Über­set­zung des Monats: Ein Witz für ein Leben

Vergangenes Jahr schaffte es Mazen Maarouf zusammen mit seinem englischen Übersetzer Jonathan Wright als Newcomer auf die Longlist des internationalen Man Booker Preises. Larissa Bender hat die in jeder Bedeutung des Wortes fantastischen Geschichten gekonnt aus dem Arabischen ins Deutsche gebracht. Von

Die Über­set­zung Ein Witz für ein Leben eröff­net in prä­zi­ser Spra­che eine frem­de Welt zwi­schen Fan­ta­sie und dem All­tag eines Kin­des im Aus­nah­me­zu­stand.

Über­set­zung des Monats April
Titel

Ein Witz für ein Leben

Autor

Mazen Maarouf

Über­setzt von

Laris­sa Ben­der

Ori­gi­nal­spra­che

Ara­bisch

Ori­gi­nal­ti­tel

نكات للمسلحين (Nukat li-l-mus­al­laḥīn)

Link zur Ver­lags­sei­te

www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=7997

„Ein Witz für ein Leben“ ist eine Samm­lung von vier­zehn lose zusam­men­hän­gen­den Geschich­ten. Sie spie­len in einem urba­nen Umfeld, in man­chen Geschich­ten herrscht Krieg, in ande­ren ist er vor­bei und zeigt sei­ne Nach­wir­kun­gen – um wel­chen Krieg es sich han­delt, bleibt aller­dings unklar, und der Schau­platz Bei­rut wird in einer der Geschich­ten eher bei­läu­fig erwähnt. Die Erzäh­ler, meist Kin­der, leben in stän­di­ger, zu All­tag gewor­de­ner Angst und ver­su­chen, mit­hil­fe ihrer Vor­stel­lungs­kraft Sinn in einer sur­rea­len Welt zu fin­den, wobei nicht immer klar ist, wo die Rea­li­tät auf­hört und das Kopf­ki­no beginnt.

Die Kin­der­per­spek­ti­ve zeigt, wie unmit­tel­bar und zugleich ver­zerrt Kin­der den Kriegs­zu­stand wahr­neh­men. Sie sehen kei­ne grö­ße­ren Zusam­men­hän­ge, fra­gen sich nicht, war­um die Din­ge so sind, wie sie sind, son­dern neh­men die Welt, wie sie ist, und bil­den sich anhand der Ein­drü­cke und mit­hil­fe ihrer Fan­ta­sie ein eige­nes Bild der Lage. Der jun­ge Erzäh­ler in der titel­ge­ben­den Geschich­te „Ein Witz für ein Leben“ sieht zum Bei­spiel, wie ein Ver­käu­fer mit Glas­au­ge nicht wie vie­le ande­re von den bewaff­ne­ten Män­nern ver­folgt wird, und schließt dar­aus, dass er sei­nen Vater schüt­zen kann, wenn er ihm eben­falls ein Glas­au­ge besorgt. Die­ses soll aus ihm eine Respekt­per­son machen, die in der Gesell­schaft höhe­re Über­le­bens­chan­cen hat. Um Geld zu beschaf­fen, ver­sucht er sei­nen tau­ben Zwil­lings­bru­der an Organ­händ­ler zu ver­kau­fen.

Die Figu­ren in den Geschich­ten befin­den sich in der Schwe­be – zwi­schen All­tag und Aus­nah­me­zu­stand, zwi­schen dem Indi­vi­du­el­len und dem Gesell­schaft­li­chen. Vie­le sind auf der Suche nach Voll­kom­men­heit oder stre­ben nach Nor­ma­li­tät. So etwa der Vater in der Geschich­te „Das Gram­mo­phon“, der bei einem Bom­ben­an­griff sei­nen Arm ver­liert und sei­nen Sohn bit­tet, ihm doch sei­nen zu geben. Ver­sehr­te Kör­per sind ein immer wie­der auf­tau­chen­des Motiv in meh­re­ren Geschich­ten – viel­leicht weil man, vor allem als Kind, Blut und kör­per­li­che Fol­gen der Gewalt schnel­ler sieht als die Fol­gen für Geist und See­le.

