Wel­che Über­set­zung soll ich lesen?

George Orwells Klassiker „1984“ ist seit Kurzem gemeinfrei. Daher trumpfen zahlreiche Verlage mit Neuübersetzungen auf. Eine Bestandsaufnahme.

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Auch beim Cover scheint man sich abgesprochen zu haben. Rot und blau sind Orwells Farben.

Auch 72 Jah­re nach Erschei­nen heißt es immer wie­der: kein Buch sei heu­te aktu­el­ler, kein Buch fan­ge unse­re moder­ne Rea­li­tät eher ein als Geor­ge Orwells 1984. Bevor das Jahr 1984 tat­säch­lich ein­trat, zeig­te der Roman eine Welt, die erst noch kom­men wür­de. Jetzt lesen wir das Buch vor dem Hin­ter­grund, dass vie­le Ele­men­te aus Orwells dys­to­pi­schem Klas­si­ker bereits Teil unse­res All­tags sind – die Kame­ras, die rie­si­gen Bild­schir­me, die Über­wa­chung. Und auch die poli­ti­schen Schlag­wor­te sind heu­te ande­re als noch vor fünf­zig Jah­ren: Las man das Buch damals als ein­deu­ti­ge Kri­tik an der Sowjet­uni­on, geht es in heu­ti­gen Bespre­chun­gen des Romans vor allem um Chi­na, Russ­land oder Trump, der dem Buch mit sei­nem Amts­an­tritt zurück auf die ame­ri­ka­ni­schen Best­sel­ler­lis­ten verhalf. 

Wäh­rend noch vor Jah­ren die per­ma­nen­te Über­wa­chung und die Beschrei­bun­gen moderns­ter Tech­nik für Auf­se­hen sorg­ten (tech­nisch sind wir inzwi­schen bereits viel wei­ter), ist es nun die Mani­pu­la­ti­on von gän­gi­gen Tat­sa­chen, die in Zei­ten von Fake News und Can­cel Cul­tu­re bei der Lek­tü­re am meis­ten ver­stö­ren. Win­s­ton Smith, der Held in Orwells Dys­to­pie, arbei­tet im Minis­te­ri­um der Wahr­heit, wo er Tex­te von unbe­que­men Fak­ten berei­nigt und so die Geschich­te im Sin­ne der Par­tei anpasst. Smith selbst aber ist ein Wahr­heits­su­chen­der, der an der Rea­li­tät zwei­felt: Befin­det er sich über­haupt im Jahr 1984? Wie ist der Staat Ozea­ni­en, zu dem das ehe­ma­li­ge Groß­bri­tan­ni­en zählt, ent­stan­den? Und gibt es tat­säch­lich eine Grup­pe, die Wider­stand leistet?

Im ver­gan­ge­nen Jahr war der 70. Todes­tag Geor­ge Orwells, der sei­nen letz­ten Roman schwer­krank fer­tig­stell­te und 1949 ver­öf­fent­lich­te. Mit dem Jubi­lä­um erlo­schen hier­zu­lan­de die Über­set­zungs­rech­te an 1984, die bis dato beim Ull­stein Ver­lag lagen. Die­ser ver­leg­te zunächst eine Über­set­zung von Kurt Wagen­seil von 1950 und ließ das Buch dann pas­sen­der­wei­se im Jahr 1984 von Micha­el Wal­ter neu über­set­zen. Bis vor Kur­zem war dies also die gän­gi­ge Über­set­zung, die auf dem deut­schen Markt kursierte.

Da man sich im deutsch­spra­chi­gen Raum wohl abso­lut sicher ist, dass 1984 auch in den kom­men­den Jah­ren auf den Best­sel­ler­lis­ten erschei­nen wird, haben vie­le Ver­la­ge das Buch neu über­set­zen las­sen, um eine eige­ne Aus­ga­be her­aus­zu­brin­gen. Mit „vie­le“ sind jedoch nicht nur zwei, drei Ver­la­ge gemeint: Nein, tat­säch­lich haben alle mehr oder weni­ger wich­ti­gen Ver­la­ge das Buch im Pro­gramm. Ange­fan­gen bei Suhr­kamp, Fischer, Rowohlt und dem dtv, bis hin zu Manes­se, Ana­con­da (bei­de Teil der Ran­dom House Ver­lags­grup­pe) und Reclam. Und jeder trumpft mit einer eige­nen Über­set­zung auf. Fans haben also seit Ende Janu­ar die Wahl, ob sie 1984 lie­ber auf Frank Hei­bert, Eike Schön­feld oder Simo­ne Fischer lesen wol­len. Aber wel­che Über­set­zung emp­fiehlt sich denn? Und macht es wirk­lich einen Unter­schied, ob ich die Über­set­zung von Gis­bert Haefs, Kars­ten Sin­gel­mann oder Jan Strüm­pel lese? 

Um zu ver­ste­hen, war­um die­se Über­set­zun­gen so gewor­den sind, wie sie sind, müs­sen wir einen kur­zen Exkurs ins Ori­gi­nal vor­neh­men. Beim erst­ma­li­gen Lesen kann man schnell über­se­hen, wel­che Rol­le Spra­che hier spielt, weil der Plot sich in den Vor­der­grund drängt. Doch mit jeder Lek­tü­re des Romans wird deut­lich, dass die Spra­che trotz der tech­ni­schen und gewalt­sa­men Metho­den wohl das effi­zi­en­tes­te Mit­tel der Par­tei ist, um ihre Mit­glie­der füg­sam zu machen. Schon 1946 hielt Orwell in einem Essay über „Poli­tik und die eng­li­sche Spra­che“ fest: „Sofern Gedan­ken Spra­che mani­pu­lie­ren, kann Spra­che auch Gedan­ken mani­pu­lie­ren“ („If thought cor­rupts lan­guage, lan­guage can also cor­rupt thought“).

In 1984 setz­te Orwell die­se Erkennt­nis radi­kal um und erfand „New­speak“ (in der Regel als „Neu­sprech“ über­setzt), die fik­ti­ve Spra­che der Par­tei, für die es am Ende des Romans eine kur­ze Erklä­rung gibt. Vie­le Begrif­fe aus Neu­sprech sind längst Teil der eng­li­schen Spra­che gewor­den, ange­fan­gen bei „Big Bro­ther“ („gro­ßer Bru­der“), Namens­ge­ber einer frag­wür­di­gen Fern­seh­show, bis hin zu Wör­tern wie „Dou­blethink“ („Dop­pel­sprech“) oder „Thought­crime“ („Gedan­ken­ver­bre­chen“). In Orwells Welt eli­mi­niert die Par­tei nicht nur Begrif­fe aus dem all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch, son­dern ver­ein­facht auch gram­ma­ti­ka­li­sche Struk­tu­ren und ent­schlackt Begrif­fe von wenig wün­schens­wer­ten Bedeu­tun­gen. Den Par­tei­mit­glie­dern soll Neu­sprech „ein pas­sen­des Aus­drucks­me­di­um für ihre Welt­an­schau­ung“ bie­ten und gleich­zei­tig „alle ande­ren Denk­wei­sen unmög­lich machen“. „Thought­cri­mes“ – Gedan­ken, die nicht im Sin­ne der Par­tei sind (Unzucht, Ehe­bruch, Homo­se­xua­li­tät zum Bei­spiel) – sol­len gänz­lich ver­hin­dert wer­den, indem das ent­spre­chen­de Voka­bu­lar für solch „abwe­gi­ge“ Gedan­ken gar nicht mehr zur Ver­fü­gung steht: 

Das Wort frei exis­tier­te auf Neu­sprech immer noch, konn­te aber nur noch ver­wen­det wer­den in Aus­sa­gen wie „Die­ser Hund ist frei von Läu­sen“ oder „Die­ses Feld ist frei von Unkraut“. Es konn­te nicht mehr in sei­nem alten Sinn „poli­tisch frei“ oder „intel­lek­tu­ell frei“ benutzt wer­den, da poli­ti­sche und intel­lek­tu­el­le Frei­heit nicht ein­mal mehr als Begrif­fe exis­tier­ten und daher zwangs­läu­fig unbe­nannt waren. 


