Emils Ber­lin auf Eng­lisch

Wie übersetzt man ein Buch, das an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort geknüpft ist? Eine Frage, die sich alle Übersetzerinnen und Übersetzer von Erich Kästners beliebtem Kinderbuch „Emil und die Detektive“ stellen müssen. Von

An den Litfaßsäulen Berlins sind Emil und seine Freunde immer verabredet. Source: WikiCommons
Über­set­zung: Frey­ja Mels­ted.
The Eng­lish ori­gi­nal of this essay is avail­ab­le here.

Die­se Autos! Sie dräng­ten sich has­tig an der Stra­ßen­bahn vor­bei, hup­ten, quiek­ten, streck­ten rote Zei­ger links und rechts her­aus, bogen um die Ecke, ande­re Autos scho­ben sich nach. So ein Krach! Und die vie­len Men­schen auf den Fuß­stei­gen! Und von allen Sei­ten Stra­ßen­bah­nen, Fuhr­wer­ke, zwei­stö­cki­ge Auto­bus­se! … Und hohe, hohe Häu­ser.

Das war also Ber­lin.

Motor cars rus­hed past with horns hon­king and scree­ching bra­kes. They signal­led right-hand turns and left-hand turns, and swung off down side streets while other cars came swo­oping up behind them. The noi­se was inde­scri­bable, and on the pave­ments crowds of peop­le kept hur­ry­ing by. Out of every tur­ning vans and lor­ries, trams and dou­ble-decker buses swar­med into the main tho­rough­fa­re… And all the buil­dings stret­ched up and up into the sky.

So this was Ber­lin!
(Eile­en Hall)

Ein berau­schen­des Durch­ein­an­der, das die Ener­gie der Stadt in den 1920er Jah­ren ein­fängt – das ist das Ber­lin, das die Titel­fi­gur in Erich Käs­t­ners Kin­der­buch­klas­si­ker Emil und die Detek­ti­ve bei sei­ner Ankunft erlebt. Die vie­len „has­ti­gen Autos“ und die „hohen, hohen Häu­ser“ ste­hen im Kon­trast zu dem vor­he­ri­gen All­tags­tem­po. Käs­t­ner bricht auch mit den dama­li­gen Trends der Kin­der­li­te­ra­tur, die größ­ten­teils aus mora­li­sie­ren­den Geschich­ten oder Mär­chen bestand, fern­ab der Rea­li­tä­ten des All­tags. Sein Emil setzt sich mit dem wah­ren Ber­lin der Zeit aus­ein­an­der, mit sei­nen Bewoh­nern, die alle – näm­lich nicht nur die skru­pel­lo­sen! – unge­niert ber­li­nern.

Das ist genau die Pro­ble­ma­tik, der sich die ver­schie­de­nen Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer ins Eng­li­sche stel­len muss­ten. Wie kann man ein Buch über­set­zen, das so eng mit Zeit und Ort der Hand­lung ver­bun­den ist? Wie kann man jun­gen eng­lisch­spra­chi­gen Lesern Emils Wor­te ver­mit­teln, ohne die Eigen­hei­ten zu ver­lie­ren, die ja zu einem gro­ßen Teil den Charme des Buchs aus­ma­chen?

Die ers­te eng­li­sche Über­set­zung von Emil ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Das Buch erschien 1929 und die ers­ten eng­li­schen Aus­ga­ben kamen bereits 1930 von May Mas­see (USA) und 1931 von Mar­ga­ret Golds­mith (UK) auf den Markt. Die am wei­tes­ten ver­brei­te­te Fas­sung auf dem euro­päi­schen Markt ist momen­tan die Über­set­zung von Eile­en Hall aus dem Jah­re 1959, auch wenn sie sich seit 2007 die Büh­ne mit einer Über­set­zung von W. Mar­tin tei­len muss. Halls Über­set­zung ist in der Regel flüs­si­ger als die ihrer Vor­gän­ge­rin­nen, berück­sich­tigt aber einen wich­ti­gen Aspekt des Ori­gi­nals – den spe­zi­fisch loka­len Sprach­ge­brauch Emils und der Kin­der­ban­de, die er in Ber­lin trifft.

