Die vik­to­ria­ni­sche Alles­kön­ne­rin

Diesen Monat feiert die große englische Schriftstellerin George Eliot ihren 200. Geburtstag. Ein guter Anlass, um ihrer nicht nur als Autorin, sondern auch als Übersetzerin zu gedenken und die deutschen Übersetzungen ihres bedeutendsten Romans „Middlemarch“ einmal genauer zu lesen. Von

Die Autorin im Alter von 30 Jahren, porträtiert von Alexandre-Louis-François d'Albert-Durade während eines Aufenthalts in der Schweiz (Ausschnitt). Source: WikiCommons

Bevor Mary Ann Evans unter ihrem Pseud­onym Geor­ge Eli­ot zu einer der bedeu­tends­ten Autorin­nen des vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ters avan­cier­te, ging sie in der eng­li­schen Haupt­stadt ver­schie­de­nen Tätig­kei­ten nach, die ihre lite­ra­ri­sche Kar­rie­re nach­hal­tig prä­gen soll­ten. Mit der Hil­fe von John Chap­man, einem recht unkon­ven­tio­nel­len Lon­do­ner Ver­le­ger, begann sie 1851 für das libe­ra­le Maga­zin The West­mins­ter Review zu schrei­ben. Auch wenn sie offi­zi­ell nur den Sta­tus eines „Assi­stant Edi­tors“ inne­hat­te – mehr wäre damals für eine Frau wohl nicht schick­lich gewe­sen – erfüll­te sie in der Pra­xis die Rol­le der Chef­re­dak­teu­rin und akqui­rier­te nicht nur eine Rei­he pro­mi­nen­ter Intel­lek­tu­el­ler, son­dern ver­öf­fent­lich­te auch regel­mä­ßig eige­ne Kom­men­ta­re und Essays zu einer gro­ßen Band­brei­te von poli­ti­schen, phi­lo­so­phi­schen, theo­lo­gi­schen und lite­ra­ri­schen The­men.

Wäh­rend der fünf Jah­re bei dem Maga­zin eta­blier­te sich Evans als schar­fe Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin, die sich (obgleich anonym) höchst iro­nisch über die tri­via­len Roma­ne ihrer Zeit­ge­nos­sin­nen echauf­fier­te und Charles Dickens vor­warf, die Psy­che sei­ner eige­nen Figu­ren zu wenig zu erfor­schen. Auch vor Über­set­zungs­kri­tik scheu­te sie nicht zurück, viel­leicht weil sie sich in dem Bereich für beson­ders qua­li­fi­ziert hielt. Zum einen hat­te Evans unter der Auf­sicht ihres Vaters eine für Frau­en unge­wöhn­lich umfang­rei­che Bil­dung genos­sen und klas­si­sche wie auch eini­ge moder­ne Spra­chen lesen gelernt. Zum ande­ren hat­te sie – und das wird mit Blick auf ihre illus­tre Kar­rie­re als Autorin gern ver­ges­sen – selbst als Über­set­ze­rin gear­bei­tet.

Mit zwan­zig Jah­ren äußer­te Evans den Wunsch, Ita­lie­nisch und Deutsch zu ler­nen. Ihr Vater kam die­sem wider­stands­los nach und orga­ni­sier­te die ent­spre­chen­den Leh­rer. Für Evans war es der Beginn einer lebens­lan­gen Affi­ni­tät zur deut­schen Spra­che, die sich vor allem in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts gro­ßer Beliebt­heit erfreu­te. In Eng­land herrsch­te ein gar aus­ge­präg­tes Inter­es­se an deut­scher Lite­ra­tur und der in man­chen Berei­chen revo­lu­tio­nä­ren For­schung an deutsch­spra­chi­gen Uni­ver­si­tä­ten. Die Fol­ge war eine äußerst rege Über­set­zungs­kul­tur, in deren Zuge eine gan­ze Rei­he von lite­ra­ri­schen, phi­lo­so­phi­schen und theo­lo­gi­schen Schrif­ten aus dem Deut­schen ins Eng­li­sche über­tra­gen wur­den.

Nach nur weni­gen Jah­ren des Deutsch­stu­di­ums wag­te sich Evans an ihre ers­te Über­set­zung, die spä­ter von Chap­man, der sie zur West­mins­ter Review hol­te, ver­öf­fent­licht wer­den soll­te. Zwei Jah­re lang arbei­te­te sie an einer Über­set­zung von Das Leben Jesu (1835), geschrie­ben von dem damals 27-jäh­ri­gen David Fried­rich Strauß, der sich als einer der ers­ten mit der His­to­ri­zi­tät der Bibel befass­te und so über Nacht zu einem der berühm­tes­ten Theo­lo­gen des Jahr­hun­derts wur­de. Evans’ eng­li­sche Über­set­zung erschien 1847.

Es mag zunächst unge­wöhn­lich erschei­nen, dass eine Frau einen solch kon­tro­ver­sen Text über­setzt hat, ja über­set­zen durf­te, in einer Zeit, in der sich die idea­le Frau als „Angel in the House“ vor allem um die Bedürf­nis­se und die Kar­rie­re des Man­nes küm­mern soll­te. Tat­säch­lich aber arbei­te­te im 19. Jahr­hun­dert ein erstaun­lich hoher Anteil von gebil­de­ten Mit­tel­schicht-Frau­en als Über­set­ze­rin­nen. Es war eine der weni­gen Tätig­kei­ten, zu der sie, jen­seits eines drö­gen Gou­ver­nan­tin­nen­da­seins, über­haupt Zugang hat­ten.

