Mela­nie Walz: die Alles­kön­ne­rin

Die Neuübersetzung von George Eliots Meisterwerk „Middlemarch“ macht sehr vieles richtig. Sie lässt hoffen, dass der Roman und seine Autorin hierzulande neu entdeckt werden. Von

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: Melanie Walz für „Middlemarch“. © Annette Pohnert/Carl Hanser Verlag
Am 12. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir in den Wochen vor der Buch­mes­se alle fünf Nomi­nier­ten vor. Alle Fol­gen der Rei­he sind hier zu fin­den.

Das Buch

Midd­le­m­arch ist einer der gro­ßen Klas­si­ker eng­lisch­spra­chi­ger Lite­ra­tur. Dass der Roman in Deutsch­land bis­lang weni­ger Anklang gefun­den hat als bei­spiels­wei­se Pri­de & Pre­ju­di­ce oder Jane Eyre, liegt zum einen an dem aku­ten Man­gel an Hol­ly­wood-Adap­tio­nen (man traut sich wohl nicht an den Stoff her­an) und sei­ner ver­wi­ckel­ten Über­set­zungs­ge­schich­te, der wir bereits einen umfang­rei­chen Bei­trag gewid­met haben. Fakt ist: Für den­je­ni­gen, der sich für eng­li­sche Lite­ra­tur inter­es­siert, führt an die­sem Mam­mut­werk kein Weg vor­bei. Höchs­te Zeit also, dass die­ser anspruchs­vol­le und über­aus unter­halt­sa­me Roman auch auf Deutsch die Auf­merk­sam­keit erhält, die ihm gebührt.

In den ers­ten hun­dert Sei­ten ihres vor Figu­ren strot­zen­den Romans kon­zen­triert sich Eli­ot vor allem auf das Schick­sal von Doro­thea Broo­ke, einer Idea­lis­tin aus wohl­ha­ben­der Fami­lie. Ein wesent­li­cher Plot­strang umfasst die zum Schei­tern ver­ur­teil­te Ehe die­ser intel­li­gen­ten jun­gen Frau zu dem weit­aus älte­ren, kalt­her­zi­gen Pseu­do-Intel­lek­tu­el­len Mr. Casa­u­bon. Sie hofft auf eine geis­tig sti­mu­lie­ren­de Bezie­hung, er sucht vor allem eine devo­te Haus­frau. Wenig über­ra­schend fin­den bei­de kaum Erfül­lung mit­ein­an­der und wer­den erst durch den Tod Casa­u­bons von den Fes­seln der vik­to­ria­ni­schen Ehe befreit.

Im Lau­fe des Romans rückt dann eine wei­te­re Ehe in den Mit­tel­punkt – die des ambi­tio­nier­ten Land­arz­tes Lyd­ga­te und der nicht weni­ger ehr­gei­zi­gen Dorf­schön­heit Rosa­mond, deren zunächst glück­li­che Bezie­hung durch das bei­der­sei­ti­ge Ver­lan­gen nach Aner­ken­nung und sozia­lem Auf­stieg, und der dar­aus ent­ste­hen­den finan­zi­el­len Sor­gen, getrübt wird. Die Dar­stel­lung ihrer jun­gen Ehe bil­det einen wei­te­ren Schwer­punkt in die­sem Roman. Ihr Schick­sal ist jedoch mit dem von Doro­thea Broo­ke nur über weni­ge Ecken ver­bun­den. Tat­säch­lich über­schnei­den sich ihre Hand­lun­gen so sel­ten, dass die weni­gen Begeg­nun­gen die­ser Figu­ren (vor allem die von Doro­thea und Rosa­mond) zu den Höhe­punk­ten die­ses Romans zäh­len, was die­sem aller­dings erstaun­lich wenig scha­det.

