Die Gren­zen des effi­zi­en­ten Über­set­zens

Die norwegische Autorin Maria Kjos Fonn hat mit „Kinderwhore“ einen beeindruckenden Debütroman über ein junges Mädchen im Strudel von Sex, Drogen und Gewalt vorgelegt. Allerdings versagt die deutsche Übersetzung von Gabriele Haefs an den entscheidenden Stellen. Von

Die Sängerin Courtney Love ist Vorbild und Modeinspiration für die Protagonistin. Quelle: WikiCommons.

Maria Kjos Fonn, 1990 in Oslo gebo­ren, leg­te 2018 mit Kin­der­w­ho­re nach einer Erzähl­samm­lung (2014) ihren Debüt­ro­man vor. Die Kri­tik lob­te das Buch ein­hel­lig, in der Zei­tung Aften­pos­ten brach­te Ingunn Økland es sogar als Schul­lek­tü­re ins Spiel, und es wur­de für den Publi­kums­preis des Radio­sen­ders NRK P2 nomi­niert (der dann aller­dings an Kim Lei­ne ging). Die Ich-Erzäh­le­rin Char­lot­te wächst bei ihrer allein­er­zie­hen­den, depres­si­ven Mut­ter auf, die stän­dig neue Bezie­hun­gen zu Män­nern ein­geht. Man­che von denen sind nett, etwa Yas­si­ne, der dem Mäd­chen ein paar unbe­küm­mer­te Momen­te schenkt, aber Jonas bleibt nur an der Sei­te der Mut­ter, weil er es auf deren Toch­ter abge­se­hen hat. Er erschleicht sich ihr Ver­trau­en, um es dann zu miss­brau­chen. Die­ses Erleb­nis trau­ma­ti­siert Char­lot­te zutiefst. Erst macht sie es noch wie ihre Mut­ter: Sie betäubt sich mit Tablet­ten und Dro­gen, ver­sucht, ihren Kör­per irgend­wie zu ver­ges­sen und ver­steckt sich hin­ter einer dicken Schicht Sar­kas­mus. Nach einem Sui­zid­ver­such lan­det sie in der Kli­nik, und von dort beginnt der Auf­stieg aus ihrer per­sön­li­chen Höl­le – mit dem einen oder ande­ren Rück­fall. Als sie Kris­ti­ne ken­nen­lernt, die zu ihrer Freun­din und Gelieb­ten wird, fin­det sie schließ­lich einen Weg, mit ihrer Kind­heit abzu­schlie­ßen.

Kjos Fonn ist ihrer Erzäh­le­rin sehr nah, manch­mal sogar so sehr, dass es schmerzt. Aber sie ver­tritt eine posi­ti­ve Sprach­phi­lo­so­phie: Ähn­lich einer Gesprächs­the­ra­pie in der Behand­lung eines Trau­mas soll die Erzäh­le­rin durch die lite­ra­ri­sier­te Äuße­rung ihres eige­nen Leids eine Chan­ce erhal­ten, damit fer­tig zu wer­den. So ist Kin­der­w­ho­re vor allem ein Ver­such, die pas­sen­den Wor­te zu fin­den – die auch in die­sem Fall höchst indi­vi­du­ell sein müs­sen. Wie kon­sti­tu­iert sich das Sub­jekt neu, wenn es von einem ande­ren zum Objekt degra­diert wor­den ist? Es gibt unter­schied­li­che Niveaus: die Psych­ia­trie, die ihm Dia­gno­sen wie Stem­pel auf­drückt, die Mit­men­schen und die Behör­den, die die zag­haf­ten Hil­fe­ru­fe nicht deu­ten kön­nen, und vor allem das Sub­jekt selbst, das sich einen Schutz­wall zurecht­zim­mert. Char­lot­te flüch­tet sich zunächst in meh­re­re dis­tink­te Iden­ti­tä­ten: etwa die „Pup­pe“, die dem von Court­ney Love ver­tre­te­nen „Kinderwhore“-Modestil nach­emp­fun­den ist, oder die „Maschi­ne“, die alles über sich erge­hen lässt.