[Über­set­zung: Gis­bert Haefs, Manesse]

Die Neu­struk­tu­rie­rung der eng­li­schen Spra­che ist in 1984 ein Groß­pro­jekt, das inner­halb der Roman­welt 2050 voll­stän­dig abge­schlos­sen wer­den soll. Win­s­ton Smith spricht noch kein „Neu­sprech“, kennt aber die Begrif­fe und Slo­gans. Zudem arbei­ten im Roman gan­ze Abtei­lun­gen dar­an, Lite­ra­tur wie auch Nach­rich­ten­ar­ti­kel, bei­spiels­wei­se aus der Times, zu über­ar­bei­ten und an Neu­sprech anzu­pas­sen. Die Par­tei lässt also die wich­tigs­ten Tex­te ins Neu­sprech über­set­zen. Als Kon­trast zu Neu­sprech ist die rest­li­che Pro­sa in Orwells Ori­gi­nal sehr schlicht gehal­ten – mit Absicht. Denn Orwell war über­zeugt, dass das zu sei­ner Zeit geschrie­be­ne Eng­lisch „vol­ler schlech­ter Ange­wohn­hei­ten“ („full of bad habits“) sei. Er schimpf­te über die „man­geln­de Prä­zi­si­on“ („lack of pre­cisi­on“) und „prä­ten­tiö­se Aus­drucks­wei­se“ („pre­ten­tious dic­tion“), und resü­mier­te: „Die moder­ne Pro­sa wird immer unkon­kre­ter“ („The who­le ten­den­cy of modern pro­se is away from con­cre­teness“). Orwell schreibt die­sen Ten­den­zen ent­ge­gen: Sei­ne Pro­sa ist schlicht und schnör­kel­los, fast schon unspek­ta­ku­lär. Ein gelun­ge­ner Kon­trast zum bri­san­ten Inhalt, aber eben auch kei­ne beson­de­re Sprachakrobatik.

Die Neu-Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer sind im Fall von „Neu­sprech“ stel­len­wei­se zu unter­schied­li­chen Über­tra­gun­gen gekom­men, wirk­lich gra­vie­ren­de Unter­schie­de las­sen sich aller­dings nicht fin­den. Vie­le Neu­sprech­wör­ter wer­den ein­fach wort­wört­lich über­setzt: „Big Bro­ther“ als „Gro­ßer Bru­der“, „Dou­blethink“ als „Dop­pel­denk“ (mit Aus­nah­me von Simo­ne Fischer, die sich an Kurt Wagen­seils alter Über­set­zung „Zwie­den­ken“ ori­en­tiert), „think­pol“ als “Gedan­ken­po­li­zei“ (Frank Hei­bert weicht hier mit „Denk­pol“ ab) oder „goodt­hink“ als „Gut­denk“. Die Vor­ar­beit hat­ten hier natür­lich schon Kurt Wagen­seil und Micha­el Wal­ter geleis­tet. Bei Wagen­seil hieß „New­speak“ noch „Neu­spra­che“, das Micha­el Wal­ter in „Neu­sprech“ ver­wan­del­te. Eben­so mach­te Wal­ter aus „Zwie­den­ken“ das Wort „Dop­pel­denk“ und befrei­te 1984 von eini­gen ande­ren ver­al­te­ten Begrif­fen (bei Wagen­seil führt Smith nicht Tage­buch, son­dern ein „Dia­ri­um”). In den Neu­über­set­zun­gen erfin­det nie­mand „Neu­sprech“ kom­plett neu oder ist auch nur ver­sucht, der Spra­che eine indi­vi­du­el­le Note zu ver­pas­sen. Grund dafür ist sicher, dass das Neu­sprech eben nicht nur das eng­li­sche Voka­bu­lar infil­triert hat, son­dern auch das deut­sche (obgleich in gerin­ge­rem Maße): Zu „Big Bro­ther“ wird auch hier­zu­lan­de eini­gen etwas ein­fal­len. Zudem war 1984 nach Erschei­nen auch in Deutsch­land ein Best­sel­ler, sodass gan­ze Genera­tio­nen von den Ull­stein-Über­set­zun­gen geprägt wurden. 

Aber wer­fen wir mal einen ver­glei­chen­den Blick auf die Über­set­zun­gen und schau­en uns die Ein­gangs­sze­ne genau­er an:

It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thir­te­en. Win­s­ton Smith, his chin nuz­zled into his bre­ast in an effort to escape the vile wind, slip­ped quick­ly through the glass doors of Vic­to­ry Man­si­ons, though not quick­ly enough to pre­vent a swirl of grit­ty dust from ent­e­ring along with him. The hall­way smelt of boi­led cab­ba­ge and old rag mats. At one end of it a colou­red pos­ter, too lar­ge for indoor dis­play, had been tacked to the wall. It depic­ted sim­ply an enor­mous face, more than a met­re wide: the face of a man of about for­ty-five, with a hea­vy black mousta­che and rug­ged­ly hand­so­me fea­tures. Win­s­ton made for the stairs. It was no use try­ing the lift. Even at the best of times it was sel­dom working, and at pre­sent the electric cur­rent was cut off during day­light hours. It was part of the eco­no­my dri­ve in pre­pa­ra­ti­on for Hate Week. The flat was seven flights up, and Win­s­ton, who was thir­ty-nine and had a vari­co­se ulcer abo­ve his right ankle, went slow­ly, res­ting several times on the way. On each lan­ding, oppo­si­te the lift-shaft, the pos­ter with the enor­mous face gazed from the wall. It was one of tho­se pic­tures which are so con­tri­ved that the eyes fol­low you about when you move. BIG BROTHER IS WATCHING YOU, the cap­ti­on bene­ath it ran.

Es war ein strah­lend-kal­ter April­tag, und die Uhren schlu­gen drei­zehn. Win­s­ton Smith, das Kinn an die Brust gezo­gen, um dem scheuß­li­chen Wind zu ent­ge­hen, schlüpf­te rasch durch die Glas­tü­ren der Vic­to­ry Miets­ka­ser­ne, doch nicht rasch genug, um zu ver­hin­dern, daß mit ihm auch ein grie­ßi­ger Staub­wir­bel her­ein­weh­te. Der Flur roch nach Kohl­sup­pe und Fli­cken­tep­pi­chen. An einem Ende hat­te man ein Farb­pla­kat an die Wand gepinnt, das für drin­nen eigent­lich zu groß war. Es zeig­te nichts wei­ter als ein rie­si­ges, über einen Meter brei­tes Gesicht: das Gesicht eines etwa fünf­und­vier­zig­jäh­ri­gen Man­nes mit wuch­ti­gem schwar­zem Schnurr­bart und ker­nig­an­spre­chen­den Zügen. Win­s­ton steu­er­te auf die Trep­pe zu. Es mit dem Lift zu pro­bie­ren war zweck­los. Selbst zu güns­ti­gen Zei­ten funk­tio­nier­te er sel­ten, und momen­tan wur­de der Strom tags­über abge­stellt. Dies war Teil der Spar­sam­keits­kam­pa­gne zur Vor­be­rei­tung der Haß­wo­che. Die Woh­nung lag im sie­ben­ten Stock, und Win­s­ton, der neun­und­drei­ßig war und über dem rech­ten Fuß­knö­chel ein Krampf­ader­ge­schwür hat­te, ging lang­sam und ver­schnauf­te unter­wegs mehr­mals. Auf jedem Trep­pen­ab­satz starr­te dem Lift­schacht gegen­über das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht von der Wand. Es war eines jener Bil­der, die einem mit dem Blick über­all­hin zu fol­gen schei­nen. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH, lau­te­te die Text­zei­le dar­un­ter.

