Knab­beltje und Bab­beltje

Hoeps & Toes sind eines von wenigen Autorenduos, das Sprachgrenzen überschreitet. Das jüngste Werk des deutsch-niederländischen Teams, der Thriller „Die Cannabis-Connection“, ist Original und Übersetzung zugleich. Gerade das macht ihn besonders spannend. Von

Ein Amsterdamer Coffeeshop in den Achtzigerjahren. Bild: Wikimedia

Anfangs läuft es noch gut für den belieb­ten Kar­rie­re­po­li­ti­ker Mar­cel Kam­rath. Noch ist er Staats­se­kre­tär im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, auf sei­nem Schreib­tisch die Geset­zes­ent­wür­fe zur Lega­li­sie­rung von Can­na­bis in Deutsch­land, für die er sich ein­setzt. Er macht sei­ne Arbeit gut und man mun­kelt, er könn­te bald sogar Minis­ter wer­den. Sze­nen­wech­sel ins Ams­ter­dam der frü­hen Acht­zi­ger­jah­re. Der jun­ge Kam­rath woll­te von Deutsch­land weg und die Welt berei­sen. Weit kommt er nicht, denn schon in Ams­ter­dam lässt er sich nie­der, lebt mit Anar­chis­ten in einem besetz­ten Haus und ver­kauft zusam­men mit sei­nem neu­en Freund San­der Dro­gen an deut­sche Tou­ris­ten. Als die Situa­ti­on eska­liert und es sogar Todes­op­fer gibt, kehrt Kam­rath schnell nach Deutsch­land zurück und ver­drängt die Gescheh­nis­se.

Als er über drei­ßig Jah­re spä­ter als ein­fluss­rei­cher Poli­ti­ker Can­na­bis in Deutsch­land lega­li­sie­ren will, kehrt San­der, der in der Zwi­schen­zeit sein Dro­gen­im­pe­ri­um weit über die Gren­zen Ams­ter­dams hin­weg aus­ge­baut hat, in sein Leben zurück. Damals in Ams­ter­dam waren sie gute Freun­de mit gemein­sa­mem Geschäfts­kon­zept gewe­sen, nann­ten sich lie­be­voll Knab­beltje und Bab­beltje, doch schnell wird Kam­rath klar, dass er San­der nicht mehr ver­trau­en kann. Dro­gen­han­del und Ratio­na­li­tät gehen nicht zusam­men.

Der Schau­platz des Romans wech­selt zwi­schen Deutsch­land und den Nie­der­lan­den. „Ein grenz­über­schrei­ten­des Pro­jekt“, nennt die ver­meint­li­che Poli­tik­be­ra­te­rin Marie Vos einen geplan­ten Auf­trags­mord, der dem Spuk ein Ende set­zen soll. Die Aus­sa­ge trifft genau­so auf das Buch an sich und auf den Arbeits­pro­zess des Autoren­du­os Tho­mas Hoeps und Jac. Toes zu. Sie erzäh­len, dass sie ab der ers­ten Idee eng zusam­men­ar­bei­ten und viel mit­ein­an­der spre­chen. Sie legen die wich­tigs­ten Erzähl­li­ni­en fest und tei­len dann kapi­tel­wei­se auf. Jeder schreibt in sei­ner Mut­ter­spra­che – Tho­mes Hoeps auf Deutsch und Jac. Toes auf Nie­der­län­disch – und über­setzt dann die Kapi­tel des ande­ren. Am Ende ent­ste­hen zwei Bücher, eines auf Deutsch, eines auf Nie­der­län­disch, bei­de teils Ori­gi­nal, teils Über­set­zung.

Bücher zu schrei­ben oder zu über­set­zen ist in der Regel eine ein­sa­me Tätig­keit. Aller­dings gibt es immer mehr Wer­ke, die von mehr als einer Per­son über­setzt wer­den. Oft ist der Grund dafür Zeit­druck, denn drei Per­so­nen arbei­ten schnel­ler als eine allein. Manch­mal auch, weil unter­schied­li­che Fähig­kei­ten so am bes­ten ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Alles nach­voll­zieh­ba­re Grün­de für eine Arbeits­tei­lung. Und doch kommt fast immer die Fra­ge auf: Geht das über­haupt? Merkt man das nicht am Text?

Die Ant­wor­ten sind ein­fach: Ja, es geht. Ja, oft merkt man es, aber das ist manch­mal auch gut so. Genau das trifft auf Die Can­na­bis-Con­nec­tion von Hoeps & Toes zu. Zuge­ge­ben, der Fall ist spe­zi­ell und auch nicht direkt eine Fra­ge von Ori­gi­nal oder Über­set­zung, denn das deut­sche Buch stammt im Grun­de zur Gän­ze aus der Feder von Tho­mas Hoeps. Aus dem Impres­sum erfah­ren Lese­rin­nen und Leser, dass er zwan­zig Kapi­tel direkt auf Deutsch ver­fasst hat. Die rest­li­chen sieb­zehn Kapi­tel, von Jac Toes auf Nie­der­län­disch geschrie­ben, über­set­ze er ins Deut­sche. Wie sich die bei­den Autoren die ein­zel­nen Kapi­tel auf­ge­teilt haben – nach Schau­plät­zen und Figu­ren – ist ein­fach nach­voll­zieh­bar und auch kein gro­ßes Geheim­nis, spre­chen sie doch in Inter­views dar­über.

