„Sau­kom­isch, sau­klug, sauschwer“

Für ihre Übersetzung des Romans „Oreo“ von Fran Ross erhielt Pieke Biermann im März den Preis der Leipziger Buchmesse. Im Interview mit TraLaLit erzählt die Übersetzerin, wie sie zu dem Buch kam, wie sie die vielen Herausforderungen gemeistert hat, und was das Buch so besonders macht. Interview:

Pieke Biermann, Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse 2020 für die Übersetzung von Oreo. Bild: © Remo Casilli


Nach weni­gen Sei­ten wuss­te ich, dass Oreo mir gefal­len wür­de. Ging es dir ähn­lich? Wie kamst du zu dem Buch?
Genau­so! Ich hat­te eine jubeln­de Rezen­si­on von Mar­lon James im Guar­di­an gele­sen, und die hat mich schon elek­tri­siert: Das Buch muss ich haben! Wie­so ist mir die­se Fran Ross ent­gan­gen, als ich in den 1980er Jah­ren für ein Radio­fea­ture über die Lite­ra­tur von afro­ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­le­rin­nen recher­chiert hab? Ich hab mir also Oreo besorgt, die ers­ten drei bis fünf Sei­ten gele­sen, dann durch­ge­blät­tert, und mei­ne Augen wur­den immer grö­ßer. Und dann kamen mir die­se drei Adjek­ti­ve in den Kopf: sau­kom­isch, sau­klug, sau­sch­wer – zu über­set­zen. Ach, wenn ich das ver­su­chen dürfte!

In der Begrün­dung der Jury zur Preis­ver­ga­be heißt es: „Zwi­schen Mytho­lo­gie, Ras­sis­mus­kri­tik, Slap­stick und Psy­cho­ana­ly­se-Sati­re chan­gie­rend, brennt Fran Ross in Oreo zudem ein sprach­li­ches Feu­er­werk ab, das sei­nes­glei­chen sucht. Jid­di­sche Aus­drü­cke, Gos­sens­lang und aka­de­mi­sches High­brow-Pala­ver stel­len die Über­set­zung vor enor­me Her­aus­for­de­run­gen“. Was war für dich die größ­te Herausforderung?
Es steckt ja noch mehr drin – ver­schie­de­ne schwarz-eng­li­sche Idio­me, jüdi­sche Tra­di­ti­on, Essen, Jazz, Refe­ren­zen auf  popu­lar cul­tu­re bits, zum Bei­spiel Schnöker­sa­chen, die es frü­her im Kino gab, die lie­bens­wert-hane­bü­che­ne Pri­vat­spra­che von Ore­os Bru­der Jim­my C., die eben­so lie­bens­wert ver­knautsch­te Aus­spra­che ihrer Groß­mutter Loui­se, auch Sei­ten­hie­be auf poli­ti­sche Aktua­li­tä­ten … Ich weiß wirk­lich nicht, was mich am meis­ten umge­trie­ben hat.

Die Über­set­zung die­ses Buches erfor­dert sehr unter­schied­li­che Fähig­kei­ten. Einer­seits eine umfang­rei­che und detail­lier­te Recher­che­ar­beit und ande­rer­seits gro­ße Fan­ta­sie und Krea­ti­vi­tät beim Über­tra­gen ins Deut­sche. Wie ging es dir dabei, die­se Aspek­te unter einen Hut zu bringen?
Es hat ein­fach irr­wit­zig Spaß gemacht, und es hat mir die tol­le Mit­hil­fe aller mög­li­cher Men­schen ein­ge­tra­gen – beim Kapie­ren: Was heißt das denn? Wor­auf spielt das an? Beim Mit-Pro­du­zie­ren, beim Redi­gie­ren. Ich recher­chie­re gern, wahr­schein­lich ist an mir ein cold cases detec­ti­ve ver­lo­ren gegan­gen. Und ich spie­le rasend gern mit Sprache/n, dafür kann ich aber nichts, ich bin schon als Kind mit ver­ball­horn­ten Wör­tern gefüt­tert wor­den und spä­ter dann mit allem, was es an Kaba­rett in den 1960/70ern im Fern­se­hen zu sehen gab.

Das Buch wird vor allem für sei­nen Witz gelobt, sowohl das Ori­gi­nal als auch dei­ne Über­set­zung. Humor ist bekannt­lich eine der größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen. Wie hast du geschafft, den Ton zu treffen?
Ich habe kei­ne Ahnung. Play­ing it by ear, viel­leicht? Doing by learning?

Die Autorin Fran Ross ver­starb 1985, du konn­test dich also nicht mit ihr abspre­chen. Hät­test du Fra­gen an sie gehabt?
Das wär mein Traum gewe­sen! Ich hab ja am liebs­ten Über­set­zun­gen, bei denen ich einen leben­den und inter­es­sier­ten Autor, aller­lei Geschlechts!, fra­gen kann. Fran­nie hät­te ich gern gefragt, ob mit der „Sibyl“ in dem klei­nen Sei­ten­hieb auf freu­dia­ni­sches Tüdelü die anti­ke, ora­keln­de Sibyl­le gemeint ist oder viel­leicht eine real-exis­tie­ren­de Sibyl, womög­lich irgend­ei­ne Freun­din. Oder beides?

