Gro­ße klei­ne Spra­che: Chi­ne­sisch

Chinesisch spricht und schreibt man nicht nur in China – Taiwan, Hongkong und Macao haben eine ganz eigene Literaturszene, die entdeckt werden will. Nicht zu vergessen die in der Emigration entstehende und in der Volksrepublik verbotene Dissidentenliteratur. Von

Li Mei-shu: "Launder by the Riverside" (Waschen am Fluss), 1981 (Li Mei-shu Memorial Gallery, Quelle: WikiCommons)

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt; davon wird aber nur ein win­zi­ger Bruch­teil ins Deut­sche über­setzt. In die­ser Rubrik fra­gen wir Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Bis­he­ri­ge Bei­trä­ge in die­ser Rubrik:

Wie hast du Chi­ne­sisch gelernt?

In der Schu­le habe ich meh­re­re euro­päi­sche Spra­chen gelernt und durf­te auch in die Sprach­wis­sen­schaft hin­ein­schnup­pern. Danach woll­te ich eine ganz ande­re, mög­lichst fer­ne Spra­che ken­nen­ler­nen, und am Ende hat mei­ne Neu­gier­de auf die unge­wöhn­li­chen Schrift­zei­chen den Aus­schlag für Chi­ne­sisch gege­ben. Ich woll­te wis­sen, wie eine Spra­che funk­tio­niert, die auf den ers­ten Blick so gar nicht wie die mir bis­her bekann­ten Spra­chen wirk­te.

Ich habe also Sino­lo­gie und Ger­ma­nis­tik stu­diert. Damals, Mit­te der 80er Jah­re, gab es in Chi­na einen rie­si­gen Wirt­schafts­boom, in der Fol­ge haben wir mit sehr hohen Stu­die­ren­den­zah­len ange­fan­gen. Aber nahe­zu zwei Drit­tel gaben gleich in den ers­ten Wochen und Mona­ten vor allem wegen der Schrift­zei­chen wie­der auf. Wäh­rend des Stu­di­ums war ich dann auch zum ers­ten Mal live in Chi­na, mit Anfang zwan­zig, damals noch ohne Inter­net und ohne inter­na­tio­na­len Tele­fon­an­schluss im Wohn­heim, eine ein­schnei­den­de Erfah­rung. Ich stu­dier­te in Nan­jing, reis­te in vie­le Regio­nen des Lan­des und gleich im Anschluss für ein hal­bes Jahr ins „ande­re Chi­na“, nach Tai­wan, via Hong­kong und Macao, um mög­lichst viel Chi­na direkt zu erle­ben. 1989 kam ich schließ­lich über Peking mit der Trans­si­bi­ri­schen Eisen­bahn zurück nach Deutsch­land, nur weni­ge Mona­te vor dem Tia­nan­men-Mas­sa­ker im Juni, das man rück­bli­ckend wohl durch­aus als den Beginn der Umkehr Chi­nas zurück zu Dik­ta­tur und Über­wa­chungs­staat anse­hen kann.

Reist du heu­te noch oft nach Chi­na?

Ins­be­son­de­re die Über­wa­chung, aber auch die schlech­te Lebens­mit­tel­qua­li­tät sowie die enor­me Umwelt­ver­schmut­zung und ‑zer­stö­rung ver­lei­den mir heu­te den Gedan­ken an einen Auf­ent­halt dort eher. Poli­ti­sche Dis­si­den­ten wie der kri­ti­sche Repor­ta­ge-Schrift­stel­ler Liao Yiwu, der sich 2011 zur Flucht aus Chi­na gezwun­gen sah, wer­den unter der Regie­rung Xi Jin­ping als „Lan­des­ver­rä­ter“, die den „chi­ne­si­schen Traum“ in den Schmutz zie­hen, mas­siv ver­folgt. Ich kann mei­ne Augen vor die­ser Situa­ti­on nicht mehr ein­fach ver­schlie­ßen, die mir in zu vie­len Tex­ten, auch von mir selbst über­setz­ten, begeg­net. Mitt­ler­wei­le ist mir des­halb Tai­wan, das demo­kra­ti­sche Chi­na, wo ich eine sehr schö­ne Zeit als DAAD-Lek­to­rin ver­bracht habe, sym­pa­thi­scher als die VR. So kann ich auch ohne Beden­ken Lite­ra­tur über­set­zen, die in der VR Chi­na ver­bo­ten ist, ohne mir Sor­gen um mög­li­che Ein­rei­se­pro­ble­me machen zu müs­sen.

