Spru­deln­des Leben im gedämpf­ten Janu­ar

Iliazd und Regine Kühn entführen uns in einem gewaltsamen Sprachrausch in die kaukasische Bergwelt und lassen uns einen vergessenen Klassiker der russischen Moderne neu entdecken. Von

"Offenbar haben alle Dinge ihre Sprache, und offenbar existiert diese Sprache nicht wie die menschliche für den Austausch von Meinungen und Gedanken, sondern sie fließt, indem sie den Verstand der Dinge abbildet, wie ein Lied ohne Worte." (Bild: "Der Kaukasus" von Iwan Aiwasowski, Quelle: WikiCommons)

Der Außen­sei­ter und Deser­teur Lav­ren­tij tötet hoch oben in den Ber­gen einen Mönch. Mit dem Mord an sich haben die Dörf­ler kein Pro­blem – denn wer in ihrer rau­en Welt „muss­te nicht schon mal mor­den, wenn nicht in besof­fe­nem Zustand, dann auf jeden Fall im Kampf“? Doch dass er es ohne Not, aus purer Hab­gier und Bos­heit getan hat, neh­men sie ihm übel. Und so flüch­tet Lav­ren­tij, aus Furcht, dass sie ihn ent­ge­gen der übli­chen Gepflo­gen­hei­ten an die Obrig­keit ver­ra­ten, in ein ein­sa­mes Berg­dorf und wird Räu­ber­haupt­mann. Aber nicht etwa ein geor­gi­scher Robin Hood oder Karl Moor mit heh­ren Idea­len. Im Gegen­teil: Der Mord an Klos­ter­bru­der Mokij setzt eine Gewalt­spi­ra­le in Gang, die am Ende alle ins Ver­der­ben reißt – die Berg­be­woh­ner, Lav­ren­tij, sei­ne gro­ße Lie­be Ivli­ta und ihr unge­bo­re­nes Kind.

Lav­ren­tij deser­tiert, weil er nicht auf Befehl töten will, er nimmt sich aber das Recht des gesetz­lo­sen Ban­di­ten, zu töten, wann und wen er will: Mord als Akt der ulti­ma­ti­ven Frei­heit. Er setzt sich nicht nur über offi­zi­el­le, son­dern auch über unge­schrie­be­ne Geset­ze hin­weg, denn Räu­ber dür­fen dem Brauch nach weder hei­ra­ten noch Kin­der bekom­men. Iro­ni­scher­wei­se wird der frei­heits­lie­ben­de Ban­dit erst zum Gefan­ge­nen und dann zum Opfer sei­ner Lie­be, als sich Ivli­ta gegen ihn wen­det und ihn zer­stört, um ihr gemein­sa­mes Kind zu schüt­zen.

In einer Mischung aus eth­no­gra­phi­scher Genau­ig­keit, mythi­schen Vor­stel­lun­gen, folk­lo­ris­ti­schem Pri­mi­ti­vis­mus und moder­nen Stil­mit­teln ent­wi­ckelt der Roman eine dyna­mi­sche und span­nungs­ge­la­de­ne Hand­lung. Der knap­pe Erzähl­stil lässt dabei die Grau­sam­keit des Berg­le­bens nur umso deut­li­cher her­vor­tre­ten. Die Figu­ren und ihre Emp­fin­dun­gen blei­ben auf Distanz zum Leser. Jedes Kapi­tel endet mit Tod, Gewalt, Flucht oder Ent­füh­rung.

