„Sie geht einfach quer“

Albertine Sarrazin hätte in diesen Tagen ihren 82. Geburtstag feiern können, wäre sie nicht schon im Jahr 1966 tragisch ums Leben gekommen. Claudia Steinitz, die alle drei Romane Sarrazins übersetzt hat, erzählt im Gespräch  von ihrer Liebe zu dieser in jeder Hinsicht aufregenden Schriftstellerin. Interview:

„Ich will einen Verleger, ich-will-einen-Verleger, punktum. Ich würde zum Reportertarif publizieren, würde für nichts publizieren, würde das Binden, die Titelseite selbst bezahlen, um in einer Winternacht eine einsame Straße entlangzugehen und plötzlich im Neonlicht eines Schaufensters die drei Silben meines Namens zu sehen.“ Claudia Steinitz vor Albertine Sarrazin. Herzlichen Dank an die Buchhandlung Dr. Robert Wohlers in Hamburg für das Ausleihen des Schaufenster. Foto: Guido Notermans

Albertine Sarrazin war eine wilde Autorin: Aufgewachsen ohne leibliche Eltern, groß geworden abwechselnd auf der Straße, in Erziehungsheimen und in Gefängnissen, starb sie 1967 nach nur zwei Jahren in Freiheit mit 29 Jahren. Trotzdem schaffte sie es, drei unbändige Romane zu veröffentlichen. Du hast jetzt die letzten sechs Jahre mit ihr verbracht. Im Jahr 2013 erschien deine Übersetzung ihres Debütromans Astragalus, letztes Jahr Der Ausbruch, ihren dritten und letzten Roman Querwege hast du in diesem Jahr abgeschlossen. Fehlt sie dir schon?
Ja. Ich hätte wirklich Lust, noch mehr von Sarrazin zu übersetzen – an ihre Gedichte werde ich mich wahrscheinlich nicht herantrauen, aber ihre Briefe und Tagebücher würden mich noch reizen. Ich weiß gar nicht genau, warum. Denn eigentlich stört mich vieles an ihr. Sie ist für mich die Inkarnation der Amoralität. Nicht der Unmoral, das auf keinen Fall, aber der Amoralität. Aber andererseits hat sie so eine Art, mit sich und ihrem wahrlich nicht leichten Leben umzugehen, sich da durchzupeitschen, die mich unheimlich anmacht. Ich finde sie äußerst modern.

Inwiefern?
Ich habe das Gefühl, das es so eine Stimme heute nicht gibt. Deshalb finde ich es auch so toll, dass sie jetzt nochmal neu übersetzt und wieder ins Bewusstsein gerückt ist. Diese Mischung aus hoher Poesie und dreckigstem Argot kenne ich sonst so nicht. Und diese unbändige Lebenswut ist zumindest ziemlich selten.

Die Romane sind sehr nah an ihrem Leben, oder?
Ja. Während der Übersetzung von Astragalus habe ich nebenbei viel von ihr gelesen. Sie hat geschrieben, seit sie zehn war, Tagebücher, Gedichte, Briefe. Vor allem an Julien, weil ja fast immer mindestens einer von beiden im Gefängnis war. Diese Briefe sind wunderschön und verrückt. Irgendwann war ich völlig zwischen den Welten, also zwischen dem Roman und dem, wo „Tagebuch“ draufstand. Irgendwann war das alles eins.

Es ging uns so gut in den letzten Nächten, mein Lieber. Wenigstens in dem Bett, das du mir bereitet hattest, konnte ich dich verwöhnen. Ich versteckte meine erstaunte Rührung unter der einfachen Folge von Gesten; ich war unschuldig und wissend zugleich … Aber jetzt sind wir unterwegs, diese Rückenlehne ist dicker als die Mauer, die mich verletzt hat, die Türen sind verriegelt, und ich finde im sanften Schaukeln des Autos, das fährt und fährt, nur Empfindungen wieder, die vor dem liegen, was kürzlich noch mein Leben war. Ein Leben, das sich seit meiner Verhaftung herausgebildet hatte, jahrelang hatte ich es wuchern lassen, fröhlich absurd, naiv und abstoßend.

