Wer hat Angst vorm bösen Ġūl?

Wie ein alt-arabisches Schauermotiv durch Zeiten und Kulturen wandert und sich dabei vom Wüsten-Dämon zum menschenfressenden Netflix-Monster wandelt - und das nicht zuletzt durch den Einfluss von Übersetzungen. Von

Illustration zu H. P. Lovecrafts Erzählung "Der Außenseiter" (The Outsider), die 1926 in der Zeitschrift "Weird Tales" erschien. Quelle: WikiCommons.

Wir alle ken­nen sie seit unse­rer Kind­heit, sie beglei­ten einen wei­ter als Schau­er­ge­schich­ten in der Jugend und letzt­end­lich auch als Blut­druck­er­hö­her im Erwach­se­nen­al­ter. Die Rede ist von Mons­tern, Gespens­tern oder über­na­tür­lich schau­ri­gen Wesen, die einen für kur­ze oder lan­ge Zeit ver­fol­gen. In ihren Dar­stel­lungs­for­men sind sie zwar alle ver­schie­den, jedoch ver­eint sie das Motiv des Bösen, das von kul­tu­rel­len und geschicht­li­chen Fak­to­ren abhängt.

So auch der Ġūl (Ghul), der mir zum ers­ten Mal bei einer Ana­ly­se eines alt-ara­bi­schen Gedichts der vor­is­la­mi­schen Zeit begeg­ne­te und kurz dar­auf als Hor­ror­se­rie bei Net­flix. Dabei fiel mir die inter­es­san­te Mischung von Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­den der Dar­stel­lungs­for­men auf, und ich frag­te mich, wo eigent­lich der Ursprung die­ses mythi­schen Wesens liegt und wie es sich kul­tur­ge­schicht­lich sei­nen Weg in die west­li­che Welt gebahnt hat.

Der ara­bi­sche Gelehr­te Ahmed Al-Rawi führt den Ġūl mit­tels einer Quel­le aus Meso­po­ta­mi­en auf den akka­di­schen Dämon Gal­lu zurück, der den Vege­ta­ti­ons­gott Damu­zi in den Tod gelei­te­te. Durch den Han­del ara­bi­scher Bedui­nen­stäm­me mit den Meso­po­ta­mi­ern ent­stand ein kul­tu­rel­ler Aus­tausch, der auch sol­che Mythen und Sagen umfass­te. Auf der ara­bi­schen Halb­in­sel taucht der Ġūl zunächst als Motiv in der vor- und früh­is­la­mi­schen Dich­tung des 5.–7. Jahr­hun­derts n. Chr. auf. Er ist ein heim­tü­cki­sches Wesen, das den Prot­ago­nis­ten vom siche­ren Pfad der Wüs­te abbrin­gen möch­te, um ihn zu töten. Über die­se offen­sicht­li­che Funk­ti­on – als per­so­ni­fi­zier­te Gefahr des Weges – hin­aus wer­den sei­ne Merk­mals­ei­gen­schaf­ten als Sinn­bil­der über­nom­men. Die­se sind abhän­gig von bestimm­ten Text­ab­schnit­ten der damals vor­herr­schen­den, poly­the­ma­ti­schen Gedicht­form, der Qaṣīda (Qasi­da). Der Ver­gleich mit einem Ġūl ist jedoch je nach Geschlecht unter­schied­lich. Bei der Gelieb­ten kenn­zeich­net er eine hin­ter­lis­ti­ge Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, bei einem Mann dage­gen Stär­ke oder Häss­lich­keit.1 Der kul­tu­rel­le Kon­text einer Stam­mes­ge­sell­schaft, in der strik­te sozia­le Hier­ar­chien herrsch­ten und Dich­ter einen hohen sozia­len Rang beklei­de­ten, darf hier nicht unter­schätzt wer­den. Zudem war die münd­li­che Tra­die­rungs­kul­tur aus­schlag­ge­bend für die Diver­si­tät und Ent­wick­lung der Ġūl‑Darstellungen.

