San­de­mo­ses Klas­si­ker neu inter­pre­tiert

Die erste deutsche Übersetzung von Aksel Sandemoses „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ (1933) aus dem Jahre 1974 gilt in vielerlei Hinsicht als verbesserungswürdig. 2019 bekam Gabriele Haefs den Auftrag, das Buch neu zu übersetzen. Sie erzählt, was sie in ihrer Übersetzung anders gemacht hat und welche Stolpersteine sie dabei aus dem Weg räumen musste. Von

Aksel Sandemose, 1899 in der dänischen Hafenstadt Nykøbing Mors geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller. Bild (Ausschnitt): WikiCommons

Vor­weg: Die­ser Roman von Aksel San­de­mo­se, der ers­te, den der gebür­ti­ge Däne nach sei­ner Über­sied­lung nach Nor­we­gen, dem Hei­mat­land sei­ner Mut­ter, auf Nor­we­gisch schrieb, ist in allen skan­di­na­vi­schen Län­dern ein Klas­si­ker. Selbst, wer ihn nie gele­sen hat, kennt „Jan­te­lo­ven“, das Gesetz von Jan­te. Jan­te ist die fik­ti­ve Klein­stadt in Däne­mark, in der die Roman­hand­lung ange­sie­delt ist (das Vor­bild Nykø­bing Mors ist leicht zu erken­nen). Das Gesetz von Jan­te beschreibt alles, was man nicht tun darf, sonst gibt es Gere­de, und Gere­de führt zu Schi­ka­nen und Mob­bing. Im Grun­de lässt es sich so zusam­men­fas­sen: „Da könn­te ja jeder kom­men!“

Dass es eine gewal­ti­ge Her­aus­for­de­rung ist, Aksel San­de­mo­se zu über­set­zen, wuss­te ich von Anfang an – und mein ers­ter Impuls war natür­lich, die­se Zumu­tung weit von mir zu wei­sen. Erin­ne­run­gen an Stu­di­en­zei­ten kamen auf, der über­le­bens­gro­ße San­de­mo­se mit sei­nen Büchern, die nie­man­dem mehr aus dem Kopf gehen, wenn man sie ein­mal gele­sen hat – wie „Der Wer­wolf“ -, wenn auch man­che kom­plett unbe­greif­lich sind,  so dass ich auch nach mehr­fa­chem Lesen nicht hät­te sagen kön­nen, wovon sie han­deln – wie „Feli­ci­as Hoch­zeit“. Nun also die­ses Haupt­werk, in dem er das sprich­wört­lich gewor­de­ne „Gesetz von Jan­te“ vor­stellt?

Aber dann dach­te ich an ande­re Bücher, die sehr schwer zu über­set­zen waren, und das war ja auch gut gegan­gen. Und es gab doch die alte Über­set­zung von Udo Birck­holz, bei der ich im Not­fall Trost und Inspi­ra­ti­on suchen könn­te. Bei Neu­über­set­zun­gen von Klas­si­kern lese ich nor­ma­ler­wei­se die alten Über­set­zun­gen immer erst, wenn ich mei­ner eige­nen Fas­sung den letz­ten Schliff gebe – aus Angst, dass irgend­ei­ne For­mu­lie­rung aus der ers­ten Über­set­zung bei mir haf­ten bleibt und sich in mei­nen Text ein­schmug­gelt, wo sie eigent­lich nichts zu suchen hat.

Dann ging es los mit der Über­set­zungs­ar­beit. Und die Stol­per­stei­ne häuf­ten sich:

San­de­mo­se liebt Wie­der­ho­lun­gen als Stil­mit­tel, und so sehr es mir manch­mal in den Fin­gern juck­te, hier und da eine zu strei­chen: Ich habe sie behal­ten, um mög­lichst den O‑Ton wie­der­zu­ge­ben. Er hat über­haupt kein Sys­tem dar­in, ob er Zah­len aus­schreibt oder in Zif­fern wie­der­gibt, und er streut gern eng­li­sche Wör­ter ein, was zu sei­ner Zeit im Nor­we­gi­schen über­haupt nicht üblich war („up to date“). Eben­so liebt er abrup­te Zei­ten­wech­sel und Abkür­zun­gen – so schreibt er grund­sätz­lich „usw.“ und „z.B.“ Und irgend­ei­ne Logik, nach der er wört­li­che Rede mal in Anfüh­rungs­zei­chen setzt und dann wie­der nicht, ist auch nicht aus­zu­ma­chen.

