„Bei uns ist der Sprachstil jetzt stringent“

Andreas Nohl und Liat Himmelheber haben Margaret Mitchells „Gone with the Wind“ neu übersetzt. Ein Gespräch über die problematische Erstübersetzung, unterschwelligen Rassismus und die Modernität des beliebten Klassikers. Interview:

Die Stars der Verfilmung von 1939, Hattie McDaniel, Olivia de Havilland und Vivian Leigh, posieren für Pressefotos. McDaniel wurde übrigens für ihre Nebenrolle als erste Afro-Amerikanerin mit dem Oscar ausgezeichnet. Quelle: WikiCommons.

Andreas Nohl hat sich mit seinen Klassiker-Übersetzungen aus dem Englischen bereits einen Namen gemacht. Er übersetzte unter anderem Mark Twains Huckleberry Finn neu für den Hanser Verlag, es folgten neue deutsche Fassungen von Stokers Dracula, Stevensons Die Schatzinsel und Poes Unheimliche Geschichten. 2016 bekam er einen der wichtigsten deutschen Übersetzerpreise verliehen, den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis. Jetzt hat er gemeinsam mit seiner Frau Liat Himmelheber, hauptberuflich Opernsängerin, einen Roman ganz anderer Art neu ins Deutsche gebracht: den vermeintlichen „Schmachtfetzen“ Gone with the Wind (Vom Wind verweht) von Margaret Mitchell. Das 1300-Seiten-Epos über den amerikanischen Bürgerkrieg erschien 1936 in den USA und wurde gleich ein Welterfolg. 1937 bekam Mitchell dafür sogar den Pulitzerpreis. Heute ist der Roman freilich aufgrund seiner rassistischen Untertöne gegenüber den dargestellten schwarzen Sklaven umstritten. Unsere Gastautorin Sabine Friedrich hat die beiden Übersetzer:innen zum Interview getroffen.

Wie sind Sie beide darauf gekommen, den Roman Vom Winde verweht – in Ihrer neuen Fassung heißt er Vom Wind verweht, das betuliche „e“ fehlt – zusammen neu zu übersetzen?

Andreas Nohl: Ich bin in einem Kompendium über amerikanische Autoren des 20. Jahrhunderts über Margaret Mitchells Bild und dann auch über den Fakt ihres frühen Todes gestolpert [mit 49 Jahren]. Sie wurde am helllichten Tag in Atlanta von einem Taxi überfahren und ist später an ihren Verletzungen gestorben. Ich hatte gleich einen Gedanken an eine Verschwörungstheorie mit dem Ku Klux Klan (die sich freilich nicht bestätigen lässt), und das weckte mein Interesse. So stieg ich in das Thema ein. Die Verfilmung von Gone with the Wind mit Vivien Leigh und Clarke Gable hat ja dafür gesorgt, dass das Buch von einem Kitsch-Mythos geradezu umhüllt ist. Aber ich wollte nachforschen, ob dieses Bild dem Buch gerecht wird. Bei einem Blick in die einzige deutsche Übersetzung von 1937 wurde mir klar: Egal, was bei Mitchell steht, dieser Text ist nicht mehr zeitgemäß. Zugleich war es eine gute Gelegenheit, Gone with the Wind anzugehen, weil die Rechte am Roman ab 2020 frei werden. Der Kunstmann-Verlag hatte auch gleich Interesse an dem Projekt. Ich muss allerdings hinzufügen, dass meine Frau Liat, die das englische Original vor mir gelesen hat, mir von dem Projekt erstmal strikt abgeraten hat – wegen seiner rassistischen Sprache.

Erklären Sie das bitte genauer.

Liat Himmelheber: Es wird zum Beispiel ständig das Wort „negro“ für die schwarzen Sklaven auf den Baumwollplantagen verwendet …

Andreas Nohl: … aber der Plan war von Anfang an, dass wir solche Rassismen rausnehmen, zum Beispiel indem wir statt „negro“ „Schwarze“ schreiben. Auch bei anderen Begriffen, die heute als rassistisch wahrgenommen werden, auch wenn das in den 30er Jahren zum Erscheinen des Buches anders war, war ich mir sicher, dass wir dafür eine andere, elegante Lösung finden könnten und ein quasi nicht-rassistisches Buch daraus machen können.

Liat Himmelheber: Bedenken hatte ich auch aufgrund der dargestellten Beziehung von den Weißen zu den Schwarzen im Roman, also der Besitzer zu den Sklaven. Sie werden wie unmündige Kinder und nicht als vollwertige Menschen dargestellt.

Wird das nur über die Aussagen der Figuren deutlich oder auch über die Erzählerstimme?

A. N.: Der Meinung bin ich nicht. Zumal ich auch Briefe von Margaret Mitchell an ihren Lektor gelesen habe. Wenn ihr Rassismen unterlaufen sind, aus Naivität vielleicht, dann wollte sie diese auf jeden Fall eliminiert sehen. Sie wollte die Erzählerstimme vollkommen neutral haben. Dem folgen wir auch in unserer Übersetzung. Im Roman Vom Wind verweht kommen Rassisten vor, die rassistisch sprechen. Das hat einen dokumentarischen Hintergrund, aber die Erzählerstimme ist per se nicht rassistisch.

Was genau war denn an der bisherigen deutschen Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach von 1937 verbesserungswürdig?

A. N.: Die Übersetzung ist in einer Stilhaltung geschrieben, die ich eher so in Deutschland um 1900 verorten würde. Beheim-Schwarzbach ist genau 1900 geboren, übrigens genauso wie Margaret Mitchell. Er führt eine Sprache im Stil der Neoromantik wie der junge Hermann Hesse, während Mitchell in den USA ganz anderen Einflüssen ausgesetzt war. Sie gehörte stilistisch der Moderne an, die sich in den „Roaring Twenties“ in den USA durchgesetzt haben mit einem sachlichen, journalistischen Stil. Außerdem haben wir die Sprache der Sprecher dramatisch verändert. Schon am Titel kann man ja erkennen, dass wir nicht mehr von „Vom Winde verweht“ sprechen, sondern von „Vom Wind verweht“. Aber das hat auch wieder etwas mit der Rassismus-Thematik zu tun, weil es dabei vor allem um die Sprache der Sklaven in Beheim-Schwarzbachs Fassung geht.

Liat Himmelheber und Andreas Nohl
Foto: privat

L. H.: In der Originalfassung von Vom Wind verweht sprechen die Sklaven ein „black vernacular“, und das ist ja gang und gäbe in der amerikanischen Literatur. Das fängt zum Beispiel schon bei Poe und Twain an und setzt sich natürlich bei schwarzen Autor:innen selbst fort. Das „vernacular“ ist nichts, was Schwarze lächerlich machen soll, sondern es stellt ganz einfach ihren eigenen Akzent und ihren eigenen Dialekt dar. Die veränderte Ortographie soll den Klang dieses Dialekts transportieren. Ein Beispiel wäre „going“, das im „black vernacular“ „gwine“ geschrieben wird. Aber deshalb handelt es sich dabei nicht um falsche Grammatik. Unser Vorgänger Beheim-Schwarzbach hat das aber als Radebrechen mit Verben im Infinitiv ins Deutsche gebracht. Mir wurde eigentlich immer ganz schlecht, wenn ich da reingeschaut habe. Das ist ein zusätzlicher Rassismus, der im Original gar nicht drin ist. Zusätzlich gibt es nicht einmal eine Logik in Beheim-Schwarzbachs Darstellung der Sklavensprache. Erst sprechen sie nur in Infinitiven, aber im nächsten Satz kommt ein perfekter Konjunktiv in der indirekten Rede.

A. N.: Bei uns ist der Sprachstil jetzt stringent. Wir sind da ganz nah am Original und an der Modernität des Textes.

Ist Ihre neue Version des Romans also weniger rassistisch als einerseits die alte deutsche Übersetzung von Beheim-Schwarzbach, aber auch als vielleicht das Original?

A. N.: Also, ich nehme das Original ein bisschen in Schutz. Der Begriff „negro“ ist zu Mitchells Lebenszeiten nicht automatisch ein scharf rassistischer Begriff. Er wurde, wie das N-Wort in Deutschland, gemeinhin für Menschen schwarzer Hautfarbe verwendet. Aber mit der Bürgerrechtsbewegung setzte auch eine sprachliche und begriffliche Selbstermächtigung der Afroamerikaner ein. Daher ist es heute verpönt, wenn Weiße das N-Wort für schwarze Personen verwenden. Natürlich schwingt da immer noch ein gewisser Rassismus mit, auch beim Wort „Schwarze“. Aber im Rahmen unserer Möglichkeiten ist es ein gerechter Umgang mit dem Begriff.

L. H.: Wenn man permanent das N-Wort lesen würde und jedes Mal zusammenzuckt, wäre der Lektüreeindruck ein vollständig anderer als in den 30er Jahren, als man beim N-Wort eben nicht zusammengezuckt ist. Deshalb finde ich, dass man heutzutage bei Übersetzungen, wenn man ein neutraleres Wort verwenden kann, das auch tun sollte. Man sollte dem Leser nicht zumuten, dass er eine unglaubliche Abstraktionsleistung vollbringt und sozusagen für sich jedes Mal das N-Wort übersetzt. Das können wir ja dann selbst gleich vornehmen.

Jetzt muss ich aber noch einmal nachfragen: An einigen Stellen bei Gone with the Wind werden die schwarzen Sklaven mit Tieren verglichen. Sie haben in Ihrer Neuübersetzung einen dieser Vergleiche herausgenommen, ich glaube, es ging um die Amme Mammy, die mit einem Affen verglichen wird.

A. N.: Ganz genau.

L. H.: Aber es gibt auch eine weiße Figur, die ständig mit einem Affen verglichen wird im Roman, nämlich der Franzose René Picard. Jedes Mal, wenn er auftaucht, wird erwähnt, dass er aussehe wie ein Affe, und sogar sein Sohn sieht später wie ein Äffchen aus.

A. N.: Das muss man ohnehin betonen, dass bei Mitchell immer ein ziemliches Gleichgewicht herrscht. Wenn Rhett Butler einen Schwarzen erschießt, dann wird das immer gleichzeitig damit erwähnt, dass er auch einen Weißen erschossen hat. Es gibt also immer eine Art Gleichgewicht.

Wie unterscheidet sich Ihre Neuübersetzung noch von der ersten deutschen Fassung? Wir hatten schon davon gesprochen, dass Beheim-Schwarzbach, im Gegensatz zu Margaret Mitchell, einen sehr blumigen Sprachstil geführt hat, siehe das kitschige „e“ bei Wörtern wie „Winde“ oder „Manne“.

A. N.: Genau, das haben wir eliminiert. Bei uns ist der Roman ein Text, der in den 20er Jahren in den USA geschrieben wurde.

L. H.: Jedes Mal, wenn ich bei Beheim-Schwarzbach reingeschaut habe, haben sich bei mir alle Haare gesträubt, weil es einfach so anders ist als der Ton des Originals. Mitchell erzählt sehr flüssig, mehr im Sinne eines oralen Stils, was Andreas als journalistisch bezeichnet, oft auch sehr witzig, und das ist bei Beheim-Schwarzbach völlig verschwunden.

A. N.: Nur um das abzuschwächen: Beheim-Schwarzbach hat keine komplett schlechte Arbeit abgeliefert. Wir hatten überdies einen extra Lektor angestellt, der das Buch für uns unabhängig vom Verlag gelesen hat, jemand, der sich mit der Militärgeschichte auskannte.

L. H.: … vor allem mit all den Dienstgraden!

Beheim-Schwarzbachs deutsche Fassung ist ja auch noch gekürzt. Können Sie sich vorstellen, warum die Kürzungen damals vorgenommen wurden?

A. N.: Ja, es sind etwa 70-80 Kürzungen in dem Roman von 1300 Seiten. Nebensätze, ganze Sätze, teilweise ganze Absätze oder Absatzfolgen. Manchmal sind Sätze so gekürzt, dass er den nächsten Absatz umschreiben musste, um einen Übergang zu schaffen. Manchmal musste er sogar das Gegenteil von dem schreiben, was Mitchell geschrieben hat, damit es funktioniert. Deshalb sagen wir zu Recht, dass unsere Übersetzung vollständig ist, weil sie diese Überarbeitung wieder rückgängig macht. Teilweise sind wirklich wichtige Dinge rausgeflogen.

L. H.: Teilweise sind es auch Redundanzen.

A. N.: Ich kann mich an eine Stelle erinnern, da wurde eine scharfe Kritik von Rhett an den Yankees herausgekürzt, die nach dem Krieg in den Süden kommen und mit Spekulation das Land ausbeuten. Also eine Art „Zensur“ von gesellschaftskritischen Stellen, aber das müsste sich ein Literaturwissenschaftler noch einmal genauer anschauen.

L. H.: Manchmal hat Beheim-Schwarzbach auch einfach Formulierungen herausgekürzt, bei denen er nicht wirklich wusste, wie er sie übersetzen sollte. Wenn wir selber nicht weiterkamen, wollten wir bei ihm nachschauen, und die Stellen fehlten! Es gibt einige Idiome im Roman, die vielleicht aus dem Irischen stammen (oder die es vielleicht nur in Mitchells Familie gab) und auf die sich Beheim-Schwarzbach keinen Reim machen konnte und sie deshalb einfach wegließ.

Da denke ich auch gleich an den originellen Fluch von Scarlett und ihrem Vater, nämlich „Herrgott im Nachtgewand!“! Das hatten Sie so aus dem Original von „God’s Nightgown!“ übersetzt.

A. N.: Ja, da sind wir auch sehr stolz darauf! (lacht)

L. H.: Das gibt es auch nur bei Mitchell, ich habe den Ausdruck sonst nirgendwo gefunden.

A. N.: Ein sehr lustiger Ausdruck, der bei uns auch 1:1 lustig übersetzt wurde. Unser Lektor meinte, es müsse unbedingt die Übersetzung „Heiliger Strohsack“ stehen, wie bei Beheim-Schwarzbach, aber wir fanden unsere Idee viel besser!

L. H.: Wir hatten zuerst „Lieber Gott im Nachtgewand“, aber das fanden wir dann doch zu weich.

Mir ist aufgefallen, dass Ihre Wortwahl sehr viel frischer und moderner rüberkommt. Solche Ausdrücke wie „die Meinung geigen“ hätte es in der alten Übersetzung nicht gegeben.

A. N.: Ja, aber trotzdem haben wir darauf geachtet, dass wir nicht anachronistisch werden. Wir verwenden Begriffe, die zumindest zu der Zeit von Mitchell verwendet wurden. Ein Ausdruck wie „die Meinung geigen“ gab es auch schon 1860 in Deutschland.

L. H.: Man muss eben aufpassen, dass man keine Ausdrücke verwendet, die in 20 Jahren obsolet sind.

A. N.: Und man darf auch auf keinen Fall Begriffe nehmen, die zu der Zeit, in der der Roman spielt, nicht auch möglich gewesen wären. Das heißt, wir mussten einen kleinen Spagat machen.

Gab es eigentlich Schwierigkeiten, einen gemeinsamen Tonfall zu finden?

L. H.: Nein, der kam dann durch das Lektorat. Wir haben immer gleichzeitig verschiedene Kapitel übersetzt, aber dann gegenseitig lektoriert. So nach dem Motto: Andreas fügt was bei mir hinzu oder löscht etwas, und genauso ich bei ihm. Dadurch hat sich das der Ton total nivelliert, glaube ich.

Herr Nohl, Sie haben auch schon anlässlich der Buchvorstellung von Vom Wind verweht im Literaturhaus München gesagt, dass es Ihnen sehr wichtig war, dass mit Ihrer Frau eine weibliche Perspektive in die Übersetzung hineinkommt. An welchen Stellen war das besonders wichtig?

A. N.: Es gibt mehrere Stellen, aber vor allem an einer Stelle war die weibliche Sicht unumgänglich. Es geht um eine sehr umstrittene Szene, bei der manche Leser von einer Vergewaltigung von Scarlett durch ihren Mann Rhett ausgehen. Da kann Liat nun mal als Frau mit einer ganz anderen Autorität ihre Perspektive auf solche Stellen vertreten. Liat sah die Stelle übrigens nicht als Vergewaltigung, sondern differenzierter.

L. H.: Ja, tatsächlich. Es wird zuvor im Roman geschrieben, dass Rhett selbst in den intimsten Momenten nicht seine distanzierte Maske fallen lässt, weil er sich vor Scarlett nicht verletzlich machen will. Bei der genannten Szene fasst er sie grob an, das stimmt, aber es ist vielmehr so, dass er hier zum ersten Mal sich nicht mehr verstellt. Scarlett empfindet sein jetzt nicht mehr zurückhaltendes Verhalten ja auch extrem erregend, und am nächsten Morgen wird sie als glücklich beschrieben. Man kann davon ausgehen, dass sie in dieser Nacht zum ersten Mal einen Orgasmus hatte und sie den Sex eben nicht einfach so über sich hat ergehen lassen, wie sonst auch.

Wie aufwändig war die Recherchearbeit vor und während der Übersetzung?

A. N.: Ich hatte mir andere Schriften von Margaret Mitchell besorgt, um sie literarisch besser einzuschätzen und mehr über ihre literarische Herkunft zu erfahren, ihren Journalismus zum Beispiel. Und dann hatte ich natürlich jede Menge Bücher über den amerikanischen Bürgerkrieg. Der ganze Anmerkungsapparat der Übersetzung spiegelt das ja. Wichtig bei den historischen Hintergründen zu betonen ist, dass das der verlustreichste Krieg in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist. Man hatte nämlich schon treffsichere Munition erfunden, aber die militärische Strategie stammte noch aus den napoleonischen Kriegen, wo die Soldaten in breiten Phalanxen aufeinander zu marschierten. Deshalb war dieser Krieg so unfassbar blutig. Solche Hintergründe kommen auch in den Anmerkungen vor.

Meinen Sie, man könnte mit der Lektüre von Vom Wind verweht die heutige Gesellschaft der USA besser verstehen lernen?

A. N.: Sie wird zumindest in Zügen dort abgebildet!

L. H.: Wie diese Rechtsradikalen in den Südstaaten heute denken, das wird in seiner Genese im Roman auf jeden Fall dargestellt.

A. N.: Aber Margaret Mitchell hat mit solchen Menschen auf keinen Fall sympathisiert, ganz im Gegenteil, sie kritisiert die Südstaaten, und sie kritisiert die ganzen Kriegstreiber. Über den Ku Klux Klan macht sie sich im Roman lustig, zum Beispiel dass sie in Nachthemden ausziehen. Mitchells politisches Sprachrohr ist Rhett Butler, der sich äußerst scharf über die Kriegsbegeisterung äußert. Er ist als Außenseiter immer die einzige Stimme der Vernunft im Roman, der die Verhältnisse rational beurteilt.

Der Roman wurde von Mitchell ja eigentlich zum Zweck der Desillusionierung geschrieben, also um den Bürgerkrieg zu kritisieren, und damit auch die ganze aktuelle Südstaatengesinnung und -politik, aber das Gegenteil ist eingetreten. Die Südstaatler nahmen in den 1930er Jahren den Roman als absolute Romantisierung der Vorkriegszeit (bis 1861), aber auch des Bürgerkriegs selbst auf. Nun beschreibt der Roman die Verzweiflung der Südstaatler sehr anschaulich und driftet auch manchmal ins Melodramatische ab. Ein bisschen kann man den Drang zur Romantisierung also auch verstehen, meinen Sie nicht?

L. H.: Bei meinem ersten Leseeindruck habe ich die Kritik an der Südstaatenpolitik ganz deutlich gesehen. Natürlich leiden die Figuren im Roman, wie jedes Volk leidet und hungert, das einen Krieg verloren hat. Aber dass die Südstaatler sich so bestätigt gesehen haben, verwundert mich tatsächlich sehr. Natürlich beschrieb Mitchell das Leid der Menschen und weckte dadurch auch Sympathien für sie, aber andererseits kann die Protagonistin Scarlett, durch deren Augen wir alle Geschehnisse sehen, gar nichts anfangen mit dem nationalistischen Furor und der Kriegsbegeisterung. Daher merkt man immer eine große Distanz und Kritik zum Geschehen im Roman. Aber ich glaube, wenn man sich unbedingt bestätigt sehen will, kann man das auch. Es war Margaret Mitchell übrigens aber auch sehr wichtig, dass die Südstaatler das Buch mögen.

Hatten Sie eigentlich Vorgaben vom Verlag zur Übersetzung?

A. N.: Nein, es war von vornherein klar, dass wir vollkommen autonom arbeiten. Es war ausgemacht, dass ich als Herausgeber auftrete und damit waren wir auch unser eigener Chef. Der Verlag war damit auch sofort einverstanden.

Noch eine kleine private Frage zum Schluss: Hat die gemeinsame Übersetzungstätigkeit Ehestreitigkeiten ausgelöst?

A. N.: Komischerweise nicht!

L. H.: Wir hatten ein paar Uneinigkeiten, wo ich auch heute noch nicht von der gewählten Lösung überzeugt bin, aber ich wurde überstimmt von Andreas und dem Verlag. Zum Beispiel hätte ich gerne die Begriffe „carpetbagger“ [etwa: Spekulanten] und „scallawag“ [etwa: Kollaborateure, Kriegsgewinnler] im Englischen behalten und sie nicht übersetzt. Aber wir haben recht viele Begriffe im Englischen belassen, vielleicht wäre das dann zu viel geworden. Außerdem fand ich, dass wir uns beim Titel ruhig noch enger an das Original hätten halten können. Ich hätte „Verweht vom Wind“ (siehe Gone with the Wind) besser gefunden. Aber dann hätte der Titel zu wenig Wiedererkennungswert gehabt.

A. N.: Da hat mir dann auch ein Sprachwissenschaftler gesagt: „Dann könnt ihr es auch gleich ‚Verweht vom Winde‘ nennen!“ (beide lachen)

 

Sabine Friedrich schreibt seit 2016 auf https://ant1heldin.de/ über besondere Frauenfiguren in Literatur, Serie und Film. Sie hat Literaturwissenschaft in München studiert und arbeitet hauptberuflich als Redakteurin in einer Content-Marketing-Agentur. Scarlett O’Hara zählt übrigens zu ihren Kindheitsheldinnen.

 

 

Margaret Mitchell/Andreas Nohl/Liat Himmelheber: Vom Wind verweht (Im englischen Original: Gone with the Wind)

Kunstmann 2020 ⋅ 1328 Seiten ⋅ 38 Euro

www.kunstmann.de/buch/margaret_mitchell-vom_wind_verweht-9783956143182/t-0/

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