„Bei uns ist der Sprach­stil jetzt strin­gent“

Andreas Nohl und Liat Himmelheber haben Margaret Mitchells „Gone with the Wind“ neu übersetzt. Ein Gespräch über die problematische Erstübersetzung, unterschwelligen Rassismus und die Modernität des beliebten Klassikers. Interview:

Die Stars der Verfilmung von 1939, Hattie McDaniel, Olivia de Havilland und Vivian Leigh, posieren für Pressefotos. McDaniel wurde übrigens für ihre Nebenrolle als erste Afro-Amerikanerin mit dem Oscar ausgezeichnet. Quelle: WikiCommons.

Andre­as Nohl hat sich mit sei­nen Klas­si­ker-Über­set­zun­gen aus dem Eng­li­schen bereits einen Namen gemacht. Er über­setz­te unter ande­rem Mark Twains Huck­le­ber­ry Finn neu für den Han­ser Ver­lag, es folg­ten neue deut­sche Fas­sun­gen von Sto­kers Dra­cu­la, Ste­ven­sons Die Schatz­in­sel und Poes Unheim­li­che Geschich­ten. 2016 bekam er einen der wich­tigs­ten deut­schen Über­set­zer­prei­se ver­lie­hen, den Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt-Preis. Jetzt hat er gemein­sam mit sei­ner Frau Liat Him­mel­he­ber, haupt­be­ruf­lich Opern­sän­ge­rin, einen Roman ganz ande­rer Art neu ins Deut­sche gebracht: den ver­meint­li­chen „Schmacht­fet­zen“ Gone with the Wind (Vom Wind ver­weht) von Mar­ga­ret Mit­chell. Das 1300-Sei­ten-Epos über den ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg erschien 1936 in den USA und wur­de gleich ein Welt­erfolg. 1937 bekam Mit­chell dafür sogar den Pulit­zer­preis. Heu­te ist der Roman frei­lich auf­grund sei­ner ras­sis­ti­schen Unter­tö­ne gegen­über den dar­ge­stell­ten schwar­zen Skla­ven umstrit­ten. Unse­re Gast­au­torin Sabi­ne Fried­rich hat die bei­den Übersetzer:innen zum Inter­view getrof­fen.

Wie sind Sie bei­de dar­auf gekom­men, den Roman Vom Win­de ver­weht – in Ihrer neu­en Fas­sung heißt er Vom Wind ver­weht, das betu­li­che „e“ fehlt – zusam­men neu zu über­set­zen?

Andre­as Nohl: Ich bin in einem Kom­pen­di­um über ame­ri­ka­ni­sche Autoren des 20. Jahr­hun­derts über Mar­ga­ret Mit­chells Bild und dann auch über den Fakt ihres frü­hen Todes gestol­pert [mit 49 Jah­ren]. Sie wur­de am hell­lich­ten Tag in Atlan­ta von einem Taxi über­fah­ren und ist spä­ter an ihren Ver­let­zun­gen gestor­ben. Ich hat­te gleich einen Gedan­ken an eine Ver­schwö­rungs­theo­rie mit dem Ku Klux Klan (die sich frei­lich nicht bestä­ti­gen lässt), und das weck­te mein Inter­es­se. So stieg ich in das The­ma ein. Die Ver­fil­mung von Gone with the Wind mit Vivi­en Leigh und Clar­ke Gab­le hat ja dafür gesorgt, dass das Buch von einem Kitsch-Mythos gera­de­zu umhüllt ist. Aber ich woll­te nach­for­schen, ob die­ses Bild dem Buch gerecht wird. Bei einem Blick in die ein­zi­ge deut­sche Über­set­zung von 1937 wur­de mir klar: Egal, was bei Mit­chell steht, die­ser Text ist nicht mehr zeit­ge­mäß. Zugleich war es eine gute Gele­gen­heit, Gone with the Wind anzu­ge­hen, weil die Rech­te am Roman ab 2020 frei wer­den. Der Kunst­mann-Ver­lag hat­te auch gleich Inter­es­se an dem Pro­jekt. Ich muss aller­dings hin­zu­fü­gen, dass mei­ne Frau Liat, die das eng­li­sche Ori­gi­nal vor mir gele­sen hat, mir von dem Pro­jekt erst­mal strikt abge­ra­ten hat – wegen sei­ner ras­sis­ti­schen Spra­che.

