Und trotz­dem schrei­be ich

Hun­der­te, wenn nicht Tau­sen­de Kin­der und Jugend­li­che haben wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs Tage­buch geführt. Es wird Zeit, die­se Zeug­nis­se der Ver­gan­gen­heit neu zu lesen.

Von Felix Püt­ter

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Am 5. Mai 1945 schien alles vor­bei zu sein. Fünf­ein­halb Jah­re lang war an nichts ande­res zu den­ken gewe­sen als an das blan­ke Über­le­ben, doch nun tau­mel­te das Drit­te Reich sei­nem Ende ent­ge­gen. Ausch­witz war befreit, Hit­ler tot und zwi­schen den Haupt­quar­tie­ren der Kriegs­par­tei­en gin­gen eili­ge Depe­schen hin und her. Kapi­tu­la­ti­on lag in der Luft.

Auch im Ghet­to The­re­si­en­stadt, 60 Kilo­me­ter nörd­lich von Prag, einem der letz­ten akti­ven Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, zer­fiel die deut­sche Herr­schaft. Die, die eben noch in SS-Uni­form durch die Stra­ßen patrouil­liert waren, bega­ben sich auf die Flucht oder ver­such­ten ver­zwei­felt, recht­zei­tig vor dem Ein­tref­fen der Roten Armee an Zivil­klei­dung zu gelan­gen. In den Stra­ßen jubel­ten schon die Frei­schär­ler unter der neu­en Flag­ge der Tschechoslowakei. 

Inmit­ten die­ser welt­his­to­ri­schen Ver­wer­fun­gen wur­de Ali­ce Ehr­mann acht­zehn Jah­re alt. Zwölf war sie gewe­sen, als der Krieg begann, mit sech­zehn war sie ins Ghet­to gekom­men, ihre Jugend war ihr geraubt wor­den, ihr Leben ver­dank­te sie glück­li­chen Zufäl­len. Vor ihr, und in ihr, lag nichts als ein gro­ßer Scher­ben­hau­fen. An Fei­ern war nicht zu denken. 

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Ein Aus­zug aus Ali­ce Ehr­manns Tage­buch. Sie schrieb auf Deutsch, aber in hebräi­schen Let­tern, um vor den Augen der Deut­schen sicher zu sein. © Beit Theresienstadt 

Was eigent­lich ist, weiß kei­ner. Ich sehe und höre alles und kann eine Bit­ter­keit nicht unter­drü­cken: Fei­ern – es ist für alles zu spät. Und was sie fei­ern, die armen Juden, eben aufs blu­tigs­te belehrt – fan­gen sie von Neu­em an … Und wie sie fei­ern, Pöbel, Pöbel. Ich bin trau­rig und müde, es ist alles sinn­los. Umsonst waren die Jah­re, umsonst wur­den die 6 Mil­lio­nen gemar­tert. Schon der ers­te Tag nach Been­dung, und er sagt nur eines: „umsonst“. Ich den­ke, wie sinn­los, sinn­los dies ist, und den­ke mit Bit­ter­keit dar­an, wel­che Men­schen das Schick­sal auf­ge­spart hat, und ich den­ke an Dich.

Ali­ce Ehr­manns Tage­buch, geführt im The­re­si­en­städ­ter Ghet­to vom 18. Okto­ber 1944 bis zum 19. Mai 1945, ist eins der unglaub­lichs­ten Zeug­nis­se des Holo­caust. Sie begann mit dem Schrei­ben, als ihr Freund und spä­te­rer Mann Ze’ev Shek depor­tiert wur­de. Von Anfang an ist das Tage­buch von einem tie­fen Gefühl der Ver­lo­ren­heit durch­zo­gen, vom Gefühl des Ver­lus­tes und der Sinnlosigkeit.

Ehr­mann fin­det für ihre inne­re Lee­re eine vehe­men­te Spra­che. Ihre scho­nungs­los schrof­fen Noti­zen spre­chen mit vol­ler poe­ti­scher Wucht aus dem Inne­ren einer ver­sehr­ten jun­gen Frau, die zwar über­leb­te, aber dem Wei­ter­le­ben kei­ne Hoff­nung mehr abrin­gen kann. Auch das end­gül­ti­ge Kriegs­en­de am 8. Mai, der Tag den wir heu­te „Tag der Befrei­ung“ nen­nen, ist für sie kein Grund zum Feiern: 

Abends um halb zehn die ers­ten Rus­sen. Gebrüll und Jubel. Ges­tern san­gen sie tsche­chi­sche Lie­der und tru­gen Tri­ko­lo­ren, heu­te sin­gen sie die Inter­na­tio­na­le und tra­gen rote Fah­nen durch die Stadt. Es ist in mir eine Bit­ter­keit, ich kann nicht mehr mit ihnen gehen, denn in mir brach etwas. Und an mir liegt eine Last von Jahr­hun­der­ten, auf­ge­wühlt und leben­dig. Ich habe nur einen Weg, und mich ekelt dies alles an. Men­schen ekeln mich an. Indem ich an sie den­ken muss, kommt über mich eine Hoff­nungs­lo­sig­keit derer, die alles Unver­dau­te aller Sin­gen­den ertra­gen müssen.

Natür­lich war Ali­ce Ehr­mann nicht die ein­zi­ge, die in jenen Stun­den ihre Gedan­ken und Gefüh­le schrift­lich fest­hielt. So wie sie schrie­ben wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs Hun­der­te, höchst­wahr­schein­lich Tau­sen­de Kin­der und Jugend­li­che Tage­bü­cher. Die aller­meis­ten die­ser Zeug­nis­se dürf­ten in den Kriegs- und Flucht­wir­ren ver­lo­ren gegan­gen, ver­brannt, zer­stört wor­den sein. Doch etli­che haben über­lebt und erzäh­len bis heu­te, wie jun­ge Men­schen auf der gan­zen Welt den ver­hee­rends­ten Krieg und das größ­te Mas­sen­ver­bre­chen in der Geschich­te der Mensch­heit erlebt haben.

Vie­le die­ser Tage­bü­cher muss­ten Jahr­zehn­te war­ten, ehe sie erzäh­len durf­ten, und man­chen, selbst wenn sie über­lebt haben, hört bis heu­te kaum jemand zu. Die­se Tage­bü­cher sind der viel­leicht größ­te unge­ho­be­ne his­to­risch-lite­ra­ri­sche Schatz des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. In vie­len Fäl­len dau­er­te es über sech­zig Jah­re, bis sich jemand für die Zeug­nis­se die­ser Kin­der inter­es­sier­te, vie­le wei­te­re lie­gen bis heu­te unver­öf­fent­licht in Archi­ven oder pri­va­ten Sammlungen.

Für die­se Ver­spä­tung gibt es vie­le Grün­de. Vor allem schrieb natür­lich kaum jemand mit dem fes­ten Vor­satz, das Tage­buch zu ver­öf­fent­li­chen. Vie­len kam es nach dem Krieg gar nicht in den Sinn, ihr Doku­ment an ande­re Per­so­nen oder gar Ver­la­ge wei­ter­zu­rei­chen. Vie­le Tage­bü­cher ver­brach­ten Jahr­zehn­te auf Dach­bö­den oder in stau­bi­gen Kis­ten, ehe sie in den Hän­den einer Wis­sen­schaft­le­rin oder eines Archi­vars lan­de­ten, die den Text einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit bekannt machen konnten.

Dass aber auch jene Tage­bü­cher, die über­leb­ten, und sogar vie­le von denen, die ver­öf­fent­licht wur­den, wenig Auf­merk­sam­keit erhiel­ten oder ganz dem Ver­ges­sen anheim­fie­len, hat auch mit jenem Text zu tun, der schon seit den Vier­zi­ger­jah­ren das Gen­re der Kin­der­ta­ge­bü­cher (wenn nicht aller Tage­bü­cher ins­ge­samt) über­strahl­te und domi­nier­te: dem Tage­buch der Anne Frank.

Anne Franks Auf­zeich­nun­gen aus dem Hin­ter­haus in der Ams­ter­da­mer Prin­sen­gracht tra­ten bereits in den 1950er Jah­ren einen bei­spiel­lo­sen Erfolgs­zug rund um die Welt – auch durch Deutsch­land – an. Das lite­ra­ri­sche Talent des jun­gen Mäd­chens, das den Tage­buch­text noch vor ihrer Depor­ta­ti­on für eine spä­te­re Ver­öf­fent­li­chung über­ar­bei­te­te, und ihr bewe­gen­des Schick­sal waren dafür die gewich­tigs­ten Gründe. 

Hin­zu kam die „Gna­de der frü­hen Ent­de­ckung“, denn zu dem Zeit­punkt, als Anne Franks Vater Otto sich um die Ver­öf­fent­li­chung ihres Tage­buchs bemüh­te, hat­te es noch kei­ne so aus­führ­li­chen Berich­te über die Juden­ver­fol­gung aus ers­ter Hand gegeben. 

