Simon Wer­le: der Dich­ter

Mit seinem „Spleen von Paris“ nach Charles Baudelaire beweist Simon Werle: Übersetzerische Freiheit ist kein Widerspruch zu Originaltreue. Von

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: Simon Werle für „Der Spleen von Paris“. Bild: Wikimedia Commons
Am 12. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf Tra­LaLit stel­len wir in den Wochen vor der Buch­mes­se alle fünf Nomi­nier­ten vor. Alle Fol­gen der Rei­he sind hier zu fin­den.

Das Buch

Bis in die Mit­te des 20. Jahr­hun­derts war Charles Bau­de­lai­re ein lite­ra­ri­sches One-Hit-Won­der in den Bücher­re­ga­len der Welt. Sein Werk jen­seits des welt­be­rühm­ten (und zig­fach, teil­wei­se pro­mi­nent, über­setz­ten) Gedicht­ban­des Les Fleurs du Mal fand trotz der Für­spra­che von Autoren wie Wal­ter Ben­ja­min kaum Beach­tung.

Dies zu ändern, schickt sich der im ver­gan­ge­nen Jahr von Simon Wer­le im Rowohlt Ver­lag her­aus­ge­brach­te Band „Der Spleen von Paris – Gedich­te in Pro­sa sowie frü­he Dich­tun­gen“ an. Er ergänzt die bereits 2017 erschie­ne­ne und preis­ge­krön­te Über­set­zung der Fleurs du Mal zu einem Dop­pel­band, der das lite­ra­ri­sche Haupt­werk Bau­de­lai­res in gan­zer Brei­te abbil­det.

Im Mit­tel­punkt – wenn auch am Ende des  Ban­des – steht dabei die titel­ge­ben­de Samm­lung von Pro­sa­ge­dich­ten, die post­hum 1869, also genau 150 Jah­re vor Wer­les Neu­über­set­zung, zum ers­ten Mal erschien. Dar­in ent­fal­tet Bau­de­lai­re ein brei­tes Pan­op­ti­kum sei­ner Zeit. In den mal ins Poe­ti­sche, mal ins Jour­na­lis­ti­sche chan­gie­ren­den, mal erzäh­len­den, mal beschrei­ben­den, mal pam­phl­e­thaft argu­men­tie­ren­den Kurz­tex­ten kom­men rei­che Dan­dys eben­so vor wie Stra­ßen­kin­der, Gauk­ler eben­so wie arri­vier­te Künst­ler, traum­haf­te Visio­nen eben­so wie amü­san­te Anek­do­ten.

Gemein­sam ist allen in die­sem Band ver­sam­mel­ten Tex­ten, über den Spleen von Paris hin­aus, aber der unbe­ding­te Wil­le zur Form und zur sprach­li­chen Durch­drin­gung. Bau­de­lai­re gilt zwar vor allem wegen sei­ner Fleurs du Mal zu Recht als Weg­be­rei­ter der lite­ra­ri­schen Moder­ne – die­ser Band beweist aber, dass sein Schrei­ben von Anfang an aus den Tie­fen der fran­zö­si­schen Form- und Sprach­tra­di­ti­on schöpft.

Die in die­ser Samm­lung ver­öf­fent­lich­ten Sonet­te sind dafür nur der augen­fäl­ligs­te Beweis: Auch die Pro­sa­stü­cke des Spleen de Paris bezie­hen ihre Wir­kung aus Bau­de­lai­res prä­zi­sem klang­li­chen und rhyth­mi­schen Gespür. Die etwas pom­pö­se Bezeich­nung „Poè­mes en Pro­se“ ist daher auch nicht zu hoch gegrif­fen, denn die Wir­kung, die die­se Kurz­tex­te ent­fal­ten, ist in der Tat eine poe­ti­sche.

Die Jury­be­grün­dung

Mit Wal­ter Ben­ja­min und Ste­fan Geor­ge haben sich gro­ße Leser an Bau­de­lai­res Lyrik ver­sucht. Jetzt hat Simon Wer­le sein Haupt­werk in einer zwei­spra­chi­gen Aus­ga­be voll­endet und in ein klang­vol­les Deutsch gebracht.

Die Über­set­zung

Simon Wer­le ist – wie alle fünf Nomi­nier­ten für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se – ein erfah­re­ner Über­set­zer. Wer in sei­ner Vita alle wich­ti­gen Über­set­zer­prei­se der Repu­blik auf­lis­ten kann, vom Johann-Hein­rich-Voß-Preis 1992 für sei­ne Raci­ne-Über­tra­gun­gen bis hin zum Eugen-Helm­lé-Über­set­zer­preis 2017 für die Blu­men des Bösen, der braucht weder sich noch sei­nem Lek­tor, noch dem Publi­kum etwas zu bewei­sen.

An Simon Wer­les Bau­de­lai­re lässt sich in beson­de­rem Maße stu­die­ren, wel­che unge­heu­re Krea­ti­vi­tät und Kraft eine sol­che (inne­re und äuße­re) Frei­heit zu ent­fal­ten ver­mag. Wer­le ist es dabei mit­nich­ten dar­an gele­gen, Bau­de­lai­re mit dem Bade aus­zu­kip­pen und sich selbst als Autor zu ver­herr­li­chen (wie man es viel­leicht dem ers­ten Bau­de­lai­re-Über­set­zer Ste­fan Geor­ge vor­wer­fen kann). Wer­le will Bau­de­lai­re auf einer höhe­ren Ebe­ne erfahr­bar zu machen als der rein wört­li­chen oder auch for­ma­len, auf der sich uner­fah­re­ne­re Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen womög­lich auf­ge­hal­ten hät­ten.

Die­se über­set­ze­ri­sche Frei­heit beweist sich schon auf der grund­le­gen­den Ebe­ne, der Wort­wahl, die durch über­mä­ßi­gen Gebrauch des Wör­ter­buchs all­zu­oft durch­me­cha­ni­siert wird. Nicht so bei Wer­le: Er nimmt sich die Frei­heit „phi­lo­so­phi­que“ mit „abge­klärt“  zu über­set­zen und macht aus Bau­de­lai­res recht bedeu­tungs­of­fe­nem „mau­vais lieu“ einen „ver­ru­fe­nen Ort“. Wenn es im Ori­gi­nal in unge­heu­rer seman­ti­scher und rhyth­mi­scher Dich­te, aber auch leicht pleo­nas­tisch heißt:

Le mon­de stu­pé­fié s’affaisse lâche­ment et fait la sies­te […].

dann rei­chert Wer­le, nichts an Sprach­rhyth­mus ein­bü­ßend, die­se Beschrei­bung noch zusätz­lich an:

Feig­her­zig erschlafft die betäub­te Welt und hält Sies­ta […].

Die­se dich­te­ri­sche Frei­heit über­trägt Wer­le von den Gedich­ten – die ein selbst­be­wuss­tes Neu-Dich­ten gera­de­zu erfor­dern – auf die Pro­sa­stü­cke und von der lexi­ka­li­schen auf die höhe­ren gram­ma­ti­ka­li­schen Ebe­nen. Weder Gram­ma­tik noch Satz­bau ste­hen bei ihm im Mit­tel­punkt (obschon er sich nie weit von sei­ner Vor­la­ge ent­fernt), son­dern die inten­si­ve Rau­sch­wir­kung der Spra­che.

Die­se Wir­kungs­äqui­va­lenz errei­chen nur jene Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die den Mut haben, eige­ne Wege zu gehen und sich ihren Text von der Vor­la­ge zwar vor-legen, aber eben nicht vor-schrei­ben zu las­sen. Denn eine sol­che Rau­sch­wir­kung wie die Bau­de­lai­res zu erzeu­gen bedeu­tet, sei­ne Leser einer­seits zu for­dern, aber ande­rer­seits nicht durch sprach­li­ches Geprän­ge vom Wesent­li­chen abzu­len­ken.

