Über­set­zung des Monats: Rei­se um mei­nen Gar­ten

Im Sommer in die Ferne schweifen? Dieses Jahr schwierig. Zum Glück liegt nun nach 175 Jahren zum ersten Mal ein Klassiker in deutscher Sprache vor, der beweist: Das Gute liegt näher, als wir alle denken. Von

In ihrer Über­set­zung von „Rei­se um mei­nen Gar­ten“ zeigt Caro­li­ne Voll­mann, wie viel­fäl­tig und unge­wöhn­lich der Wort­schatz von Pflan­zen- und Insek­ten­kun­de sein kann. Außer­dem bringt sie den tro­cke­nen Humor des Erzäh­lers gewandt auf den Punkt.
Über­set­zung des Monats Juli
Titel

Rei­se um mei­nen Gar­ten. Ein Roman in Brie­fen

Autor

Alp­hon­se Karr

Über­setzt von

Caro­li­ne Voll­mann

Ori­gi­nal­spra­che

Fran­zö­sisch

Ori­gi­nal­ti­tel

Voya­ge autour de mon Jar­din

Link zur Ver­lags­sei­te

www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Reise-um-meinen-Garten::779.html

Neid kann ein star­ker Antrieb sein. Das erfährt auch der Erzäh­ler aus Alp­hon­se Karrs im Ori­gi­nal 1845 erschie­ne­ner Rei­se um mei­nen Gar­ten, denn sein Nach­bar bricht in fer­ne Län­der auf, wäh­rend er selbst nur nie­der­ge­schla­gen dabei­steht und die Pfer­de im Galopp davon­stie­ben sieht: „Ich für mein Teil blieb benom­men, ver­blüfft, trau­rig, ver­stimmt zurück, ohne genau zu wis­sen, war­um.“ Sei­ne Gefüh­le spie­geln das Bedau­ern des Daheim­ge­blie­be­nen, die nagen­de Bit­ter­keit ange­sichts der Welt­rei­sen­den, der Muti­gen und Aben­teu­rer, die es wagen, die Gren­zen hei­mat­li­cher Enge zu über­tre­ten und dahin­ter­lie­gen­de Wel­ten zu erkun­den. Ste­phen, so der Name des Erzäh­lers, fin­det aller­dings einen Aus­weg aus die­ser Gemüts­ver­fas­sung, indem er sich sei­nem Gar­ten zuwen­det und beschließt, dem rei­sen­den Nach­barn in Brie­fen zu berich­ten, wel­che Aben­teu­er er im eige­nen Gar­ten erlebt. Der Adres­sat ant­wor­tet nicht, wir lesen nur Brie­fe eines Ver­fas­sers, wel­cher sich selbst nach­den­kend und mono­lo­gi­sie­rend ant­wor­tet.

Indem die Hand­lung auf klei­nem und sehr begrenz­tem Raum statt­fin­det, stellt sich Karr (1808–1890) in die Tra­di­ti­on der soge­nann­ten „lite­ra­ri­schen Zim­mer­rei­se“, berühmt gewor­den durch die Rei­se um mein Zim­mer (Voya­ge autour de ma chambre, 1795) des Fran­zo­sen Xavier de Maist­re, der damit die geo­gra­phi­schen Rei­se­be­rich­te sei­ner Zeit par­odie­ren woll­te. Die Anspie­lung auf de Maist­re klingt bei Karr ein­deu­tig durch den Titel Voya­ge autour de mon jar­din und auch im deut­schen Titel mit „Rei­se um“ an. Das Her­um­ge­hen steht für Muße und Refle­xi­on. Sie wird in der deut­schen Aus­ga­be der Ande­ren Biblio­thek von Glenn Vin­cent Kraft auch gestal­te­risch sehr schön umge­setzt: Die Schrift des Roman­ti­tels ist als nicht ganz geschlos­se­ner Kreis ange­ord­net, so dass Lese­rin­nen und Leser eine offe­ne Bewe­gung, aber auch den (im Hin­ter­grund ange­deu­te­ten) Erd­ball asso­zi­ie­ren. Die­se, glei­cher­ma­ßen auf Innen- und Außen­welt ver­wei­sen­de Kreis­be­we­gung wird bei jeder Kapi­tel­über­schrift „Brief“, gefolgt von der dazu gehö­ri­gen Num­me­rie­rung wie­der auf­ge­grif­fen, übri­gens in zar­tem Gar­ten­grün.