Der Rhyth­mus der Erzäh­lung nimmt einen sofort gefan­gen. In ein­dring­li­cher Spra­che wer­den Schnee­stür­me, die Macht der Natur­ge­wal­ten, denen der Mensch hilf­los aus­ge­lie­fert ist, die Ein­sam­keit und Unwirk­lich­keit der von Bocks­bei­ni­gen und Hirsch­geis­tern bevöl­ker­ten Gebirgs­welt beschrie­ben. Die vie­len Alli­te­ra­tio­nen und Asso­nan­zen des rus­si­schen Ori­gi­nals fin­den auch in der Über­set­zung ihren Wider­hall, zum Bei­spiel in der Toten­kla­ge des Ein­bei­ni­gen Iona, des­sen Begeh­ren nach Ivli­ta ihm zum Ver­häng­nis wird. Sein Weh drückt sich in meh­re­ren we-Lau­ten aus: „Ivli­ta, wegen dir ster­be ich. Ich wag­te nicht, als ich konn­te, und welk­te seit­her. Ver­fol­ge dich unent­wegt. Woll­te dich über­fal­len, aber ohne ein Bein ist das schwer“. Auch sonst tra­gen Gleich­klän­ge den Leser durch den Text. Da glubs­chen einen „Galak­ti­ons Glotz­au­gen“ an, Mok­ijs Sarg „prang­te in der Pracht“ der Dorf­kir­che und Züge „wutsch­ten durch den Wald“. Hoch auf der Alm lacht man über „Schwan­ken und Schre­cken“ des Flach­land­le­bens, und Ivli­ta beschert Lav­ren­tij „gött­li­ches Glück“. Als Räu­ber­braut ist sie vogel­frei­es All­ge­mein­gut, wegen ihrer über­ir­di­schen Schön­heit aber zugleich unan­tast­bar und des­halb kei­ne nor­ma­le Frau mehr, son­dern (das ist schon fast zu viel des Guten) „ein wabern­des weib­li­ches Wesen“.

Voschišče­nie, Iliazds wohl wich­tigs­ter Roman, wur­de bei sei­nem Erschei­nen 1930 von fast allen rus­si­schen Buch­händ­lern in sei­ner Wahl­hei­mat Paris boy­kot­tiert, was wohl auch an einer Hand­voll „unan­stän­di­ger“ Wör­ter wie „Schei­ße“, „Wich­ser“ oder „Hure“ lag (die alle­samt über­setzt wer­den, heut­zu­ta­ge bricht man damit ja kei­ne Tabus mehr). Auch Iliazds übri­ge Roma­ne blie­ben zu sei­nen Leb­zei­ten weit­ge­hend unbe­ach­tet, erst seit Anfang der 1980er Jah­re wer­den sie ver­öf­fent­licht und über­setzt.

Und es lohnt sich, die unge­wöhn­li­chen Wer­ke eben­so wie die fas­zi­nie­ren­de Lebens­ge­schich­te des Autors wie­der­zu­ent­de­cken: Der 1894 in Tbi­lis­si gebo­re­ne Il’ja Zda­ne­vič war Mit­be­grün­der des rus­si­schen Futu­ris­mus, emi­grier­te 1920 mit einer ein­jäh­ri­gen Zwi­schen­sta­ti­on in Kon­stan­ti­no­pel (Inspi­ra­ti­on für sei­nen Roman Phi­lo­so­phia) nach Paris, wo er bis zu sei­nem Tod 1975 leb­te. Dort schrieb er unter sei­nem Pseud­onym auf Rus­sisch Roma­ne und Gedich­te und ver­dien­te sich sei­nen Lebens­un­ter­halt als Desi­gner (unter ande­rem bei Coco Cha­nel), spä­ter gab er mit Malern wie Picas­so und Max Ernst in gerin­gen Auf­la­gen hand­ge­setz­te Künst­ler­bü­cher her­aus, die heu­te auf Auk­tio­nen Höchst­prei­se erzie­len. Zum Glück für die deut­schen Leser hat Regi­ne Kühn den Roman 2018 erst­mals ins Deut­sche über­tra­gen und damit nach Phi­lo­so­phia (2017) ihre zwei­te Iliazd-Über­set­zung beim Ver­lag Mat­thes & Seitz vor­ge­legt (der sie vor­bild­li­cher­wei­se auf dem Buch­um­schlag nennt).

Iliazd gilt als einer der inno­va­tivs­ten Typo­gra­phen des 20. Jahr­hun­derts, und das schlägt sich auch in der Gestal­tung sei­ner Roma­ne und Thea­ter­stü­cke nie­der. Im Ver­gleich zu manch ande­ren Wer­ken fällt Voschišče­nie regel­recht kon­ven­tio­nell aus, mit einer Aus­nah­me: Am Ende der Absät­ze fehlt der Punkt

(Genau so.) Der fran­zö­si­sche Iliazd-Über­set­zer Régis Gay­raud schreibt in sei­nem (von Nico­la Denis über­setz­ten) Vor­wort zur deut­schen Aus­ga­be, dadurch wer­de „eine Atem­pau­se oder, bes­ser noch, ein Auf­flie­gen sug­ge­riert“. Kühn erklärt die­se typo­gra­phi­sche Beson­der­heit damit, dass „Iliazd die Zäsur des Punk­tes am Ende eines Absat­zes zu stark war. Er woll­te die Liai­sons zwi­schen den Text­tei­len erhal­ten, auch wenn er Absät­ze benutz­te. Des­halb woll­te er am Ende des Absat­zes kei­nen Punkt haben.“