Wer die­ses Buch liest, erfährt vor allem viel dar­über, wie Char­lot­te sich selbst sieht, aus den bei­gege­be­nen Arzt­be­rich­ten lässt sich aber auch ablei­ten, wel­chen Blick ihre Umwelt auf sie wirft. Die­se Pas­sa­gen gehö­ren zu den unge­müt­lichs­ten des gan­zen Romans, weil sie das Ver­bre­chen an ihr zu wie­der­ho­len schei­nen, sie stu­fen die Erzäh­le­rin näm­lich erneut vom Sub­jekt zum Objekt her­ab. Nach und nach kann Char­lot­te jedoch ihre Schutz­me­cha­nis­men abbau­en. Ihre Spra­che ändert sich: Sie hält ande­re Men­schen nicht mehr sar­kas­tisch auf Distanz, son­dern lernt, sich ihnen zuzu­wen­den.

Es ist zu ver­mu­ten, dass Kjos Fonns Roman höchs­te Anfor­de­run­gen an die Über­set­zung stellt. Gabrie­le Haefs, 1953 gebo­ren, scheint in Anbe­tracht ihrer lan­gen Erfah­rung für die­se Auf­ga­be prä­de­sti­niert. Seit Mit­te der Acht­zi­ger­jah­re hat sie hun­der­te Bücher über­setzt, dar­un­ter all­seits bekann­te Autoren wie Håkan Nes­ser und Jostein Gaar­der – allei­ne für die kom­men­de Buch­mes­se waren es, Kol­la­bo­ra­tio­nen und Antho­lo­gie-Her­aus­ga­ben mit­ein­ge­rech­net, 34 Titel. Es ist also mög­lich, dass Haefs ihrer Pflicht gerecht wird. Und sie­he da: Auf den ers­ten Blick lässt sich Kin­der­w­ho­re flüs­sig lesen, es scheint rou­ti­niert und effi­zi­ent ins Deut­sche gebracht, bedrü­ckend und schmerz­haft ist es alle­mal.

Aber wer auch nur den ers­ten Teil des Romans neben den nor­we­gi­schen Text legt, muss stut­zen. Und wer den Abgleich für das kom­plet­te Buch macht, stößt sogar auf ekla­tan­te Ver­säum­nis­se, die in ihrer Sum­me die Rezep­ti­on deut­lich erschwe­ren. In Kin­der­w­ho­re geht es ja gera­de dar­um, wie eine trau­ma­ti­sier­te Per­son eine Spra­che ent­wi­ckeln kann, die es ihr erlaubt, das Erleb­te zu ver­ar­bei­ten. Ambi­va­len­zen und Nuan­cen sind an der Tages­ord­nung, doch Haefs schei­tert oft dar­an, die­se auch dem deutsch­spra­chi­gen Publi­kum zu ver­mit­teln. Es folgt eine Beschrei­bung vie­ler Tücken, die die­se Über­set­zung zu bie­ten hat: Wie ist die Figu­ren­spra­che in der deut­schen Fas­sung gestal­tet? Was ist mit den Angli­zis­men, dem Jar­gon, den Fein­hei­ten? Und wo knirscht es ganz beson­ders arg?

Oft wird dis­ku­tiert, wie sinn­voll die Ich-Per­spek­ti­ve ist. Hier ist sie es. Denn das Publi­kum ist Char­lot­te ganz nah: bei ihren Zusam­men­brü­chen, ihren Hoff­nun­gen, Ent­täu­schun­gen, ihrem Lern­pro­zess. Ihr Blick auf die Welt und ihre Mit­men­schen ist von einem bei­ßen­den Sar­kas­mus gekenn­zeich­net:

Jeg kom­mer til å sav­ne deg, sa jeg til Kent. Du put­ter kos i psy­ko­sen.
Du wirst mir feh­len, sag­te ich zu Kent. Du machst die Psy­cho­se gemüt­lich.

Die­ses Zitat stammt aus dem Gespräch mit einem Mit­pa­ti­en­ten, in dem Char­lot­te über eine mög­li­che, bis ins Grei­sen­al­ter andau­ern­de Zukunft in der Kli­nik frot­zelt. Das Wort­spiel an die­ser Stel­le ist offen­bar. Im nor­we­gi­schen „psy­ko­se“ steckt das „kos“ (etwa: Behag­lich­keit) schon drin. Doch Haefs über­setzt nur die blo­ße Bedeu­tung und ver­zich­tet somit dar­auf, auch im Deut­schen nach einem pas­sen­den Witz zu suchen. Es ist aber durch­aus nicht unmög­lich, eine Lösung für die­ses Pro­blem zu fin­den: „Du bringst Sinn in den Wahn­sinn“, „Mit dir ist die Psy­cho­se-Cho­se echt noch aus­zu­hal­ten“ (der ers­te Vor­schlag ist viel­leicht etwas prä­gnan­ter und weni­ger geschwät­zig als der zwei­te). Einer ande­ren Mit­pa­ti­en­tin ver­passt Char­lot­te den Namen „Kro­nisk Kjip“ (Haefs: „Chro­nisch Gemein“). Das Wort „kjip“ kommt vom eng­li­schen „cheap“, bedeu­tet aber so viel wie „unan­ge­nehm, ekel­haft, unsym­pa­thisch“. Denk­bar wäre es gewe­sen, auch in der Über­set­zung einen Angli­zis­mus zu wäh­len: „Chro­nisch Cree­py“ hät­te Char­lot­tes Abschät­zig­keit gut trans­por­tie­ren kön­nen, „Gemein“ ist zu zag­haft.