Erklä­ren Sie das bit­te genau­er.

Liat Him­mel­he­ber: Es wird zum Bei­spiel stän­dig das Wort „negro“ für die schwar­zen Skla­ven auf den Baum­woll­plan­ta­gen ver­wen­det …

Andre­as Nohl: … aber der Plan war von Anfang an, dass wir sol­che Ras­sis­men raus­neh­men, zum Bei­spiel indem wir statt „negro“ „Schwar­ze“ schrei­ben. Auch bei ande­ren Begrif­fen, die heu­te als ras­sis­tisch wahr­ge­nom­men wer­den, auch wenn das in den 30er Jah­ren zum Erschei­nen des Buches anders war, war ich mir sicher, dass wir dafür eine ande­re, ele­gan­te Lösung fin­den könn­ten und ein qua­si nicht-ras­sis­ti­sches Buch dar­aus machen kön­nen.

Liat Him­mel­he­ber: Beden­ken hat­te ich auch auf­grund der dar­ge­stell­ten Bezie­hung von den Wei­ßen zu den Schwar­zen im Roman, also der Besit­zer zu den Skla­ven. Sie wer­den wie unmün­di­ge Kin­der und nicht als voll­wer­ti­ge Men­schen dar­ge­stellt.

Wird das nur über die Aus­sa­gen der Figu­ren deut­lich oder auch über die Erzäh­ler­stim­me?

A. N.: Der Mei­nung bin ich nicht. Zumal ich auch Brie­fe von Mar­ga­ret Mit­chell an ihren Lek­tor gele­sen habe. Wenn ihr Ras­sis­men unter­lau­fen sind, aus Nai­vi­tät viel­leicht, dann woll­te sie die­se auf jeden Fall eli­mi­niert sehen. Sie woll­te die Erzäh­ler­stim­me voll­kom­men neu­tral haben. Dem fol­gen wir auch in unse­rer Über­set­zung. Im Roman Vom Wind ver­weht kom­men Ras­sis­ten vor, die ras­sis­tisch spre­chen. Das hat einen doku­men­ta­ri­schen Hin­ter­grund, aber die Erzäh­ler­stim­me ist per se nicht ras­sis­tisch.

Was genau war denn an der bis­he­ri­gen deut­schen Über­set­zung von Mar­tin Beheim-Schwarz­bach von 1937 ver­bes­se­rungs­wür­dig?

A. N.: Die Über­set­zung ist in einer Stil­hal­tung geschrie­ben, die ich eher so in Deutsch­land um 1900 ver­or­ten wür­de. Beheim-Schwarz­bach ist genau 1900 gebo­ren, übri­gens genau­so wie Mar­ga­ret Mit­chell. Er führt eine Spra­che im Stil der Neo­ro­man­tik wie der jun­ge Her­mann Hes­se, wäh­rend Mit­chell in den USA ganz ande­ren Ein­flüs­sen aus­ge­setzt war. Sie gehör­te sti­lis­tisch der Moder­ne an, die sich in den „Roa­ring Twen­ties“ in den USA durch­ge­setzt haben mit einem sach­li­chen, jour­na­lis­ti­schen Stil. Außer­dem haben wir die Spra­che der Spre­cher dra­ma­tisch ver­än­dert. Schon am Titel kann man ja erken­nen, dass wir nicht mehr von „Vom Win­de ver­weht“ spre­chen, son­dern von „Vom Wind ver­weht“. Aber das hat auch wie­der etwas mit der Ras­sis­mus-The­ma­tik zu tun, weil es dabei vor allem um die Spra­che der Skla­ven in Beheim-Schwarz­bachs Fas­sung geht.

