„Wür­de man Tex­te eins zu eins über­set­zen, wäre das grau­sam“

Die Amerikanerin Elizabeth Acevedo zelebriert in ihrem Debütroman „Poet X“ die befreiende Wirkung des Poetry-Slammens. Ein Gespräch mit ihrer deutschen Übersetzerin, der Poetry-Slammerin Leticia Wahl, über erste Auftritte und das Schreiben als Zufluchtsort. Interview:

Leticia beim Slammen. Foto: Flavio Ferrari & Marcial Sommer

Mit „Poet X“ hat Eliza­beth Ace­ve­do das Gen­re des Com­ing-of-Age-Romans neu erfun­den, zumin­dest for­mal. In Form von Gedich­ten erzählt sie die Geschich­te der 16-jäh­ri­gen Xio­ma­ra, die mit Hil­fe des Schrei­bens ihr Erwach­sen­wer­den reflek­tiert. Für sie ist das Schrei­ben eine Art Zufluchts­ort, in dem sie ihre Per­sön­lich­keit frei ent­fal­ten und ihren Emo­tio­nen frei­en Lauf las­sen kann. War­um schreibst du?

Ich den­ke, dass jeder Mensch in sei­nem Leben eine Art Ven­til braucht, um sich aus­drü­cken zu kön­nen. Sei es die Musik oder der Sport oder eben das Schrei­ben. Ich habe es schon immer gemocht, Geschich­ten zu erzäh­len, Thea­ter zu spie­len, krea­tiv zu sein und wur­de irgend­wann an das Schrei­ben her­an­ge­führt. Es ist etwas, durch das ich gelernt habe, mich selbst aus­drü­cken zu kön­nen und das mir viel Kraft gibt. Ein Zufluchts­ort, ein biss­chen Hei­mat in mir. Das ist schön und wich­tig!

Das Per­for­men der eige­nen Tex­te ist für Xio­ma­ra ein eben­so wich­ti­ger Teil ihrer Iden­ti­täts­su­che und ihr ers­ter Auf­tritt vor Publi­kum Höhe­punkt des Buches. Als Poe­try-Slam­me­rin trägst du genau wie die Haupt­fi­gur eige­ne Tex­te vor. Erin­nerst du dich noch an dei­nen ers­ten Auf­tritt bei einem Poe­try-Slam?

Ja, das war 2013 in Kas­sel. Nach­dem die schrift­li­chen Abitur­klau­su­ren durch waren, habe ich in der Schu­le an einem Poe­try-Slam-Work­shop, außer­halb der Schul­zei­ten, teil­ge­nom­men. Und das nicht mal frei­wil­lig. Es war eher eine „Stra­fe“ oder päd­ago­gi­sche Maß­nah­me, da ich beim Schwän­zen erwischt wur­de. Den­noch hat­te ich unfass­bar Spaß und irgend­was in mir hat zu bren­nen begon­nen.

Über den Work­shop hat­te ich mich für die hes­si­schen U20-Poe­try-Slam-Meis­ter­schaf­ten qua­li­fi­ziert. Das war sehr auf­re­gend, weil ich bis dato das For­mat nicht kann­te. Vor Ort, bei dem Auf­tritt, war es natür­lich absurd damit vor Men­schen zu tre­ten und zu rea­li­sie­ren, was gera­de Schö­nes um mich geschieht. Span­nend war eben­falls, dass ich den „Wett­streit“ gar nicht als Wett­streit wahr­nahm, son­dern mich ein­fach freu­te, mei­ne Gedan­ken auf einer Büh­ne tei­len zu kön­nen und Gehör zu fin­den. Natür­lich bin ich in der Vor­run­de raus geflo­gen. Aber gescha­det hat das nicht, ganz im Gegen­teil. Es war gut so, wie es war.

Wel­che Rol­le spiel­te das Vor­tra­gen von Tex­ten für dich und inwie­fern unter­schei­det es sich vom Dich­ten und Über­set­zen?