Mit dem Beginn des Islams gab es eine weit ver­brei­te­te Debat­te über die Exis­tenz des Ġūl, die eine dama­li­ge Ver­fes­ti­gung im Glau­ben an die­ses Wesen wider­spie­gelt. Die Über­lie­fe­run­gen über die Aus­sprü­che und Hand­lun­gen des Pro­phe­ten Muḥammad sowie die Aus­sprü­che und Hand­lun­gen Drit­ter, die vom Pro­phe­ten gebil­ligt wur­den, bezeich­net man als Ḥadī (Hadith) und stan­den im Mit­tel­punkt der dama­li­gen Dis­kus­si­on. Hier­bei stütz­ten sich eini­ge Auto­ri­tä­ten bei­spiels­wei­se auf Über­lie­fe­run­gen Drit­ter, in denen der Pro­phet Muḥammad die Exis­tenz des Ġūl nicht aus­schließt. Aller­dings gab es eine viel stär­ke­re Gegen­be­we­gung, wie die mus­li­mi­sche Gelehr­ten­schu­le Muʿ­ta­zi­la, die sol­che Quel­len als nicht authen­tisch ein­stuf­te. Die­se Klas­si­fi­zie­rung der Quel­len nach ihrer Authen­ti­zi­tät hat zwar eine sehr hohe Gewich­tung in der isla­mi­schen Tra­di­ti­on, jedoch nur eine begrenz­te Aus­wir­kung auf die wei­te­re münd­li­che und schrift­li­che Tra­die­rung des Mythos. Es gab inter­es­san­ter­wei­se auch Ansich­ten, die bei­de The­sen ver­ein­ten und schluss­fol­ger­ten, dass der Ġūl in vor­is­la­mi­scher Zeit gelebt und gewirkt hat­te, jedoch mit dem Erschei­nen des Islams ver­schwand.

In der früh­is­la­mi­schen Folk­lo­re wur­den vie­len his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten tat­säch­li­che Begeg­nun­gen mit einem weib­li­chen Ġūl nach­ge­sagt. Eine die­ser Erzäh­lun­gen han­delt von Omar (ʿUmar bin al-Ḫaṭṭāb; Zwei­ter isla­mi­scher Kalif), der auf dem Weg nach Syri­en einem Ġūl in der Wüs­te begeg­ne­te, ihn durch­schau­te und mit einem Schwert­hieb erschlug.2 Die­se Geschich­te ist reprä­sen­ta­tiv für die ara­bisch-isla­mi­sche Ġūl‑Folklore: Der Prot­ago­nist wird von einer schö­nen Frau zu einem ein­sa­men Platz in der Wüs­te geführt, dort ver­wan­delt sie sich in ein Mons­ter und greift ihn hin­ter­häl­tig an.

Nun haben wir einen Ein­blick in die kul­tu­rel­len Ursprün­ge des Schau­er­we­sens bekom­men, wobei eine Fra­ge immer noch unge­klärt bleibt und mir unter den Fin­ger­nä­geln brennt: Wie wur­de eigent­lich zu jener Zeit das erschre­cken­de und schlaf­rau­ben­de Erschei­nungs­bild des Mons­ters beschrie­ben?

Der Ġūl wur­de als ein Wesen bezeich­net, des­sen wah­re Gestalt nicht immer von Anfang an sicht­bar ist. Es kann ein grau­en­er­re­gen­des oder bezau­bern­des Aus­se­hen anneh­men und war dadurch eine ver­steck­te und somit dau­er­haf­te Gefahr für jeden Rei­sen­den. Nach der Tra­die­rung von Al-Abšīhī war der Ġūl ein so über­na­tür­lich häss­li­ches Wesen mit mensch­li­chen Zügen, dass die Män­ner allein von sei­nem Anblick bewusst­los wur­den.3 Es gibt jedoch auch wei­te­re Dar­stel­lun­gen, wie die des aus­ge­sto­ße­nen Tie­res:

[T]he ghūl is a freak ani­mal, natu­ral­ly defec­ti­ve, which has stray­ed from all other ani­mals to take refu­ge in inac­ces­si­ble deserts.4
[D]er Ghūl ist ein Mons­trum, ein von Natur aus miss­ge­stal­te­tes Tier, das sich von allen ande­ren Tie­ren weit ent­fernt hat, um in unzu­gäng­li­chen Wüs­ten Zuflucht zu suchen.