Denn neben den bei­den Paa­ren gibt es eine gan­ze Rei­he an kunst­voll gezeich­ne­ten Neben­fi­gu­ren, die alle nicht weni­ger fes­seln­de Schick­sa­le auf­wei­sen. Eli­ot ana­ly­siert mit erstaun­li­cher Prä­zi­si­on und psy­cho­lo­gi­sie­ren­der Beob­ach­tungs­ga­be nicht nur den wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Wan­del ihrer Zeit, son­dern vor allem des­sen Aus­wir­kun­gen auf die begrenz­te Lebens­welt des Ein­zel­nen. Auf­grund sei­ner Figu­ren­viel­falt, sei­nes Detail­reich­tums und sei­ner schar­fen Erzäh­ler-Kom­men­ta­re wird der Roman daher gern als, obgleich fik­ti­ve, Sozi­al­stu­die gele­sen. Das Pro­vinz­städt­chen Midd­le­m­arch dient dabei als Mikro­kos­mos, inner­halb des­sen die Höhen und Tie­fen indi­vi­du­el­ler Erfah­rung in ihrer gan­zen Band­brei­te aus­ge­lo­tet wer­den.

Die Jury­be­grün­dung

„Mela­nie Walz trifft Ton und Rhyth­mus des gro­ßen Romans, bringt die Iro­nie der Erzäh­le­rin und die Umgangs­spra­che der Dia­lo­ge in ein fri­sches Deutsch. Dank die­ser Über­set­zung kann Geor­ge Eli­ots lite­ra­ri­sche Intel­li­genz neu ent­deckt wer­den.“

Die Über­set­zung

Die Neu­über­set­zung von Midd­le­m­arch durch die erfah­re­ne Über­set­ze­rin Mela­nie Walz, die unter Ande­rem schon Bron­të, Aus­ten, Balzac und Dickens in Deut­sche über­trug, erschien im Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res zum 200. Geburts­tag der Autorin und wur­de bereits damals nach­drück­lich von uns emp­foh­len. Vor allem der Ver­gleich mit einer gleich­zei­tig auf dem deut­schen Buch­markt kur­sie­ren­den Über­set­zung von Rai­ner Zerbst, die durch lexi­ka­li­sche Feh­ler der nicht zu unter­schät­zen­den Pro­gres­si­vi­tät der Autorin kaum gerecht wird, macht die Stär­ken die­ser Neu­über­set­zung durch Mela­nie Walz deut­lich – beson­ders die sprach­li­che Ent­stau­bung, die auch die Jury der Leip­zi­ger Buch­mes­se in ihrer Begrün­dung her­vor­hebt. Das „fri­sche Deutsch“, durch das sich Walz’ Über­set­zung von ihrem Vor­gän­ger merk­lich abhebt, lässt den Roman weni­ger alt­ba­cken und sei­ne Erzähl­stim­me kri­ti­scher und zugleich moder­ner erschei­nen. Allein das ist ein gro­ßes Ver­dienst.

Neben der adäqua­ten Wort­wahl stellt auch Eli­ots Ton­fall eine gro­ße Her­aus­for­de­rung für Über­set­ze­rin­nen dar, an der man durch­aus schei­tern kann (so wie es Eli­ots ers­tem Midd­le­m­arch-Über­set­zer Emil Leh­mann ergan­gen ist). Wer Eli­ot näm­lich nicht nur zu wört­lich liest, son­dern auch zu wört­lich über­setzt, über­sieht einen Groß­teil ihrer bis­wei­len mes­ser­schar­fen Gesell­schafts­kri­tik, die sie mit allen Mit­teln der Iro­nie zum Aus­druck bringt. Nicht zuletzt schwankt der Eliot’sche Ton zwi­schen jener schnei­den­den Iro­nie, nüch­tern gehal­te­nen sozio­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Bemer­kun­gen, und Momen­ten der stil­vol­len Poe­sie, wie sie nur ganz gro­ßen Roman­ciers zu Gebo­te steht. Da nicht die Kon­trol­le über den Text zu ver­lie­ren, ver­langt Eli­ots Über­set­zern eini­ges ab – ein Balan­ce­akt, der Walz mühe­los gelingt.