Wenn die Ich-Erzäh­le­rin spricht, dann arti­ku­liert sie immer ein bestimm­tes Ver­hält­nis zu ihrer Umwelt. Sie hält die Din­ge auf Abstand, damit sie sie nicht ver­let­zen kön­nen. Sie regis­triert und beob­ach­tet, was um sie her­um vor­geht, und kom­men­tiert es gele­gent­lich. Wie äußert sich Char­lot­te bei Haefs? Jeden­falls nicht wie eine Jugend­li­che, die zwi­schen 2009 und 2018 denkt und atmet. „Fahi­mas Mut­ter buk Naan­brot“, heißt es etwa an einer Stel­le, „ich schlug mein Zim­mer zu Klump“ (Nor­we­gisch: „jeg raser­te hybe­len“). Wel­che Zwölf­jäh­ri­ge benutzt noch die alter­tü­meln­de Ver­gan­gen­heits­form von „backen“? Wel­che Zwan­zig­jäh­ri­ge schlägt ihre Woh­nung nicht kurz und klein, son­dern „zu Klump“? Haefs beweist wenig Takt­ge­fühl, was die Spra­che von Jugend­li­chen anbe­langt; Char­lot­tes Freun­din Kris­ti­ne bezeich­net sich an einer Stel­le etwa als „skeiv“, was sowohl „queer“ als auch „homo­se­xu­ell“ bedeu­tet – im Nor­we­gi­schen benutzt man bei­de Begrif­fe annä­hernd syn­onym. Haefs über­setzt jedoch alter­tü­melnd mit „Alle wuss­ten, dass ich vom ande­ren Ufer war“. „Les­bisch“ hät­te die Bedeu­tung hier wahr­schein­lich noch am ehes­ten getrof­fen.

Doch nicht nur mit der Jugend­spra­che gibt es Pro­ble­me, auch in den sti­lis­ti­schen Regis­tern knirscht es. Kjos Fonn fächert eine gro­ße Band­brei­te an sprach­li­chen Mög­lich­kei­ten auf: z. B. Psych­ia­trie-Sprech, Angli­zis­men, Slang aus dem Dro­gen­mi­lieu. Alle Fach­be­grif­fe sind dezent und behut­sam in den Text ein­ge­wo­ben.

Dia­gno­sen und Arzt­jour­na­le haben zunächst ein­mal den nega­ti­ven Neben­ef­fekt, dass sie das Leid der Pati­en­tin deper­so­na­li­sie­ren. Das ist auch in Kin­der­w­ho­re der Fall, aller­dings mit völ­li­ger Absicht. Kjos Fonn schiebt Berich­te ein, die in ihrer Nüch­tern­heit im kras­sen Gegen­satz zu Char­lot­tes sub­jek­ti­vem Erle­ben ihrer Depres­si­on und Per­sön­lich­keits­stö­rung ste­hen.

Ven­ner

Jen­ta har ikke knyt­tet noen vennskap med noen på friti­den. […]

X
schließt in ihrer Frei­zeit kei­ne Freund­schaf­ten. […]

Bei Haefs ver­schwin­det die für den Namen der Erzäh­le­rin stell­ver­tre­tend gewähl­te Bezeich­nung „Jen­ta“ („das Mäd­chen“) und wird wie­der­holt durch ein noch unper­sön­li­che­res „X“ ersetzt. Das ist inso­fern pro­ble­ma­tisch, als dass die Über­set­zung dadurch indi­rekt zur Aus­lö­schung Char­lot­tes durch die Spra­che bei­trägt. Doch der Roman ist ja gera­de ein Ver­such, einem Sub­jekt sei­ne Arti­ku­la­ti­ons­fä­hig­keit zurück­zu­ge­ben. Zwar macht „jen­ta“ die Erzäh­le­rin als Indi­vi­du­um auch schon etwas undeut­li­cher, aber Haefs‘ „X“ ist noch viel stär­ker – der Buch­sta­be könn­te für alles ste­hen, also rein theo­re­tisch auch für einen Mann; aber bei Kjos Fonn geht es doch vor allem um die patri­ar­cha­le Gewalt, die Mäd­chen und Frau­en von Män­nern aus ihrem direk­ten Umfeld ange­tan wird.