Ich hat­te beim Lesen aller­dings eher das Gefühl, dass durch den feh­len­den Punkt der Abstand zwi­schen den Absät­zen ver­grö­ßert wird. Sie hän­gen gleich­sam in der Luft, und die Lese­rin­nen und Leser mit ihnen – Cliff­han­ger im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes also. Pas­send zum Schau­platz hat man oft das Gefühl, als ste­he man hoch auf einem Berg und bli­cke hin­ab in den Abgrund. So ver­stärkt das Lay­out die ver­un­si­chern­de, teils auch bestür­zen­de Wir­kung des Inhalts:

Брат Мокий не обрадовался, только удивился и окрикнул встречного. Однако, за водометом, слова очевидно не долетели. Тогда брат Мокий подошел и от внезапного страха икнул
Вместо привета, незнакомец облапил монаха и воздел над пропастью
Bru­der Mokij war nicht erfreut, nur erstaunt, er rief den Ent­ge­gen­kom­men­den an. Doch die Wor­te gelang­ten offen­bar nicht bis hin­ter den Was­ser­fall. Da ging Bru­der Mokij zu ihm hin und bekam durch die plötz­li­che Angst den Schluck­auf
Statt ihn zu grü­ßen, umfass­te der Unbe­kann­te den Mönch und hob ihn über den Abgrund

So endet Kapi­tel 1, und man sieht förm­lich, wie der Mönch für den Bruch­teil einer Sekun­de über dem Abgrund schwebt, dann in die Tie­fe stürzt und nichts zurück­lässt als Lee­re.

Der Titel Voschišče­nie bedeu­tet einer­seits „Begeis­te­rung, Ent­zü­cken, Eksta­se“ oder „Ver­zü­ckung“, ande­rer­seits aber auch „Ent­füh­rung, Raub“. Mit die­sen bei­den Bedeu­tun­gen spielt der Autor, denn die rau­sch­ar­ti­gen Erre­gungs­zu­stän­de, in die sei­ne Roman­fi­gu­ren gera­ten, gehen oft mit bru­ta­len Gewalt­ak­ten ein­her. Und der Name ist Pro­gramm: Fast in jedem Kapi­tel des Ori­gi­nals taucht das titel­ge­ben­de voschišče­nie auf, teils sogar mehr­mals, als Sub­stan­tiv oder adjek­ti­viert.

Mit „Ver­zü­ckung“ gelingt es Kühn, die Dop­pel­deu­tig­keit im Deut­schen zu erhal­ten, denn das Verb „ver­zü­cken“ (von mhd. zücken = „hef­tig zie­hen, rei­ßen“) hat­te ursprüng­lich die  Bedeu­tung „weg­rei­ßen, rau­ben“. Erst die mit­tel­al­ter­li­chen Mys­ti­ker ver­wen­de­ten es im Sin­ne einer andäch­ti­gen geis­ti­gen Ent­rü­ckung. So ver­eint auch das deut­sche Titel­wort Raub und Gewalt mit Eksta­se. Ähn­lich funk­tio­niert es im Eng­li­schen (Über­set­zung von Tho­mas J. Kit­son: Rap­tu­re) und Fran­zö­si­schen (Über­set­zung von Régis Gay­raud: Le Ravis­se­ment). Ob auch in ande­ren Spra­chen der Zustand der mys­ti­schen Eksta­se und Ver­zü­ckung von einem Wort abstammt, das ursprüng­lich die gewalt­sa­me Weg­nah­me von etwas bezeich­net?