[Über­set­zung: Micha­el Wal­ter, Ullstein]

Es war ein strah­lend kal­ter Tag im April, und die Uhren schlu­gen drei­zehn. Win­s­ton Smith, sein Kinn an die Brust gedrückt, um dem scheuß­li­chen Wind zu ent­kom­men, schlüpf­te schnell durch die Glas­tü­ren des Vic­to­ry-Wohn­blocks, wenn auch nicht schnell genug, um zu ver­hin­dern, dass ein san­di­ger Staub­wir­bel mit ihm her­ein­kam. Der Flur roch nach gekoch­tem Kohl und alten Fli­cken­tep­pi­chen. An einem Ende war ein far­bi­ges Pla­kat an die Wand gehef­tet wor­den, das für drin­nen eigent­lich zu groß war. Es zeig­te ledig­lich ein rie­si­ges, mehr als einen Meter brei­tes Gesicht: das Gesicht eines Man­nes von etwa fünf­und­vier­zig Jah­ren, mit einem kräf­ti­gen schwar­zen Schnurr­bart und ker­ni­gen, jedoch gut aus­se­hen­den Gesichts­zü­gen. Win­s­ton ging zur Trep­pe. Es war zweck­los, es mit dem Auf­zug zu ver­su­chen. Selbst zu den bes­ten Zei­ten funk­tio­nier­te er nur sel­ten, und gegen­wär­tig war der Strom tags­über abge­stellt. Dies war Teil der Spar­maß­nah­men in Vor­be­rei­tung auf die Hass­wo­che. Die Woh­nung lag im sieb­ten Stock, und Win­s­ton, der neun­und­drei­ßig Jah­re alt war und ein Krampf­ader­ge­schwür über dem rech­ten Knö­chel hat­te, ging lang­sam und ruh­te sich unter­wegs mehr­mals aus. der Wand gegen­über dem Lift­schacht das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht an. Es war eines die­ser Bil­der, die so ent­wor­fen sind, dass die Augen einem bei jeder Bewe­gung fol­gen. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH lau­te­te die Beschrif­tung dar­un­ter.

[Über­set­zung: Simo­ne Fischer, Nikol]

Es war ein kla­rer, kal­ter Tag im April, und die Uhren schlu­gen drei­zehn. Win­s­ton Smith drück­te das Kinn auf die Brust, um dem bei­ßen­den Wind zu ent­ge­hen, und schlüpf­te schnell durch die Glas­tü­ren der Vic­to­ry Man­si­ons, aber nicht schnell genug, um zu ver­hin­dern, dass ein Wir­bel grob­kör­ni­gen Staubs mit ihm hin­ein­ge­lang­te. Im Haus­flur roch es nach gekoch­tem Kohl und alten Fuß­mat­ten. An einem Ende hat­te man ein bun­tes Pla­kat, für Innen­räu­me eigent­lich zu groß, an die Wand gehef­tet. Es zeig­te nichts als ein rie­si­ges Gesicht, über einen Meter breit: das Gesicht eines etwa fünf­und­vier­zig­jäh­ri­gen Man­nes mit dich­tem schwar­zem Schnurr­bart und mar­ki­gen, ansehn­li­chen Zügen. Win­s­ton ging zur Trep­pe. Es mit dem Auf­zug zu ver­su­chen war sinn­los. Selbst zu den bes­ten Zei­ten funk­tio­nier­te er sel­ten, und im Moment war der Strom tags­über abge­schal­tet. Das gehör­te zu den Spar­maß­nah­men in Vor­be­rei­tung der Hass-Woche. Die Woh­nung lag im sieb­ten Stock, und Win­s­ton, neun­und­drei­ßig Jah­re alt und mit einem Krampf­ader­ge­schwür über dem rech­ten Knö­chel, ging lang­sam hin­auf und leg­te meh­re­re Pau­sen ein. Auf jedem Absatz starr­te gegen­über vom Auf­zugs­schacht das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht von der Wand. Es war eines jener Bil­der, die so ange­legt sind, dass einem die Augen bei jeder Bewe­gung fol­gen. DER GROSSE BRUDER BEOBACHTET DICH, stand dar­un­ter.

[Über­set­zung: Gis­bert Haefs, Manesse]

Es war ein kla­rer, kal­ter Tag im April, und die Uhren schlu­gen drei­zehn. Win­s­ton Smith hat­te das Kinn an die Brust gedrückt, um dem häss­li­chen Wind zu ent­ge­hen, und schlüpf­te rasch durch die Glas­tü­ren des Vic­to­ry-Wohn­blocks, aber nicht rasch genug, um zu ver­hin­dern, dass ein Wir­bel kör­ni­gen Staubs mit her­ein­weh­te. Im Haus­flur roch es nach gekoch­tem Kohl und alten Fuß­mat­ten. An einem Ende des Flurs hat­te man ein far­bi­ges Pla­kat an die Wand gehef­tet, das für innen eigent­lich zu groß war. Dar­auf war nichts wei­ter als ein rie­si­ges, mehr als einen Meter brei­tes Gesicht zu sehen: das Gesicht eines Man­nes von etwa fünf­und­vier­zig Jah­ren mit dich­tem schwar­zem Schnurr­bart und anspre­chen­den, wenn auch schrof­fen Zügen. Win­s­ton steu­er­te auf die Trep­pe zu. Es war zweck­los, es mit dem Auf­zug zu ver­su­chen. Selbst in sei­nen bes­ten Zei­ten funk­tio­nier­te er oft nicht, und im Moment wur­de der Strom wäh­rend des Tages abge­stellt Das gehör­te zu dem Spar­pro­gramm, das der Hass­wo­che vor­aus­ging. Die Woh­nung lag im sieb­ten Stock, und Win­s­ton, der neun­und­drei­ßig war und über dem rech­ten Sprung­ge­lenk ein Krampf­ader­ge­schwür hat­te, ging lang­sam und muss­te auf dem Weg mehr­mals ver­schnau­fen. Auf jedem Trep­pen­ab­satz, an der Wand gegen­über vom Auf­zug­schacht, starr­te einen das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht an. Es war eines jener Bil­der, die so gestal­tet sind,dass die Augen einem über­all hin zu fol­gen schei­nen. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH, stand in der Text­zei­le dar­un­ter.