Da das Über­set­zen als eine eher pas­si­ve geis­ti­ge Akti­vi­tät galt, wur­de es als eine für Frau­en ange­mes­se­ne­re Tätig­keit ein­ge­stuft als bei­spiels­wei­se das Schrei­ben selbst. Denn das Schrei­ben galt als das eigent­li­che Schöp­fer­tum, das Über­set­zen hin­ge­gen als zweit­ran­gi­ge Beschäf­ti­gung, als blo­ße Wie­der­ga­be von Ideen – per­fekt also für die Frau, die sich ganz den Ambi­tio­nen des Man­nes wid­men soll­te. So ließ bei­spiels­wei­se John Mil­ton sei­nen Töch­tern Latein bei­brin­gen, damit sie ihn bei sei­ner Arbeit unter­stüt­zen konn­ten. Ein ähn­li­ches Schick­sal wider­fuhr Sara Cole­ridge, der ein­zi­gen Toch­ter von Samu­el Cole­ridge, die eine umfang­rei­che Bil­dung erhielt und regel­mä­ßig über­setz­te. (Ein deut­sches Bei­spiel ist Doro­thea Tieck, die zusam­men mit ihrem Vater Lud­wig Tieck zahl­rei­che Shake­speare-Über­set­zun­gen anfer­tig­te.)

Das durch­aus auf­rüh­re­ri­sche Poten­ti­al die­ser über­set­ze­ri­schen Akti­vi­tät von Frau­en blieb lan­ge Zeit unkom­men­tiert, bis sich die eng­li­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft unter Ein­fluss des Femi­nis­mus mit die­sem Phä­no­men genau­er beschäf­tig­te. Aphra Behn, Geor­ge Eli­ot, Char­lot­te Bron­të – sie alle haben in irgend­ei­ner Form über­setzt. Die Fähig­keit, ande­re Spra­chen zu lesen und Tex­te zu über­set­zen, war von immenser Bedeu­tung für das Leben und Schaf­fen die­ser Frau­en. Die über­set­ze­ri­sche Tätig­keit ermög­lich­te ihnen einen direk­ten und unge­fil­ter­ten Zugang zu den wich­tigs­ten gesell­schaft­li­chen Ideen ihrer Zeit. Mehr noch – sie waren gefor­dert, sich mit die­sen Ideen in kon­struk­ti­ver und pro­duk­ti­ver Form aus­ein­an­der­zu­set­zen, ohne einen Mann als Ver­mitt­ler, und emp­fan­den die Tätig­keit oft als intel­lek­tu­ell sti­mu­lie­rend.

Wel­chen Stel­len­wert das Über­set­zen bei Mary Ann Evans hat­te, wird in der recht kurz gehal­te­nen Abhand­lung „Trans­la­tors and Trans­la­ti­ons“ (1855) deut­lich, in der sie sowohl die eng­li­sche Über­set­zung von Kants Cri­tik der rei­nen Ver­nunft als auch eine Antho­lo­gie deut­scher Gedich­te mit dem sper­ri­gen eng­li­schen Titel Spe­ci­mens of the Choicest Lyri­cal Pro­duc­tions of the Most Cele­bra­ted Ger­man Poets rezen­siert (die Über­set­zer sind J. M. D. Meik­le­john und Mary Anne Burt). In die­ser kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung fällt auch der oft zitier­te Satz „Über­set­zung erfor­dert sel­ten Genia­li­tät“ („trans­la­ti­on does not often demand geni­us“), der gern aus dem Zusam­men­hang geris­sen wird. Denn obwohl die bes­ten Über­set­zer genia­le Fähig­kei­ten hät­ten, heißt es wei­ter, so sei­en sie doch stets an die Qua­li­tät des Ori­gi­nals gebun­den: „Die zum Über­set­zen not­wen­di­ge Kraft hängt von der Kraft des Ori­gi­nals ab.“ Kurz­um: Selbst ein genia­ler Über­set­zer kann aus einer schlech­ten Vor­la­ge kei­nen Genie­streich machen.

Inter­es­san­ter­wei­se erfah­ren wir aus ihrer Kri­tik auch so eini­ges über die Über­set­zungs­de­bat­ten der dama­li­gen Zeit. Evans, nie um bis­si­ge Sei­ten­hie­be ver­le­gen, inter­es­siert sich wenig für die zu rezen­sie­ren­den Über­set­zun­gen. Statt­des­sen urteilt sie mit eng­li­scher Tro­cken­heit wie folgt über die deut­sche Über­set­zungs­kul­tur: „Es stimmt, die Deut­schen bil­den sich zu viel auf ihre Über­set­zun­gen ein.“ Anschlie­ßend nimmt sie Hegels und Tiecks auch im eng­lisch­spra­chi­gen Aus­land gefei­er­ten Shake­speare-Über­set­zun­gen aus­ein­an­der und ent­lässt uns mit fol­gen­den, abschlie­ßen­den Wor­ten, die die zu Beginn auf­ge­mach­te Genie-Debat­te noch ein­mal abrun­den:

Though a good trans­la­tor is infi­ni­te­ly below the man who pro­du­ces good ori­gi­nal works, he is infi­ni­te­ly abo­ve the man who pro­du­ces fee­b­le ori­gi­nal works. We had meant to say some­thing of the moral qua­li­ties espe­cial­ly deman­ded in the trans­la­tor – the pati­ence, the rigid fide­li­ty, and the sen­se of respon­si­bi­li­ty in inter­pre­ting ano­t­her man’s mind. But we have gos­si­ped on this sub­ject long enough.
Obwohl ein guter Über­set­zer dem­je­ni­gen, der ein gutes Ori­gi­nal pro­du­ziert, unend­lich unter­le­gen ist, so ist er doch dem­je­ni­gen, der ein dürf­ti­ges Ori­gi­nal schreibt, unend­lich überlegen.Wir hat­ten etwas über die mora­li­schen Qua­li­tä­ten eines Über­set­zers sagen wol­len – die Geduld, die stren­ge Genau­ig­keit und das Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, wenn man die Gedan­ken eines ande­ren inter­pre­tiert. Aber über die­ses The­ma haben wir schon lan­ge genug geläs­tert.

