Gedan­ken über eine flo­ra­le Poetik

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose: In der von Ulrike Draesner übersetzten Lyrik entfalten Blumen eine ganz eigene Macht. Von

Der Präraffaelit John William Waterhouse wusste schon um 1900, dass auch Rosen eine Seele haben. Quelle: WikiCommons

I.

Bücher, Tex­te, Gedich­te – all das lese ich, als sei die Welt­li­te­ra­tur durch unsicht­ba­re Fäden mit­ein­an­der ver­bun­den, die Moti­ve und The­men über die Kon­ti­nen­te und Zei­ten hin­weg mehr oder min­der lose ver­netzt; als ver­wie­sen die Poet*innen unent­wegt auf­ein­an­der. All das – ein gro­ßer umfas­sen­der Text, an dem alle nicht auf­hö­ren wol­len zu schrei­ben. Ein Lang­po­em, in dem sich kunst­voll und fein gear­bei­tet die Meta­phern wie­der­ho­len und in Bögen Ver­wei­se schaf­fen. Refe­ren­zen schaf­fen. Die Welt als Buch, ja, die Les­bar­keit der Welt, um mit Fried­rich Schle­gel zu spre­chen: das abso­lu­te Buch.

II.

Als im Okto­ber 2020 bekannt gege­ben wur­de, dass die US-Ame­ri­ka­ne­rin Loui­se Glück den Lite­ra­tur­no­bel­preis erhält, über­rasch­te das vie­le, auch mich. Die Lek­tü­re ihres Ban­des Wil­de Iris ver­blüff­te mich, sah ich immer wie­der die Gedich­te von Hil­da Doo­lit­te, die unter ihren Initia­len H.D. berühmt wur­de, her­vor­bli­cken – und ich rea­li­sier­te, dass Ulri­ke Dra­es­ner von bei­den Lyri­ke­rin­nen Gedicht­bän­de über­setzt hat­te. Ein Zufall? Dra­es­ner selbst ist Lyri­ke­rin, Roman­au­torin und eine her­vor­ra­gen­de Essay­is­tin, in all die­sen Rol­len schät­ze ich sie seit Jah­ren – als Über­set­ze­rin ent­deck­te ich sie für mich spät, doch dann umso mehr.

III.

Es gibt vie­le her­vor­ra­gen­de Lyriker*innnen, die gleich­zei­tig sehr gute Übersetzer*innen sind. Ich den­ke an Mir­ko Bon­né, Nor­bert Hum­melt, Dag­ma­ra Kraus, Jan Wag­ner oder Ulja­na Wolf um nur eini­ge zu nen­nen. Und doch gilt: „Kaum etwas ist ver­track­ter als das Über­set­zen von Gedich­ten“, wis­sen Jan Wag­ner und Jo Lend­le in ihrer Akzen­te-Aus­ga­be „Nach­dich­ten“ . Auch Ulri­ke Dra­es­ner ist in die­ser Aus­ga­be ver­tre­ten. Ihre Arbeit als Über­set­ze­rin beschreibt sie so:

Ich muss ver­wan­deln. Hier sind Über­set­zen und Eige­ne­ge­dich­te­schrei­ben ein­an­der ver­wandt. Eben dies ist Gedich­te­schrei­ben: Sprach­den­ken. Ver­bin­dun­gen erfin­den, um die Ecke hören, in die Tie­fe der Fal­tun­gen des Sprach­kop­fes und des Sprach­ge­fühls tauchen.

IV.

Eine Über­set­ze­rin ist immer auch gleich eine Ent­de­cke­rin, eine Ver­mitt­le­rin in Sachen Lite­ra­tur. Jemand, ohne die man den Tex­ten in einer frem­den Spra­che gar nicht nicht erst begeg­net wäre und, je nach Spra­che und Sprach­ver­mö­gen, die Tex­te nicht oder schwe­rer hät­te ver­ste­hen kön­nen. Und wenn ich eine Über­set­ze­rin schät­ze, schaue ich auch sehr gezielt danach, wem sie sich noch ange­nom­men hat weil man die Art der Lite­ra­tur schätzt, die sie aus­wählt oder die sie von den Ver­la­gen ange­tra­gen bekommt oder aber die Art, wie sie als Über­set­ze­rin arbei­tet, ihren Umgang mit Sprache.

V.