Die enor­me Popu­la­ri­tät der Anne Frank führ­te in der Fol­ge para­do­xer­wei­se dazu, dass nicht immer mehr, son­dern so gut wie gar kei­ne Tage­bü­cher ande­rer Kin­der ihren Weg zu den Lese­rin­nen und Lesern fan­den. Denn wenn, wie es 1951 in einer Rezen­si­on in der ZEIT hieß, „das tra­gi­sche Ein­zel­schick­sal die­ses hal­ben Kin­des [zeigt], wie die Kraft sei­nes unglück­li­chen Vol­kes unter dem Druck der Gewalt sich zu behaup­ten ver­mag“ – wenn also Anne Frank schon pars pro toto für das gesam­te, „unglück­li­che“, sich aber gleich­wohl „behaup­ten­de“ jüdi­sche Volk stand, wozu brauch­te es dann noch wei­te­re Veröffentlichungen?

Der uni­for­mier­te Blick auf die Erfah­rungs­welt von Kin­dern und Jugend­li­chen äußert sich bis heu­te in den Ver­lags­an­kün­di­gun­gen und Klap­pen­tex­ten von Tage­bü­chern aus der Zeit des Holo­caust. Hier hat der geneig­te Leser inzwi­schen die Wahl zwi­schen einer fran­zö­si­schen Anne Frank, einer unga­ri­schen Anne Frank, ver­schie­de­ner pol­ni­scher Anne Franks, ja sogar einer „nicht­jü­di­schen“ Anne Frank oder einer Anne Frank „mit Hap­py End“, um nur eini­ge Bei­spie­le aufzuführen.

Dass der­ar­ti­ge Gleich­set­zun­gen weder lite­ra­risch noch his­to­risch noch ver­gan­gen­heits­po­li­tisch sinn­voll sind und aller­höchs­tens als schlap­pe Ver­kaufs­ar­gu­men­te tau­gen, dürf­te auf der Hand lie­gen. Schließ­lich gehen die Erfah­run­gen, die eini­ge der Tage­buch schrei­ben­den Kin­der unter der NS-Herr­schaft machen muss­ten, weit über das hin­aus, was Anne Frank in ihrem Hin­ter­haus erlebte.


Eine außer­ge­wöhn­li­che Ver­fol­gungs­ge­schich­te erzählt das Tage­buch von Otto Wolf, das bis­her nur auf Tsche­chisch und in Aus­zü­gen auf Eng­lisch ver­öf­fent­licht wur­de. Wolf war wie Anne Frank einer jener Juden, die sich jah­re­lang vor den Nazis ver­steck­ten – die Geschich­te sei­ner Flucht gleicht aber einem lebens­ge­fähr­li­chen Abenteuer.

Als der gera­de fünf­zehn­jäh­ri­ge Otto gemein­sam im Som­mer 1942 gemein­sam mit sei­nen Eltern Bert­hold und Růže­na sowie sei­ner älte­ren Schwes­ter Feli­ci­tas ange­wie­sen wur­de, ihr Hei­mat­dorf Tršice zu ver­las­sen und sich im nahe gele­ge­nen Olo­mouc (deutsch Olmütz) zur Depor­ta­ti­on zu mel­den, tauch­ten sie ab. Mit einem befreun­de­ten Gärt­ner namens Slá­vek hat­ten sie ein Ver­steck im Wald vor­be­rei­tet, in dem sie von nun an fast zwei Jah­re lang leben soll­ten. Die dra­ma­ti­sche Flucht dort­hin beschreibt Otto in sei­nem ers­ten Tage­buch­ein­trag mit cha­rak­te­ris­ti­scher Nüchternheit:

Um 2 Uhr nach­mit­tags fah­ren wir von Tršice nach Olo­mouc, zur Über­sied­lung. Es fährt uns Josef Lón, denn Zdaři­l­o­vá konn­te nie­man­den ande­ren auf­trei­ben. Der Abschied fällt schwer und wir sind sehr wütend. Wir fah­ren reich­lich schnell, daher sind wir um 4 Uhr nach­mit­tags in Olo­mouc. Vor der Abfahrt habe ich im Gemein­de­amt in Tršice den Woh­nungs­schlüs­sel abge­ge­ben und für Licka eine Iden­ti­täts­kar­te aus­stel­len las­sen. In Olo­mouc-Hodo­la­ny stie­gen wir ab und sag­ten zu Lón, wir wür­den einen Arzt und Bekann­te auf­su­chen. Wir gin­gen also unge­fähr von ½ 5 nach­mit­tags von Olo­mouc-Hodo­la­ny nach Tršice. Lón gab die Pake­te in der Schu­le ab und wir mar­schier­ten nach Tršice. Wir lie­fen uner­müd­lich bis ¾ 12 in der Nacht. (…) Also im Wald kamen wir erst um Mit­ter­nacht an. (…) Viel schla­fen wir nicht, wir lie­gen nur wach. Wir füh­len uns wie geprügelt.

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Ein Aus­zug aus Otto Wolfs Tage­buch. © USHMM 

Von nun an leb­te die Fami­lie von den Zuwen­dun­gen ihres Freun­des Slá­vek – ein Zustand, der inmit­ten des lau­fen­den Krie­ges und der Juden­ver­fol­gung nicht ohne Span­nun­gen ablief. Das Tage­buch des jun­gen Otto beschreibt Tag um Tag in kar­gen Ein­trä­gen die stump­fen Stim­mungs­schwan­kun­gen der zwangs­iso­lier­ten Fami­lie, die Lan­ge­wei­le, das Ban­gen um die nächs­te Mahl­zeit, ums eige­ne Überleben.

Als es für die Wolfs in ihrem Wald­ver­steck Anfang 1944 zu unsi­cher wird, zie­hen sie auf den Dach­bo­den einer Fami­lie namens Zbořil, wo sie für ein knap­pes Jahr ver­steckt blei­ben. Doch gegen Ende des Krie­ges, als sich die Lage für Juden in der Tsche­cho­slo­wa­kei immer wei­ter zuspitzt, müs­sen sie erneut umzie­hen und kom­men in einer Scheu­ne unter.

Für Otto ist der Auf­ent­halt dort nur von kur­zer Dau­er: Am 18. April wird er von einer Trup­pe der Wlas­sow-Armee bei einer Ver­gel­tungs­ak­ti­on auf­ge­spürt, ver­schleppt und zwei Tage spä­ter, nach­dem er sich auch unter Fol­ter gewei­gert hat­te, den Auf­ent­halts­ort sei­ner Fami­lie preis­zu­ge­ben, in einem nahe gele­ge­nen Wald erschos­sen und verscharrt.

Sein Tage­buch aber über­lebt, auch weil sei­ne sie­ben Jah­re älte­re Schwes­ter Feli­ci­tas sich sei­ner annimmt und es ohne Unter­bre­chung wei­ter­führt. Die drei Wochen zwi­schen Ottos Gefan­gen­nah­me am 18. April und dem Kriegs­en­de am 8. Mai gehö­ren zu den bedrü­ckends­ten Tage­buch­pas­sa­gen über­haupt: Die Fami­lie haust aus Angst vor wei­te­ren Raz­zi­en bei Minus­gra­den und Regen ohne Nah­rung im Frei­en, zuneh­mend ver­dreckt, krank und ver­zwei­felt. Doch sie überleben. 

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Ein Aus­zug aus dem Tage­buch der Feli­ci­tas Wol­fo­vá. © USHMM 

Im Wald wur­de gekämpft, die Kugeln prall­ten an Bäu­men in unse­rer Nähe ab, wir ver­such­ten, ihnen aus­zu­wei­chen, aber schließ­lich beschlos­sen wir, dass es kei­nen ande­ren Aus­weg gäbe, als einen der nas­sen, mit Erde ver­schüt­te­ten Ver­schlä­ge zu benut­zen. Dann hör­ten wir end­lich jeman­den Ser­vuus! schrei­en. Wir konn­ten nicht glau­ben, auf was wir drei Jah­re lang gewar­tet hat­ten. Mei­ne Mama und ich woll­ten nicht her­aus­klet­tern, wir hat­ten Angst, uns zu früh zu zei­gen. Dar­um haben wir mit Papa im Bun­ker gewar­tet, bis wir end­lich, schlamm­be­spritzt und in schreck­li­chem Zustand herauskamen.

Tage­bü­cher sind nicht ein­fach Bücher, sie sind Tage-Bücher: Sie sind dabei gewe­sen. Sie selbst sind Zeu­gen der Geschich­te, die sie an der Ober­flä­che erzäh­len. Sie sind selbst ver­steckt wor­den. Sie haben selbst in dem Schlamm gele­gen, der in ihnen beschrie­ben wird. Anders als Erin­ne­run­gen, Erzäh­lun­gen oder ande­re im Nach­hin­ein ent­stan­de­ne Erfah­rungs­be­rich­te sind sie im bes­ten Fall direk­te Zeug­nis­se ihrer eige­nen Ent­ste­hung und als sol­che wahr.

Die Tex­te selbst bezeu­gen und reflek­tie­ren oft genug ihre eige­ne Ent­ste­hung und wach­sen so als Objek­te über ihre Urhe­ber hin­aus. Has­tig hin­ge­krit­zel­te Noti­zen erzäh­len uns von der Beklem­mung der einen Urhe­ber, sorg­fäl­tig aus­for­mu­lier­te Ein­trä­ge von der Lan­ge­wei­le der ande­ren. Das Papier, die Tin­te, die Schrift, die Spra­che, die Recht­schreib­feh­ler, sie alle erzäh­len ihre eige­ne Geschichte.