[Über­set­zung: Hol­ger Hano­well, Reclam]

Es ist ein strah­lend­kal­ter April­tag, und gera­de schlägt’s drei­zehn. Win­s­ton Smith schlüpft, das Kinn auf die Brust gedrückt, um dem fie­sen Wind zu ent­ge­hen, rasch durch die Glas­tür in die Vic­to­ry Man­si­ons, aber nicht schnell genug, um den her­ein­wir­beln­den kör­ni­gen Staub drau­ßen zu hal­ten. Im Flur riecht es nach gekoch­tem Kohl und alten Fuß­ab­tre­tern. Am einen Ende ist ein Farb­pla­kat an die Wand getackert. Zu groß für Innen­räu­me. Es zeigt ein rie­si­ges Gesicht, über einen Meter breit, sonst nichts: ein Mann um die fünf­und­vier­zig, kan­tig-attrak­tiv mit vol­lem schwar­zem Schnurr­bart. Win­s­ton geht zur Trep­pe. Zweck­los, es mit dem Fahr­stuhl zu pro­bie­ren. Auch an guten Tagen funk­tio­niert er meist nicht, und der­zeit gibt es nur bei Dun­kel­heit Strom. Das gehört zum Spar­kurs, zur Vor­be­rei­tung auf Eine Woche Hass. Sei­ne Woh­nung liegt im 6. Stock, und da er neun­und­drei­ßig ist und über dem rech­ten Knö­chel ein Krampf­ader­ge­schwür hat, geht er es lang­sam an und macht unter­wegs mehr­mals Pau­se. Auf jedem Trep­pen­ab­satz starrt gegen­über vom Fahr­stuhl­schacht das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht von der Wand. Es ist eines von den Bil­dern, die so raf­fi­niert gemacht sind, dass einem der Blick über­all­hin folgt, wenn man sich bewegt. Dar­un­ter steht DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH.

[Über­set­zung: Frank Hei­bert, Fischer]

Es war ein hel­ler, kal­ter April­tag, und die Uhren schlu­gen drei­zehn. Win­s­ton Smith, das Kinn an die Brust gedrückt, um dem scheuß­li­chen Wind zu ent­rin­nen, schlüpf­te rasch durch die Glas­tü­ren der Vic­to­ry Man­si­ons, wenn auch nicht rasch genug, um zu ver­hin­dern, dass ein san­di­ger Staub­wir­bel mit ihm hin­ein­ge­lang­te. Im Flur roch es nach gekoch­tem Kohl und alten Lum­pen­mat­ten. An einem Ende war ein far­bi­ges Pla­kat, für drin­nen eigent­lich zu groß, an die Wand gehef­tet. Es zeig­te ledig­lich ein rie­si­ges, über einen Meter brei­tes Gesicht: das eines Man­nes von unge­fähr fünf­und­vier­zig mit dickem, schwar­zem Schnauz­bart und gro­ben, aber statt­li­chen Zügen. Win­s­ton ging zur Trep­pe. Sinn­los, es mit dem Auf­zug zu ver­su­chen. Selbst zu nor­ma­len Zei­ten fuhr er nur sel­ten, und zur­zeit war der Strom tags­über abge­schal­tet. Das war Teil der Spar­k­am­pa­gne zur Vor­be­rei­tung auf die Hass­wo­che. Die Woh­nung lag im sieb­ten Stock, und Win­s­ton, der neun­und­drei­ßig war und überm rech­ten Knö­chel ein offe­nes Bein hat­te, ging lang­sam und blieb sogar mehr­mals ste­hen. Auf jedem Trep­pen­ab­satz, gegen­über dem Auf­zug­schacht, starr­te das rie­si­ge Gesicht von dem Pla­kat an der Wand. Es war eines jener Bil­der, die so gestal­tet sind, dass einem die Augen über­all­hin folg­ten. DER GROSSE BRUDER HAT DICH IM BLICK stand dar­un­ter.

[Über­set­zung: Eike Schön­feld, Suhrkamp]

Es war ein kal­ter, kla­rer April­tag, die Uhren schlu­gen drei­zehn. Das Kinn zum Schutz vor dem ekli­gen Wind an die Brust gedrückt, schlüpf­te Win­s­ton Smith schnell durch die Glas­tü­ren des Wohn­ge­bäu­des «Vic­to­ry Man­si­ons», doch nicht schnell genug, um zu ver­hin­dern, dass Schwa­den von kör­ni­gem Staub mit ihm ins Inne­re feg­ten. Im Flur roch es nach gekoch­tem Kohl und alten Tep­pich­läu­fern. Ein far­bi­ges Pla­kat, eigent­lich viel zu groß für Innen­räu­me, war mit Reiß­zwe­cken an der Wand befes­tigt. Es zeig­te nichts wei­ter als ein rie­si­ges Gesicht, über einen Meter breit: die ker­ni­gen, attrak­ti­ven Züge eines Man­nes von etwa fünf­und­vier­zig, mit einem mäch­ti­gen, schwar­zen Schnurr­bart. Win­s­ton steu­er­te auf die Trep­pe zu. Den Fahr­stuhl zu neh­men war zweck­los. Selbst in bes­ten Zei­ten funk­tio­nier­te er nur sel­ten, und momen­tan war tags­über sowie­so der Strom abge­stellt. Die­se Maß­nah­me lief unter dem Mot­to Spar­sam­keit, zur Vor­be­rei­tung auf die anste­hen­de Hass­wo­che. Sei­ne Woh­nung lag im sieb­ten Stock, und Win­s­ton, der neun­und­drei­ßig war und ein Krampf­ader­ge­schwür über dem rech­ten Knö­chel hat­te, nahm sich Zeit für den Auf­stieg, gönn­te sich zwi­schen­durch meh­re­re Ruhe­pau­sen. Auf jedem Trep­pen­ab­satz, an der Wand gegen­über dem Fahr­stuhl­schacht, blick­te ihm das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht ent­ge­gen. Es war eine von die­sen Abbil­dun­gen, deren Augen einem über­all­hin zu fol­gen schei­nen. BIG BROTHER IS WATCHING YOU ver­kün­de­te die Bild­un­ter­schrift.

[Über­set­zung: Kars­ten Sin­gel­mann, Rowohlt]

Es war ein kla­rer, kal­ter April­tag, die Uhren schlu­gen drei­zehn. Win­s­ton Smith hielt das Kinn auf die Brust gedrückt zum Schutz vor dem stren­gen Wind, als er rasch durch die Glas­tür des Vic­to­ry-Wohn­blocks trat, wenn auch nicht rasch genug, um einen Schwall Staub davon abhal­ten zu kön­nen, mit hin­ein­zu­wir­beln. Im Flur roch es nach gekoch­tem Kohl und alten Lum­pen. Ganz hin­ten an der Wand war ein far­bi­ges Pla­kat befes­tigt, das für innen eigent­lich zu groß war. Es zeig­te nichts als ein rie­si­ges Gesicht, mehr als einen Meter breit: das Gesicht eines etwa 45-jäh­ri­gen Man­nes mit gro­ßem schwar­zem Schnurr­bart und mar­kant-attrak­ti­ven Zügen. Win­s­ton ging Rich­tung Trep­pe. Mit dem Auf­zug brauch­te man nicht zu rech­nen. Selbst in den güns­tigs­ten Momen­ten funk­tio­nier­te er nur sel­ten, und der­zeit wur­de der Strom abge­stellt, solan­ge es hell war. Das gehör­te zu den Spar­maß­nah­men im Vor­feld der Hass­wo­che. Die Woh­nung befand sich in der sieb­ten Eta­ge; Win­s­ton, der 39 Jah­re alt war und ober­halb des rech­ten Fuß­knö­chels ein Geschwür hat­te, ging lang­sam und mach­te unter­wegs mehr­mals Pau­se. Auf jedem Trep­pen­ab­satz starr­te ihn von der Wand gegen­über dem Auf­zug das Pla­kat mit dem rie­si­gen Gesicht an. Es war in der Art gestal­tet, dass die Augen dir über­all hin folg­ten. Dar­un­ter stand: DER GROSSE BRUDER WACHT ÜBER DICH.

