Gro­ße klei­ne Spra­che: Hindi

Hindi ist nach Chinesisch und Englisch die drittmeistgesprochene Sprache der Welt, und doch sind die Übersetzungen ins Deutsche an zwei Händen abzuzählen. Von und

Indiens Kulturgeschichte reicht Jahrtausende weit zurück. Doch auch heute gibt es viel Spannendes zu entdecken. "Krishna bittet Indra um Hilfe" (Purkhu aus Samloti, ca. 1800-1825). Quelle: WikiCommons
Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. In die­ser Rubrik inter­view­en wir Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.

Wie haben Sie Hin­di gelernt?

Heinz Wer­ner Wess­ler: Ich habe Hin­di zunächst im Selbst­un­ter­richt und an der Volks­hoch­schu­le gelernt und bin dann in das zwei­te Semes­ter an der Uni­ver­si­tät Bonn ein­ge­stie­gen. Wobei die Kur­se an der Uni damals nicht son­der­lich päd­ago­gisch waren und wir kaum prak­ti­sche Sprach­be­herr­schung erlernt haben: zwei Semes­ter Gram­ma­tik, Voka­bu­lar und schrift­li­che Über­set­zungs­übun­gen, im drit­ten Semes­ter direkt Ein­stieg in die Lite­ra­tur­über­set­zung. Nach eini­gen Semes­tern habe ich in einem Som­mer­kurs in Kiel ers­te sys­te­ma­ti­sche Ver­su­che im gespro­che­nen Hin­di gemacht und war dann acht Mona­te in einem Sprach­in­sti­tut in Delhi. Der Unter­richt dort war zwar eben­falls nur teil­wei­se erfreu­lich, doch die­se Zeit war für mich der Durch­bruch, sowohl im gespro­che­nen als auch im schrift­li­chen Hindi.

Rein­hold Schein: Ich war als DAAD-Lek­tor in Pune und Vara­na­si. Dort habe ich ein biss­chen Hin­di zum Haus- und Stra­ßen­ge­brauch auf­ge­schnappt, aber nicht sys­te­ma­tisch gelernt. Erst nach Ende mei­ner ziem­lich lan­gen Lek­to­ren­zeit, wie­der als Leh­rer im deut­schen Schul­dienst und schon über fünf­zig, habe ich an der Uni Bonn Hin­di-Kur­se belegt. Der Dozent war lite­ra­tur­be­geis­tert und gab uns Kurz­ge­schich­ten als Übungs­auf­ga­ben. Spä­ter betei­lig­te er mich an zwei gemein­schaft­li­chen Über­set­zungs­pro­jek­ten. Ich wür­de mich eigent­lich nicht als Pro­fi bezeich­nen, son­dern als Dilet­tant im ursprüng­li­chen Sinn des Wor­tes. Haupt­be­ruf­li­che Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer aus dem Hin­di und ande­ren indi­schen Spra­chen gibt es mei­nes Wis­sens auch gar nicht. Dafür ist der Markt im deut­schen Sprach­raum viel zu klein.

Wie sieht die indi­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

RS: Die indi­sche Lite­ra­tur­sze­ne ist enorm breit gefä­chert. Außer den meist­ge­spro­che­nen Spra­chen Hin­di, Urdu und Ben­ga­li gibt es min­des­tens vier wei­te­re indo­eu­ro­päi­sche und vier süd­in­di­sche (dra­wi­di­sche) Spra­chen, die alle eine Fül­le von Lite­ra­tur her­vor­ge­bracht haben. Hin­zu kom­men etli­che wei­te­re Spra­chen mit weni­ger Spre­che­rin­nen und Spre­chern und klei­ne­rem lite­ra­ri­schen Gesamt­vo­lu­men. Hin­di als eine ein­zi­ge Spra­che anzu­se­hen, ist übri­gens eher natio­nal-poli­ti­sches Wunsch­den­ken als Wirk­lich­keit. Bedeu­ten­de lite­ra­ri­sche Wer­ke frü­he­rer Jahr­hun­der­te, teils auch noch der Gegen­wart, wur­den in Spra­chen ver­fasst, die heu­te als regio­na­le Spiel­ar­ten des Hin­di bezeich­net wer­den. Und nicht zu ver­ges­sen: Eng­lisch ist auch eine wich­ti­ge Amts- und Lite­ra­tur­spra­che des Sub­kon­ti­nents, die zugleich die ver­schie­de­nen Regio­nen Indi­ens und sei­ner Nach­bar­län­der unter­ein­an­der und mit dem Rest der Welt verbindet.

