Har­ry Pot­ter und die Mug­gel-Über­set­zung

Bis heute gibt es nur eine offizielle deutsche Harry-Potter-Übersetzung, die jedoch umstritten ist. Die Zeit ist reif für eine Neuübersetzung. Von

Neue Auflagen mit neuen Covern, aber ohne neue Übersetzung.

Über die Har­ry-Pot­ter-Bücher der bri­ti­schen Autorin J. K. Row­ling lässt sich nur in Super­la­ti­ven schrei­ben. Denn seit Erschei­nen des ers­ten Bands vor 22 Jah­ren hat die Rei­he eine Erfolgs­ge­schich­te hin­ge­legt, die ihres­glei­chen sucht. Zu groß sind die Zah­len, zu zahl­reich die Mei­len­stei­ne, um sie hier auf­zu­lis­ten. Fest steht aber: Gan­ze Genera­tio­nen sind mit der Jugend­buch­rei­he auf­ge­wach­sen, haben fie­ber­haft die Ver­öf­fent­li­chun­gen der Fol­ge­bän­de ver­folgt und das Phä­no­men durch Kino­be­su­che, Mer­chan­di­se-Käu­fe und Trips in die Har­ry-Pot­ter-Film­stu­di­os oder den flo­rid­ia­ni­schen Har­ry-Pot­ter-Ver­gnü­gungs­park am Leben gehal­ten.

Die Har­ry-Pot­ter-Rei­he aber ver­dankt ihren sen­sa­tio­nel­len Erfolg nicht nur sei­ner eben­falls berühm­ten und geschäfts­tüch­ti­gen Schöp­fe­rin, son­dern auch ihren Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern, die dafür ver­ant­wort­lich sind, dass Har­ry Pot­ter zu einem glo­ba­len Phä­no­men wur­de. Ihre Arbeit haben ein­ge­fleisch­te Fans, die oft jah­re­lang auf die Fort­set­zung war­ten muss­ten, genaus­tens ana­ly­siert und doku­men­tiert – vor­ran­gig im Inter­net.

Als die ers­ten Bän­de erschie­nen, bil­de­ten sich dort die ers­ten Fan­clubs, die sich den ein­zel­nen Hog­warts­häu­sern zuord­ne­ten und die Fort­set­zun­gen bespra­chen. Sei­ne Fans haben so nicht nur die Erfolgs­ge­schich­te der Rei­he mit­ge­schrie­ben, son­dern auch auf unver­gleich­li­che Art und Wei­se deren Über­set­zungs­ge­schich­te doku­men­tiert und sich direkt in Über­set­zungs­dis­kur­se – die sonst weni­ger mit der Leser­schaft, son­dern eher hin­ter ver­schlos­se­nen Türen statt­fin­den – ein­ge­mischt. Auf der eige­nen Wiki-Sei­te schrei­ben Har­ry-Pot­ter-Fans eine Lis­te der erschie­nen Über­set­zun­gen (71 offi­zi­el­le Über­set­zun­gen wer­den auf­ge­lis­tet), geben einen Über­blick über die Pro­ble­me, mit denen sich Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen bei ihrer Arbeit kon­fron­tiert sahen, und füh­ren alle Namen in der Über­set­zung und im Ori­gi­nal auf.

Die ver­stärk­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der Über­set­zung wur­de durch ver­schie­de­ne Fak­to­ren bedingt. Zum einen muss­ten Fans oft lan­ge auf das Erschei­nen der Über­set­zun­gen war­ten, da die­se nicht gleich­zei­tig mit dem Ori­gi­nal ver­öf­fent­licht wur­den. Also mach­ten sie sich selbst an die Arbeit und fin­gen an zu über­set­zen, was dazu führ­te, dass sie sowohl den Ori­gi­nal­text und als auch die spä­te­ren offi­zi­el­len Über­set­zun­gen genau­es­tens unter die Lupe nah­men. Zum ande­ren schrie­ben sie selbst die Geschich­te fort – in Form von Fan-Fic­tions, die eben­falls zu Beschäf­ti­gung mit den sprach­li­chen Ele­men­ten geführt haben dürf­ten. Die Früch­te davon sind auch im aka­de­mi­schen Bereich zu fin­den, wo noch so eini­ge ihr Fan-Dasein in wis­sen­schaft­li­chen Tex­ten aus­le­ben.