Char­lot­te ist sen­si­bel: Sie merkt, dass über sie gespro­chen wird statt mit ihr. Wie bei die­ser Begeg­nung mit dem Jugend­amt:

Barn med adferds­forstyr­rel­se. Alvor­li­ge psy­ko­so­sia­le vans­ker. Mal­adap­tivt reaks­jons­møns­ter. ADHD. De had­de ord for alt.
Kin­der mit Ver­hal­tens­stö­run­gen. Schwer­wie­gen­de psy­cho­so­zia­le Pro­ble­me. Schlecht ange­pass­te Reak­ti­ons­mus­ter. ADHS. Sie hat­ten für alles Wör­ter.

Auf­fäl­lig sind die vie­len medi­zi­ni­schen Fach­aus­drü­cke, die Haefs zum Teil auch so über­setzt. Aller­dings ist rät­sel­haft, wes­halb sie „Mal­adap­t­ativt reaks­jons­møns­ter“ als „Schlecht ange­pass­te Reak­ti­ons­mus­ter“ liest. „Mal­adap­t­ativ“ ist eine Voka­bel, die in der Psych­ia­trie durch­aus ver­wen­det wird. Bei einer schnel­len Inter­net­su­che fällt auf, dass sie in ein­schlä­gi­gen Fach­tex­ten auf­taucht.

Nach­dem sie die­se sche­ma­ti­schen For­mu­lie­run­gen ein­mal durch­schaut hat, kann Char­lot­te ihre schäd­li­che Wir­kungs­wei­se offen­le­gen, indem sie in ihren eige­nen Wor­ten eine Epi­kri­se erstellt:

Dia­gno­se: F60.3: Jæv­la sint. F32.2 Inni hel­ve­tes ensom.

Pasi­ent er naken uten hud og hun leng­ter noe så inni hel­ve­te at det ikke er til å hol­de ut ALENE uten eier uten bånd uten ret­ning som et papir­fly.

Dia­gno­se: F0.3: Ver­dammt wütend. F32.2: Ver­flucht ein­sam.

Pat. ist nackt ohne Haut und sehnt sich so ver­dammt, dass es nicht aus­zu­hal­ten ist ALLEIN ohne Besit­zer ohne Lei­ne ohne Rich­tung wie ein Papier­flie­ger.

Abge­se­hen davon, dass sich in die Wie­der­ga­be der ICD-10-Dia­gno­se ein gra­vie­ren­der Feh­ler ein­ge­schli­chen hat – es heißt F60.3 (Emo­tio­nal insta­bi­le Per­sön­lich­keits­stö­rung), nicht F0.3 (Nicht näher bezeich­ne­te Demenz) – ver­mag Haefs‘ Über­set­zung Char­lot­tes Aneig­nung und Zer­trüm­me­rung der psych­ia­tri­schen Fach­spra­che nicht aus­rei­chend zu ver­mit­teln. Die Flü­che „jæv­la“ und „(noe så) inni hel­ve­te“ kom­men in einem übli­chen Befund ganz bestimmt nicht vor, hier beschrei­ben sie jedoch völ­lig ange­mes­sen den Zorn, den die Erzäh­le­rin auf ihre Umwelt und die sie ein­engen­den Insti­tu­tio­nen emp­fin­det. Der zwei­te Aus­druck ist noch ein­mal stär­ker als der ers­te, und da erscheint es befremd­lich, wes­halb Haefs den einen mit „ver­dammt“ und den ande­ren mit des­sen Syn­onym „ver­flucht“ wie­der­gibt. Pas­sen­der wäre es gewe­sen, die Stei­ge­rung auch in der Über­set­zung nach­zu­voll­zie­hen:

„Dia­gno­se F60.3: Ver­dammt wütend. F32.2: Irr­sin­nig wütend. Pat. ist nackt ohne Haut und fühlt so eine ver­damm­te irr­sin­ni­ge Sehn­sucht dass es ALLEINE ohne Hal­ter ohne Band nicht aus­zu­hal­ten ist wie ein Papier­flug­zeug ohne Rich­tung […]“.