Da wär ich dir kolos­sal dank­bar

I’d be most fright­ful­ly gra­te­ful
(Golds­mith)
I’d be awful­ly glad
(Hall)

In Käs­t­ners Werk spre­chen Gus­tav und sei­ne Ban­de mit einem spe­zi­fi­schen urba­nen Dia­lekt. Das nahe­lie­gends­te bri­ti­sche Äqui­va­lent – wenn man von Ber­lin aus­geht – wäre Lon­do­ner Cock­ney. Sowohl Golds­mith als auch Hall ent­schei­den sich für ein Regis­ter, das eher Pri­vat­schu­len der obe­ren Mit­tel­klas­se zuzu­ord­nen wäre. Das plat­ziert das Buch sofort inmit­ten der beque­men Tra­di­ti­on bri­ti­scher Kin­der­bü­cher, „domes­ti­ziert“ es, indem die Spra­che an Autorin­nen und Autoren wie die unglaub­lich pro­duk­ti­ve Enid Bly­ton ange­passt wird, deren Bücher vol­ler „lashings of pop“ und „jol­ly good fun“ sind. Das erfüllt die Erwar­tun­gen der dama­li­gen Leser­schaft – und ver­fehlt bei­na­he gänz­lich die Inten­ti­on von Käs­t­ners bewusst nied­ri­ge­rem Regis­ter.

Geschickt fin­det Hall gute Alter­na­ti­ven für Käs­t­ners Spra­che. Sie gebraucht spe­zi­fisch bri­ti­schen Slang und umgangs­sprach­li­che Aus­drü­cke, an Stel­len, wo sich kei­ne pas­sen­den spe­zi­fi­schen Aus­drü­cke fin­den. Wäh­rend sie den Satz „[nen­nen wir] uns alle von mor­gen ab nur noch Moritz“ bei­spiels­wei­se ein­fach mit „we shall be dis­graced“ über­setzt, macht Hall aus „schon sieht er auch“ zu „he’ll sport you sure as eggs is eggs.“ Bei allem Geschick und inne­rer Stim­mig­keit ver­nach­läs­sigt die Wahl des Regis­ters der obe­ren Mit­tel­klas­se jedoch die Art und Wei­se, wie Käs­t­ner mit dem Ton der Main­stream-Kin­der­li­te­ra­tur der Zeit bricht. Der kon­kre­te Schau­platz und der urba­ne Dia­lekt der all­täg­li­chen Figu­ren waren eine radi­ka­le Neu­heit – Halls Slang hin­ge­gen nicht.

Don­ner­wet­ter noch mal … gibt’s in Ber­lin famo­se Eltern!

My word, par­ents in Ber­lin are jol­ly decent.
(Hall)
Ber­lin par­ents are so cool!
(Mar­tin)

Das Bei­spiel zeigt erneut Halls Anleh­nung an den Pri­vat­schul-Sprech, der Käs­t­ners Ein­ord­nung des sozia­len Milieus mit einem brei­ten Pin­sel der obe­ren Mit­tel­klas­se über­schmiert. Ein Blick auf die Über­set­zung von 2007 zeigt, dass Mar­tin eine völ­lig ande­re Rich­tung ein­schlägt als sei­ne Vor­gän­ge­rin. Das Regis­ter ent­spricht schon eher dem Geist des Ori­gi­nals, die moder­nen Aus­drü­cke ent­spre­chen hin­ge­gen nicht dem kla­ren zeit­li­chen Bezug des Buches und irri­tie­ren auf eine pla­ka­ti­ve­re Art und Wei­se als bei Hall. Der Schau­platz und die Hand­lung gehö­ren natür­lich in eine frü­he­re Zeit, aber die Figu­ren spre­chen wie moder­ne Kin­der. Wäh­rend Hall den Schau­platz und die sozia­le Klas­se weich­zeich­net, ver­passt Mar­tin den Abgleich von Spra­che und Zeit­span­ne.

Käs­t­ners Sprach­ge­brauch in Emil ist nicht die ein­zi­ge Fal­le, in die die Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer getappt sind. Das Buch ist auch fest in einem rea­len Ber­lin ver­an­kert, mit kon­kre­ten Stra­ßen­na­men und klar defi­nier­ten Geld­be­trä­gen, die aus­ge­tauscht (und natür­lich ver­lo­ren) wer­den. Mit dem Ober­klas­se-Jar­gon ent­fernt sich Hall bereits einen Schritt von Käs­t­ners ursprüng­li­chem Ton und geht noch einen Schritt wei­ter, indem sie Pfund und Schil­ling statt Mark ver­wen­det und die Namen eini­ger Neben­fi­gu­ren der eng­li­schen Aus­spra­che anpasst – so wird aus Mit­ten­zw­ey etwa Mitt­ler. Mar­tins Über­set­zung löst sich hin­ge­gen klar vom Ori­gi­nal.