Har­ry Pot­ter hat so zu einer kol­lek­ti­ven Über­set­zungs­kri­tik geführt, die ihres­glei­chen sucht. Gegen­stand der Kri­tik ist die bis heu­te ein­zi­ge, offi­zi­el­le Über­set­zung der Har­ry-Pot­ter-Bücher auf dem deut­schen Buch­markt von Klaus Fritz, der alle sie­ben Bän­de sowie das vor ein paar Jah­ren erschie­ne Thea­ter­stück Har­ry Pot­ter und das ver­wun­sche­ne Kind (zusam­men mit Anja Han­sen-Schmidt) über­setzt hat. Es ist also nicht über­trie­ben zu behaup­ten, dass Klaus Fritz’ Über­set­zung nicht nur zum Erfolg der Rei­he bei­getra­gen, son­dern auch die Fan­ta­sie und Spra­che einer gan­zen Genera­ti­on von Lese­rin­nen und Lesern geprägt hat.

Kei­nem ande­ren Über­set­zer wur­de wohl so genau wäh­rend sei­ner Arbeit über die Schul­ter geschaut wie ihm, der mit der Har­ry-Pot­ter-Rei­he zum ers­ten Mal ein Kin­der- bzw. Jugend­buch über­setz­te. So führ­ten Fans bei­spiels­wei­se eine peni­ble List der Ände­run­gen, die nach­träg­lich an der deut­schen Über­set­zung vor­ge­nom­men wur­den. Kri­tik kam dabei nicht nur von­sei­ten der Fans, die eini­ge Namen und Wort­spie­le lie­ber ori­gi­nal­ge­treu­er gehabt hät­ten, son­dern auch aus Über­set­zer­krei­sen, am lau­tes­ten von der Autorin und Über­set­ze­rin Ulri­ke Dra­es­ner, die auf einer Tagung in Wol­fen­büt­tel die deut­sche Über­set­zung von Har­ry Pot­ter als „viel fla­cher als das Ori­gi­nal“ beschrieb.

Es gibt tat­säch­lich gute Grün­de, eine Neu­über­set­zung der Har­ry-Pot­ter-Rei­he zu for­dern – jedoch nicht, weil die Über­set­zung von Fritz per se miss­lun­gen ist. Fritz muss­te, wie vie­le ande­re Pot­ter-Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen, unter extre­mem Zeit­druck arbei­ten. Nicht sel­ten wur­den die bis zu 1000 Sei­ten lan­gen Bän­de inner­halb von drei bis sechs Mona­ten über­setzt. Berück­sich­tigt man allein die Umstän­de der Ent­ste­hung die­ser Über­set­zung ist sie mehr als zufrie­den­stel­lend, an den bes­ten Stel­len ist sie humor­voll und krea­tiv (dazu zäh­len Über­set­zun­gen wie „Denka­ri­um“ für „Pen­sie­ve“ oder „Sei­den­schna­bel“ für „buck­be­ack“). Vie­le der Debat­ten um die Über­set­zung krei­sen auch all­zu stark um das, was „anders“ ist als im eng­li­schen Ori­gi­nal und gehen nicht über ein blo­ßes Feh­lerzäh­len hin­aus. Nur weni­ge der Über­set­zungs­kri­ti­ken beschäf­ti­gen sich mit sti­lis­ti­schen Ent­schei­dun­gen oder sprach­lich pro­ble­ma­ti­schen Ele­men­ten, die die ent­schei­den­de­ren Argu­men­te für eine Neu­über­set­zung lie­fern.