In die­sem Alter­na­tiv­vor­schlag liegt die Syn­tax näher am Deut­schen, außer­dem ist ein Kom­ma ver­schwun­den, das Haefs irr­tüm­lich ein­ge­fügt hat­te.

Die Angli­zis­men sind eben­falls ein The­ma für sich. Sol­len sie eigent­lich über­setzt wer­den oder eher nicht? Im Fall von Kin­der­w­ho­re wäre Letz­te­res anzu­ra­ten, denn Begrif­fe aus dem Eng­li­schen sind auch hier ein wich­ti­ger Bestand­teil der Jugend­spra­che. Ein Bei­spiel hier­für sind Sze­nen, in denen Char­lot­te und ihre Freun­din Make-up auf­tra­gen – „jeg la con­cea­ler over huden“, „Du må ta foun­da­ti­on på hal­sen også“; hin und wie­der wird erwähnt, dass sich damit nicht nur kör­per­li­che, son­dern auch psy­chi­sche Män­gel kaschie­ren las­sen. (Natür­lich funk­tio­niert das auf Dau­er nicht.) – Es mag klein­lich erschei­nen, aber mir ist unbe­greif­lich, wes­halb Haefs die betref­fen­den Stel­len fol­gen­der­ma­ßen über­setzt: „ich trug Abdeck­creme auf“, „Du musst auch auf den Hals Grun­die­rung legen“. „Con­cea­ler“ und „Foun­da­ti­on“ sind zwei auch im Deut­schen völ­lig geläu­fi­ge Begrif­fe, die hier vor allem im jugend­sprach­li­chen Kon­text anwend­bar wären. Den „Shot“ lässt Haefs nicht so ste­hen, son­dern über­setzt ihn als „Kur­zen“; viel­leicht nut­zen älte­re Men­schen die­sen Begriff noch, jün­ge­re auf kei­nen Fall. Der „Han­go­ver“ wird zum „Kater“, das „hen­ge med deg“ („mit dir abhän­gen“) zum schnö­den „mit dir zusam­men sein wol­len“. Wo ein „ver­kackt“ viel­leicht bes­ser zu Kjos Fonns rot­zi­gem „fucka opp“ gepasst hät­te, heißt es bei Haefs nur „ver­saut“.

Angli­zis­men und Slang­aus­drü­cke sind auch im Dro­gen­jar­gon gang und gäbe. Kjos Fonn gewährt hier nur ein paar ver­ein­zel­te, aber durch­aus poin­tier­te Ein­bli­cke. Wenn es etwa heißt: „det var ikke mak­ka­en vi had­de snor­ta“ , dann über­setzt Haefs zwar ganz rich­tig „und das war nicht vom Amphet­amin, das wir geschnupft hat­ten“ – aber über die sze­ne­ty­pi­sche Rede­wei­se geht sie hin­weg. Das Wort „mak­ka“ stammt aus dem Schwe­di­schen und bedeu­tet eigent­lich „Brot­schei­be“, wird aber auch als Slang-Begriff für „Amphet­amin“ ver­wen­det; „snor­te“ kommt aus dem Eng­li­schen und heißt so viel wie „schnup­fen“. Eine kur­ze Recher­che offen­bart eine Mög­lich­keit, die­se Pas­sa­ge zu über­set­zen: Das Amphet­amin wird im Milieu auch ger­ne als „A“ bezeich­net, der Fach­aus­druck für den Kon­sum durch die Nase lau­tet „bal­lern“: „das lag nicht am A, das wir gebal­lert hat­ten“. Bestimmt gibt es aber auch noch ande­re oder sogar bes­se­re Lösun­gen. Vor­schlä­ge wären zum Bei­spiel: AMP, bam­bi­nos, black-birds, Co-Pilot, eye-ope­ners, hal­lo-wach, nug­gets (das Inter­net bie­tet eine Viel­zahl an Dro­gen-Fach­sprech-Lexi­ka).

Beson­ders in Dia­lo­gen, die sich dem Unaus­sprech­li­chen nähern, beweist Kjos Fonn ein Gespür, das Haefs‘ Über­set­zung nahe­zu voll­stän­dig abgeht. In einer sehr ein­dring­li­chen Sze­ne besucht die Mut­ter ihre Toch­ter in der Psych­ia­trie. Sie unter­hal­ten sich über das Motiv ihres Sui­zid­ver­suchs. Bei­de ken­nen es, aber ins­be­son­de­re die Mut­ter will nicht ein­se­hen, dass ihr Freund Char­lot­te ver­ge­wal­tigt hat.