Neu­stadt
Herr Grund­eis
Neu­stadt
Herr Grund­eis
(Mas­see)
Neu­stadt
Mr Grund­eis
(Hall)
New Town
Mr Ground­s­now
(Mar­tin)

Mas­see, die ursprüng­li­che US-ame­ri­ka­ni­sche Über­set­ze­rin, behält die deut­schen Orts­be­zeich­nun­gen und sogar die deut­schen Anre­den bei – zusam­men mit einer kur­zen Erklä­rung zu Beginn des Buches, wo sie den Lese­rin­nen und Lesern erklärt, dass Herr für Mr steht. Hall über­nimmt vie­le der Orts­na­men oder passt sie gering­fü­gig an, so wird aus der Kai­ser­al­lee die Kai­ser Ave­nue und aus Trau­ten­au­stra­ße die Trau­ten­au Street. Mar­tin hin­ge­gen über­trägt deut­lich mehr der Begrif­fe, wie etwa die Lehn­über­set­zung von Herrn Grund­eis mit Mr Ground­s­now und sogar Emil Tisch­bein, der zu Emil Table­toe wird. Dies ver­deut­licht den eng­li­schen Lesern die Bedeu­tun­gen vie­ler der ursprüng­li­chen Namen oder ver­mit­telt einen ähn­li­chen Effekt, aber es pas­siert etwas will­kür­lich, denn eini­ge Namen blei­ben uner­klär­li­cher­wei­se auf Deutsch ste­hen, was wei­te­re Span­nun­gen mit dem deut­li­chen Ber­li­ner Schau­platz erzeugt. Emil Table­toe aus New Town ver­mit­telt nun mal nicht das­sel­be Lokal­ko­lo­rit wie Emil Tisch­bein aus Neu­stadt.

Über­set­zen ist immer ein Ver­han­deln und das wird bei allen eng­li­schen Über­set­zun­gen von Emil klar. Von Hall, die das Buch mit der Spra­che der geho­be­nen Mit­tel­klas­se meta­pho­risch den hal­ben Weg nach Eng­land zieht, bis hin zu Mar­tin, die das rich­ti­ge Regis­ter trifft, aber die fal­sche Zeit, fin­den alle Über­set­zun­gen ihr eige­nes Gleich­ge­wicht zwi­schen den Spe­zi­fi­ka des Ori­gi­nals und den Erwar­tun­gen ihrer (jun­gen) eng­lisch­spra­chi­gen Leser­schaft, auch wenn die­se Art von Über­le­gun­gen wohl eher Erwach­se­ne als Kin­der inter­es­sie­ren dürf­te. Die andau­ern­de Beliebt­heit des Buches im eng­li­schen Sprach­raum zeigt, dass bri­ti­sche Kin­der sich, ohne den Sprach­ge­brauch zu hin­ter­fra­gen, immer noch in den Bann der Geschich­te zie­hen las­sen, solan­ge die­ser mit Käs­t­ners unfehl­ba­rer Fähig­keit ein­her­geht, die Freu­de der jun­gen Detek­ti­ve zu ver­mit­teln, die sich ihren aben­teu­er­li­chen Prü­fun­gen stel­len und am Ende tri­um­phie­ren. Und solan­ge Emil immer wie­der neu über­setzt und her­aus­ge­ge­ben wird, wer­den Lese­rin­nen und Leser auch wei­ter­hin an die­sem Tri­umph teil­ha­ben.


Erich Kästner/W. Mar­tin: Emil and the Detec­ti­ves. (Ori­gi­nal­ti­tel: Emil und die Detek­ti­ve)

Har­ry N Abrams Inc 2014 ⋅ 159 Sei­ten ⋅ 16,32 Dol­lar


Erich Kästner/Eileen Hall: Emil and the Detec­ti­ves. (Ori­gi­nal­ti­tel: Emil und die Detek­ti­ve)

Puf­fin Pen­gu­in Books 1967 ⋅ 127 pages ⋅ anti­qua­risch erhält­lich

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