In jenem Leben wurde man niemals entführt, verwöhnt, versteckt. Man stand in der Dunkelheit der Bullenautos oder saß auf den harten Holzlatten. Aber in jenem Leben konnte man wenigstens klammheimlich die klare Grenze jedes Tages überspringen. Meine neue Freiheit hält mich gefangen und lähmt mich. – Astragalus

Was macht Albertine Sarrazin so modern?
Da sind zwei Aspekte: Ich finde an ihr so zeitlos, dass sie mit ihrer Unbändigkeit versucht, aus ihrem verkorksten Leben etwas zu machen. Heute würden wir vielleicht über das Drama des hochbegabten Kindes sprechen, das alle Erwachsenen mit seiner Intelligenz und seiner Lebendigkeit überfordert und dann einen ganz speziellen Weg eingeschlagen hat. Auf der menschlichen Ebene beeindruckt mich das sehr. Und neben dem, was ich eben Amoralität genannt habe, ist sie ja die zutiefst Liebende. Das ist ja auch etwas ganz Besonderes an ihren Romanen: Diese Beziehung zwischen diesen beiden Ganoven. Das zweite ist ihre Sprache. Als ich wusste, dass ich das neu übersetzen muss, dachte ich zuerst: Ich muss das modernisieren, „heutiger“ machen! Dann habe ich aber ganz schnell gemerkt, dass da nichts Altes oder Altbackenes ist.

Im Original nicht. In den ersten deutschen Übersetzungen aus den 60er Jahren schon eher. Haben diese Übersetzungen ihr geschadet?
Ich habe die erste Übersetzung von Astragalus erst spät angesehen, als ich kurz vor der Abgabe war – und dann einen totalen Schock bekommen. Meine erste Reaktion war: Ich habe dieses Buch nicht verstanden! Ich habe ein anderes Buch übersetzt! Zwei, drei Tage lang habe ich sehr damit gehadert und dann versucht, das für mich zu klären. Ich glaube, diese Übersetzung ist nicht einfach nur veraltet. Man konnte sich in den Sechzigerjahren offenbar nicht vorstellen, dass jemand, der als gewöhnliche Diebin im Knast sitzt, in der Lage ist, Poesie zu schreiben. Literatur zu schreiben. Die Übersetzer Rolf und Hedda Soellner haben ihr das Rotwelsch des neunzehnten Jahrhunderts verpasst – in der Übersetzung kamen Wörter vor, die ich noch nie gesehen hatte! Ihr deutscher Text ist zwar stimmig, aber all das, was für mich den Charme der Fallhöhe zwischen ihrer enormen Bildung und ihren miserablen Lebensumständen ausmacht, hatten sie ihr genommen. Lustigerweise wurden mir die ausgefallenen Fremdwörter, die sie verwendet, von Lesern angekreidet, weil sie auch fanden, so etwas könne nicht aus dem Mund dieser Ganovin kommen. Es gibt im französischen Original natürlich Argot. Aber gemessen an dem Tonfall von Virginie Despentes, die ich parallel übersetzt habe, ist das wirklich harmlos. An deren Obszönität und Vulgarität kommt Albertine nicht heran.

Also los, tippen wir, hauen wir in die Tasten: […] jetzt fange ich wieder an zu leben, jede abgeschriebene Zeile entreißt mich, entreißt Lou dem Absurden, ich erlebe mein Gefängnis noch einmal, aber ich erleide es nicht mehr, ich überfliege es und lache.

So richtig komisch wird es, wenn ich Mother ein paar nicht allzu unleserliche Seiten mit dem Auftrag gebe, sie mir zu diktieren: Sie versucht zwar eine neutrale Diktierstimme aufzusetzen, aber ich höre darin doch kleine erstaunte oder gequälte Hüpfer, wenn sich mein Elan auf extra-klassischen Tangenten tummelt. Mother dachte vielleicht, dass man im Knast genauso redet wie jeden ersten und dritten Mittwoch im Salon der Frau Oberst. – Querwege

