Venedig ist nicht in Italien

„Venise n’est pas en Italie“ oder „Der Sommer mit Pauline“ ist mehr als ein Roman über die erste Liebe des 15-jährigen Émile. Mit sanfter Ironie und sozialkritischen Untertönen beschreibt Ivan Calbérac auch die französische Gesellschaft der 1990er Jahre. Von

Wo war Venedig noch mal? Bildquelle: Pixabay

„Der Sommer mit Pauline“ ist die erste Übersetzung der jungen Literaturübersetzerin Anne Maya Schneider – eine Herausforderung, weil der Autor mit einem Gemisch aus unterschiedlichen Stilelementen arbeitet. Meistens gelingt es ihr, im Deutschen die entsprechenden Stilebenen zu finden, manchmal aber verblassen die Figuren hinter einer allzu flapsigen Sprache.

Der in Frankreich 2015 erschienene Roman hat die Form eines Tagebuches. Warum? Weil Pauline, Émiles Schulfreundin, ihm eröffnete, dass sie Tagebuch schreibt. Das beeindruckte den Verliebten so sehr, dass er sich gleich auch ein Tagebuch kaufte. Wir sind nun Zeugen der sechs entscheidenden Wochen im Leben Émiles: seiner Wandlung vom pubertären Jugendlichen zum jungen Mann.

Ivan Calbérac, auch Regisseur und Drehbuchautor, erzielte mit seinem Theaterstück „L’Étudiante et monsieur Henri“ einen grandiosen Bühnenerfolg in Paris, für den er den Grand Prix de Académie française-jeune théâtre erhielt. Das Stück wurde auch verfilmt. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Romanhandlung szenisch aufgebaut ist, mit nur zwei Ortswechseln: da ist einmal die französische Kleinstadt, in der Émile Chamodot und seine Familie leben, der Wohnwagen, die Schule und die Villa der Eltern Paulines, der Schulkameradin, in die er sich unsterblich verliebt hat. Die sozialen Verhältnisse sind damit gezeichnet: Émile lebt im Wohnwagen, weil sein Vater zwar ein Baugrundstück mit ausgehobener Baugrube hat, die Stadt ihm jedoch die Baugenehmigung verweigert, weil diese eine Umwidmung durchsetzen will. Während so die Familie immer mehr zu Außenseitern mutiert, stammt die angebetete schöne Pauline aus einer ganz anderen, einer bourgeoisen und reichen Welt, mit großer Villa und Garten und einer wunderschönen, chic gekleideten Mutter.

Und dann Venedig! Émile ist sofort begeistert von dieser Stadt mit ihren Brücken und/ verwinkelten Gassen. Calbérac beschreibt in dieser zweiten Hälfte des Romans in drei langen Tagebucheinträgen Venedig als die Stadt der Liebe, des Lebens, der Emotionen und des Selbstfindens. Er feiert sie auch als die Stadt des Glücks: der Liedtext von Claude Lemesle, dessen Titel auch Originaltitel des Romans ist, „Venise n’est pas en Italie“, interpretiert von Michel Sardou oder Serge Reggiani, verweist auf die „freien“ 70er Jahre, auch die Jahre, in denen Émiles Eltern jung und verliebt waren. Die Übersetzung mit „Der Sommer mit Pauline“ vermag diesen Aspekt nicht zu transportieren und insinuiert auch Erwartungen an eine Geschichte mit Pauline im Sommer, die es so im Roman gar nicht gibt.

Der szenische Aufbau, zwei Orte mit sechs Wochen Handlungszeitraum, wird an manchen Stellen durch die Ansprache an die Leserin oder den Leser verstärkt. Sie soll uns in den Dialog einschließen: ein Stilelement, das an Italo Calvino erinnert. Hier hat die Übersetzerin eine Entscheidung getroffen und keine „hybriden“ Formen zugelassen. Zeilen wie „je suis sûr que vous visualisez“ (deutsch „ich bin sicher, dass Sie sich das vorstellen können“) streicht sie zum Beispiel ganz. Die klassische Romanerzählform wurde so eingehalten.

Et vous en connaissez, des gens qui rêvent de devenir conseiller d’orientation quand ils étaient petits ?
Und wer kennt schon jemanden, der als Kind Berufsberater werden wollte?

