„Sie geht ein­fach quer“

Albertine Sarrazin hätte in diesen Tagen ihren 82. Geburtstag feiern können, wäre sie nicht schon im Jahr 1966 tragisch ums Leben gekommen. Claudia Steinitz, die alle drei Romane Sarrazins übersetzt hat, erzählt im Gespräch  von ihrer Liebe zu dieser in jeder Hinsicht aufregenden Schriftstellerin. Interview:

„Ich will einen Verleger, ich-will-einen-Verleger, punktum. Ich würde zum Reportertarif publizieren, würde für nichts publizieren, würde das Binden, die Titelseite selbst bezahlen, um in einer Winternacht eine einsame Straße entlangzugehen und plötzlich im Neonlicht eines Schaufensters die drei Silben meines Namens zu sehen.“ Claudia Steinitz vor Albertine Sarrazin. Herzlichen Dank an die Buchhandlung Dr. Robert Wohlers in Hamburg für das Ausleihen des Schaufenster. Foto: Guido Notermans

Alber­ti­ne Sar­ra­zin war eine wil­de Autorin: Auf­ge­wach­sen ohne leib­li­che Eltern, groß gewor­den abwech­selnd auf der Stra­ße, in Erzie­hungs­hei­men und in Gefäng­nis­sen, starb sie 1967 nach nur zwei Jah­ren in Frei­heit mit 29 Jah­ren. Trotz­dem schaff­te sie es, drei unbän­di­ge Roma­ne zu ver­öf­fent­li­chen. Du hast jetzt die letz­ten sechs Jah­re mit ihr ver­bracht. Im Jahr 2013 erschien dei­ne Über­set­zung ihres Debüt­ro­mans Astra­ga­lus, letz­tes Jahr Der Aus­bruch, ihren drit­ten und letz­ten Roman Quer­we­ge hast du in die­sem Jahr abge­schlos­sen. Fehlt sie dir schon?
Ja. Ich hät­te wirk­lich Lust, noch mehr von Sar­ra­zin zu über­set­zen – an ihre Gedich­te wer­de ich mich wahr­schein­lich nicht her­an­trau­en, aber ihre Brie­fe und Tage­bü­cher wür­den mich noch rei­zen. Ich weiß gar nicht genau, war­um. Denn eigent­lich stört mich vie­les an ihr. Sie ist für mich die Inkar­na­ti­on der Amo­ra­li­tät. Nicht der Unmo­ral, das auf kei­nen Fall, aber der Amo­ra­li­tät. Aber ande­rer­seits hat sie so eine Art, mit sich und ihrem wahr­lich nicht leich­ten Leben umzu­ge­hen, sich da durch­zu­peit­schen, die mich unheim­lich anmacht. Ich fin­de sie äußerst modern.

Inwie­fern?
Ich habe das Gefühl, das es so eine Stim­me heu­te nicht gibt. Des­halb fin­de ich es auch so toll, dass sie jetzt noch­mal neu über­setzt und wie­der ins Bewusst­sein gerückt ist. Die­se Mischung aus hoher Poe­sie und dre­ckigs­tem Argot ken­ne ich sonst so nicht. Und die­se unbän­di­ge Lebens­wut ist zumin­dest ziem­lich sel­ten.

Die Roma­ne sind sehr nah an ihrem Leben, oder?
Ja. Wäh­rend der Über­set­zung von Astra­ga­lus habe ich neben­bei viel von ihr gele­sen. Sie hat geschrie­ben, seit sie zehn war, Tage­bü­cher, Gedich­te, Brie­fe. Vor allem an Juli­en, weil ja fast immer min­des­tens einer von bei­den im Gefäng­nis war. Die­se Brie­fe sind wun­der­schön und ver­rückt. Irgend­wann war ich völ­lig zwi­schen den Wel­ten, also zwi­schen dem Roman und dem, wo „Tage­buch“ drauf­stand. Irgend­wann war das alles eins.

Es ging uns so gut in den letz­ten Näch­ten, mein Lie­ber. Wenigs­tens in dem Bett, das du mir berei­tet hat­test, konn­te ich dich ver­wöh­nen. Ich ver­steck­te mei­ne erstaun­te Rüh­rung unter der ein­fa­chen Fol­ge von Ges­ten; ich war unschul­dig und wis­send zugleich … Aber jetzt sind wir unter­wegs, die­se Rücken­leh­ne ist dicker als die Mau­er, die mich ver­letzt hat, die Türen sind ver­rie­gelt, und ich fin­de im sanf­ten Schau­keln des Autos, das fährt und fährt, nur Emp­fin­dun­gen wie­der, die vor dem lie­gen, was kürz­lich noch mein Leben war. Ein Leben, das sich seit mei­ner Ver­haf­tung her­aus­ge­bil­det hat­te, jah­re­lang hat­te ich es wuchern las­sen, fröh­lich absurd, naiv und absto­ßend.