Wie sieht die chi­ne­si­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Von der chi­ne­si­schen Lite­ra­tur­sze­ne kann man eigent­lich gar nicht spre­chen, denn sie ist alles ande­re als ein­heit­lich. Chi­ne­sisch­spra­chi­ge Lite­ra­tur wird – dar­an denkt man ja bei „Chi­na“ als ers­tes – in der VR Chi­na geschrie­ben. Dort ist wei­ter zu unter­schei­den zwi­schen einer von staat­li­cher Sei­te geför­der­ten oder gedul­de­ten Lite­ra­tur­sze­ne und der soge­nann­ten Dis­si­den­ten­li­te­ra­tur, die sich mehr oder weni­ger offen, und mehr oder weni­ger ver­folgt, zum Teil ins Aus­land ver­trie­ben, kri­tisch und gegen die staat­li­che Zen­sur mit der Situa­ti­on im eige­nen Land aus­ein­an­der­setzt. Und natür­lich gibt es auch Lite­ra­tur, die unpo­li­tisch ist oder sein will.

Chi­ne­sisch­spra­chi­ge Lite­ra­tur wird aber auch in Tai­wan geschrie­ben, ein de fac­to eigen­stän­di­ges Land mit eige­ner Regie­rung und – vor allem unter den jün­ge­ren Genera­tio­nen – einem unab­hän­gi­gen Selbst­ver­ständ­nis, mul­ti­kul­tu­rell und seit der Demo­kra­ti­sie­rung in den 80er und 90er Jah­ren mit einer immer bun­te­ren Lite­ra­tur­sze­ne. Dort wird heu­te im Prin­zip alles geschrie­ben, was für ein moder­nes, viel­fäl­ti­ges und frei­es Land kenn­zeich­nend ist.

Schließ­lich gibt es eige­ne klei­ne Lite­ra­tur­sze­nen in der Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne Hong­kong, wo zur Zeit eben­falls vor allem jun­ge Men­schen gegen das unge­lieb­te Regime in Peking und die offi­zi­el­le Poli­tik des „Ein Land, zwei Sys­te­me“ mobil machen, und in Macao, einer ehe­mals por­tu­gie­si­schen Kolo­nie, heu­te das Spiel­pa­ra­dies der VR Chi­na, und nicht zuletzt in der Dia­spo­ra der Aus­lands­chi­ne­sen. Bei­spie­le dafür sind der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger des Jah­res 2000, Gao Xing­ji­an, in Frank­reich und der bereits erwähn­te Liao Yiwu in Deutsch­land.

Wie hat sich die chi­ne­si­sche Lite­ra­tur ent­wi­ckelt?

Wenn man auch münd­lich tra­dier­te For­men wie Volks­lie­der berück­sich­tigt, reicht die chi­ne­si­sche Lite­ra­tur über drei­tau­send Jah­re zurück. Wir fin­den Gedich­te in gro­ßer Zahl, die berühm­tes­ten aus den Dynas­tien Tang und Song (7.–13. Jh.), aber auch Pro­sa­tex­te und Thea­ter­stü­cke. Bei uns sind neben den Gedich­ten vor allem die „klas­si­schen“ Roma­ne der Dynas­tien Ming und Qing (14. Jh.-1911) bekannt, zumeist in der Über­set­zung von Franz Kuhn: Der Traum der Roten Kam­mer, Kin Ping Meh oder Die aben­teu­er­li­che Geschich­te von Hsi Men und sei­nen sechs Frau­en, Die drei Rei­che, Die Räu­ber vom Liang-Schan-Moor und Die Rei­se in den Wes­ten.