Wer die Tage­bü­cher heu­te, in gedruck­ten Aus­ga­ben und mit dem Abstand von 75 Jah­ren liest, mag erwar­ten, dass sie uns einen gewis­ser­ma­ßen unver­stell­ten Blick auf ihre Urhe­ber erlau­ben. Doch die­se Erwar­tung läuft oft genug ins Lee­re: Auch wenn sich man­che der jun­gen Autorin­nen und Autoren ihren „anony­men“ Tage­bü­chern oft frei­er mit­tei­len als ihren Freun­den oder Ver­wand­ten, bleibt ihre eige­ne Per­sön­lich­keit in vie­len der Tage­bü­cher erstaun­lich vage.

Wer Otto Wolfs Tage­buch liest, der wird sich der Per­son Otto Wolf hin­ter­her kaum näher füh­len, als zuvor, so spär­lich und nüch­tern sind sei­ne Ein­trä­ge ver­fasst. Doch man braucht die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem jun­gen Autor nicht: Das Doku­ment spricht für sich.

Die kit­schi­ge Idee, dass Tage­bü­cher wie das der Anne Frank ihre Autorin „unsterb­lich“ machen oder „über den Tod hin­aus wei­ter­le­ben las­sen“ könn­ten, hielt sich nichts­des­to­trotz sehr lan­ge. Erst Anfang der 2000er Jah­re ermög­lich­te die His­to­ri­ke­rin Alex­an­dra Zapru­der mit ihrer bahn­bre­chen­den Publi­ka­ti­on Sal­va­ged Pages einen neu­en Blick auf die­se Quel­len. In ihrer Ein­lei­tung schrieb sie:

Alt­hough publi­shing more dia­ries may seem to move the dia­lo­gue for­ward by sug­ges­ting that Anne Frank was­n’t the only wri­ter and that young peop­le all over Euro­pe kept dia­ries, the mea­ning we glean from them remains locked in a con­so­la­to­ry mold that obscu­res rather than elu­ci­da­tes what they con­tri­bu­te to our under­stan­ding of the Holo­caust. Alt­hough many dia­ries can give the temp­t­ing illu­si­on that the rea­der is in the pre­sence of the wri­ter […] it is unfor­tu­n­a­te­ly not so. Whe­ther per­so­nal or not, pri­va­te or public, spon­ta­ne­ous or craf­ted, the con­tent of the dia­ry does not allow us to come to know the wri­ter, its sur­vi­val does not per­mit a decea­sed dia­rist to „live on“, nor does its exis­tence con­fer litera­ry immor­ta­li­ty upon the per­son who pen­ned it.

Es mag so schei­nen, als brin­ge die Ver­öf­fent­li­chung wei­te­rer Tage­bü­cher den Dia­log vor­an, als wer­de dadurch kla­rer, dass Anne Frank nur eine von vie­len Tage­buch­schrei­bern in Euro­pa war. Doch was wir aus ihnen ler­nen, bleibt in einem Trost­förm­chen ein­ge­schlos­sen, das ihren Bei­trag zu unse­rem Ver­ständ­nis des Holo­caust eher ver­deckt als offen­legt. Auch wenn sich vie­le Tage­bü­chern so lesen, als sei­en wir direkt dabei: das ist lei­der eine ver­füh­re­ri­sche Illu­si­on. Das Tage­buch mag per­sön­li­cher oder unper­sön­li­cher Natur sein, spon­tan notiert oder aus­for­mu­liert, sein Inhalt bringt uns den Urhe­bern nicht nahe, ihr Über­le­ben lässt eine ver­stor­be­ne Tage­buch­schrei­be­rin nicht „wei­ter­le­ben“, und sei­ne Exis­tenz ver­leiht der Per­son, die es geschrie­ben hat, auch kei­ne lite­ra­ri­sche Unsterblichkeit.

Die Urhe­ber der Tage­bü­cher sind ent­we­der ver­stor­ben oder geal­tert, doch die Tage­bü­cher selbst – frag­men­ta­risch und unvoll­stän­dig, wie sie sind – kon­ser­vie­ren auf ihre Art einen his­to­ri­schen Moment, zu dem außer ihnen nie­mand mehr direk­ten Zugang hat. Sie tre­ten als Objek­te in den Vor­der­grund und wol­len bewahrt werden.

„Es kommt mir vor wie ein Unfall“, sagt Zapru­der im Inter­view mit TraLaLit, „wie ein Wink des Schick­sals, dass über­haupt irgend­wel­che die­ser Bücher über­lebt haben. Sie haben fast etwas Hei­li­ges an sich, wie ein Schatz, weil ein­fach so viel zer­stört wurde.“


Einen sol­chen Schatz fand im Juli 1945 inmit­ten der Rui­nen des Ghet­tos Litz­mann­stadt (pol­nisch Łódź) ein Mann namens Avra­ham Ben­kel. Er hat­te als ein­zi­ger in sei­ner Fami­lie Ausch­witz über­lebt; jetzt kehr­te an sei­nen frü­he­ren Wohn­ort zurück, den er aber geplün­dert und ver­wüs­tet vor­fand. Doch in einem Nach­bar­haus lag ein Büch­lein, das den Plün­de­rern des Ghet­tos offen­bar nicht wich­tig genug gewe­sen war. Von außen sah es aus wie ein kon­ven­tio­nel­ler fran­zö­si­scher Roman, doch sei­ne Innen­sei­te war über und über bedeckt mit hin­ein­ge­krit­zel­ten Ein­trä­gen eines unbe­kann­ten Kindes.

Ben­kel, ahnend, welch wert­vol­les Zeug­nis er vor sich hat­te, steck­te das Buch ein, bewahr­te es sein gan­zes Leben lang und über­gab es 1970 schließ­lich der Holo­caust-Gedenk­stät­te Yad Vashem.

Über den Autor die­ser Zei­len ist fast nichts bekannt, außer, dass es ein Jun­ge war, weil er in sei­nen hebräi­schen und pol­ni­schen Pas­sa­gen mas­ku­li­ne Ver­ben der ers­ten Per­son Sin­gu­lar ver­wen­de­te. Er schrieb sein Tage­buch nicht nur in die Leer­räu­me eines fran­zö­si­schen Romans, er schrieb auch abwech­selnd in gleich vier Spra­chen (Pol­nisch, Jid­disch, Hebrä­isch, Eng­lisch), die er offen­bar alle ähn­lich gut beherrschte.

Aus dem Buch geht nicht her­vor, was den anony­men Autor dazu bewog, sei­ne Tage­buch­ein­trä­ge gera­de­zu manisch repe­ti­tiv immer und immer wie­der zu über­set­zen. Die Ver­mu­tung liegt aber nahe, dass er vor einer mög­lichst gro­ßen Leser­schaft Zeug­nis über das Unrecht able­gen woll­te, das ihm wider­fuhr, und dass er sich des­halb aller Spra­chen bedien­te, die er beherrsch­te – ein in der Geschich­te des Holo­caust wohl ein­zig­ar­ti­ges Verfahren.

Im Ghet­to Litz­mann­stadt war der anony­me Autor dem Ver­nich­tungs­we­sen der Nazis deut­lich näher als die meis­ten der ande­ren Tage­buch­schrei­ber, die uns bekannt sind. Inso­fern nimmt die Angst vor der Zukunft und der Hass auf die deut­schen Pei­ni­ger in sei­nen Auf­zeich­nun­gen gro­ßen Raum ein. 

I medi­ta­te over the future – if we have any at all! Then if we should walk the same path our heroic brethren have gone – can we speak about any future – eter­ni­ty has no future wha­te­ver! The death and mer­de­red [dead and mur­de­red] don’t have any calen­dar! But sure of eit­her life or death we can’t be – may­be that they would be thwar­ted in their “noble” plan, our infer­nal, devillish, sata­nic Ger­man fien­ds – and we shall have the nar­ro­west of escapes? – to tell decent un-Ger­man huma­ni­ty about their deeds! And cur­se the abo­min­ab­le name for evermore!

Vol­ler Angst grü­be­le ich über die Zukunft nach – falls wir über­haupt eine haben! Denn wenn wir den­sel­ben Weg neh­men müß­ten wie unse­re hel­den­mü­ti­gen Brü­der, kön­nen wir dann von einer Zukunft spre­chen – in der Ewig­keit gibt es kei­nen Kalen­der! Aber wir kön­nen nicht sicher sein, ob wir leben oder ster­ben wer­den – mag sein, daß eure „edlen“ Plä­ne ver­ei­telt wer­den, ihr höl­li­schen, teuf­li­schen, sata­ni­schen deut­schen Freun­de – und daß wir ent­kom­men, um der anstän­di­gen nicht­deut­schen Mensch­heit von ihren Taten zu berich­ten! Und ihren abscheu­li­chen Namen auf immer zu verfluchen!