Wel­che Bedeu­tung die hier nur flüch­tig auf­ge­zähl­ten, mora­li­schen Eigen­schaf­ten eines Über­set­zers für Evans’ eige­ne Tätig­keit als Über­set­ze­rin hat­ten, lässt sich aus einer Rezen­si­on ihrer Strauß-Über­set­zung, die all­ge­mei­nen Anklang fand, erah­nen: „Wir kön­nen bestä­ti­gen, dass der Über­set­zer ein bemer­kens­wert geist­rei­ches und ori­gi­nal­ge­treu­es Werk“ geschaf­fen hat. Ob Evans damit selbst den von ihr pos­tu­lier­ten über­set­ze­ri­schen Genie-Sta­tus erreicht hat, bleibt offen. Fakt ist, dass sie wei­ter für die dama­li­ge Zeit rei­ße­ri­sche Schrif­ten über­setz­te, dar­un­ter Lud­wig Feu­er­bachs Das Wesen des Chris­tent­h­ums (1854), und der deut­schen Spra­che stets ver­bun­den blieb. Sie unter­nahm mit ihrem Part­ner Geor­ge Hen­ry Lewis, der Mit­te der 1850er Jah­re an einer Goe­the-Bio­gra­fie schrieb, aus­ge­dehn­te Rei­sen durch Deutsch­land und ver­kehr­te mit den wich­tigs­ten Intel­lek­tu­el­len ihrer Zeit.

Im Jahr 1859 erschien Mary Ann Evans’ ers­ter Roman Adam Bede, der ein gro­ßer Erfolg war und sei­ne Autorin unter dem Namen Geor­ge Eli­ot mit einem Schlag berühmt mach­te. Es folg­ten fünf­zehn über­aus pro­duk­ti­ve Jah­re, in denen Eli­ot einen Klas­si­ker nach dem ande­ren ver­öf­fent­lich­te, dar­un­ter The Mill on the Floss (1860) und Silas Maner (1861). Ihr zwi­schen 1871 und 1872 erschie­nes Magnum Opus Midd­le­m­arch, A Stu­dy of Pro­vin­cial Life gilt heu­te als einer der bedeu­tends­ten eng­lisch­spra­chi­gen Roma­ne und wird gern – vor Fran­ken­stein, Jane Eyre oder Pri­de & Pre­ju­di­ce – an die Spit­ze ver­schie­de­ner eng­lisch­spra­chi­ger Lite­ra­tur-Ran­kings gewählt.

Eines der berühm­tes­ten Urtei­le über Midd­le­m­arch stammt von Vir­gi­nia Woolf, die den Roman in einem Essay als „einen der weni­gen eng­li­schen Roma­ne für Erwach­se­ne“ bezeich­ne­te. Mit Blick auf den Inhalt des Romans lässt sich erah­nen, was Woolf damit gemeint haben könn­te. Denn Midd­le­m­arch beginnt dort, wo vie­le Roma­ne ihrer Vor­gän­ge­rin­nen und Zeit­ge­nos­sin­nen – Aus­ten, Bron­të oder Gas­kell – auf­hör­ten: mit der Ehe­schlie­ßung.

Doro­thea Broo­ke, zunächst schein­ba­rer Mit­tel­punkt die­ses pro­vin­zi­el­len Lebens, das Eli­ot uns auf über tau­send Sei­ten schil­dert, beschließt, den altern­den, selbst­ver­lieb­ten Gelehr­ten Edward Casa­u­bon zu hei­ra­ten. Sie hat dazu ganz ähn­li­che Beweg­grün­de wie die bereits genann­ten Töch­ter, die flei­ßig über­setzt haben. Doro­thea träumt von einem intel­lek­tu­ell her­aus­for­dern­den Leben, vol­ler Erkennt­nis und Sinn­haf­tig­keit. Casa­u­bon, der sich ganz dem eige­nen Intel­lekt und sei­nen Stu­di­en ver­schrie­ben hat, braucht eine Assis­ten­tin. Er braucht also eine Ehe­frau.

Dies ist nur eine von vie­len Ehen, denen sich Eli­ot in ihrem Roman wid­met. Der Fokus des Romans liegt dem Titel ent­spre­chend auf „Midd­le­m­arch“, einer fik­ti­ven Pro­vinz­stadt und ihren schil­lern­den Bewoh­nern. Der Roman hat den Anspruch, die ver­schie­de­nen Facet­ten des mensch­li­chen Daseins inner­halb der Gren­zen die­ses Mikro­kos­mos abzu­bil­den, und ist von aller­lei Anspie­lun­gen auf real­his­to­ri­sche Ereig­nis­se durch­zo­gen. In sei­ner schie­ren Figu­ren­viel­falt und sys­te­ma­ti­schen Kon­stru­iert­heit steht Midd­le­m­arch ande­ren gro­ßen, vom Rea­lis­mus gepräg­ten Roma­nen des 19. Jahr­hun­derts in nichts nach. Eli­ot por­trä­tiert die ver­schie­dens­ten Gemein­schafts­for­men in den unter­schied­lichs­ten sozia­len Schich­ten mit einer sol­chen Prä­zi­si­on und psy­cho­lo­gi­schen Tie­fe, dass ihre Cha­rak­te­re – anders als bei­spiels­wei­se bei Dickens, einem gro­ßen Bewun­de­rer ihres Werks – nie zu blo­ßen Kari­ka­tu­ren ver­kom­men.