Nichts sym­bo­li­siert so ide­al­ty­pisch Ruhe, Nach­den­ken und Innen­schau wie ein Gar­ten als idyl­li­scher Ort. Das Gar­ten­mo­tiv hat in Kunst und Lite­ra­tur eine lan­ge Tra­di­ti­on, vom schüt­zen­den hor­tus con­cl­usus in der Mari­en­sym­bo­lik bis hin zum Gar­ten als roman­ti­schem Zufluchts­ort. Bei Karr sind alle Vor­aus­set­zun­gen für die­se Idyl­le erfüllt: Schön­heit der Natur, Muße, das Gefühl der Gebor­gen­heit und der begrenz­te Raum. Auf­ge­lo­ckert wird das vom offe­nen Blick des Erzäh­lers, der in sei­nem Gar­ten eine gro­ße Viel­falt erkennt und davon aus­geht, dass er dort eben­so viel erle­ben und zu genau­so tie­fen Ein­sich­ten gelan­gen kann wie der in die Fer­ne rei­sen­de Nach­bar. Dazu schlägt er einen erfri­schend unmit­tel­ba­ren Ton an, den auch Caro­li­ne Voll­manns deut­sche Über­set­zung gelun­gen wie­der­gibt:

Eh bien! M’écriai-je, et moi aus­si je vais fai­re un voya­ge, et moi aus­si je vais voir des cho­ses nou­vel­les et extra­or­dinaires, et moi aus­si j’aurai des réci­ts à impo­ser! Fai­tes le tour du mon­de, moi je vais fai­re le tour de mon jar­din.
Nun gut!, rief ich aus, auch ich wer­de eine Rei­se machen, und auch ich wer­de neue und unge­wöhn­li­che Din­ge sehen, und auch ich wer­de Berich­te bei­zu­steu­ern haben! Machen Sie Ihre Rei­se um die Welt, ich wer­de die Rei­se um mei­nen Gar­ten machen.

Doch wer war Alp­hon­se Karr? Der 1808 gebo­re­ne Sohn eines deut­schen Vaters und einer fran­zö­si­schen Mut­ter arbei­te­te als Schrift­stel­ler und Jour­na­list, war Her­aus­ge­ber des Figa­ro und der sati­ri­schen Zeit­schrift Les Guê­pes. Erfolg hat­te er vor allem mit sar­kas­ti­schen Klatsch­ge­schich­ten, aber auch mit Unter­hal­tungs­ro­ma­nen und als Freund zahl­rei­cher lite­ra­ri­scher Per­sön­lich­kei­ten sei­ner Zeit, dar­un­ter Vic­tor Hugo, Hono­ré de Balzac und Alp­hon­se de Lamar­ti­ne. Loui­se Colet, die Schrift­stel­le­rin und Gelieb­te Flau­berts, ver­such­te Karr mit einem Küchen­mes­ser zu erdol­chen, nach­dem sie sich wegen einer Anspie­lung auf ihre Liai­son mit dem Phi­lo­so­phen und Poli­ti­ker Vic­tor Cou­sin bloß­ge­stellt fühl­te. Auch hier zeig­te sich Karrs Humor, der auf eine Anzei­ge ver­zich­te­te und das Mes­ser mit den Wor­ten „über­reicht von Loui­se Colet … in den Rücken“ gerahmt bei sich an die Wand häng­te. Nach dem Staats­streich Napo­le­ons III. muss­te Karr Paris ver­las­sen. Er ließ sich 1855 im damals ita­lie­ni­schen Niz­za nie­der und wid­me­te sich fort­an der Blu­men­zucht. Er gilt als Begrün­der des Han­dels mit Schnitt­blu­men und wird ver­schie­dent­lich als Namens­ge­ber der Blu­men­ri­vie­ra erwähnt. Meh­re­re Pflan­zen wur­den nach ihm benannt, eine Dah­li­en­art, eine Rose sowie der auch in aktu­el­len Gar­ten­ka­ta­lo­gen ver­zeich­ne­te „Bam­bus mul­ti­plex Alp­hon­se Karr“. 1890 starb er in Saint-Raphaël.