[Über­set­zung: Jan Strüm­pel, Anaconda]

Es war ein hel­ler, kal­ter April­tag. Die Uhren schlu­gen drei­zehn­mal. Win­s­ton Smith drück­te sein Kinn auf die Brust, um dem scheuß­li­chen Wind zu ent­ge­hen. Eilig schlüpf­te er durch die Glas­tür der Vic­to­ry-Man­si­ons, aber nicht schnell genug, um zu ver­hin­dern, dass eine rußi­ge Staub­wol­ke mit ihm her­ein­wir­bel­te. Im Haus­flur roch es nach gekoch­tem Kohl und alten Fuß­ab­tre­tern. Am ande­ren Ende hing ein far­bi­ges Pla­kat an der Wand, das eigent­lich zu groß für einen Innen­raum war. Es zeig­te ein mas­si­ges, über einen Meter brei­tes Gesicht: das Gesicht eines Man­nes von unge­fähr fünf­und­vier­zig mit einem schwar­zen Schnauz­bart und ange­nehm kräf­ti­gen Zügen. Win­s­ton steu­er­te auf die Trep­pe zu. Es mit dem Lift zu ver­su­chen, war sinn­los. Auch in den bes­ten Zei­ten funk­tio­nier­te er sel­ten, und gegen­wär­tig wur­de in den Tages­licht­stun­den der Strom abge­stellt. Das war Teil der Spar­maß­nah­men im Vor­feld der Hass­Wo­che. Die Woh­nung war oben im sieb­ten Stock, und Win­s­ton, der mit neun­und­drei­ßig schon Krampf­adern am rech­ten Knö­chel hat­te, stieg lang­sam hin­auf und ruh­te sich unter­wegs mehr­mals aus. Auf jedem Trep­pen­ab­satz starr­te gegen­über dem Auf­zug­schacht das Pla­kat mit dem über­di­men­sio­na­len Gesicht von der Wand. Es war eins die­ser Bil­der, die so ange­legt sind, dass einen die Augen über­all­hin zu ver­fol­gen schei­nen. Die Bild­un­ter­schrift lau­te­te: BIG BROTHER IS WATCHING YOU.

[Über­set­zung: Lutz‑W. Wolff, dtv]

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Zwei Neu­sprech-Wör­ter fal­len hier auf. Es gibt die „Hate Week“, die über­all fast gleich, nur in ande­ren Schreib­wei­sen, über­setzt wird und zeigt, wie ähn­lich sich die­se Über­set­zun­gen sind. Dann fin­det sich noch der berüch­tig­te „Big Bro­ther“ mit dem Spruch „Big Bro­ther is watching you“, der tat­säch­lich leicht unter­schied­lich über­setzt wird. „Is watching“ ist eine Ver­laufs­form der Gegen­wart, die sug­ge­riert, dass jemand genau in dem Moment etwas tut. Sie lässt sich nicht eins zu eins ins Deut­sche über­tra­gen. Der Groß­teil bleibt beim schlich­ten „sieht dich“, das auch in der vor­he­ri­gen Über­set­zung von Micha­el Wal­ter vor­kam. Mit „Der gros­se Bru­der hat dich im Blick“ und „Der gros­se Bru­der wacht über dich“ haben sich Eike Schön­feld und Jan Strüm­pel in neu­es Ter­rain vor­ge­wagt. Lei­der ist die ers­te Über­set­zung zu lang, um wirk­lich ein­präg­sam zu sein und die zwei­te schlicht zu nett klin­gend. Man könn­te bei der Über­set­zung „Der gros­se Bru­der wacht über dich“ den­ken, dass Big Bro­ther wie ein beschüt­zen­der gro­ßer Bru­der über die Par­tei­mit­glie­der wacht. Gis­bert Haefs fängt mit „Der gros­se Bru­der beob­ach­tet dich“ am ehes­ten die unheim­li­chen Unter­tö­ne des Ori­gi­nals ein. „Beob­ach­ten“ mag im ers­ten Moment zu wort­wört­lich über­setzt klin­gen, hat aber genau wie das eng­li­sche „to watch someo­ne“ die Kon­no­ta­ti­on von Über­wa­chung und Kon­trol­le, die „sieht dich“ nicht unbe­dingt suggeriert.

Kars­ten Sin­gel­mann und Lutz‑W. Wolff sind offen­bar davon aus­ge­gan­gen, dass „Big Bro­ther is watching you“ schon längst im deut­schen Sprach­ge­brauch ange­kom­men sind und haben den Spruch gar nicht erst über­setzt. Grund­sätz­lich stellt sich in der Über­set­zung von 1984 die Fra­ge, wie viel Eng­lisch man sei­ner Leser­schaft ins­ge­samt zutraut. Um den Spruch ansatz­wei­se zu ver­ste­hen, braucht es kei­ne beson­ders umfang­rei­chen Eng­lisch­kennt­nis­se. Trotz­dem soll­te eine Über­set­zung aber im Sin­ne der Lese­rin­nen und Leser sein, die eine Über­set­zung auf­grund man­geln­der Sprach­kennt­nis­se lesen. Daher sind die unüber­setz­ten Stel­len so gering wie mög­lich zu hal­ten, was bei die­sen Neu­über­set­zun­gen nicht immer der Fall ist. Lutz‑W. Wolff scheint bei­spiels­wei­se die Mis­si­on gehabt zu haben, so wenig wie mög­lich zu über­set­zen – mit ins­ge­samt fata­lem Effekt. Denn wer unüber­setz­te Stel­len wie die fol­gen­de ver­steht, kann gleich das eng­li­sche Ori­gi­nal lesen und braucht nicht erst zu einer deut­schen Über­set­zung zu greifen:

They sye that time ’eals all things,
They sye you can always for­get;
But the smi­les an’ the tears across the years
They twist my ’eart-strings yet!

[unüber­setz­te Stel­le: Lutz‑W. Wolff, dtv] 
Man sagt, dass die Zeit heilt alle Wun­den,
Das Ver­ges­sen tritt ein nach man­chen Stun­den.
Doch auch nach Jah­ren fühl ich den Schmerz,
Tief drin­nen in mei­nem gebro­che­nen Herz.

[Über­set­zung: Simo­ne Fischer, Nikol] 

War­um dies nicht ein­mal ansatz­wei­se über­setzt wur­de, hät­te Wolff in sei­nem sei­ten­lan­gen Nach­wort selbst beant­wor­ten kön­nen, doch da kommt das Wort „Über­set­zung“ noch nicht mal vor. Alle ande­ren Über­set­zer hal­ten den Anteil an unüber­setz­ten Stel­len gering, auch wenn sie immer mal wie­der auf­tre­ten. (Der Spruch „Oran­ges and lemons, say the bells of St. Clement’s!“, der sich durch den gesam­ten Roman zieht, bleibt in vie­len Über­set­zun­gen eben­falls auf Eng­lisch ste­hen.) Im bes­ten Fall kön­nen sie igno­riert wer­den, im schlimms­ten Fall rei­ßen sie die Lese­rin­nen und Leser kurz aus der Romanwelt. 

