa­ni­schen sagt sie: „Kün­di­gen? Natür­lich nicht, Cleo, wie kommst du dar­auf, sei nicht dumm.“ Das wäre für die Unter­ti­tel viel zu lang und wur­de daher ver­mut­lich gekürzt. Doch gera­de in einem Film, in dem inter­ne Hier­ar­chien und zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen von Figu­ren aus unter­schied­li­chen sozia­len Klas­sen eine wesent­li­che Rol­le spie­len, geht ein Teil des Aus­sa­ge ver­lo­ren, wenn in den Unter­ti­teln nicht auf Sprach­re­gis­ter und Art der Anre­de geach­tet wird.

Cleo, oder Cleo­le­ga­ria, oder Cleo­de­ga­ria, ist in vie­ler­lei Hin­sicht eine Außen­sei­te­rin in der Gesell­schaft. Sie ist eine Frau, erwar­tet ein unehe­li­ches Kind, der Vater des Kin­des hat sie ver­las­sen und außer­dem ist sie indi­ge­ner Abstam­mung. Es ist ein wich­ti­ger Aspekt der Aus­sa­ge des Fil­mes, dass ihre indi­ge­ne Spra­che in ihrem unmit­tel­ba­ren Umfeld nicht von allen ver­stan­den wird. Genau­so ist es wich­tig, wie die Figu­ren, die in die­sem Haus leben, mit­ein­an­der spre­chen – die Eltern mit Kin­dern, Cleo mit den Kin­dern, die Eltern mit Cleo, Cleo mit ihren Kol­le­gen. Dadurch wer­den die Bezie­hun­gen zwi­schen den Per­so­nen ver­deut­licht und Hier­ar­chien erklärt. Wenn aber in den Unter­ti­teln nicht dar­auf geach­tet wird, sind die Zuschau­er dar­auf ange­wie­sen, Schlüs­se aus dem Ton­fall und Ver­hal­ten der Cha­rak­te­re zu zie­hen.

Der fran­zö­si­sche Ver­band audio­vi­su­el­ler Über­set­zer (ATAA) ver­öf­fent­lich­te vor eini­ges Wochen Arti­kel zu den fran­zö­si­schen und den eng­li­schen Unter­ti­teln unter den TitelnHow to ruin a mas­ter­pie­ceund „What ever hap­pen­ed to ‚qua­li­ty control‘?“. In den Bei­trä­gen kri­ti­sie­ren die Autoren hef­tig die schlech­te Qua­li­tät der jewei­li­gen Unter­ti­te­lun­gen. Syl­vest­re Mei­nin­gers Auf­lis­tung der Schwä­chen der fran­zö­si­schen Unter­ti­tel liest sich wie eine Anlei­tung aller mög­li­chen Feh­ler, die bei der Unter­ti­te­lung gemacht wer­den kön­nen. Er zeigt auf, dass die fran­zö­si­schen Über­set­zun­gen sowohl for­mal als auch inhalt­lich viel zu wün­schen übrig las­sen: Satz­zei­chen, Recht­schrei­bung, Timing, Miss­ach­tung von Stil und Regis­ter. Beson­ders emo­tio­na­le Sze­nen, so Mei­nin­ger, ver­lö­ren durch tro­cke­ne Über­set­zun­gen ihre Wir­kung. Für ihn stellt sich die Fra­ge:

Why did­n’t Net­flix, which spends a for­tu­ne on adver­ti­sing, buy­ing and crea­ting con­tent, hire a pro­fes­sio­nal audio­vi­su­al trans­la­tor to sub­tit­le the movie, just like any other dis­tri­bu­tor or TV/cable chan­nel, be it for films or seri­es? Why show such con­tempt for the ori­gi­nal work and the audience’s lan­guage?
War­um inves­tiert Net­flix Unmen­gen in Wer­bung, Ankauf und Pro­duk­ti­on, beauf­tragt aber nicht pro­fes­sio­nel­le audio­vi­su­el­le Über­set­zer mit dem Erstel­len der Unter­ti­tel, wie es alle Fern­seh­sen­der für Fil­me und Seri­en machen? War­um die­se Gering­schät­zung der ori­gi­na­len Fil­me und Spra­che der Zuschau­er?

Die Kri­tik­punk­te tref­fen auch auf die deut­schen Unter­ti­tel zu. Die Ana­ly­se der deut­schen Unter­ti­tel zeigt auch, dass sie ver­mut­lich aus dem Eng­li­schen über­setzt wur­den, anstatt aus den Ori­gi­nal­spra­chen. Das allein zer­stört nicht zwangs­wei­se ein Meis­ter­werk, doch Unge­nau­ig­kei­ten und Feh­ler in den Unter­ti­teln ver­än­dern die Bot­schaft und Wir­kung des Fil­mes. Dies ver­deut­licht, wie essen­zi­ell eine gute Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Film­bran­che und pro­fes­sio­nel­len Unter­tit­lern ist, die sich der der sprach­li­chen Effek­te ihrer Arbeit bewusst sind.

Anm. d. R.: Der Wohn­ort der Unter­tit­le­rin wur­de ent­fernt.

9 Comments

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  1. 1
    Nathalie Schon

    Lei­der berüch­sich­ti­gen vie­le Über­set­zer nicht das Ori­gi­nal (Video). Es ist natür­lich nicht ok aber Net­flix hat Schwie­rig­kei­ten Pro­fis zu fin­den. Und so ein­fach fin­det man anschei­nend Spa­nisch-Deut­sche Unter­tit­ler nicht, oder Unter­tit­ler, die Spa­nisch, Eng­lisch und Deutsch beherr­schen (die hät­ten die Feh­ler oder die auf den US-Markt zuge­schnit­te­ne Über­set­zung des eng­li­schen Tem­pla­tes gleich bemerkt). Viel­leicht soll­te Net­flix das Feld end­lich mal den Pro­fis über­las­sen!

  2. 2
    Tanja

    Ich muss zwar in Grund­zü­gen dem Arti­kel zustim­men, dass Net­flix bei der Unter­ti­teler­stel­lung eini­ges ver­bes­sern könn­te, aber wor­in genau soll der Sinn bestehen, die Unter­tit­le­rin mit Namen und Wohn­ort (!!!) vor­zu­füh­ren?
    Es unter­stützt die Argu­men­ta­ti­on des Bei­tra­ges (dass den Qua­li­täts­män­gel schein­bar ein struk­tu­rel­les Pro­blem zugrun­de liegt) über­haupt nicht und dient wohl ein­zig und allein dazu, gezielt Per­so­nen an den Pran­ger zu stel­len.

    • 3
      Felix Pütter

      Lie­be Tan­ja,
      die nament­li­che Nen­nung des oder der Übersetzer*in gehört unse­rer Mei­nung nach zur Lite­ra­tur­kri­tik eben­so dazu wie zur Unter­tit­lungs­kri­tik. Das The­ma ist den meis­ten derer, die nor­ma­ler­wei­se im Unter­grund wer­keln, auch sehr wich­tig Wäre es Dei­ner Mei­nung nach etwa bes­ser, die Urhe­be­rin der Unter­ti­tel zu ver­schwei­gen?
      Felix

      • 4
        Tanja

        Lie­ber Felix,
        vie­len Dank für dei­ne Ant­wort.
        In dem Bei­trag geht es doch in ers­ter Linie um Kri­tik an der Vor­ge­hens­wei­se von Net­flix (z.B.: die Pra­xis der eng­li­schen tem­pla­tes, von denen in alle Spra­chen über­setzt wird, etc.).
        In die­sem Kon­text jetzt die Über­set­ze­rin mit vol­lem Namen anzu­pran­gern und sehr aus­führ­lich ihre Arbeit zu „ver­rei­ßen“ (so liest es sich für mich jeden­falls) und ihr Din­ge in die Schu­he zu schie­ben, für die sie nichts kann und die sie nicht beein­flus­sen kann, fin­de ich unfair.
        Im Zwei­fel könn­tet ihr die betrof­fe­ne Per­son ja fra­gen, ob sie damit ein­ver­stan­den ist, in die­sem Bei­trag mit Anga­be ihres Wohn­or­tes (dafür noch­mal „!!!“, weil ich die­se Tat­sa­che ein­fach so absurd fin­de!) genannt zu wer­den. Ich wäre es auf jeden Fall nicht (in Zei­ten der DSGVO erst recht nicht!).
        Mit bes­tem Gruß

        • 5
          Felix Pütter

          Lie­be Tan­ja,
          zunächst ein­mal: Die DSGVO hat mit die­sem Fall über­haupt nichts zu tun, solan­ge wir kei­ne Daten­sät­ze über die betref­fen­de Per­son anle­gen (was wir nicht vor­ha­ben) oder pri­va­te Infor­ma­tio­nen gegen ihren Wil­len ver­öf­fent­li­chen (das ist alles öffent­lich recher­chier­bar). Man wür­de sich ja auch nicht über einen Anruf von jeman­dem beschwe­ren, der im Tele­fon­buch die eige­ne Num­mer nach­ge­schla­gen hat.
          Die Kri­tik an Net­flix soll­te aus dem Arti­kel klar gewor­den sein. Da sich die Kri­tik aller­dings auch auf die Fra­ge bezieht, wen man eigent­lich mit einer solch deli­ka­ten Über­set­zung betraut, leuch­tet mir nicht so ganz ein, war­um die Infor­ma­ti­on über die Hin­ter­grün­de der Per­son, die letzt­end­lich (auch nament­lich) dafür ver­ant­wort­lich zeich­net, für den Text irrele­vant sein soll­te.
          Abge­se­hen davon wol­len und wer­den wir dar­an arbei­ten, Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern die pro­fes­sio­nel­le Wert­schät­zung ent­ge­gen­zu­brin­gen, die ihnen zusteht. Man kann nicht gleich­zei­tig mehr Auf­merk­sam­keit ver­lan­gen und Kri­tik aber auf den Auf­trag­ge­ber abwäl­zen wol­len. Im Lite­ra­tur­über­set­zer­be­reich ist die­ser Reflex lei­der auch (zu) weit ver­brei­tet. Solan­ge wir die Devi­se „Name your sub­tit­ler“ nicht erns­ter neh­men, auch bei kri­ti­scher Rezep­ti­on, wird sich an der öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit für die­se Kunst­form nichts ändern.
          Felix

  3. 8
    Tim Slater

    - Wor­auf bezieht sich die Dis­kus­si­on über die Ver­öf­fent­li­chung des Namens und Wohn­orts der Über­set­ze­rin? Ich sehe die­se nir­gend­wo… und wenn sie nach­träg­lich ent­fernt wur­den, soll­te dies bei den ent­spre­chen­den Kom­men­ta­ren ange­merkt wer­den.

    - Es bleibt unklar, ob aus dem spa­ni­schen Ori­gi­nal oder einer eng­li­schen Über­set­zung über­setzt wur­de – also Grund­le­gen­des für die Kri­tik.

    - Und der Titel des Auf­sat­zes ent­hält sel­ber ein ganz ekla­tan­ter Über­set­zungs­feh­ler: „raspber­ry“ bedeu­tet hier über­haupt nicht „Him­bee­re“.… We all can Eng­lish, gelt?
    Wie die alten Römer sag­ten: „Sic tacuis­ses, phi­lo­so­phus man­sis­ses“.

    • 9
      Julia Rosche

      Lie­ber Tim, vie­len Dank für Dei­ne Hin­wei­se.
      – Der Wohn­ort der Unter­tit­le­rin wur­de inzwi­schen ent­fernt, der Name ist aller­dings noch im Text zu fin­den.
      – Da die Arbeits­vor­gän­ge bei Net­flix nicht trans­pa­rent sind, kön­nen wir nur mut­ma­ßen.
      – Bei dem Titel han­delt es sich nicht um eine Über­set­zung, son­dern um eine Anspie­lung: https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Himbeere
      Julia

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