Schaut man sich die Gedicht­bän­de Wil­de Iris von Loui­se Glück und die bei­den Bücher Sea Gar­den (über­setzt von Gün­ter Ples­sow) und Her­me­tic Defi­ni­ti­on / Heim­li­che Deu­tung (über­setzt von Ulri­ke Dra­es­ner) von Hil­da Dolitt­le an, so erge­ben sich über­ra­schen­de Ver­bin­dungs­li­ni­en: Gedich­te, die wie Gewäch­se anein­an­der hoch­wach­sen, sich bede­cken, sich aber nie gegen­sei­tig das Licht neh­men. Es sind aber vor allem auch die Blu­men, die sich durch bei­de Bän­de zie­hen: die Rose, natür­lich, aber auch die Wald­li­lie, das Leber­blüm­chen, die Nar­zis­se, die Kamp­fer­blu­me oder der Weiß­dorn. Ein gan­zer Blumenstrauß.

VI.

Hil­da Doo­litt­le ist eine Autorin, die mich schon eine Wei­le fas­zi­niert. All­ge­mein inter­es­sie­ren mich Lyri­ke­rin­nen, die zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts geschrie­ben und publi­ziert haben: ihr Umgang mit der Avant­gar­de, ihr Bewe­gen inner­halb die­ser Zir­kel – lebens­welt­lich, aber eben auch die Ant­wor­ten in ihren Tex­ten auf die radi­ka­len Brü­che der Moder­ne. Mich inter­es­sie­ren die Mög­lich­kei­ten, wie sie sich als Autorin­nen bewie­sen haben und wie sie ihren Lebens­un­ter­halt ver­dien­ten. H.D. hat­te so ein beweg­tes Leben: Sie wur­de 1886 in den USA gebo­ren, kam 1911 nach Euro­pa. Für dama­li­ge Ver­hält­nis­se leb­te sie in außer­ge­wöhn­li­chen Lie­bes- und Lebens­part­ner­schaf­ten, ging zur Psy­cho­ana­ly­se bei Sig­mund Freud nach Öster­reich und leb­te lan­ge in der Schweiz, wo sie 1961 starb. Loui­se Glück kam 1943 eben­falls in den USA zur Welt. Ihre Geburts­jah­re und die Lebens­um­stän­de tren­nen sie, was sie aber eint, ist ihre Aus­ein­an­der­set­zung mit anti­ker Lite­ra­tur – und die eige­ne psy­chi­sche Ver­fasst­heit als Gegen­stand ihrer Poesie.

VII.

Blu­men lösen Kitsch­ver­dacht aus, als ver­lö­re man sich in ihrer Idyl­le, ihrer rei­nen Anmut und Schön­heit. Dabei lohnt ein Blick auf ihre Kul­tur­ge­schich­te, ihre Bedeu­tungs­zu­sam­men­hän­ge auch die in der Mytho­lo­gie. In den Gedich­ten von H.D. und Loui­se Glück sind sie Teil eines Selbst­ver­ständ­nis­ses, eines Selbst­aus­drucks, ja, einer Selbst­be­haup­tung. Denn die­se Blu­men agie­ren selbst und sind mehr als Pflan­zen, die gepflückt werden.

VIII.

Ulri­ke Dra­es­ner schreibt mir per Mail:

Glück gibt den Pflan­zen in Wil­de Iris Stim­me. Sie braucht sie als Spre­chen­de in einem Mul­ti­log zwi­schen einer gött­li­chen Instanz, den Men­schen und der grü­nen Welt. Ver­han­delt wer­den Fra­gen des Wer­dens und Ver­ge­hens, der Welt­lich­keit. In HDs Her­me­tic Defi­ni­ti­on stel­len die Pflan­zen eine Art Sub­text im Lie­bes­dis­kurs da. Er wird in den Gedich­ten deut­lich, aber all­ge­mein und mit Refe­ren­zen auf Mythen geführt. Im ‚Leben‘ der Dich­te­rin gab es aber, wenn den Quel­len zu trau­en ist, eine Ver­liebt­heit in einen jun­gen Mann. Er stamm­te aus Aus­tra­li­en. Und alle Pflan­zen im Text stam­men eben­falls aus Aus­tra­li­en. Das war teil­wei­se sehr schwie­rig beim Über­set­zen, weil es zwar eng­li­sche, nicht aber deut­sche Namen gibt. Die Pflan­zen sind Teil der ‚her­me­ti­schen‘ Schrift, eine Kryptobotschaft.

IX.

Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts war es die Autorin und Gerichts­re­por­te­rin Gabrie­le Ter­git, die ihre Kul­tur­ge­schich­te der Blu­men schreibt: „Blu­men wer­den zu allen freu­di­gen und allen trau­ri­gen Ereig­nis­sen des Men­schen­le­bens gebracht, an den Sarg, an das Kind­bett, an das Kran­ken­la­ger.“ Da aber sind die Blu­men gepflück­te Dar­bie­tun­gen, Geschenk, Ehr­er­bie­tung oder Lie­bes­be­weis. Die Blu­me im Gar­ten oder in der wil­den Natur ist jedoch kei­ne Schnitt­blu­me, ist dem Men­schen noch nicht unter­tan. Dort wirkt sie wild, uner­schro­cken, im Land­schafts­bild wie eine über­ra­schen­de Ges­te und Gabe.

