Eine emp­find­sa­me Über­set­ze­rin

Während eine Schaustellerfamilie in Jáchym Topols „Ein empfindsamer Mensch“ quer durch Europa kurvt, nimmt die Übersetzerin Eva Profousová die Leserinnen und Leser mit auf einen wilden Ritt durch die deutsche Sprache. Was zuerst eine Herausforderung darstellt, entpuppt sich schnell als eindrucksvolle Wortakrobatik. Von

"Aus meinem Tagebuch", 1933, des tschechischen Malers Jindřich Štyrský. Quelle: Wikimedia

Im Zen­trum von Topols Roman steht eine tsche­chi­sche Schau­stel­ler­fa­mi­lie, die seit Jah­ren durch ganz Euro­pa tourt, um Thea­ter­vor­stel­lun­gen zu geben, bis sie fest­stel­len muss, dass sie in Zei­ten der Flücht­lings­kri­se und des Bre­xits nicht mehr erwünscht ist. In Bris­tol wer­den sie mit den Wor­ten „LEAVE MEANS LEAVE! NO CZECH VERMIN!“ fort­ge­jagt, und auch in Frank­reich sind sie nicht will­kom­men, sodass sie gen Osten rei­sen und sich schließ­lich im rus­sisch-ukrai­ni­schen Kriegs­ge­biet wie­der­fin­den. Von dort aus flie­hen sie (im BMW von Gérard Dépar­dieu) zurück nach Böh­men, wo sie an der Sáza­va, einem Neben­fluss der Mol­dau, wie­der hei­misch wer­den wol­len. Doch auch hier hat sich vie­les ver­än­dert und die Fami­lie has­tet am Fluss ent­lang von einer Mise­re in die nächs­te.

Schon durch die Prot­ago­nis­ten wird den Lese­rin­nen und Lesern schnell klar, dass ihnen eine unge­wöhn­li­che Rei­se bevor­steht: Da gibt es zum einen die Eltern, den schrei­ben­den und schau­spie­len­den Vater und die ein­äu­gi­ge Mut­ter, die bei­de dem Alko­hol nicht gera­de abge­neigt sind und die Geburt ihrer Zwil­lin­ge unter einer Brü­cke erle­ben muss­ten. Und da gibt es zum ande­ren die Zwil­lin­ge, den „Winz­ling“, der nicht wächst und den gan­zen Roman über im Säug­lings­zu­stand ver­weilt, und „den Jun­gen“ , der nicht spricht, sich aber stets rüh­rend (oder jeden­falls so gut es geht) um sei­nen klei­ne­ren Zwil­lings­bru­der küm­mert. Und neben der Fami­lie gibt es unzäh­li­ge wei­te­re „abge­häng­te“ Men­schen – hau­fen­wei­se Pro­sti­tu­ier­te, Klein­kri­mi­nel­le oder den zu den Rus­sen über­ge­lau­fe­nen Bru­der des Vaters, Iwan. Und auch der tsche­chi­sche Prä­si­dent Miloš Zeman hat einen kur­zen Auf­tritt, denn deut­li­che Kri­tik an der aktu­el­len Poli­tik fin­det in Topols Roman eben­falls sei­nen Platz.

Bei der Lek­tü­re der ers­ten Roman­sei­ten kann es durch­aus pas­sie­ren, dass man schlicht und ein­fach über­for­dert ist. Über­for­dert vom ers­ten Satz, der einen Fluch des Vaters dar­stellt („Wie soll ich mich hier kon­zen­trie­ren, Him­mel und Arsch?“) und dem damit ver­bun­de­nen plötz­li­chen Ein­stieg in die Hand­lung; aber vor allem über­for­dert von der Anders­ar­tig­keit der Spra­che, von der Umgangs- und der Bild­spra­che, die nur so vor Stil­mit­teln und Eigen­hei­ten strotzt und ohne Punkt und Kom­ma mit vol­ler Wort­wucht auf den Leser ein­pras­selt: „Vaters Heft, bekrit­zelt bekra­kelt, mit Wein und Kaf­fee bekleckst, saust über das schla­fen­de Kind­lein und ver­schwin­det im Plun­der.“ Doch merkt man eben­so schnell, dass die­se Wör­ter einen beson­de­ren Klang haben, jeder Satz hat einen beson­de­ren Rhyth­mus und die Sil­ben über­spü­len den Leser ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te und zie­hen ihn in den Sog des Romans. Nimm die­se Alli­te­ra­ti­on, Leser, und nimm gleich auch noch ein paar Dimi­nu­tive und den gan­zen ande­ren Plun­der dazu!