Was wirk­lich stört, waren eher die Müll­män­ner­stie­fel, die er trug. Jeden­falls mehr als sein feh­len­des Auge. Viel­leicht weil der Anblick von ver­sehr­ten Kör­pern im Krieg so nor­mal war wie die Wer­bung für impor­tier­ten Käse, die einem ver­traut ist, obwohl man weiß, dass man nie­mals auch nur in die Nähe sol­chen Käses kom­men wird. Oder weil man im Fern­se­hen jeden Tag min­des­tens eine Lei­che oder zwei sieht.

Die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sind Teil des All­tags. Tod und Gewalt sind all­ge­gen­wär­tig und wer­den bei­läu­fig geschil­dert, was die Geschich­ten nur noch tra­gi­scher macht. Der Autor Mazen Maarouf erlebt den Krieg als Kind selbst. Er ist 1978 als Sohn paläs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge in Bei­rut, Liba­non gebo­ren. Der stu­dier­te Che­mi­ker beginnt zu schrei­ben und erhält als jun­ger Erwach­se­ner vie­le Dro­hun­gen wegen sei­ner poli­ti­schen Tex­te. 2011 führt ihn ICORN, ein Pro­gramm meh­re­rer Städ­te, die bedroh­ten und ver­folg­ten Schrift­stel­lern Zufluchts­or­te bie­ten, nach Reykja­vík, Island. Zwei Jah­re spä­ter erhält er mit einem islän­di­schen Pass als 35-jäh­ri­ger zum ers­ten Mal in sei­nem Leben eine Staats­bür­ger­schaft. Doch auf der fried­li­chen Insel, wo nicht ein­mal die Poli­zis­ten bewaff­net sind, holt ihn das Trau­ma sei­ner Kind­heit ein. 2015 beginnt er die Erin­ne­run­gen zu einem Buch zu stri­cken, das im Jahr dar­auf im Liba­non auf Ara­bisch erscheint. In einem Inter­view schil­dert der Autor den Hin­ter­grund der Geschich­ten:

Für mich sind sie sehr per­sön­lich, auch wenn die Erzäh­lun­gen an sich Fik­ti­on sind. Sie beinhal­ten Erin­ne­rungs­fet­zen aus mei­ner Kind­heit, Details, die ich vie­le vie­le Jah­re mit mir her­um­trug und die sich in Reykja­vík an die Ober­flä­che dräng­ten. Ich ver­bin­de sie alle mit mei­ner alten Hei­mat im Liba­non, mei­nen Nach­barn dort, Men­schen, die heu­te hier und da ver­streut sind und von denen ich nicht weiß, was mit ihnen pas­siert ist. Die­ses Buch soll die­se Leu­te wür­di­gen, die im Ange­sicht des Todes gelebt, mit dem All­tag gekämpft und den Sinn ihres eige­nen Daseins bezwei­felt haben. Ich woll­te sehen, ob es die­sen Men­schen Macht geben wür­de, wenn ich ver­su­che, sie in mei­ne Geschich­ten hin­ein­zu­schrei­ben. Wie sie sich in Geschich­ten ver­hal­ten wür­den, ob sie genau­so pas­siv wären, wie sie mir als Kind vor­ka­men, oder ob sie sich in den vie­len Jah­ren, die ich sie mit mir her­um­trug, ver­än­dert haben. (eige­ne Über­set­zung)

Das erzäh­len­de Kind in den Geschich­ten bewäl­tigt auf sei­ne Art die Unsi­cher­heit des Kriegs­all­tags. Es wird nicht als hilf­lo­ses Opfer dar­ge­stellt, son­dern als Per­son, die ihren eige­nen Weg fin­det. So hat es Maarouf bei der Ver­ar­bei­tung sei­nes eige­nen Trau­mas erlebt:

Beim Schrei­ben wur­de mir klar, wie mutig das Kind ist, und wie schnell es sich anpasst und sich der Situa­ti­on und dem Krieg stellt, ohne dabei sei­ne Unschuld und Kind­heit ganz zu ver­lie­ren. (eige­ne Über­set­zung)

Wit­ze und Humor sind Teil die­ses All­tags, auch wenn es sich vor dem Hin­ter­grund des Krie­ges um einen schwar­zen Humor han­delt. Für Lese­rin­nen und Leser ent­steht der Witz höchs­tens, weil Din­ge ver­mischt wer­den, die eigent­lich nicht zusam­men­ge­hö­ren, und so zu einem uner­war­tet komi­schen Resul­tat füh­ren. Doch im Buch wer­den Witz und Humor sowohl zur Waf­fe als auch zum Schutz­schild. Die Geschich­te „Der Trä­ger“ han­delt von einem Mann, der sich wei­gert zu lachen und es mit der Zeit auch ver­lernt. Er geht mit gesenk­tem Kopf durchs Leben, wodurch er sich auch kör­per­lich ver­än­dert. Ihm wächst ein Buckel, den er als Tisch und Rut­sche zur Ver­fü­gung stellt. Eines Tages bringt er einen alten Mann, der ihn für den Todes­en­gel Azra­el hält, unwil­lent­lich zum Lachen. Als die­ser kurz dar­auf stirbt, schließt er dar­aus:

Denn obwohl ich mein gan­zes Leben lang nicht lächeln konn­te, weiß ich jetzt, dass ich einen Men­schen mit einem Witz töten kann.

Auch wenn die erzäh­len­den Figu­ren meist Kin­der oder jun­ge Män­ner sind, zeigt ihre Art sich aus­zu­drü­cken eine Rei­fe, wie man sie nur durch Lebens­er­fah­rung bekommt, unab­hän­gig davon, wie alt man ist. Das Voka­bu­lar ist zum Teil geho­be­ner, als man von einem Kind erwar­ten wür­de, und man fragt sich manch­mal, ob das Kind in der Geschich­te die Kon­zep­te, die es schil­dert und in Wor­ten aus­drückt, über­haupt ver­steht. In der Geschich­te „Der Mata­dor“ erin­nert sich der jun­ge Erzäh­ler an sei­nen Onkel, der inner­halb einer Woche drei Mal stirbt:

Mama for­der­te mich auf, ihr dabei zu hel­fen, mei­nem Onkel das Mata­do­ren­kos­tüm über­zu­zie­hen. Nur mich und sonst nie­man­den. Um sei­ne Wür­de zu bewah­ren. Es war äußerst schwie­rig, denn der Leich­nam war sehr schwer, und im Wohn­zim­mer war es warm, weil es kei­ne Kli­ma­an­la­ge gab. Wir setz­ten ihn auf, er war voll­kom­men nackt. Ich woll­te gera­de sei­nen Arm heben, da wach­te er auf und sag­te: „Was macht ihr da, ihr Affen?“ Sein wie­der­hol­tes Ster­ben hat­te ihn lau­nisch wer­den las­sen, bär­bei­ßig.

Erns­te The­men wie Tod und für Kin­der sehr kom­ple­xe Kon­zep­te wie „Wür­de bewah­ren“ wer­den in Laris­sa Ben­ders Über­set­zung sprach­lich viel­schich­tig dar­ge­stellt. Einer­seits schil­dert der Erzäh­ler unmit­tel­bar und neu­tral, bei­na­he emo­ti­ons­los, die Situa­ti­on, ande­rer­seits benutzt er Wor­te wie „bär­bei­ßig“, die nicht unbe­dingt zum Wort­schatz aller Grund­schü­ler zäh­len. Die­se Aus­drucks­wei­se deu­tet auf viel Lebens­er­fah­rung trotz jun­ger Jah­re hin, ver­mit­telt aber auch den Ein­druck, dass rück­bli­ckend erzählt wird. Auf eine gewis­se Art gibt das Hoff­nung, denn wenn das Kind spä­ter von die­sen Din­gen berich­ten kann, hat es das Schlim­mes hof­fent­lich über­stan­den. Das Erleb­te wird durch den Fil­ter einer rei­fe­ren Per­son geschil­dert, die einen Krieg über­lebt hat, nicht mehr in stän­di­ger Angst lebt und das Trau­ma ver­ar­bei­tet.

Die Geschich­ten spie­len in einer unbe­re­chen­ba­ren Welt, die noch dazu von unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­lern geschil­dert wird – Kin­dern und schwer trau­ma­ti­sier­ten Men­schen. Der Autor sieht das Pro­blem vor allem in dem Gefühl von Unsi­cher­heit:

Im Krieg ver­än­dert sich das Sicher­heits­ge­fühl und das Schlimms­te ist, das bleibt für immer so. Das Leben in Unsi­cher­heit beglei­tet Kin­der für den Rest ihres Lebens und lässt die Gren­ze zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät ver­schwin­den. (eige­ne Über­set­zung)

Auch in der Über­set­zung zeigt sich das Ver­schwin­den die­ser Gren­ze. In der Geschich­te „Kino“ fin­det eine Fami­lie in einem lee­ren Kino­saal Schutz vor Bom­ben­an­grif­fen, dort sieht der jun­ge Erzäh­ler etwas Erstaun­li­ches:

Am nächs­ten Mor­gen sah ich die Kuh. Ich saß immer noch auf dem Kino­sitz, und die Kuh lief am Vor­führ­raum vor­bei. Sie blieb eini­ge Augen­bli­cke ste­hen, senk­te den Kopf und blick­te mich durch die läng­li­che Öff­nung an, dann setz­te sie ihren Weg fort. […] Am nächs­ten Mor­gen wie­der­hol­te sich die Sze­ne. Die Kuh kam vor­bei, schau­te mich durch die läng­li­che Öff­nung der Vor­führ­raum­wand an, dann setz­te sie ihren Weg fort. Ich möch­te euch nun nicht ver­heim­li­chen, dass die Kuh durch­aus mei­ne Neu­gier weck­te. „Was macht eine Kuh im Vor­führ­raum?“, frag­te ich mich.

Die Vor­stel­lung von einer Kuh im Kino ist zwar ver­wun­der­lich, doch erst als der Jun­ge die geschwäch­te Kuh mit Fuß­bäl­len füt­tert und sie damit wie­der auf­päp­pelt, wird die erst so sach­li­che Schil­de­rung der Tat­sa­chen um eine absur­de Ebe­ne erwei­tert.

Am Ende fraß die Kuh alle vier Fuß­bäl­le. Aber statt zu lei­den und zum Bei­spiel Durch­fall oder Blä­hun­gen zu bekom­men, pump­te sich ihr Kör­per auf. Es ging ihr bes­ser. Mir war, als hät­te ich einen Feh­ler gemacht, als ich der Kuh die Kau­tschuk­bäl­le zu fres­sen gege­ben hat­te. Es mach­te ihr nichts aus, sie litt kei­ne Qua­len.

Trotz zuneh­mend sur­rea­ler Hand­lung behält der Erzäh­ler den schil­dern­den Ton­fall bei. Das Gescheh­nis basiert zwar nicht auf gewöhn­li­cher Logik, doch der Erzäh­ler erlebt es nicht als absurd, wodurch eine eige­ne sur­rea­le Logik ent­steht. Die kur­zen Sät­ze und der abge­hack­te Rhyth­mus der Über­set­zung erin­nern eher an eine Bericht­erstat­tung, die als sol­che nicht zu der Absur­di­tät der Hand­lung passt. Doch in die­ser Span­nungs­be­zie­hung von Spra­che und Inhalt liegt die Wir­kung der Geschich­te auf die Lese­rin­nen und Leser.

Die Geschich­ten wir­ken auf Deutsch oft fremd, nicht nur weil die Geschich­ten zwi­schen Rea­li­tät und Traum­welt spie­len, son­dern auch weil der vom Erzäh­ler als „nor­mal“ emp­fun­de­ne All­tag für deutsch­spra­chi­ge Lese­rin­nen und Leser nicht vie­le Ver­glei­che mit dem eige­nen Leben zulässt. Die­se inter­es­san­te „Fremd­heit“ wird in der Über­set­zung auch sprach­lich unter­stri­chen. Als der Vater sei­nen Sohn bit­tet, ihm einen Arm zu schen­ken, ant­wor­tet die­ser sar­kas­tisch und trau­rig zugleich: „Das ist wirk­lich etwas, was noch nie ein Vater von sei­nem Sohn ver­langt hat. Das ist ori­gi­nal, Papa, echt ori­gi­nal“ (Kur­si­vie­rung wie im Buch). Es ist klar, was der Jun­ge meint, und zugleich erzeugt das Wort „ori­gi­nal“ eine beson­de­re Wir­kung, wie es eine idio­ma­ti­sche Wen­dung nicht könn­te.

Die Geschich­ten in „Ein Witz für ein Leben“ set­zen sich auf unter­schied­li­che Wei­se mit der Fra­ge aus­ein­an­der, was Men­schen Macht und auch Wür­de ver­leiht. In der Per­spek­ti­ve eines Kin­des, das im Kriegs­all­tag auf­wächst, bedeu­tet das, eine Waf­fe zu tra­gen. Der Erwach­se­ne, der sich spä­ter in die­ses Kind hin­ein­ver­setzt, hat erkannt, dass es noch viel mehr ist. Dazwi­schen liegt die­ses Buch. Es zeigt den Ver­such, mit­hil­fe von Vor­stel­lungs­kraft und Lite­ra­tur einer bru­ta­len Rea­li­tät ins Auge zu sehen, und indi­vi­du­el­len Men­schen­le­ben, die in der Wucht des Krie­ges oft unter­ge­hen, Wür­de zu ver­lei­hen. In Zei­ten wie jetzt, die als ein Krieg gegen einen unsicht­ba­ren Feind bezeich­net wer­den, wird kla­rer, dass Bücher nicht nur Zeit­ver­treib sind, son­dern hel­fen, sich eine Rea­li­tät vor­zu­stel­len, die zuvor unvor­stell­bar wirk­te. Laris­sa Ben­ders Über­set­zung, die uns in eine Welt ver­setzt, die uns ohne sie völ­lig ver­schlos­sen blie­be, ist genau zum rich­ti­gen Zeit­punkt erschie­nen.

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.

Drei Fra­gen an Laris­sa Ben­der

Aus dem Ara­bi­schen über­setz­te Lite­ra­tur über­flu­tet nicht gera­de den deut­schen Buch­markt. Ist das Inter­es­se an ara­bi­scher Lite­ra­tur in den letz­ten Jah­ren gestie­gen?

Vor dem Jahr 2011, dem Beginn des soge­nann­ten ara­bi­schen Früh­lings, hat­te sich das Inter­es­se an ara­bi­scher Lite­ra­tur auf einem recht nied­ri­gen Niveau ein­ge­pen­delt, pro­fes­sio­nel­le Übersetzer*innen waren nur mäßig aus­ge­las­tet, sodass sich auch nur wenig Chan­cen für Nachwuchsübersetzer*innen auf­ta­ten.

Nach Beginn der Revo­lu­tio­nen in etli­chen ara­bi­schen Staa­ten und den dar­auf­fol­gen­den poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Umwäl­zun­gen in die­sen Län­dern wuch­sen bei eini­gen deut­schen Ver­la­gen die Erwar­tun­gen auf DEN ulti­ma­ti­ven Revo­lu­ti­ons­ro­man. Ver­drängt wur­de dabei aller­dings die Tat­sa­che, dass vie­le Schriftsteller*innen selbst um das eige­ne Über­le­ben kämp­fen muss­ten oder sich auf der Flucht befan­den und dass – abge­se­hen davon – die tief­grün­di­ge künst­le­ri­sche Ver­ar­bei­tung sol­cher Ereig­nis­se, die nicht nur das eige­ne Leben und das Leben von Fami­lie und Freun­den bedroh­te, son­dern auch die eige­ne Lebens­welt voll­kom­men auf den Kopf stell­te, sei­ne Zeit braucht.

Als im Zuge der Ver­wer­fun­gen in den ara­bi­schen Län­dern vor eini­gen Jah­ren zahl­rei­che Geflüch­te­te nach Deutsch­land kamen, wur­den auch eini­ge För­der­pro­jek­te für die schrei­ben­de Zunft ins Leben geru­fen. Ins­be­son­de­re unter den syri­schen Geflüch­te­ten waren unzäh­li­ge Autor*innen oder ange­hen­de Schriftsteller*innen, die in gro­ßem Stil geför­dert wur­den und von denen eini­ge mitt­ler­wei­le bei deut­schen Ver­la­gen ver­öf­fent­li­chen konn­ten. Auch wenn die­se Lite­ra­tur zuerst in ers­ter Linie als „Geflüch­te­ten-Lite­ra­tur“ wahr­ge­nom­men wur­de, was vie­le die­ser Autor*innen auch kri­ti­sier­ten, ist in Deutsch­land mitt­ler­wei­le eine Exil­li­te­ra­tur syri­scher Schriftsteller*innen ent­stan­den, die in immer brei­te­ren Krei­sen Beach­tung fin­det. Durch die­se Ent­wick­lung wur­de auch der ara­bi­schen Lite­ra­tur ins­ge­samt in der deut­schen Kul­tur­sze­ne mehr Auf­merk­sam­keit zuteil als frü­her.

Trotz­dem muss man kon­sta­tie­ren, dass die ara­bi­sche Lite­ra­tur nach wie vor ein Schat­ten­da­sein im deut­schen Lite­ra­turmarkt führt und dass die Gesamt­heit der aus dem Ara­bi­schen ins Deut­sche über­setz­ten Wer­ke nicht annä­hernd die Lite­ra­tur der zwei­und­zwan­zig ara­bisch­spra­chi­gen Staa­ten abbil­det.