Im gna­den­lo­sen Hoch­ge­bir­ge eben­so wie in der kor­rum­pier­ten Stadt wird der Mensch zu einem (im Rus­si­schen mit voschišče­nie ver­wand­ten) chiš­nik, zum Raub­tier und Räu­ber also, der sich nimmt, was er will, wenn nötig mit Raub, Ent­füh­rung oder Mord. Wie Ivli­ta, als sie die Schmer­zens­schreie des töd­lich ver­letz­ten Iona (der sie in blin­der Begier­de ver­folgt hat und dabei von einem Fel­sen gestürzt ist) nicht mehr erträgt:

Зажмурясь, заткнув уши, Ивлита хотела бы оглохнуть, да не могла. (…) И негодование овладело ею. Не раскрывая глаз, она шагнула к месту, откуда вырывался снизу голос, и нащупав ногой что то твердое, начала топтать
Голос прерывался, но не замолкал, продолжая густеть. Ивлита топтала, но заставить молчать не могла. Обессилела и грохнулась
И неожиданно рев замолк и настала немыслимая тишина. Ивлита отвела ладони от ушей и услышала только, как журчала вода, стекающая с покрытых снегом выступов. Ничего больше. (…) Ни криков, ни воя
Ivli­ta kniff die Augen, hielt sich die Ohren zu, woll­te taub wer­den und konn­te nicht. (…) Empö­rung erfass­te sie. Ohne die Augen zu öff­nen trat sie auf die Stel­le, der sich von unten die Stim­me ent­riss, mit dem Fuß ertas­te­te sie etwas Har­tes und begann dar­auf her­um­zu­tram­peln
Die Stim­me riss ab, aber ver­stumm­te nicht, wur­de immer kolos­sa­ler. Ivli­ta tram­pel­te, konn­te sie aber nicht zum Schwei­gen brin­gen. Sie ver­lor ihre Kraft, brach zusam­men
Plötz­lich ver­stumm­te das Geheul, war unsag­ba­re Stil­le. Ivli­ta nahm die Hän­de von den Ohren und hör­te nur das Was­ser mur­meln, das aus den schnee­be­deck­ten Vor­sprün­gen rann. Nichts wei­ter. Kei­ne Schreie, kein Heu­len. (…) Anschei­nend ist Iona tot

Wie auch bei ande­ren Schil­de­run­gen von Mor­den wird hier das erzäh­le­ri­sche Objek­tiv auf unscharf gestellt, wir neh­men den Mord qua­si nur aus den Augen­win­keln, anhand von indi­rek­ten Indi­zi­en wahr. Die Täte­rin Ivli­ta wirkt wie eine unbe­tei­lig­te Zuschaue­rin, die beim Töten neben sich steht (auch das erin­nert an die Eksta­se, bei der man „Aus-sich-heraus“-tritt).

Im Deut­schen ist aller­dings nicht an jeder Stel­le „Ver­zü­ckung“ oder „ver­zückt“ die opti­ma­le Wort­wahl, viel­leicht hat sich die Über­set­ze­rin des­halb ent­schie­den, mit­un­ter zu vari­ie­ren. Zwei Stel­len sind im Deut­schen ein­deu­tig nicht nach­zu­bil­den: восхитительно bedeu­tet nun mal „groß­ar­tig“, und (hier in der zwei­ten Bedeu­tung gebraucht) kann man die Wen­dung „восхищенный на страшную высоту“ eben nur mit etwas wie „in grau­si­ge Höhe ent­führt“ über­set­zen – dop­pel­deu­ti­ge Wen­dun­gen mit „ver­zückt“ sind hier nicht mög­lich. An drei Stel­len wird jedoch mit „Begeis­te­rung“ bzw. „begeis­tert“ über­setzt, wo ohne Not auch „ver­zückt“ (oder zumin­dest „ent­zückt“) gepasst hät­te, ohne dass dies an ande­rer Stel­le kom­pen­siert wür­de. Auch in der Über­set­zung zieht sich also die Ver­zü­ckung wie ein roter Faden durch die Hand­lung, ver­bin­det die Figu­ren und ihre Emo­tio­nen, im Ver­gleich zum Ori­gi­nal jedoch in leicht abge­schwäch­ter Form.

Die Beschrei­bung des all­jähr­li­chen Jahr­markts amü­siert durch schwar­zen Humor und einen teils zurück­hal­ten­den, teils schnodd­ri­gen Ton­fall:

Но как много ни было народу, мехов было значительно больше, и к утру праздника если кто нибудь и не блевал, то был, во всяком случае, пьян вдрызг
Doch so vie­le Leu­te auch da waren, Wein­schläu­che gab es bedeu­tend mehr, und wenn gegen Mor­gen des Fests irgend­je­mand nicht kotz­te, so war er zumin­dest stock­be­sof­fen

Ein Höhe­punkt der Volks­be­lus­ti­gung ist das Begräb­nis von Mönch Mokij, das zum schau­rig-gro­tes­ken Mas­sen­be­säuf­nis inklu­si­ve Lei­chen­schän­dung aus­ar­tet:

На отпевание никто не явился. Но когда братия вынесла гроб, ей долго и с исключительными усилиями пришлось пробиваться сквозь толпу или карабкаться по грудам храпящих. На кладбище же верующие вынули труп из гроба, наполнили гроб водкой и стоя на четвереньках хлебали прямо из гроба. Никто помешать этому не попробовал, дело могло кончиться самосудом, и окончательно истерзанное почитателями, тело монаха было сброшено в яму и так засыпано. Когда же, два дня спустя, каменотес Лука оказался в состоянии отправиться на кладбище чтобы снять необходимую мерку, он нашел гроб поверх могилы, а в гробу захлебнувшегося в вине односельчанина
Zur Toten­mes­se kam nie­mand. Aber als die Klos­ter­brü­der den Sarg hin­aus­tru­gen, muss­ten sie sich lan­ge und unter größ­tem Kraft­auf­wand durch die Men­ge kämp­fen oder über die Lei­ber von Schnar­chen­den stei­gen. Auf dem Fried­hof aber hol­ten die Gläu­bi­gen den Leich­nam aus dem Sarg, füll­ten die Lade mit Wod­ka und schlürf­ten ihn, auf allen vie­ren hockend, direkt aus der Kis­te. Nie­mand ver­such­te das zu ver­hin­dern, die Sache konn­te mit Lynch­jus­tiz enden, der end­gül­tig von sei­nen Ver­eh­rern zer­fetz­te Kör­per des Mönchs wur­de so ins Loch gewor­fen und zuge­schüt­tet. Als der Stein­metz Luka zwei Tage spä­ter in der Ver­fas­sung war, sich auf den Weg zum Fried­hof zu machen, um die not­wen­di­gen Maße zu neh­men, fand er den Sarg über der Grab­stel­le und im Sarg einen der Dorf­be­woh­ner, der sich am Alko­hol ver­schluckt hat­te

Wie man sieht, steht der knap­pe, lako­ni­sche Ton­fall der Über­set­zung dem des Ori­gi­nals in nichts nach. Kühn hält sich zudem recht eng an die Satz­struk­tur des Rus­si­schen, erkenn­bar bei­spiels­wei­se an Inver­sio­nen oder unver­bun­de­nen Anein­an­der­rei­hun­gen:

Полегчал, посветлел, возрос, возносился.
Er wur­de leich­ter, kla­rer, wuchs, schweb­te.

Ein­zig die genaue Nach­bil­dung der stän­di­gen Sprün­ge zwi­schen ver­schie­de­nen Zeit­for­men, die im Rus­si­schen üblich sind, wir­ken im Deut­schen irri­tie­rend. Man hät­te die­se Zeit­sprün­ge durch­aus spar­sa­mer als im Ori­gi­nal ein­set­zen und die Erzähl­zeit des Prä­ter­itums nur an man­chen Stel­len durch­bre­chen kön­nen, um im Deut­schen eine ähn­li­che Wir­kung zu erzie­len. Doch ansons­ten ist es gut, dass Kühn der Ver­su­chung wider­steht, die Sät­ze ele­gan­ter oder logi­scher zu ver­bin­den als im Rus­si­schen. So bleibt der Ein­druck des Unver­bun­de­nen, Unbe­stimm­ten, oft auch Unbe­greif­li­chen bestehen, und die Über­set­zung ent­führt uns mit ihrer kunst­voll-schnör­kel­lo­sen Spra­che in die kar­ge Grau­sam­keit der kau­ka­si­schen Berg­welt.

Inter­view mit der Über­set­ze­rin Regi­ne Kühn

Was macht das Buch aus?
Es ist schwer, auf die­se kom­ple­xe Fra­ge eine kur­ze, schlüs­si­ge Ant­wort zu geben. „Ver­zü­ckung“ ist so etwas wie ein Schlüs­sel­wort für ein kom­pli­zier­tes und gelun­ge­nes Leben – ich glau­be, es war für Iliazd das Lebens­pro­gramm. Sozu­sa­gen als Gegen­wort (oder ‑wert) zum „Nor­ma­len“. Als ich in der Sowjet­uni­on leb­te, gehör­te auf die Fra­ge „Wie geht es Dir?“ die Ant­wort-For­mel „Normal’no …“ zum All­tag. Ich weiß nicht, ob es hier in Deutsch­land eine ähn­li­che For­mel gibt. Doch mir scheint, Ver­zü­ckung ist sozu­sa­gen das Gegen­pro­gramm.