Kan vi snak­ke om det, sa jeg.

Hva da?

Dét, sa jeg. Det­te. Grun­nen til at jeg er her.

At du prøv­de å –? sa mam­ma.

Det som fikk meg til å prø­ve, sa jeg.

Kön­nen wir dar­über reden, frag­te ich. Wor­über denn?

Es, sag­te ich. Das. Der Grund, war­um ich hier bin.

Dass du ver­sucht hast …?, frag­te Mama.

Das, was mich zu dem Ver­such gebracht hat, sag­te ich.

Das beton­te Pro­no­men „dét“ lässt sich schwer­lich genau wie­der­ge­ben, sicher ist nur, dass Haefs „es“ zu schwach ist. Eher heißt es: „Genau das“. Was „das“ ist, wis­sen sowohl die Mut­ter als auch die Erzäh­le­rin, aber sie spre­chen es nicht aus, behan­deln es wie den sprich­wört­li­chen rosa Ele­fan­ten im Raum. Eben­so ersetzt Haefs aus uner­find­li­chen Grün­den das Pau­sen­zei­chen „–“ durch drei Punk­te (das tut sie im Ver­lauf ihrer Über­set­zung übri­gens sehr oft).

Jonas, der Mann, der Char­lot­tes Ver­trau­en scham­los miss­braucht, insze­niert sich als Ret­ter und Beschüt­zer, wobei er das Gegen­teil beab­sich­tigt. Zunächst mag Char­lot­te ihn noch, er fas­zi­niert sie. Kjos Fonn schreibt: „Så tenkte jeg på Jonas, og plut­se­lig gjor­de hen­de­ne mine ensom­me ting med krop­pen min.“ Bei Haefs lau­tet die­ser Satz fol­gen­der­ma­ßen: „Dann dach­te ich an Jonas, und plötz­lich mach­ten mei­ne Hän­de eigen­wil­li­ge Din­ge mit mei­nem Kör­per.“ Wes­halb Haefs das Adjek­tiv „ensom“ an die­ser Stel­le, die in ihrer Uner­träg­lich­keit das größ­te Ein­füh­lungs­ver­mö­gen von einer Über­set­zung ver­langt, als „eigen­wil­lig“ und nicht als „ein­sam“ liest, muss ihr Geheim­nis blei­ben, ihre Lösung ist im güns­tigs­ten Fall als ulkig zu bezeich­nen.

Woan­ders schreibt Kjos Fonn: „Men fil­me­ne fors­to meg, de sa det man ikke kun­ne si, alle hem­me­li­ghe­te­ne lys­te mot meg fra en dataskje­rm.“ Haefs: „Aber die Fil­me ver­stan­den mich, sie sag­ten etwas, das man nicht sagen konn­te, mein Geheim­nis leuch­te­te mir vom Com­pu­ter­bild­schirm ent­ge­gen.“ Es ist gar kei­ne Rede von einem Geheim­nis, das der Erzäh­le­rin gehört, son­dern hier geht es um alle Geheim­nis­se, die mit der Sexua­li­tät ver­knüpft sind und aus Char­lot­tes Sicht nun durch die Por­no­gra­phie ent­zau­bert wer­den. Haefs ver­dreht den Sinn kom­plett und macht aus einem All­ge­mei­nen etwas Indi­vi­du­el­les. Der Clou der betref­fen­den Sze­ne ist ja gera­de der, dass die Erzäh­le­rin das, was sie im Inter­net sieht, nicht auf sich selbst bezieht. Die Vide­os sagen, was man nicht sagen darf – das heißt, sie geben der Sexua­li­tät eine Spra­che –, und so bie­ten sie ihr eine Mög­lich­keit, über ihr Trau­ma nach­zu­den­ken, aller­dings, ohne sich tie­fer­ge­hend mit ihren Erleb­nis­sen und Gefüh­len beschäf­ti­gen zu müs­sen; es ist so, als sei ihre Ver­let­zung einer ande­ren Per­son pas­siert. Dies nennt man Dis­so­zia­ti­on. Aus der deut­schen Über­set­zung ist die­se Fein­heit nicht her­aus­zu­le­sen.