Alp­hon­se Karr gehört zu den heu­te ver­ges­se­nen Autoren, deren Namen oft nur noch Lite­ra­tur­his­to­ri­kern bekannt sind. Umso erfreu­li­cher ist sei­ne Wie­der­ent­de­ckung, zumal Die Rei­se um mei­nen Gar­ten im 19. und begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert – zumin­dest in Frank­reich – sehr erfolg­reich war, wie die ver­schie­de­nen Auf­la­gen bele­gen. Eine ers­te erschien 1845, eine zwei­te, leicht ver­än­dert, als Pracht­aus­ga­be 1851. Sie liegt der vor­lie­gen­den ers­ten Über­set­zung ins Deut­sche zugrun­de.

Die Rei­se um mei­nen Gar­ten umfasst 59 Brie­fe. Der Autor betrach­tet die klei­nen Din­ge und die­se for­dern ihn zu opu­len­ten Beschrei­bun­gen her­aus: Pflan­zen, Blü­ten, Insek­ten und dazu­ge­hö­ri­ge Far­ben, For­men, Düf­te. Dies birgt für die Über­set­zung man­nig­fal­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen, die Caro­li­ne Voll­mann mit gro­ßem Gewinn für die deut­schen Lese­rin­nen und Leser löst und die­se in den Genuss aus­ge­such­ter ver­ges­se­ner Wör­ter kom­men lässt: „Pfropf­reis“ („gref­fe“), „Tag­li­lie“ („hémé­ro­cal­le“), „Wie­sen­storch­schna­bel“ („géra­ni­um bleu des prés“), „Wei­de­rich“ oder „Herbst­zeit­lo­se“ („col­chi­que“). Für die dif­fe­ren­zier­ten Beschrei­bun­gen, hier unter Zuhil­fe­nah­me von Syn­äs­the­sien, sei ein Bei­spiel aus der Welt der Far­ben her­aus­ge­grif­fen:

On a com­pris que bleu ne signi­fi­ait pres­que rien, puisqu’il y a pour un objet cin­quan­te maniè­res dif­fé­ren­tes au moins d’être bleu. On a don­né a cha­que cou­leur deux demi-tons, com­me à cha­que note de musi­que: on a dit bleu fon­cé et bleu clair, com­me on a dit la diè­se ou si bémol. Je ne sais si les musi­ci­ens se con­ten­tent volon­tiers de ces divi­si­ons, mais à coup sûr les colo­ris­tes ne s’en peu­vent trou­ver satis­faits. Il y a tren­te bleus clairs dif­férents et autant des bleus fon­cés. D’ailleurs, com­ment recon­naît­re la note jus­te? quel es dans les cou­leurs le bleu bécar­re, le vrai bleu, le bleu natu­rel?
Man hat jeder Far­be zwei Halb­tö­ne gege­ben, wie jedem Musik­ton: Man hat hell- und dun­kel­blau gesagt, wie man ais-Moll oder b-Dur sagt. Ich weiß nicht, ob die Musi­ker sich mit die­sen Unter­tei­lun­gen zufrie­den­ge­ben, aber die Kolo­ris­ten kön­nen ganz bestimmt nicht damit zufrie­den sein. Es gibt drei­ßig ver­schie­de­ne Hell­blaus und eben­so vie­le Dun­kel­blaus. Wie soll man im Übri­gen den rich­ti­gen Ton erken­nen? Wel­ches unter den blau­en Far­ben ist das Blau-Dur, das wah­re Blau, das natür­li­che Blau?

