Über­set­zung des Monats: Die Jakobs­bü­cher

In dieser neuen Rubrik stellt TraLaLit ab sofort jeden Monat eine besonders gelungene aktuelle Übersetzung vor. Den Anfang macht der Roman „Die Jakobsbücher“ der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in der Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Von

Die Jakobs­bü­cher stup­sen beharr­lich gegen die Gren­zen des Sprach­üb­li­chen, klau­ben fast ver­ges­se­ne Wör­ter aus den Tie­fen der Erin­ne­rung her­vor und berei­chern uns durch sys­te­ma­ti­sche Sprach­ver­wir­rung.
Über­set­zung des Monats Janu­ar
Titel

Die Jakobs­bü­cher

Autorin

Olga Tokar­c­zuk

Über­setzt von

Lothar Quin­ken­stein und Lisa Pal­mes

Ori­gi­nal­spra­che

Pol­nisch

Ori­gi­nal­ti­tel

Księ­gi Jaku­bo­we

Link zur Ver­lags­sei­te

kampaverlag.ch/olga-tokarczuk-die-jakobsbuecher/

Olga Tokar­c­zuk nimmt uns mit auf Eine gro­ße Rei­se über sie­ben Gren­zen, durch fünf Spra­chen und drei gro­ße Reli­gio­nen, die klei­nen nicht mit­ge­rech­net … so beginnt der Unter­ti­tel ihres knapp 1200-sei­ti­gen Opus Magnum Die Jakobs­bü­cher. Die frisch geba­cke­ne Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin wan­delt auf den Spu­ren des pol­ni­schen Mys­ti­kers Jakob Frank, einer der bedeu­tends­ten Figu­ren des 18. Jahr­hun­derts, und ver­webt dabei his­to­ri­sche Fak­ten raf­fi­niert mit phan­ta­sie­vol­ler Aus­schmü­ckung.

Der ech­te Jakob Joseph Frank wur­de als Ja’akow Josef ben Jehu­da Lej­bin in Podo­li­en (einem his­to­ri­schen Gebiet in der heu­ti­gen süd­west­li­chen Ukrai­ne) gebo­ren, ver­ließ als jun­ger Mann sei­nen Geburts­ort Korolów­ka und reis­te ins Osma­ni­sche Reich, wo er bald als neu­er Mes­si­as auf­trat, die Leh­ren des ortho­do­xen Juden­tums ver­warf und zahl­rei­che Anhän­ger um sich schar­te. Im Roman wird Jakob Lej­bo­wicz schon in jun­gen Jah­ren der „Wei­se Jakob“ genannt, als Aus­er­wähl­ter soll er die ost­eu­ro­päi­schen Juden aus ihrem Elend erlö­sen: „Wir brau­chen jeman­den, der uns in allem unter­stützt, der uns auf­recht hält. Kei­nen Rab­bi­ner, kei­nen Wei­sen, kei­nen Rei­chen, kei­nen Krie­ger. Wir brau­chen einen star­ken Mann, der aus­sieht wie ein Schwäch­ling, jeman­den ohne Furcht. Er wird uns hier hin­aus­füh­ren.“

Und so reist Jakob über sie­ben Gren­zen von der Rze­cz­pos­po­li­ta Polen-Litau­en durch das Osma­ni­sche Reich, das Habs­bur­ger­reich, Preu­ßen, das König­reich Böh­men, Mäh­ren bis ins Hei­li­ge Römi­sche Reich Deut­scher Nati­on, durch fünf Spra­chen (eigent­lich sind es noch viel mehr) und drei gro­ße Reli­gio­nen (im Osma­ni­schen Reich tritt er vom Juden­tum zum Islam über, spä­ter las­sen er und sei­ne Anhän­ger sich christ­lich tau­fen). Im Osma­ni­schen Reich erhält er den Nach­na­men Frank, mit dem dort Frem­de bezeich­net wer­den. Der neue Name gefällt ihm, denn, wie ein zen­tra­ler Satz des Romans lau­tet: „Fremd zu sein bedeu­tet frei zu sein.“

Pünkt­lich zur Ver­lei­hung des Nobel­prei­ses an Tokar­c­zuk erschien im Okto­ber 2019 die deut­sche Über­set­zung der Księ­gi Jaku­bo­we (2014). Die Jakobs­bü­cher sind nach Lud­wik Hirsz­felds Geschich­te eines Lebens die zwei­te gemein­sa­me Über­set­zungs­ar­beit von Lisa Pal­mes (Karl-Dede­ci­us-Preis 2017) und Lothar Quin­ken­stein (Jabło­now­ski-Preis 2017 und Spie­ge­lun­gen-Preis für Lyrik 2017).