Liat Him­mel­he­ber und Andre­as Nohl
Foto: pri­vat

L. H.: In der Ori­gi­nal­fas­sung von Vom Wind ver­weht spre­chen die Skla­ven ein „black ver­na­cu­lar“, und das ist ja gang und gäbe in der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur. Das fängt zum Bei­spiel schon bei Poe und Twain an und setzt sich natür­lich bei schwar­zen Autor:innen selbst fort. Das „ver­na­cu­lar“ ist nichts, was Schwar­ze lächer­lich machen soll, son­dern es stellt ganz ein­fach ihren eige­nen Akzent und ihren eige­nen Dia­lekt dar. Die ver­än­der­te Orto­gra­phie soll den Klang die­ses Dia­lekts trans­por­tie­ren. Ein Bei­spiel wäre „going“, das im „black ver­na­cu­lar“ „gwi­ne“ geschrie­ben wird. Aber des­halb han­delt es sich dabei nicht um fal­sche Gram­ma­tik. Unser Vor­gän­ger Beheim-Schwarz­bach hat das aber als Rade­bre­chen mit Ver­ben im Infi­ni­tiv ins Deut­sche gebracht. Mir wur­de eigent­lich immer ganz schlecht, wenn ich da rein­ge­schaut habe. Das ist ein zusätz­li­cher Ras­sis­mus, der im Ori­gi­nal gar nicht drin ist. Zusätz­lich gibt es nicht ein­mal eine Logik in Beheim-Schwarz­bachs Dar­stel­lung der Skla­ven­spra­che. Erst spre­chen sie nur in Infi­ni­ti­ven, aber im nächs­ten Satz kommt ein per­fek­ter Kon­junk­tiv in der indi­rek­ten Rede.

A. N.: Bei uns ist der Sprach­stil jetzt strin­gent. Wir sind da ganz nah am Ori­gi­nal und an der Moder­ni­tät des Tex­tes.

Ist Ihre neue Ver­si­on des Romans also weni­ger ras­sis­tisch als einer­seits die alte deut­sche Über­set­zung von Beheim-Schwarz­bach, aber auch als viel­leicht das Ori­gi­nal?

A. N.: Also, ich neh­me das Ori­gi­nal ein biss­chen in Schutz. Der Begriff „negro“ ist zu Mit­chells Lebens­zei­ten nicht auto­ma­tisch ein scharf ras­sis­ti­scher Begriff. Er wur­de, wie das N‑Wort in Deutsch­land, gemein­hin für Men­schen schwar­zer Haut­far­be ver­wen­det. Aber mit der Bür­ger­rechts­be­we­gung setz­te auch eine sprach­li­che und begriff­li­che Selbst­er­mäch­ti­gung der Afro­ame­ri­ka­ner ein. Daher ist es heu­te ver­pönt, wenn Wei­ße das N‑Wort für schwar­ze Per­so­nen ver­wen­den. Natür­lich schwingt da immer noch ein gewis­ser Ras­sis­mus mit, auch beim Wort „Schwar­ze“. Aber im Rah­men unse­rer Mög­lich­kei­ten ist es ein gerech­ter Umgang mit dem Begriff.

L. H.: Wenn man per­ma­nent das N‑Wort lesen wür­de und jedes Mal zusam­men­zuckt, wäre der Lek­tü­re­ein­druck ein voll­stän­dig ande­rer als in den 30er Jah­ren, als man beim N‑Wort eben nicht zusam­men­ge­zuckt ist. Des­halb fin­de ich, dass man heut­zu­ta­ge bei Über­set­zun­gen, wenn man ein neu­tra­le­res Wort ver­wen­den kann, das auch tun soll­te. Man soll­te dem Leser nicht zumu­ten, dass er eine unglaub­li­che Abs­trak­ti­ons­leis­tung voll­bringt und sozu­sa­gen für sich jedes Mal das N‑Wort über­setzt. Das kön­nen wir ja dann selbst gleich vor­neh­men.

Jetzt muss ich aber noch ein­mal nach­fra­gen: An eini­gen Stel­len bei Gone with the Wind wer­den die schwar­zen Skla­ven mit Tie­ren ver­gli­chen. Sie haben in Ihrer Neu­über­set­zung einen die­ser Ver­glei­che her­aus­ge­nom­men, ich glau­be, es ging um die Amme Mam­my, die mit einem Affen ver­gli­chen wird.

A. N.: Ganz genau.

L. H.: Aber es gibt auch eine wei­ße Figur, die stän­dig mit einem Affen ver­gli­chen wird im Roman, näm­lich der Fran­zo­se René Picard. Jedes Mal, wenn er auf­taucht, wird erwähnt, dass er aus­se­he wie ein Affe, und sogar sein Sohn sieht spä­ter wie ein Äff­chen aus.