Karrs bota­ni­sche (und übri­gens auch ento­mo­lo­gi­sche) Kennt­nis­se sind beein­dru­ckend, er beschreibt teil­wei­se minu­ti­ös zahl­rei­che Spe­zi­es. Blei­ben wir bei der Far­be Blau und zei­gen mit dem nächs­ten Bei­spiel, wie viel Recher­che­ar­beit und Prä­zi­si­on der Über­set­ze­rin abver­langt wur­den:

Cer­tai­nes jacin­thes vous don­ne­ront d’abord un blanc à pei­ne mélan­gé de bleu; la vio­let­te de Par­me est d’un bleu lapis extrê­me­ment pâle; ensui­te vient le géra­ni­um bleu des prés, puis la gly­ci­ne de Chi­ne, puis la fleur du lin; puis arriv­ent par ord­re de nuan­ces le myoso­tis (ne‑m’oubliez-pas), la bour­ra­che, la cynoglos­se, la sau­ge éta­lée (sal­via patens), la com­meli­ne tubé­reu­se, le bluet des champs, la bel­le-du-jour, l’anagallis morel­li, le plum­ba­go car­pen­tae, le pied d’alouette viva­ce à fleurs simp­les, puis celui à fleurs dou­bles qui est d’un bleu métal­li­que, et enfin com­me der­niè­re nuan­ce de bleu sombre pres­que noir, les bai­es du lau­ri­er-thym.
Gewis­se Hya­zin­then wer­den Ihnen zunächst ein kaum mit Blau ver­meng­tes Weiß zei­gen; das Par­ma­veil­chen hat ein sehr blas­ses Lapis­blau; danach kommt der blaue Wie­sen­storch­schna­bel, dann die chi­ne­si­sche Gly­zi­nie, dann die Lein­blu­me; dann kommt in der Rei­he der Nuan­cen das Ver­giss­mein­nicht, der Bor­retsch, die Hund­s­zun­ge, der Prachts­al­bei (sal­via patens), die krau­ti­ge Kom­meli­ne, die Korn­blu­me, die Trich­ter­win­de, der lein­blätt­ri­ge Gauch­heil, die Blei­wurz, der mehr­jäh­ri­ge Rit­ter­sporn mit ein­fa­chen Blü­ten, dann der mit dop­pel­ten Blü­ten, der ein metal­li­sches Blau hat, und schließ­lich als letz­te Nuan­ce von fast schwar­zem Dun­kel­blau die Bee­re des lor­beer­blätt­ri­gen Schnee­balls.

Die Beschrei­bun­gen von Flo­ra und Fau­na tau­gen nicht so sehr als Anlei­tung zum Gar­ten­bau. Viel­mehr bie­ten sie dem Erzäh­ler Anlass zu Dig­res­sio­nen über phi­lo­so­phi­sche und gesell­schaft­li­che Fra­gen, oft unter Ver­weis auf ande­re Schrift­stel­ler, sowie dem Ein­streu­en unter­halt­sa­mer Anek­do­ten, wie etwa jene über einen Mann, der, weil er nicht wuss­te, was er mit zwölf geschenk­ten Tul­pen­zwie­beln tun soll­te, extra ein gro­ßes Grund­stück kauft und sich schließ­lich heil­los mit dem Nach­barn zer­strei­tet, was den Erzäh­ler dazu bringt, fol­gen­den Apho­ris­mus zu zitie­ren:

N’ayez pas de voisins, si vous vou­lez viv­re en paix avec eux.
Haben Sie kei­ne Nach­barn, wenn Sie in Frie­den mit ihnen leben wol­len.