Der Deutsch­land­funk Kul­tur lobt etwas her­ab­las­send, die Über­set­zer des „ful­mi­nan­ten“ Romans „erle­dig­ten die Fleiß­ar­beit exzel­lent“. Fleiß gehör­te sicher­lich auch dazu, wie das vom Deut­schen Über­set­zer­fonds her­aus­ge­ge­be­ne TOLE­DO-Jour­nal zeigt, in dem die bei­den ihre Arbeit aus­führ­lich doku­men­tie­ren. Eben­so wie die Autorin haben Pal­mes und Quin­ken­stein extrem viel Zeit auf die Recher­che ver­wen­det. Sie wälz­ten zeit­ge­nös­si­sche pol­nisch- und deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur, um die his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de zu erar­bei­ten, durch­fors­te­ten das Grimm­sche und Ade­lungs­che Wör­ter­buch sowie ein­schlä­gi­ge Bel­le­tris­tik. Das Ergeb­nis die­ser umfang­rei­chen Lek­tü­re ist beein­dru­ckend. Der Roman strotzt von anschau­li­chen Beschrei­bun­gen, sei es das Mus­ter auf dem kost­ba­ren Atlas­stoff eines Klei­des, die alle Sin­ne anspre­chen­de Waren­viel­falt auf dem Markt oder die Bau­wei­se der ärm­li­chen Lehm­ka­ten im Dorf – all das ver­rät nicht nur den genau­en Blick der Autorin fürs Detail, son­dern auch die akri­bi­sche sprach­li­che Vor­be­rei­tung der Über­set­zer.

Durch hie und da ein­ge­streu­te alt­mo­di­sche Aus­drü­cke ver­set­zen sie uns sanft ins 18. Jahr­hun­dert, ohne alt­ba­cken zu klin­gen: Ein Mäd­chen namens Mal­ka ist „einem argen Hader­lum­pen ver­spro­chen“; am Markt­tag in Roha­tyn gehen zwi­schen den hoch mit Korn­sä­cken und Feder­vieh bela­de­nen Bau­ern­wa­gen „wacke­ren Schrit­tes“ die Händ­ler mit ihren Kram­la­den, in denen sie „bun­te Stof­fe feil­bie­ten …“; und über die ster­bens­kran­ke Jen­ta heißt es:

Zwei Tage waren sie unter­wegs, der Wagen rüt­tel­te zum Erbar­men, doch Jen­ta litt es gut. Sie schlie­fen bei Ver­wand­ten in Butschatsch, am nächs­ten Mor­gen ging es in aller Frü­he wei­ter. In einen sol­chen Nebel gerie­ten sie, dass den Hoch­zeits­gäs­ten ganz bang wer­den woll­te, und da erst begann die alte Jen­ta zu äch­zen und zu kla­gen, als woll­te sie die Auf­merk­sam­keit der rest­li­chen Gesell­schaft erhei­schen.

Gleich­klän­ge tra­gen uns durch die Erzäh­lung, die sich wie ein gemäch­li­cher Fluss durch die Land­schaft Podo­li­ens wälzt:

In Gär­ten, die kaum die Grö­ße einer aus­ge­brei­te­ten Kapo­te errei­chen, run­det mit Mühe sich der Kohl, klam­mern sich Möh­ren an die kar­ge Kru­me.

Bei aller Gemäch­lich­keit wird man beim Lesen lang­sam, aber sicher in den Strom der Erzäh­lung hin­ein­ge­so­gen und immer wei­ter in das Leben des 18. Jahr­hun­derts ver­setzt. Bild­haf­te Ver­glei­che tra­gen ent­schei­dend zur Atmo­sphä­re bei:

Bene­dy­kt Chmie­low­ski, der Dechant von Roha­tyn, begreift jetzt auch, woher das selt­sa­me Gefühl rühr­te, er schla­fe noch – der Nebel, der ihn umgibt, hat die Far­be sei­ner Bett­wä­sche; ein ein­ge­trüb­tes Weiß, schon heim­ge­sucht vom Schmutz, den Schat­tie­run­gen aus den uner­mess­li­chen Vor­rä­ten an Grau­tö­nen, die das Unter­fut­ter der Welt bil­den.

