„Die Poli­tik muss uns sehen und hören!“

Patricia Klobusiczky und Maria Hummitzsch sind die höchsten politischen Repräsentantinnen der Literaturübersetzerinnen und -übersetzer in Deutschland. Im Jahresabschluss-Interview mit TraLaLit sprechen sie nicht nur über die Verbandsarbeit, sondern auch über Amazon-Kundenrezensionen und ihre Wunschbesetzung für das Literarische Quartett. Interview:

Patricia Klobusiczky (links) übersetzt aus dem Englischen und Französischen und ist seit 2017 Erste Vorsitzende des Berufsverbands VdÜ. Maria Hummitzsch (rechts) übersetzt aus dem Englischen und Portugiesischen und ist seit 2013 im Vorstand des VdÜ, seit 2017 als Zweite Vorsitzende. Foto: Ebba Drolshagen für TraLaLit.

2019 war ein poli­tisch inten­si­ves Jahr für den VdÜ. Im Früh­jahr wur­de nicht nur die EU-Urhe­ber­rechts­richt­li­nie ver­ab­schie­det, für die ihr euch gegen eini­ge Wider­stän­de stark gemacht habt, son­dern auch der aktua­li­sier­te Norm­ver­trag. Was ist eure Bilanz nach auf­re­gen­den zwölf Mona­ten?

Maria Hummitzsch: Zunächst ist immer wie­der zu erle­ben, wie leben­dig unser Ver­band ist. Und in der Gre­mi­en­ar­beit ist es wie über­all in der Poli­tik: In man­chen Punk­ten gibt es wich­ti­ge Schrit­te nach vorn – der neu aus­ge­han­del­te Norm­ver­trag, der den Rück­mel­dun­gen nach schon in vie­len Ver­hand­lun­gen eine wich­ti­ge Vor­la­ge und Argu­men­ta­ti­ons­hil­fe war, oder die gemein­sam mit dem Bör­sen­ver­ein aus­ge­han­del­te Hand­rei­chung zur Übersetzer*innen-Nennung. Andern­orts, bei­spiels­wei­se in der Hono­rar­fra­ge, dem für uns alle wich­tigs­ten The­ma über­haupt, ste­hen wir auf der Stel­le bzw. müs­sen sogar immer wie­der dage­gen vor­ge­hen, dass sich die ohne­hin schlech­ten Bedin­gun­gen wei­ter ver­schlech­tern und wir sogar Rück­schrit­te machen. Das ist müh­sam, und man braucht einen lan­gen Atem.

Patri­cia Klo­bu­si­cz­ky: Die Ver­ab­schie­dung der EU-Richt­li­nie war ein wich­ti­ger Schritt, aber nur der ers­te. Jetzt geht es um die Umset­zung die­ser Richt­li­nie in deut­sches Recht. Wir ver­su­chen dabei erneut, eine Nach­bes­se­rung des Urhe­ber­ver­trags­rechts zu erwir­ken, damit wir unse­ren Anspruch auf ange­mes­se­ne Ver­gü­tung auch durch­set­zen kön­nen. Nach Ansicht der Ver­la­ge erfüllt Deutsch­land bereits alle Kri­te­ri­en der EU. Und im Ver­gleich mit ande­ren EU-Staa­ten ste­hen wir, theo­re­tisch, in der Tat glän­zend da. Das Pro­blem ist aller­dings die prak­ti­sche Durch­set­zung. Das benen­nen wir glas­klar in unse­rer Stel­lung­nah­me und for­dern Instru­men­te zur kol­lek­ti­ven Durch­set­zung, um die ein­zel­nen Übersetzer*innen zu schüt­zen. Dar­über sind wir, als Ver­band, mit ver.di und als Mit­glied der Initia­ti­ve Urhe­ber­recht im Aus­tausch mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz. Aber die Poli­tik muss uns Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer auch sehen und hören! Mal sehen, ob wir unse­re Mit­glie­der mobi­li­sie­ren kön­nen, um die­se Lob­by­ar­beit zu unter­stüt­zen.

Was wollt ihr in die­sem Pro­zess poli­tisch kon­kret errei­chen?