X.

Im Gedicht­band Her­me­tic Defi­ni­ti­on von H.D. ist der Aus­gangs­punkt die Rose: „Ich bin alt (ich war alt, bis du kamst); die rotes­te Rose ent­fal­tet sich“. Die Rose zieht sich durch die­sen Band ganz klas­sisch als Blu­me der Lie­be und als Meta­pher für ein Blü­hen, für ein Erblü­hen (durch eine spä­te Lie­be) oder auch ein befürch­te­tes Ver­blü­hen des eige­nen Kör­pers. Aber die Rose ist auch ein Aus­gangs­punkt für einen theo­re­ti­schen Über­bau: „Rosen gal­ten einer Abs­trak­ti­on; nun mit glei­chem Feu­er, mit Fie­ber, bie­te ich sie einer Wirk­lich­keit an“.

XI.

Die Rose ist in der expe­ri­men­tel­len Lite­ra­tur Anfang des 20. Jahr­hun­derts berühmt gewor­den durch Ger­tru­de Stein und ihren berühm­ten Vers: „A rose is a rose is a rose“ (aus ihrem Gedicht „Hei­li­ge Emi­ly“, 1913). Bar­ba­ra Köh­ler schreibt in ihrem Nach­wort zu dem Band ten­der but­tons von Ger­tru­de Stein, den sie über­setzt hat, über den Zusam­men­hang vom Blü­hen, der Knos­pe und der Rose:

Eine art auf­blü­hen viel­leicht, das ent­fal­ten einer blü­te, die aus vie­len blät­tern besteht, die sich glei­chen, um eine (spä­ter fruch­ten­de) mit­te her­um zu wie­der­ho­len schei­nen, jedoch in unter­schied­lichs­ter rich­tung und grö­ße; die eine far­big­keit vari­ie­ren, einen duft, ein aro­ma ent­fal­ten. Auf einem hol­zi­gen stiel mit dor­nen. Wör­ter, die bedeu­ten, ohne je ein­deu­tig zu sein; sinn erge­ben sie nur im plu­ral: sin­ne. // Rosen.

XII.

Die Rose mit ihren Dor­nen gibt es. Aber wel­che Blu­men ent­sprin­gen der rei­nen Phan­ta­sie der Dich­te­rin­nen? Ulri­ke Dra­es­ner schreibt per Mail:

Bei HD muss­te ich man­che Pflan­zen­na­men erfin­den, da es nur den bota­ni­schen, also latei­ni­schen Begriff gab und der hät­te in kei­ner Wei­se in die Gedich­te gepasst. Ich habe nach Aus­se­hen oder ande­ren sinn­li­chen Aspek­ten erfun­den oder die eng­li­sche Meta­pho­rik nach­ge­ahmt. Bei ‘the red pop­py’ in Glücks Aver­no fällt auf, dass dem Pflan­zen­na­men ‚red‘ bei­gege­ben wird. Das wäre nicht nötig und unter­bleibt bei ande­ren Namen. Ich habe das Wort mit ‚blut­rot‘ über­setzt, um eine Bedeu­tungs­ebe­ne zu stär­ken, die im Ori­gi­nal mit­schwingt. Hört man ‚red pop­py‘, denkt man (auch) an die Mohn­blü­ten aus Papier, die im eng­lisch­spra­chi­gen Raum im Herbst ver­kauft wer­den und ans Revers gesteckt. Man unter­stützt mit ihnen ‚the armed for­ces‘. Zurück­geht der Mohn auf die Schlacht­fel­der von Ver­dun im 1. Welt­krieg. Die­ser kul­tu­rel­le Hin­ter­grund gibt dem Gedicht eine spe­zi­fi­sche Wen­dung und reicht in die Über­set­zung ein­zel­ner Wör­ter, wie etwa des Endes, hinein.

XIII.