Die moder­ne Lite­ra­tur beginnt in Chi­na nach dem Unter­gang des chi­ne­si­schen Kai­ser­reichs (1911) mit der äußerst ein­fluss­rei­chen „4.-Mai-Bewegung“ 1919, die für eine ver­än­der­te, moder­ne und demo­kra­ti­sche Gesell­schaft, Kul­tur und für eine all­ge­mein­ver­ständ­li­che, nicht eli­tä­re Lite­ra­tur in Umgangs­spra­che stritt. Der wahr­schein­lich bedeu­tends­te Schrift­stel­ler der dama­li­gen Zeit war Lu Xun (auch Lu Hsün), des­sen Kurz­ge­schich­te Das Tage­buch eines Ver­rück­ten als Grün­dungs­text der moder­nen chi­ne­si­schen Lite­ra­tur gilt. Sie fängt an mit einem Vor­spann in tra­di­tio­nel­ler Lite­ra­tur­spra­che und wech­selt für die Tage­buch­ein­trä­ge in eine ver­gleichs­wei­se ein­fa­che, der rea­len Umgangs­spra­che nahe, neue lite­ra­ri­sche Spra­che.

Spä­ter kommt es zu einer zuneh­men­den Ideo­lo­gi­sie­rung der Lite­ra­tur. Die gegen­sätz­li­chen  Zie­le von Kom­mu­nis­ten und Natio­na­lis­ten für Chi­na, bis 1945 durch die anti­ja­pa­ni­sche Ein­heits­front müh­sam über­deckt, mün­den 1945, nach der Nie­der­la­ge Japans im 2. Welt­krieg, in einen Bür­ger­krieg und füh­ren 1949 zur Spal­tung Chi­nas in die VR Chi­na unter Mao Zedong und die (auto­ri­tär regier­te) Repu­blik Chi­na unter Chiang Kai-Shek auf der Insel Tai­wan. In der VR Chi­na ver­schwin­det zuletzt jede Kul­tur, Kunst und Lite­ra­tur jen­seits der Ideo­lo­gie wäh­rend der „Gro­ßen Pro­le­ta­ri­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“ (1966–1976) voll­stän­dig. Nach deren Ende erholt sich die Lite­ra­tur­sze­ne lang­sam mit neu­en Ansät­zen wie der soge­nann­ten „Nar­ben­li­te­ra­tur“ und der „Suche nach den Wur­zeln“ sowie der „Obsku­ren Lyrik“, die sich – nicht unähn­lich der Situa­ti­on in Deutsch­land nach der Nazi-Dik­ta­tur – erneut auf die Suche nach einer neu­en, von der Pro­pa­gan­da nicht ver­brauch­ten Spra­che begibt. Auf Tai­wan ergeht es der Lite­ra­tur zunächst nur inso­weit bes­ser, wie sie im Sin­ne der dor­ti­gen neu­en, vom Fest­land geflo­he­nen natio­na­lis­ti­schen Macht­ha­ber ist: Roman­ti­sie­ren­de „Erin­ne­rungs­li­te­ra­tur“ an das Leben auf dem Fest­land und anti­kom­mu­nis­ti­sche Pro­pa­gan­da­li­te­ra­tur ste­hen hoch im Kurs. Die bereits ansäs­si­gen Insel­be­woh­ner und kri­ti­sche Stim­men spie­len kei­ne Rol­le. Erst mit der Demo­kra­ti­sie­rung des Lan­des ändert sich dies grund­le­gend und die tai­wa­ni­sche Lite­ra­tur­sze­ne wird schnell viel­fäl­tig und viel­stim­mig.

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Von den tra­di­tio­nel­len Dich­tern soll­te man auf jeden Fall Li Bai (auch Li Bo, Li Tai-po u. ä.) und Du Fu (Tu Fu) ken­nen, die gele­gent­lich als Goe­the und Schil­ler Chi­nas bezeich­net wer­den. Dazu kom­men die erwähn­ten klas­si­schen Roma­ne, die einen span­nen­den Ein­druck vom Leben im alten Chi­na geben, sowie Shen Fus auto­bio­gra­phi­sche Sechs Auf­zeich­nun­gen eines unste­ten Lebens. Für die moder­ne Zeit möch­te ich neben Lu Xun auch die ande­ren Pro­sa- und Lyrik­wer­ke in der edi­ti­on peng­kun nahe­le­gen. Außer­dem fin­de ich per­sön­lich Die Fami­lie von Ba Jin und das Thea­ter­stück Das Tee­haus von Lao She äußerst lesens­wert. Auch eine Hand­voll Schrift­stel­le­rin­nen (z. B. Ding Ling, Xiao Hong, Zhang Ailing) könn­te man hier mit ein­fluss­rei­chen Wer­ken auf­zäh­len.