P.K.: Unser größ­ter Wunsch ist eine Art von Ver­bands­kla­ge­recht, das unse­ren Bedürf­nis­sen ent­spricht und sich mit dem Urhe­ber­ver­trags­recht ver­trägt. Nach aktu­el­ler Rechts­la­ge kön­nen die Gerich­te nur indi­vi­du­el­le Ver­trä­ge prü­fen. Die­se Fra­ge ist so kniff­lig, dass sie für Urhe­ber­recht­ler eine inter­es­san­te Her­aus­for­de­rung dar­stellt, hof­fent­lich kei­ne unlös­ba­re.

M.H.: Errei­chen wol­len wir letzt­lich natür­lich – und die­ses Ziel war die obers­te Prio­ri­tät aller bis­he­ri­gen VdÜ-Vor­stän­de – eine wei­te­re Stär­kung der Urheber*innen, eine deut­li­che und anhal­ten­de Ver­bes­se­rung der Ver­gü­tungs­si­tua­ti­on und somit der finan­zi­el­len Absi­che­rung im Alter. Und zu einer sol­chen Stär­kung wür­de neben der von Patri­cia bereits erwähn­ten Ver­tre­tungs­voll­macht von Urhe­ber­ver­bän­den bei sys­te­ma­ti­scher Ver­let­zung des Grund­sat­zes der ange­mes­se­nen Ver­gü­tung bspw. auch die Eini­gungs­mög­lich­keit und ‑ver­pflich­tung durch eine ver­bind­li­che Aus­ge­stal­tung der Schlich­tung bei­tra­gen. Denn nicht zuletzt die dies­jäh­ri­ge Hono­rar­um­fra­ge hat wie­der gezeigt, dass die Hono­ra­re nicht nur sta­gnie­ren, son­dern infla­ti­ons­be­rei­nigt sogar sin­ken.

Die Betei­li­gung an der Umfra­ge war aber wie­der ein­mal mäßig, was ihre Aus­sa­ge­kraft – auch in Ver­hand­lun­gen – schmä­lern dürf­te.

M.H.: Ich stel­le mir auch oft die Fra­ge: War­um kön­nen wir nicht geschlos­se­ner für bestimm­te Din­ge ein­ste­hen? Ich ver­ste­he tat­säch­lich nicht, wor­an es hapert. War­um fehlt es so vie­len Mit­glie­dern an Moti­va­ti­on, sich bspw. an der Umfra­ge zu betei­li­gen? Sind das Zei­chen von Resi­gna­ti­on? Oder bekom­men sie den Auf­ruf nicht mit?

P.K.: Aber man­ches bewegt sich dadurch doch. Nad­ja Kneissler, die Vor­sit­zen­de des Ver­le­ger­aus­schus­ses, war von den Ergeb­nis­sen durch­aus beein­druckt und will das The­ma wei­ter ver­fol­gen.

Der VdÜ kommt mir von außen oft vor wie eine Gewerk­schaft – das ist er ja qua­si auch –, der aber gewerk­schaft­li­ches Bewusst­sein fehlt. Und ich fra­ge mich, ob der Ver­band nicht in der Tra­di­ti­on der Gewerk­schafts­be­we­gung viel geschlos­se­ner und radi­ka­ler auf­tre­ten könn­te, um sei­ne Zie­le zu errei­chen. Wie seht ihr eure Rol­le?

M.H.: Manch­mal, in extre­men Momen­ten, habe ich mich in der Tat schon gefragt, was eigent­lich pas­sie­ren wür­de, wenn eine geschlos­se­ne Rie­sen­ak­ti­on statt­fän­de. Wenn alle 1300 Mit­glie­der des VdÜ sagen wür­den: Wir strei­ken jetzt einen Monat. Wir über­set­zen nicht. Oder wir lie­fern die Bücher nicht, die an die Ver­la­ge gehen soll­ten. Zugleich ist mir bewusst, dass die Situa­ti­on eben doch kom­ple­xer ist. Die Leid­tra­gen­den einer sol­chen Akti­on wären in ers­ter Linie die Lektor*innen, die oft wie wir unter enor­mem Zeit­druck arbei­ten und die Ver­öf­fent­li­chung dann ret­ten müss­ten. Vor allem aber arbei­ten wir ja für eine sehr divers auf­ge­stell­te Ver­lags­land­schaft. Man­che Ver­la­ge möch­te man über­haupt nicht in die Pfan­ne hau­en, weil man die Zusam­men­ar­beit schätzt und zu fai­ren Kon­di­tio­nen über­setzt.