Da sich Eli­ot bereits zu Leb­zei­ten gro­ßer Beliebt­heit erfreu­te, wur­den ihre Roma­ne recht zügig in ande­re Spra­chen über­setzt, so dass bei­spiels­wei­se Midd­le­m­arch von einem gewis­sen Fried­rich Nietz­sche, des­sen Schwes­ter eine Aus­ga­be besaß, in deut­scher Spra­che gele­sen wer­den konn­te (sein Urteil fiel ver­hal­ten aus). Rund 150 Jah­re spä­ter haben wir nun das Glück, dass nicht nur eine, son­dern gleich zwei deut­sche Über­set­zun­gen des Romans den Weg in die Buch­hand­lun­gen gefun­den haben. Im Som­mer ver­öf­fent­lich­te zunächst dtv eine über­ar­bei­te­te Über­set­zung von Rai­ner Zerbst, die bereits 1985 bei Reclam erschie­nen war. Ver­gan­ge­ne Woche leg­te Rowohlt mit einer Neu­über­set­zung von Mela­nie Walz nach.

Mit wel­chen Schwie­rig­kei­ten die Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer eines Eli­ot-Romans kon­fron­tiert wer­den, ver­rät ein kur­zer Aus­flug in die Über­set­zungs­ge­schich­te des Werks. Der ers­te deutsch­spra­chi­ge Über­set­zer Emil Leh­mann schei­ter­te näm­lich kläg­lich an dem Ver­such, eine adäqua­te Über­set­zung von Midd­le­m­arch abzu­lie­fern – zumin­dest nach dem Urteil der Autorin. Eli­ot kann­te Leh­mann per­sön­lich, war mit ihm und sei­nen Schwes­tern sogar ziem­lich gut befreun­det und ver­kehr­te in den­sel­ben Lon­do­ner Krei­sen. Dass er Midd­le­m­arch über­haupt über­set­zen durf­te, war vor allem ein Freund­schafts­dienst Eli­ots, die eigent­lich kein Ver­trau­en in sei­ne Fähig­kei­ten als Über­set­zer hat­te und im All­ge­mei­nen höchst miss­trau­isch war, was die Über­set­zung ihrer eige­nen Roma­ne betraf. Die gan­ze Ange­le­gen­heit brach­te sie in ein Dilem­ma, das sie ihrem Ver­le­ger John Black­wood wie folgt schil­dert:

I care very much for the fee­lings of some friends who might be woun­ded in con­nec­tion with my refu­sal or gran­ting of the right to trans­la­te one of my books, and yet I feel that it is tre­a­son to Lite­ra­tu­re to encou­ra­ge incom­pe­tence.
Ich sor­ge mich sehr um die Gefüh­le man­cher Freun­de, die durch mei­ne Ableh­nung oder Gewäh­rung der Über­set­zungs­rech­te ver­letzt wer­den könn­ten, und doch wäre es ein Ver­rat an der Lite­ra­tur, Inkom­pe­tenz zu för­dern.

Genützt hat der ver­trau­li­che Brief wenig – Leh­mann, der nach Eli­ot noch vie­le ande­re vik­to­ria­ni­sche Autoren (dar­un­ter John Stuart Mill, Wil­kie Col­lins und Charles Dickens) ins Deut­sche über­trug, durf­te die ers­te Über­set­zung von Midd­le­m­arch anfer­ti­gen. Er war ein gro­ßer Ver­eh­rer Eli­ots und äußerst bemüht, eine exzel­len­te Über­set­zung des Werks vor­zu­le­gen. Wie Eli­ot es jedoch selbst vor­her­ge­se­hen hat­te, emp­fand sie die Über­set­zung als inad­äquat. Er ver­ste­he „kei­nen Fun­ken Iro­nie“, schimpft sie in einem wei­te­ren Brief an den Ver­le­ger und ließ für ihren letz­ten Roman Dani­el Deron­da einen ande­ren Über­set­zer beauf­tra­gen.

Die­se Eli­ot­sche Iro­nie stellt auch heu­te noch eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für die deut­schen Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer dar. Mela­nie Walz schreibt im Nach­wort zu ihrer Über­set­zung, Geor­ge Eli­ot habe „die Gabe, Din­ge so zu for­mu­lie­ren, dass man ihr ohne wei­te­res auf den Leim gehen kann und mehr oder weni­ger wört­lich über­setzt, was gar nicht so gemeint ist“ – eine Fal­le, in die Leh­mann hin­ein­ge­tappt ist, obwohl die Iro­nie an eini­gen Stel­len sehr direkt, fast schon plump ist, und sich die oft ver­wen­de­ten rhe­to­ri­schen Fra­gen durch­aus gut ins Deut­sche brin­gen las­sen:

„You have your own opi­ni­on about ever­ything, Miss Broo­ke, and it is always a good opi­ni­on.“ What ans­wer was pos­si­ble to such stu­pid com­pli­men­ting?

„Sie haben zu allen Din­gen eine eige­ne Mei­nung, Miss Broo­ke, und es ist immer eine gute Ansicht.“ Was soll­te man auf so alber­ne Kom­pli­men­te ant­wor­ten? (Walz)

Wer sol­che Stel­len über­liest, liest einen ande­ren Roman. Glück­li­cher­wei­se sind weder Walz noch Rai­ner Zerbst an Eli­ots schnei­den­der Iro­nie geschei­tert, was sicher­lich auch dar­an liegt, dass wir heu­te über ein ande­res Ver­ständ­nis von Eli­ot und ihrem Werk ver­fü­gen und in einer Zeit leben, in der es durch­aus vor­stell­bar ist, dass sich eine schrei­ben­de Frau über einen pseu­do-intel­lek­tu­el­len Phi­lo­lo­gen und die Nai­vi­tät eines jun­gen Mäd­chens, das in der Ehe das gro­ße Heils­ver­spre­chen sieht, in wohl­wol­len­der Manier lus­tig macht:

This accom­plis­hed man con­de­scen­ded to think of a young girl, and take the pains to talk to her, not with absurd com­pli­ment, but with an appeal to her under­stan­ding, and some­ti­mes with inst­ruc­ti­ve cor­rec­tion. What delight­ful com­pa­n­ions­hip! Mr. Casa­u­bon see­med even uncon­scious that tri­via­li­ties exis­ted, and never han­ded round that small talk of hea­vy men which is as accep­ta­ble as sta­le bridge-cake brought forth with an odor of cup­board.
Die­ser gebil­de­te Mann ließ sich dazu her­ab, an ein jun­ges Mäd­chen zu den­ken und sich der Mühe zu unter­zie­hen, mit ihr zu spre­chen, und das nicht mit lächer­li­chen Kom­pli­men­ten, son­dern indem er an ihren Ver­stand appel­lier­te und sie manch­mal beleh­rend kor­ri­gier­te. Was für eine ent­zü­cken­de Gemein­schaft! Es schien Mr. Casa­u­bon nicht ein­mal bewusst zu sein, dass es Tri­via­li­tä­ten über­haupt gibt, und nie­mals reich­te er das Geschwätz schwer­fäl­li­ger Män­ner her­um, das eben­so unan­nehm­bar ist wie alt­ba­cke­ner Hoch­zeits­ku­chen, der nach Schrank riecht. (Zerbst)

Neben der Iro­nie erfor­dern auch die inhalt­lich wie satz­bau­tech­nisch kom­ple­xen Schil­de­run­gen über­set­ze­ri­sche Höchst­leis­tun­gen. Walz und Zerbst las­sen in ihren Nach­wor­ten durch­schim­mern, wel­che Kopf­schmer­zen Eli­ots über­lan­ge Sät­ze und zum Teil hoch phi­lo­so­phi­schen Beob­ach­tun­gen berei­tet haben müs­sen. Zerbst lässt uns wis­sen, dass in sei­ner Über­set­zung „Wert dar­auf gelegt wur­de, die kom­ple­xen Satz­struk­tu­ren ins Deut­sche hin­über­zu­ret­ten“. Wie unter­schied­lich eine sol­che Ret­tungs­mis­si­on aus­se­hen kann, zeigt ein ver­glei­chen­der Blick in die Über­set­zun­gen:

She did not look at things from the pro­per femi­ni­ne ang­le. The socie­ty of such women was about as rela­xing as going from your work to teach the second form, ins­tead of recli­ning in a para­di­se with sweet laughs for bird­no­tes, and blue eyes for hea­ven.

Sie betrach­te­te die Welt nicht von dem einer Frau ange­mes­se­nen Blick­punkt. Der Umgang mit sol­chen Frau­en war so erhol­sam, als wür­de man nach geta­ner Arbeit noch Unter­richt geben, anstatt sich in einen Para­dies­gar­ten zu legen, wo süßes Lachen den Vogel­sang und blaue Augen den Him­mel ersetz­ten. (Zerbst)
Sie betrach­te­te die Din­ge nicht von dem rich­ti­gen weib­li­chen Stand­punkt aus. Die Gesell­schaft sol­cher Frau­en war so erqui­ckend, als gin­ge man von der Arbeit direkt zum Unter­rich­ten, statt sich in einem Para­dies voll süßen Lachens wie Vogel­ge­zwit­scher und blau­er Augen wie einem Him­mel zu erho­len. (Walz)

Die Über­set­zung von Walz ist in punk­to Wort­stel­lung und Satz­bau ten­den­zi­ell näher am eng­li­schen Ori­gi­nal als Zerbsts Über­set­zung, was nicht immer zu ihrem Vor­teil ist und durch­aus an eini­gen Stel­len den Lese­fluss beein­träch­tigt. Um der Flüs­sig­keit wil­len ent­fernt sich Zerbst ins­ge­samt deut­lich wei­ter vom Ori­gi­nal, ohne jedoch je den Faden zu ver­lie­ren oder Eli­ots kom­ple­xe Struk­tu­ren gänz­lich aus­ein­an­der­zu­neh­men.

Ent­schei­dend für die Bewer­tung der Qua­li­tät die­ser Über­set­zun­gen sind aber weder die erfolg­reich über­tra­ge­ne Iro­nie noch die hin­über­ge­ret­te­ten Schach­tel­sät­ze. Letzt­lich ver­rät vor allem ein Blick auf die Wort­wahl der bei­den Über­set­zer, wel­che Über­set­zung man im 21. Jahr­hun­dert lesen soll­te, denn genau da zei­gen sich gra­vie­ren­de Unter­schie­de auf, die Zerbsts Über­set­zung in kein gutes Licht rücken.

Wie es zu den Feh­lern in der Wort­wahl kom­men konn­te, ver­rät das Nach­wort der Zerbst­schen Über­set­zung, in dem man vie­les über die Rezep­ti­ons­ge­schich­te, die kom­ple­xe Struk­tur des Romans und über Eli­ots Selbst­ver­ständ­nis als „Roman­cier“ (oder bes­ser gesagt: Zerbsts Ver­ständ­nis von Eli­ot als Roman­cier), wenig jedoch über die Über­set­zung erfährt. Deut­lich wird vor allem, dass der Über­set­zer getrie­ben ist von der Fra­ge, was die­ser Roman genau ist, genau­er gesagt, wel­chem Gen­re er zuzu­schrei­ben sei und wel­chem nicht. Laut Zerbst han­delt es sich bei Midd­le­m­arch um einen his­to­ri­schen Roman und nicht um einen femi­nis­ti­schen, denn „[r]evolutionäre Neue­rung war Geor­ge Eli­ots Sache nicht“.