In jenem Leben wur­de man nie­mals ent­führt, ver­wöhnt, ver­steckt. Man stand in der Dun­kel­heit der Bul­len­au­tos oder saß auf den har­ten Holz­lat­ten. Aber in jenem Leben konn­te man wenigs­tens klamm­heim­lich die kla­re Gren­ze jedes Tages über­sprin­gen. Mei­ne neue Frei­heit hält mich gefan­gen und lähmt mich. – Astra­ga­lus

Was macht Alber­ti­ne Sar­ra­zin so modern?
Da sind zwei Aspek­te: Ich fin­de an ihr so zeit­los, dass sie mit ihrer Unbän­dig­keit ver­sucht, aus ihrem ver­korks­ten Leben etwas zu machen. Heu­te wür­den wir viel­leicht über das Dra­ma des hoch­be­gab­ten Kin­des spre­chen, das alle Erwach­se­nen mit sei­ner Intel­li­genz und sei­ner Leben­dig­keit über­for­dert und dann einen ganz spe­zi­el­len Weg ein­ge­schla­gen hat. Auf der mensch­li­chen Ebe­ne beein­druckt mich das sehr. Und neben dem, was ich eben Amo­ra­li­tät genannt habe, ist sie ja die zutiefst Lie­ben­de. Das ist ja auch etwas ganz Beson­de­res an ihren Roma­nen: Die­se Bezie­hung zwi­schen die­sen bei­den Gano­ven. Das zwei­te ist ihre Spra­che. Als ich wuss­te, dass ich das neu über­set­zen muss, dach­te ich zuerst: Ich muss das moder­ni­sie­ren, „heu­ti­ger“ machen! Dann habe ich aber ganz schnell gemerkt, dass da nichts Altes oder Alt­ba­cke­nes ist.

Im Ori­gi­nal nicht. In den ers­ten deut­schen Über­set­zun­gen aus den 60er Jah­ren schon eher. Haben die­se Über­set­zun­gen ihr gescha­det?
Ich habe die ers­te Über­set­zung von Astra­ga­lus erst spät ange­se­hen, als ich kurz vor der Abga­be war – und dann einen tota­len Schock bekom­men. Mei­ne ers­te Reak­ti­on war: Ich habe die­ses Buch nicht ver­stan­den! Ich habe ein ande­res Buch über­setzt! Zwei, drei Tage lang habe ich sehr damit geha­dert und dann ver­sucht, das für mich zu klä­ren. Ich glau­be, die­se Über­set­zung ist nicht ein­fach nur ver­al­tet. Man konn­te sich in den Sech­zi­ger­jah­ren offen­bar nicht vor­stel­len, dass jemand, der als gewöhn­li­che Die­bin im Knast sitzt, in der Lage ist, Poe­sie zu schrei­ben. Lite­ra­tur zu schrei­ben. Die Über­set­zer Rolf und Hed­da Soell­ner haben ihr das Rot­welsch des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts ver­passt – in der Über­set­zung kamen Wör­ter vor, die ich noch nie gese­hen hat­te! Ihr deut­scher Text ist zwar stim­mig, aber all das, was für mich den Charme der Fall­hö­he zwi­schen ihrer enor­men Bil­dung und ihren mise­ra­blen Lebens­um­stän­den aus­macht, hat­ten sie ihr genom­men. Lus­ti­ger­wei­se wur­den mir die aus­ge­fal­le­nen Fremd­wör­ter, die sie ver­wen­det, von Lesern ange­krei­det, weil sie auch fan­den, so etwas kön­ne nicht aus dem Mund die­ser Gano­vin kom­men. Es gibt im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal natür­lich Argot. Aber gemes­sen an dem Ton­fall von Vir­gi­nie Despen­tes, die ich par­al­lel über­setzt habe, ist das wirk­lich harm­los. An deren Obs­zö­ni­tät und Vul­ga­ri­tät kommt Alber­ti­ne nicht her­an.