P.K.: Und wir haben nun mal die­se Dop­pel­na­tur als Künstler*innen und freie Unternehmer*innen. Für die­sen Aspekt des Unter­neh­me­ri­schen brau­chen wir mehr Bewusst­sein und auch die Bereit­schaft, uns zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren – nicht nur im Hin­blick auf die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät unse­rer Über­set­zun­gen. Das ist auch ein Unter­schied zur Arbei­ter­schaft: Es gibt kei­nen Tarif­ver­trag für uns, wegen die­ses Sta­tus.

M.H.: Ande­rer­seits muss man ehr­li­cher­wei­se sagen, dass etwas mehr Kampf­geist hier und da wün­schens­wert wäre. Nach der Mit­glie­der­ver­samm­lung 2017 wur­den auf Wunsch der Mit­glie­der für die gro­ßen Kon­zern­ver­la­ge, die sys­te­ma­tisch immer wie­der die BGH-Sät­ze unter­lau­fen, Mai­ling­lis­ten ein­ge­rich­tet. Damit sich die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen erst mal soli­da­risch aus­tau­schen kön­nen. Die­se Mai­ling­lis­ten wur­den aber anschlie­ßend fast über­haupt nicht ange­nom­men. Das fand ich erschre­ckend. Und das konn­te ich auch nicht nach­voll­zie­hen. Da besteht eine Dis­kre­panz zwi­schen der Erwar­tungs­hal­tung, die ein bestimm­ter Teil der Mit­glied­schaft an die Gre­mi­en hat, und dem, was er sel­ber bereit ist zu leis­ten. Und das fin­de ich scha­de und zum Teil frus­trie­rend.

P.K.: Im Grun­de sind wir wirk­lich nur so stark wie unser schwächs­tes Glied. Und was wir als Vor­stand leis­ten kön­nen, sind letzt­lich Ange­bo­te: zu Semi­na­ren, zu Schu­lun­gen, zum kol­le­gia­len Aus­tausch. Inter­es­sant ist auch: Fast jedes Mal, wenn sich jemand bei der Ver­trags­be­ra­tung mel­det und von uns oder unse­rem Anwalt Vic­tor Strupp­ler bera­ten lässt, bekom­men wir eine Erfolgs­mel­dung. Das heißt dann nicht, dass 100 Pro­zent der For­de­run­gen durch­ge­setzt wur­den, aber 80 oder 60 oder 40 Pro­zent. Und der Ver­lag merkt: „Oh, die Über­set­ze­rin liest ihren Ver­trag!? Sie ver­steht sich als Ver­trags­part­ne­rin!? Wir reden über den Ver­trag, das ist ja ganz neu!“

M.H.: Das ist für uns als Vor­stand wie­der­um äußerst wich­tig. Denn sonst kommt bei Ver­hand­lun­gen mit der Ver­le­ger­sei­te natür­lich immer das Argu­ment: „Wie­so, unse­re Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen sind alle zufrie­den?! Wir bekom­men über­haupt kei­ne kri­ti­schen Rück­mel­dun­gen, die sind doch alle ein­ver­stan­den mit dem, was wir machen!“

Das heißt, die Mit­glie­der haben es auch selbst in der Hand?

P.K.: Wir müs­sen alle bes­ser ver­han­deln. Alle. Auch Berufs­ein­stei­ger. Jun­ge Über­set­ze­rin­nen soll­ten die Hal­tung haben zu sagen: „Lie­ber Ver­lag, der Text gefällt mir, ich weiß, dass ich am Anfang ste­he, ich fin­de die­se zwölf Euro eine Frech­heit, aber ich mache es ein­mal, als gro­ße Aus­nah­me, damit ihr seht, wie gut ich bin.“ Das ist etwas ande­res als ein­fach zu unter­schrei­ben und dann drei­ßig Jah­re lang für zwölf Euro pro Norm­sei­te zu arbei­ten.