Ein wich­ti­ges Stil­mit­tel ist die Iro­nie, mit der Ste­phen die Rei­se des Nach­barn und auch das Rei­sen an sich bedenkt: Er meint, Rei­sen­de wie auch unbe­stän­dig Lie­ben­de wür­den über kurz oder lang erken­nen, dass sich alle Län­der – und alle Frau­en – eben doch irgend­wie ähnel­ten. Oder er fragt pole­misch, ob der Adres­sat sei­ner Brie­fe der hei­mi­schen Mücken so über­drüs­sig sei, dass er 2000 Mei­len weit rei­sen wol­le, nur um sich in der Fer­ne von Stech­mü­cken pie­sa­cken zu las­sen? Die Über­set­zung gibt Karrs tro­cke­nen Humor und die lako­ni­schen Bemer­kun­gen sei­nes Ich-Erzäh­lers tref­fend wie­der. Beson­ders abge­se­hen hat die­ser es auf die Gelehr­ten, wel­che nichts auf Geruch und Far­be einer Pflan­ze gäben und jeden Gegen­stand, dem sie sich näher­ten, in der glei­chen Wei­se behan­del­ten:

Ils ren­dent tout ennuyeux, sec, roide, pré­ten­tieux.
Sie machen alles lang­wei­lig, tro­cken, höl­zern, prä­ten­ti­ös.

Auf die­se Bemer­kung folgt eine gan­ze Sei­te mit einer Auf­zäh­lung von Wör­tern, die Karr zusam­men­ge­tra­gen hat, um sich über die Gelehr­ten lus­tig zu machen, hier nur ein klei­ner Aus­schnitt: „Juma­rie­es, méso­car­pes, hile, péri­tro­pe, embrio­tège, ompha­lo­de, vasi­duc­te, mycro­pyle, exor­hise, homo­tro­pe, colé­op­ti­le, hypo­blas­te, oly­gosper­me, […]“. Die Lis­te bleibt in der deut­schen Aus­ga­be unüber­setzt, was in einer Fuß­no­te damit begrün­det wird, dass die gewünsch­te Wir­kung durch eine Über­set­zung abge­schwächt wür­de. Dies erscheint unge­wöhn­lich, ist in der Begrün­dung jedoch durch­aus kon­se­quent und nach­voll­zieh­bar. Eine selbst­be­wuss­te Ent­schei­dung der Über­set­ze­rin, da man die­ser Argu­men­ta­ti­on gewiss auch ent­ge­gen­hal­ten könn­te, dass sich viel­leicht doch auch an das Grie­chi­sche oder Latei­ni­sche ange­lehn­te und dem deut­schen Lese­pu­bli­kum somit ver­trau­ter klin­gen­de Begrif­fe wie „mes­o­karp“, „ompha­lo­id“ hät­ten (er)finden las­sen kön­nen.

Ins­ge­samt sei an die­ser Stel­le sehr posi­tiv die sorg­fäl­ti­ge Edi­ti­on ver­merkt, die in den Fuß­no­ten auf Beson­der­hei­ten und Schwie­rig­kei­ten der Über­set­zung hin­weist, wie bei­spiels­wei­se den Umgang mit der Zeit­form des Pas­sé simp­le, das im Deut­schen kei­ne eige­ne Ent­spre­chung hat. Auch erläu­tert Caro­li­ne Voll­mann mit gro­ßer Sach­kennt­nis Zita­te und Anspie­lun­gen, die sich den Lesern höchst­wahr­schein­lich nicht gleich erschlos­sen hät­ten. Der Les­bar­keit tut dies kei­nen Abbruch, im Gegen­teil: Die Über­set­zung gewinnt nur zusätz­lich durch die Grund­satz­ent­schei­dung, bei­spiels­wei­se zu latei­ni­schen Zita­ten in einer Fuß­no­te die deut­sche Ent­spre­chung und die Quel­le anzu­ge­ben.