Mit Blick auf die Bio­gra­phie Eli­ots – die Part­ner­schaft mit dem bereits ver­hei­ra­te­ten Lewes, für die sie jah­re­lang sozia­le Äch­tung kas­sier­te, die mit eiser­ner Dis­zi­plin ver­folg­te Kar­rie­re als Intel­lek­tu­el­le und Autorin – und ihre ande­ren Roma­ne (man den­ke an die bit­te­re Sozi­al­kri­tik in The Mill on the Floss) ist die­se Schluss­fol­ge­rung erstaun­lich. Viel­leicht ver­steckt sich hier auch die Absicht, einen Welt­klas­si­ker vor dem Label des Femi­nis­mus zu bewah­ren, das vor mehr als drei­ßig Jah­ren wohl noch eine ande­re Bedeu­tung und ein höhe­res Abschre­ckungs­po­ten­ti­al hat­te.

In gewis­ser Wei­se will man Zerbst sei­ne Les­art auch gern las­sen, der Roman ent­zieht sich ohne­hin jeg­li­cher Kate­go­ri­sie­rung und über­set­zen bedeu­tet nun ein­mal auch inter­pre­tie­ren. Jede Inter­pre­tin und jeder Inter­pret inter­es­siert sich für ande­re inhalt­li­che wie auch ästhe­ti­sche Aspek­te und sieht tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten an ande­ren Stel­len. Zerbst sei sei­ne Les­art des Romans also gegönnt – wenn sie nicht solch gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die Über­set­zung hät­te. Der Roman ist im eng­li­schen Ori­gi­nal näm­lich weni­ger kon­ser­va­tiv, als er in sei­ner deut­schen Über­set­zung klingt.

Bereits im „Vor­spiel“ begeht Zerbst einen Über­set­zungs­feh­ler, der in sei­ner Trag­wei­te so ver­hee­rend ist, dass man geneigt ist, ihn als Text­ver­fäl­schung zu bezeich­nen:

Who cares much to know the histo­ry of man, and how the mys­te­rious mix­tu­re beha­ves under the vary­ing expe­ri­ments of Time, has not dwelt, at least brief­ly, on the life of Saint The­re­sa, has not smi­led with some gent­leness at the thought of the litt­le girl wal­king forth one morning hand-in-hand with her still smal­ler bro­ther, to go and seek mar­tyr­dom in the coun­try of the Moors?

Out they todd­led from rug­ged Avi­la, wide-eyed and hel­pless-loo­king as two fawns, but with human hearts, alrea­dy bea­ting to a natio­nal idea; until domestic rea­li­ty met them in the shape of uncles, and tur­ned them back from their gre­at resol­ve. That child-pil­grimage was a fit begin­ning. The­resa’s pas­sio­na­te, ide­al natu­re deman­ded an epic life: what were many-volu­med roman­ces of chi­val­ry and the social con­quests of a bril­li­ant girl to her? Her fla­me quick­ly bur­ned up that light fuel; and, fed from wit­hin, soared after some illi­mita­ble satis­fac­tion, some object which would never jus­ti­fy wea­ri­ne­ss, which would recon­ci­le self-des­pair with the rap­tur­ous con­scious­ness of life bey­ond self. She found her epos in the reform of a reli­gious order.

Wer von uns, der sich sehr für die Geschich­te des Men­schen inter­es­siert und dafür, wie sich die geheim­nis­vol­le Mischung unter den ver­schie­den­ar­ti­gen Expe­ri­men­ten ver­hält, wel­che die Zeit mit jener anstellt, hat sich nicht schon, zumin­dest kurz, mit dem Leben der Hei­li­gen The­re­se beschäf­tigt, hat nicht mil­de gelä­chelt bei dem Gedan­ken dar­an, wie das klei­ne Mäd­chen eines Mor­gens Hand in Hand mit ihrem noch klei­ne­ren Bru­der aus­zog, um im Lan­de der Mau­ren das Mar­ty­ri­um zu suchen?

Mit gro­ßen Augen und hilf­lo­sem Blick anzu­se­hen wie zwei Reh­kit­ze, aber mit Men­schen­her­zen, die schon für eine natio­na­le Idee schlu­gen, so trot­te­ten sie hin­aus aus dem trut­zi­gen Avi­la, bis die Rea­li­tät des All­tags ihnen in der Gestalt von Onkeln ent­ge­gen­trat und sie von ihrem gro­ßen Ent­schluss abbrach­te. Die­se Kin­der­wall­fahrt war ein ange­mes­se­ner Anfang. The­re­ses lei­den­schaft­li­che, aufs Idea­le gerich­te­te Natur ver­lang­te nach einem Leben wie in einem höfi­schen Roman: Was bedeu­te­ten ihr viel­bän­di­ge Rit­ter­ro­man­zen und die gesell­schaft­li­chen Erobe­run­gen eines klu­gen Mäd­chens? Ihre Flam­me ver­zehr­te die­sen leich­ten Brenn­stoff schnell und sehn­te sich, von innen genährt, nach gren­zen­lo­ser Erfül­lung, einem Ziel, bei dem Ermü­dung kei­ne Ent­schul­di­gung war und das die Ver­zweif­lung an sich selbst durch das ver­zück­te Bewusst­sein von einem Leben jen­seits des eige­nen Ich ver­söhn­te. Sie fand ihren Roman in der Reform eines geist­li­chen Ordens.