Die­se Beschrei­bung erlaubt eine Inter­pre­ta­ti­on der gleich­blei­ben­den Erschei­nungs­form des Ġūl und ver­än­dert auch die Ansicht der Wesens­art – vom Bösen hin zum ein­sa­men Aus­ge­sto­ße­nen. Neben die­sen vie­len ver­schie­de­nen Dar­stel­lun­gen gibt es auch hier eine Unter­schei­dung und Abgren­zung der Geschlech­ter des Ġūl. Die männ­li­che Form und deren Art und Wei­se zu fres­sen, zu trin­ken und sich fort­zu­pflan­zen wird als wider­lich beschrie­ben.5 Im Unter­schied hier­zu gibt es beim weib­li­chen Ġūl meh­re­re Per­sön­lich­kei­ten, die alle das Motiv der Ver­füh­rung reprä­sen­tie­ren. Unter ihnen gibt es jedoch eini­ge, die durch bestimm­te Merk­ma­le eine kla­re Unter­schei­dung erlau­ben. Nach Ebra­hi­mi6 zwingt die Al-Yad­dār nach der Irre­füh­rung ihre Opfer zur sexu­el­len Inter­ak­ti­on, wobei die Siʿlāt7 als Ein­zi­ge ihre Erschei­nungs­form nicht ver­än­dert. Die Siʿal­wah8 ist die bekann­tes­te Dar­stel­lung. Sie ist ein häss­li­cher Teu­fel, der sich in eine schö­ne Frau ver­wan­delt, um Rei­sen­de zu ver­füh­ren und letzt­end­lich in den Tod zu schi­cken. Es steht aller­dings fest, dass alle Figu­ren auf eine sexu­el­le und somit geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Art die Rei­sen­den von ihrem eigent­li­chen Vor­ha­ben ab- und letzt­lich ums Leben brin­gen.

Der ara­bi­sche Gelehr­te Abū ‘Uth­mān al-Ġāhiẓ (780- 869) schil­dert in sei­ner Tie­ren­zy­klo­pä­die Kitāb al-Haya­wān bestimm­te Beson­der­hei­ten des Ġūl, so ritt die­ser bei­spiels­wei­se „auf Hasen, Hun­den und Strau­ßen”(„it rode on hares, dogs and ost­ri­ches”).9 Sol­che Schil­de­run­gen geben dem Ġūl einen aggres­si­ven und unbän­di­gen Cha­rak­ter, der durch die Zusam­men­ar­beit mit Tie­ren die gewal­ti­ge Kraft der Natur ver­mit­telt. Er führt eine wei­te­re Geschich­te an, in der ein Mann einer Siʿal­wah bei einer Geburt hilft, sie danach hei­ra­tet und mit ihr Söh­ne bekommt.10 Die­se Erzäh­lung stellt alles, was ich bis­her über den Ġūl wuss­te, auf den Kopf. Es ist nicht nur eine 180 Grad-Wen­dung vom „Leben neh­men“ hin zum „Leben geben“, son­dern auch ein extre­mer Gegen­satz zur bis­her beschrie­be­nen Bös- und Anders­ar­tig­keit, durch das Motiv der Fami­lie und Lie­be. Das kalt­blü­ti­ge Mons­ter aus der Wüs­te ist plötz­lich eine warm­her­zi­ge Mut­ter.

Die Viel­fäl­tig­keit der Dar­stel­lung inner­halb von fünf Jahr­hun­der­ten in nur einem (grob gefass­ten) Kul­tur­raum ist beein­dru­ckend. Es scheint fast, als wäre der Name „Ġūl“ ein rei­nes Gefäß für jeg­li­che For­men der Inter­pre­ta­ti­on des Bösen, wobei immer eine bekann­te Eigen­schaft als Eti­kett an der Außen­sei­te ange­bracht wer­den muss­te. Ob wenigs­tens jene Eti­ket­ten bis heu­te noch am Gefäß befes­tigt sind oder durch Über­set­zun­gen und Adap­tio­nen in neue kul­tu­rel­le Räu­me umge­tauscht wur­den, sehen wir in der fol­gen­den, kurz gefass­ten Über­set­zungs­ge­schich­te des Ġūl in die euro­päi­sche Kul­tur.