Wie das Publi­kum in Deutsch­land und anders­wo die­ses Tage­buch wohl auf­ge­nom­men hät­te, wäre es anstel­le der Auf­zeich­nun­gen der Anne Frank 1950 in deut­scher Über­set­zung erschie­nen? Einer Nach­kriegs­ge­sell­schaft, die die Kunst der betrof­fen­heits­rhe­to­risch ummän­tel­ten Ver­gan­gen­heits­ver­drän­gung per­fek­tio­niert hat­te, kam der sanf­te Uni­ver­sa­lis­mus eines Mäd­chens, das „trotz allem […] noch an das Gute im Men­schen“ glaub­te, viel mehr gele­gen, als der gerech­te Furor die­ses anony­men Tagebuchs.

Der hoch­in­tel­li­gen­te, poly­glot­te Tage­buch­schrei­ber aus Łódź deu­tet aber noch auf einen wei­te­ren wich­ti­gen Aspekt der Zeug­nis­se aus jener Zeit hin. Sein Tage­buch, so wuss­te er, wür­de das uner­mess­li­che Leid, das ihm und allen um ihn her­um wider­fuhr, höchs­tens abbil­den, aber nie begreif­lich oder gar fühl­bar machen kön­nen. Auf Pol­nisch schrieb er, wahr­schein­lich im Juli 1944:

Für jeman­den, der nicht mit uns zusam­men war, wäre es nicht mög­lich, sich vor­zu­stel­len, was wir durch­ge­macht haben, zu arm ist die mensch­li­che Spra­che, um nur den Man­gel an Wor­ten zu beschrei­ben, die nötig wären, unse­re Lei­den teil­wei­se annä­hernd zu schil­dern. Von dem Anspruch, unse­re Rea­li­tät wie­der­zu­ge­ben, ganz zu schweigen.

Weni­ge Sei­ten nach die­sem Ein­trag bricht das Tage­buch ab. Über das Schick­sal sei­nes Urhe­bers ist bis heu­te nichts bekannt.


Aus den Ver­nich­tungs­la­gern gibt es kei­ne Tage­bü­cher. Die Abwe­sen­heit der Berich­te muss uns Nach­ge­bo­re­nen als Bericht genü­gen. Nur aus den Vor­ah­nun­gen, den Gerüch­ten, letzt­lich: aus dem jähen Abbruch der Ein­trä­ge kön­nen wir auf das Grau­en schlie­ßen, das so vie­le Kin­der erwar­te­te, als sie, von Tage­buch und Fami­lie getrennt, in den Tod gehen mussten.

Es sind daher die Enden, die letz­ten Sei­ten der Tage­bü­cher, die beson­ders zu uns spre­chen. Vie­le wir­ken im Nach­hin­ein gera­de­zu pro­phe­tisch, allen vor­an die berühm­te Aus­lö­schungs­phan­ta­sie am Ende des Tage­buchs der Anne Frank, die am 1. August 1944 schrieb:

[…] ten slot­te draai ik mijn hart weer om, draai het slech­te naar bui­ten, het goe­de naar bin­nen en zoek aldoor naar een mid­del om te wor­den, zoals ik zo erg graag zou wil­len zijn en zoals ik zou kun­nen zijn, als … er geén ande­re mensen in de wereld zou­den wonen.
[…] schließ­lich dre­he ich mein Herz wie­der um, dre­he das Schlech­te nach außen, das Gute nach innen und suche dau­ernd nach einem Mit­tel, um so zu wer­den, wie ich sein könn­te, wenn … wenn kei­ne ande­ren Men­schen auf der Welt leben würden.

Drei Tage spä­ter wur­de sie ver­haf­tet und deportiert.

Hélè­ne Berr, eine fran­zö­si­sche Stu­den­tin, die sich im besetz­ten Paris ver­ste­cken muss­te, aber 1944 ent­deckt und nach Ber­gen-Bel­sen depor­tiert wur­de, been­de­te ihr Tage­buch kurz zuvor mit einem Zitat aus Shake­speares Mac­beth: „Hor­ror! Hor­ror! Horror!“

Auch der namen­lo­se Jun­ge aus Łódź scheint etwas von dem ihm bevor­ste­hen­den Schick­sal geahnt zu haben. Sein Tage­buch stei­gert sich gegen Ende Juli, als die Deut­schen das Ghet­to vor der Ankunft der Rus­sen auf­zu­lö­sen such­ten, in immer fie­ber­haf­te­re Ver­zweif­lungs­schü­be, ehe es in einem nicht mehr datier­ten, in hebräi­scher Spra­che ver­fass­ten Got­tes­an­ru­fung endet:

Mein Gott, war­um gestat­test du ihnen zu sagen, du seist neu­tral? War­um bestrafst du nicht jene, die uns ver­nich­ten, mit dei­nem geball­tem Zorn? Sind wir etwa die Sün­der und jene die Gerech­ten? Soll das die Wahr­heit sein? Wahr­lich, du weißt doch, dass es nicht so ist: Wir sind nicht die Sün­der und sie sind nicht der Messias! 

Berich­te wie den des anony­men Jun­gen zu über­set­zen ist eine beson­de­re Erfah­rung. Die Unmit­tel­bar­keit der Vor­la­gen ver­langt allen, die sich dar­an machen, ver­dop­pel­tes Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ab, und nicht immer gelingt die Arbeit.

Die ers­te Über­set­ze­rin Anne Franks, eine gewis­se Anne­lie­se Schütz, über die ansons­ten wenig bekannt ist, kann­te das Mäd­chen zwar noch aus Vor­kriegs­zei­ten per­sön­lich, mach­te aber aus dem auf­müp­fi­gen Teen­ager ein bra­ves, betu­li­ches Stu­ben­mäd­chen, das es sich in sei­ner Opfer­rol­le recht gemüt­lich gemacht hat­te. Erst 1986 erschien die bis heu­te kano­ni­sche Neu­über­set­zung von Mir­jam Press­ler, die das Tage­buch als rohes, unfer­ti­ges Zeit­do­ku­ment neu les­bar und nach eige­nem Bekun­den „offe­ner und ehr­li­cher“ machte. 

Dabei ist Anne Franks Tage­buch noch ein lite­ra­ri­scher, ja: süf­fig les­ba­rer Ver­tre­ter sei­nes Gen­res. Ken­neth Kro­nen­berg, der für den bereits erwähn­ten Sam­mel­band „Sal­va­ged Pages“ Ali­ce Ehr­manns dür­re, wider­bors­ti­ge Auf­zeich­nun­gen ins Eng­li­sche zu brin­gen hat­te, merk­te im Nach­hin­ein, wie sich sei­ne Über­set­zung von ihm selt­sam „ent­frem­det“ hatte.

When I trans­la­te per­so­nal mate­ri­al (let­ters, dia­ries, etc.), I quick­ly and without much effort seem to „seat“ mys­elf in the wri­ter, iden­ti­fy­ing and con­ver­sing with him or her, beco­m­ing some­thing like a chan­nel. Often, I have an almost pho­to­gra­phic sen­se of the ori­gi­nal and the trans­la­ti­on. That was not the case here. In reflec­ting on this phe­no­me­non, I can only sur­mi­se that the myri­ad of suc­ces­si­ve images and fee­lings, often frigh­tening, which Ali­ce must have set down rapidly and with a con­stant sen­se of dan­ger, short-cir­cui­ted my usu­al method. Perhaps I trans­la­ted on some­thing like auto­ma­tic pilot–and then repres­sed the memo­ry. Or perhaps it just went through me and was gone.

Wenn ich per­sön­li­che Tex­te (wie Brie­fe oder Tage­bü­cher) über­set­ze, dann ist es, als ob ich mich schnell und mühe­los in dem Autor oder der Autorin „nie­der­las­se“, eins wer­de mit ihm oder ihr, kon­ver­sie­re, eine Art Kanal wer­de. Oft habe ich ein gera­de­zu foto­gra­fi­sches Gedächt­nis für Ori­gi­nal und Über­set­zung. In die­sem Fall war es anders. Wenn ich dar­über nach­den­ke, kann ich nur ver­mu­ten, dass die unge­heu­re Abfol­ge von Bil­dern und Gefüh­len, die Ali­ce schnell und unter ste­ter Bedro­hung nie­der­ge­schrie­ben haben muss, mei­ne übli­che Metho­de zum Kurz­schluss brach­te. Viel­leicht über­setz­te ich mit einer Art Auto­pi­lot und unter­drück­te das Gedächt­nis. Viel­leicht lief es auch ein­fach durch mich hin­durch und war fort.

Ganz ähn­lich wie Kro­nen­berg erging es auch Eva Pro­fou­so­vá, die im Jahr 2006 das Tage­buch des Petr Ginz aus dem Tsche­chi­schen ins Deut­sche über­setz­te. Hin­ter den dür­ren Zei­len die­ses zu Beginn sei­ner Auf­zeich­nun­gen 12 Jah­re alten Jun­gen schien kei­ne Stim­me hör­bar, kein Cha­rak­ter erkenn­bar zu sein. Der Mensch Petr Ginz war beim Über­set­zen, so beschreibt sie es, „nicht greifbar“.

Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer haben ein fei­nes Gespür für Tex­te. Was ihnen beim Über­set­zen schwer fällt (auch wenn es hin­ter­her wie­der leicht und schnell zu lesen ist), das ist in der Regel auf die eine oder ande­re Art außer­ge­wöhn­lich, meis­tens auf kei­ne schlech­te Art.