Ich muss gestehen, dass ich mit den Querwegen nach der Lektüre der anderen beiden Bücher meine Probleme hatte. Ihre Knastgeschichten schienen mir auserzählt. Wie siehst du dieses Buch?
Aus meiner Sicht haben die Querwege im Vergleich mit den vorigen Romanen durchaus noch einige neue Aspekte zum Vorschein gebracht. Sprachlich und stilistisch sind sich alle drei Bücher sehr ähnlich, aber die Geschichte ihrer Selbst-Resozialisierung fand ich spannend. Sie beschreibt darin, ebenfalls sehr authentisch, ihr Schreiben, wie sie für irgendein Wurstblatt kleine Lokal-Artikelchen schreiben durfte, bis sie dann selber zum fait divers, zur „vermischten Meldung“, wurde, weil sie noch einmal eine Flasche Whisky geklaut hatte und dabei ertappt wurde. Und wie sie um die Veröffentlichung kämpft, darauf hofft, weil sie keinen anderen Plan für die Zukunft hat als den Ruhm als Schriftstellerin Das Buch ist ein bisschen heller als die anderen, weil am Ende weder sie noch ihr Mann mehr im Knast ist. Es gibt auch ganz wunderbare Liebesszenen in diesem Buch: Als sie aus dem Knast kommt und er mit einer Baccara-Rose vor dem Tor steht, und dann kommt sie in ihr gemeinsames Zimmer, was überquillt vor Früchten – das hat mich auf eine ganz neue Weise berührt.

Aber mit dieser Erfüllung oder Befreiung weiß sie eigentlich nicht so viel anzufangen, oder? „Ohne das Gefängnis bin ich nichts“, heißt es an einer Stelle. Diesen permanenten Kampf gegen die ganze Welt braucht sie schon.
Aber den führt sie ja weiter. Im Supermarkt, gegen die Eismaschine, an der sie arbeitet, in die sie aber immer fast reinfällt, weil sie nur eins neunundvierzig groß ist, gegen die Unwägbarkeiten in der Hütte, die sie später bezieht. Der Kampf bleibt. Verändert hat der Knast sie ganz sicher nicht. Sie bleibt ja dabei, dass sie in einer Nacht, mit einem Raubzug ein Vielfaches verdienen könnte. Sie sagt, ich war Diebin, ich bin Schriftstellerin, ein Drittes kann ich mir nicht vorstellen. Sie ist nicht geläutert. Kein bisschen.

Meintest du das mit „Amoralität“?
Ja. Ein schlechtes Gewissen wäre ja schon viel verlangt, aber bei ihr gibt es noch nicht einmal den Hauch einer Einsicht. Sie steht einfach absolut dazu, dass es viel einfacher ist, mit Stehlen sein Geld zu verdienen – und wer sich erwischen lässt, ist blöd. Aus ihrer Sicht ist das die einfachste Art zu leben.

Ist es auch asozial?
Ja, am Rande schon. Sie denkt ja wirklich keine Sekunde an die, die dann da vielleicht auf der anderen Seite stehen. Deswegen finde ich den Titel auch so schön: Querwege. Sie geht einfach quer zu allem anderen.

Der Verkäufer […] geht uns voran, rennt, gestikuliert, preist, schiebt seinen dicken Pansen durch das Gebüsch, auf den Ziegensteig, der von einer Spalierreihe zur nächsten bis zum Flüsschen führt, das – wie er uns versichert – niemals versiegt, nicht mal im Hochsommer: Ja, ja, dieses Rinnsal, wer würde das glauben, was, Herrschaften? Es tut mir wirklich leid, dass ich das Haus verkaufen muss! Und fast vier Hektar gutes Land, Sie können alles pflanzen, was Sie wollen! Dieses Haus, ich sage es Ihnen, je öfter Sie herkommen, desto mehr werden Sie es lieben … Da, sehen Sie, der Querweg.

Querweg! Das Wort packt mich: Hindernis, Durchgang, Feind, Abkürzung, Querweg ist ein magisches Wort, es singt wie die Querflöte, ein gekreuztes Wort, das den Wegen meines Lebens gleicht … aber was ist es hier?

Die Querwege in den Cevennen sind die Terrassen einer Riesentreppe, gestützt von Mäuerchen aus spitzen, glänzenden Steinen, aus denen auch das Haus gebaut ist: unfruchtbare Erdstreifen, auf denen man wahrscheinlich – egal was der Eigentümer sagt – höchstens schlechten Wein oder harte Äpfel pflanzen kann. Sowieso wurde jede Anpflanzung schon lange aufgegeben: Man bräuchte erstmal Onkelchens Machete, um sich einen Weg durch das Gewirr aus Dornen, verfilztem Gras und verdorrten Weinranken zu bahnen. – Querwege