Für Gesell­schaft und Leben in der heu­ti­gen VR Chi­na emp­feh­le ich aus mei­ner eige­nen Über­set­zer- und Lese­er­fah­rung zual­ler­erst den aus Chi­na ver­trie­be­nen Repor­ta­ge-Schrift­stel­ler Liao Yiwu, ins­be­son­de­re sei­ne auto­bio­gra­phi­schen Wer­ke, über sei­ne Zeit im Gefäng­nis und sei­ne Flucht aus Chi­na, sowie sei­ne lite­ra­risch bear­bei­te­ten Inter­views mit Außen­sei­tern und Rand­exis­ten­zen der chi­ne­si­schen Gesell­schaft, Kri­mi­nel­len, kri­mi­na­li­sier­ten poli­tisch Ver­folg­ten, aber auch mit Künst­lern, ver­folg­ten Chris­ten und nicht zuletzt mit und über (auch getö­te­te) Demons­tran­ten auf dem Tia­nan­men-Platz 1989. Man erhält dort beein­dru­cken­de, selbst für Ken­ner Chi­nas neue Ein­bli­cke in die Viel­schich­tig­keit des Lebens in der bei uns oft so ein­di­men­sio­nal wahr­ge­nom­me­nen VR Chi­na. Doch auch ein Autor wie Murong Xue­cun (Hao Qun) eröff­net mit sei­nem Roman Cheng­du, ver­giss mich heut Nacht inter­es­san­te Per­spek­ti­ven auf das Leben jun­ger Men­schen in Chi­na.

Wei­te­re Namen sind der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Gao Xing­ji­an, der eben­falls in Frank­reich leben­de Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher Dai Sijie, die Lyri­ker Duo Duo, Gu Cheng, Yang Lian, Zhang Zao (Obsku­re und Post­ob­sku­re Lyrik) und der Gra­phic Novel-Ver­fas­ser Li Kuan­wu, der sich in Bil­dern im Stil chi­ne­si­scher Land­schafts­ma­le­rei mit dem Eisen­bahn­bau in Yunn­an und dem Leben wäh­rend der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on befasst.

Was ist noch nicht über­setzt?

Zahl­rei­che der genann­ten Wer­ke, Autoren und Autorin­nen sind bis­her gar nicht bzw. nur in Tei­len über­setzt oder könn­ten eine Neu­über­set­zung ver­tra­gen, die ihre lite­ra­ri­schen Qua­li­tä­ten kla­rer her­vor­tre­ten lässt. Ich möch­te bei die­ser Fra­ge aber wie­der Tai­wan etwas mehr in den Vor­der­grund rücken. Tai­wan darf inter­na­tio­nal kei­ne Rol­le spie­len, weil sonst die VR Chi­na sofort inter­ve­niert. Wirt­schaft­lich hat man es den­noch geschafft, sich ein eige­nes Stan­ding zu erar­bei­ten, in der Coro­na-Kri­se hat man sich durch her­vor­ra­gen­des Kri­sen­ma­nage­ment eben­falls beträcht­li­ches Anse­hen erwor­ben. Kul­tu­rell ver­sucht man hin­ge­gen schon seit gerau­mer Zeit, auch in Deutsch­land, mit staat­lich geför­der­ten Pro­jek­ten, zu denen unter ande­rem eine Über­set­zungs­för­de­rung für lite­ra­ri­sche Wer­ke von der Insel gehört, ver­stärkt zur Kennt­nis genom­men zu wer­den, bis­lang mit mäßi­gem Erfolg, obwohl es durch­aus inter­es­san­te Autoren und Autorin­nen gibt, die über die ver­schie­dens­ten The­men einer moder­nen, mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft schrei­ben. Beson­ders erwäh­nens­wert fin­de ich:

  • Shang Qin (1930–2010), einen moder­nen, sur­rea­lis­ti­schen Lyri­ker, der noch zur Kriegs­ge­nera­ti­on gehör­te,
  • Qiu Miao­jin, eine les­bi­sche Schrift­stel­le­rin, die in Tai­wan die Homo­se­xu­el­len-Lite­ra­tur mit­be­grün­de­te und sich 1995 das Leben nahm, ihr bekann­tes­tes Werk ist der moder­nis­ti­sche und recht skur­ri­le auto­bio­gra­phi­sche Roman Auf­zeich­nun­gen eines Kro­ko­dils,
  • die Schrift­stel­le­rin Maru­la Liu (Liu Zijie), die unter ande­rem die spä­ter ver­film­te Erzäh­lung Sie­ben Tage Trau­er geschrie­ben hat,
  • den Schrift­stel­ler Sya­man Rapon­gan, der zu einer tai­wa­ni­schen regio­na­len Min­der­heit gehört,
  • sowie Kan Yao­m­ing und Liu Ka-shiang.

Sie alle erzäh­len in der ein oder ande­ren Wei­se vom Leben, den Men­schen, ihrem Den­ken und den Pro­ble­men auf der Insel und dabei auch von glo­ba­len The­men wie Umwelt­zer­stö­rung, gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der Glo­ba­li­sie­rung vor Ort und dem Zusam­men­le­ben in einer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Chi­ne­si­schen? Wie gehst du damit um?

Chi­ne­sisch kann vie­les offen las­sen, da es kei­ne Fle­xi­on gibt und die Schrift­zei­chen unab­hän­gig von der Funk­ti­on eines Wor­tes im Satz immer gleich aus­se­hen. Bezü­ge wer­den nicht auf­grund von Wort­for­men deut­lich. Auch Ver­ben wer­den im Chi­ne­si­schen nicht kon­ju­giert, man sieht ihnen also Tem­pus und Modus nicht direkt an. Ein Text oder ein Text­ab­schnitt kann damit, wenn es gewünscht ist, zeit­los und in unkla­ren Zwi­schen­räu­men geschrie­ben sein, so dass der Leser nicht weiß, ob etwas in der Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart oder Zukunft pas­siert oder all­ge­mein­gül­tig gedacht ist, ob etwas real, Traum oder irre­al ist, ob es Erzäh­lung, direk­te oder indi­rek­te Rede ist. Auch das Sub­jekt muss nicht immer not­wen­dig genannt wer­den und ist aus dem Verb ohne Kon­ju­ga­ti­on nicht erschließ­bar, der Nume­rus kann eben­falls feh­len, Arti­kel gibt es nicht. Im Deut­schen muss man in all die­sen Fäl­len prä­zi­ser sein und die sprach­lo­gi­schen und seman­ti­schen Ver­hält­nis­se und Bezü­ge selbst gestal­ten, um die Über­set­zung nach­voll­zieh­bar und ver­ständ­lich zu machen.

Eine ande­re Schwie­rig­keit ist die Viel­fäl­tig­keit der chi­ne­si­schen Spra­che, die aus der gro­ßen Spre­cher­zahl und dem rie­si­gen Sprach­ge­biet resul­tiert: Im chi­ne­sisch­spra­chi­gen Raum gibt es wie im deutsch­spra­chi­gen D‑A-CH-Raum natür­lich eben­falls ver­schie­de­ne Dia­lek­te, Sozio­lek­te und Eth­n­o­lek­te, die sich auf­grund der gro­ßen Ent­fer­nun­gen zwi­schen den Spre­cher­grup­pen zum Teil noch wesent­lich stär­ker unter­schei­den als bei uns und auch zahl­rei­cher sind. Die Schrift­zei­chen sind dabei iden­tisch, aber die sprach­li­chen Struk­tu­ren, der Wort­schatz und Rede­wen­dun­gen kön­nen erheb­lich von­ein­an­der abwei­chen. Hier hilft neu­er­dings das Inter­net ganz unge­mein, denn da oft auch Chi­ne­sen aus ande­ren Regio­nen sol­che Aus­drucks­wei­sen nicht ver­ste­hen und die­se nicht unbe­dingt in chi­ne­sisch­spra­chi­gen Wör­ter­bü­chern ste­hen, fra­gen sie selbst im Inter­net danach, und man fin­det Erklä­run­gen in per­fek­ter chi­ne­si­scher Hoch­spra­che, manch­mal sogar direkt Über­set­zun­gen ins Hoch­chi­ne­si­sche.