Doch inwie­weit ist es über­haupt mög­lich, ein solch altes und kul­tu­rell hete­ro­ge­nes Motiv zu über­tra­gen, und wel­che Metho­den eig­nen sich hier­für? Der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor für Klas­si­sches Ara­bisch, Alan Jones, begeg­net dem Pro­blem der Über­setz­bar­keit lite­ra­ri­scher Moti­ve bei­spiels­wei­se mit einer kur­zen, aller­dings detail­lier­ten, Defi­ni­ti­on des Ġūl in der Ein­lei­tung zu sei­nem Werk Ear­ly Ara­bic Poe­try. Marā­thī and Ṣuʻlūk poems.11 Dar­auf folgt eine wort­ge­treue Über­set­zung des Gedichts – eine typi­sche Her­an­ge­hens­wei­se der Lin­gu­is­tik. Bei der Über­tra­gung eines kul­tu­rell so auf­ge­la­de­nen Motivs kann die Metho­de der wort­ge­treu­en Über­set­zung zwar sehr hilf­reich sein, aller­dings ist die Vor­aus­set­zung hier­für nach der Über­set­zungs­wis­sen­schaft­le­rin Chris­tia­ne Nord, „daß es nur ein objek­ti­ves oder zumin­dest inter­sub­jek­ti­ves Ver­ständ­nis vom Sinn oder von der Bedeu­tung geben kann.“12 Wie bereits fest­ge­stellt, ist dies beim Ġūl eher bedingt gege­ben. Bei einer ori­gi­nal­ge­treu­en Gedicht­über­set­zung geht auf Grund der feh­len­den Bezü­ge zum kul­tu­rell rele­van­ten Inhalt jener Zeit zu viel von der ursprüng­li­chen Wir­kung bei der Ziel­kul­tur ver­lo­ren. Denn gera­de in der Lyrik muss man sich vom Anspruch auf Objek­ti­vi­tät befrei­en und für ver­schie­de­ne Inter­pre­ta­tio­nen offen sein, da die­se einen fes­ten Bestand­teil der Wahr­neh­mung sol­cher Moti­ve bil­den. In wel­chem Kon­text und mit wel­chem – wis­sen­schaft­li­chen oder künst­le­ri­schen – per­sön­li­chen Anspruch man über­setzt, ist ent­schei­dend für die Über­set­zungs­form und letzt­end­lich für das Ergeb­nis. Somit steht die Ziel­set­zung des Über­set­zers im Vor­der­grund. Durch sie ist es mög­lich, gewis­se inhalt­li­che Kern­punk­te zu defi­nie­ren und zu bestim­men, in wel­cher Form die­se in die Ziel­kul­tur umzu­set­zen sind.

Dies führt uns nun direkt zum fran­zö­si­schen Ori­en­ta­lis­ten Antoi­ne Gal­land, der in sei­nem Lebens­werk Les Mil­le et une nuits (dt. Tau­send­und­ei­ne Nacht, 1704–1717) zahl­rei­che Sagen und Mythen aus dem ara­bi­schen Raum kom­pi­lier­te und mit der zeit­ge­nös­si­schen Metho­de der „bel­les infi­dè­les“ über­setz­te, also an den Geschmack der höfi­schen fran­zö­si­schen Leser­schaft anpass­te. Hier taucht der Ġūl in „Die Geschich­te von Sidi Nou­ma“ auf, wobei eine neue Eigen­schaft beschrie­ben wird: Der Ġūl „geht manch­mal nachts auf den Fried­hof und ernährt sich von Lei­chen, die dort begra­ben lie­gen” („will some­ti­mes go in the night into bury­ing grounds, and feed upon dead bodies that have been buried the­re”).