Eigentlich wollte Émile allein nach Venedig fahren, um beim Konzert Paulines anwesend zu sein. Danach stellte er sich vor, dass er mit seiner Angebeteten das Wochenende in der Stadt der Liebe verbringen würde. Aber, wie das Leben so spielt, kommt es dann doch anders, denn gewissermaßen auf dem Weg zu Pauline hat Émile seine erste erotische Erfahrung mit Natacha gesammelt, einer Tramperin, die eigentlich die Eroberung seines Bruders ist. Es gibt keine Details, nein, denn: „Bon, je veux pas en dire plus, parce qu’après, ça devient trop personelle“, kurz und knapp übersetzt mit „Schluss jetzt, alles Weitere ist zu persönlich.“

Und noch etwas passiert in Venedig: Émile gelingt es, sich von seinen chaotisch-liebevollen „Prolo“-Eltern zu lösen, seine Eigenständigkeit zu gewinnen, indem er den Widerspruch zwischen deren Benehmen und Aussehen und seiner tiefen Liebe zu ihnen auflöst: sie lieben ihn und tun, was immer sie können, bringen Opfer und er liebt sie dafür und überhaupt, auch wenn ihr Verhalten in der Öffentlichkeit ihn nach wie vor nervt. Er kann das inzwischen einordnen und damit umgehen.

Und wie geschieht dieser Akt? Er lässt sich die Haare scheren, die seine Mutter immer blondiert hatte, weil sie ihn angeblich schöner machen. Émile setzt somit zum ersten Mal seine eigenen Entscheidungen durch und wird erwachsen.

Der Roman lebt von der Beschreibung und der Kritik der gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Familien Paulines und Émiles. Oberschicht hier, (fast) Unterschicht dort, wobei Émile auf die kluge Idee kommt, dass er – weil es ihm an Insignien des Geldes fehlt – durch Witz und Intelligenz Pauline erobern müsse bzw. könne. Vor diesem Hintergrund sind die Dialoge komisch und amüsant, Calbérac inszeniert sie meisterhaft und brillant:

Pauline, pour son avenir, elle a de grandes ambitions, pas coiffeuse ou maîtresse, non, elle voudrait travailler à l’ONU pour aider les peuples des pays en voie de développement à se développer dans la bonne voie, grâce à l’agro-écologie notamment. Je voyais pas exactement de quoi elle parlait, mais ça avait l’air bien, donc j’ai approuvé. – C’est pas une mauvaise idée, ai-je ajouté, moi aussi, j’aimerais bien bosser dans l’humanité. – Humanitaire ! elle a corrigé. – Non, non, humanité, ai-je insisté […]
Für ihre Zukunft hat Pauline richtig große Pläne, nicht Frisörin oder Lehrerin oder so: Sie würde gerne bei der UNO arbeiten, um Entwicklungsländern bei der Entwicklung zu helfen, vor allem unter mithilfe von Agrarökologie. Kapiert habe ich nix, es klang aber gut. „Keine schlechte Idee“, stimmte ich zu, „ich würde auch gerne humane Hilfe leisten. „Humanitär!“ korrigierte sie mich. Nein, nein ich meine human […]

Die Übersetzerin Anne Maya Schneider hat eine Entscheidung getroffen: für eine umgangssprachliche Stilebene, einfache Syntax und eine Art imaginiertem Jugendjargon. Vielleicht sollte das Buch so für Jugendliche attraktive Lektüre sein. Ich möchte einige Beispiele aufzeigen, wobei die Übersetzerin in den ersten vier Beispielen eine umgangssprachliche Lösung wählt, die ein bisschen „flippig“ ausfällt. Es gelingt ihr besser, wenn im Französischen das „familier“ benutzt wird. In diesen Beispielen wählt Schneider eine umgangssprachliche Lösung, wo im Original eigentlich Standardsprache steht. Aus dem schlichten „en mangeant mon escalope“ macht sie „während ich mein Schnitzel mampfte“, und wenn eine Person im Original als „un peu le genre à présenter les informations à la télé“ beschrieben wird, könnte er bei Schneider „glatt als Fernsehfuzzi durchgehen“.

An anderen Stellen formuliert Calbérac selbst umgangssprachlich, was Schneider ihrerseits aufgreift:

elle m’oblige à bosser comme un acharné
wenn ich mir wie ein Irrer den Schulstoff reinziehen soll
Ma mère, ce qui est plus rare, se fendait la poire aussi.
Sogar meine Mutter lachte sich kaputt.

Manchmal schleichen sich auch Oberflächlichkeiten ein, die Bedeutungen nicht mitnehmen: Pauline beschreibt, dass sie in der Entwicklungspolitik arbeiten möchte, um dafür zu sorgen, dass diese Länder sich „développer dans la bonne voie“. Die Übersetzerin lässt diese Spezifizierung weg – wobei dies aber gerade ein Indiz für die moralische Sicht Paulines ist und deren naiver Weltverbesserungsglaube.

Ein bisschen mehr Empathie wäre bei der Übersetzung der Gefühlslage Émiles wünschenswert, denn um genau jene hypersensiblen und zarten Emotionen des Pubertären und seiner Wandlung zum emotional und rational handelnden jungen Erwachsenen geht es ja.