Zunächst wür­de aber allein die mal mehr, mal weni­ger gelun­ge­ne Ein­deut­schung von Namen für vie­le Fans eine Neu­über­set­zung recht­fer­ti­gen. Vie­le der spre­chen­den Namen, Wort­spie­le oder Akro­ny­me las­sen sich nur schwer über­set­zen – sofern man über­haupt dafür plä­diert, die­se in ande­re Spra­chen zu über­tra­gen oder Äqui­va­len­te zu fin­den. Hier schon begeg­net man einer häu­fig dis­ku­tier­ten Fra­ge aller Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen von Lite­ra­tur: Soll man Eigen­na­men tat­säch­lich über­set­zen?

Auf die­se Fra­ge haben die Har­ry-Pot­ter-Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen ganz unter­schied­li­che Ant­wor­ten gefun­den, aus denen sich sicher­lich auch Rück­schlüs­se auf die Über­set­zungs­prak­ti­ken in den ein­zel­nen Län­dern schlie­ßen las­sen. So eini­ge haben ihrer Krea­ti­vi­tät frei­en Raum gelas­sen und kei­ne Scheu gehabt, auch die Namen von zen­tra­len Figu­ren abzu­än­dern. Aus „Albus Dum­ble­do­re“ wird so bei­spiels­wei­se (aus nicht ganz ersicht­li­chen Grün­den) in der ita­lie­ni­schen Über­set­zung „Albus Silen­te“, in der nie­der­län­di­schen Über­set­zung wur­de „Hog­warts“ in „Zwein­stein“ umbe­nannt und im bra­si­lia­ni­schen Por­tu­gie­sisch wer­den „Mug­gel“ zu „Trou­xa“.

Im Ver­gleich dazu hat sich Fritz also klar zurück­ge­hal­ten. Bis auf das gestri­che­ne „o“ in „Her­mio­ne“ hat Fritz die Namen der Haupt­fi­gu­ren kaum geän­dert, obwohl sich in dem Buch so eini­ge Mög­lich­kei­ten gebo­ten hät­ten („Siri­us Schwarz“ wur­de in spä­te­ren Fas­sun­gen wie­der zu „Siri­us Black“). Auch bei Orts­na­men war Fritz vor­sich­tig – aus „Dia­gon Alley“ wur­de zwar die „Win­kel­gas­se“ und „Pri­vet Dri­ve“ zu „Ligus­ter­weg“, „Hog­warts“ und „Hogs­mea­de“ durf­ten jedoch ihren Namen behal­ten.

Für den Geschmack eini­ger Fans ist das schon zu viel. Dabei lie­fert die deut­sche Über­set­zung ein schö­nes Bei­spiel dafür, war­um eine skla­vi­sche Bei­be­hal­tung der Namen nicht immer funk­tio­niert – schon gar nicht in einem fan­tas­ti­schen Kin­der­buch, in dem fast jeder Eigen­na­me mit einer Bedeu­tung ver­se­hen ist:

“Excu­se me, Pro­fes­sor Flit­wick, could I bor­row Wood for a moment?”  Wood? thought Har­ry, bewil­de­red; was Wood a cane she was going to use on him? But Wood tur­ned out to be a per­son, a bur­ly fifth-year boy who came out of Flitwick’s class loo­king con­fu­sed.
„Ent­schul­di­gen Sie, Pro­fes­sor Flit­wick, könn­te ich mir Wood für eine Wei­le aus­lei­hen?“ Wood?, dach­te Har­ry ver­wirrt; war Wood ein Stock, den sie für ihn brauch­te? Doch Wood stell­te sich als Mensch her­aus, als ein stäm­mi­ger Jun­ge aus der fünf­ten Klas­se, der etwas ver­dutzt aus Flit­wicks Unter­richt her­aus­kam.