In die­sem Fall deu­ten die Berich­te von Kro­nen­berg und Pro­fou­so­vá auf den Umstand hin, dass ihre Tex­te einen Hohl­raum unse­res lite­ra­ri­schen Bewusst­seins beset­zen, den wir sonst gar nicht ken­nen wür­den. Auf der einen Sei­te sind wir es gewohnt, Roma­ne und Erzäh­lun­gen zu lesen. Wir wis­sen, wie das geht. Und auf der ande­ren Sei­te ken­nen wir his­to­ri­sche Quel­len und wis­sen, wie die his­to­ri­sche Wis­sen­schaft mit ihnen umgeht.

Die Kin­der­ta­ge­bü­cher gehö­ren in kei­ne die­ser Kate­go­rien, oder eigent­lich in bei­de. Sie sind selbst his­to­ri­sche Doku­men­te, aber zugleich sind sie Nar­ra­tio­nen von unge­heu­rer Wirk­macht. Das kal­te Hand­werks­zeug des His­to­ri­kers wird ihnen eben­so wenig gerecht wie der Ornat blu­mi­ger Gro­schen­heft­aus­ga­ben. Sie sind Kunst­form und Zeit­do­ku­ment zugleich, sie sind Wer­ke eige­nen Ran­ges und wol­len als sol­che gele­sen werden.

Die­se Dop­pel­na­tur der Tage­bü­cher hat ihnen den Erfolg auf dem Buch­markt bis­her ver­wei­gert. Auch wenn vie­le der ent­deck­ten Tage­bü­cher inzwi­schen auch in Deutsch­land ver­öf­fent­licht wur­den: Selbst die her­aus­ge­ben­den Ver­la­ge schie­nen bis­wei­len unsi­cher, wo sie ein­zu­sor­tie­ren sei­en, man hat den Ein­druck, als Gen­re-Bezeich­nung sei den Ver­ant­wort­li­chen mehr als „Anne Frank“ nicht ein­ge­fal­len. Ech­te his­to­risch-kri­ti­sche Aus­ga­ben sind dem­entspre­chend selten. 

Dabei könn­ten uns genau die­se Tage­bü­cher einen neu­en Blick auf die Geschich­te leh­ren. Viel­leicht ist es Zeit, die „Rüh­rung“, „Betrof­fen­heit“, „Ergrif­fen­heit“ oder „Erschüt­te­rung“, die in Rezen­sio­nen fast schon reflex­ar­tig her­ge­be­tet wird, hin­ter uns zu las­sen. Viel­leicht ist die Zeit 75 Jah­re nach Kriegs­en­de reif für eine erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Schubumkehr.

Die Lek­tü­re der deut­schen Aus­ga­ben von vie­len Tage­bü­chern sowie der Rezen­sio­nen drängt den Ver­dacht auf, dass sich Ver­la­ge und Leser lang­sam, aber sicher in eine Ergrif­fen­heits­ecke manö­vriert haben, aus der sie ohne frem­de Hil­fe nicht mehr her­aus­kom­men. Wenn mit der Ver­öf­fent­li­chung von Tage­bü­chern „à la Anne Frank“ nur noch wei­te­rer Rühr­teig in die von Zapru­der beschrie­be­nen „Trost­förm­chen“ gefüllt wird, ist das viel­leicht noch der sen­ti­men­ta­len Erbau­ung, nicht aber der his­to­ri­schen Gewis­sens­bil­dung zuträglich.

Es ist nichts dage­gen zu sagen, sich von den Zei­len eines unter gräss­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Bedro­hung lei­den­den Kin­des rüh­ren zu las­sen. Doch wenn die­se Rüh­rung zur aner­zo­ge­nen Stan­dard­re­ak­ti­on auf sol­che Tage­bü­cher wird, steht die Publi­ka­ti­on wei­te­rer sol­cher Bücher einer pro­duk­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen, in die­sem spe­zi­el­len Fall: deut­schen Geschich­te gera­de­zu im Weg.

Rüh­rung funk­tio­niert durch Iden­ti­fi­ka­ti­on. Durch den schein­ba­ren Weg­fall der Unter­schei­dung von Autor und Erzäh­ler fällt es leicht, sich mit den jun­gen Autorin­nen und Autoren zu iden­ti­fi­zie­ren – die Welt aus ihren Augen zu sehen. Wenn wir die Tage­bü­cher von Ali­ce Ehr­mann, Anne Frank, Otto Wolf oder ande­ren lesen, füh­len wir uns den his­to­ri­schen Per­so­nen nahe, glau­ben mit ihnen zu leiden. 

Doch im Gegen­satz zu die­sen lei­den wir nicht. Ali­ce Ehr­mann über­leb­te mit Glück ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, Anne Frank wur­de ver­gast, Otto Wolf erschos­sen – im wirk­li­chen Leben, von real exis­tie­ren­den Men­schen, von Deutschen.

Die blo­ße Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Opfern führt in die­sem Fall in eine Sack­gas­se, der wir nur ent­kom­men, wenn wir den Blick noch ein­mal weiten.


Den ‚Toten­grund‘ wer­de ich so schnell nicht ver­ges­sen“, schreibt die zwölf­jäh­ri­ge Hil­ke am 2. Juli 1941 in ihr Tage­buch. Daheim in Ham­burg war es für das Mäd­chen und ihren zwei Jah­re älte­ren Bru­der Hen­ning unter den fort­dau­ern­den Bom­bar­de­ments zu gefähr­lich gewor­den, des­halb ver­brach­ten sie ihre Feri­en in der Lüne­bur­ger Hei­de, in einem „Bau­ern­haus mit Stroh­dach (ohne elek­tri­sches Licht)“ im Nor­den der Lüne­bur­ger Hei­de. Im „Toten­grund“, einem roman­ti­schen Hei­de­stück in der Nähe von Wil­se­de, mach­ten die Kin­der einen auf­re­gen­den Fund:

Wir fan­den dort 3 jun­ge Hasen. Die Mut­ter war fort und ein Habicht kreis­te über ihrem Nest. Wir nah­men sie mit nach Hau­se. Eins starb unter­wegs, und ich leg­te es unter eine Tan­ne. Die zwei ande­ren nah­men wir mit nach Ham­burg. Da sie noch nicht allei­ne trin­ken konn­ten muss­ten wir ihnen mit einem Stroh­halm Milch ein­flös­sen. Nach 3 Wochen starb das 2. Das 3. nann­ten wir Hei­di. Jetzt ist Hei­di schon groß und kann allei­ne trinken.

Tags drauf berich­tet Hil­ke von einem Wett­schwim­men mit den Jung­mä­deln, spä­ter in die­sem Som­mer erhält sie ihr Zeug­nis und freut sich auf vier Wochen im Harz („Hof­fent­lich fin­den wir vie­le Blau­bee­ren“), muss aber hin­ter­her berich­ten, es habe „fast immer Regen“ gege­ben, was sie aber nicht davon abhielt, „sehr vie­le Pil­ze“ zu fin­den und fest­zu­stel­len: „So dunk­le Tan­nen habe ich mir immer gewünscht.“

Erst wenn man das Tage­buch der jun­gen Hil­ke liest, einem ganz nor­ma­len Kind aus einer bür­ger­li­chen, nicht­jü­di­schen Durch­schnitts­fa­mi­lie, gewinnt man ein Gefühl für die Lebens­wirk­lich­keit von Kin­dern und Jugend­li­chen wäh­rend der Kriegs­jah­re, und die mör­de­ri­sche Unge­rech­tig­keit des NS-Regimes. 

Dabei besteht Hil­kes Kriegs­er­fah­rung kei­nes­wegs nur aus Häs­chen- und Pilz­fun­den. Zu den ein­drück­lichs­ten Pas­sa­gen ihres Kriegs­ta­ge­buchs zäh­len die spä­te­ren Beschrei­bun­gen der Ver­wüs­tun­gen in Deutsch­land und ihrer aben­teu­er­li­chen Rei­sen quer durch das zer­stör­te Land. 

Und den­noch liest sich ihr Tage­buch fast wie ein Nega­tiv all der ande­ren Tage­bü­cher von ver­folg­ten und depor­tier­ten Kin­dern, und ist genau des­halb so auf­schluss­reich. Wenn wir lesen, wie Hil­ke im Som­mer 1942 rei­ten lernt, dann wer­den die Frei­heits­phan­ta­sien einer Anne Frank fast schon kör­per­lich spür­bar. Wenn sie im April 1945 schreibt, „das Schlimms­te“ sei, „von den Ange­hö­ri­gen getrennt zu sein“, dann kann man kaum anders als an die Beschrei­bun­gen von Ali­ce Ehr­mann, Hel­ga Weiss und ande­ren aus dem The­re­si­en­städ­ter Ghet­to zu den­ken, in dem SS-Offi­zie­re Ange­hö­ri­ge bewusst auseinanderrissen.

Hil­ke, die spä­ter einen eng­li­schen Arzt hei­ra­te­te, den sie durch einen gemein­sa­men jüdi­schen Bekann­ten ken­nen gelernt hat­te, war kein glü­hen­der Nazi, kei­ne Gewalt­ver­herr­li­che­rin, kei­ne Juden­hasse­rin, auch wenn sie die Haken­kreuz­flag­ge bis zuletzt so hoch ach­te­te, dass sie empört den Raum ver­ließ, als die­se in den letz­ten Kriegs­ta­gen zum Geschirr­ab­trock­nen zweck­ent­frem­det wur­de. Mit der­lei Kate­go­rien kommt man bei einem Men­schen, der bei Kriegs­en­de 16 Jah­re alt war und sich kei­ner Ver­bre­chen schul­dig gemacht hat, nicht weit.