Auf­fal­lend ist bei dem direk­ten Ver­gleich noch etwas: Die Über­set­zung von Frank Hei­bert sticht schon beim ers­ten Satz her­aus: Denn bei ihm „schlägt’s gera­de drei­zehn“ und „Win­s­ton schlüpft“ just in die­sem Augen­blick aus dem Haus. Hei­bert hat den gesam­ten Roman ins Prä­sens gesetzt und ihm eine Unmit­tel­bar­keit ver­schafft, von der die ande­ren Über­set­zun­gen nur träu­men kön­nen. Und noch eine Tak­tik wen­det er an, die schon in den ers­ten Zei­len erkenn­bar ist. Er trennt den Ein­schub „zu groß für Innen­räu­me“ vom rest­li­chen Satz und lässt ihn Teil von Win­s­tons inter­ner Foka­li­sie­rung wer­den. Dies ver­leiht dem Gan­zen nicht nur Schwung, son­dern ver­stärkt auf geschick­te Wei­se die Empa­thie mit Win­s­ton Smith, der für Lese­rin­nen und Leser im 21. Jahr­hun­dert eine pro­ble­ma­ti­sche­re Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur dar­stellt als noch vor fünf­zig Jah­ren (man den­ke an sei­ne Vergewaltigungsfantasien). 

Frank Hei­bert hat zu unse­rer Freu­de ein höchst auf­schluss­rei­ches Nach­wort hin­ter­las­sen (das man sich für all die ande­ren Aus­ga­ben auch wün­schen wür­de) und sei­ne über­set­ze­ri­sche Mis­si­on ein­deu­tig for­mu­liert: Er möch­te „den Ton, im Geis­te Orwells, einem heu­ti­gen ‚nor­ma­len‘ lite­ra­ri­schen Stil annä­hern“. Dafür setzt er den Roman nicht nur ins Prä­sens, son­dern über­setzt bei­spiels­wei­se das eng­li­sche „you“ nicht zwangs­läu­fig als „Sie“, son­dern an bestimm­ten Stel­len als „Du“ (sie­he Zitat wei­ter unten). Hei­bert ver­steht es als sei­nen Auf­trag, dass Ori­gi­nal von sei­nen weni­gen Alters­fle­cken zu befrei­en und dafür zu sor­gen, dass der Roman auch in den nächs­ten Jah­ren gele­sen wird. Dass es im Sin­ne des Ori­gi­nals ist, der Über­set­zung eine eige­ne Inter­pre­ta­ti­on mit­zu­ge­ben, ist für ihn selbst­ver­ständ­lich. Außer Frank Hei­bert scheint sich bei die­sen Neu­über­set­zun­gen aber nie­mand sonst getraut zu haben, auch nur ansatz­wei­se eine eige­ne Inter­pre­ta­ti­on von 1984 zu liefern.

Wie zurück­hal­tend teil­wei­se ande­re Über­set­zer und Über­set­ze­rin­nen ins Deut­sche über­tra­gen, zeigt sich an fol­gen­dem Beispiel: 

‚Would you say from what you can remem­ber, that life in 1925 was bet­ter than it is now, or worse? If you could choo­se, would you pre­fer to live then or now?‘ […]


‚I know what you expect me to say,‘ he said. ‚You expect me to say as I’d soo­ner be young again. Most peo­p­le’d say they’d soo­ner be young, if you arst ‚em. You got your ‚ealth and strength when you’­re young. When you get to my time of life you ain’t never well. I suf­fer some­thing wicked from my feet, and my bladder’s jest ter­ri­ble. Six and seven times a night it ‚as me out of bed. On the other ‚and, there’s gre­at advan­ta­ges in being a old man. You ain’t got the same worries. No truck with women, and that’s a gre­at thing. I ain’t ‚ad a woman for near on thir­ty year, if you’d credit it. Nor wan­ted to, what’s more.‘

„Wenn Sie sich jetzt zurück­er­in­nern, wür­den Sie dann sagen, daß das Leben 1925 bes­ser oder schlech­ter war als heu­te? Wenn Sie wäh­len könn­ten, möch­ten Sie dann lie­ber damals oder lie­ber heu­te leben?“ […]

„Ich weiß, was Sie jetzt von mir erwar­ten“, sag­te er. „Sie wolln von mir hören, daß ich lie­ber wie­der jung wär’. Die meis­ten Leu­te wür­den sagen, daß sie lie­ber wie­der jung wärn, wenn man sie fra­gen tät. Wenn man jung is, is man kräf­tig un gesund. Wenn man in mein Alter kommt, is man nie so ganz auf’m Damm. Ich hab’s an den Füßen, un mei­ne Bla­se is die rei­ne Kata­stro­phe. Sechs‑, sie­ben­mal muß ich nachts raus. And­rer­seits hat’s auch Rie­sen­vor­tei­le, ’n alter Mann zu sein. Man hat nich mehr die glei­chen Male­schen. Man hat nichts mehr mit Frau­en am Hut, und das is schon pri­ma. Ich hab’ seit fast drei­ßig Jahrn kei­ne Frau mehr gehabt, kaum zu glau­ben, was? War mir ganz ein­fach nich nach, das is das Tol­le dran.“

[Über­set­zung: Micha­el Wal­ter, Ullstein]

„Wenn Sie sich jetzt zurück­er­in­nern, wür­den Sie sagen, dass das Leben im Jahr 1925 bes­ser war als jetzt oder schlech­ter? Wenn Sie wäh­len könn­ten, wür­den Sie lie­ber damals oder heu­te leben?“ […]

„Ich weiß, wat Sie von mir erwar­ten“, sag­te er. „Sie wolln von mir hörn, dat ich lie­ber wie­der jung wär. Die meis­ten Leu­te wür­den sagen, dat se lie­ber wie­der jung wärn, wenn man se fracht. Ma is gesund unn stark, wenn ma jung is. Wenn ma in mein Alter kommt, is dat alles net mehr so schön. Ich hab­bet an den Füßen, unn mei­ne Bla­se macht, wat se will. Sechs‑, sie­ben­mal die Nacht muss ich raus. Et hat aba auch so sei­ne Vor­tei­le, wenn man en alter Mann is. Ma hat nich mehr de sel­ben Pro­blem­chen. Kei­nen Ärger mehr mit den Wei­bern, dat is schon wat. Ich hab seit bestimmt drei­ßich Jahrn kei­ne Frau mehr gehabt, könn’ Se sich dat vor­stel­len? Unn dat bes­te is, ich wollt och kene mehr.“

[Über­set­zung: Simo­ne Fischer, Nikol]

„Wür­den Sie nach allem, wor­an Sie sich erin­nern, sagen, dass das Leben 1925 bes­ser oder schlech­ter war als heu­te? Wenn Sie es sich aus­su­chen könn­ten, wür­den Sie lie­ber damals oder jetzt leben?“ […]

„Ich weiß, was Sie von mir hören wol­len“, sag­te er. „Sie erwar­ten, dass ich sage, ich wäre lie­ber wie­der jung. Die meis­ten Leu­te wür­den, wenn Sie sie fra­gen, sagen, sie wären lie­ber wie­der jung. Wenn man so alt wird wie ich, geht’s einem nie wirk­lich gut. Die Füße tun mir manch­mal scheuß­lich weh, und mit mei­ner Bla­se ist es ein­fach nur furcht­bar. Sechs oder sie­ben­mal in der Nacht jagt sie mich aus dem Bett. Ande­rer­seits hat es auch gro­ße Vor­zü­ge, ein alter Mann zu sein. Man hat nicht mehr den­sel­ben Ärger wie frü­her. Kei­nen Ärger mehr mit Frau­en, das ist schon was. Ich hab seit fast drei­ßig Jah­ren kei­ne Frau mehr gehabt, wenn Sie’s glau­ben kön­nen. Und auch kei­ne mehr gewollt, was noch bes­ser ist.“

