Gro­ße klei­ne Spra­che: Hel­go­län­disch

Die helgoländische Sprache hat eine der kleinsten Sprechergemeinden Europas. Gegen ihr endgültiges Aussterben kämpft eine kleine Gruppe von sprachbegeisterten Inselbewohnern. Von

Christian Morgenstern: Helgoland im Mondlicht (1867). Quelle: Wikimedia Commons.

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt; davon wird aber nur ein win­zi­ger Bruch­teil ins Deut­sche über­setzt. In die­ser Rubrik fra­gen wir Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Bis­he­ri­ge Bei­trä­ge in die­ser Rubrik:

Wie hast du Hel­go­län­disch gelernt?
Ich kom­me ursprüng­lich aus Ham­burg und bin als Mee­res­for­sche­rin nach Hel­go­land gekom­men. Als ich die Leu­te hier dann Hel­go­län­disch spre­chen gehört habe, woll­te ich das ganz ein­fach ver­ste­hen. Das ist so mei­ne Art. Ich habe es dann über die Volks­hoch­schu­le bei einer alten Hel­go­län­de­rin gelernt, die auch noch schö­nes altes Hel­go­län­disch sprach. Und nach eini­gen Jah­ren kam sie auf mich zu und hat mich gefragt: „Traust du dir zu, den Kurs zu über­neh­men? Ich wer­de dich noch rich­tig trai­nie­ren, jetzt wird’s hart.“ Ich habe mich dar­auf ein­ge­las­sen.

Wie steht es um die hel­go­län­di­sche Spra­che?
Schlecht. Wir unter­rich­ten das in der Schu­le von Klas­se 1 bis 4 und im Kin­der­gar­ten frei­wil­lig. In der Schu­le ist es inzwi­schen so im Unter­richt ein­ge­bun­den, dass es jeder mit­ma­chen muss, außer er spricht gar kein Deutsch, dann bekommt er DaZ-Unter­richt. Aber im All­tag wird es nur noch von weni­gen gespro­chen.

Gibt es Lite­ra­tur auf Hel­go­län­disch?
Bis in die Sieb­zi­ger­jah­re gab es für das Hel­go­län­di­sche gar kei­ne ein­heit­li­che Recht­schrei­bung. Jeder hat es so geschrie­ben, wie er woll­te, wenn er mein­te, er müss­te etwas nie­der­schrei­ben – was eigent­lich vie­le gemacht haben. Vie­le Hel­go­län­der haben ger­ne gedich­tet und geschrie­ben, sin­gen auch ger­ne usw. Der Spruch „Fri­sia non can­tat“ stimmt über­haupt nicht. Unser Insel-Dich­ter James Krüss zum Bei­spiel hat auch viel auf Hel­go­län­disch gedich­tet. Er hat die Spra­che ja auch gespro­chen und war auch Leh­rer an der Schu­le. Wir haben mit mei­nem Volks­hoch­schul­kurs auch ein Buch mit dem Titel „Snak­ket­af­fel“ ver­öf­fent­licht. Es ent­hält klei­ne Erzähl­stü­cke und ist das Resul­tat aus der Volks­hoch­schul­ar­beit. Da ist die Geschich­te, die die Leu­te erzählt haben und für die­je­ni­gen, die kein Hel­go­län­disch kön­nen, auf der nächs­ten Sei­te die deut­sche Über­set­zung. Das ist eine Gemein­schafts­ar­beit. Die­ses Buch habe ich vor bald zwei Jah­ren raus­ge­bracht, weil ich es zu scha­de fand, dass die­se Geschich­ten ver­lo­ren gehen.

Wie darf man sich die Über­set­zungs­ar­beit vor­stel­len?
Als wir uns vor­nah­men, die Geschich­ten auf­zu­schrei­ben, sag­ten eini­ge aus mei­nem Kurs, sie könn­ten das nur auf Deutsch so rich­tig, sie sei­en im Hel­go­län­di­schen nicht so sicher – mit dem Schrei­ben sowie­so nicht. Des­halb haben wir es erst auf Deutsch geschrie­ben und dann über­setzt. Ande­re haben die Geschich­te aber auch gleich auf Hel­go­län­disch abge­ge­ben. Dann haben wir es vor­ge­le­sen und uns gefragt, ob das noch rich­tig Hel­go­län­disch ist oder schon Deutsch gedacht und über­setzt? Das pas­siert sehr leicht. Mit einem Mal schreibt man ver­deutsch­tes Hel­go­län­disch. Aber das ist nicht die See­le der Spra­che. Die muss erhal­ten blei­ben.

Was kann Hel­go­län­disch, was Deutsch nicht kann?
Hel­go­län­disch ist eigent­lich eine ein­fa­che Spra­che, die man­che Wor­te nicht hat. Dafür ist sie sehr dif­fe­ren­ziert, was Fische­rei, Vogel­kun­de oder Wet­ter­kun­de angeht. Und sie hat eine ganz eige­ne Melo­die. Man­che Rede­wen­dun­gen gibt es nur in die­ser Spra­che. Zum Bei­spiel sagen wir nicht „Die Sache hat einen Haken“. Auf Hel­go­land heißt es: „Dear lait en Koks bi“, wört­lich über­setzt: „Da liegt eine Well­horn­schne­cke dabei.“ Was das hei­ßen soll? Frü­her wur­de der Fisch korb­wei­se ver­kauft. Wer betrü­gen woll­te, hat unten die­se an sich wert­lo­sen, aber schwe­ren Well­horn­schne­cken rein­ge­schmug­gelt. Das Hel­go­län­di­sche ist eben die urei­gens­te Spra­che hier von der Insel. Das Deut­sche kann die Gege­ben­hei­ten hier gar nicht so pas­send aus­drü­cken.

Bet­ti­na Köhn kam 1977 als Mee­res­for­sche­rin nach Hel­go­land. Seit 1987 unter­rich­tet sie an der ört­li­chen James-Krüss-Schu­le Hel­go­län­disch. Außer­dem lei­tet sie an der Volks­hoch­schu­le Hel­go­land den hel­go­län­di­schen Gesprächs- und Sprach­pfle­ge-Kreis „Snak­ket­af­fel“. Das gleich­na­mi­ge, zwei­spra­chi­ge Buch mit Geschich­ten von der Insel ist nur auf Hel­go­land erhält­lich.

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