Also los, tip­pen wir, hau­en wir in die Tas­ten: […] jetzt fan­ge ich wie­der an zu leben, jede abge­schrie­be­ne Zei­le ent­reißt mich, ent­reißt Lou dem Absur­den, ich erle­be mein Gefäng­nis noch ein­mal, aber ich erlei­de es nicht mehr, ich über­flie­ge es und lache.

So rich­tig komisch wird es, wenn ich Mother ein paar nicht all­zu unle­ser­li­che Sei­ten mit dem Auf­trag gebe, sie mir zu dik­tie­ren: Sie ver­sucht zwar eine neu­tra­le Dik­tier­stim­me auf­zu­set­zen, aber ich höre dar­in doch klei­ne erstaun­te oder gequäl­te Hüp­fer, wenn sich mein Elan auf extra-klas­si­schen Tan­gen­ten tum­melt. Mother dach­te viel­leicht, dass man im Knast genau­so redet wie jeden ers­ten und drit­ten Mitt­woch im Salon der Frau Oberst. – Quer­we­ge

Ich muss geste­hen, dass ich mit den Quer­we­gen nach der Lek­tü­re der ande­ren bei­den Bücher mei­ne Pro­ble­me hat­te. Ihre Knast­ge­schich­ten schie­nen mir aus­er­zählt. Wie siehst du die­ses Buch?
Aus mei­ner Sicht haben die Quer­we­ge im Ver­gleich mit den vori­gen Roma­nen durch­aus noch eini­ge neue Aspek­te zum Vor­schein gebracht. Sprach­lich und sti­lis­tisch sind sich alle drei Bücher sehr ähn­lich, aber die Geschich­te ihrer Selbst-Reso­zia­li­sie­rung fand ich span­nend. Sie beschreibt dar­in, eben­falls sehr authen­tisch, ihr Schrei­ben, wie sie für irgend­ein Wurst­blatt klei­ne Lokal-Arti­kel­chen schrei­ben durf­te, bis sie dann sel­ber zum fait divers, zur „ver­misch­ten Mel­dung“, wur­de, weil sie noch ein­mal eine Fla­sche Whis­ky geklaut hat­te und dabei ertappt wur­de. Und wie sie um die Ver­öf­fent­li­chung kämpft, dar­auf hofft, weil sie kei­nen ande­ren Plan für die Zukunft hat als den Ruhm als Schrift­stel­le­rin Das Buch ist ein biss­chen hel­ler als die ande­ren, weil am Ende weder sie noch ihr Mann mehr im Knast ist. Es gibt auch ganz wun­der­ba­re Lie­bes­sze­nen in die­sem Buch: Als sie aus dem Knast kommt und er mit einer Bac­ca­ra-Rose vor dem Tor steht, und dann kommt sie in ihr gemein­sa­mes Zim­mer, was über­quillt vor Früch­ten – das hat mich auf eine ganz neue Wei­se berührt.

Aber mit die­ser Erfül­lung oder Befrei­ung weiß sie eigent­lich nicht so viel anzu­fan­gen, oder? „Ohne das Gefäng­nis bin ich nichts“, heißt es an einer Stel­le. Die­sen per­ma­nen­ten Kampf gegen die gan­ze Welt braucht sie schon.
Aber den führt sie ja wei­ter. Im Super­markt, gegen die Eis­ma­schi­ne, an der sie arbei­tet, in die sie aber immer fast rein­fällt, weil sie nur eins neun­und­vier­zig groß ist, gegen die Unwäg­bar­kei­ten in der Hüt­te, die sie spä­ter bezieht. Der Kampf bleibt. Ver­än­dert hat der Knast sie ganz sicher nicht. Sie bleibt ja dabei, dass sie in einer Nacht, mit einem Raub­zug ein Viel­fa­ches ver­die­nen könn­te. Sie sagt, ich war Die­bin, ich bin Schrift­stel­le­rin, ein Drit­tes kann ich mir nicht vor­stel­len. Sie ist nicht geläu­tert. Kein biss­chen.

Mein­test du das mit „Amo­ra­li­tät“?
Ja. Ein schlech­tes Gewis­sen wäre ja schon viel ver­langt, aber bei ihr gibt es noch nicht ein­mal den Hauch einer Ein­sicht. Sie steht ein­fach abso­lut dazu, dass es viel ein­fa­cher ist, mit Steh­len sein Geld zu ver­die­nen – und wer sich erwi­schen lässt, ist blöd. Aus ihrer Sicht ist das die ein­fachs­te Art zu leben.