Das mythi­sche Wesen der ara­bi­schen Tra­di­ti­on erlebt hier einen Wan­del zum Men­schen­fres­ser. Die­ses grau­en­er­re­gen­de Merk­mal wur­de zunächst von bedeu­ten­den Gelehr­ten der fol­gen­den Genera­tio­nen wie Wil­liam Lane (1801–1876) oder Vic­tor Chau­vin (1844–1913) adap­tiert und eta­blier­te sich so in der west­li­chen Lite­ra­tur nach und nach als Haupt­ei­gen­schaft. Zudem wur­de das Wort „Ġūl“ ins Eng­li­sche („ghoul“) und Fran­zö­si­sche („goule“) ent­lehnt. Die Cha­rak­te­ri­sie­rung als Men­schen­fres­ser ist nach Zol­tan Szom­ba­thy den­noch kei­ne Erfin­dung der west­li­chen Übersetzer*innen, son­dern eine schon vor­han­de­ne Beschrei­bung des Ġūl vom ara­bi­schen Phi­lo­lo­gen Al-Māzinī (starb um 861–863). Hier wird wie­der deut­lich, dass über die Jahr­hun­der­te hin­weg vie­le ver­schie­de­ne Cha­rak­te­ri­sie­run­gen des Ġūl kur­sier­ten, bei denen man­che Ver­sio­nen viel­leicht für gewis­se Zeit in gewis­sen Regio­nen mehr Anklang fan­den als ande­re. Folg­lich ist die Annah­me, dass Gal­land durch eine über­spitz­te Dar­stel­lung eine ein­schlä­gi­ge Ver­än­de­rung im kul­tu­rel­len Gebrauch des Motivs schuf, vor­erst wider­legt, wobei der direk­te Bezug jener Quel­le nicht voll­stän­dig nach­ge­wie­sen ist. Man soll­te in die­sem Kon­text auch die kla­re Kri­tik an Gal­lands Dua­li­tät in Bezug auf sei­ne wis­sen­schaft­li­che Reprä­sen­ta­ti­on als Über­set­zer und die tat­säch­li­che Umset­zung als Autor nicht außer Acht las­sen.

Gal­land dele­ted, added, and alte­red drasti­cal­ly to pro­du­ce not a trans­la­ti­on, but a French adap­ti­on, or rather a work of his own crea­ti­on.13
Gal­land nahm Strei­chun­gen, Ergän­zun­gen und dras­ti­sche Ände­run­gen vor und pro­du­zier­te so kei­ne Über­set­zung, son­dern eine fran­zö­si­sche Adap­ti­on, genau­er gesagt ein von ihm selbst kre­iertes Werk.

129 Jah­re spä­ter fin­det sich eine Über­set­zung des Ġūl, die reprä­sen­ta­tiv für die Ent­wick­lung der deut­schen Ori­en­ta­lis­tik und des lin­gu­is­tisch-wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­ses jener Zeit ist. Die Rede ist von Fried­rich Rück­erts Über­set­zung und Kom­men­tie­rung der Gedicht­kom­pi­la­ti­on von Abū-Tam­mām (1846). Rück­ert geht auch auf das ara­bi­sche Vers­maß ein, wobei er über­ra­schen­der­wei­se eine gän­gi­ge Über­tra­gung der metri­schen Form angibt. Hier­bei ist wich­tig zu wis­sen, dass die ara­bi­sche Metrik sich inso­fern von der euro­päi­schen unter­schei­det, dass sie sich auf die Län­ge der Sil­ben kon­zen­triert und nicht auf deren Beto­nung. Nun folgt die eigent­li­che Über­set­zung des Gedichts:

Ich hüll ins Gewand mich der stock­fins­te­ren Nacht,

wie Nachts eine Jung­frau sich hüllt in den Flaus,

Und schrei­te hin­an, wo ein Feu­er sich zeigt,

und ruh auf der Anhöh beim Feu­er mich aus.

Es leis­tet dabei mir Gesell­schaft die Gûl;

o lie­be Gesell­schaft, wie bist du so graus!