Die seman­ti­sche Ver­bin­dung von Wood und Stock funk­tio­niert im Deut­schen schlicht­weg nur für Leser oder Lese­rin­nen, die auch Eng­lisch kön­nen. In gewis­ser Wei­se ist die­se Nicht-Über­set­zung des Nach­na­mens „Wood“ heu­te fast zeit­ge­mä­ßer als zu Erschei­nen des Buches, weil Kin­der frü­her Eng­lisch ler­nen und dank sozia­ler Medi­en einen direk­te­ren Draht zur eng­lisch­spra­chi­gen Kul­tur haben. Man kann aber davon aus­ge­hen, dass Anfang der 2000er Jah­re die meis­ten Kin­der die­se Anspie­lung über­haupt nicht ver­stan­den haben. Wohl genau aus die­sem Grund wur­de „Oli­ver Wood“ im Fran­zö­si­schen  als „Oli­vi­er Dubo­is“ („aus Holz“) über­setzt und im Kata­la­ni­schen als „Marc Rou­re“ („Eiche“).

Das Nicht-Über­set­zen von solch spre­chen­den Namen hat immer auch zur Fol­ge, dass sich Lese­rin­nen und Lesern mit man­geln­den oder dürf­ti­gen Sprach­kennt­nis­sen bestimm­te Bedeu­tungs­ebe­nen des Tex­tes nicht erschlie­ßen (man den­ke dabei auch an Namen wie „Mad-Eye Moo­dy“). Auf die­se Wei­se erschwert das Nicht-Über­set­zen den Zugang zu einer ande­ren Welt (und einer ande­ren Kul­tur), den die Lite­ra­tur idea­ler­wei­se ebnet. Im Fall von Har­ry Pot­ter ist dies beson­ders pro­ble­ma­tisch, weil kaum eine Buch­rei­he so genera­tio­nen­über­grei­fend gele­sen und vor­ge­le­sen wur­de. Dabei bie­ten schon die am häu­figs­ten vor­kom­men­den Namen eini­ge Aus­sprache­hür­den und kön­nen so nicht zuletzt auch den Lese­fluss behin­dern. Abhil­fe ver­schaf­fen da sicher­lich die Hör­bü­cher und Fil­me: Wüss­te man sonst – ohne die­se oder nur mit dürf­ti­gen Eng­lisch-Kennt­nis­sen –, wie man „Grab­be“ und „Goyle“ oder auch „McGo­na­gall“ aus­spricht?

Im bes­ten und gleich­wohl auch inter­es­san­ten Fall könn­te eine Neu­über­set­zung Unstim­mig­kei­ten (War­um wird „Prof. Gub­bly-Plank“ als ein­zi­ge Leh­re­rin ein­ge­deutscht?) behe­ben und gleich­zei­tig durch krea­ti­ve Umbe­nen­nun­gen neue Text­in­ter­pre­ta­tio­nen frei­le­gen. Dass es jedoch zu einer radi­ka­len frei­en Über­tra­gung kom­men wird, ist eher unwahr­schein­lich. Spä­tes­tens seit Erschei­nen der Fil­me gel­ten die eng­li­schen Namen als eta­bliert und es ist frag­lich, ob die Fan­ge­mein­de stär­ke­re Ein­deut­schun­gen über­haupt in Kauf neh­men wür­de.

Es gibt jedoch noch ande­re Argu­men­te, die für eine Neu­über­set­zung spre­chen. Da wäre zunächst ein­mal der nicht ins Deut­sche über­tra­ge­ne Dia­lekt, den eini­ge Figu­ren spre­chen. Am schmerz­lichs­ten ver­misst man die­sen bei Hagrid, der laut Autorin ihren Hei­mat­dia­lekt „West Coun­try“ spricht, der wie­der­um zu sei­nem non­cha­lan­ten Cha­rak­ter passt. Fritz hat die­sen Dia­lekt in sei­ner Über­set­zung kaum berück­sich­tigt, was aber sicher­lich im Rah­men der Mög­lich­kei­ten gewe­sen wäre. An man­chen Stel­len, vor allem in den spä­te­ren Bän­den, ver­kürzt Fritz zwar eini­ge Wör­ter, sodass zumin­dest ein Hauch von Umgangs­sprach­lich­keit sug­ge­riert wird. Aller­dings sind die­se Anpas­sun­gen so zag­haft durch­ge­führt wor­den, dass sie kaum auf­fal­len. So ver­liert die Figur an Esprit und Humor:

“I’m a what?”, gas­ped Har­ry. “A wizard, o‘ cour­se”, said Hagrid, sit­ting back down on the sofa, which groaned and sank even lower, “an‘ a thum­pin‘ goo­d’un I’d say, once yeh’­ve been trai­ned up a bit. With a mum an‘ dad like yours, what else would yeh be?” […] “Any­way – Har­ry”, said the giant, tur­ning his back on the Durs­leys, “a very hap­py bir­th­day to yeh. Got sum­mat fer yeh here – I migh­ta sat on it at some point, but it’ll tas­te alright.”
„Ich bin ein was?“ „Ein Zau­be­rer, natür­lich“, sag­te Hagrid und setz­te sich wie­der auf das Sofa, das unter Äch­zen noch tie­fer ein­sank. „Und ein ver­dammt guter noch dazu, würd ich sagen, sobald du mal ’n biss­chen Übung hast. Was soll­test du auch anders sein, mit sol­chen Eltern wie dei­nen? Und ich denk, ’s ist an der Zeit, dass du dei­nen Brief liest.“ […] „Dir jeden­falls, Har­ry“, sag­te der Rie­se und kehr­te den Durs­leys den Rücken zu, „einen sehr herz­li­chen Glück­wunsch zum Geburts­tag. Hab hier was für dich – viel­leicht hab ich zwi­schen­durch mal drauf­ge­ses­sen, aber er schmeckt sicher noch gut.“

Auch Neben­cha­rak­te­re wie Stan Shun­pi­ke, der lau­ni­ge Schaff­ner des Fah­ren­den Rit­ters, wir­ken in der Über­set­zung stel­len­wei­se erstaun­lich brav. Eine stär­ke­re und auch freie­re Über­tra­gung die­ser umgangs­sprach­li­chen Ele­men­te wäre nicht nur mit Blick auf die sti­lis­ti­schen Spie­le­rei­en des Ori­gi­nals sinn­voll, son­dern auch hier im Sin­ne der Figu­ren­zeich­nung:

Ear about that ‘Arry Pot­ter? Blew up ‘is aunt! We ‘ad ‘im ‘ere on the Knight Bus, di’n’t we, Ern? ‘E was tryin’ to run for it…

Habt ihr von Har­ry Pot­ter gehört? Hat sei­ne Tan­te auf­ge­bla­sen! Wir ham ihn hier im Fah­ren­den Rit­ter gehabt, oder, Ernie? Hat ver­sucht zu ent­kom­men …

Die Über­set­zung erweckt stel­len­wei­se den Ein­druck, dass sich Fritz nur vom Ori­gi­nal weg­be­wegt hat, wenn er es wirk­lich muss­te. Er stellt den Inhalt über sprach­li­ches Flair, eine Ent­schei­dung, die man wohl im Sin­ne der Fans getrof­fen hat, die stets einen Detail­ver­lust in der Über­tra­gung fürch­te­ten. Die Fol­ge sind zu wört­li­che Über­set­zun­gen der eng­li­schen (oft idio­ma­ti­schen) Wen­dun­gen, ein lei­der gän­gi­ges Pro­blem bei Über­tra­gun­gen aus dem Eng­li­schen. Ange­fan­gen bei „ich hof­fe, […] Har­ry ist okay“ („I hope […] that Har­ry is okay“) oder „bist du okay“ („Are you okay“) zu „ich fürch­te, du musst mein Büro ver­las­sen“ („I’m afraid you will have to lea­ve my office”) oder „natür­lich sehe ich jetzt, dass es ein Feh­ler war“ („I see now that it was a mista­ke“). Sol­che tech­ni­schen Unsau­ber­kei­ten hät­te man eben­falls in spä­te­ren Aus­ga­ben über­ar­bei­ten kön­nen.