Die Geschich­ten in „Ein Witz für ein Leben“ sind oft aus Kin­der­per­spek­ti­ve erzählt, bewe­gen sich zwi­schen dem Rea­len und dem Sur­rea­len und die Schau­plät­ze sind Mitteleuropäer*innen oft fremd. Wo lie­gen die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen und wel­che über­set­ze­ri­schen Aspek­te waren beson­ders inter­es­sant?

Die größ­te Her­aus­for­de­rung bei der Über­set­zung war viel­leicht, sich auf die­se extre­me Absur­di­tät in den Geschich­ten ein­zu­las­sen. Wir Arabischübersetzer*innen haben es oft mit Tex­ten zu tun, die gar nicht oder nur unzu­rei­chend lek­to­riert sind, sodass sie häu­fig unge­nau im Aus­druck wie auch in den Bil­dern sind. Mazen Maarouf aber schreibt eine sehr knap­pe Spra­che, jedes Wort ist bewusst gesetzt, es gibt kei­ne Wie­der­ho­lun­gen oder über­flüs­si­gen Erklä­run­gen. Das Absur­de im ara­bi­schen Text ist also beab­sich­tigt und nicht Fol­ge eines schie­fen Aus­dru­ckes oder Bil­des.

Ganz ähn­lich erging es mir schon bei der Über­set­zung der Minia­tu­ren von Niroz Malek („Der Spa­zier­gän­ger von Alep­po“, Weid­le Ver­lag 2017), der gleich­falls mit einer sehr dich­ten Spra­che höchst kurio­se Situa­tio­nen beschreibt. Das Absur­de und Lapi­da­re, das Ange­deu­te­te, das nicht mit unzäh­li­gen Wör­tern Aus­ge­führ­te und Erklär­te – ein Stil, der mir per­sön­lich sehr gefällt – dient bei­den Autoren dazu, über das eigent­lich Unfass­ba­re und Unbe­schreib­li­che in der Welt wie Krieg, Ver­lust oder Tod zu schrei­ben. Bei bei­den wer­den die Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät, Fan­ta­sie, Traum und Erin­ne­run­gen stän­dig über­schrit­ten.

Dass Mazen Maarouf dazu häu­fig noch die Per­spek­ti­ve eines Kin­des ein­nimmt, erlaubt ihm viel­leicht sogar, noch einen Schritt wei­ter­zu­ge­hen, das Absur­de noch wei­ter auf die Spit­ze zu trei­ben. Das Kind, das sich noch nicht an das Unbe­greif­li­che des Lebens gewöhnt hat, das noch nicht durch Rou­ti­ne „ver­dor­ben“ ist und des­halb sei­ner Fan­ta­sie die Zügel noch locke­rer lässt, stellt alles in Fra­ge und lässt den Erwach­se­nen mit­un­ter ver­wirrt, betrof­fen oder ver­wun­dert zurück. Das hat mir an den Geschich­ten sehr gut gefal­len. Dass die Spra­che des Autors dar­über hin­aus so kurz und knapp ist, hat das Über­set­zen sehr erleich­tert, denn ara­bi­sche Band­wür­mer stel­len die Übersetzer*innen häu­fig vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen.

War­um soll­te man die­ses Buch gele­sen haben?

Die Sto­rys eröff­nen den Blick auf höchst unge­wöhn­li­che Wel­ten und regen die Fan­ta­sie der Leser*innen an. Hin­zu kommt, dass The­men wie Krieg, Tod, Ent­beh­rung, Ver­lust, Zer­stö­rung nicht son­der­lich attrak­tiv sind und meist nur weni­ge Leser fin­den. Mazen Maarouf gelingt es jedoch, sich mit die­sen The­men auf humor­vol­le Wei­se aus­ein­an­der­zu­set­zen, auch wenn den Leser*innen das Lachen häu­fig im Hal­se ste­cken­bleibt.

Wich­tig fin­de ich auch, dass die Tex­te dem weit ver­brei­te­ten ste­reo­ty­pen Bild von ara­bi­scher Lite­ra­tur – weit­schwei­fig, kit­schig, ein Abbild von Tau­send­und­ei­ne Nacht – etwas ent­ge­gen­set­zen und einen voll­kom­men ande­ren Zugang zu die­ser Welt und die­ser Lite­ra­tur ver­mit­teln.

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