Das alles sind sti­lis­ti­sche Din­ge, bei denen die Ent­schei­dung eben dar­um ging, ob behal­ten oder zur bes­se­ren Les­bar­keit ändern. Wobei mir der Ver­lags­lek­tor eine gro­ße Hil­fe war. Da er das Ori­gi­nal nicht lesen konn­te, reagier­te er sehr viel emp­find­li­cher auf Stol­per­stei­ne als ich. Doch wenn ich auch zwi­schen­durch das Gefühl hat­te, dass man­che Stol­per­stei­ne ver­hält­nis­mä­ßig leicht aus dem Weg zu räu­men waren, so ist Ein Flücht­ling kreuzt sei­ne Spur doch ein ver­dammt schwie­ri­ger Text, dar­über sind sich alle Exper­ten einig. Vie­le Stel­len sind unklar, so for­mu­liert, dass nicht deut­lich wird, wer hier gera­de spricht, oder was eigent­lich gemeint ist. Aller­dings, da der Autor selbst die ers­te Fas­sung sei­nes Romans voll­kom­men über­ar­bei­tet und teil­wei­se stark ver­än­dert hat, kön­nen wir doch davon aus­ge­hen, dass er es so unklar haben will? Dach­te ich, auch das war also immer­hin ein Trost.

Wenn sich die San­de­mo­se-For­schung nicht einig wer­den kann, was wie zu ver­ste­hen ist, dann soll es viel­leicht nicht zu ver­ste­hen sein? An Stel­len, wo der Autor sich irrt, ist auch nicht klar, ob das wirk­lich ein Irr­tum ist. Es juckt dann zwar in den Fin­gern, kurz ein biss­chen zu kor­ri­gie­ren, aber ich glau­be, das wäre falsch. So ein Irr­tum ist z.B. eine Stel­le, wo er über Konfirmation/Kommunion sin­niert und meint, die katho­li­sche Kir­che mache das schon rich­tig, da sie seit alters­her die Kin­der mit zehn Jah­ren zur Kom­mu­ni­on gehen lässt. Doch als San­de­mo­ses Roman­fi­gur Espen Arn­ak­ke die­se Über­le­gung anstell­te, war die frü­he Erst­kom­mu­ni­on noch ein sehr jun­ger Brauch, sie wur­de erst von Pius X ein­ge­führt, der von 1903 bis 1914 Papst war. Was aller­dings bei genaue­rem Hin­se­hen an Espen Arn­ak­kes Über­le­gun­gen nicht viel ändert – und so war es bestimmt rich­ti­ger, es so ste­hen zu las­sen.

Etwas, womit Udo Birck­holz sich nicht her­um­zu­schla­gen brauch­te, sind die neue­ren Ent­wick­lun­gen in der San­de­mo­se-For­schung, vor allem Espen Haa­vard­s­holms weg­wei­sen­de Bio­gra­phie. San­de­mo­se, der sich mehr­mals im Leben neu erfun­den hat und ein gro­ßer Insze­na­tor sei­ner selbst war, hat immer ange­deu­tet, dass er Espen Arn­ak­ke ist, dass es den Mord, den sei­ne Roman­fi­gur in einem Ort mit dem viel­sa­gen­den Namen Mise­ry Har­bor begeht, wirk­lich gege­ben hat – dass eben der jun­ge See­mann San­de­mo­se und sein Espen Arn­ak­ke auch in die­sem Punkt iden­tisch sind.

Espen Haa­vard­s­holms Recher­chen las­sen Zwei­fel an die­ser Dar­stel­lung auf­kom­men – gehör­te der angeb­li­che Mord in Mise­ry Har­bor etwa auch zur Insze­nie­rung des Autors, ist er nicht gesche­hen? Und wenn es so ist, wie ver­hält es sich mit dem Roman­hel­den, weiß der Roman­held sel­ber nicht, ob sein Opfer wirk­lich tot war oder sich viel­leicht wei­ter­hin bes­ter Gesund­heit erfreut? Hat er gar die gan­ze Sze­ne erfun­den, wie mög­li­cher­wei­se auch sein Schöp­fer? Seit die­ser Zwei­fel gesät wor­den ist, lesen alle das Buch anders. Espen Arn­ak­ke ist ein unzu­ver­läs­si­ger Zeu­ge, und an kei­ner Stel­le behaup­tet er ein­wand­frei, dass sein Wider­sa­cher damals ums Leben gekom­men ist. Die­se Zwei­fel, die­se Ambi­va­lenz im Erzähl­text, muss­te also in der Über­set­zung erhal­ten blei­ben – das muss­te ich jeden­falls ver­su­chen.