M.H.: Ver­hand­lungs­sinn ist auch nicht unbe­dingt eine Fra­ge der Lei­den­schaft. Ich habe in den gan­zen Jah­ren vie­le gestan­de­ne und enga­gier­te Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen erlebt, denen wir groß­ar­ti­ge Über­set­zun­gen ver­dan­ken, die aber dann, wenn es um das Aus­han­deln von Ver­trags­ent­wür­fen geht, ganz ande­res leis­ten könn­ten, müss­ten und soll­ten, die aber zögern, weil auch sie die­se gestör­te Ver­trags­pa­ri­tät zu spü­ren bekom­men. Es gibt ja auch für gestan­de­ne Über­set­ze­rin­nen kei­ne Sicher­heit. Und trotz­dem glau­be ich, dass gera­de die­je­ni­gen mit einem gewis­sen Stan­ding das Renom­mee in den Ver­la­gen und – wenn über­haupt – die Macht haben, Tache­les zu reden und suk­zes­si­ve die Hono­rar­gren­zen nach oben zu ver­schie­ben. Was alle ande­ren nicht von ihrer Ver­ant­wor­tung ent­bin­den soll, für bestimm­te Min­dest­ho­no­ra­re zu kämp­fen. Das heißt dann auch, dass man für zwölf Euro schlicht­weg nicht über­set­zen darf.

Besteht nicht auch die Gefahr einer sich immer wei­ter öff­nen­den Sche­re zwi­schen einer halb­wegs über die Run­den kom­men­den „Eli­te“ einer­seits und einem Zwölf-Euro-Pre­ka­ri­at ande­rer­seits?

P.K.: Ich habe durch­aus Sor­ge, dass wir, über­spitzt gesagt, auf eine sol­che Zwei-Klas­sen-Gesell­schaft zusteu­ern. Die ist in sich ja schon ange­legt: Auf der einen Sei­te die soge­nann­te „anspruchs­vol­le Lite­ra­tur“, die von man­chen Ver­la­gen in wun­der­schö­nen Aus­ga­ben zele­briert wird, die dafür dann auch von einer klei­nen Leser­schaft den ent­spre­chen­den Laden­preis for­dern kön­nen – auf der ande­ren Sei­te der Bereich der güns­ti­gen, lieb­los ver­leg­ten und ent­spre­chend schlecht bezahl­ten soge­nann­ten „Unter­hal­tung“.

M.H.: Ich den­ke, die­se Ungleich­heit besteht lei­der längst, und das schon lan­ge, allein durch die unter­schied­li­chen Kon­di­tio­nen in Hard­co­ver und Taschen­buch. Und auch durch die eben ange­spro­che­ne Ver­trags- und Kon­di­ti­ons­viel­falt in der Ver­lags­land­schaft.

Wel­che Rol­le spie­len die Medi­en dabei?

P.K.: Ich fin­de, die Über­set­zungs­kri­tik könn­te für die Qua­li­täts­si­che­rung eine wich­ti­ge Funk­ti­on haben. Aber das wür­de nur dann einen Sinn erge­ben, wenn Über­set­zun­gen bei der Kri­tik prin­zi­pi­ell berück­sich­tigt wür­den. Solan­ge sich nur eine Hand­voll Leu­te mit dem The­ma befasst, kann Über­set­zungs­kri­tik die­se Auf­ga­be nicht erfül­len.

M.H.: Die meis­ten Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer wün­schen sich Über­set­zungs­kri­tik, mei­nen damit aber eigent­lich eine posi­ti­ve Über­set­zungs­kri­tik. Wenn sie extrem nega­tiv aus­fällt, kann das wie­der­um auch berufs­schä­di­gend sein. Des­we­gen ist das für vie­le eine zwei­schnei­di­ge Sache. Mir fehlt die­ser Aspekt oft, wenn der Wunsch nach Über­set­zungs­kri­tik aus­ge­spro­chen wird. Denn eigent­lich ist immer posi­ti­ve Über­set­zungs­kri­tik gemeint.

P.K.: Ich fin­de aber, wir müs­sen uns da zurück­neh­men. Kri­tik pas­siert außer­halb unse­rer Wün­sche. Unser Ide­al einer Über­set­zungs­kri­tik spielt kei­ne Rol­le. Ich hät­te ger­ne, dass die Lite­ra­tur­kri­tik sich da selbst ihren Zugang erar­bei­tet.

M.H.: Es wäre schon viel gewon­nen, wenn Übersetzer*innen über­all dort genannt wür­den, wo in einer Rezen­si­on auf die Spra­che und sti­lis­ti­sche Gestal­tung eines Tex­tes abge­ho­ben wird.

Das ZDF sucht der­zeit Nach­fol­ger für das Lite­ra­ri­sche Quar­tett. Habt ihr Vor­schlä­ge?