Doch auch wenn die Depor­ta­tio­nen und Ver­nich­tun­gen in ihrem Tage­buch nicht vor­kom­men, gehört Hil­kes Tage­buch zur Geschich­te des Holo­caust. Denn im Gegen­satz zu den Tage­bü­chern von Ali­ce, Anne, Otto & Co. schil­dert sie das Leben der meis­ten Deut­schen, die weder SS-Scher­gen noch KZ-Insas­sen waren und das Sys­tem, ob wis­sent­lich oder nicht, bis 1945 am Lau­fen hielten.

Wer die Fra­ge nach his­to­ri­scher Schuld und Ver­ant­wor­tung im 21. Jahr­hun­dert neu stel­len will, der muss Hil­kes Tage­buch lesen.

Und doch ist etwas an die­sem Tage­buch beun­ru­hi­gend. Das liegt nicht an der jun­gen und eigent­lich nicht unsym­pa­thi­schen, höchs­tens etwas nai­ven Hil­ke, son­dern an ihrer Schwes­ter Gese­ke, die das Buch im Jahr 2009 zuerst in eng­li­scher Über­set­zung und dann auch in Deutsch­land herausbrachte.

Auch Gese­ke Clark war Anne Frank und das all­ge­gen­wär­ti­ge Anne-Frank-Kli­schee selbst­ver­ständ­lich bekannt – ob sie wei­te­re Tage­bü­cher aus jener Zeit kann­te, wis­sen wir nicht. Doch anstatt das Zeit­do­ku­ment ihrer Schwes­ter, wie es zu erwar­ten gewe­sen wäre, die­sem Kli­schee gegen­überzustel­len, unter­nahm sie offen­sicht­lich den Ver­such, es die­sem zuzu­ord­nen! In ihrem Vor­wort schreibt sie:

Ich hof­fe, dass die­se Geschich­te jun­gen Lesern von heu­te ein wenig hel­fen wird, ihr Ver­ständ­nis für die Kriegs­aus­wir­kun­gen auf Kin­der und Völ­ker zu ver­tie­fen. Viel­leicht kann die­ses Büch­lein sie auch zu der Ein­sicht inspi­rie­ren, dass wir Men­schen im Grun­de alle eine gro­ße Fami­lie sind. Ganz gleich, zu wel­chem Land wir gehö­ren – auf der ande­ren Sei­te der Gren­ze befin­den sich Brü­der und Schwes­tern mit ähn­li­chen Pro­ble­men und Freu­den wie den unse­ren. Ich hof­fe, dass die­se bewe­gen­de Geschich­te viel­leicht eini­ge unse­rer jun­gen Leu­te dazu moti­vie­ren wird, auf eine bes­se­re, fried­li­che­re Welt hinzuwirken.

Wie kann das sein? Wie soll ein Buch, das Kin­dern und wie Erwach­se­nen die Geschich­te einer offen­sicht­lich sys­tem­kon­for­men Jugend­li­chen erzählt, uns ver­mit­teln, dass wir „im Grun­de alle eine gro­ße Fami­lie sind“?


Im Jahr 1999 erschien in Isra­el ein Buch, das, wäre es in deut­scher Über­set­zung erschie­nen, das Zeug zum erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Pau­ken­schlag gehabt hät­te. In jah­re­lan­ger Detail­ar­beit hat­te die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Zohar Shavit, selbst Jahr­gang 1951, einen Kor­pus von über 300 deut­schen Kin­der- und Jugend­bü­chern zum Holo­caust aus­ge­wer­tet und beschrieb, aus­ge­hend von ihrer Lek­tü­re, die deut­sche Erin­ne­rungs­kul­tur als „Past without Shadow“, als „Ver­gan­gen­heit ohne Schat­ten“, als gigan­ti­sche kol­lek­ti­ve Ver­drän­gungs­leis­tung, die sich in der Lek­tü­re für jun­ge Lese­rin­nen und Leser auf ganz beson­de­re Wei­se manifestiere.

In Deutsch­land, so ihr Fazit, habe sich seit 1945 ein Nar­ra­tiv eta­bliert, das nicht die Erin­ne­rung an die sys­te­ma­ti­sche Ver­nich­tung der Juden wach­hal­te, son­dern viel­mehr die Erin­ne­rung an das Leid der deut­schen Bevöl­ke­rung, das unter den Fol­gen des Krie­ges genau­so gelit­ten habe wie alle anderen.

It is […] hard not to noti­ce that the hor­rors of the peri­od, as well as Ger­man respon­si­bi­li­ty for them, are almost ent­i­re­ly pur­ged in Ger­man children’s lite­ra­tu­re books […]. As an alter­na­ti­ve, they offer a “sto­ry” that fea­tures the Ger­mans as the prime and some­ti­mes the sole vic­tims of the Third Reich and the Holo­caust. In fact, the making of Ger­mans into the main vic­tims lies at the heart of the “his­to­ri­cal narrative.”

Es ist schwer zu über­se­hen, dass die Schre­cken die­ser Zeit und die deut­sche Ver­ant­wor­tung für sie aus der deut­schen Kin­der­li­te­ra­tur fast gänz­lich getilgt wur­den. Als Alter­na­ti­ve bie­ten sie eine „Geschich­te“, in der die Deut­schen die haupt­säch­li­chen, manch­mal sogar die ein­zi­gen Opfer des Drit­ten Rei­ches und des Holo­caust waren. Die Vor­stel­lung, die Deut­schen sei­en die haupt­säch­li­chen Opfer gewe­sen, liegt im Kern des „his­to­ri­schen Narrativs“.

Das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel für die­se Form der Geschichts­klit­te­rei dürf­te Hans Peter Rich­ters Pseu­do-Tage­buch „Damals war es Fried­rich“ sein. 1961 erschie­nen, gehört es bis heu­te zum Kanon der deut­schen Schul­lek­tü­re und bil­det für vie­le Her­an­wach­sen­de den ers­ten Kon­takt­punkt mit der deut­schen NS-Vergangenheit.

Rich­ter schil­dert aus der Sicht eines namen­lo­sen, ari­schen Ich-Erzäh­lers, gebo­ren Mit­te der Zwan­zi­ger­jah­re, und eines gleich­alt­ri­gen jüdi­schen Nach­bars­jun­gen namens Fried­rich die zuneh­men­de Aus­gren­zung und Ent­rech­tung der Juden zwi­schen 1933 und 1944. Von klein auf mit Fried­rich befreun­det, beob­ach­tet der Ich-Erzäh­ler ungläu­big und macht­los, wie sich die Lage für die­sen immer dra­ma­ti­scher ver­schlim­mert, bis er schließ­lich, von einem bru­ta­len NS-Luft­schutz­wart aus dem Luft­schutz­kel­ler ver­trie­ben, im Bom­ben­ha­gel ums Leben kommt. 

„Damals war es Fried­rich“ ist in vie­ler Hin­sicht ein Mus­ter­bei­spiel für Shavits Ana­ly­se. Denn ent­ge­gen sei­ner unver­kenn­bar heh­ren Absicht, Jugend­li­che für das Leid wäh­rend der NS-Zeit zu sen­si­bi­li­sie­ren, ermög­licht es auch eine gera­de­zu kon­tra-his­to­ri­sche Les­art, in der die Deut­schen nicht die Täter, son­dern eigent­lich die Guten waren.

In der erwähn­ten Schluss­sze­ne ist es näm­lich ein­zig und allein der als Unsym­path cha­rak­te­ri­sier­te Luft­schutz­wart Resch, der dem inzwi­schen ver­wais­ten Fried­rich wäh­rend des Luft­an­griffs den Zutritt zum Bun­ker ver­wehrt. Nach­dem ein Feld­we­bel (!) den Wart auf­for­dert, Fried­rich doch für die Dau­er des Angriffs ein­zu­las­sen, doziert die­ser: „Wis­sen Sie, was das ist? Das ist ein Jude!“, wor­auf­hin es „von allen Sei­ten“ (sic!) tönt: „Er soll den Jun­gen drinlassen!“

Nach dem Angriff fin­den der Luft­schutz­wart und Fried­richs Fami­lie den leb­lo­sen Fried­rich in einem Hauseingang:

Vater zog Mut­ter beim Ärmel. 

Mut­ter schlug die Hän­de vors Gesicht.

Herr Resch hob den Fuß und trat Friedrich.

Fried­rich roll­te aus dem geschütz­ten Haus­ein­gang auf den Plat­ten­weg. Von der rech­ten Schlä­fe zog sich eine Blut­spur bis zum Kragen.

Mei­ne Hand ver­krampf­te sich in den dor­ni­gen Rosensträuchern.

„Sein Glück, dass er so umge­kom­men ist“, sag­te Herr Resch.