Kri­tik­wür­dig ist zudem die sprach­li­che Über­set­zung von Lie­dern, die zwar deut­lich frei­er über­setzt wur­den, aber trotz­dem im Deut­schen an Fines­se  ver­lie­ren. Dies zeigt sich bereits bei der jähr­li­chen Anspra­chen des spre­chen­den Hutes im ers­ten Har­ry-Pot­ter-Band:

Oh, you may not think I’m pret­ty,
But don’t judge on what you see,
I’ll eat mys­elf if you can find
A smar­ter hat than me.
You can keep your bow­lers black,
Your top hats sleek and tall,
For I’m the Hog­warts Sor­ting Hat
And I can cap them all.
The­re’s not­hing hid­den in your head
The Sor­ting Hat can’t see,
So try me on and I will tell you
Whe­re you ought to be.
Ihr denkt, ich bin ein alter Hut,
mein Aus­se­hen ist auch gar nicht gut.
Dafür bin ich der schlaus­te aller Hüte,
und ist’s nicht wahr, so fress ich mich, du mei­ne Güte!
Alle Zylin­der und schi­cken Kap­pen
sind gegen mich doch nur Jam­mer­lap­pen!
Ich weiß in Hog­warts am bes­ten Bescheid
und bin für jeden Schä­del bereit.
Setzt mich nur auf, ich sag euch genau,
wohin ihr gehört – denn ich bin schlau.

Der spre­chen­de Hut büßt in der Über­set­zung deut­lich an Mys­te­ri­um ein. Der Wech­sel von dem hal­ben Kreuz­reim zu einem ein­fa­chen Paar­reim lässt ihn, der doch den Erst­kläss­lern in Hog­warts eigent­lich Angst ein­jagt, durch­schau­ba­rer wir­ken. Hin­zu kom­men die etwas plum­pen Rei­me (Hut-gut), die den spre­chen­den Hut von allem Geheim­nis­vol­len befrei­en und ihn letzt­end­lich wie einen gut­mü­ti­gen Onkel klin­gen las­sen.

Ähn­lich holp­rig hören sich außer­dem die aber­wit­zi­gen Gesän­ge der Sly­the­rin-Schü­ler an, mit denen sie ihre Quid­ditch-Mann­schaft im fünf­ten Band anfeu­ern. Hier taucht selt­sa­mer­wei­se ein „Plum­pud­ding“ auf, der vor allem dadurch auf­fällt, dass er allein durch sei­ne Sil­ben­län­ge den Reim noch undurch­sich­ti­ger macht und so die Ein­gän­gig­keit der Quid­ditch-Gesän­ge erheb­lich mil­dert:

Weas­ley can­not save a thing,
He can­not block a sin­gle ring,
That’s why Sly­therins all sing:
Weas­ley is our King.
Weas­ley was born in a bin,
He always lets the Quaff­le in,
Weas­ley will make sure we win,
Weas­ley is our King.

Weas­ley fängt doch nie ein Ding,

Schützt ja kei­nen ein­z’­gen Ring,
So sin­gen wir von Sly­the­rin:
Weas­ley ist unser King.
Weas­ley ist dumm wie ‚n Plum­pud­ding,
Lässt jeden Quaf­fel durch den Ring.
Weas­ley sorgt für unsern Gewinn,
Weas­ley ist unser King.

Das stärks­te Argu­ment für eine Neu­über­set­zung ist letzt­lich jedoch die Tat­sa­che, dass Fritz die Har­ry-Pot­ter-Bücher kurz nach Erschei­nen über­setzt hat, also ohne einen Über­blick über den Plot der gesam­ten Rei­he zu haben. Als er ange­fan­gen hat, den ers­ten Band zu über­set­zen, war die Ver­öf­fent­li­chung von sechs wei­te­ren Bän­den kaum abzu­se­hen. Dass sich also in der Über­set­zung Unstim­mig­kei­ten und sprach­li­che Grob­hei­ten fin­den las­sen, ist gemes­sen an ihrer schie­ren Län­ge wenig über­ra­schend. Die­se Pra­xis hat­te also auch Aus­wir­kun­gen auf die Gesamt­qua­li­tät der Über­set­zung, das ist unbe­streit­bar.

Aber selbst wenn man an der Über­set­zung außer eini­gen offen­sicht­li­chen Schön­heits­feh­lern wenig aus­zu­set­zen fin­det, bleibt immer noch die Fra­ge: Ist sie so gut wie das Ori­gi­nal? Die­sem Ver­gleich hält die Über­set­zung von Klaus Fritz nicht stand, dafür fehlt es ihr letzt­lich an Flair und Eigen­sinn. (Und wer hier argu­men­tiert, dass Über­set­zun­gen nie so gut wie das Ori­gi­nal sein kön­nen, der hat noch kei­ne exzel­len­ten  Über­set­zun­gen gele­sen.) Man fragt sich, wie eine Über­set­zung von einem Über­set­zer oder einer Über­set­ze­rin klin­gen mag, die sich das gan­ze Pot­ter-Uni­ver­sum in Ruhe und in sei­ner gan­zen Fül­le erschlie­ßen kann.

Obwohl es die Har­ry-Pot­ter-Rei­he inzwi­schen seit über zwan­zig Jah­ren gibt und der Erfolg sich kaum über­tref­fen lässt, ist (noch) nicht abseh­bar, ob die Bücher wirk­lich den Test der Zeit bestehen. Zu dem anhal­ten­den Erfolg hat sicher­lich sei­ne Autorin eini­ges bei­getra­gen. Denn auch nach Erschei­nen des letz­ten Ban­des im Jahr 2007 offen­bart Row­ling, die erst vor Kur­zem scharf kri­ti­siert wur­de, immer wie­der neue Les­ar­ten und streut ste­tig Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen ein. Es bleibt abzu­war­ten, was jun­ge Lese­rin­nen und Leser von der „bos­sy“ Her­mi­ne oder dem „wil­den“ Hagrid in zwan­zig Jah­ren hal­ten wer­den.

Auch Über­set­zun­gen sind ein Pro­dukt ihrer Zeit und damit genau­so wenig gegen Alte­rungs­er­schei­nun­gen gefeit wie das Ori­gi­nal. In gewis­ser Wei­se kön­nen Neu­über­set­zung jedoch das Ori­gi­nal wie­der­be­le­ben, indem sie ein ande­res Text­ver­ständ­nis und neue Les­ar­ten offen­ba­ren. Die Har­ry-Pot­ter-Rei­he bie­tet für so ein Unter­fan­gen gro­ßen Spiel­raum und dies wäre im Sin­ne des Ori­gi­nals. Und nicht zuletzt wäre eine Neu­über­set­zung auch gro­ßes Geschenk für die lei­den­schaft­li­chen Pot­ter-Fans, die hart­nä­ckig gezeigt haben, dass Über­set­zungs­kri­tik für alle Lese­rin­nen und Leser ein gro­ßer Spaß sein kann.

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  1. 1
    Irina

    Ich möch­te nicht in der Haut einer Per­son ste­cken, die eine so popu­lä­re Buch­rei­he über­setzt. So vie­le Fans bedeu­ten auch vie­le poten­zi­el­le Kritiker_innen, da kann man’s doch eigent­lich nur ver­kehrt machen.
    Wobei die Kri­ti­sie­re­rei ja auch nur mög­lich ist, weil die Aus­gangs­spra­che Eng­lisch ist und die meis­ten Men­schen in Deutsch­land das mehr oder weni­ger gut kön­nen. Ich über­le­ge gera­de, was in Deutsch­land ähn­lich beliebt ist und aus einer Spra­che über­setzt wur­de, deren Kennt­nis­se hier­zu­lan­de nicht so ver­brei­tet sind. Die Bücher von Astrid Lind­gren könn­te man viel­leicht als Bei­spiel neh­men, die haben Genera­tio­nen von Kin­dern beglei­tet, aber Schwe­disch kann doch kaum jemand. Dem­entspre­chend wäre es da schwie­ri­ger, an den Über­set­zun­gen her­um­zunör­geln (ob es je gesche­hen ist, weiß ich nicht, ich ver­mu­te nur).

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