P.K.: Gre­gor Dotzau­er vom Tages­spie­gel – einer von weni­gen, der über brei­tes lite­ra­ri­sches Wis­sen ver­fügt und sowohl for­ma­le Aspek­te berück­sich­tigt als auch die Tie­fe der Wer­ke aus­lo­tet.

M.H.: Mir fal­len da spon­tan gleich meh­re­re Per­so­nen ein: Sieg­lin­de Gei­sel, Dani­el Graf, Kat­rin Schu­ma­cher, Jan Drees

Was unter­nimmt der Ver­band, um die Sicht­bar­keit von Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern in den Medi­en zu stär­ken?

P.K.: Wir for­dern Sicht­bar­keit ein. Die Mise­re fängt ja schon in den Ver­la­gen an – nicht in allen natür­lich. Es fängt damit an, dass in vie­len Pres­se­ab­tei­lun­gen der Name auf den Wasch­zet­teln fehlt, die mit den Rezen­si­ons­ex­em­pla­ren ver­schickt wer­den. Dass in den Vor­schau­en nicht immer und über­all der Name genannt wird. Dass wir im Inter­net nicht auf­tau­chen, oder dass man sich erst auf die nächs­te Ebe­ne kli­cken muss. Das muss auf­hö­ren. In die­sem Punkt waren wir auch in den Ver­trags­ver­hand­lun­gen sehr ent­schie­den. Das Best-Prac­ti­ce-Paper zur Über­set­zer­nen­nung, das wir am 18. Novem­ber gemein­sam mit dem Bör­sen­ver­ein ver­öf­fent­licht haben, ist auch ein Ergeb­nis die­ser Ver­hand­lun­gen.

M.H.: Auch hier ist es zugleich wich­tig, dass wir Sicht­bar­keit nicht nur ein­for­dern, son­dern auch selbst etwas zu einer stär­ke­ren Sicht­bar­keit bei­tra­gen, bei­spiels­wei­se dadurch, dass wir bei Büchern, die das auch her­ge­ben, Werk­statt­ein­bli­cke in Form von Nach­wor­ten, Arbeits­jour­na­len (wie denen von TOLEDO) oder eige­nen Bei­trä­gen geben. Das ist auf­wen­dig, ich weiß, aber es ist auch ein wich­ti­ges Ange­bot an die Lite­ra­tur­kri­tik, die sich dann damit beschäf­ti­gen und dar­auf beru­fen kann und das auch gern macht. Ich fin­de, an der Stel­le tut sich schon was.

P.K.: Ich lese inzwi­schen mit Begeis­te­rung die Ama­zon-Kun­den­re­zen­sio­nen. Da sehe ich häu­fi­ger als frü­her, dass die über­set­ze­ri­sche Leis­tung gewür­digt wird. Und auch bei den weni­ger pro­fes­sio­nel­len Blogs, die gern Hand­ta­sche, Buch und Lip­pen­stift gemein­sam abbil­den. Das heißt: Wir haben Fort­schrit­te gemacht. Ganz, ganz lang­sa­me – aber das kennt der VdÜ ja, seit­dem er exis­tiert.

Die Über­set­zer­bar­ke wur­de in die­sem Jahr zum ers­ten Mal an eine Buch­hand­lung ver­ge­ben. Wel­che Rol­le spie­len Buch­händ­le­rin­nen und ‑händ­ler für euch?

P.K.: Allein in Ber­lin ken­ne ich etli­che, die unse­re Leis­tung wahr­neh­men, sich gern mit uns dar­über aus­tau­schen und uns bei Ver­an­stal­tun­gen mit­wir­ken las­sen – das über­trägt sich natür­lich auf die Kund­schaft.

M.H.: In Leip­zig ist es ganz ähn­lich. Und die Erfah­rung hat gezeigt, dass vie­le Buchhändler*innen dank­bar sind für Anre­gun­gen und Ver­an­stal­tungs­vor­schlä­ge.

Du, Maria, hast in unse­rem letz­ten Inter­view vor einem Jahr gesagt, dass ihr euch stär­ker für Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen öff­nen wollt, die als Self-Publis­her oder für Ama­zon arbei­ten. Was ist in die­ser Rich­tung pas­siert?