Ver­frem­dend wirkt die Über­set­zung, wenn sie die klas­si­sche The­ma-Rhe­ma-Glie­de­rung durch­bricht. Sla­wi­sche Spra­chen sind in ihrer Satz­struk­tur sehr fle­xi­bel, und auch im Deut­schen sind Inver­sio­nen mög­lich, hier klin­gen die uner­war­te­ten Wort­stel­lun­gen aller­dings stär­ker wie Syn­ko­pen, die den Text gegen den Strich bürs­ten. Der Lese­fluss erhält dadurch einen eigen­tüm­li­chen, leicht sto­cken­den Rhyth­mus, der einen dazu bringt, sich umso mehr auf das Geschil­der­te zu kon­zen­trie­ren. Oft erhal­ten so Adjek­ti­ve eine beson­de­re Beto­nung:

Läng­lich ist das Gesicht die­ses Frank, die Haut recht hell für einen tür­ki­schen Juden, uneben­mä­ßig, vor allem die Wan­gen sind bedeckt von klei­nen Mul­den, die wie Nar­ben anmu­ten, als wäre es die Spur von etwas Üblem, als hät­te ein Feu­er sie ver­sehrt in einer fer­nen Ver­gan­gen­heit. Etwas Beun­ru­hi­gen­des hat die­ses Gesicht, denkt Moliw­da, und doch – es flößt Respekt ein, ob man will oder nicht, und undurch­dring­lich ist Jakobs Blick.

Die pol­nisch-habs­bur­gi­sche Ver­flech­tungs­ge­schich­te (Gali­zi­en gehör­te ab 1772 zu Öster­reich) ver­leiht der Über­set­zung der Jakobs­bü­cher ins Deut­sche einen zusätz­li­chen Reiz. Pal­mes und Quin­ken­stein gin­gen in Wör­ter­bü­chern und bei Autoren wie Joseph Roth und Soma Mor­gen­stern gezielt auf Voka­bel­su­che, um das typisch „öster­rei­chisch-habs­bur­gi­sche“ Kolo­rit ein­zu­fan­gen. Durch Bei­be­hal­tung von Rea­li­en muten sie den Lese­rin­nen und Lesern durch­aus auch Frem­des zu. Doch dass es bei „Rei­se­kuf­fern“ um Kof­fer geht, „Bab­ka“ die Groß­mutter ist und „kaf­fa“ der Kaf­fee, dass „unter die Chup­pa kom­men“ soviel wie „unter die Hau­be kom­men“ bedeu­tet und der „damp­fen­de Barszcz“, der den Gäs­ten ser­viert wird, die pol­ni­sche Vari­an­te des bekann­te­ren Borschtsch sein muss, erschließt sich mühe­los aus dem Kon­text. Ande­res, wie die latei­ni­schen Wen­dun­gen von Pater Bene­dy­kt oder der Spitz­na­me eines Leh­rers – wegen sei­ner wei­ßen Haut und hel­len Haa­re wird er nach dem pol­ni­schen Wort für sau­re Sah­ne (sme­te­ne) „Sme­tan­kes“ genannt – wird erklärt. Noch ande­re Wör­ter, wie „Britsch­ka“ oder „Sta­rost“, blei­ben für Lese­rin­nen und Lesern ohne sla­wi­sche Sprach­kennt­nis­se ver­mut­lich unklar, und um wel­ches modi­sche Acces­soire es sich bei „wei­chen osman­ni­schen Lederb­abu­schen“ han­delt, kann man nur raten.

Doch die­se unbe­kann­ten Wör­ter tra­gen eben zur Her­auf­be­schwö­rung frem­der Wel­ten bei – und war­um soll­te es uns bes­ser erge­hen als den Men­schen im Osma­ni­schen Reich oder in der pol­nisch-litaui­schen Rze­cz­pos­po­li­ta? Schließ­lich herrsch­te dort schon damals eine gera­de­zu baby­lo­ni­sche Sprach­ver­wir­rung: Auf der Stra­ße hör­te man Pol­nisch, Ruthe­nisch, Rus­sisch und Jid­disch, die gebil­de­te­ren Schich­ten würz­ten ihre Reden mit fran­zö­si­schen Phra­sen, die jüdi­schen Gelehr­ten lasen hebräi­sche Bücher (übri­gens sind auch die Sei­ten des Romans wie im Hebräi­schen rück­wärts num­me­riert), und Geist­li­che wie Pater Bene­dy­kt durch­setz­ten ihr gedrech­sel­tes Pol­nisch der­art mit latei­ni­schen Aus­drü­cken – „Nun, das war sim­pli­ci­ter ein Moment … wie soll ich sagen … nolens volens konn­te ich dem Wohl­erge­hen der wer­ten Kas­tel­lanin einen Dienst erwei­sen …“ -, dass wohl selbst die eige­nen Lands­leu­te ihre lie­be Mühe hat­ten, den Aus­füh­run­gen zu fol­gen. Im Osma­ni­schen Reich wur­de in einer Mischung aus Tür­kisch, Hebrä­isch, Ladi­no und Grie­chisch gefeilscht, gehan­delt, getän­delt, gestrit­ten und über die gro­ßen Fra­gen des Lebens phi­lo­so­phiert, und dass auch im Roman nicht jeder jedes Wort sei­ner Gesprächs­part­ner ver­steht, ist ganz nor­mal.