Oreo erschien 1974 in den USA. Zu der Zeit waren die gesell­schaft­li­chen Umstän­de, aber auch der Sprach­ge­brauch anders. Inwie­fern hat das dei­ne Über­set­zungs­ar­beit beeinflusst?
Es ist heu­te bestimmt leich­ter, Oreo zu über­set­zen. Vie­le die­ser cul­tu­re bits, nicht nur die musi­ka­li­schen, sind inzwi­schen als O‑Ton in die deut­sche Spra­che ein­ge­wan­dert. Deutsch ist ja nicht nur selbst eine unglaub­lich rei­che Spra­che, son­dern auch ein Aus­bund an Inklu­si­vi­tät, gera­de­zu Willkommenskultur.

Mar­lon James schreibt in sei­ner Ein­lei­tung zu einer 2018 erschie­ne­nen eng­li­schen Aus­ga­be: „Es über­rascht natür­lich nicht, dass die Köp­fe 1974 nicht bereit waren. Vie­le sind es auch heu­te nicht. Aber Ore­os Zeit ist sicher­lich jetzt.” Wür­dest du zustim­men? War­um ist es wich­tig, die­ses Buch auch einer deutsch­spra­chi­gen Leser­schaft zugäng­lich zu machen?
Ich den­ke, er hat recht mit bei­dem. Und um zu wis­sen, war­um Oreo gera­de heu­te in unse­re lite­ra­ri­sche und poli­ti­sche Land­schaft passt, genügt ein kur­zer Blick auf die Kei­le­rei­en zum The­ma „Iden­ti­täts­po­li­ti­ken“. Fran Ross schmeißt alle Kegel durch­ein­an­der, und zwar lustvoll.

Was bedeu­ten Prei­se wie der Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se? Für dich per­sön­lich und für die­ses Buch?
Ich hof­fe instän­dig, dass er die­sem Buch Auf­merk­sam­keit ver­schafft. Und mir ver­schafft er ganz schnö­de ein Jahr Frei­heit: Leben ohne arbei­ten zu müs­sen. Sowas hat ja für Ü‑70s noch mehr Gewicht als für Ü‑30s, 40s …

Aus dei­ner Biblio­gra­fie geht her­vor, dass du viel über­setzt, aber auch als Autorin tätig bist. Dabei bist du in vie­len unter­schied­li­chen Gen­res zuhau­se – Sach­bü­cher, Kri­mis und jetzt eine Über­set­zung wie Oreo. Wie hast du es geschafft, nicht in eine Schub­la­de gesteckt zu werden?
Ich bin immer aus jeder wie­der raus­ge­hüpft, mir wird’s schnell zu eng.

Wie geht es jetzt weiter?
Eigent­lich wie immer, außer dass ich zur­zeit mit Oreo nicht tin­geln kann. Dabei muss sie drin­gend raus, an die fri­sche Luft namens Publikum.

Pie­ke Bier­mann, gebo­ren 1950, stu­dier­te Deut­sche Lite­ra­tur und Spra­che bei Hans May­er sowie Anglis­tik und Poli­ti­sche Wis­sen­schaft in Han­no­ver und Padua. Sie lebt seit 1976 in Ber­lin als freie Schrift­stel­le­rin und Über­set­ze­rin, u.a. von Ste­fa­no Ben­ni, Dacia Marai­ni, Doro­thy Par­ker, Anya Uli­nich, Tom Rach­man und Ben Foun­tain. Ihre eige­nen Bücher wur­den drei Mal mit dem Deut­schen Kri­mi­preis aus­ge­zeich­net. Ihre Über­set­zung von Fran Ross‘ Roman Oreo wur­de mit dem Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2020 gewürdigt.

Anm. d. Red.: Die­ses Inter­view wur­de schrift­lich geführt.

3 Comments

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  1. 2
    Adina Stern

    Tol­les Buch und vor allem eine her­vor­ra­gen­de Über­set­ze­rin, die den Preis mehr als ver­dient hat. Herz­li­chen Glückwunsch!

  2. 3
    Peter Rösler García

    Lie­be Pieke,
    nun erst habe ich die Zeit gefun­den, Oreo im Ori­gi­nal zu lesen – und dei­ne Über­set­zung gleich hin­ter­her. Das war wirk­lich ein Erleb­nis, Fran Ross hat ein unglaub­lich tol­les Buch geschrie­ben und du hast es unglaub­lich toll über­setzt. Es ist eine Ode an die kul­tu­rel­le Viel­fäl­tig­keit und die Ver­mi­schung der Völ­ker. Und es ist ein Mani­fest gegen dump­fe Strom­li­ni­en­iden­ti­tä­ten. Fran Ross spielt bewun­derns­wert mit ras­sis­ti­schen und kul­tu­rel­len Ste­reo­ty­pen, ihre Waf­fen sind bei­ßen­de Sati­re, die nie­man­den schont, und scharf­zün­gi­ge Wort­spie­le­rei­en. Sie hat mit Oreo einen höchst geist­rei­chen und urko­mi­schen Roman erschaffen.
    Die­ses viel­sprach­li­che und mul­ti­kul­tu­rel­le Laby­rinth von einem Buch zu über­set­zen, muss ein gewal­ti­ges Stück Arbeit gewe­sen sein. Dei­ne Über­set­zung liest sich zudem an man­chen Stel­len sogar noch flüs­si­ger, als das Ori­gi­nal, ohne auch nur im Gerings­ten vom Inhalt abzu­wei­chen. Dass man dir dafür den Leip­zi­ger Lite­ra­tur­preis ver­lie­hen hat, war abso­lut die rich­ti­ge Entscheidung.
    Ti abbrac­cio e ti salu­to calo­ro­sa­men­te da Amburgo,
    Peter Rös­ler García

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