Und wenn ihr nach mei­ner Gesell­schaft mich fragt;

dort hin­ten im Sand­wall da ist sie zu Haus.14

Am Schluss kom­men­tiert Rück­ert das Motiv „Ġūl“, wobei er zwar eine stan­dar­di­sier­te Defi­ni­ti­on ablegt, sei­ne Ein­lei­tung hier­für jedoch uner­war­tet ist:

Über den weib­li­chen Unhold der Wüs­te, die Gûl, wißen die Aus­le­ger gewöhn­lich nicht viel mehr, als die Stel­le selbst, die sie aus­le­gen sol­len …15

Einer­seits eröff­net die­se Inter­pre­ta­ti­on berech­tig­ter­wei­se den kon­text­ge­bun­de­nen Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum des Motivs, jedoch reprä­sen­tiert sie auch eine häu­fig auf­tre­ten­de Nega­tiv­form der Ori­en­ta­lis­tik – die west­li­che Über­heb­lich­keit. Rück­erts Behaup­tung impli­ziert eine weit­ge­hen­de Unkennt­nis der ara­bi­schen Autoren in Bezug auf das Ġūl‑Motiv, wobei man sich vor Augen füh­ren muss, mit wel­cher Prä­zi­si­on Moti­ve inner­halb bestimm­ter Text­ab­schnit­te gesetzt wur­den und wel­chen gesell­schaft­li­chen Stel­len­wert Dich­ter und Dich­tung beklei­de­ten. Gewis­se Moti­ve nicht in ihrer Gän­ze zu begrei­fen, wäre fatal für die Autoren jener Zeit gewe­sen. Es wird deut­lich, wie wenig Rück­ert den Ġūl in sei­ner Diver­si­tät fas­sen konn­te. Er defi­nier­te zwar wich­ti­ge Ele­men­te, zog jedoch aus Unkennt­nis fal­sche Schlüs­se. Ein Schat­ten sei­ner Zeit, der uns bis heu­te ver­folgt.

Trotz der berech­tig­ten Kri­tik an der Ori­en­ta­lis­tik bil­det die­se den Grund­bau­stein des west­li­chen Inter­es­ses und der Adap­ti­on diver­ser Geschich­ten des ara­bi­schen Raums. Noch heu­te pro­fi­tiert die moder­ne Lite­ra­tur von die­sem rei­chen Schatz an Hand­lungs­strän­gen, Figu­ren und Moti­ven, so auch vom Ġūl. Die­ser schaff­te es zumeist als Rand­fi­gur in bekann­te Wer­ke wie bei­spiels­wei­se The Out­si­der von H. P. Love­craft16 oder Har­ry Pot­ter and the Death­ly Hal­lows (2007) von J. K. Row­ling. Im Gegen­satz zu Row­lings Dar­stel­lung eines Ġūl, die über­haupt kei­ne Über­ein­stim­mung mit vor­an­ge­gan­ge­nen For­men auf­weist, bet­te­te Love­craft das Schre­ckens­we­sen mit den bekann­ten Merk­ma­len per­fekt in sein Hor­ror­uni­ver­sum ein:

God knows it was not of this world – or no lon­ger of this world… I saw in its eaten-away and bone-reve­aling out­lines a lee­ring, abhor­rent tra­ves­ty on the human shape …
Es war weiß Gott nicht von die­ser Welt – oder zumin­dest nicht mehr … In sei­nen zer­fres­se­nen Umris­sen mit den ent­blöß­ten Kno­chen sah ich ein lüs­ter­nes, grau­en­vol­les Zerr­bild der mensch­li­chen Gestalt …