HWW: Es gibt in Indi­en vie­le Leu­te, die schrei­ben, aber nur ganz weni­ge kön­nen davon mehr oder weni­ger leben. Meis­tens machen sie das in Kom­bi­na­ti­on mit einem Job an der Uni oder in den Medi­en. Es ist leicht, Autorin­nen und Autoren ken­nen­zu­ler­nen, dar­aus ent­wi­ckeln sich schnell dau­er­haf­te Freund­schaf­ten. Es gibt viel Frus­tra­ti­on über schlech­te Bezah­lung, unzu­ver­läs­si­ge Ver­le­ger und Redak­tio­nen. Ein klei­nes Bei­spiel, wel­che schö­nen Erfah­run­gen man machen kann: Anfang der 2000er Jah­re besuch­te ich den Dalit-Autor Mohandas Nai­mishray, er hat­te mich zu sich nach Hau­se ein­ge­la­den, obwohl wir uns noch nie zuvor gese­hen hat­ten. Es war ziem­lich heiß, doch ich hol­te nach kur­zem Gespräch gleich mein Auf­nah­me­ge­rät her­aus und woll­te das ver­ab­re­de­te Inter­view machen. Er mein­te dar­auf­hin, ich sol­le doch erst mal duschen und etwas ruhen, dann könn­ten wir doch in einer hal­ben Stun­de wei­ter­re­den. Sowas erlebt man nur in Indien!

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

HWW: All­ge­mein Lite­ra­tur in indi­schen Spra­chen, not­falls in Über­set­zung. Die gibt es durch­aus, zum Bei­spiel beim Drau­pa­di-Ver­lag, der uns Freun­den der indi­schen Lite­ra­tur sehr am Her­zen liegt.

RS: Zu den gro­ßen Hin­di-Autoren des 20. Jahr­hun­derts zäh­len Prem­chand, des­sen berühm­ter Roman Godan („Die Kuh­ga­be“) unter dem Titel Godan oder die Opfer­ga­be 1979 im Manes­se Ver­lag erschien; Nir­mal Ver­ma, von dem im Lotos Ver­lag zwei Erzäh­lun­gen unter dem Titel Traum­wel­ten sowie drei wei­te­re Bän­de mit Erzäh­lun­gen erschie­nen; Bhis­ham Sah­ni, von dem auf Deutsch ein Band mit Erzäh­lun­gen vor­liegt (Der Preis eines Huhns, 2017), und Krish­na Bal­dev Vaid, des­sen Tage­buch eines Dienst­mäd­chens 2012 erschien. Sehr lesens­wert fin­de ich auch Sara Rai, die übri­gens 2019 für ihre Erzäh­lun­gen Im Laby­rinth mit dem Cobur­ger Rück­ert-Preis aus­ge­zeich­net wur­de und anschlie­ßend auf Lese­rei­se durch Deutsch­land ging, sowie Uday Pra­ka­sh, des­sen Roman Mohandas sowie zwei wei­te­re Roma­ne und zwei Bän­de mit Erzäh­lun­gen im Drau­pa­di Ver­lag erschie­nen, und Geetan­ja­li Shree, unter ande­rem der Roman Mai („Mut­ter“) und der Erzähl­band Wei­ßer Hibis­kus. Mitt­ler­wei­le sind meh­re­re die­ser Bücher auch im Uni­ons­ver­lag erschie­nen. Eine bemer­kens­wer­te, noch sehr jun­ge Lyri­ke­rin ist Jacin­ta Ker­ket­ta. Sie ist Ange­hö­ri­ge der Adi­va­si, das heißt der indi­ge­nen Eth­ni­en Indi­ens. In ihren zwei­spra­chig auf Hindi/Deutsch im Drau­pa­di Ver­lag erschie­ne­nen Gedicht­bän­den Glut und Tie­fe Wur­zeln beklagt sie die Ver­drän­gung ihrer Volks­grup­pen aus den ange­stamm­ten Sied­lungs­ge­bie­ten durch Berg­bau­kon­zer­ne, auch die damit zusam­men­hän­gen­den Umwelt­sün­den und die bereits weit fort­ge­schrit­te­ne Über­la­ge­rung ihres kul­tu­rel­len Erbes durch die domi­nan­te Mainstream-Unterhaltungsindustrie.