Dabei konn­te mir Udo Birck­holz, der ja noch davon aus­ge­hen konn­te, dass der Mord in Buch und in Wirk­lich­keit glei­cher­ma­ßen gesche­hen ist, nicht hel­fen. Auch sonst war er ehr­lich gesagt kei­ne gro­ße Hil­fe. Ich weiß nichts über ihn, außer, dass er in der DDR gelebt und gear­bei­tet hat. Nor­we­gisch­über­set­zer aus der DDR hat­ten das Pro­blem, dass sie sel­ten oder nie nach Nor­we­gen rei­sen durf­ten, dass sie so gut wie nie Kon­takt zu „ech­ten“ Nor­we­gern hat­ten, dass sie also mit der leben­den Spra­che wenig in Berüh­rung kamen. Aber erklärt das, war­um in der alten Aus­ga­be des „Flücht­lings“ die oben erwähn­ten unkla­ren, in der San­de­mo­se-For­schung umstrit­te­nen Pas­sa­gen ein­fach nicht vor­han­den sind? Es fehlt an sol­chen Stel­len dann abrupt ein Abschnitt oder auch nur ein Satz, danach geht die Erzäh­lung wei­ter, als sei nichts gesche­hen.

Es gibt in der alten Über­set­zung zudem kurio­se Feh­ler, für die mir kei­ne Erklä­rung ein­fiel – außer eben der, dass der Über­set­zer ver­mut­lich kei­ne Mög­lich­kei­ten hat­te, sich mit der gespro­che­nen Spra­che ver­traut zu machen. Und doch sind eini­ge Feh­ler von der Sor­te, dass man gleich Lust hat, inter­es­san­te Theo­rien auf­zu­stel­len, wenn auch nicht so küh­ne wie die, zu denen Espen Arn­ak­ke neigt. So ein Bei­spiel ist die Sze­ne, wo Espen vom Tanz mit einer „jun­gen Kom­mu­nis­tin“ schreibt. Das steht so im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal. In der alten Über­set­zung ist aus der jun­gen Kom­mu­nis­tin die „Toch­ter eines Kom­mu­nis­ten“ gewor­den (ein Anfall von Miso­gy­nie auf Sei­ten des Über­set­zers, der sich nicht vor­stel­len kann, dass eine jun­ge Frau eine poli­ti­sche Über­zeu­gung hat?).

Oder die Leh­re­rin Fräu­lein Nibe, die der jun­ge Espen abwech­selnd hasst, ver­ab­scheut, ver­ehrt und liebt. Wenn er sie hasst, bezeich­net er sie als „die Nibe“, wenn er sie liebt, ist sie „Fräu­lein Nibe“ – in der Über­set­zung von damals ist sie durch­gän­gig „Fräu­lein Nibe“ (auto­ri­täts­hö­ri­ger Über­set­zer, der es nicht über sich bringt, von einer Leh­re­rin despek­tier­lich zu reden?).

In einer Sze­ne machen die jun­gen Män­ner sich sonn­tags fein und stol­zie­ren mit Melo­nen (gemeint sind die Hüte, Bow­lerhats auf Eng­lisch) auf dem Kopf durch den Hafen, um den Mädels zu impo­nie­ren. In der alten Über­set­zung tra­gen sie „Schirm­müt­zen“. Was sie ja die gan­ze Woche tun, Impo­nier­fak­tor also eher gering. Wenn schließ­lich Kom­mu­nis­ten und „Links­ra­di­ka­le“ auf­ein­an­der ein­schla­gen, hat ver­mut­lich eher ein gutes Wör­ter­buch gefehlt (gemeint ist die Par­tei Venst­re, was wirk­lich wört­lich über­setzt „links“ bedeu­tet, aber die­se Bezeich­nung stammt aus dem däni­schen Par­tei­en­spek­trum im spä­ten 19. Jahr­hun­dert und es han­delt sich um die dama­li­ge Bau­ern­par­tei, die schon zu San­de­mo­ses Zei­ten als rechts-libe­ral ein­ge­stuft wer­den muss­te, was die Prü­ge­lei natür­lich viel plau­si­bler macht).