Ist es auch aso­zi­al?
Ja, am Ran­de schon. Sie denkt ja wirk­lich kei­ne Sekun­de an die, die dann da viel­leicht auf der ande­ren Sei­te ste­hen. Des­we­gen fin­de ich den Titel auch so schön: Quer­we­ge. Sie geht ein­fach quer zu allem ande­ren.

Der Ver­käu­fer […] geht uns vor­an, rennt, ges­ti­ku­liert, preist, schiebt sei­nen dicken Pan­sen durch das Gebüsch, auf den Zie­gen­steig, der von einer Spa­lier­rei­he zur nächs­ten bis zum Flüss­chen führt, das – wie er uns ver­si­chert – nie­mals ver­siegt, nicht mal im Hoch­som­mer: Ja, ja, die­ses Rinn­sal, wer wür­de das glau­ben, was, Herr­schaf­ten? Es tut mir wirk­lich leid, dass ich das Haus ver­kau­fen muss! Und fast vier Hekt­ar gutes Land, Sie kön­nen alles pflan­zen, was Sie wol­len! Die­ses Haus, ich sage es Ihnen, je öfter Sie her­kom­men, des­to mehr wer­den Sie es lie­ben … Da, sehen Sie, der Quer­weg.

Quer­weg! Das Wort packt mich: Hin­der­nis, Durch­gang, Feind, Abkür­zung, Quer­weg ist ein magi­sches Wort, es singt wie die Quer­flö­te, ein gekreuz­tes Wort, das den Wegen mei­nes Lebens gleicht … aber was ist es hier?

Die Quer­we­ge in den Ceven­nen sind die Ter­ras­sen einer Rie­sen­trep­pe, gestützt von Mäu­er­chen aus spit­zen, glän­zen­den Stei­nen, aus denen auch das Haus gebaut ist: unfrucht­ba­re Erd­strei­fen, auf denen man wahr­schein­lich – egal was der Eigen­tü­mer sagt – höchs­tens schlech­ten Wein oder har­te Äpfel pflan­zen kann. Sowie­so wur­de jede Anpflan­zung schon lan­ge auf­ge­ge­ben: Man bräuch­te erst­mal Onkel­chens Mache­te, um sich einen Weg durch das Gewirr aus Dor­nen, ver­filz­tem Gras und ver­dorr­ten Wein­ran­ken zu bah­nen. – Quer­we­ge

Die­se Meta­pher des „Quer­wegs“ ist ja auch cha­rak­te­ris­tisch für Sar­ra­zins Stil. Im Buch Der Aus­bruch spielt sie die gan­ze Zeit mit der Dop­pel­deu­tig­keit des titel­ge­ben­den Wor­tes cava­le, das sowohl „Aus­bruch“ als auch „Pferd“ bedeu­ten kann. Bei dir taucht plötz­lich ein „Vul­kan“ auf.
Irgend­et­was muss­te ich ja mit dem „Aus­bruch“ machen. Und schließ­lich habe ich das Pferd hin und wie­der zum Vul­kan gemacht. Tra­ver­siè­re heißt aller­dings über­setzt ziem­lich genau „Quer­weg“. Es gibt die­ses Wort in Wör­ter­bü­chern eigent­lich nur als Attri­but – rou­te tra­ver­siè­re zum Bei­spiel –, aber nicht als Sub­stan­tiv. Nur die­se Ter­ras­sen in den Ceven­nen hei­ßen so.

Wenn du sagst, es war dein Anspruch, den Vul­kan ein­zu­bau­en: Ist das grund­sätz­lich dein Ansatz?
Vul­ka­ne ein­zu­bau­en? Nein. Über den Vul­kan habe ich mir wirk­lich viel Gedan­ken gemacht, weil es wirk­lich krass weit weg ist. Und weil ein Pferd ja auch etwas Leben­di­ges ist. Man spricht eher zu einem Pferd als zu einem Vul­kan. Ande­rer­seits kann ein Vul­kan auch Wär­me geben, zum Bei­spiel. In dem Fall habe ich mich schwer getan. Aber ich woll­te das auch nicht alles weg­las­sen. Ich weiß gar nicht, ob das grund­sätz­lich mein Ansatz ist. Ich glau­be, ich bin nicht sehr mutig. Wobei: Viel­leicht bin ich auch muti­ger, als ich den­ke.