Dass Zerbst hier „bril­li­ant girl“ schnö­de als „klu­ges Mäd­chen“ über­setzt, kann man durch­ge­hen las­sen. Ver­zeih­lich ist auch die Über­set­zung von „domestic rea­li­ty“ mit „Rea­li­tät des All­tags“, obwohl mit „domestic“ weni­ger der All­tag als die spe­zi­fisch-weib­lich kon­no­tier­te Sphä­re des Häus­li­chen gemeint ist, in die die Frau vom Patri­ar­chat, hier in der Form des Onkels, zurück­ge­drängt wird. Gänz­lich unver­zeih­bar ist jedoch die Über­set­zung von „epic life“ mit „höfi­schen Roman“, die sich am Ende Absat­zes in der Über­set­zung von „epos“ mit „Roman“ wie­der­holt. Die­se Über­set­zung ist zunächst ein­mal rein tech­nisch betrach­tet falsch. Im dar­auf­fol­gen­den Satz wer­den zwar die „roman­ces of chil­va­ry“ erwähnt (und von Zerbst auch rich­tig als „Rit­tero­man­zen“ über­setzt), es besteht jedoch kein seman­ti­scher Bezug zwi­schen die­sen Roman­zen und dem „epic life“, das Zerbst hier als „höfi­schen Roman“ über­setzt – im Gegen­teil: es soll in die­sem Vor­spiel ein Kon­trast ent­ste­hen zwi­schen den Rit­ter­ro­man­zen und dem Epos. Zudem ent­steht durch Zerbsts Über­set­zung ein inhalt­li­cher Wider­spruch. The­re­se ver­langt nach einem Leben wie in einem höfi­schen Roman, hat aber kein Inter­es­se an lang­wei­li­gen Rit­ter­ro­man­zen? Was ist der höfi­sche Roman ande­res als eine Rit­ter­ro­man­ze, als „chil­va­ric romance“, um wie­der zum Eng­li­schen zurück­zu­keh­ren?

Indem Zerbst die Wort­spie­le mit „epic“ und „epos“ durch sei­ne eige­ne Über­set­zung unter­gräbt, ver­schlei­ert er das Rebel­li­sche die­ses Vor­spiels. The­re­se hat kei­ne Lust auf belang­lo­se Roman­zen, sie fin­det, ja sie schreibt ihr eige­nes Epos und ist Zen­trum, Hel­din ihrer eige­nen Geschich­te.  Es ist wenig über­ra­schend, dass Eli­ot als gro­ße Lieb­ha­be­rin der alten Spra­chen, deren Wert in ihren eige­nen Roma­nen immer wie­der the­ma­ti­siert wird, hier auch auf deren wohl bedeu­tends­te Form anspielt. Dass sich dahin­ter eine iro­ni­sche Anspie­lung auf Doro­thea Broo­kes ver­birgt, die mit der Nüch­tern­heit einer Non­ne ihre Bestim­mung sucht und nach einem ähn­lich heroi­schen Dasein strebt, kann man kaum über­le­sen. Dass Eli­ot sich hier selbst als Schöp­fe­rin posi­tio­niert und ihre Hel­din­nen in eine Linie mit ande­ren prä­gen­den Frau­en­fi­gu­ren stellt, auch nicht.

Ähn­li­che Schnit­zer in der Wort­wahl fin­den sich auch im Rest des Tex­tes. Man­che sind schlicht­weg falsch über­tra­gen – so wird „her gir­lish sub­jec­tion to her own igno­ran­ce“ mit „mäd­chen­haf­ter Unwis­sen­heit“ über­setzt, als wäre Unwis­sen­heit ein spe­zi­fisch weib­li­ches Cha­rak­te­ris­ti­kum –, ande­re geschmack­los über­setzt. Ein gutes Bei­spiel dafür ist die Über­set­zung von „gui­de“ und spä­ter „spi­ri­tu­al direc­tor“ mit „geis­ti­ger Füh­rer“. Ein noch bes­se­res Bei­spiel lau­tet wie folgt:

She would perhaps be hard­ly cha­rac­te­ri­zed enough if it were omit­ted that she wore her brown hair flat­ly brai­ded and coi­led behind so as to expo­se the out­line of her head in a dar­ing man­ner at a time when public fee­ling requi­red the mea­greness of natu­re to be dis­si­mu­la­ted by tall bar­ri­ca­des of friz­zed curls and bows, never sur­pas­sed by any gre­at race except the Fee­jee­an.
Man soll­te, um sie voll­stän­dig zu beschrei­ben, erwäh­nen, dass sie ihr Haar schlicht gefloch­ten nach hin­ten gekämmt trug, sodass die Form ihres Kop­fes kühn her­vor­ge­ho­ben wur­de; und das zu einer Zeit, in der es der all­ge­mei­ne Geschmack ver­lang­te, dass die nur dürf­tig her­vor­tre­ten­de Natur hin­ter einer Fes­tung aus Rin­gellöck­chen und Schlei­fen ver­schwand, wie es unter allen gro­ßen Ras­sen nur noch von den Fidschi-India­nern über­trof­fen wur­de.

Die kolo­nia­len Unter­tö­ne, die sich auch in ande­ren Wer­ken Eli­ots fin­den und hier ganz klar zum Vor­schein tre­ten, sol­len kei­nes­falls über­hört wer­den. Aber eine Über­set­zung wie die­se ist weder adäquat noch kor­rekt. „Race“ hat im Eng­li­schen eine voll­kom­men ande­re Bedeu­tung und his­to­ri­sche Kon­no­ta­ti­on als das deut­sche Wort „Ras­se“ mit sei­ner hoch pro­ble­ma­ti­schen Ver­gan­gen­heit. Noch schlim­mer ist aller­dings, dass Zerbst das Wort „India­ner“ hin­zu­fügt, wel­ches wahr­lich nicht weni­ger pro­ble­ma­tisch und im eng­li­schen Ori­gi­nal so auch über­haupt nicht zu fin­den ist. Anschei­nend geht man davon aus, dass die Lese­rin­nen und Leser auch in Zei­ten von Goog­le-Bil­der eine sol­che illus­tra­ti­ve Ergän­zung benö­ti­gen, um sich unter „Fidschi“ etwas vor­zu­stel­len. Dass im 21. Jahr­hun­dert ein sol­ches Wort vom Lek­to­rat nicht gestri­chen wird, kann nur Kopf­schüt­teln her­vor­ru­fen und bestä­tigt die Not­wen­dig­keit der bis­wei­len müh­sa­men Debat­ten um poli­ti­sche Kor­rekt­heit.