Eben­so bie­tet die­se Über­set­zung eine gan­ze Gale­rie an ärger­li­chen sprach­li­chen Feh­lern und Unge­nau­ig­kei­ten auf. Es fängt schon auf der ers­ten Sei­te an, wo Haefs „melis“ nicht mit „Puder­zu­cker“, son­dern mit „Krü­meln“ wie­der­gibt. Wenig spä­ter schreibt Kjos Fonn:

Blok­ke­ne og men­nes­ke­ne ble slø­re­te, og kon­ture­ne av alt fløt ut som vann­far­ger, had­de jeg vært sva­ke­re, vil­le jeg bru­ke det som en unn­skyld­ning for å begy­n­ne å grå­te.

Die Häu­ser, die Wohn­blocks und die Men­schen ver­schwam­men, und alle Umris­se zer­lie­fen zu Was­ser­far­ben, wenn ich schwä­cher gewe­sen wäre, hät­te ich eine Ent­schul­di­gung dafür gehabt los­zu­wei­nen.

Bei Haefs fehlt das Wort „det“. Ihre Über­set­zung wird dadurch unge­nau. Eigent­lich heißt es: Die Wohn­blocks (von „Häu­sern“ steht im Ori­gi­nal nichts) und die Men­schen ver­schwim­men, alle Kon­tu­ren ver­lau­fen, und wäre ich schwä­cher gewe­sen, hät­te ich dies („det“, also den Umstand, dass ich undeut­lich sah) als Ent­schul­di­gung zum Los­heu­len benutzt. Das umgangs­sprach­li­che „polet“, der Begriff für das nor­we­gen­üb­li­che Wein- und Spi­ri­tuo­sen­ge­schäft, wird gar zum „Alko­hol­la­den“.

Aus unein­sich­ti­gen Grün­den ersetzt Haefs Gedan­ken­stri­che mit drei Aus­las­sungs­punk­ten, sie tauscht die Anfüh­rungs­zei­chen ‚‘ durch „“ aus (obwohl es im Text bei­de gibt und sie daher auch im Deut­schen unter­schie­den wer­den müss­ten), kur­si­ve Mar­kie­run­gen über­sieht sie oft, um dann an ande­ren Stel­len wel­che ein­zu­fü­gen, wo im Ori­gi­nal kei­ne sind, sie macht aus einem Satz zwei, um dann woan­ders die nor­we­gi­sche Syn­tax so qual­voll zu befol­gen, dass es nicht zu ertra­gen ist für jene, die die Sprache ken­nen.

Oft hängt auch die Gram­ma­tik schief, etwa hier:

Vi ten­ker å flyt­te deg over til en åpen avde­ling om et par ukers tid, sa legen. Så du får sta­bi­li­sert deg.
Wir wer­den dich wohl in zwei Wochen auf die offe­ne Sta­ti­on ver­le­gen, sag­te der Arzt. Wenn du dich sta­bi­li­siert hast.

Haefs‘ Ver­si­on des zwei­ten Sat­zes ist schlicht falsch, denn wört­lich heißt es: „Damit du dich sta­bi­li­siert bekommst“, also „Damit du sta­bi­ler wirst“. Bla­ma­bel sind auch jene For­mu­lie­run­gen, die auch im Deut­schen selt­sam klin­gen. „Jeg var sli­ten under rusen“ wird ver­stüm­melt zu „Unter dem Rausch war ich voll­kom­men erschöpft“. Es ist rich­tig, dass „under“ auch „unter“ heißt, hier ist es aller­dings mit „wäh­rend“ zu über­set­zen.

Im Gespräch mit dem Jugend­amt sagt Char­lot­te: „jeg eier ingen­ting, jeg eier ikke meg“. Haefs schreibt: „ich habe nichts, ich habe mich nicht“. Zwar folgt die­se For­mu­lie­rung dem Text, aber sie ist all­zu unge­lenk und wört­lich. Es wäre aller­dings mög­lich, sie zu umge­hen, etwa so: „Ich besit­ze nichts, nicht ein­mal mich selbst“.