Das Datum für den Aus­bruch rückt näher, die Ent­wür­fe sta­peln sich, aber nichts rührt sich, nichts in mir läuft rich­tig heiß. Die­ser Vul­kan ist von Geburt an kraft­los, die Lava erkal­tet, bevor sie her­aus­spritzt. Viel­leicht wer­de ich all­mäh­lich ver­rückt?

Was ist das für ein neu­er Dämon, der mich gleich­zei­tig in Wal­lung bringt und betäubt, der heim­tü­ckisch an mei­nem Herz nagt, der sich fern hält von mei­nen ver­trau­ten Erin­ny­en? Ich lebe mit zusam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen, ich gebe die Ver­tei­di­gungs­hal­tung nicht auf, aber trotz­dem habe ich stän­dig Lust zu kapi­tu­lie­ren und mich in trä­ges Ver­trau­en sin­ken zu las­sen.
Der Knast bringt mir nichts. Ich moch­te den ande­ren lie­ber, wo jeder Tag dem Tod geraubt war. – Der Aus­bruch

Irgend­wann habe ich Vir­gi­nie Despen­tes erzählt, dass sie auf mei­nem Schreib­tisch sozu­sa­gen neben Alber­ti­ne Sar­ra­zin liegt. Sie fand das ziem­lich cool, glau­be ich. Ich fand, das hat auch inso­fern ganz gut gepasst, als sich bei­de mit die­ser Power, mit die­ser unheim­li­chen Inbrunst in ihre Geschich­ten und ihre Figu­ren stür­zen. Aber ich hat­te ande­rer­seits auch nie Mühe, die bei­den getrennt zu hal­ten.

Ich als Leser fin­de den Ver­gleich auch ganz auf­schluss­reich. Ich hat­te den Ein­druck, Despen­tes’ Figu­ren haben die Frei­heit, nach der sich Alber­ti­nes Erzäh­le­rin die gan­ze Zeit sehnt, wis­sen damit aber über­haupt nichts anzu­fan­gen.
Aber Alber­ti­ne Sar­ra­zin ist, anders als Despen­tes, gar nicht poli­tisch. Sie setzt sich nicht mit der Gesell­schaft aus­ein­an­der. Sie hin­ter­fragt nicht, was mit ihr gemacht wur­de, obwohl sie so viel über sich reflek­tiert, rela­tiv eitel, wür­de ich sagen, sich mit sich selbst beschäf­tigt. Sie fragt sich nie: Wie bin ich denn da hin­ge­kom­men? Sie setzt sich noch nicht ein­mal mit ihren Adop­tiv­el­tern tief­grün­dig aus­ein­an­der. Sie ist ein­fach nicht mit der Gesell­schaft befasst. Das inter­es­siert sie nicht. Despen­tes’ Ver­non-Sub­utex-Bücher krei­sen ja genau um die­ses The­ma. Alber­ti­ne kreist nur um Alber­ti­ne.

War­um soll­te man ihre Bücher trotz­dem lesen – trotz der Ego­zen­trik, trotz der Amo­ra­li­tät? Was erzählt uns Alber­ti­ne Sar­ra­zin heu­te?
Ers­tens sind ihre Bücher schlicht Kunst­wer­ke. Und zwei­tens kön­nen wir von ihr ler­nen, dass man sich auch da, wo Sub­utex und sei­ne Kum­pels ganz schnell die Waf­fen stre­cken, noch immer aus jedem Dreck her­aus­zie­hen und wei­ter­kämp­fen kann. Bei Sar­ra­zin gibt es ja ganz lus­ti­ge Situa­tio­nen. Aber sie war zehn Jah­re im Knast, da kann sie nicht nur gelacht haben. Neun­zig Tage im Arrest, allei­ne in einer kal­ten Zel­le, kei­ne Decken, nur Was­ser und Brot – selbst dem gewinnt sie ja noch irgend­wie eine Anek­do­te ab. Ich kann ihr das zwar nicht glau­ben, weil es ein­fach so weit jen­seits mei­nes Vor­stel­lungs­ho­ri­zon­tes ist. Aber die­se Lebens­kraft fas­zi­niert mich. Von die­ser Ste­hauf-Frau-Men­ta­li­tät kön­nen wir uns durch­aus was abgu­cken. Wir heu­len bei viel klei­ne­ren Sachen.