M.H.: Damit wir Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die für Self-Publis­her arbei­ten, bei Ver­trags­fra­gen kom­pe­tent bera­ten kön­nen, müs­sen wir uns die­ses Wis­sen zunächst ein­mal selbst drauf­schaf­fen. Und in der Hin­sicht haben wir viel getan. Im Leip­zi­ger Über­set­zer­zen­trum wird es zum ers­ten Mal eine Ver­an­stal­tung zum The­ma „Über­set­zen für Self­pu­blis­her“ geben. Im Moment fin­det in die­sem Bereich eine rela­tiv rasan­te Ent­wick­lung statt, und jetzt gibt es ein Zeit­fens­ter, inner­halb des­sen man die Ver­trags­aspek­te noch mit­ge­stal­ten kann. Das wol­len wir nut­zen, um Kon­di­tio­nen zu for­mu­lie­ren, die wir als Ver­band für ange­mes­sen hal­ten.

Was steht 2020 sonst noch an?

M.H.: Mein Ziel ist es, dass wir alles, was wir bis­lang ange­sto­ßen haben, fort­set­zen und zu einem guten Ende brin­gen. Und dann wird es im nächs­ten Jahr auch dar­um gehen, die Mit­glie­der­ver­samm­lung 2021 mit den dann anste­hen­den Gre­mi­en­wah­len vor­zu­be­rei­ten. Poten­ti­el­le Nach­fol­ger für jene zu fin­den, die aus den Gre­mi­en aus­schei­den, eine rei­bungs­lo­se Über­ga­be zu sichern …

Heißt das, ihr tre­tet 2021 nicht mehr an?

P.K.: Das ist nicht gesagt. Wir haben ein sehr for­dern­des, aber auch reiz­vol­les Amt. Man muss sehr, sehr viel geben, aber man bekommt auch eine gan­ze Men­ge. Ich habe in den letz­ten drei Jah­ren wahn­sin­nig viel gelernt. Es wäre gut, wenn das in Zukunft Leu­te machen, die sich früh dar­auf ein­stel­len kön­nen und, im Sin­ne der Effek­ti­vi­tät, so gern mit­ein­an­der arbei­ten, wie wir es im aktu­el­len Vor­stand tun. In die­ser Amts­zeit gab es bis­her vie­le auf­rei­ben­de Pha­sen, in denen ich wochen­lang kaum über­setzt habe. Das soll­te nicht zur Regel wer­den, sonst hält das auf Dau­er nie­mand durch. Hin­zu kommt: In den Gre­mi­en über­wiegt seit bald zwölf Jah­ren der glei­che Typus Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen. Ich wür­de es begrü­ßen, wenn mehr Leu­te aus den Berei­chen Sach­buch, Unter­hal­tung und Jugend­buch in den Gre­mi­en ver­tre­ten wären. Wir brau­chen da noch mehr Know-how.

Weih­nach­ten steht kurz bevor. Habt ihr Buch­tipps für Kurz­ent­schlos­se­ne? Wel­che Bücher haben euch im ver­gan­ge­nen Jahr beein­druckt?

P.K.: Eines mei­ner inten­sivs­ten Lese­er­leb­nis­se ver­dan­ke ich Ali­ce Zeni­ter – wer etwas Sub­stan­zi­el­les über das Ver­hält­nis von Frank­reich und Alge­ri­en erfah­ren und zugleich einen mit­rei­ßen­den, sinn­li­chen, bewe­gen­den Roman lesen möch­te, soll­te zu Die Kunst zu ver­lie­ren grei­fen, über­setzt von Hai­ner Kober, den ich – und nicht nur ich – für einen her­vor­ra­gen­den Über­set­zer hal­te.

M.H.: Eine Ent­de­ckung die­ser Tage ist für mich die irisch-ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin Maeve Brenn­an in der Über­set­zung von Hans-Chris­ti­an Oeser. Wahr­lich begeis­tert hat mich auch der Roman Oreo der afro­ame­ri­ka­ni­schen jüdi­schen Autorin Fran Ross, der 1970 in den USA erschie­nen ist und nun in der Über­set­zung von Pie­ke Bier­mann erst­mals auf Deutsch vor­liegt. Ob Slang, Jid­disch oder Fan­ta­sie­spra­che, in die­sem Buch kommt alles vor, und Ross und Bier­mann las­sen es kra­chen. Kunst­voll und flap­sig zugleich.

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