Übersetzung des Monats: Ein Witz für ein Leben

Vergangenes Jahr schaffte es Mazen Maarouf zusammen mit seinem englischen Übersetzer Jonathan Wright als Newcomer auf die Longlist des internationalen Man Booker Preises. Larissa Bender hat die in jeder Bedeutung des Wortes fantastischen Geschichten gekonnt aus dem Arabischen ins Deutsche gebracht. Von

Die Übersetzung Ein Witz für ein Leben eröffnet in präziser Sprache eine fremde Welt zwischen Fantasie und dem Alltag eines Kindes im Ausnahmezustand.

Übersetzung des Monats April
Titel

Ein Witz für ein Leben

Autor

Mazen Maarouf

Übersetzt von

Larissa Bender

Originalsprache

Arabisch

Originaltitel

نكات للمسلحين (Nukat li-l-musallaḥīn)

Link zur Verlagsseite

www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=7997

„Ein Witz für ein Leben“ ist eine Sammlung von vierzehn lose zusammenhängenden Geschichten. Sie spielen in einem urbanen Umfeld, in manchen Geschichten herrscht Krieg, in anderen ist er vorbei und zeigt seine Nachwirkungen – um welchen Krieg es sich handelt, bleibt allerdings unklar, und der Schauplatz Beirut wird in einer der Geschichten eher beiläufig erwähnt. Die Erzähler, meist Kinder, leben in ständiger, zu Alltag gewordener Angst und versuchen, mithilfe ihrer Vorstellungskraft Sinn in einer surrealen Welt zu finden, wobei nicht immer klar ist, wo die Realität aufhört und das Kopfkino beginnt.

Die Kinderperspektive zeigt, wie unmittelbar und zugleich verzerrt Kinder den Kriegszustand wahrnehmen. Sie sehen keine größeren Zusammenhänge, fragen sich nicht, warum die Dinge so sind, wie sie sind, sondern nehmen die Welt, wie sie ist, und bilden sich anhand der Eindrücke und mithilfe ihrer Fantasie ein eigenes Bild der Lage. Der junge Erzähler in der titelgebenden Geschichte „Ein Witz für ein Leben“ sieht zum Beispiel, wie ein Verkäufer mit Glasauge nicht wie viele andere von den bewaffneten Männern verfolgt wird, und schließt daraus, dass er seinen Vater schützen kann, wenn er ihm ebenfalls ein Glasauge besorgt. Dieses soll aus ihm eine Respektperson machen, die in der Gesellschaft höhere Überlebenschancen hat. Um Geld zu beschaffen, versucht er seinen tauben Zwillingsbruder an Organhändler zu verkaufen.

Die Figuren in den Geschichten befinden sich in der Schwebe – zwischen Alltag und Ausnahmezustand, zwischen dem Individuellen und dem Gesellschaftlichen. Viele sind auf der Suche nach Vollkommenheit oder streben nach Normalität. So etwa der Vater in der Geschichte „Das Grammophon“, der bei einem Bombenangriff seinen Arm verliert und seinen Sohn bittet, ihm doch seinen zu geben. Versehrte Körper sind ein immer wieder auftauchendes Motiv in mehreren Geschichten – vielleicht weil man, vor allem als Kind, Blut und körperliche Folgen der Gewalt schneller sieht als die Folgen für Geist und Seele.

Was wirklich stört, waren eher die Müllmännerstiefel, die er trug. Jedenfalls mehr als sein fehlendes Auge. Vielleicht weil der Anblick von versehrten Körpern im Krieg so normal war wie die Werbung für importierten Käse, die einem vertraut ist, obwohl man weiß, dass man niemals auch nur in die Nähe solchen Käses kommen wird. Oder weil man im Fernsehen jeden Tag mindestens eine Leiche oder zwei sieht.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind Teil des Alltags. Tod und Gewalt sind allgegenwärtig und werden beiläufig geschildert, was die Geschichten nur noch tragischer macht. Der Autor Mazen Maarouf erlebt den Krieg als Kind selbst. Er ist 1978 als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Beirut, Libanon geboren. Der studierte Chemiker beginnt zu schreiben und erhält als junger Erwachsener viele Drohungen wegen seiner politischen Texte. 2011 führt ihn ICORN, ein Programm mehrerer Städte, die bedrohten und verfolgten Schriftstellern Zufluchtsorte bieten, nach Reykjavík, Island. Zwei Jahre später erhält er mit einem isländischen Pass als 35-jähriger zum ersten Mal in seinem Leben eine Staatsbürgerschaft. Doch auf der friedlichen Insel, wo nicht einmal die Polizisten bewaffnet sind, holt ihn das Trauma seiner Kindheit ein. 2015 beginnt er die Erinnerungen zu einem Buch zu stricken, das im Jahr darauf im Libanon auf Arabisch erscheint. In einem Interview schildert der Autor den Hintergrund der Geschichten:

Für mich sind sie sehr persönlich, auch wenn die Erzählungen an sich Fiktion sind. Sie beinhalten Erinnerungsfetzen aus meiner Kindheit, Details, die ich viele viele Jahre mit mir herumtrug und die sich in Reykjavík an die Oberfläche drängten. Ich verbinde sie alle mit meiner alten Heimat im Libanon, meinen Nachbarn dort, Menschen, die heute hier und da verstreut sind und von denen ich nicht weiß, was mit ihnen passiert ist. Dieses Buch soll diese Leute würdigen, die im Angesicht des Todes gelebt, mit dem Alltag gekämpft und den Sinn ihres eigenen Daseins bezweifelt haben. Ich wollte sehen, ob es diesen Menschen Macht geben würde, wenn ich versuche, sie in meine Geschichten hineinzuschreiben. Wie sie sich in Geschichten verhalten würden, ob sie genauso passiv wären, wie sie mir als Kind vorkamen, oder ob sie sich in den vielen Jahren, die ich sie mit mir herumtrug, verändert haben. (eigene Übersetzung)

Das erzählende Kind in den Geschichten bewältigt auf seine Art die Unsicherheit des Kriegsalltags. Es wird nicht als hilfloses Opfer dargestellt, sondern als Person, die ihren eigenen Weg findet. So hat es Maarouf bei der Verarbeitung seines eigenen Traumas erlebt:

Beim Schreiben wurde mir klar, wie mutig das Kind ist, und wie schnell es sich anpasst und sich der Situation und dem Krieg stellt, ohne dabei seine Unschuld und Kindheit ganz zu verlieren. (eigene Übersetzung)

Witze und Humor sind Teil dieses Alltags, auch wenn es sich vor dem Hintergrund des Krieges um einen schwarzen Humor handelt. Für Leserinnen und Leser entsteht der Witz höchstens, weil Dinge vermischt werden, die eigentlich nicht zusammengehören, und so zu einem unerwartet komischen Resultat führen. Doch im Buch werden Witz und Humor sowohl zur Waffe als auch zum Schutzschild. Die Geschichte „Der Träger“ handelt von einem Mann, der sich weigert zu lachen und es mit der Zeit auch verlernt. Er geht mit gesenktem Kopf durchs Leben, wodurch er sich auch körperlich verändert. Ihm wächst ein Buckel, den er als Tisch und Rutsche zur Verfügung stellt. Eines Tages bringt er einen alten Mann, der ihn für den Todesengel Azrael hält, unwillentlich zum Lachen. Als dieser kurz darauf stirbt, schließt er daraus:

Denn obwohl ich mein ganzes Leben lang nicht lächeln konnte, weiß ich jetzt, dass ich einen Menschen mit einem Witz töten kann.

Auch wenn die erzählenden Figuren meist Kinder oder junge Männer sind, zeigt ihre Art sich auszudrücken eine Reife, wie man sie nur durch Lebenserfahrung bekommt, unabhängig davon, wie alt man ist. Das Vokabular ist zum Teil gehobener, als man von einem Kind erwarten würde, und man fragt sich manchmal, ob das Kind in der Geschichte die Konzepte, die es schildert und in Worten ausdrückt, überhaupt versteht. In der Geschichte „Der Matador“ erinnert sich der junge Erzähler an seinen Onkel, der innerhalb einer Woche drei Mal stirbt:

Mama forderte mich auf, ihr dabei zu helfen, meinem Onkel das Matadorenkostüm überzuziehen. Nur mich und sonst niemanden. Um seine Würde zu bewahren. Es war äußerst schwierig, denn der Leichnam war sehr schwer, und im Wohnzimmer war es warm, weil es keine Klimaanlage gab. Wir setzten ihn auf, er war vollkommen nackt. Ich wollte gerade seinen Arm heben, da wachte er auf und sagte: „Was macht ihr da, ihr Affen?“ Sein wiederholtes Sterben hatte ihn launisch werden lassen, bärbeißig.

Ernste Themen wie Tod und für Kinder sehr komplexe Konzepte wie „Würde bewahren“ werden in Larissa Benders Übersetzung sprachlich vielschichtig dargestellt. Einerseits schildert der Erzähler unmittelbar und neutral, beinahe emotionslos, die Situation, andererseits benutzt er Worte wie „bärbeißig“, die nicht unbedingt zum Wortschatz aller Grundschüler zählen. Diese Ausdrucksweise deutet auf viel Lebenserfahrung trotz junger Jahre hin, vermittelt aber auch den Eindruck, dass rückblickend erzählt wird. Auf eine gewisse Art gibt das Hoffnung, denn wenn das Kind später von diesen Dingen berichten kann, hat es das Schlimmes hoffentlich überstanden. Das Erlebte wird durch den Filter einer reiferen Person geschildert, die einen Krieg überlebt hat, nicht mehr in ständiger Angst lebt und das Trauma verarbeitet.

Die Geschichten spielen in einer unberechenbaren Welt, die noch dazu von unzuverlässigen Erzählern geschildert wird – Kindern und schwer traumatisierten Menschen. Der Autor sieht das Problem vor allem in dem Gefühl von Unsicherheit:

Im Krieg verändert sich das Sicherheitsgefühl und das Schlimmste ist, das bleibt für immer so. Das Leben in Unsicherheit begleitet Kinder für den Rest ihres Lebens und lässt die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwinden. (eigene Übersetzung)

Auch in der Übersetzung zeigt sich das Verschwinden dieser Grenze. In der Geschichte „Kino“ findet eine Familie in einem leeren Kinosaal Schutz vor Bombenangriffen, dort sieht der junge Erzähler etwas Erstaunliches:

Am nächsten Morgen sah ich die Kuh. Ich saß immer noch auf dem Kinositz, und die Kuh lief am Vorführraum vorbei. Sie blieb einige Augenblicke stehen, senkte den Kopf und blickte mich durch die längliche Öffnung an, dann setzte sie ihren Weg fort. […] Am nächsten Morgen wiederholte sich die Szene. Die Kuh kam vorbei, schaute mich durch die längliche Öffnung der Vorführraumwand an, dann setzte sie ihren Weg fort. Ich möchte euch nun nicht verheimlichen, dass die Kuh durchaus meine Neugier weckte. „Was macht eine Kuh im Vorführraum?“, fragte ich mich.

Die Vorstellung von einer Kuh im Kino ist zwar verwunderlich, doch erst als der Junge die geschwächte Kuh mit Fußbällen füttert und sie damit wieder aufpäppelt, wird die erst so sachliche Schilderung der Tatsachen um eine absurde Ebene erweitert.

Am Ende fraß die Kuh alle vier Fußbälle. Aber statt zu leiden und zum Beispiel Durchfall oder Blähungen zu bekommen, pumpte sich ihr Körper auf. Es ging ihr besser. Mir war, als hätte ich einen Fehler gemacht, als ich der Kuh die Kautschukbälle zu fressen gegeben hatte. Es machte ihr nichts aus, sie litt keine Qualen.

Trotz zunehmend surrealer Handlung behält der Erzähler den schildernden Tonfall bei. Das Geschehnis basiert zwar nicht auf gewöhnlicher Logik, doch der Erzähler erlebt es nicht als absurd, wodurch eine eigene surreale Logik entsteht. Die kurzen Sätze und der abgehackte Rhythmus der Übersetzung erinnern eher an eine Berichterstattung, die als solche nicht zu der Absurdität der Handlung passt. Doch in dieser Spannungsbeziehung von Sprache und Inhalt liegt die Wirkung der Geschichte auf die Leserinnen und Leser.

Die Geschichten wirken auf Deutsch oft fremd, nicht nur weil die Geschichten zwischen Realität und Traumwelt spielen, sondern auch weil der vom Erzähler als „normal“ empfundene Alltag für deutschsprachige Leserinnen und Leser nicht viele Vergleiche mit dem eigenen Leben zulässt. Diese interessante „Fremdheit“ wird in der Übersetzung auch sprachlich unterstrichen. Als der Vater seinen Sohn bittet, ihm einen Arm zu schenken, antwortet dieser sarkastisch und traurig zugleich: „Das ist wirklich etwas, was noch nie ein Vater von seinem Sohn verlangt hat. Das ist original, Papa, echt original“ (Kursivierung wie im Buch). Es ist klar, was der Junge meint, und zugleich erzeugt das Wort „original“ eine besondere Wirkung, wie es eine idiomatische Wendung nicht könnte.

Die Geschichten in „Ein Witz für ein Leben“ setzen sich auf unterschiedliche Weise mit der Frage auseinander, was Menschen Macht und auch Würde verleiht. In der Perspektive eines Kindes, das im Kriegsalltag aufwächst, bedeutet das, eine Waffe zu tragen. Der Erwachsene, der sich später in dieses Kind hineinversetzt, hat erkannt, dass es noch viel mehr ist. Dazwischen liegt dieses Buch. Es zeigt den Versuch, mithilfe von Vorstellungskraft und Literatur einer brutalen Realität ins Auge zu sehen, und individuellen Menschenleben, die in der Wucht des Krieges oft untergehen, Würde zu verleihen. In Zeiten wie jetzt, die als ein Krieg gegen einen unsichtbaren Feind bezeichnet werden, wird klarer, dass Bücher nicht nur Zeitvertreib sind, sondern helfen, sich eine Realität vorzustellen, die zuvor unvorstellbar wirkte. Larissa Benders Übersetzung, die uns in eine Welt versetzt, die uns ohne sie völlig verschlossen bliebe, ist genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen.

Anm. d. Red.: Dieser Beitrag wurde ohne Kenntnis der Originalsprache verfasst. Mehr zum Thema hier.

Drei Fragen an Larissa Bender

Aus dem Arabischen übersetzte Literatur überflutet nicht gerade den deutschen Buchmarkt. Ist das Interesse an arabischer Literatur in den letzten Jahren gestiegen?

Vor dem Jahr 2011, dem Beginn des sogenannten arabischen Frühlings, hatte sich das Interesse an arabischer Literatur auf einem recht niedrigen Niveau eingependelt, professionelle Übersetzer*innen waren nur mäßig ausgelastet, sodass sich auch nur wenig Chancen für Nachwuchsübersetzer*innen auftaten.

Nach Beginn der Revolutionen in etlichen arabischen Staaten und den darauffolgenden politischen und ökonomischen Umwälzungen in diesen Ländern wuchsen bei einigen deutschen Verlagen die Erwartungen auf DEN ultimativen Revolutionsroman. Verdrängt wurde dabei allerdings die Tatsache, dass viele Schriftsteller*innen selbst um das eigene Überleben kämpfen mussten oder sich auf der Flucht befanden und dass – abgesehen davon – die tiefgründige künstlerische Verarbeitung solcher Ereignisse, die nicht nur das eigene Leben und das Leben von Familie und Freunden bedrohte, sondern auch die eigene Lebenswelt vollkommen auf den Kopf stellte, seine Zeit braucht.

Als im Zuge der Verwerfungen in den arabischen Ländern vor einigen Jahren zahlreiche Geflüchtete nach Deutschland kamen, wurden auch einige Förderprojekte für die schreibende Zunft ins Leben gerufen. Insbesondere unter den syrischen Geflüchteten waren unzählige Autor*innen oder angehende Schriftsteller*innen, die in großem Stil gefördert wurden und von denen einige mittlerweile bei deutschen Verlagen veröffentlichen konnten. Auch wenn diese Literatur zuerst in erster Linie als „Geflüchteten-Literatur“ wahrgenommen wurde, was viele dieser Autor*innen auch kritisierten, ist in Deutschland mittlerweile eine Exilliteratur syrischer Schriftsteller*innen entstanden, die in immer breiteren Kreisen Beachtung findet. Durch diese Entwicklung wurde auch der arabischen Literatur insgesamt in der deutschen Kulturszene mehr Aufmerksamkeit zuteil als früher.

Trotzdem muss man konstatieren, dass die arabische Literatur nach wie vor ein Schattendasein im deutschen Literaturmarkt führt und dass die Gesamtheit der aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzten Werke nicht annähernd die Literatur der zweiundzwanzig arabischsprachigen Staaten abbildet.

Die Geschichten in „Ein Witz für ein Leben“ sind oft aus Kinderperspektive erzählt, bewegen sich zwischen dem Realen und dem Surrealen und die Schauplätze sind Mitteleuropäer*innen oft fremd. Wo liegen die größten Herausforderungen und welche übersetzerischen Aspekte waren besonders interessant?

Die größte Herausforderung bei der Übersetzung war vielleicht, sich auf diese extreme Absurdität in den Geschichten einzulassen. Wir Arabischübersetzer*innen haben es oft mit Texten zu tun, die gar nicht oder nur unzureichend lektoriert sind, sodass sie häufig ungenau im Ausdruck wie auch in den Bildern sind. Mazen Maarouf aber schreibt eine sehr knappe Sprache, jedes Wort ist bewusst gesetzt, es gibt keine Wiederholungen oder überflüssigen Erklärungen. Das Absurde im arabischen Text ist also beabsichtigt und nicht Folge eines schiefen Ausdruckes oder Bildes.

Ganz ähnlich erging es mir schon bei der Übersetzung der Miniaturen von Niroz Malek („Der Spaziergänger von Aleppo“, Weidle Verlag 2017), der gleichfalls mit einer sehr dichten Sprache höchst kuriose Situationen beschreibt. Das Absurde und Lapidare, das Angedeutete, das nicht mit unzähligen Wörtern Ausgeführte und Erklärte – ein Stil, der mir persönlich sehr gefällt – dient beiden Autoren dazu, über das eigentlich Unfassbare und Unbeschreibliche in der Welt wie Krieg, Verlust oder Tod zu schreiben. Bei beiden werden die Grenzen zwischen Realität, Fantasie, Traum und Erinnerungen ständig überschritten.

Dass Mazen Maarouf dazu häufig noch die Perspektive eines Kindes einnimmt, erlaubt ihm vielleicht sogar, noch einen Schritt weiterzugehen, das Absurde noch weiter auf die Spitze zu treiben. Das Kind, das sich noch nicht an das Unbegreifliche des Lebens gewöhnt hat, das noch nicht durch Routine „verdorben“ ist und deshalb seiner Fantasie die Zügel noch lockerer lässt, stellt alles in Frage und lässt den Erwachsenen mitunter verwirrt, betroffen oder verwundert zurück. Das hat mir an den Geschichten sehr gut gefallen. Dass die Sprache des Autors darüber hinaus so kurz und knapp ist, hat das Übersetzen sehr erleichtert, denn arabische Bandwürmer stellen die Übersetzer*innen häufig vor große Herausforderungen.

Warum sollte man dieses Buch gelesen haben?

Die Storys eröffnen den Blick auf höchst ungewöhnliche Welten und regen die Fantasie der Leser*innen an. Hinzu kommt, dass Themen wie Krieg, Tod, Entbehrung, Verlust, Zerstörung nicht sonderlich attraktiv sind und meist nur wenige Leser finden. Mazen Maarouf gelingt es jedoch, sich mit diesen Themen auf humorvolle Weise auseinanderzusetzen, auch wenn den Leser*innen das Lachen häufig im Halse steckenbleibt.

Wichtig finde ich auch, dass die Texte dem weit verbreiteten stereotypen Bild von arabischer Literatur – weitschweifig, kitschig, ein Abbild von Tausendundeine Nacht – etwas entgegensetzen und einen vollkommen anderen Zugang zu dieser Welt und dieser Literatur vermitteln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.