Und als wäre das noch nicht genug, arbei­tet Tokar­c­zuk auch noch mit ste­tig wech­seln­den Erzähl­per­spek­ti­ven: Mal erle­ben wir das Gesche­hen aus Sicht des eben­so gelehr­ten wie welt­frem­den katho­li­schen Pries­ters Bene­dy­kt Chmie­low­ski, mal schwe­ben wir mit der all­wis­sen­den alten Jen­ta (die wegen einer ver­schluck­ten hebräi­schen Beschwö­rungs­for­mel weder leben noch ster­ben kann) unsicht­bar dar­über, mal sehen wir die Welt ganz nüch­tern durch die Augen der pol­ni­schen Gesell­schafts­da­me Frau Druż­ba­cka, dann wie­der pro­phe­tisch-ver­klärt in den (von ihm selbst „Res­ten“ genann­ten) Auf­zeich­nun­gen von Nach­man Samu­el ben Lewi, einem der eif­rigs­ten Anhän­ger Jakobs. Die poly­pho­ne Struk­tur – der Haupt­teil des Erzähl­tex­tes ist gegen­warts­sprach­lich gehal­ten und nur durch Ver­wen­dung ein­zel­ner Voka­beln zeit­ty­pisch kolo­riert, wäh­rend eini­ge inte­grier­te Brie­fe in deut­lich archai­sie­ren­dem Pol­nisch ver­fasst sind – wird auch in der Über­set­zung deut­lich her­aus­ge­ar­bei­tet.

Quin­ken­stein und Pal­mes expe­ri­men­tier­ten mit Wör­tern, vari­ier­ten Zeit- und Satz­struk­tu­ren, bis sie zu einer Fas­sung gelang­ten, die nicht nur sie, son­dern auch die Lese­rin­nen und Leser klang­lich und rhyth­misch abso­lut über­zeu­gen dürf­te. Nach eige­ner Aus­sa­ge „erlang­te die Arbeit eine Inten­si­tät und Effek­ti­vi­tät, die die schlich­te Sum­me des ‚eins plus eins‘ bei wei­tem über­stie­gen.“ Das Resul­tat sieht man an der Gegen­über­stel­lung eines ers­ten, noch sehr nahe am Ori­gi­nal befind­li­chen Ent­wurfs mit der fer­ti­gen Druck­fas­sung (es geht um die Hoch­zeits­nacht von Jakob und Cha­na):

In der ers­ten Nacht schon wur­de die Ehe kon­su­miert, so jeden­falls rühm­te sich der Gat­te, und das meh­re­re Male; sie fragt nie­mand. Ver­wun­dert dar­über, wie der zwölf Jah­re älte­re Ehe­mann in die schläf­ri­gen Rabat­ten ihres Kör­pers ein­drang, schaut sie in die Augen der Mut­ter und der Schwes­tern. So also ist das?
In der ers­ten Nacht schon wur­de die Ehe kon­su­miert, und das – so jeden­falls rühm­te sich der Gat­te – gleich meh­re­re Male. Was die Braut dazu zu sagen hat­te? Nie­mand bat sie um ein Urteil. Wie der zwölf Jah­re älte­re Ehe­mann die schläf­ri­gen Rabat­ten ihres Kör­pers zer­pflüg­te, das ließ sie in bas­sem Erstau­nen zurück. Fra­gend blick­te sie in die Augen der Mut­ter und der Schwes­tern. So also sieht das aus?“

Das inten­si­ve gegen­sei­ti­ge Lek­to­rat schon im Über­set­zungs­sta­di­um merkt man ihren Jakobs­bü­chern, in denen die Mög­lich­kei­ten der deut­schen Spra­che voll aus­ge­schöpft wer­den, deut­lich an. Zu Recht gibt es also vom Deutsch­land­funk ein dickes Lob für die Über­set­zer, sie hät­ten bei der Über­tra­gung der Jakobs­bü­cher „fast ein Wun­der voll­bracht“. Für die Lek­tü­re braucht man Geduld und Muße, aber wer sich die Zeit nimmt, wird mit einem breit­ge­fä­cher­ten his­to­ri­schen Pan­ora­ma belohnt, das ein neu­es Licht auf die pol­ni­sche Geschichts­schrei­bung wirft und uns – ganz im Ein­klang mit dem Ende des Unter­ti­tels: den Klu­gen zum Gedächt­nis, den Lands­leu­ten zur Besin­nung, den Lai­en zur erbau­li­chen Leh­re, den Melan­cho­li­kern zur Zer­streu­ung – mit klu­gen Beob­ach­tun­gen und neu­en alten Wör­tern beschenkt.