Mit die­sem unge­heu­ren Dik­tum endet das Buch. Mit einem Mal steht noch der eine „Böse­wicht“ des Buches, der in der Kon­struk­ti­on des Romans als abscheu­li­cher Reprä­sen­tant des Regimes fun­gier­te, als Wohl­tä­ter da, der dem jun­gen Juden den Gang in die Gas­kam­mer erspart hat. Von die­ser Sze­ne, die, man muss es noch ein­mal beto­nen, bis heu­te zur Stan­dard­lek­tü­re an deut­schen Schu­len gehört, ist es nicht weit zu den abstru­ses­ten Geschichtsverdrehereien.

Mit sei­ner gro­tes­ken Schluss­sze­ne und dem kit­schig-nai­ven Geschichts­bild, in dem die meis­ten Deut­schen eigent­lich gut waren, weil sie eigent­lich nichts gegen Juden hat­ten und ent­we­der nur nicht den Mumm oder die Mit­tel hat­ten oder genug damit zu tun, mit dem eige­nen schlim­men Schick­sal fer­tig zu wer­den, um sich für die­se in irgend­ei­ner Form stark zu machen, steht Damals war es Fried­rich für eine gan­ze Tra­di­ti­on deut­scher Selbstil­lu­sio­nie­rung ange­sichts des Holo­caust, die inzwi­schen Regal­me­ter an Büchern und Fil­men füllt.

Doch ist es nicht letzt­lich nur ein Kin­der­buch? Muss man den gesam­ten erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Bal­last von 75 Jah­ren Nach­kriegs­zeit aus­ge­rech­net in den Kin­der­zim­mern und Klas­sen­räu­men abla­den? Zohar Shavit stellt sich die­se Fra­gen eben­falls, weist aber auf die iden­ti­täts­bil­den­de Funk­ti­on die­ser Bücher hin:

I con­t­end that, des­pi­te the low cul­tu­ral sta­tus of children’s lite­ra­tu­re, the books in ques­ti­on play a fun­da­men­tal role in the con­struc­tion of the Ger­mans‘ past image. Images per­cei­ved at a young age are inter­na­li­zed and tend to remain, beco­m­ing a cor­ner­stone in his­to­ri­cal memo­ry and know­ledge. The books in ques­ti­on […] par­ti­ci­pa­te in deter­mi­ning the world-view of child­ren, and due to the socia­li­zing func­tion of children’s lite­ra­tu­re they take part in estab­li­shing atti­tu­des that the child­ren car­ry into adulthood.

Aus mei­ner Sicht spie­len die­se Bücher trotz des nied­ri­gen kul­tu­rel­len Sta­tus der Kin­der­li­te­ra­tur eine fun­da­men­ta­le Rol­le bei der Kon­struk­ti­on des deut­schen Geschichts­bil­des. Bil­der, die man in jun­gen Jah­ren auf­nimmt, wer­den inter­na­li­siert und ten­den­zi­ell nicht ver­ges­sen, sie wer­den zum Grund­stein der Erin­ne­rung und des his­to­ri­schen Wis­sens. Die­se Bücher haben Anteil am Welt­bild von Kin­dern, und da Kin­der­li­te­ra­tur auch eine Sozia­li­sie­rungs­kom­po­nen­te hat, for­men sie Hal­tun­gen, die ins Erwach­se­nen­al­ter mit­ge­nom­men werden.

In Zei­ten, in denen 3 Pro­zent der Deut­schen glau­ben, ihre Vor­fah­ren sei­en Befür­wor­ter des Natio­nal­so­zia­lis­mus gewe­sen, wäh­rend 30 Pro­zent ihre Fami­lie im Wider­stand ver­or­ten, in Zei­ten, in denen ras­sis­ti­sches Den­ken wie­der in Mode zu kom­men scheint und Bun­des­po­li­ti­ker die NS-Zeit als „Vogel­schiss in der deut­schen Geschich­te“ bezeich­nen, ist Shavits Ana­ly­se aktu­el­ler denn je. 

Im Jahr 2020 scheint die Erin­ne­rungs­kul­tur in Deutsch­land an einem Wen­de­punkt ange­kom­men. Wenn die letz­te Anek­do­te aus dem Füh­rer­bun­ker über die Sen­der gejagt, wenn das letz­te Denk­mal fer­tig gestellt, der letz­te KZ-Wäch­ter ver­ur­teilt, die letz­ten Zeit­zeu­gen ver­stor­ben sind – was dann? 


Bevor ihre Samm­lung von Kin­der­ta­ge­bü­chern aus dem Holo­caust im Jahr 2002 unter dem Titel „Sal­va­ged Pages“ erschei­nen konn­te, arbei­te­te und recher­chier­te die His­to­ri­ke­rin Alex­an­dra Zapru­der zehn Jah­re lang im United Sta­tes Holo­caust Memo­ri­al Muse­um. Als das Buch nach mühe­vol­ler edi­to­ri­scher Arbeit end­lich fer­tig war, rech­ne­te sie mit ein paar Rezen­sio­nen, viel­leicht Ein­la­dun­gen zu Vor­trä­gen auf Kon­gres­sen, und schließ­lich mit der unver­meid­li­chen Fra­ge, wor­auf sie ihr his­to­ri­sches Inter­es­se als nächs­tes rich­ten sollte.

Doch auch wenn das Buch rezen­siert und sie zu Vor­trä­gen ein­ge­la­den wur­de, geschah etwas Uner­war­te­tes: Leh­re­rin­nen und Leh­rer began­nen sich für ihr Buch zu inter­es­sie­ren. Also begann Zapru­der, zunächst zögernd, aber immer begeis­ter­ter, aus ihrem Buch eine Res­sour­ce für den Geschichts­un­ter­richt zu machen. In den fol­gen­den Jah­ren erschie­nen ein Doku­men­tar­film, eine E‑Book-Aus­ga­be ihrer Samm­lung mit zahl­rei­chen Fotos und Hin­ter­grund­in­fos zu den Tage­bü­chern sowie eine Online-Daten­bank mit Arbeits­ma­te­ria­li­en zu jenen Tage­buch­schrei­be­rin­nen und ‑schrei­bern, die in ihrer Samm­lung vorkamen.

Der erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Dis­kurs zum Holo­caust in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten war Anfang der 2000er Jah­re, viel­leicht stär­ker noch als in Deutsch­land, von jenem oben beschrie­be­nen Anne-Frank-Kli­schee bestimmt. Im Zen­trum vie­ler Geschichts­stun­den stand nicht die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit his­to­ri­schen Quel­len, son­dern eher eine Art wol­ki­ger Bekennt­ni­sethik zur „Hoff­nung für die gan­ze Menschheit“.

Vor die­sem Hin­ter­grund wirk­te Zapru­ders viel­stim­mi­ge Samm­lung von Tage­bü­chern wie eine Revo­lu­ti­on. Im Vor­wort zur zwei­ten Auf­la­ge beschrieb sie im Jahr 2015 ihre Erfah­run­gen aus der Bil­dungs­ar­beit mit Kin­dern und Jugendlichen:

The dia­ries never fail to pro­vo­ke thoughts and ques­ti­ons; indi­vi­du­al­ly, they break down the Holo­caust expe­ri­ence into moments that reflect the com­ple­xi­ty of a life; taken tog­e­ther, they offer com­ple­men­ta­ry and some­ti­mes con­tra­dic­to­ry accounts that defy sim­pli­fi­ca­ti­on and gene­ra­liz­a­ti­on. And alt­hough the­se texts can­not res­to­re the lives of their wri­ters or rede­em their deaths, they can and do pre­ser­ve memo­ry and com­pli­ca­te, in the best pos­si­ble way, our under­stan­ding of this his­to­ri­cal past.

Die Tage­bü­cher regen jedes Mal zum Nach­den­ken und Nach­fra­gen an; für sich genom­men, bre­chen sie die Erfah­rung des Holo­caust in Ein­zel­mo­men­te auf, in denen die Kom­ple­xi­tät eines Lebens auf­scheint; zusam­men erge­ben sie kom­ple­men­tä­re und manch­mal wider­sprüch­li­che Berich­te, die vor Ver­ein­fa­chun­gen und Ver­all­ge­mei­ne­run­gen gefeit sind. Und auch wenn die­se Tex­te ihre Urhe­ber nicht ins Leben zurück­ho­len, erhal­ten sie das Geden­ken am Leben und machen unser Bild von der Geschich­te, im best­mög­li­chen Sin­ne, ein Stück komplizierter.

Ins Deut­sche ist Zapru­ders Buch nie über­setzt wor­den, und nach einer Aus­ga­be eines der Kin­der­ta­ge­bü­cher (abge­se­hen von dem der omni­prä­sen­ten Anne Frank) expli­zit für jun­ge Lese­rin­nen und Leser wird man eben­falls lan­ge suchen müssen.

Dabei liegt der lite­ra­ri­sche und päd­ago­gi­sche Wert des Gen­res auf der Hand. Die Tage­bü­cher laden, wie Zapru­der es beschreibt, nicht nur zur Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ihren jun­gen Autorin­nen und Autoren und ihren Schick­sa­len ein. Sie bie­ten auch eine idea­le Aus­gangs­ba­sis für ein moder­nes, alters­ge­rech­tes und zugleich quel­len­kri­ti­sches Geschichtsverständnis.