Ganz beson­ders pein­lich sind die Pas­sa­gen, die im deut­schen Text feh­len. Es sind drei an der Zahl. Ein­mal fragt sich Char­lot­te, ob die Zei­tun­gen über ihren mög­li­chen Selbst­mord berich­ten wür­den, und sie stellt sich eine Schlag­zei­le vor: „Fem­ten år gam­mel jen­te tok livet sitt. Moren: Jeg skjøn­ner ikke hvor­for.“. Den zwei­ten Teil („Die Mut­ter: Ich ver­ste­he nicht, wes­halb.“) hat Haefs ver­ges­sen. An ande­rer Stel­le fehlt unter dem Wort „Ein­wei­sung“ die Über­set­zung von „Ingen psy­ko­se“ („Kei­ne Psy­cho­se“). Bei Haefs steht da:

„Die, die nicht so vie­le künst­li­che Wim­pern ver­wen­den, dass ihre Augen zu schwer sind, um sie offen zu hal­ten. Die, die ihren Kör­per als etwas betrach­ten, um das ein Mann sich ver­dient machen muss, oder schlim­mer noch, als ob er gar kei­ne Prä­mie wäre, son­dern etwas, das ihnen selbst gehör­te.“

Bei Kjos Fonn gibt es zwi­schen die­sen bei­den Sät­zen noch einen wei­te­ren, der im deut­schen Text nicht auf­taucht: „De som har natur­li­ge roser i kin­nene.“ (etwa: „Die, deren Wan­gen einen natür­li­chen rosi­gen Farb­ton haben.“)

Alle die­se Feh­ler, deren Regis­trie­rung eben­so zer­mür­bend ist wie ihre Auf­lis­tung, tra­gen zu dem Ein­druck bei, dass die­se Über­set­zung von Kin­der­w­ho­re dem Text, der in sei­ner Ori­gi­nal­ver­si­on viel fei­ner gear­bei­tet ist, nur wenig gerecht wird. Über die Grün­de für die­ses Schei­tern lässt sich indes bloß spe­ku­lie­ren. Da Haefs im Rah­men der Buch­mes­se 34 Titel ins Deut­sche gebracht hat oder zumin­dest dar­an betei­ligt war, ist jedoch anzu­neh­men, dass Zeit­druck eine gewis­se Rol­le gespielt haben könn­te.

Dass sie in Anbe­tracht der hohen Arbeits­ver­dich­tung einen – auf den ers­ten Blick – les­ba­ren Text schrei­ben konn­te, ist ihr erst ein­mal hoch anzu­rech­nen. Den­noch stellt sich die Fra­ge, wo die Gren­zen eines effi­zi­en­ten Über­set­zens lie­gen, eines Über­set­zens also, das auf vie­le Fein­hei­ten ver­zich­tet und bloß die Bedeu­tung einer Text­stel­le wie­der­gibt. Bei Büchern, die sprach­lich weni­ger her­aus­for­dernd sind als Kin­der­w­ho­re, dürf­te eine sol­che Tak­tik noch auf­ge­hen. Bei einem Roman jedoch, des­sen Stil so wesent­lich ist für einen Ein­blick in die Gedan­ken­welt der Erzäh­le­rin, muss die­se Arbeits­wei­se jedoch nicht unbe­dingt zum Ziel füh­ren. Im vor­lie­gen­den Fall lässt eine effi­zi­en­te Über­set­zung zahl­rei­che Nuan­cen uner­wähnt – und das, obwohl sie sich in vie­len Fäl­len ins Deut­sche hin­über­ret­ten las­sen.

Was lie­ße sich tun, um der­ar­ti­ge Ärger­lich­kei­ten in Zukunft zu ver­mei­den? Es ist ein Spa­gat: zwi­schen den Anfor­de­run­gen einer Ver­lags­bran­che, die einen Best­sel­ler schnell auf den Markt wer­fen will, zwi­schen den pre­kä­ren Bedin­gun­gen einer frei­be­ruf­lich aus­ge­üb­ten Tätig­keit und zwi­schen den eige­nen Anfor­de­run­gen an einen deut­schen Text. Ohne Kom­pro­mis­se wird es nicht gehen. Sicher ist jedoch eines: Über­set­zen meint, der Vor­la­ge, aber auch der Autorin und ihrem Publi­kum eine Ver­ant­wor­tung ent­ge­gen­zu­brin­gen. Dies ist im vor­lie­gen­den Fall nicht voll­stän­dig, aber in ent­schei­den­den Tei­len geschei­tert.


Maria Kjos Fonn/Gabriele Haefs: Kin­der­w­ho­re. (Im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal: Kin­der­w­ho­re)

Cul­tu­re Books 2019 ⋅ 256 Sei­ten ⋅ 20 Euro

www.culturbooks.de/portfolio/maria-kjos-fonn-kinderwhore-roman/

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