Drei Fra­gen an Lisa Pal­mes und Lothar Quin­ken­stein

War­um soll­te man die­se Über­set­zung gele­sen haben?
Die Geschich­te Jakob Franks – sein Leben, sei­ne Leh­ren, die Bio­gra­phien sei­ner Anhän­ger­schaft – stel­len ein bedeu­ten­des Kapi­tel jüdi­scher – und damit euro­päi­scher – Geschich­te dar. Indem Olga Tokar­c­zuk die­se Geschich­te zur „Haupt­sa­che“ macht, rückt sie die so oft aus natio­nal­staat­li­cher Per­spek­ti­ve mar­gi­na­li­sier­te jüdi­sche Geschich­te an jene zen­tra­le Stel­le, an der sie in Mit­tel­eu­ro­pa ihre Lebens­welt hat­te, bevor der deut­sche Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­tis­mus die­se Kul­tur nahe­zu völ­lig aus­lösch­te.
Mit den Jakobs­bü­chern taucht die Leserin/der Leser in einen Kos­mos ein, der nur schein­bar weit ent­fernt liegt – denn wenn der Roman auch mit zahl­lo­sen Details in den Land­schaf­ten und der Epo­che sei­ner Hand­lung ver­haf­tet ist, weist er doch zugleich weit über die­se hin­aus. Er ist „his­to­risch“ und uni­ver­sal zugleich – er erzählt vom Men­schen, sei­nem Den­ken, sei­nem suchen­den Bemü­hen, das Leben auf eine Erlö­sung hin zu ent­wer­fen – von der Sehn­sucht, die Unvoll­kom­men­hei­ten der Welt und die Ein­sam­keit des Men­schen in ihr möch­ten sich „der­einst“ in Gebor­gen­heit ver­wan­deln.

Wel­chen Aspekt des Ori­gi­nals konn­ten Sie nicht ins Deut­sche brin­gen?
Eine gro­ße Schwie­rig­keit stel­len für die Über­set­zung die Anre­de­for­men dar. Die pol­ni­sche Adels­kul­tur der alten Rze­cz­pos­po­li­ta hat ein wah­res Füll­horn an Anre­de­for­men ent­wi­ckelt, wobei dann häu­fig durch modi­fi­zie­ren­de Vari­an­ten der­sel­ben Form noch wei­te­re Facet­ten gewon­nen wer­den kön­nen – das ist im Deut­schen bes­ten­falls andeu­tungs­wei­se wie­der­zu­ge­ben. Hier muss­te die Über­set­zung zwangs­läu­fig „nüch­ter­ner“ klin­gen – wir haben ver­sucht, das durch wei­te­re Farb­tup­fer – zum Bei­spiel in den Brie­fen – ein wenig aus­zu­glei­chen.

Was haben Sie per­sön­lich aus der Über­set­zungs­ar­beit gelernt?
Die Ver­su­chung ist groß, auf die­se Fra­ge mit Zita­ten aus dem Roman zu ant­wor­ten … die sich am Ende zu gan­zen Kapi­teln fügen wür­den …
Der Roman hat eine ganz eige­ne Atmo­sphä­re, die auch in etli­chen Rezen­sio­nen schon zur Spra­che kam. Vor allem ist es ein zutiefst mensch­li­ches, ja – ein zärt­li­ches Buch, erzählt von eben jenem „lie­be­vol­len Erzäh­ler“, den Olga Tokar­c­zuk in ihrer Nobel­preis­re­de so pro­gram­ma­tisch ent­wirft. „Neben­bei“ – so möch­te man fast sagen – lernt man auch noch etwas über die Geschich­te des Juden­tums in Mit­tel­eu­ro­pa. Vor allem aber erfährt man so unend­lich viel über den Men­schen. Um es so ein­fach wie mög­lich aus­zu­drü­cken: Nach die­ser Über­set­zung sehen wir die Welt mit ande­ren Augen.

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.

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