Damit sei aber nicht gesagt, dass all die­se Tage­bü­cher nur für Kin­der und Jugend­li­che inter­es­sant sei­en. Zusam­men­ge­nom­men erge­ben sie für Lese­rin­nen und Leser aller Alters­stu­fen einen viel­stim­mi­gen, pan­eu­ro­päi­schen Chor, einen Quer­schnitt durch jene Genera­ti­on, die dem alten Euro­pa ent­stamm­te und ein neu­es bereits in sich trug, das ohne die Ver­bre­chen der Nazis in den Vier­zi­ger­jah­ren hät­te ent­ste­hen können.

Die Tage­buch­schrei­be­rin­nen und ‑schrei­ber kamen aus allen sozia­len Schich­ten, schrei­ben in den ver­schie­dens­ten Spra­chen von Fran­zö­sisch bis Litau­isch, sind reich oder arm, teil­wei­se extrem reli­gi­ös oder säku­lar, hoch­ge­bil­det oder unge­bil­det, sie ster­ben im Krieg oder über­le­ben und sind so alle gemein­sam Teil der Geschich­te Europas.

Im jüdi­schen Muse­um von Buda­pest liegt ein klei­nes, in bestick­ten Stoff ein­ge­bun­de­nes Büch­lein. Es ist nie ver­legt oder gar über­setzt wor­den, und über sei­ne jun­ge Ver­fas­se­rin Éva Wein­mann ist wenig bekannt, außer dass sie 1928 gebo­ren wur­de und 1946 an Leuk­ämie starb und in Buda­pest bei­gesetzt wurde.

In ihrem Tage­buch, das sie 1941 zu ihrem 13. Geburts­tag geschenkt bekam und bis Febru­ar 1945 führ­te, beschreibt sie in ein­fa­cher Spra­che ihr Leben in einer jüdi­schen Mit­tel­schicht­fa­mi­lie in Buda­pest. Sie beschreibt die Schu­le, ihr Ver­hält­nis zu Jun­gen und die Ereig­nis­se in ihrer Familie. 

„Ich habe ein Kleid, einen Rock, eine Blu­se, einen Früh­lings­man­tel und ein paar wun­der­schö­ne Absatz­schu­he bekom­men“, schreibt Éva im März 1943. „Hand­schu­he bekom­me ich auch noch. Jetzt ver­ab­schie­de ich mich, mein klei­nes lie­bes Tage­buch, im Radio läuft näm­lich tol­le Musik, die ich mir anhö­ren will.“

1944 schien Éva Wein­mann schon das Inter­es­se an ihrem Tage­buch ver­lo­ren zu haben, doch im Juli nahm sie das Schrei­ben mit ande­rem Stift und in deut­lich ver­än­der­ter Schrift wie­der auf:

Mein lie­bes, klei­nes Tage­buch, lei­der bringt mich eine sehr trau­ri­ge Zeit dazu, wie­der auf dei­ne Sei­ten zu schrei­ben. Im fünf­ten Jahr des Krie­ges ist Euro­pas Schre­cken, Hit­ler, auch hier ange­kom­men. Auch hier hat das ange­fan­gen, was in allen ande­ren euro­päi­schen Län­dern herrscht, die Juden­ver­fol­gung. Hier geht es nun schon seit fünf Mona­ten so. In ganz Ungarn sind nur noch wir hier. Wo die ande­ren sind, weiß allein der lie­be Gott. Einer von ihnen wur­de inter­niert, bis jetzt war er hier in der Páva utca, aber nun hat man ihn mit­ge­nom­men. […] Mein Gott, ret­te sie vor dem Schlimms­ten, vor dem Tod! […] Die­se Woche wur­de gegen das Schwein Hit­ler ein Atten­tat ver­übt, aber lei­der hat es nicht geklappt. Ich habe zwar auch schon gehört, er sei kre­piert, aber das glau­be ich eher nicht.

Kann man die Bedräng­nis jener Zeit mit ein­fa­che­ren Wor­ten aus­drü­cken? Éva Wein­mann war kei­ne Lite­ra­tin, sie schrieb nur für sich, aber genau wie alle ande­ren Tage­bü­cher zeigt auch ihres die Welt­ge­schich­te in einer neu­en, ihrer ganz eige­nen Perspektive.

Unver­meid­lich gerät auch die Fami­lie Wein­mann im Jahr 1944 ins Visier der Nazis und muss um ihr Leben fürch­ten, in einem lan­gen Tage­buch­ein­trag vom 4. Novem­ber des Jah­res schil­dert sie, wie sie sich immer wie­der mit­hil­fe ver­schie­de­ner Tricks der Depor­ta­ti­on zu ent­zie­hen versuchten.

Éva hat­te Glück und erleb­te den Ein­marsch der Roten Armee in Buda­pest. Das Tage­buch bricht am 11. Febru­ar 1945 mit­ten in einem ange­fan­ge­nen Satz ab, in einem zeit­ty­pi­schen Ein­trag vol­ler gemisch­ter Gefühle:

Ich lie­ge im Bett und schrei­be. Ich bin erkäl­tet. Gott sei Dank sind wir schon zu Hau­se, wir kön­nen das Zim­mer hei­zen und es ist schön warm. Die Lage hat sich lei­der nicht gebes­sert. Die Rus­sen woh­nen in unse­rem Haus und wol­len jede Nacht hier schla­fen. Heu­te nach haben zwei im Zim­mer neben­an geschla­fen. Die Ess­zim­mer­mö­bel haben sie mit­ge­nom­men. Den Jungs aus Kis­pest geht es, Gott sei Dank, gut. Nur von Fré­di habe ich nichts gehört. Wir …

Die Geschich­te Euro­pas ist nicht nur eine gro­ße Abfol­ge von Geset­zen, Schlach­ten und Ver­trä­gen. Die Geschich­te Euro­pas ist genau­so die Geschich­te von Éva Wein­mann, die Geschich­te von Ali­ce Ehr­mann, die Geschich­te von Hil­ke Clark. Die Geschich­te Euro­pas ist unse­re Geschichte. 

Die­se Geschich­te zu bewah­ren und das Geden­ken auf­recht zu erhal­ten, ist die immer wie­der neue Auf­ga­be jeder Genera­ti­on. Und an jedem Tag, der ver­geht und an dem Men­schen verster­ben, wächst die Gefahr, dass lee­re Scha­blo­nen unser Bild der Geschich­te bestim­men, oder dass die Geschich­te ganz in Ver­ges­sen­heit gerät.

Die Aus­sicht, das Geschrie­be­ne kön­ne ver­geb­lich sein und als­bald in Ver­ges­sen­heit gera­ten, klingt in erstaun­lich vie­len die­ser Tage­bü­cher an, aus­ge­spro­chen oder unaus­ge­spro­chen. Wenn die jun­gen Autorin­nen und Autoren ver­zwei­feln, dann nicht nur an der Poli­tik oder an Gott, son­dern auch an der Aus­sichts­lo­sig­keit ihres eige­nen Schreibens.

Die jun­ge rumä­ni­sche Jüdin Miri­am Kor­ber, die mit ihrer Fami­lie aus ihrer rumä­ni­schen Hei­mat ins Ghet­to Dschu­rin in Trans­nis­tri­en depor­tiert wur­de, brach­te dies im Som­mer 1942 in einem ver­zwei­fel­ten Tage­buch­ein­trag zum Ausdruck:

Was ich hier schrei­be, ist umsonst. Nie­mand wird es lesen, und wenn ich davon­kom­me, wer­de ich alles ver­bren­nen, was sich auf die­se ver­fluch­te Zeit in Dschu­rin bezieht. Und trotz­dem schrei­be ich.

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Eine Sei­te aus dem Tage­buch der Miri­am Kor­ber. © USHMM 

Die­ses unglaub­li­che „und trotz­dem“ ist der immer­wäh­ren­de Auf­trag an nach­fol­gen­de Genera­tio­nen. Wir soll­ten die­se Tage­bü­cher nicht des­halb lesen, um die­se jun­gen Men­schen zu bewun­dern oder zu bemit­lei­den. Wir soll­ten sie nicht lesen, um ihrem Leid irgend­ei­nen Sinn abzu­rin­gen. Wir soll­ten sie nicht lesen, um aus ihnen irgend­wel­che gro­ße The­sen über den Ver­lauf der Geschich­te oder das Wesen der Mensch­heit abzuleiten.

Wir soll­ten sie lesen, weil irgend­wo in Euro­pa ein Kind nicht auf­hör­te zu schrei­ben, als alles sinn­los war.


Das Titel­bild zeigt eine (unbe­kann­te) jun­ge Frau, die noch kurz vor ihrer Depor­ta­ti­on aus dem Ghet­to Litz­mann­stadt einen letz­ten Brief schreibt. Es stammt von dem jüdi­schen Foto­gra­fen und Ghet­to-Insas­sen Men­del Gross­man. Bild­quel­le: USHMM.

Die Zita­te aus dem Tage­buch Otto Wolfs hat Hana Hadas aus dem Tsche­chi­schen über­setzt. Das Tage­buch der Éva Wein­mann hat Timea Tan­kó für die­sen Bei­trag zusam­men­ge­fasst und in Aus­zü­gen über­setzt. Alle wei­te­ren Zita­te ent­stam­men den ver­öf­fent­lich­ten Aus­ga­ben der Bücher: