Übersetzung des Monats: Zwei Brüder

In seiner selbstbewussten Übersetzung von Mahir Guvens Debütroman „Zwei Brüder“ zeigt André Hansen, wie Deutsch auch klingen kann. Von

André Hansen beweist in seiner Übersetzung von Mahir Guvens „Zwei Brüder“ ein scharfes Gespür für die unterschiedlichen Sprechweisen in urbanen Lebensräume und erschafft einen höchst originellen Mix aus Standard- und Kiezdeutsch.

Übersetzung des Monats Juni
Titel

Zwei Brüder

Autor

Mahir Given

Übersetzt von

André Hansen

Originalsprache

Französisch

Originaltitel

Grand frère

Link zur Verlagsseite

https://www.aufbau-verlag.de/index.php/zwei-bruder.html

Bücher von jungen, ambitionierten Autoren und Autorinnen äquivalent ins Deutsche zu übertragen, ohne ihren Figuren Modewörter des vergangenen Jahrhunderts in den Mund zu legen, ist eine große Herausforderung – die Übersetzer oder Übersetzerinnen mal mehr, mal weniger gut bewältigen. André Hansens Übertragung von Mahir Guvens Debütroman „Zwei Brüder“ ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie eine gelungene Übersetzung eines modernen Autors klingen kann. Für seine Übersetzung wurde Hansen in diesem Jahr mit dem Förderpreis zum Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Der französische Autor Mahir Guvens erzählt in seinem Debütroman, für den er 2018 den Prix Goncourt du premier roman erhielt, die Geschichte zweier Brüder, die als Söhne eines aus Syrien eingewanderten Vaters und einer französischen Mutter in den Pariser Außenbezirken leben und sehr unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Guven wechselt dabei stetig zwischen der Innenschau des jüngeren und älteren Bruders hin und her – eine Erzähltechnik, die dem Roman Komplexität und Ambiguität verleiht.

„Kleiner Bruder“, ausgebildeter Krankenpfleger, reist über Nacht mit einer NGO nach Syrien und verliert sich im dortigen Kriegsgeschehen. Was er dort erlebt, wird zwar angerissen, aber nie gänzlich von Guven herausgearbeitet – mit Absicht: die potentielle Radikalisierung von kleiner Bruder bestimmt den Spannungsverlauf dieses Romans; sie beschäftigt vor allem seinen großen Bruder, der als Uber-Fahrer in Paris arbeitet, und ihn aufnimmt, als dieser mit unklaren Absichten aus Syrien zurückkehrt.

Frankreichs bittere soziale Ungleichheit ist neben Gewalt, Religion und gescheiterter Integration das große Thema dieses Romans. In Monologen erzählen die Brüder abwechselnd von der Angst vor sozialem Abstieg, der Distanz zum Heimatland ihres Vaters und dem Verlangen nach einem besseren Leben. Guven hat sich nach eigenen Angaben am Banlieue-Jargon bedient, der vorrangig in den Pariser Außenbezirken zu finden ist, um eine möglichst gesprächsnahe Sprache für seinen Roman zu finden:

„Alle Leute in meinem Alter, so um die 30, sprechen in der Jugendsprache, in diesem Argot. Künstler prägen heutzutage die Sprache auch sehr, vor allem die Rapper. Und da ich einen sehr realistischen Roman schreiben wollte, konnte ich keine zu ausgefeilte, zu literarische Sprache wählen. Also keinen Stil, den man nicht im Gespräch verwendet, sondern höchstens liest.“

Seinem Übersetzer André Hansen kam die schwierige Aufgabe zu, diesen französischen Soziolekt ins Deutsche zu übertragen und dabei eine ebenso lebensnahe Sprechweise zu kreieren. Entstanden ist dabei ein einnehmendes und kunstvolles Gemisch aus verschiedenen Sprachvarietäten des Deutschen. Das klingt mitunter so:

„Damit aller Erfolg habe, du mussen Sachen in Maß. Und
beobachten, geduldige, abwarten … Du nehmen Schaum
einmal, du machen Schaum zwei Malen und du teilen. An
Ende du trinken Kaffee mit Ruhe. Langsam, da. Ausnutzen.
Turkisch Kaffee, dasse Arbeit und Geduld, dann Genuss,
Aroma schmecke. Verstehst? Wie die Leben. Erst Arbeit,
dann Vergnuge, Spaß. Sehr wichtig. Verstehst?“

Diese Worte stammen allerdings nicht von den Brüdern, sondern ihrem Vater, und bilden dessen „holpriges“ Französisch ab; ein Französisch, das er erst im Erwachsenenalter und als Einwanderer lernte. In der deutschen Übersetzung findet man eine Sprache, die mit ihrer verkürzten Syntax vor allem in den multiethnischen Vierteln deutscher Großstädte gesprochen wird.

Der unterschiedliche Sprachgebrauch der beiden Brüder und ihres Vaters ist in diesem Roman eng an die soziale Identität verknüpft. Die Brüder sprechen in der Übersetzung nicht dasselbe Deutsch wie ihr Vater, sie haben ihre ganz eigene Sprache, mit der ihre Persönlichkeiten herausgearbeitet werden. Kleiner Bruder – ein Träumer und Idealist, der die eigene Erfüllung und soziale Anerkennung in der Selbstopferung sucht – schildert seine Perspektive in präzisen Sätzen und lakonischem Tonfall:

„Ich war todmüde. Wir hielten an. Wir fuhren weiter. Vegetierendes Schlafen, den Kopf gegen die Scheibe, die Arme verschränkt, das einschläfernde Dröhnen der Ausrüstung und des Motors, der bei jeder Brückensteigung aufheulte. Bei Buckeln und Schlaglöchern schlug mein Kopf erneut gegen die Scheibe, und ich wachte auf mit verklebten Augen, müde, weil wir früh aufgestanden waren. Draußen ging das Gelb in Grau über, dann in Grün.“

Der kühle Tonfall suggeriert die wachsende Distanz, die nicht nur die spätere Beziehung der Brüder charakterisiert, die durch das plötzliche Verschwinden von kleiner Bruder getrübt wird. Auch die Leserschaft erhält im Laufe des Romans immer knappere Einsichten in die Perspektive des jüngeren Bruders, dessen Handlungsmotive nie ganz eindeutig sind. Der französische Originaltitel lautet „Grand frère“ („großer Bruder“) und tatsächlich sind die Emotionen von großer Bruder auf Papier viel schillernder und deutlicher gezeichnet als die von kleiner Bruder, der bis zuletzt ein Mysterium bleibt.

Freier, unbeschwerter, aber auch schlagfertiger läuft großer Bruder durchs Leben und kommentiert alles und jeden in witzigen und einfallsreichen Sätzen. Diese sind voller Anglizismen (großer Bruder ist „so in love“ und „im flow“), einigen Neologismen („Trouble-Kultur“, „credibility-befreit“) sowie einiger Interjektionen, die man weniger in der Gegenwartsliteratur, sondern verschriftlicht eher in WhatsApp-Nachrichten verortet („Hahaha!“, „Häää?!“, „Ey!“). Die Erzählstimme des großen Bruders besteht allerdings keinesfalls ausschließlich aus Kiezdeutsch, sondern wird auch immer wieder mit Standardsprache verpflochten. Es sind genau diese Brüche, die diesen Roman so reizvoll machen:

„Mein Daron, der ist fast ein Kunstwerk, das unaufhörlich spricht und alles in Dauerschleife wiederholt: Assad, Da’esch, die Amerikaner, Merkel, Hollande, Israel, Damaskus, Aleppo, die Kurden und Tadmor, sein Heimatdorf, blabla blublub … ein Brummen bei jedem Komma und ein Schimpfwort bei jedem Punkt. Eigentlich geht er mir gewaltig auf den Sack. Aber gut, so ist mein Daron, kann man nichts machen. Familie eben. Isso.“

Großer Bruder zitiert zu Beginn seinen Vater, der zwar hoch gebildet ist und in Frankreich promoviert hat, aber als Taxifahrer arbeitet. Sprache ist hier immer auch Kennzeichen der sozialen Schicht. Wer wie gut Französisch kann (ein wichtiges Kriterium in einem sprachkonservativem Land wie Frankreich), wird im Laufe des Romans immer wieder kommentiert und sagt viel über die Aufstiegschancen des Einzelnen aus. Kleiner Bruder spricht wie die Leute, zu deren Schicht er als Krankenpfleger (und später als falscher Arzt) gehören will, obwohl er seine Herkunft nie ganz verschleiert. Großer Bruder, dessen Zukunft viel stärker in dem Milieu, in das geboren wurde, verankert ist, spricht eine Sprache, die in der Übersetzung sehr viel stärker im Kiezdeutsch verankert ist. Er durchbricht den väterlichen Sprech durch seinen lockeren, umgangsprachlicheren Stil, der in „isso“ gipfelt, einem Wort, das spätestens als es 2016 zum Jugendwort des Jahres gekürt wurde, aus dem deutschen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken ist, höchst selten aber in der Literatur abgebildet wird.

In seiner Rezension für den Deutschlandfunk übt Dirk Fuhrig lobenswerterweise Übersetzungskritik und argumentiert, dass „Bruderherz“ anstelle von „Brudi“ die angemessenere Übertragung von „frérot“ gewesen wäre – ein Urteil, dass die auch hierzulande existierenden sprachkonservativen Diskurse durchschimmern lässt. Auch wenn „Bruderherz“ eine wortwörtlichere Übersetzung wäre, ist sie wirklich äquivalent? „Brudi“ ist ein viel geläufigeres Wort im Sprachgebrauch deutscher Jugendlicher und somit viel näher an der Abbildung einer gesprochenen Sprache, an der sich der Autor im Original ausprobiert. Dank der Lektüre dieses Romans fällt auf, wie ungewöhnlich es ist, diese Verschriftlichung einer deutschen Sprachvarietät so radikal in einer deutschsprachigen Übersetzung wiederzufinden – aber auch so kann Deutsch klingen.

Hansen schafft es in seiner Übersetzung ein Deutsch für diese beiden Brüdern zu finden, das nie zu flach, holprig oder gar künstlich wirkt. Dabei umgeht Hansen gekonnt die Gefahr, diese Figuren in Stereotype oder bloße Sprachklischees abrutschen zu lassen. Das Gegenteil ist der Fall – so originell und unverkrampft hat in einer Übersetzung schon lange niemand mehr um die 30 gesprochen.

Anm. d. Red.: Dieser Beitrag wurde ohne Kenntnis der Originalsprache verfasst. Mehr zum Thema hier.

Drei Fragen an André Hansen

Was erfahren wir durch die unterschiedliche Sprache der beiden Brüder über ihren Charakter?

Der große Bruder stolpert eher verplant durchs Leben. Er kifft viel und wurde mit Schizophrenie diagnostiziert. Entsprechend sprunghaft und assoziativ ist auch sein Erzählen. Erlebnisse wechseln sich mit Kommentaren und Hörensagen ab, alles in einer Sprache die (nicht nur) für die Pariser Vororte typisch ist. Sprachlich ist er auch besonders stark vom französischen Rap beeinflusst. Der kleine Bruder ist spirituell, sucht Erfüllung in der Religion und hat eine etwas gehobenere Ausdrucksweise, die von medizinischer Fachsprache inspiriert ist. Er radikalisiert sich und schließt sich in Syrien einer islamischen Miliz an. Dort beschreibt er einen Horror, der sich in seiner Ernsthaftigkeit von der lockeren, immer etwas sprachspielerischen Sprechweise des großen Bruders unterscheidet. Allerdings kann sich auch der kleine Bruder nicht seiner Herkunft entziehen, und auch er verwendet gängige Wendungen aus der sogenannten Banlieue-Sprache. Beide Brüder haben ihre Mutter früh verloren und verarbeiten dieses Trauma auf unterschiedliche, aber vergleichbare Weise.

Die Übersetzung ist sehr umgangssprachlich. Wo hast du dir dafür Inspiration gesucht?

Ich bin viel mit der U8 durch Neukölln gefahren. Aber das hat mich eigentlich nicht so sehr inspiriert, sondern einzelne Übersetzungsentscheidungen gefestigt. Das Zuhören von Alltagsgesprächen der Kiezsprache, die vielleicht entfernt mit der französischen Banlieue-Sprache verwandt ist, war eigentlich erst der letzte Schritt. Zuerst habe ich analysiert und recherchiert.