Diese Metapher des „Querwegs“ ist ja auch charakteristisch für Sarrazins Stil. Im Buch Der Ausbruch spielt sie die ganze Zeit mit der Doppeldeutigkeit des titelgebenden Wortes cavale, das sowohl „Ausbruch“ als auch „Pferd“ bedeuten kann. Bei dir taucht plötzlich ein „Vulkan“ auf.
Irgendetwas musste ich ja mit dem „Ausbruch“ machen. Und schließlich habe ich das Pferd hin und wieder zum Vulkan gemacht. Traversière heißt allerdings übersetzt ziemlich genau „Querweg“. Es gibt dieses Wort in Wörterbüchern eigentlich nur als Attribut – route traversière zum Beispiel –, aber nicht als Substantiv. Nur diese Terrassen in den Cevennen heißen so.

Wenn du sagst, es war dein Anspruch, den Vulkan einzubauen: Ist das grundsätzlich dein Ansatz?
Vulkane einzubauen? Nein. Über den Vulkan habe ich mir wirklich viel Gedanken gemacht, weil es wirklich krass weit weg ist. Und weil ein Pferd ja auch etwas Lebendiges ist. Man spricht eher zu einem Pferd als zu einem Vulkan. Andererseits kann ein Vulkan auch Wärme geben, zum Beispiel. In dem Fall habe ich mich schwer getan. Aber ich wollte das auch nicht alles weglassen. Ich weiß gar nicht, ob das grundsätzlich mein Ansatz ist. Ich glaube, ich bin nicht sehr mutig. Wobei: Vielleicht bin ich auch mutiger, als ich denke.

Das Datum für den Ausbruch rückt näher, die Entwürfe stapeln sich, aber nichts rührt sich, nichts in mir läuft richtig heiß. Dieser Vulkan ist von Geburt an kraftlos, die Lava erkaltet, bevor sie herausspritzt. Vielleicht werde ich allmählich verrückt?

Was ist das für ein neuer Dämon, der mich gleichzeitig in Wallung bringt und betäubt, der heimtückisch an meinem Herz nagt, der sich fern hält von meinen vertrauten Erinnyen? Ich lebe mit zusammengebissenen Zähnen, ich gebe die Verteidigungshaltung nicht auf, aber trotzdem habe ich ständig Lust zu kapitulieren und mich in träges Vertrauen sinken zu lassen.
Der Knast bringt mir nichts. Ich mochte den anderen lieber, wo jeder Tag dem Tod geraubt war. – Der Ausbruch

Irgendwann habe ich Virginie Despentes erzählt, dass sie auf meinem Schreibtisch sozusagen neben Albertine Sarrazin liegt. Sie fand das ziemlich cool, glaube ich. Ich fand, das hat auch insofern ganz gut gepasst, als sich beide mit dieser Power, mit dieser unheimlichen Inbrunst in ihre Geschichten und ihre Figuren stürzen. Aber ich hatte andererseits auch nie Mühe, die beiden getrennt zu halten.

Ich als Leser finde den Vergleich auch ganz aufschlussreich. Ich hatte den Eindruck, Despentes’ Figuren haben die Freiheit, nach der sich Albertines Erzählerin die ganze Zeit sehnt, wissen damit aber überhaupt nichts anzufangen.
Aber Albertine Sarrazin ist, anders als Despentes, gar nicht politisch. Sie setzt sich nicht mit der Gesellschaft auseinander. Sie hinterfragt nicht, was mit ihr gemacht wurde, obwohl sie so viel über sich reflektiert, relativ eitel, würde ich sagen, sich mit sich selbst beschäftigt. Sie fragt sich nie: Wie bin ich denn da hingekommen? Sie setzt sich noch nicht einmal mit ihren Adoptiveltern tiefgründig auseinander. Sie ist einfach nicht mit der Gesellschaft befasst. Das interessiert sie nicht. Despentes’ Vernon-Subutex-Bücher kreisen ja genau um dieses Thema. Albertine kreist nur um Albertine.

Warum sollte man ihre Bücher trotzdem lesen – trotz der Egozentrik, trotz der Amoralität? Was erzählt uns Albertine Sarrazin heute?
Erstens sind ihre Bücher schlicht Kunstwerke. Und zweitens können wir von ihr lernen, dass man sich auch da, wo Subutex und seine Kumpels ganz schnell die Waffen strecken, noch immer aus jedem Dreck herausziehen und weiterkämpfen kann. Bei Sarrazin gibt es ja ganz lustige Situationen. Aber sie war zehn Jahre im Knast, da kann sie nicht nur gelacht haben. Neunzig Tage im Arrest, alleine in einer kalten Zelle, keine Decken, nur Wasser und Brot – selbst dem gewinnt sie ja noch irgendwie eine Anekdote ab. Ich kann ihr das zwar nicht glauben, weil es einfach so weit jenseits meines Vorstellungshorizontes ist. Aber diese Lebenskraft fasziniert mich. Von dieser Stehauf-Frau-Mentalität können wir uns durchaus was abgucken. Wir heulen bei viel kleineren Sachen.

Bevor ich ihn in den Kamin werfe, stecke ich die Hand ohne Nachzudenken noch mal in den Umschlag, und plötzlich berühren erst meine Finger, dann meine Augen das knisternde Wunder: Der Brief, den ich im Traum lese, seitdem ich das Alphabet kenne, von dem ich seit neunundzwanzig Jahren überzeugt bin, den ich in der Dunkelheit meiner Zelle und vielleicht schon im Leib meiner Mutter herbeisehnte, wie man den Tag der Erlösung herbeisehnt, der Brief, der mich adoptiert, der mein Kind zur Welt bringt, mich befreit.

Ich stehe reglos vor dem Tisch, auf dem der zweifach gefaltete Brief zwischen den Gemüseschalen seine Flügel in die Luft streckt; ich schließe die Augen vor den wie Sterne in meine Lider gravierten Worten: Wir freuen uns sehr, Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihr Manuskript annehmen. Ein großes Pendel schlägt in meiner Brust die feierlichen, magischen Sekunden, jetzt kann es stehen bleiben, mein Pendel: Mein Kind ist geboren, ist auf die Welt gekommen durch die Macht des Verlegers, des Zauberers, der neunzehn Jahre lang stumm gewesen ist …

Lou! Mein Zauberer, mein Held, mein Herz! – Querwege

Deine Übersetzungen klingen so leichthändig. War es schwer, dorthin zu kommen?
Irgendwie nicht. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich viel länger dafür gebraucht habe als für andere Texte. Irgendwann war ich einfach in diesem Sound drin, wusste, wer sie ist, hatte das Gefühl, dass ich meine moralischen Bedenken wegstecken und ihr alles verzeihen kann. Wenn ich so einem Menschen wie ihr auf der Straße begegnen würde, jemandem mit dieser Biografie und dieser Lebenseinstellung, dann glaube ich nicht, dass wir uns anfreunden würden. Andererseits finde ich sie großartig, mit dem, was sie aus ihrem verkorksten Leben gemacht hat. Dramatisch, dass es so kurz war.

Sympathie mit der Autorin ist also keine zwingende Voraussetzung, um eine gute Übersetzung abzuliefern?
Das nicht, aber ich glaube, ich hatte dann doch ganz viel Sympathie für sie. Da bin ich wirklich gespalten. Es ist wahrscheinlich das Tollste, das ich je übersetzt habe.

 

Claudia Steinitz ist in Berlin geboren und lebt in Hamburg. Angefangen hat sie ihre Übersetzerinnenlaufbahn vor dreißig Jahren mit einer Neuübersetzung von Gabriele D’Annunzio. Seither hat sie viele andere AutorInnen aus Frankreich, der Schweiz und Haiti übersetzend kennen und lieben gelernt. Als Gründungsmitglied der Weltlesebühne e.V. erzählt sie einer interessierten Öffentlichkeit gern von den Freuden ihres Berufs.


Albertine Sarrazin/Claudia Steinitz: Querwege. (Im französischen Original: La traversière.)

Ink Press 2019 ⋅ 228 Seiten ⋅ 20 Euro

www.ink-press.ch/buecher/tadoma-sechs-querwege/


Albertine Sarrazin/Claudia Steinitz: Der Ausbruch. (Im französischen Original: La cavale.)

Ink Press 2018 ⋅ 528 Seiten ⋅ 26 Euro

www.ink-press.ch/buecher/der-ausbruch/


Albertine Sarrazin/Claudia Steinitz: Astragalus. (Im französischen Original: L’Astragale.)

Hanser Berlin 2013 ⋅ 240 Seiten ⋅ 19,90 Euro

www.hanser-literaturverlage.de/buch/astragalus/978-3-446-24148-0/

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