Ja, das Vor­tra­gen von Tex­ten hat etwas sehr Schö­nes und Befrei­en­des. Man hat die Mög­lich­keit, Men­schen kurz auf eine Rei­se ein­zu­la­den. Jedoch ist es viel schnell­le­bi­ger. Dem gespro­che­nen Wort wird mehr ver­zie­hen, als dem geschrie­be­nen. Es kann sich im Raum ent­fal­ten, weicht aller­dings mit der Zeit wie­der. Dadurch eröff­nen sich einer­seits spie­le­ri­sche Frei­räu­me, ande­rer­seits kann sich ver­ständ­li­cher­wei­se wohl kaum ein Mensch nach einem Poe­try-Slam an alle Tex­te im Ein­zel­nen erin­nern. Das kann von Vor‑, aber auch von Nach­teil sein. Was bleibt, ist eher ein Gefühl oder Gespür für den Text.

Bei dem geschrie­be­nen Wort ist die Bestän­dig­keit eine ganz ande­re Fra­ge, die Vor- und Nach­tei­le mit sich bringt. Es eröff­net lang­fris­ti­ge­re Mög­lich­kei­ten und steht los­ge­lös­ter von der Per­son, die den Text ver­fasst hat. Er ist nicht mehr so leicht ver­än­der­bar und steht für sich. Aller­dings hat auch das etwas Befrei­en­des. Der Rah­men ist nur ein ande­rer. Jedoch fin­de ich, dass sich die­se Mög­lich­kei­ten gegen­sei­tig nicht aus­schlie­ßen soll­ten, son­dern durch­aus auch ergän­zen kön­nen.

Wenn ich sel­ber auf eine Büh­ne gehe oder Tex­te schrift­lich ver­öf­fent­li­che, sehe ich das jedes Mal als eine Mög­lich­keit, jeman­dem ein Geschenk über­rei­chen zu kön­nen, auch wenn der Rah­men immer anders ist. Wie und ob das Geschenk jedoch ange­nom­men und geöff­net wird, ist jedem dabei selbst über­las­sen.

Und wie kam es dazu, dass du das Buch über­setzt hast?

Der Rowohlt-Ver­lag kam tat­säch­lich auf mich zu. Ich war selbst über­rascht. So wie ich es ver­stan­den hat­te, haben sie expli­zit nach einer Slam-Poe­tin gesucht. Dem­entspre­chend haben sie Recher­che betrie­ben und nach wei­te­ren Schnitt­stel­len geschaut, die ihren Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen. Umso mehr habe ich mich natür­lich sowohl gefreut als auch geehrt gefühlt, dass sie dabei im Inter­net auf mich gesto­ßen sind!

Eliza­beth Ace­ve­do ist selbst auch als Poe­try-Slam­me­rin bekannt und hat eine Figur geschaf­fen, die die­sel­be Lei­den­schaft ent­wi­ckelt. Das Beson­de­re am Poe­try-Slam­men ist ja die Mimik und Ges­tik der Vor­tra­gen­den und das Zusam­men­spiel mit dem Publi­kum. Kön­nen sol­che Poe­try-Slam-Tex­te also über­haupt auf dem Papier funk­tio­nie­ren?

Lan­ge Zeit dach­te ich: Ne, das funk­tio­niert nicht. Wes­we­gen ich mich auch vor­erst wei­ger­te, ein eige­nes Buch mei­ner Gedich­te zu ver­öf­fent­li­chen. Den­noch hat sich mei­ne Mei­nung dazu gewan­delt, sonst wäre es auch komisch, ein Buch von einer Slam­me­rin zu über­set­zen. Das eine schließt das ande­re letzt­end­lich nicht aus und kann sich bes­ten­falls posi­tiv ergän­zen.

Gab es einen kon­kre­ten Aus­lö­ser für die­sen Mei­nungs­wan­del?

Nein, es war mehr ein schlei­chen­der Pro­zess. Als letz­tes Jahr ein Ver­lag kon­kret auf mich zukam, habe ich mich das ers­te Mal aktiv mit der Fra­ge beschäf­tigt und habe gespürt, dass ich die Vor­stel­lung mag. Gera­de den neu­en Rah­men, den so eine Ver­öf­fent­li­chung mit sich bringt. Das war eine posi­ti­ve neue und schö­ne Her­aus­for­de­rung.

Hat­test du beim Über­set­zen den Aspekt der Per­for­mance im Kopf?

Ein guter Text, ein gutes Gedicht, ein gutes Buch soll­te mei­ner Mei­nung nach für sich ste­hen kön­nen. Per­for­mance ist ein wei­te­res ergän­zen­des Ele­ment, das einen Ein­fluss hat. Vor allem der Aspekt, wer einen Text wie und in wel­chem Kon­text ver­öf­fent­licht. Das kann und soll­te man nicht aus­blen­den, son­dern beden­ken. Und das habe ich.

Xio­ma­ra ist eine unheim­lich cha­ris­ma­ti­sche Figur, sehr schlag­fer­tig und vol­ler Lebens­drang. Gleich­zei­tig ist sie auch unsi­cher und frus­triert, oft auch wütend. Der Text lebt von ihrer Stim­me. Wie wür­dest du die­se beschrei­ben? Und wie fin­det man so eine Stim­me im Deut­schen?

Ihre Wor­te sind klar, direkt, deut­lich und mes­ser­scharf und zugleich so vol­ler Wär­me. Ein dif­fu­ses Licht, das sich bricht und mal wei­che­re, mal här­te­re Schlag­schat­ten hin­ter­lässt. Ich mag das sehr! Dar­an habe ich mich ori­en­tiert und ver­sucht, im Deut­schen die Wor­te dafür zu fin­den, die das am bes­ten spie­geln und wie­der­ge­ben, auch wenn mir natür­lich bewusst ist, dass ihre Stim­me und Art ein­ma­lig ist und bleibt.

Warst du als Dich­te­rin ver­sucht dem Buch dei­ne eige­ne Stim­me über­zu­stül­pen?

Natür­lich geschieht beim Lesen und Über­set­zen des Buches was mit mir selbst. Mei­ne Per­sön­lich­keit steckt in dem Text irgend­wo schon auch mit drin. Aller­dings habe ich ver­sucht, so gut wie mög­lich Gren­zen zu set­zen. Wenn ich das Gefühl hat­te, dass ich etwas gern anders gemacht hät­te als die Autorin, habe ich eine Pau­se ein­ge­legt und die Gedan­ken und Ideen, die mir bei der Arbeit an dem Text kamen, für mich selbst aus­ge­führt. Ich hat­te dabei nicht das Ziel, irgend­et­was davon zu ver­öf­fent­li­chen. Ich habe das wirk­lich nur für mich gemacht und bin dann spä­ter wie­der zum Text zurück­ge­kehrt.

Aber ver­suchst du dei­ne ver­schie­de­nen Rol­len als Tex­te­rin, Slam­me­rin, Über­set­ze­rin bewusst von­ein­an­der abzu­gren­zen?

Ja und wie­der­um nein. Ich glau­be, alles davon bedingt sich wech­sel­sei­tig und steht in einem dyna­mi­schen Pro­zess. Vor­er­fah­run­gen und Skills sind gut und wich­tig, um sie auf ande­ren Ebe­nen ein­flie­ßen las­sen zu kön­nen, sie dafür zu trans­for­mie­ren. Das ist ein stän­di­ger Pro­zess der Fehl­bar­keit, des Reflek­tie­rens und Ler­nens. Den­noch muss man Prio­ri­tä­ten set­zen. In der Zeit, wo ich zum Bei­spiel das Buch über­setzt habe, hat­te ich weni­ger Auf­trit­te und eige­ne krea­ti­ve Schreib­pha­sen. Kurz: Es war gut, all mei­ne Skills ein­flie­ßen zu las­sen, die­se aber auch klar von­ein­an­der abzu­gren­zen zu kön­nen.