Zuerst über­rascht die Spra­che des Romans also, doch wenn man sich dar­auf ein­lässt, wird man als Leser belohnt und darf unge­hemmt in die Viel­falt der deut­schen Spra­che ein­tau­chen und auf Kom­po­si­ta-Ent­de­ckungs­tour gehen. Doch wie ist die Über­set­ze­rin auf all die­se wun­der­sa­men Wor­te gesto­ßen? Eva Pro­fou­so­vá ist kei­ne deut­sche Mut­ter­sprach­le­rin, sie ist in Tsche­chi­en auf­ge­wach­sen, zog aber 1983 nach Ham­burg und über­setzt seit vie­len Jah­ren tsche­chi­sche Lite­ra­tur ins Deut­sche. Dass Über­set­ze­rin­nen nicht in ihre Mut­ter­spra­che, son­dern in eine Fremd­spra­che über­set­zen, ist eher unge­wöhn­lich und hat viel­leicht dazu bei­getra­gen, dass die deut­sche Über­set­zung so wort­ge­wal­tig und mutig gewor­den ist. Pro­fou­so­vá hat alle mög­li­chen lite­ra­ri­schen Quel­len ver­wen­det, um die deut­sche Spra­che von ihrer viel­fäl­tigs­ten Sei­te zu zei­gen. So dien­te bei­spiels­wei­se Susan­ne Lan­ges Über­set­zung von Cer­van­tes Don Qui­jo­te als Inspi­ra­ti­ons­quel­le für den krea­ti­ven Umgang mit Spra­che und auch das Deut­sche Wör­ter­buch der Brü­der Grimm war ein wich­ti­ger Beglei­ter wäh­rend des Über­set­zungs­pro­zes­ses, wie die Über­set­ze­rin bei einer Ver­an­stal­tung der Welt­le­se­büh­ne ver­gan­ge­nen Dezem­ber in Müns­ter erzählt.

Bei der Über­set­zung des tsche­chi­schen Romans habe sie vor allem die Kom­po­si­ta für sich ent­deckt, mit denen man nach Lust und Lau­ne neue Wor­te schöp­fen kann, berich­tet Pro­fou­so­vá. Und das merkt man dem Text an: Die von Pro­fou­so­vá kre­ierten Kom­po­si­ta sind für den sprach­be­geis­ter­ten Leser eine gro­ße Freu­de. So begeg­net man Wor­ten wie „Pum­mel­non­ne“, „Latri­nen­pa­ro­len“, „Kol­lek­tiv­kol­ler“, „Motor­rei­te­rin“, „Pro­to­hip­pies und Paläo­punks“. Oft­mals wer­den die­se krea­ti­ven Kom­po­si­ta von klang­lich per­fekt pas­sen­den Adjek­ti­ven beglei­tet, und so zischt und brummt es beim Lesen nur so, weil dop­pel­te Kon­so­nan­ten, Plo­si­ve und Fri­ka­ti­ve auf­ein­an­der­pral­len und zu Zun­gen­akro­ba­tik ani­mie­ren:

In ihre Leder­kom­bis ver­plombt, prü­geln sie auf das Auto ein, nicht ein­mal der Schwall vom gebors­te­nen Glas kann ihre Begeis­te­rung min­dern, bei jedem Schlag sprit­zen ihnen fri­sche Split­ter ins Gesicht, in den Bart, vom Glas­gey­sir ver­letzt fei­ern sie mun­ter wei­ter, stel­len ihre mit Blut ver­schmier­ten Gesich­ter wie eine Opfer­ga­be aus.

Eine beson­de­re Leis­tung hat Pro­fou­so­vá mit der Kunst­spra­che voll­bracht, die sie für Iwan, den Bru­der des Vaters, erfun­den hat. Iwan ist nach Russ­land gegan­gen und spricht – als Zei­chen sei­ner Ver­bun­den­heit mit dem Land – eine Art Kunst­spra­che, die ans Rus­si­sche erin­nert. Die­ser gelun­ge­ne Kunst­griff sorgt für eine gehö­ri­ge Por­ti­on Humor und zwingt den Leser regel­recht dazu, die Wor­te gedank­lich so aus­zu­spre­chen, wie Iwan es tut:

Kchul­tur, gemein­sam Schatz von Menschcheit, du fin­dest auch? Mech­tig Weltch­unst­ler und Artis­ten Ein­la­dung bekommt, und du sprichst Soscht­schen­ko! Chorch, was du sagst!

Oder:

Brat, ich Immo­bi­li­en kchau­fen an liebrrei­zend Sáza­va. Ich lie­be Josef Lada immer­fort! Will leben dort. In Boche­mi­ja. Will leben! Bru­der, chorch zu … ich cha­be Gelt, chau­fen­wei­se Ber­ge von Gelt!