Was kann Chi­ne­sisch, was Deutsch nicht kann?

Die Schwä­che des Chi­ne­si­schen ist auch sei­ne Stär­ke: Das Chi­ne­si­sche kann vie­les offen las­sen und damit sehr „impli­zit“ blei­ben, was natür­lich gera­de für lite­ra­ri­sche Wer­ke reiz­voll sein kann. Der Schrift­stel­ler und Sino­lo­ge Gün­ter Eich schrieb dazu ein­mal, das Deut­sche zie­le auf den wis­sen­schaft­li­chen, das Chi­ne­si­sche auf den wei­sen Men­schen. Die­se Impli­zit­heit zusam­men mit den chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen – zum Teil noch heu­te, vor allem aber im vor­mo­der­nen Chi­ne­sisch kann ein Schrift­zei­chen für ein Wort ste­hen – ermög­licht eine beein­dru­cken­de inhalt­li­che Dich­te des Chi­ne­si­schen, die in hohem Maße der Lyrik zugu­te­kommt, wo bei­spiels­wei­se in einer Vers­zei­le mit fünf Schrift­zei­chen sehr viel gesagt und noch mehr impli­ziert sein kann (Anm. d. Red.: vgl. die Über­set­zung des Monats Febru­ar zu Neun­zehn Arten Wang Wei zu betrach­ten).

Nicht zuletzt lässt sich mit der visu­el­len Kom­po­nen­te der chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen in Tex­ten auch spie­len, indem man bestimm­te Bedeu­tungs­ele­men­te, aus denen die Zei­chen sich zusam­men­set­zen, gezielt her­aus­hebt, bei­spiels­wei­se Schrift­zei­chen anein­an­der­reiht oder regel­mä­ßig über einen Text ver­teilt, die alle das Bedeu­tungs­ele­ment „Was­ser“ oder „Wort, spre­chen“ oder „Mensch“ ent­hal­ten. Sol­che Stil­mit­tel sind in der Über­set­zung prak­tisch nicht nach­zu­ah­men.

Wir suchen für die Rubrik „Gro­ße klei­ne Spra­che“ Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die Lust haben, ihre „klei­ne“ Spra­che mit unse­rem Fra­ge­bo­gen vor­zu­stel­len. Wenn du dich ange­spro­chen fühlst, mel­de dich ger­ne unter redaktion@tralalit.de.

Bri­git­te Höhen­rie­der stu­dier­te in Würz­burg, Tübin­gen, Nan­jing und Tai­pei Sino­lo­gie und Ger­ma­nis­tik, am Ran­de Japa­no­lo­gie und Phi­lo­so­phie, pro­mo­vier­te in chi­ne­si­scher Sprach­wis­sen­schaft, war 2009–2014 DAAD-Lek­to­rin in Tai­pei und ist seit 2018 Dozen­tin am Arbeits­be­reich Inter­kul­tu­rel­le Ger­ma­nis­tik des FTSK Ger­mers­heim der Uni Mainz. Seit den 90er Jah­ren über­setzt sie aus dem Chi­ne­si­schen, pro­fes­sio­nell chi­ne­si­sche Lite­ra­tur seit etwa 2005. Zusam­men mit Hans Peter Hoff­mann ist sie Über­set­ze­rin des chi­ne­si­schen Dis­si­den­ten und Schrift­stel­lers Liao Yiwu für den Fischer Ver­lag. Sie geben gemein­sam die „edi­ti­on peng­kun“ des pro­jekt­ver­lags her­aus, in der wich­ti­ge Wer­ke der chi­ne­sisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur nach 1919 erschei­nen. 2018 hat Bri­git­te außer­dem aus dem Eng­li­schen „Die Welt des Xi Jin­ping“ von Ker­ry Brown über­setzt.

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