[Über­set­zung: Gis­bert Haefs, Manesse]

„Wür­den Sie aus der Erin­ne­rung her­aus sagen, dass das Leben 1925 bes­ser war als heu­te oder schlech­ter? Wenn Sie sich ent­schei­den müss­ten, wür­den Sie dann lie­ber damals oder heu­te leben?“ […]

„Ich weiß, was Sie hörn wol­len“, sag­te er. „Sie wol­len von mir hörn, dass ich lie­ber wie­der jung wär. Die meis­ten Leu­te wolln lie­ber wie­der jung sein, wenn man sie fragt. Man ist gesund und kräf­tig, wenn man jung is. Wenn Sie erst­mal so alt wie ich sind, is immer irgend­was. Da is was im Argen mit mei­nen Füßen, und mit mei­ner Bla­se isses schlimm. Sechs oder sie­ben Mal muss ich nachts raus. Ande­rer­seits hat’s auch Vor­tei­le, ’n alter Mann zu sein. Man hat nich mehr die alten Sor­gen. Kein Ärger mit den Frau­en, und das is ja schon was wert. Hab seit drei­ßig Jah­ren kei­ne Frau mehr gehabt, wenn Sie’s genau wis­sen wol­len. Wollt auch kei­ne.“

[Über­set­zung: Hol­ger Hano­well, Reclam]

„Was wür­den Sie sagen, nach Ihrer Erin­ne­rung: War das Leben 1925 bes­ser als heu­te oder schlech­ter? Wenn Sie wäh­len könn­ten, wür­den Sie lie­ber damals leben oder heu­te?“ […]

„Ich weiß, wat Sie erwar­ten“, sagt er. „Sie erwar­ten, dat ich lie­ber wie­der n jun­ger Mann wär. Dat saren ja die meis­ten Leu­te, wenn man se fracht. Als jun­ger Mensch bis­te gesund und stark. Und wenn de in mein Alter komms, has­te immer irn­gwel­che Males­sen. Ich hab wat Fie­set anne Füße, mit der Bla­se is ganz schlimm, nachts muss ich sechs bis sie­ben Ma raus. Es hat aber auch Vor­tei­le, n alter Mann zu sein. Vie­le Sorng has­se ga nich mehr. Kein Zir­kus mit die Frau­en, dat is pri­ma. Ob Se’s glaum oder nich, ich hab prak­tisch drei­ßig Jah­re nix mehr mit ner Frau gehabt. Nich ma Lust dazu.“

[Über­set­zung: Frank Hei­bert, Fischer]

„Wür­den Sie anhand Ihrer Erin­ne­run­gen sagen, dass das Leben 1925 bes­ser als jetzt war oder schlech­ter? Wenn Sie es sich aus­su­chen könn­ten, woll­ten Sie lie­ber damals oder jetzt leben? […]

„Ich weiß, was Sie von mir erwar­ten“, sag­te er. „Sie erwar­ten, dass ich sag, dass ich lie­ber wie­der jung wär. Die meis­ten wür­den sagen, sie wären lie­ber wie­der jung, wenn man sie frägt. Wenn man jung ist, hat man sei­ne Gesund­heit und sei­ne Kraft. Wenn man mal mei­ne Lebens­zeit hat, geht’s einem nie gut. Mei­ne Füße set­zen mir schlimm zu, und mei­ne Bla­se ist ein­fach furcht­bar. Sechs‑, sie­ben­mal die Nacht jagt sie mich ausm Bett. Ande­rer­seits hat man als alter Mann auch vie­le Vor­tei­le. Man hat nicht mehr die glei­chen Sor­gen. Kei­ne Last mit Frau­en, und das ist was Tol­les. Seit fast drei­ßig Jah­ren hab ich kei­ne Frau mehr gehabt, ob Sie’s glau­ben oder nicht. Und hab’s auch nicht gewollt.“

[Über­set­zung: Eike Schön­feld, Suhrkamp]

„Wür­den Sie sagen, aus Ihrer Erin­ne­rung her­aus, dass das Leben 1925 bes­ser war als heu­te oder schlech­ter? Wenn Sie wäh­len könn­ten, wür­den Sie lie­ber damals leben oder heu­te?“ […]

„Ich weiß, was du von mir hören willst“, sag­te er. „Du willst hören, dass ich gern wie­der jung wär. Die meis­ten Leu­te wür­den sagen, dass sie gern wie­der jung wär’n, wenn man sie fragt. Wenn man jung ist, hat man sei­ne Gesund­heit, sei­ne Kräf­te. Wenn man in mein Alter kommt, da geht’s einem nie rich­tig gut. Ich hab’s ganz schlimm an den Füßen, und mei­ne Bla­se is’ ne Kata­stro­phe. Sechs- oder sie­ben­mal muss ich jede Nacht raus. Auf der ander’n Sei­te hat’s gro­ße Vor­tei­le, wenn man alt ist. Musst dir um so man­ches kei­nen Kopf mehr machen. Hast nichts mehr mit Frau­en zu tun, und das ist schon mal gut. Seit bald drei­ßig Jah­ren hatt’ ich kei­ne Frau mehr, glaubs­te? Wollt’ ich auch gar nich’.“

[Über­set­zung: Kars­ten Sin­gel­mann, Rowohlt]

„Wür­den Sie von Ihrer Erin­ne­rung her sagen, dass das Leben im Jahr 1925 bes­ser war, als es heu­te ist, oder war es schlech­ter? Wenn Sie die Wahl hät­ten, wür­den Sie wie­der damals leben wol­len oder lie­ber heute?“ […]


„Ich weiß, was Sie von mir hören wol­len“, sag­te er. „Sie wol­len hören, dass ich lie­ber wie­der jung wäre. Die meis­ten Leu­te wür­den auf die­se Fra­ge ant­wor­ten, sie wären lie­ber wie­der jung. Als jun­ger Mensch bist du gesund und stark. Wenn du dann in mein Alter kommst, plagt dich stän­dig irgend­was. Mei­ne Füße tun mir immer wie­der schreck­lich weh, und mei­ne Bla­se ist der reins­te Graus. Sie treibt mich jede Nacht sechs, sie­ben Mal aus dem Bett. Ande­rer­seits hat das Alt­sein auch vie­le gro­ße Vor­zü­ge. Sor­gen von frü­her sind vom Tisch. Du hast nicht mehr das gan­ze Thea­ter mit den Frau­en, und das ist herr­lich. Seit fast drei­ßig Jah­ren war ich mit kei­ner Frau mehr zusam­men, das kön­nen Sie mir glau­ben. Und, noch bes­ser, ich hab auch nie eine gewollt.“

[Über­set­zung: Jan Strüm­pel, Anaconda]

„Sie sagen, dass – soweit Sie sich erin­nern kön­nen – das Leben 1925 bes­ser als heu­te war oder schlech­ter? Wenn Sie wäh­len könn­ten, wür­den Sie lie­ber damals oder heu­te leben?“ […]