Bevor ich ihn in den Kamin wer­fe, ste­cke ich die Hand ohne Nach­zu­den­ken noch mal in den Umschlag, und plötz­lich berüh­ren erst mei­ne Fin­ger, dann mei­ne Augen das knis­tern­de Wun­der: Der Brief, den ich im Traum lese, seit­dem ich das Alpha­bet ken­ne, von dem ich seit neun­und­zwan­zig Jah­ren über­zeugt bin, den ich in der Dun­kel­heit mei­ner Zel­le und viel­leicht schon im Leib mei­ner Mut­ter her­bei­sehn­te, wie man den Tag der Erlö­sung her­bei­sehnt, der Brief, der mich adop­tiert, der mein Kind zur Welt bringt, mich befreit.

Ich ste­he reg­los vor dem Tisch, auf dem der zwei­fach gefal­te­te Brief zwi­schen den Gemü­se­scha­len sei­ne Flü­gel in die Luft streckt; ich schlie­ße die Augen vor den wie Ster­ne in mei­ne Lider gra­vier­ten Wor­ten: Wir freu­en uns sehr, Ihnen mit­zu­tei­len, dass wir Ihr Manu­skript anneh­men. Ein gro­ßes Pen­del schlägt in mei­ner Brust die fei­er­li­chen, magi­schen Sekun­den, jetzt kann es ste­hen blei­ben, mein Pen­del: Mein Kind ist gebo­ren, ist auf die Welt gekom­men durch die Macht des Ver­le­gers, des Zau­be­rers, der neun­zehn Jah­re lang stumm gewe­sen ist …

Lou! Mein Zau­be­rer, mein Held, mein Herz! – Quer­we­ge

Dei­ne Über­set­zun­gen klin­gen so leicht­hän­dig. War es schwer, dort­hin zu kom­men?
Irgend­wie nicht. Ich weiß noch nicht ein­mal, ob ich viel län­ger dafür gebraucht habe als für ande­re Tex­te. Irgend­wann war ich ein­fach in die­sem Sound drin, wuss­te, wer sie ist, hat­te das Gefühl, dass ich mei­ne mora­li­schen Beden­ken weg­ste­cken und ihr alles ver­zei­hen kann. Wenn ich so einem Men­schen wie ihr auf der Stra­ße begeg­nen wür­de, jeman­dem mit die­ser Bio­gra­fie und die­ser Lebens­ein­stel­lung, dann glau­be ich nicht, dass wir uns anfreun­den wür­den. Ande­rer­seits fin­de ich sie groß­ar­tig, mit dem, was sie aus ihrem ver­korks­ten Leben gemacht hat. Dra­ma­tisch, dass es so kurz war.

Sym­pa­thie mit der Autorin ist also kei­ne zwin­gen­de Vor­aus­set­zung, um eine gute Über­set­zung abzu­lie­fern?
Das nicht, aber ich glau­be, ich hat­te dann doch ganz viel Sym­pa­thie für sie. Da bin ich wirk­lich gespal­ten. Es ist wahr­schein­lich das Tolls­te, das ich je über­setzt habe.

Clau­dia Stei­nitz ist in Ber­lin gebo­ren und lebt in Ham­burg. Ange­fan­gen hat sie ihre Über­set­ze­rin­nen­lauf­bahn vor drei­ßig Jah­ren mit einer Neu­über­set­zung von Gabrie­le D’An­nun­zio. Seit­her hat sie vie­le ande­re AutorIn­nen aus Frank­reich, der Schweiz und Hai­ti über­set­zend ken­nen und lie­ben gelernt. Als Grün­dungs­mit­glied der Welt­le­se­büh­ne e.V. erzählt sie einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit gern von den Freu­den ihres Berufs.


Alber­ti­ne Sarrazin/Claudia Stei­nitz: Quer­we­ge. (Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: La tra­ver­siè­re.)

Ink Press 2019 ⋅ 228 Sei­ten ⋅ 20 Euro

www.ink-press.ch/buecher/tadoma-sechs-querwege/


Alber­ti­ne Sarrazin/Claudia Stei­nitz: Der Aus­bruch. (Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: La cava­le.)

Ink Press 2018 ⋅ 528 Sei­ten ⋅ 26 Euro

www.ink-press.ch/buecher/der-ausbruch/


Alber­ti­ne Sarrazin/Claudia Stei­nitz: Astra­ga­lus. (Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: L’Astragale.)

Han­ser Ber­lin 2013 ⋅ 240 Sei­ten ⋅ 19,90 Euro

www.hanser-literaturverlage.de/buch/astragalus/978–3‑446–24148‑0/

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