A. N.: Das muss man ohne­hin beto­nen, dass bei Mit­chell immer ein ziem­li­ches Gleich­ge­wicht herrscht. Wenn Rhett But­ler einen Schwar­zen erschießt, dann wird das immer gleich­zei­tig damit erwähnt, dass er auch einen Wei­ßen erschos­sen hat. Es gibt also immer eine Art Gleich­ge­wicht.

Wie unter­schei­det sich Ihre Neu­über­set­zung noch von der ers­ten deut­schen Fas­sung? Wir hat­ten schon davon gespro­chen, dass Beheim-Schwarz­bach, im Gegen­satz zu Mar­ga­ret Mit­chell, einen sehr blu­mi­gen Sprach­stil geführt hat, sie­he das kit­schi­ge „e“ bei Wör­tern wie „Win­de“ oder „Man­ne“.

A. N.: Genau, das haben wir eli­mi­niert. Bei uns ist der Roman ein Text, der in den 20er Jah­ren in den USA geschrie­ben wur­de.

L. H.: Jedes Mal, wenn ich bei Beheim-Schwarz­bach rein­ge­schaut habe, haben sich bei mir alle Haa­re gesträubt, weil es ein­fach so anders ist als der Ton des Ori­gi­nals. Mit­chell erzählt sehr flüs­sig, mehr im Sin­ne eines ora­len Stils, was Andre­as als jour­na­lis­tisch bezeich­net, oft auch sehr wit­zig, und das ist bei Beheim-Schwarz­bach völ­lig ver­schwun­den.

A. N.: Nur um das abzu­schwä­chen: Beheim-Schwarz­bach hat kei­ne kom­plett schlech­te Arbeit abge­lie­fert. Wir hat­ten über­dies einen extra Lek­tor ange­stellt, der das Buch für uns unab­hän­gig vom Ver­lag gele­sen hat, jemand, der sich mit der Mili­tär­ge­schich­te aus­kann­te.

L. H.: … vor allem mit all den Dienst­gra­den!

Beheim-Schwarz­bachs deut­sche Fas­sung ist ja auch noch gekürzt. Kön­nen Sie sich vor­stel­len, war­um die Kür­zun­gen damals vor­ge­nom­men wur­den?

A. N.: Ja, es sind etwa 70–80 Kür­zun­gen in dem Roman von 1300 Sei­ten. Neben­sät­ze, gan­ze Sät­ze, teil­wei­se gan­ze Absät­ze oder Absatz­fol­gen. Manch­mal sind Sät­ze so gekürzt, dass er den nächs­ten Absatz umschrei­ben muss­te, um einen Über­gang zu schaf­fen. Manch­mal muss­te er sogar das Gegen­teil von dem schrei­ben, was Mit­chell geschrie­ben hat, damit es funk­tio­niert. Des­halb sagen wir zu Recht, dass unse­re Über­set­zung voll­stän­dig ist, weil sie die­se Über­ar­bei­tung wie­der rück­gän­gig macht. Teil­wei­se sind wirk­lich wich­ti­ge Din­ge raus­ge­flo­gen.

L. H.: Teil­wei­se sind es auch Red­un­dan­zen.

A. N.: Ich kann mich an eine Stel­le erin­nern, da wur­de eine schar­fe Kri­tik von Rhett an den Yan­kees her­aus­ge­kürzt, die nach dem Krieg in den Süden kom­men und mit Spe­ku­la­ti­on das Land aus­beu­ten. Also eine Art „Zen­sur“ von gesell­schafts­kri­ti­schen Stel­len, aber das müss­te sich ein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler noch ein­mal genau­er anschau­en.

L. H.: Manch­mal hat Beheim-Schwarz­bach auch ein­fach For­mu­lie­run­gen her­aus­ge­kürzt, bei denen er nicht wirk­lich wuss­te, wie er sie über­set­zen soll­te. Wenn wir sel­ber nicht wei­ter­ka­men, woll­ten wir bei ihm nach­schau­en, und die Stel­len fehl­ten! Es gibt eini­ge Idio­me im Roman, die viel­leicht aus dem Iri­schen stam­men (oder die es viel­leicht nur in Mit­chells Fami­lie gab) und auf die sich Beheim-Schwarz­bach kei­nen Reim machen konn­te und sie des­halb ein­fach weg­ließ.

Da den­ke ich auch gleich an den ori­gi­nel­len Fluch von Scar­lett und ihrem Vater, näm­lich „Herr­gott im Nacht­ge­wand!“! Das hat­ten Sie so aus dem Ori­gi­nal von „God’s Night­gown!“ über­setzt.

A. N.: Ja, da sind wir auch sehr stolz dar­auf! (lacht)

L. H.: Das gibt es auch nur bei Mit­chell, ich habe den Aus­druck sonst nir­gend­wo gefun­den.

A. N.: Ein sehr lus­ti­ger Aus­druck, der bei uns auch 1:1 lus­tig über­setzt wur­de. Unser Lek­tor mein­te, es müs­se unbe­dingt die Über­set­zung „Hei­li­ger Stroh­sack“ ste­hen, wie bei Beheim-Schwarz­bach, aber wir fan­den unse­re Idee viel bes­ser!

L. H.: Wir hat­ten zuerst „Lie­ber Gott im Nacht­ge­wand“, aber das fan­den wir dann doch zu weich.

Mir ist auf­ge­fal­len, dass Ihre Wort­wahl sehr viel fri­scher und moder­ner rüber­kommt. Sol­che Aus­drü­cke wie „die Mei­nung gei­gen“ hät­te es in der alten Über­set­zung nicht gege­ben.

A. N.: Ja, aber trotz­dem haben wir dar­auf geach­tet, dass wir nicht ana­chro­nis­tisch wer­den. Wir ver­wen­den Begrif­fe, die zumin­dest zu der Zeit von Mit­chell ver­wen­det wur­den. Ein Aus­druck wie „die Mei­nung gei­gen“ gab es auch schon 1860 in Deutsch­land.

L. H.: Man muss eben auf­pas­sen, dass man kei­ne Aus­drü­cke ver­wen­det, die in 20 Jah­ren obso­let sind.

A. N.: Und man darf auch auf kei­nen Fall Begrif­fe neh­men, die zu der Zeit, in der der Roman spielt, nicht auch mög­lich gewe­sen wären. Das heißt, wir muss­ten einen klei­nen Spa­gat machen.

Gab es eigent­lich Schwie­rig­kei­ten, einen gemein­sa­men Ton­fall zu fin­den?

L. H.: Nein, der kam dann durch das Lek­to­rat. Wir haben immer gleich­zei­tig ver­schie­de­ne Kapi­tel über­setzt, aber dann gegen­sei­tig lek­to­riert. So nach dem Mot­to: Andre­as fügt was bei mir hin­zu oder löscht etwas, und genau­so ich bei ihm. Dadurch hat sich das der Ton total nivel­liert, glau­be ich.

Herr Nohl, Sie haben auch schon anläss­lich der Buch­vor­stel­lung von Vom Wind ver­weht im Lite­ra­tur­haus Mün­chen gesagt, dass es Ihnen sehr wich­tig war, dass mit Ihrer Frau eine weib­li­che Per­spek­ti­ve in die Über­set­zung hin­ein­kommt. An wel­chen Stel­len war das beson­ders wich­tig?

A. N.: Es gibt meh­re­re Stel­len, aber vor allem an einer Stel­le war die weib­li­che Sicht unum­gäng­lich. Es geht um eine sehr umstrit­te­ne Sze­ne, bei der man­che Leser von einer Ver­ge­wal­ti­gung von Scar­lett durch ihren Mann Rhett aus­ge­hen. Da kann Liat nun mal als Frau mit einer ganz ande­ren Auto­ri­tät ihre Per­spek­ti­ve auf sol­che Stel­len ver­tre­ten. Liat sah die Stel­le übri­gens nicht als Ver­ge­wal­ti­gung, son­dern dif­fe­ren­zier­ter.