Das Lek­to­rat hat Pro­fou­so­vá beim Über­set­zen pas­send zum Ori­gi­nal­text offen­bar eini­ge Frei­hei­ten gelas­sen, so sind auch Begrif­fe aus dem süd­deut­schen oder öster­rei­chi­schen Raum, die von vie­len Lek­to­ren nor­ma­ler­wei­se gestri­chen wer­den, sowie Umgangs­spra­che ein fes­ter Bestand­teil des Romans. Pro­fou­so­vá zufol­ge habe Topol die Umgangs­spra­che in der tsche­chi­schen Lite­ra­tur über­haupt erst eta­bliert und vie­le tsche­chi­sche Autoren zur Ver­wen­dung die­ser inspi­riert. In der Über­set­zung ist die ver­wen­de­te Umgangs­spra­che auch ein auf­fal­len­des Merk­mal, das aller­dings per­fekt zum Umfeld und dem unge­wöhn­li­chen Leben der Schau­stel­ler­fa­mi­lie und der ande­ren Über­le­bens­künst­ler passt. So wird mit gram­ma­ti­schen Tabus gebro­chen („sie strau­chel­te, fiel auf dem sei­ne Hel­le­bar­de …“), die Münd­lich­keit ist ein all­ge­gen­wär­ti­ger Fak­tor, Akro­ny­me wer­den aus­ge­schrie­ben (BäEhm­Wäh für BMW) und Fremd­wör­ter wer­den so geschrie­ben, wie sie im Roman aus­ge­spro­chen wer­den. Dadurch begeg­net man beim Lesen den inter­es­san­ten Wör­tern Juh­tjuh­ben oder Häpy­ent, die auf­zei­gen, dass die Lebens­wirk­lich­keit der „Abge­häng­ten“ eine völ­lig ande­re ist. Auch Lui­sel Woj­ton darf nicht feh­len:

Und stell­teuch vor, Män­ners, dass die Toi­let­ten­as­sis­ten­zen Fet­zen von Lui­sel Woj­ton tra­gen, ja, von die­ser Papst­schnei­de­rei. Da sind so Täsch­chen für Schrub­ber und Bürs­ten ange­näht, aber geschickt, damit man ein Stück Busen sieht, nicht zu doll, so wie bei den Ste­war­des­sen, wiss­tihr?

Und all die­se sprach­li­chen Beson­der­hei­ten – Kom­po­si­ta, Kunst­spra­che, Neo­lo­gis­men und Umgangs­spra­che – wer­den durch Rhyth­mus und Klang beglei­tet, die das Tem­po und die Ver­rückt­heit der Hand­lung gekonnt unter­ma­len. Ein Satz wie „Die bei­den mit ihren gefatsch­ten Schä­deln sehen wie Sta­tis­ten in einem Video­clip über Krüp­pel­da­ting aus“ wird dem Leser unge­fil­tert ent­ge­gen­ge­pfef­fert. Geschaf­fen wur­de eine har­te Spra­che, die die Häss­lich­keit der Rea­li­tät nicht ver­schlei­ert, aber als geschlos­se­nes Sys­tem den­noch Schön­heit ver­kör­pert – die Schön­heit und Viel­fäl­tig­keit der deut­schen Spra­che in all ihren Facet­ten.

Eva Pro­fou­so­vá ist mit ihrer Über­set­zung die per­fek­te Sym­bio­se von Form und Inhalt gelun­gen. Die Spra­che spie­gelt die irren Wen­dun­gen des Gesche­hens und den über­all vor­herr­schen­den Wahn­sinn der Gegen­wart meis­ter­lich wider. Zwar kos­tet es den Leser zu Beginn etwas Mühe, in die­sen auf allen Ebe­nen anwe­sen­den Wahn­sinn hin­ein­zu­fin­den, doch wird er dafür mit einer berau­schen­den und poli­tisch hoch­ak­tu­el­len Road­no­vel belohnt. Pro­fou­so­vás Über­set­zung ist eine Ode an die moder­ne deut­sche Spra­che. Und so möch­te ich zum Abschluss einen Satz des Romans abwan­deln:

Und nur eine wahr­lich emp­find­sa­me Über­set­ze­rin kann die Hit­ze nach­füh­len, mit der dem Autor mög­li­che Sprach­phan­tas­te­rei­en durch das bol­lern­de Hirn schos­sen.

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.


Jáchym Topol/Eva Pro­fou­so­vá: Ein emp­find­sa­mer Mensch (im tsche­chi­schen Ori­gi­nal: Cit­li­vý člo­věk).

Suhr­kamp 2019 ⋅ 494 Sei­ten ⋅ 25 Euro

www.suhrkamp.de/buecher/ein_empfindsamer_mensch-jachym_topol_42864.html

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