Die japa­ni­sche Man­ga-Serie „Tokyo Ghoul“ (ab 2011) setzt das alt-ara­bi­sche Mons­ter in die­sem media­len For­mat erst­mals in den Vor­der­grund der Hand­lung. Hier bil­den sie eine eige­ne Gesell­schaft, wobei sie als Men­schen getarnt (Form­wand­ler/Heim­tü­cke-Motiv) jene zum Spaß mit über­mensch­li­chen Fähig­kei­ten ermor­den und fres­sen (Kan­ni­ba­len-Motiv). Sie­ben Jah­re spä­ter erscheint der Ġūl mit dem Upload der indi­schen Hor­ror-Serie „Ghul“ auf Net­flix wie­der auf der glo­ba­li­sier­ten Bild­flä­che. Die zur­zeit höchst rele­van­te Popu­la­ri­tät von Strea­ming-Diens­ten ermög­licht dem Jahr­tau­sen­de alten Schre­ckens­we­sen eine unge­ahn­te Reich­wei­te. Inter­es­san­ter­wei­se erfährt der Ġūl hier ein Come­back in sei­ner ursprüng­li­chen Form. Die ara­bi­sche Kul­tur wird seit gerau­mer Zeit wie­der in direk­ten Zusam­men­hang mit dem Schre­ckens­my­thos gebracht. Einer­seits äußert sich dies in der Ver­bin­dung von Protagonist*innen mit mus­li­mi­schem Back­ground und dem Ġūl, ande­rer­seits in der Beschrei­bung jenes Wesens in der letz­ten Fol­ge durch einen Haupt­ak­teur. Die Genau­ig­keit der Beschrei­bung ist hier nicht aus­schlag­ge­bend. Bemer­kens­wert ist, dass das Wesen beschwo­ren wer­den muss und kei­nen fes­ten Kör­per mehr besitzt, son­dern sich als Geist oder Dschinn ande­rer Kör­per bedient und sie von innen her­aus tötet. Die­se Dar­stel­lung ist sehr stark ent­fernt von den ursprüng­li­chen Schil­de­run­gen und wohl auch den maxi­mal dra­ma­ti­schen Umset­zungs­mög­lich­kei­ten geschul­det, die das Fernsehen/Kino bie­tet. Die Ver­mi­schung von Dschinn und Ġūl redu­ziert die Diver­si­tät von mythi­schen Wesen der alt-ara­bi­schen Kul­tur auf einen bekann­ten Cha­rak­ter aus Tau­send­und­ei­ner Nacht. Im Gegen­satz dazu fin­den sich aller­dings auch alte Aspek­te wie­der, die inner­halb der letz­ten Jahr­hun­der­te in den pop­me­dia­len For­men nicht auf­zu­fin­den waren, wie der Ein­fluss auf Tie­re und die Wahr­neh­mung der Opfer. Noch zu beach­ten ist, dass sich das sonst so fes­te men­schen­fres­sen­de Eti­kett auf die See­le der Opfer ver­schiebt und so einen mys­ti­schen Touch erhält.

Nach fast 2000 Jah­ren kul­tu­rel­ler Ent­wick­lung, Umfor­mung und Anpas­sung des Ġūl-Motivs bis hin zum Net­flix-Mons­ter exis­tiert die­se mythi­sche Figur jedoch auch wei­ter­hin in ver­schie­dens­ten For­men in der zeit­ge­nös­si­schen ara­bi­schen Welt. Einer­seits lebt er in bestimm­ten Sprich­wör­tern wei­ter, wie zum Bei­spiel im ägyp­ti­schen: „häss­li­cher als ein Ġūl“ („uglier than a ghoul“, aqbaḥ min ghūl).17 Hier dient er als kla­rer Ver­gleich, der schon von ara­bi­schen Dich­tern der vor- und früh­is­la­mi­schen Zeit benutzt wur­de. Ander­seits sind nach Hen­na­wi geo­gra­phi­sche Bezeich­nun­gen gebräuch­lich, wie arḍ ḏāt-ġaul, was ein Gebiet beschreibt, das nah wirkt, aller­dings weit ent­fernt ist.18 Hier­bei ist ein kla­res Motiv der Irre­füh­rung wie­der­zu­er­ken­nen. Inter­es­san­ter­wei­se ist der Glau­be an den Ġūl als Men­schen fres­sen­des Mons­ter tat­säch­lich noch vor­han­den. Wich­tig ist aller­dings, dass größ­ten­teils älte­re Men­schen den Mythos erhal­ten oder er als Druck­mit­tel für Kin­der benutzt wird. Außer­dem ver­schob sich der Lebens­raum der Krea­tur, von der Wüs­te hin zu Bade­häu­sern und Müll­hau­fen.19 Meist wird er jedoch als Men­schen­fres­ser oder sogar Vam­pir dar­ge­stellt, was ver­mut­lich durch die west­li­che Auf- und Ein­fluss­nah­me des Begriffs ver­fes­tigt wur­de.