Der französische Argot hat in Frankreich eine viel längere Tradition hat als die verschiedenen Jugend- und Milieusprachen in Deutschland, die historisch viel größeren Schwankungen unterliegen. Da ist z.B. das Verlan. Das bedeutet, dass einzelne Wörter entweder rückwärts ausgesprochen oder die Silben vertauscht werden. Aus „mère“ wird „reum“, aus „dope“ „bédo“. Verlan-Ausdrücke gibt es schon in den 1980er Jahren und wirken auch heute noch nicht allesamt veraltet. Dafür gibt es im Deutschen keine überzeugenden Äquivalente, also habe ich in solchen Fällen einheitlich mit „Mutter“ oder „Dope“ übersetzt. Dafür habe ich dann an anderen Stellen kompensiert. Wenn von „tacos“ die Rede ist, also von Taxis oder Taxifahrern, variiere ich je nach Kontext zwischen „Taxen“, „Taxoten“, „Taxiosis“ und „Taxaletten“. Außerdem musste die raue „Rue“ auf Deutsch manchmal eine „Street“ sein.

Ich habe mich also davon verabschiedet, einzelne Wörter und Wendungen übersetzen zu wollen, und dafür das Strukturprinzip genommen und an geeigneten Stellen improvisiert. Es geht in dem Text nicht darum, dass an einer bestimmten Stelle zwingend ein Wortwitz oder ein Reim vorkommt. Überall dort, wo es sich anbietet, wird assoziiert und gereimt. Dabei haben mir die Publikationen der Linguistin Heike Wiese zum Phänomen des Kiezdeutschen geholfen. Dadurch bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass urbane, multikulturelle Jugendsprachen sich im Deutschen weniger durch spezielles Vokabular und mehr durch Syntax kennzeichnen, etwa Imperative mit „musstu/lassma“ oder eine So-Klammer („der Typ war so voll drauf so“). Das war eine der wichtigsten Quellen.

Ansonsten arbeitet Mahir Guvens Roman sehr stark mit intertextuellen Anspielungen. Da stehen auf der einen Seite Louis-Ferdinand Céline und Raymond Gary, auf der anderen die Rapper Shurik’n und Oxmo Puccino. Bei Anspielungen auf die beiden Schriftsteller konnte ich in den deutschen Übersetzungen Ideen finden, vor allem bei Eugen Helmlé. Bei den vielfältigen Anspielungen und Zitaten von französischem Rap musste ich kreativ werden und habe Stilmittel des deutschen Hip Hop verwendet, etwa den Haufenreim. Außerdem habe ich mich bei der Übernahme von Fremdwörtern aus dem Arabischen daran orientiert, welche Wörter im deutschen Rap vorkommen, zum Beispiel Chaye (Kumpel, Typ). Andere Fremdwörter habe ich übersetzt, weil sonst auch aus dem Kontext nicht mehr schließen lassen würde, was gemeint ist.

Wie schafft man es, dass so eine Übersetzung authentisch klingt?

Ich freue mich, dass die Übersetzung authentisch rüberkommt. Die Sprache ist natürlich genauso eine konstruierte Straßensprache wie die Sprache des Originals. Es ist in der Literatur vermutlich wichtiger, überzeugende Illusionen zu erzeugen als Authentizität. Mit Illusionen spielt dieser Roman, vor allem bei einem so unzuverlässigen Erzähler wie dem großen Bruder.

Es geht schließlich nicht nur um das Abbilden eines Milieus. Gegen Ende des Romans läuft der Erzähler „eines bekifften Abends“ mit einem Kumpel durch das Pariser Geschäftsviertel La Défense. Er staunt über die verschiedenen Skulpturen, die dort aufgestellt sind, und kommentiert: „Die Künstler, das waren Chayes nach unserm Geschmack. Genauso kaputt im Kopf wie wir. Wir bogen uns vor Lachen. […] Aber die Leute ließen die [Kunstwerke] alle links liegen, und keiner hat irgendwas verstanden. […] [W]enn Kunst nur um der Kunst willen dasteht, zucken alle mit der Schulter. Kunst muss dir schon auf den ersten Blick einen Uppercut versetzen. Und wenn du sie analysierst, erkennst du alle Details. Daraus schließt du dann das Meisterwerk.“

Diese Passage beschreibt im Grunde das poetologische Konzept des Romans. Dabei wird klar, dass hier zwar eine „Straßensprache“ vorgeschoben wird, dahinter verbirgt sich aber ein Abgrund. Damit also dieser Uppercut erst einmal wirkt, musste ich mir erlauben, rumzuspinnen und so assoziativ zu denken wie der große Bruder. Dabei habe ich mich dann teilweise weit vom Text entfernt. Den deutschen Text habe ich dann immer wieder laut vorgelesen, um zu hören, ob es funktioniert.

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