In der Fra­ge „merkt man das denn?“, wenn eine Per­son nicht allein Schöp­fer eines Werks ist, klingt meist unter­schwel­lig Kri­tik mit. Die ist in die­sem Fall jedoch nicht ange­bracht. Durch die Schau­platz­wech­sel zwi­schen Deutsch­land und Ams­ter­dam, sowie Per­spek­ti­ven­wech­sel zwi­schen Kam­raths Sicht­wei­se in drit­ter Per­son und Marie Vos‘ Erzäh­lung aus ers­ter Per­son, ver­lan­gen die unter­schied­li­chen Abschnit­te sogar jeweils ihr eige­nes Sprach­re­gis­ter und ihren eige­nen Ton. Marie Vos ist deut­lich iro­ni­scher als der erns­te, von der Situa­ti­on über­for­der­te Kam­rath und sie bemerkt kleins­te Details in ihrem Umfeld, für die Kam­rath kei­nen Kopf hat. Die Wech­sel wir­ken über­aus natür­lich und sind kei­nes­wegs Stil­brü­che. Ganz im Gegen­teil, sie ver­lei­hen den ein­zel­nen Cha­rak­te­ren Tie­fe und dem Roman eine Viel­schich­tig­keit, was die Erzäh­lung dif­fe­ren­zier­ter und somit noch span­nen­der macht.

Die ein­zel­nen Figu­ren sind skru­pel­los und mora­li­sche Wer­te gera­ten mit vor­an­schrei­ten­der Hand­lung immer mehr in den Hin­ter­grund. Doch bei allem Ernst des Thril­lers erlaubt sich das Autoren­duo auch den einen oder ande­ren Witz, der von der Mehr­sprach­lich­keit her­vor­rührt:

Stil­les!“ Kiki zeigt auf drei Män­ner mit Turn­schu­hen und in Jeans, die hin­ter den Ein­satz­kräf­ten her­an­sprin­ten.
Stil­les? Soll­te er jetzt still ste­hen blei­ben? Er schaut fra­gend zu San­der, aber der ist schon wie­der unter­wegs, ver­schwin­det um die Haus­ecke, Kiki ein paar Meter dahin­ter.
„Hey!“, ruft er ihnen hin­ter­her.
Sie dreht sich um. „Brauchst du eine Extra­ein­la­dung?“
„Du hat­test doch ‚still‘ gesagt“, sagt er, wäh­rend sie sei­ne Hand packt und ihn mit sich zieht.
„Mensch, ‚Stil­les‘! Bul­len in Zivil, Turn­schuh­bri­ga­den!“, ruft sie has­tig, wäh­rend sie in eine Sei­ten­stra­ße ein­bie­gen, wo San­der sie schon erwar­tet.

In Inter­views wird schnell klar, dass Tho­mas Hoeps und Jac. Toes Spaß an der mul­ti­lin­gua­len Zusam­men­ar­beit haben. Die bei­den schil­dern den Arbeits­pro­zess als kon­flikt­frei und har­mo­nisch. Und das, obwohl sich die bei­den die Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht unbe­dingt leicht machen. Tho­mas Hoeps erzählt in einem Inter­view: „Wenn wir uns tref­fen, spricht Jac. Deutsch und ich Nie­der­län­disch. Das haben wir schon 2006 so beschlos­sen, damit wir das­sel­be Han­di­cap haben, unse­re Ideen zu for­mu­lie­ren. Sprach­li­che Gleich­be­rech­ti­gung also.“

Das Ergeb­nis kann sich sehen las­sen. Die Can­na­bis-Con­nec­tion ist ein span­nen­der und intel­li­gent aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven ver­fass­ter Thril­ler, dem die unter­schied­li­che Erzähl­art in den ver­schie­de­nen Kapi­teln nur zugu­te­kommt. Ein Autor über­setzt anders als er schreibt, weil er sich beim Über­set­zungs­pro­zess nun mal an die Wor­te und Ideen eines ande­ren Autors hal­ten muss. Und kei­ne zwei Autoren schrei­ben gleich. Hoeps & Toes zei­gen, wie man dar­aus das Bes­te macht.


Hoeps & Toes: Die Can­na­bis-Con­nec­tion

Uni­ons­ver­lag ⋅ 352 Sei­ten ⋅ 19 Euro

www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=8009

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