Freu­en wir uns also umso mehr, dass wir eine zwei­te Über­set­zung von Mela­nie Walz vor­lie­gen haben, die all die­se Feh­ler nicht begeht. The­re­se darf sich bei ihr nach einem „heroi­schen Leben“ seh­nen, das Mäd­chen „klug“ statt „hoch­be­gabt“ sein. Und auch die Fidschis sind weder India­ner noch eine Ras­se, son­dern ein schlich­tes „Volk“.

Die Über­set­zung ent­staubt die­sen im deut­schen Gewand zu Unrecht ver­staub­ten Roman und dies ist auch bit­ter not­wen­dig. Denn tat­säch­lich haben Eli­ots Roma­ne, vor allem Midd­le­m­arch, im Gegen­satz zu vie­len ande­ren gro­ßen Wer­ken der eng­lisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur, „den Weg nach Deutsch­land nie so recht gefun­den“, wie Walz in ihrem Nach­wort schreibt. Als mög­li­che Ursa­che führt sie die nur schwer über­trag­ba­re Iro­nie an. Eine wei­te­re Ursa­che, die bei ihr natür­lich uner­wähnt bleibt, ist jedoch auch die Qua­li­tät der bis­he­ri­gen Über­set­zun­gen von Midd­le­m­arch, die – ange­fan­gen bei Leh­mann – die­sem Roman nicht gerecht wer­den. Als deutsch­spra­chi­ge Lese­rin­nen und Leser kön­nen wir uns nun umso glück­li­cher schät­zen, dass wir Eli­ot und ihren bedeu­tends­ten Roman end­lich in sei­ner gan­zen Moder­ni­tät und Grö­ße erle­ben dür­fen.


Geor­ge Eliot/Melanie Walz: Midd­le­m­arch.

Rowohlt 2019 ⋅ 1264 Sei­ten ⋅ 45 Euro

www.rowohlt.de/hardcover/george-eliot-middlemarch.html


Geor­ge Eliot/Rainer Zerbst: Midd­le­m­arch. 

dtv 2019 ⋅ 1152 Sei­ten ⋅ 28 Euro

www.dtv.de/buch/george-eliot-middlemarch-28193/

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  1. 1
    Max

    Die Über­set­zung von Mela­nie Walz mag poli­tisch kor­rek­ter sein, sie ist aber vol­ler Schnit­zer, die ich ziem­lich stö­rend fin­de. Ein Bei­spiel aus Buch I, Kapi­tel 4:

    „She pin­ched Celi­a’s chin, being in the mood now to think her very win­ning and lovely—fit here­af­ter to be an eter­nal che­rub, and if it were not doc­tri­nal­ly wrong to say so, hard­ly more in need of sal­va­ti­on than a squir­rel.“

    Über­set­zung Walz:
    „Sie zwick­te Celia ins Kinn, dazu auf­ge­legt, sie sehr gewin­nend und ent­zü­ckend zu fin­den – dazu bestimmt, der­einst ein ewi­ger Che­rub zu sein, und wäre es nicht theo­lo­gisch ver­bo­ten, so etwas zu den­ken, der Erlö­sung nicht bedürf­ti­ger als ein Eich­hörn­chen.“

    Über­set­zung Zerbst:
    „Sie kniff Celia ins Kinn und war ganz in der Stim­mung, sie für ein gewin­nen­des und lie­bens­wer­tes Wesen zu hal­ten – geeig­net, um im ewi­gen Leben auf immer einen Engel abzu­ge­ben, und, fast könn­te man sagen, der Erlö­sung kaum mehr bedürf­tig als ein Eich­hörn­chen, wenn das theo­lo­gisch halt­bar wäre.“

    Walz‘ Über­set­zung ist hier sehr unge­schickt, ihre Kon­struk­ti­on mit dem dop­pel­ten „dazu“ stört den Sinn. Lei­der kein Ein­zel­fall.

    • 2
      Julia Rosche

      Ja, dem stim­me ich zu. Man­che Satz­kon­struk­tio­nen sind in der Über­set­zung von Walz nicht so gelun­gen. Die Feh­ler in der Wort­wahl in der Zerbst­schen Über­set­zung (die nicht zwangs­läu­fig mit poli­ti­scher Inkor­rekt­heit zu tun haben) emp­fin­de ich jedoch als viel stö­ren­der, weil sie einen stel­len­wei­se fal­schen Ein­druck von dem Ori­gi­nal ver­mit­teln.

  2. 3
    Julian

    Walz‘ Über­set­zung von „Moors“ als „Moh­ren“ in der zitier­ten Ein­lei­tung statt – wie Zerbst – als Mau­ren hal­te ich aller­dings für min­des­tens genau­so unglück­lich wie Zerbsts Über­set­zung von „race“ als „Ras­se“.
    Bei der Über­set­zung von „epic life“ ist zu beach­ten, dass Zerbst die­sen Begriff nicht als „höfi­schen Roman“, son­dern als „Leben wie in einem höfi­schen Roman“ über­setzt, was einen ent­schei­den­den Unter­schied macht, gleich­zei­tig aber nichts dar­an ändert, dass Walz dies mit „heroi­schen Leben“ ungleich kla­rer, tref­fen­der und ele­gan­ter über­setzt.

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