Caro­li­ne Voll­mann fin­det für den hym­ni­schen Ton man­cher Pas­sa­gen auch im Deut­schen die pas­sen­den, lob­prei­sen­den Wor­te. Bis­wei­len wen­det sich Ste­phen direkt an Gott, man­che Pas­sa­gen klin­gen bei­na­he hym­nisch:

Mer­ci, mon Dieu! De tout ce que vous avez créé de com­mun; mer­ci, mon Dieu! du ciel bleu, du soleil, des étoi­les, des eaux mur­mu­ran­tes, des ombra­ges des chê­nes touf­fus […]
Dank, mein Gott!, für alles Gewöhn­li­che, das Du geschaf­fen hast, Dank, mein Gott!, für den blau­en Him­mel, die Son­ne, die Ster­ne, das mur­meln­de Was­ser, den Schat­ten der dicht belaub­ten Eichen […]

So weist die­ses Buch in mehr als einer Hin­sicht auch „Über den Gar­ten hin­aus“, so der Titel des anre­gen­den (und vom Her­aus­ge­ber Chris­ti­an Döring aus dem Ita­lie­ni­schen über­setz­ten) Vor­wor­tes von Edu­ard Bodi, dem Chef­gärt­ner der vene­zia­ni­schen Giar­di­ni Rea­li. Die Erfah­rung der Gegen­wart – dazu passt, dass die­ser Brief­ro­man kei­ne im enge­ren Sin­ne linea­re Hand­lung hat – und des im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes Nahe­lie­gen­den führt den Erzäh­ler zum Nach­den­ken über das Spi­ri­tu­el­le, die unmit­tel­ba­re Erfah­rung der Natur führt zur Selbst­ge­nüg­sam­keit. Dazu pas­send lässt Edu­ard Bodi sein Vor­wort mit einem Zitat des gro­ßen fran­zö­si­schen Hof­pre­di­gers Jac­ques-Bénig­ne Bos­su­et (1627–1704) enden: „Es ist nichts not­wen­di­ger, als in uns selbst alle irrelau­fen­den Gedan­ken zu sam­meln.“

Wegen des Rück­zu­ges in die Inner­lich­keit und den hei­mi­schen Gar­ten lie­ße sich die­ser Brief­ro­man, in dem sich Augen­zwin­kern mit Lebens­klug­heit mischen, auch mit einem aktu­el­len Bezug, als einen zur Coro­na-Kri­se pas­sen­den Bei­trag lesen. Doch das ist nicht das Ent­schei­den­de, zumal die Über­set­zung längst vor Aus­bruch der Epi­de­mie in Angriff genom­men wur­de: Vor allem zeigt die­ses unge­wöhn­li­che Werk eines lang ver­ges­se­nen Autors, wie schön sich phi­lo­so­phi­sche Gedan­ken aus dem Klei­nen und Nahe­lie­gen­den her­aus ent­wi­ckeln las­sen. Und das alles in einer vor­züg­li­chen Aus­ga­be, die nicht nur die Kup­fer­sti­che, son­dern auch die herr­li­chen Farb­il­lus­tra­tio­nen der Pracht­aus­ga­be von 1851 repro­du­ziert. Caro­li­ne Voll­manns Über­set­zung, deren immense Recher­che­ar­beit hier eben­falls sehr posi­tiv her­vor­ge­ho­ben sei, ver­mit­telt gelun­gen die exak­ten Beschrei­bun­gen von Flo­ra und Fau­na sowie die humo­ri­gen Bemer­kun­gen des Erzäh­lers – eine ech­te Neu­ent­de­ckung!