Zu sel­ten wird auch die Fleiß­ar­beit gewür­digt, die Über­set­ze­rin­nen erbrin­gen müs­sen, wenn sie jeman­den wie Eli­ot, eine der wohl größ­ten Intel­lek­tu­el­len ihrer Zeit, über­tra­gen. Eli­ot war umfas­send gebil­det, las in meh­re­ren Spra­chen und war mit den Dis­kur­sen ihres Jahr­hun­derts bes­tens ver­traut. Ihre Lis­te der allein für Midd­le­m­arch kon­sul­tier­ten Wer­ke ist lang, dem­entspre­chend viel­fäl­tig sind auch die Anspie­lun­gen, die natür­lich nicht immer sofort erkenn­bar oder gar ver­ständ­lich sind. Dass die­se auch im Deut­schen nicht kom­plett unter­ge­hen, ist ihrer kun­di­gen Über­set­ze­rin zu ver­dan­ken, die sich bei die­sem Pro­jekt, glaubt man ihrem Nach­wort, nicht nur ste­tig am Ran­de des Schei­terns sah, son­dern dank der Fül­le an zu kon­sul­tie­ren­den Nach­schla­ge­wer­ken den einen oder ande­ren „Erkennt­nis­ge­winn“ aus die­ser Über­set­zung mit­ge­nom­men hat.

Wenn es über­haupt eine Schwä­che in die­ser zu Recht für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se nomi­nier­ten Über­set­zung gibt, dann sind es die im Deut­schen ab und an holp­ri­gen Satz­kon­struk­tio­nen, die oft­mals aus einer zu skla­vi­schen Ori­en­tie­rung an dem eng­li­schen Satz­bau resul­tie­ren – ein Pro­blem, das vie­le deut­sche Über­set­zun­gen aus dem Eng­li­schen haben. Manch einer mag das nicht ohne Grund als stö­rend emp­fin­den, aber sie füh­ren uns nicht nur die Über­setzt­heit des Tex­tes vor Augen, son­dern auch wie anspruchs­voll und kom­plex Eli­ots Schreib­stil im Eng­li­schen ist. Per­fek­te Über­set­zun­gen gibt es ohne­hin nicht. Sie sind immer Varia­tio­nen des Ori­gi­nals, und die­se neue deut­sche Varia­ti­on von Walz klingt stil­si­cher und erfri­schend modern.

Lieb­lings­satz

„Ein Mann schämt sich nicht oft dafür, dass eine Frau nicht wirk­lich lie­ben kann, wenn er bei ihr eine gewis­se Grö­ße erkennt, da die Natur die Grö­ße für Män­ner bestimmt hat.“

Zwei Fra­gen an die Nomi­nier­te

Was macht das Buch aus?
Mela­nie Walz: Das Beson­de­re an die­sem Roman ist die erstaun­li­che Mischung aus scharf­sich­ti­ger Beob­ach­tung, nicht nur der Klein­stadt­ment­a­li­tät, son­dern auch der sozia­len Bedin­gun­gen und der Poli­tik jener Tage im ers­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts in Eng­land, der sub­ti­len Iro­nie gegen­über den Prot­ago­nis­ten und den natur­wis­sen­schaft­li­chen, medi­zi­ni­schen, theo­lo­gi­schen und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Exkur­sen der Ver­fas­se­rin, die nie ermü­dend zu lesen sind.

Was haben Sie beim Über­set­zen gelernt?
Mela­nie Walz: Ich habe gelernt, der Sub­stan­tiv­las­tig­keit vie­ler Sät­ze aus­zu­wei­chen und mich auf Verb­for­men zu ver­las­sen, um nicht in ein behör­den­wür­di­ges Papier­deutsch zu ver­fal­len, wie wir es unse­ren Büro­kra­ten des spä­ten 18. Jahr­hun­derts ver­dan­ken. Und nicht skla­visch an Wort­for­men zu kle­ben, die schon im Grimm­schen Wör­ter­buch ver­zeich­net sind, son­dern in Aus­nah­me­fäl­len Ana­chro­nis­men zu ver­wen­den, wenn die Spra­che eines Prot­ago­nis­ten sie nahe­leg­te – aber nur in Aus­nah­me­fäl­len (Erb­sen­zäh­ler, Dünn­brett­boh­rer etc.). Und wie immer; kei­nen deut­schen Dia­lekt für die Spra­che der Bau­ern.


Geor­ge Eliot/Melanie Walz: Midd­le­m­arch

Rowohlt 2019 ⋅ 1264 Sei­ten ⋅ 45 Euro

www.rowohlt.de/hardcover/george-eliot-middlemarch.html

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