Iliazd leb­te „zwi­schen oder in allen Wel­ten“. Er war in Tbi­lis­si genau­so zu Hau­se wie in den kau­ka­si­schen Ber­gen, in Kon­stan­ti­no­pel, Paris oder den Pyre­nä­en. Das „Zuhau­se“ waren die jewei­li­gen Freun­de und Arbeits­freun­de, die jewei­li­gen Frau­en, die Rund­kir­chen, die er über­all such­te, und viel­leicht noch die Kat­zen. Davon han­delt das Buch „Ver­zü­ckung“. Mit den Haupt­fi­gu­ren Lav­ren­tij und Ivli­ta. Dass es tra­gisch endet, ist sozu­sa­gen die Kon­se­quenz der Kon­se­quenz. Ver­zü­ckung führt not­ge­drun­gen in den Tod. Nur das Nor­ma­le über­lebt.

Was war beim Über­set­zen eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung?
Das Ver­trau­en in den Text, auch da, wo Iliazds Wort­wahl und Satz­bau gegen alles Her­kom­men anrennt. Dass der Roman Ende der 20er, Anfang der 30er Jah­re in der Sowjet­uni­on nicht erschien (obwohl Iliazd das woll­te und von Paris aus über sei­nen Bru­der in Mos­kau inten­siv betrieb), hing unter ande­rem damit zusam­men, dass man Iliazds Spra­che nicht ver­stand und schon gar nicht akzep­tier­te. Man hielt sie für infan­til und gram­ma­tisch falsch. Es war die Zeit, als die Kul­tur­po­li­tik der Sowjet­uni­on sehr ins Kon­ser­va­ti­ve kipp­te – kei­ne Expe­ri­men­te.

Heu­te, 90 Jah­re spä­ter, ist das kaum noch nach­zu­voll­zie­hen. Umso mehr, als man Iliazd heu­te in sei­ner gan­zen Kom­ple­xi­tät sieht, sei­nem Her­kom­men aus der Peters­bur­ger futu­ris­ti­schen Schu­le, den nach Tbi­lis­si expor­tier­ten lite­ra­ri­schen Revo­lu­tio­nen der 1910er Jah­re, die er über Kon­stan­ti­no­pel nach Paris mit­nahm, wo er übri­gens für das „ver­zück­te“ Buch bei der Her­aus­ga­be 1930 auch kei­ne Gegen­lie­be fand, so dass erst die Ver­öf­fent­li­chung 1995 im Gilea-Ver­lag inter­na­tio­na­le Reso­nanz fand.

Ein Lieb­lings­satz?
Eine klei­ne Pas­sa­ge über die Win­de fin­de ich ein­fach groß­ar­tig:

Наконец, грянули трубы. Ветры повырывались из за окрестных кряжей, и ныряя в долину, бились ожесточенно, хотя и неизвестно из за чего. Справа, воспользовавшиеся неурядицей нечистые посылали поганый рев, а позади не то скрипки, не то жалоба мучимого младенца еле просачивалась сквозь непогоду …
Schließ­lich dröhn­ten die Posau­nen. Die Win­de ris­sen sich von den umlie­gen­den Berg­ket­ten los, tauch­ten ins Tal ein und bekämpf­ten sich erbit­tert, nur wuss­te man nicht, wes­halb. Von rechts schick­ten die Leib­haf­ti­gen, den Zwist nut­zend, wider­li­ches Heu­len, im Rücken klang es wie Gei­gen oder wie die müh­sam das Unwet­ter durch­drin­gen­de Kla­ge eines gequäl­ten klei­nen Kin­des …

Was bringt Sie als Über­set­ze­rin in Ver­zü­ckung?
Tex­te, die ich beim ers­ten Lesen NICHT ver­ste­he, rei­zen mich so stark, dass ich mich Wort für Wort, Satz für Satz hin­ein­den­ken möch­te, bis ich eine Ahnung davon bekom­me, was sie mir zu sagen haben.

Iliazd/Regine Kühn: Ver­zü­ckung (Im rus­si­schen Ori­gi­nal: Восхищение/Voschiščenie)

Mat­thes & Seitz ⋅ 2018 ⋅ 224 Sei­ten ⋅ 28 Euro

www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verzueckung.html

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