Sexu­ell kon­no­tiert kann man Blu­men auch anse­hen. Sinn­lich sind die Gedich­te von H.D.: „ich berüh­re sei­nen Kopf und sei­ne Keh­le“. A rose is a rose – oder doch: eros is eros? Die Kör­per­lich­keit in der Lie­be spü­ren wir bei H.D. – aber wir spü­ren auch eine Kör­per­lich­keit des Gedichts: „Ein Schrei­ben ohne Kör­per gibt es nicht“, schreibt Swant­je Lich­ten­stein in Bezug auf Ger­tru­de Stein und ihr per­for­ma­ti­ves Schrei­ben. Und auch Ulri­ke Dra­es­ner defi­niert ihre Poe­to­lo­gie kör­per­lich: „Als Rhyth­mus, Bild und Wort ist das Gedicht der Extrakt eines kör­per­li­chen Zustan­des. Zuge­ste­hen las­sen, was die Spra­che dem Kör­per zuge­steht. Ihm zustellt. Die Post zwi­schen Spra­che und Kör­per.“ Gedich­te sind Wei­ter­wach­sun­gen des Kör­pers; Lie­be wächst, Blu­men wach­sen – nicht nur im Gar­ten, sie wach­sen durch das Gedicht und in einen hinein.

XIV.

Bei Lyri­k­über­set­zun­gen sind zwei­spra­chi­ge Aus­ga­ben ein Glücks­fall – da kann man den publi­zie­ren­den Ver­la­gen nicht genug dan­ken. Den Über­set­zungs­pro­zess als Lese­rin nach­voll­zie­hen zu kön­nen, die Anklän­ge und die Bedeu­tungs­spek­tren des Ori­gi­nals vor Augen zu haben – das ist gera­de in der Lyrik uner­läss­lich. Natür­lich macht das die Aus­ga­be umfang­rei­cher und damit teu­rer in der Her­stel­lung. Aber ohne Ori­gi­nal wir­ken die Gedich­te auf mich oft ein­sam, ohne Echo. Es gibt her­aus­ra­gen­de Aus­ga­ben – bei­spiels­wei­se Les Mur­rays Epos Fre­dy Nep­tu­ne, über­setzt von Tho­mas Eich­horn. Und dann gibt es Bücher, wo man das Ori­gi­nal schmerz­lich ver­misst: wie bei Anne Car­sons Vers­epos Rot (Über­set­zung: Anja Utler).

XV.

Die Blu­men und die Psy­cho­ana­ly­se, das Inter­es­se dar­an eint Loui­se Glück und Hil­da Doo­litt­le. In Ulri­ke Dra­es­ners Essay „Atem, Puls, Bahn“ aus dem Jahr 2003 kom­men im „Lacan­schen Blu­men­bild“ alle Zusam­men­hän­ge in eins – ich ende mit die­sem lan­gen Zitat:

Man stel­le sich einen an einer Sei­te offe­nen, hoch­kant auf­ge­stell­ten Kas­ten vor, die offe­ne Sei­te weg­ge­dreht. Auf dem Kas­ten steht eine Vase; unter das Brett, auf dem sie steht, kann man nicht sehen. Man weiß aber, daß an sei­ner Unter­sei­te Blu­men hän­gen, kopf­über, mit den Sten­geln am Brett fest­ge­klebt. Woher man das weiß, wenn man es nicht sieht, ist eine gute Fra­ge. Die Ant­wort ist noch bes­ser. Es gibt ein Auge in die­ser Expe­ri­ment­kon­stel­la­ti­on. Es sieht die Blu­men in der Vase ste­hen, denn tat­säch­lich ist außer Vase, Kas­ten, Blu­men und Auge auch noch ein Spie­gel vor­han­den. Er wur­de so vor der offe­nen Sei­te des Kas­tens auf­ge­stellt, daß das von schräg oben schau­en­de Auge in die ‚real‘ nach unten hän­gen­den Blu­men in die Vase hin­ein­ge­spie­gelt sieht. Die­ser Spie­gel ist, so Lacan, der Kor­tex des Betrach­ters. Spie­gel und Kas­ten, also Gehirn und Kör­per, befin­den sich in einer fest­ge­leg­ten Rela­ti­on zuein­an­der. Ich bin das Auge und sehe das Spie­gel­bild. Es zeigt mir: Die Blu­men ste­hen in der Vase. Ihre Sten­gel sehe ich nicht. In Lacans Bei­spiel heißt dies: Die Kon­di­tio­nie­rung mei­nes Sehens, die über Spra­che ver­mit­telt ist, kann ich nicht ver­las­sen. Der Zustand des Kör­pers vor dem Spre­chen bleibt für mich auf immer unsicht­bar. Das Gedicht ver­sucht das Unmög­li­che: den­noch zu den Sten­geln zu schauen.

Als schlös­se sich hier ein poe­to­lo­gi­scher wie flo­ra­ler Kreis.

XVI.

Über­all hän­gen sie, die Spinn­we­ben, die losen Fäden, in denen ich mich glück­lich ver­fan­ge oder deren Enden ich fol­ge oder ankom­me in der Welt als Buch  und dem Buch als Welt. Auch Dank der Über­set­zun­gen, die aus dem Spin­nen­netz ein Spra­chen­viel­fäl­ti­ges machen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.