Gab es sprach­li­che Ele­men­te im eng­li­schen Ori­gi­nal, auf die du im Deut­schen ver­zich­tet hast?

Wenn, dann habe ich sie teils ver­än­dert bezie­hungs­wei­se adap­tiert, da die eng­li­sche Spra­che natür­lich mit ande­ren Bil­dern spielt, als es die Deut­sche tut. Hier stand für mich eben­falls im Vor­der­grund, dass es nicht pri­mär dar­um geht was sie sagt, son­dern wie sie es sagt und wie ich es im Deut­schen dafür am geeig­nets­ten trans­for­mie­re. Wür­de man Tex­te eins zu eins über­set­zen, wäre das grau­sam. Sage ich im Deut­schen bei­spiels­wei­se „Das ist unter aller Sau“, kann ich das nicht mit „That’s under all pig“ über­set­zen.

An man­chen Stel­len zer­flie­ßen die Gedich­te förm­lich, zum Bei­spiel als Xio­ma­ras tief reli­giö­se Mut­ter ihre Tex­te fin­det, die von Jungs und ihrer auf­blü­hen­den Sexua­li­tät erzäh­len. Sät­ze zer­fal­len und Wör­ter wer­den über­all auf den Sei­ten ver­streut. Wie geht man damit als Über­set­ze­rin um?

Genau­so. Es geht nicht nur dar­um was sie sagen will, son­dern viel­mehr auch dar­um, wie sie es sagen will. Das ist unab­hän­gig davon, ob man die Mimik und Ges­tik auf einer Büh­ne oder die Form eines Tex­tes ver­wen­det. Ich habe mir dafür zuerst über­legt, was sie sagen will und dann geschaut, wie ich es am bes­ten trans­for­mie­ren kann, damit genau das auch in die­ser Form zum Aus­druck kommt. Ziel war es dabei der Form gerecht zu wer­den, ohne den Inhalt zu ver­frem­den, was ich als sehr span­nen­de Her­aus­for­de­rung gese­hen habe. Klar hat man inhalt­li­che Vor­ga­ben, aber gleich­zei­tig eben auch viel Raum für Spie­le­rei­en.

Xio­ma­ra stellt gegen Ende des Buches ihre „pri­va­ten Regeln des Poe­try-Slams“ auf, eine Anspie­lung auf die rela­tiv strik­ten Regeln, die bei den meis­ten Poe­try-Slams gel­ten. Setzt du dir selbst auch Regeln beim Dich­ten oder Per­for­men?

  1. Sei da
  2. Sei offen
  3. Hab Spaß
  4. „The points are not the point. The point is poe­try“
Anm. d. Red.: Die­ses Inter­view wur­de schrift­lich geführt.

 

Leti­cia Wahl (1993*) aus Kas­sel ist Autorin, Mode­ra­to­rin, Musi­ke­rin und Rei­se­poe­tin, haupt­säch­lich im Kon­text der Slam Poe­try. 2017 absol­vier­te sie ihr Stu­di­um in Erzie­hungs- und Bil­dungs­wis­sen­schaf­ten und Psy­cho­lo­gie an der Phil­ipps Uni­ver­si­tät in Mar­burg. Sie lei­tet Work­shops, orga­ni­siert und mode­riert Ver­an­stal­tun­gen, macht manch­mal ger­ne Thea­ter und lässt sich auch sonst ganz schö­ne Din­ge ein­fal­len. Letz­tes Jahr erschien ihr ers­tes Buch „Was dazwi­schen bleibt“.

Eliza­beth Acevedo/Leticia Wahl: Poet X.

rororo rot­fuchs 2019 ⋅ 368 Sei­ten ⋅ 15 Euro

www.rowohlt.de/paperback/elizabeth-acevedo-poet‑x.html

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