Drei Fra­gen an Caro­li­ne Voll­mann

Sind Sie Gärt­ne­rin?
Nein, es wäre ver­mes­sen, das zu behaup­ten; aber wenn uns – wir sind oft umge­zo­gen – ein Gar­ten zur Ver­fü­gung stand, habe ich immer mit Inter­es­se und Lust dar­in gear­bei­tet und das Her­an­wach­sen von Blu­men und Pflan­zen ver­folgt. Und als unse­re Kin­der her­an­wuch­sen, waren wir auf Aus­flü­gen immer auch damit beschäf­tigt, Blu­men, Bäu­me und Tie­re zu beob­ach­ten, ihre Namen her­aus­zu­fin­den und mehr über ihre Eigen­hei­ten zu erfah­ren. – Die Arbeit an der Über­set­zung von Karr hat, wie ich jüngst bei einem kur­zen Urlaub fest­stell­te, mei­nen Blick nicht nur für Blu­men und Sträu­cher (Gins­ter und Holun­der stan­den in vol­ler Blü­te!), son­dern vor allem auch für Insek­ten, deren erstaun­li­che Far­big­keit und ihr oft eigen­tüm­li­ches Ver­hal­ten geschärft.

Wo haben Sie beim Über­set­zen mehr Zeit ver­bracht – in der frei­en Natur oder über bota­ni­schen Lexi­ka?
Auch wenn nicht Win­ter gewe­sen wäre – ein­deu­tig über Lexi­ka! Dabei hat mir neben mei­nem alten Sachs von 1869, der mich sel­ten im Stich ließ, vor allem das wun­der­ba­re „Wör­ter­buch der Pflan­zen­na­men“ von Wil­helm Ulrich aus dem Jahr 1872 bes­te Diens­te geleis­tet. Dort wer­den alle latei­ni­schen, eng­li­schen, deut­schen und fran­zö­si­schen Pflan­zen­na­men, alpha­be­tisch nach den latei­ni­schen Bezeich­nun­gen geord­net, neben­ein­an­der (zum Teil sogar mit ört­li­chen Vari­an­ten) auf­ge­lis­tet, „zum Gebrauch für Bota­ni­ker, Leh­rer, Phar­maceu­ten, Medi­zi­ner, Dro­gu­is­ten, Han­dels­gärt­ner, Land­wir­t­he und Forst­män­ner“, wie es im Titel heißt. – Die Viel­falt der Insek­ten­welt hat Jean-Hen­ri Fab­re in sei­nen „Sou­ve­nirs ento­mo­lo­gi­ques“ 1879, mehr als drei­ßig Jah­re nach Karr, aus­führ­lich und wis­sen­schaft­lich fun­diert beschrie­ben. Die­ses erstaun­li­che, hilf­rei­che Werk, ist seit eini­ger Zeit in einer zehn­bän­di­gen Aus­ga­be in deut­scher Über­set­zung bei Mat­thes und Seitz, Ber­lin, wie­der erhält­lich.

Wie gehen Sie vor, um die sprach­li­che Viel­falt in den Beschrei­bun­gen – z.B. von Far­ben, For­men und Düf­ten der Pflan­zen – abzu­bil­den und dabei nicht durch­ein­an­der zu kom­men? Legen Sie ein Glos­sar an?
Im All­ge­mei­nen über­set­ze ich bei Auf­trags­ar­bei­ten nach einer rela­tiv ober­fläch­li­chen Lek­tü­re ein­fach drauf­los. Gleich von Anfang an ein Glos­sar anzu­fer­ti­gen wür­de mich zu sehr fest­le­gen. Dies mache ich erst beim zwei­ten Durch­gang. Ich notie­re mir etwa aus­ge­fal­le­ne, sel­ten vor­kom­men­de Begrif­fe oder unge­wöhn­li­che oder mehr­deu­ti­ge Adjek­ti­ve. Die­ses Glos­sar ver­voll­stän­di­ge ich fort­lau­fend und glei­che dabei vor- und zurück­blät­ternd die Bedeu­tun­gen ab. Soll­te ich bei die­ser Metho­de ein­mal „durch­ein­an­der­kom­men“, so trös­te ich mich damit, dass die Spra­che etwas Leben­di­ges ist, man­ches ver­zeiht, und dass Kon­se­quenz auch hier nicht immer eine Tugend ist.

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