Die Beschreibung seiner zwiespältigen Gefühle, wenn seine geliebte Mutter so gar keine Sorgfalt walten lässt bei der Wahl ihrer Kleidung, während Pauline und ihre Mutter jederzeit superelegant und chic (und teuer) gekleidet sind, lässt jedoch aufhorchen: Calbérac untermalt seine Gefühlsebene mit Gesellschaftskritik an Codes und Zuschreibungen. Émile, beeindruckt von dem Reichtum der Familie Paulines, ist hin- und hergerissen: Er schämt sich für seine Mutter, die mit Schlabberjacke und Jogginghose zum Bahnhof geht und sich noch dazu wenig konform benimmt. Da er aber weiß, wie sehr sie ihn liebt in ihrer Unbedarftheit und was sie alles für ihn tut, schämt er sich auch dafür, dass er innerlich auf Distanz geht. Und er schämt sich, weil er sich schämt. An dieser Stelle (und an anderen) weicht die amüsante Komik einem Nachdenken, Émile ertappt sich dabei, wie er seine Mutter in eine soziale Schublade steckt und über sich selbst erstaunt, fast schon entsetzt ist:

Et comme ma mère n’était particulièrement pas sur son trente et un, je marchais quelques mètres devant elle, pour pas qu’on devine nos liens de parenté. Je sais, c’est absolument dégueulasse de faire in truc pareil, j’ai l’impression d’être un gros tas de détritus, un monstre ignoble et puant, parce que je l’aime tellement, même si je la redoute en permanence, je l’aime de toute ma chair, de toute mon âme, et j’ai si peur qu’elle comprenne que je la trouve pas toujours présentable. […] Le problème, quand on a honte de sa famille, c’est qu’en plus on a honte d’avoir honte. C’est quelque chose entre la double peine et le triple cafard.
Meine Mutter hatte sich auch an diesem Tag nicht gerade herausgeputzt, also ging ich ein paar Meter vor ihr her – damit bloß keiner merkt, dass wir verwandt sind. Ich weiß, das ist fies, ich bin echt ein Aas, ein stinkendes, gemeines Monster, schließlich liebe ich sie mit Haut und Haar und von ganzem Herzen, auch wenn es mir so oft vor ihr graut, und sie soll auf keinen Fall mitkriegen, dass ich sie nicht immer vorzeigbar finde. […] Wenn einem die eigene Familie peinlich ist, ist einem obendrauf noch peinlich, dass sie einem peinlich ist. Das nennt man dann wohl doppelt bestraft und dreifach gearscht.

„Sich schämen“ ist ein intensiver emotionaler unangenehmer Vorgang. Wenn etwas nur „peinlich“ ist, ist das viel weiter weg, eine Zuschreibung, die ggf. überhaupt nicht emotional sein muss. Aber genau um diese emotionale versus rationale Entwicklung geht es ja in diesem Roman: Émile wird erwachsen. Er lernt, seine emotionale Welt mit der tiefen Zuneigung zu seiner Mutter mit deren gesellschaftlicher, schichtbezogener Unbedarftheit und Eigenart zu versöhnen. Durch eine zu oberflächliche und manchmal geradezu flapsige Sprache, die auch ins Vulgäre abgleitet, könnte man den Eindruck gewinnen, die Übersetzerin schaue auf ihre Figur herab, was diesem komischen „Bildungsroman“ des jungen Émile nicht gerecht.

Unklar bleibt die Übersetzung des Titels mit „Der Sommer mit Pauline“: denn es gibt gar keinen Sommer. Der Tagebucheintrag endet bereits mit 30. April. Und es gibt somit auch keinen „Sommer“ mit Pauline. Denn ihre Rolle in Venedig beschränkt sich auf gerade einmal einen Tag, im April. Das ist ein bisschen unglücklich, denn der Titel weckt eigentlich andere Erwartungen. Und insbesondere transportiert er überhaupt nicht das, was der Titel „Venise n’est pas en Italie“ mit den vorangestellten Liedstrophen von Lemesle besagt: dass Venedig in jedem von uns ist, zu entdecken auf einer Abenteuerreise zu uns selbst. Dann wird Venedig zum Ort in uns, einem Ort der Sehnsucht und der Liebe. Deshalb ist Venedig nicht in Italien!


Ivan Calbérac/Anne Maya Schneider: Der Sommer mit Pauline. (Im französischen Original: Venise n’est pas en Italie.)

Blumenbar 2019 ⋅ 240 Seiten ⋅ 20 Euro

www.aufbau-verlag.de/index.php/der-sommer-mit-pauline.html

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