HWW: Neben den Hin­di-Autoren gibt es auch sehr gute Über­set­zun­gen aus ande­ren Spra­chen. Ich fin­de zum Bei­spiel die Ben­ga­li-Autorin Mahash­we­ta Devi sehr beein­dru­ckend, oder den noch rela­tiv jun­gen Rah­man Abbas in Urdu. Es gibt auch viel Gutes in Eng­lisch, aber vie­les ist sozu­sa­gen für den inter­na­tio­na­len Markt produziert.

Was ist noch nicht übersetzt?

RS: Fast alles – schwer zu sagen, wel­che Namen und Wer­ke hier zuerst zu nen­nen wären. Aber einen Namen möch­te ich doch beson­ders her­vor­he­ben: Die Erzäh­le­rin Neelak­shi Singh (geb. 1978), die bis­her sechs Bän­de mit Kurz­ge­schich­ten ver­fasst und auch eini­ge Prei­se dafür bekom­men hat. Auf Deutsch ist davon bis­her nur die Kurz­ge­schich­te Rauch! Wo denn? in Mau­ern und Fens­ter. Neue Erzäh­lun­gen aus Indi­en (2006) erschie­nen, die Appe­tit auf mehr macht.

HWW: Dass so vie­les noch nicht über­setzt ist, liegt auch dar­an, dass es an einer guten Atmo­sphä­re für Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer ins Deut­sche fehlt – lei­der ist lite­ra­ri­sches Über­set­zen aus indi­schen Spra­chen ins Deut­sche mehr oder weni­ger brot­lo­se Kunst. Es müss­te mehr Über­set­zer­se­mi­na­re, mehr Inter­es­se der Groß­ver­la­ge, über­haupt mehr Foren geben!

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Hin­di? Wie gehen Sie damit um?

HWW: Alles ist über­setz­bar, wich­tig ist, dass wir von den phi­lo­lo­gi­schen Über­set­zun­gen weg­kom­men und unse­re Fähig­kei­ten beim Ein­deut­schen ver­bes­sern. Also Sinn über­set­zen statt Spra­che. Ein erfolg­rei­ches Umset­zen der anders­ar­ti­gen Syn­tax ins Deut­sche setzt natür­lich die Fähig­keit vor­aus, sich vom Hin­di-Text loszumachen.

RS: Wer über­setzt, muss Wege fin­den, die Unter­schie­de im Den­ken und Füh­len und in der All­tags­kul­tur von Aus­gangs- und Ziel­land zu über­brü­cken. Je grö­ßer die­se Unter­schie­de sind, des­to schwie­ri­ger wird es. Um den Aus­gangs­text rich­tig zu ver­ste­hen, muss man eine gan­ze Men­ge über das Leben in die­sem Land wis­sen. Durch mei­nen zwölf­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in Indi­en bin ich in die­ser Hin­sicht ganz gut gerüs­tet. Und den­noch: Mei­ne Erfah­run­gen habe ich haupt­säch­lich in der städ­ti­schen Mit­tel­schicht gemacht, vom Leben auf dem Land und in der Arbei­ter­klas­se weiß ich wenig. Daher braucht man auf jeden Fall mut­ter­sprach­li­che Bekann­te, die man kon­sul­tie­ren kann, wenn Text­stel­len nebel­haft blei­ben. Auch die Autoren Geetan­ja­li Shree und Uday Pra­ka­sh haben mir per­sön­lich weitergeholfen.

Was kann Hin­di, was Deutsch nicht kann?

RS: Hin­di hat außer „Du“ und „Sie“ noch eine drit­te Anre­de­form, wodurch sich die Ska­la von fami­liä­rer Ver­traut­heit zu for­mel­lem Respekt wei­ter dif­fe­ren­ziert. Auch wer­den Per­so­nen, die man neu ken­nen­lernt, gern in ein Ver­wandt­schafts­ge­flecht ein­ge­ord­net, man redet sie also als jüngerer/älterer Bru­der bzw. jüngere/ältere Schwes­ter, als Mut­ter, Vater, Groß­el­tern, Sohn, Toch­ter, Onkel/Tante müt­ter- oder väter­li­cher­seits usw. an. Mit jeder die­ser Ver­wandt­schafts­be­zeich­nun­gen ist eine gewis­se Art von Bezie­hung und Kom­mu­ni­ka­ti­on vorgegeben.

HWW: Und es gibt ein aus­ge­klü­gel­tes Hilfs­verb­sys­tem, das sehr dif­fe­ren­ziert Akti­ons­ar­ten, die mit Emo­tio­nen zu tun haben, zum Aus­druck bringt. Hier kann Hin­di kom­ple­xer sein als das Deut­sche. Ein Bei­spiel: „paṛh lenā“ („für sich lesen“) und „paṛh denā“ („vor­le­sen“), bei­des sind Vari­an­ten von „paṛhnā“ („lesen“).

Wir suchen für die Rubrik „Gro­ße klei­ne Spra­che“ Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die Lust haben, ihre „klei­ne“ Spra­che mit unse­rem Fra­ge­bo­gen vor­zu­stel­len. Wenn du dich ange­spro­chen fühlst, mel­de dich ger­ne unter redaktion@tralalit.de.

Rein­hold Schein hat den größ­ten Teil sei­nes beruf­li­chen Lebens als Deutsch­leh­rer auf dem zwei­ten Bil­dungs­weg ver­bracht. Seit 2012 enga­giert er sich im Vor­stand des Lite­ra­tur­fo­rums Indi­en e.V. dafür, zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur vom indi­schen Sub­kon­ti­nent in deut­scher Über­set­zung bekann­ter zu machen, u. a. durch vier­tel­jähr­li­che News­let­ter. Aus dem Hin­di hat er den Roman Mai („Mut­ter“) von Geetan­ja­li Shree über­setzt und an der Über­set­zung des Dra­mas Agra Basar von Habib Tan­vir und des Romans Das Mäd­chen mit dem gel­ben Schirm von Uday Pra­ka­sh mitgewirkt.

Heinz Wer­ner Wess­ler lehrt Indo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Upp­sa­la. Über­set­zun­gen aus Hin­di und Urdu, dar­un­ter Uday Pra­ka­shs Roman Das Mäd­chen mit dem gel­ben Schirm (in Zusam­men­ar­beit mit Ines For­nell und Rein­hold Schein), die Kurz­ge­schich­ten Die Täto­wie­rung von Ajay Nava­ri­ya und Die Qua­ran­tä­ne von Rajin­der Singh Bedi, das Dra­ma Agra Basar von Habib Tan­vir (zusam­men mit Rein­hold Schein) sowie Gedich­te von Kun­var Narain und Nir­ma­la Putul.

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