Der Ġūl wird also nach all den Jahr­hun­der­ten sei­nem Ruf als Form­wand­ler gerecht. Die­ses Eti­kett ist er offen­sicht­lich nicht los­ge­wor­den, und es bil­det mei­nes Erach­tens das Haupt­merk­mal sei­nes bösen Cha­rak­ters. Denn ganz egal, in wel­chem kul­tu­rel­len oder zeit­li­chen Raum man sich bewegt, es scheint immer eine Angst vor dem uner­kenn­ba­ren Bösen zu geben, das uns plötz­lich näher sein kann, als uns lieb ist.

  1. Mac­Do­nald, D.B./Pellat, Ch.: Ghul, in: Ency­clo­pa­edia of Islam, 2nd Edi­ti­on, ed.: Peri Bear­man et al., 2012.
  2. Al-Rawi, Ahmed [2]: „The Ara­bic Ghoul and its Wes­tern Trans­for­ma­ti­on“. Folk­lo­re, 3/2009, S. 291–306.
  3. Al-Rawi 2009, Wes­tern Trans­for­ma­ti­on
  4. MacDonald/Pellat 2012
  5. Szom­ba­thy, Zol­tan: Ghul, in: Ency­clo­pa­edia of Islam, THREE, ed.: Kate Fleet et al., 2013.
  6. Ebra­hi­mi, Ma’­so­u­meh: „Buḥaira, the Lake of Demons“. Iran and the Cau­ca­sus, 16/2012, S. 97–104.
  7. MacDonald/Pellat 2012
  8. Al-Rawi, Ahmed: „The Mythi­cal Ghoul in Ara­bic Cul­tu­re“. Cul­tu­ral Ana­ly­sis, 8/2009, S. 45–65. (https://pdfs.semanticscholar.org/acfa/e7405746528b9525790f0fbb6e35d584e33f.pdf)
  9. MacDonald/Pellat 2012
  10. Al-Rawi 2009, Wes­tern Trans­for­ma­ti­on
  11. Jones, Alan: Ear­ly Ara­bic Poe­try. Marā­thī and Ṣuʻlūk poems. Rea­ding 1992.
  12. Nord, Chris­tia­ne: „Über­set­zungs­hand­werk – Über­set­zungs­kunst. Was bringt die Trans­la­ti­ons­theo­rie für das lite­ra­ri­sche Über­set­zen?“ Leben­de Spra­chen, 33 (2/2009), S. 51–57.
  13. Muha­wi, Ibra­him: „The Ara­bi­an Nights and the Ques­ti­on of Aut­hor­s­hip“. Jour­nal of Ara­bic Lite­ra­tu­re, 36 (3/2005), S. 323–337.
  14. Abū-Tam­mām Ḥabīb Ibn-Aus aṭ-Ṭāʾī/Rückert, Fried­rich: Hamâ­sa oder die ältes­ten ara­bi­schen Volks­lie­der. 2 Bän­de in 1 Band (Neu­dr. d. Ausg. Stutt­gart 1846 ed.). Hil­des­heim 2004.
  15. ibid.
  16. Love­craft, H. P.: The Out­si­der (Der Außen­sei­ter). 1926.
  17. Szom­ba­thy 2013
  18. Hen­na­wi, Ryan: Ğinn jen­seits von Mys­tik und Aber­glau­be. Über das Ein­wir­ken und Aus­trei­ben von Geist­we­sen im Islam. Diplom­ar­beit, Uni­ver­si­tät Wien 2011. (http://othes.univie.ac.at/14168/1/2011–04-03_0528032.pdf)
  19. Szom­ba­thy 2013

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    Blogophilie Februar 2020 | Miss Booleana

    […] Wer hat Angst vorm bösen Ġūl? Ich kann mich kaum ent­schei­den in wel­che Kate­go­rie ich den Bei­trag des Tra­LaLits, der Platt­form für über­setz­te Lite­ra­tur, ste­cken soll. Einer­seits berich­tet das TraLaLit natür­lich aus dem Über­set­zungs­all­tag, ande­rer­seits ist der Bei­trag ein span­nen­der Bericht über die Her­kunft und ver­schie­de­nen Zeich­nun­gen des Begriffs des Guls im Lau­fe der Geschich­te. […]

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