L. H.: Ja, tat­säch­lich. Es wird zuvor im Roman geschrie­ben, dass Rhett selbst in den intims­ten Momen­ten nicht sei­ne distan­zier­te Mas­ke fal­len lässt, weil er sich vor Scar­lett nicht ver­letz­lich machen will. Bei der genann­ten Sze­ne fasst er sie grob an, das stimmt, aber es ist viel­mehr so, dass er hier zum ers­ten Mal sich nicht mehr ver­stellt. Scar­lett emp­fin­det sein jetzt nicht mehr zurück­hal­ten­des Ver­hal­ten ja auch extrem erre­gend, und am nächs­ten Mor­gen wird sie als glück­lich beschrie­ben. Man kann davon aus­ge­hen, dass sie in die­ser Nacht zum ers­ten Mal einen Orgas­mus hat­te und sie den Sex eben nicht ein­fach so über sich hat erge­hen las­sen, wie sonst auch.

Wie auf­wän­dig war die Recher­che­ar­beit vor und wäh­rend der Über­set­zung?

A. N.: Ich hat­te mir ande­re Schrif­ten von Mar­ga­ret Mit­chell besorgt, um sie lite­ra­risch bes­ser ein­zu­schät­zen und mehr über ihre lite­ra­ri­sche Her­kunft zu erfah­ren, ihren Jour­na­lis­mus zum Bei­spiel. Und dann hat­te ich natür­lich jede Men­ge Bücher über den ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg. Der gan­ze Anmer­kungs­ap­pa­rat der Über­set­zung spie­gelt das ja. Wich­tig bei den his­to­ri­schen Hin­ter­grün­den zu beto­nen ist, dass das der ver­lust­reichs­te Krieg in der Geschich­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist. Man hat­te näm­lich schon treff­si­che­re Muni­ti­on erfun­den, aber die mili­tä­ri­sche Stra­te­gie stamm­te noch aus den napo­leo­ni­schen Krie­gen, wo die Sol­da­ten in brei­ten Pha­lan­xen auf­ein­an­der zu mar­schier­ten. Des­halb war die­ser Krieg so unfass­bar blu­tig. Sol­che Hin­ter­grün­de kom­men auch in den Anmer­kun­gen vor.

Mei­nen Sie, man könn­te mit der Lek­tü­re von Vom Wind ver­weht die heu­ti­ge Gesell­schaft der USA bes­ser ver­ste­hen ler­nen?

A. N.: Sie wird zumin­dest in Zügen dort abge­bil­det!

L. H.: Wie die­se Rechts­ra­di­ka­len in den Süd­staa­ten heu­te den­ken, das wird in sei­ner Gene­se im Roman auf jeden Fall dar­ge­stellt.

A. N.: Aber Mar­ga­ret Mit­chell hat mit sol­chen Men­schen auf kei­nen Fall sym­pa­thi­siert, ganz im Gegen­teil, sie kri­ti­siert die Süd­staa­ten, und sie kri­ti­siert die gan­zen Kriegs­trei­ber. Über den Ku Klux Klan macht sie sich im Roman lus­tig, zum Bei­spiel dass sie in Nacht­hem­den aus­zie­hen. Mit­chells poli­ti­sches Sprach­rohr ist Rhett But­ler, der sich äußerst scharf über die Kriegs­be­geis­te­rung äußert. Er ist als Außen­sei­ter immer die ein­zi­ge Stim­me der Ver­nunft im Roman, der die Ver­hält­nis­se ratio­nal beur­teilt.

Der Roman wur­de von Mit­chell ja eigent­lich zum Zweck der Des­il­lu­sio­nie­rung geschrie­ben, also um den Bür­ger­krieg zu kri­ti­sie­ren, und damit auch die gan­ze aktu­el­le Süd­staa­ten­ge­sin­nung und ‑poli­tik, aber das Gegen­teil ist ein­ge­tre­ten. Die Süd­staat­ler nah­men in den 1930er Jah­ren den Roman als abso­lu­te Roman­ti­sie­rung der Vor­kriegs­zeit (bis 1861), aber auch des Bür­ger­kriegs selbst auf. Nun beschreibt der Roman die Ver­zweif­lung der Süd­staat­ler sehr anschau­lich und drif­tet auch manch­mal ins Melo­dra­ma­ti­sche ab. Ein biss­chen kann man den Drang zur Roman­ti­sie­rung also auch ver­ste­hen, mei­nen Sie nicht?

L. H.: Bei mei­nem ers­ten Lese­ein­druck habe ich die Kri­tik an der Süd­staa­ten­po­li­tik ganz deut­lich gese­hen. Natür­lich lei­den die Figu­ren im Roman, wie jedes Volk lei­det und hun­gert, das einen Krieg ver­lo­ren hat. Aber dass die Süd­staat­ler sich so bestä­tigt gese­hen haben, ver­wun­dert mich tat­säch­lich sehr. Natür­lich beschrieb Mit­chell das Leid der Men­schen und weck­te dadurch auch Sym­pa­thien für sie, aber ande­rer­seits kann die Prot­ago­nis­tin Scar­lett, durch deren Augen wir alle Gescheh­nis­se sehen, gar nichts anfan­gen mit dem natio­na­lis­ti­schen Furor und der Kriegs­be­geis­te­rung. Daher merkt man immer eine gro­ße Distanz und Kri­tik zum Gesche­hen im Roman. Aber ich glau­be, wenn man sich unbe­dingt bestä­tigt sehen will, kann man das auch. Es war Mar­ga­ret Mit­chell übri­gens aber auch sehr wich­tig, dass die Süd­staat­ler das Buch mögen.

Hat­ten Sie eigent­lich Vor­ga­ben vom Ver­lag zur Über­set­zung?

A. N.: Nein, es war von vorn­her­ein klar, dass wir voll­kom­men auto­nom arbei­ten. Es war aus­ge­macht, dass ich als Her­aus­ge­ber auf­tre­te und damit waren wir auch unser eige­ner Chef. Der Ver­lag war damit auch sofort ein­ver­stan­den.

Noch eine klei­ne pri­va­te Fra­ge zum Schluss: Hat die gemein­sa­me Über­set­zungs­tä­tig­keit Ehe­strei­tig­kei­ten aus­ge­löst?

A. N.: Komi­scher­wei­se nicht!

L. H.: Wir hat­ten ein paar Unei­nig­kei­ten, wo ich auch heu­te noch nicht von der gewähl­ten Lösung über­zeugt bin, aber ich wur­de über­stimmt von Andre­as und dem Ver­lag. Zum Bei­spiel hät­te ich ger­ne die Begrif­fe „car­pet­bag­ger“ [etwa: Spe­ku­lan­ten] und „scal­la­wag“ [etwa: Kol­la­bo­ra­teu­re, Kriegs­ge­winn­ler] im Eng­li­schen behal­ten und sie nicht über­setzt. Aber wir haben recht vie­le Begrif­fe im Eng­li­schen belas­sen, viel­leicht wäre das dann zu viel gewor­den. Außer­dem fand ich, dass wir uns beim Titel ruhig noch enger an das Ori­gi­nal hät­ten hal­ten kön­nen. Ich hät­te „Ver­weht vom Wind“ (sie­he Gone with the Wind) bes­ser gefun­den. Aber dann hät­te der Titel zu wenig Wie­der­erken­nungs­wert gehabt.

A. N.: Da hat mir dann auch ein Sprach­wis­sen­schaft­ler gesagt: „Dann könnt ihr es auch gleich ‚Ver­weht vom Win­de‘ nen­nen!“ (bei­de lachen)

Sabi­ne Fried­rich schreibt seit 2016 auf https://ant1heldin.de/ über beson­de­re Frau­en­fi­gu­ren in Lite­ra­tur, Serie und Film. Sie hat Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Mün­chen stu­diert und arbei­tet haupt­be­ruf­lich als Redak­teu­rin in einer Con­tent-Mar­ke­ting-Agen­tur. Scar­lett O’Ha­ra zählt übri­gens zu ihren Kind­heits­hel­din­nen.

Mar­ga­ret Mitchell/Andreas Nohl/Liat Him­mel­he­ber: Vom Wind ver­weht (Im eng­li­schen Ori­gi­nal: Gone with the Wind)

Kunst­mann 2020 ⋅ 1328 Sei­ten ⋅ 38 Euro

www.kunstmann.de/buch/margaret_mitchell-vom_wind_verweht-9783956143182/t‑0/

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