Die­se Grat­wan­de­rung gelingt Wer­le meis­ter­lich, sei­ne exqui­si­te­ren Begriffs­prä­gun­gen ste­hen nie für sich, son­dern sind immer ein­ge­bet­tet in ein sti­lis­tisch aus­ge­wo­ge­nes Satz­ge­fü­ge. Wenn Bau­de­lai­re „som­meil“ schreibt, steht bei Wer­le ein­fach „Schlaf“ und nicht poe­ti­sie­rend „Schlum­mer“, aus „la lour­de et sale atmo­s­phè­re pari­si­en­ne“ macht er ver­kür­zend und ana­chro­nis­tisch – aber wie tref­fend! – den „Pari­ser Smog“.

Leb­te Charles Bau­de­lai­re heu­te in Mün­chen und nicht um 1850 in Paris, er hät­te sei­ne Pro­sa­ge­dich­te so geschrie­ben. Ein über­zeu­gen­de­res Bei­spiel für die Anmut eines in Ket­ten tan­zen­den Über­set­zers hat man lan­ge nicht gele­sen.

Lieb­lings­satz

Wie oft habe ich lächelnd und vol­ler Rüh­rung all die­se PHi­lo­so­phen auf vier Pfo­ten betrach­tet, die­se will­fäh­ri­gen, unter­wür­fi­gen oder hin­ge­bungs­vol­len Skla­ven, die das Wör­ter­buch der Repu­blik durch­aus als offi­zi­ös bezeich­nen könn­te, hät­te die Repu­blik, viel zu sehr beschäf­tigt mit dem Glück der Men­schen, die Zeit, auf die Ehre der Hun­de Rück­sicht zu neh­men!

Zwei Fra­gen an den Nomi­nier­ten

Was macht das Buch aus?
Bau­de­lai­res Spleen von Paris (Gedich­te in Pro­sa und frü­he Gedich­te) ist unter der Flag­ge eines gän­gi­gen Titels – dem sei­nes zwei­ten Haupt­werks -, nach Gat­tungs­viel­falt, sti­lis­ti­scher Varia­ti­ons­brei­te und dem gro­ßen Spek­trum an poe­ti­schen Ent­wick­lungs­sta­di­en des Autors das hete­ro­gens­te Text­ge­fü­ge, mit dem ich mich bis­her über­set­ze­risch aus­ein­an­der­ge­setzt habe. Die von mir mit initi­ier­te Brei­te der Aus­wahl gera­de auch an Früh­wer­ken war getra­gen von der Absicht, hier­zu­lan­de völ­lig unbe­kann­te Facet­ten eines ver­meint­lich satt­sam bekann­ten Klas­si­kers zu prä­sen­tie­ren.

Was haben Sie beim Über­set­zen gelernt?
In dem zwei­jäh­ri­gen Bemü­hen um einen wei­te­ren ‚deut­schen Bau­de­lai­re‘ habe ich vie­le Wege aus­pro­biert, form­stren­ge fran­zö­si­sche Lyrik unter Wah­rung von Vers­maß und Reim so zu über­tra­gen, dass mög­lichst wenig seman­ti­sche Sub­stanz auf der Stre­cke bleibt. Eine so inten­si­ve Schu­lung hat für mein Emp­fin­den erkenn­bar Früch­te getra­gen. Aus dem zeit­li­chen Abstand bin ich mit vie­len der erreich­ten Ergeb­nis­se, ins­be­son­de­re in den Blu­men des Bösen, sehr zufrie­den. Man­che erschei­nen mir aber mitt­ler­wei­le auch als Zwi­schen­stu­fen auf einem Weg, der mög­li­cher­wei­se kein Ende hat.


Charles Baudelaire/Simon Wer­le: Le Spleen de Paris – Der Spleen von Paris. Gedich­te in Pro­sa und frü­he Dich­tun­gen.

Rowohlt 2019 ⋅ 512 Sei­ten ⋅ 40 Euro

www.rowohlt.de/hardcover/charles-baudelaire-le-spleen-de-paris-der-spleen-von-paris.html

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