Wenn ich oben das Gesetz von Jan­te so zusam­men­fas­se: „Da könn­te ja jeder kom­men“, dann hat die mas­ku­li­ne Aus­drucks­wei­se durch­aus sei­ne Berech­ti­gung (auch wenn sich „jede“ eher noch weni­ger erlau­ben dürf­te als jeder). San­de­mo­se schreibt kon­se­quent in mas­ku­li­ner Form, kein Ver­such, gen­der­neu­tral zu schrei­ben – zuge­ge­ben, das war zu sei­ner Zeit auch wenig üblich, aber bei zeit­ge­nös­si­schen nor­we­gi­schen Autorin­nen sind durch­aus femi­ni­ne Wort­bil­dun­gen zu fin­den. Und er schreibt mehr­mals, dass er hier eine männ­li­che Sicht der Din­ge wider­gibt, und wenn es auch inter­es­sant sein könn­te, die weib­li­che Sicht zu hören, so über­stei­ge das doch sei­ne Fähig­kei­ten gewal­tig. Die ein­zi­ge femi­ni­ne Wort­bil­dung im gan­zen Buch ist „Leh­re­rin“ („lære­rin­ne“, die weib­li­che Form von „lærer“, also „Leh­rer“), wenn von Fräu­lein Nibe die Rede ist, der gelieb­ten und gehass­ten. Es war einer­seits ein­fach, nur mas­ku­li­ne For­men zu ver­wen­den, dann aber auch sehr fremd, und immer ertapp­te ich mich dabei, eine geschlechts­neu­tra­le Form ein­schmug­geln zu wol­len. Aber die wäre ja nicht im Sin­ne des Autors gewe­sen.

Eine ein­zi­ge Ände­rung wur­de nach aus­gie­bi­gen Bera­tun­gen mit dem Ver­lag vor­ge­nom­men. Der älte­re Bru­der der Roman­fi­gur Espen Arn­ak­ke heißt Einer. Das ist eine regio­na­le Vari­an­te des bekann­te­ren Vor­na­mens Einar und im Nor­we­gi­schen abso­lut kein Pro­blem, nur ein biss­chen exo­tisch viel­leicht. Im Deut­schen aber? „Drei Män­ner gehen über die Stra­ße. Einer hus­tet.“ (Ein will­kür­lich her­bei­zi­tier­ter Satz). Bru­der Einer tritt ziem­lich häu­fig auf, und wenn es in 99 Fäl­len gelingt, in der Über­set­zung so zu for­mu­lie­ren, dass klar wird: Hier ist der Bru­der genannt, der nun ein­mal Einer heißt, und nicht irgend­ei­ner, der gera­de etwas tut, allein und nicht zu zweit oder zu dritt – im hun­derts­ten Fall ging es nicht, es sei denn, ich hät­te einen gan­zen Absatz umge­schrie­ben und um aus­führ­li­che Erklä­run­gen erwei­tert, was wie­der­um den Fluss der Hand­lung auf­ge­hal­ten hät­te. Und so heißt Espen Arn­ak­kes Bru­der in der deut­schen Fas­sung nun Einar.

Auf die­se Wei­se war das Über­set­zen ein dop­pel­tes Aben­teu­er, einer­seits die Bemü­hung, dem kom­pli­zier­ten und an Abgrün­den rei­chen Text Aksel San­de­mo­ses eini­ger­ma­ßen gerecht zu wer­den, ande­rer­seits in der alten Über­set­zung auf Ent­de­ckungs­rei­sen zu gehen. Wobei die kano­ni­sche San­de­mo­se-Bio­gra­phie des ande­ren Espen eine unschätz­ba­re Hil­fe war, das kann ich gar nicht genug beto­nen.

Gabrie­le Haefs, gebo­ren in Wachtendonk/Niederrhein, stu­dier­te Volks­kun­de, Sprach­wis­sen­schaft, Kel­to­lo­gie und Nor­dis­tik an den Uni­ver­si­tä­ten in Bonn und Ham­burg. 1982 schloss sie ihr Stu­di­um mit einer volks­kund­li­chen Dis­ser­ta­ti­on an der Uni­ver­si­tät Ham­burg ab. Sie lebt als Über­set­ze­rin und lite­ra­ri­sche Gele­gen­heits­ar­bei­te­rin in Ham­burg.
Foto: Miguel Fer­raz


Aksel Sandemose/Gabriele Haefs: Ein Flücht­ling kreuzt sei­ne Spur (im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal: En flyk­t­ning krys­ser sitt spor).

Gug­golz Ver­lag 2019 ⋅ 608 Sei­ten ⋅ 28 Euro

www.guggolz-verlag.de/ein-fluechtling-kreuzt-seine-spur

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