„Ich weiß, was Sie jetzt hören wol­len“, sag­te er. „Sie erwar­ten, dass ich Ihnen sage, dass ich gern wie­der jung wäre. Die meis­ten Leu­te sagen, dass sie lie­ber wie­der jung wären, wenn man sie fragt. Man ist gesund und stark, wenn man jung ist. Wenn man erst so alt ist wie ich, ist man nie ganz gesund. Ich habe scheuß­lich mit mei­nen Füßen und mit mei­ner Bla­se zu kämp­fen. Sechs- oder sie­ben­mal muss ich nachts aus dem Bett. Auf der ande­ren Sei­te hat es auch gro­ße Vor­tei­le, wenn man ein alter Mann ist. Man hat nicht mehr die­se stän­di­gen Sor­gen. Kein Zoff mit Frau­en, das ist schon mal groß­ar­tig. Ob Sie’s glau­ben oder nicht: Ich hab seit drei­ßig Jah­ren kei­ne Frau mehr gehabt. Und vor allem: Ich woll­te auch kei­ne.“

[Über­set­zung: Lutz‑W. Wolff, dtv]

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Der im Ori­gi­nal so prä­gnan­te Lon­do­ner Akzent wird hier unter­schied­lich aus­ge­prägt über­setzt. Wäh­rend Lutz‑W. Wolff und Gis­bert Haefs bewusst stan­dard­sprach­lich über­set­zen (oder es gar nicht erst pro­biert haben), fügen Micha­el Wal­ter und Eike Schön­feld hier zumin­dest einen Hauch von Umgangs­sprach­lich­keit hin­zu. Den­noch ist die in Frank Hei­berts und Simo­ne Fischers Über­set­zun­gen geschaf­fe­ne uri­ge Knei­pen­at­mo­sphä­re ungleich char­man­ter und wit­zi­ger als alle ande­ren Über­set­zun­gen zusam­men. Man könn­te argu­men­tie­ren, dass in Lon­don nun nie­mand mit solch deut­schen Akzen­ten daher­kommt. Das mag stim­men, aller­dings wird man dort auch auf den Stra­ßen nie­man­den ohne Akzent antref­fen. Und ist es nicht im Sin­ne des Ori­gi­nals, die ver­schie­de­nen sozia­len Ebe­nen und Gefü­ge auch im Deut­schen her­vor­zu­he­ben? Soll ein alter Mann in einem alt­mo­di­schen Pub etwa genau­so spre­chen wie ein tyran­ni­scher Ober­be­fehls­ha­ber der Par­tei? Wohl kaum. Mal ganz davon abge­se­hen, dass gelun­ge­ne Regis­ter­wech­sel einem Roman sehr viel inter­es­san­ter machen.

Schau­en wir uns noch ein drit­tes Bei­spiel an:

A Par­ty mem­ber lives from birth to death under the eye of the Thought Poli­ce. Even when he is alo­ne he can never be sure that he is alo­ne. Whe­re­ver he may be, asleep or awa­ke, working or res­ting, in his bath or in bed, he can be inspec­ted without warning and without knowing that he is being inspec­ted. Not­hing that he does is indif­fe­rent. His friendships, his rela­xa­ti­ons, his beha­viour towards his wife and child­ren, the expres­si­on of his face when he is alo­ne, the words he mut­ters in sleep, even the cha­rac­te­ris­tic move­ments of his body, are all jea­l­ous­ly scru­ti­ni­zed. Not only any actu­al mis­de­me­a­nour, but any eccentri­ci­ty, howe­ver small, any chan­ge of habits, any ner­vous man­ne­rism that could pos­si­b­ly be the sym­ptom of an inner strugg­le, is cer­tain to be detec­ted. He has no free­dom of choice in any direc­tion whatever.

Ein Par­tei­mit­glied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedan­ken­po­li­zei. Sogar wenn es allein ist, kann es nicht sicher sein, daß es wirk­lich allein ist. Wo es auch sein mag, ob es schläft oder wacht, arbei­tet oder aus­ruht, im Bad oder im Bett liegt, es kann ohne Vor­war­nung und ohne sein Wis­sen über­wacht wer­den. Nichts, was es tut, ist gleich­gül­tig. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Zer­streu­un­gen, sein Ver­hal­ten gegen­über Frau und Kin­dern, sein Gesichts­aus­druck, wenn es allein ist, die Wor­te, die es im Schlaf mur­melt, sogar sei­ne typi­schen Kör­per­be­we­gun­gen, alles wird miß­trau­isch geprüft. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Ver­ge­hen, son­dern jede noch so klei­ne Exzen­tri­zi­tät, jede Ände­rung der Gewohn­hei­ten, jede ner­vö­se Manie­riert­heit, die mög­li­cher­wei­se das Sym­ptom eines inne­ren Kamp­fes sein könn­te, wird unwei­ger­lich ent­deckt. Das Par­tei­mit­glied besitzt kei­ner­lei Ent­schei­dungs­frei­heit.

[Über­set­zung: Micha­el Wal­ter, Ullstein]

Ein Par­tei­mit­glied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedan­ken­po­li­zei. Selbst wenn es allein ist, kann es nie sicher sein, dass es wirk­lich allein ist. Wo auch immer es sein mag, schla­fend oder wach, arbei­tend oder sich aus­ru­hend, im Bad oder im Bett, es kann ohne Vor­war­nung und ohne zu wis­sen, dass es beob­ach­tet wird, über­wacht wer­den. Nichts, was es tut, ist gleich­gül­tig. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, sein Ver­hal­ten gegen­über sei­ner Frau und sei­nen Kin­dern, der Aus­druck sei­nes Gesichts, wenn es allein ist, die Wor­te, die es im Schlaf mur­melt, sogar die cha­rak­te­ris­ti­schen Bewe­gun­gen sei­nes Kör­pers wer­den genau­es­tens unter die Lupe genom­men. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Ver­ge­hen, son­dern jede noch so klei­ne Exzen­tri­zi­tät, jede Ände­rung der Gewohn­hei­ten, jede ner­vö­se Eigen­art, die mög­li­cher­wei­se das Sym­ptom eines inne­ren Kamp­fes sein könn­te, wird mit garan­tier­ter Sicher­heit auf­ge­deckt. Ein Par­tei­mit­glied hat in jeg­li­cher Bezie­hung kei­ner­lei Ent­schei­dungs­frei­heit.

[Über­set­zung: Simo­ne Fischer, Nikol]

Ein Par­tei­mit­glied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedan­ken­po­li­zei. Selbst wenn er allein ist, kann er sich nie sicher sein, dass er allein ist. Wo er auch sein mag, ob er schläft oder wacht, arbei­tet oder ruht, im Bad oder im Bett, er kann ohne Vor­war­nung über­prüft wer­den, und ohne zu wis­sen, dass er gera­de über­prüft wird. Nichts, was er tut, ist gleich­gül­tig. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Frei­zeit­ge­stal­tung, sein Beneh­men gegen­über Frau und Kin­dern, sein Gesichts­aus­druck, wenn er allein ist, die Wör­ter, die er im Schlaf mur­melt, selbst die cha­rak­te­ris­ti­schen Kör­per­be­we­gun­gen wer­den alle sorg­sam ana­ly­siert. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Ver­ge­hen, son­dern jedes exzen­tri­sche Beneh­men, wie gering­fü­gig auch immer, jede Ände­rung in den Gewohn­hei­ten, jeder ner­vö­se Manie­ris­mus, der viel­leicht Sym­ptom eines inne­ren Kampfs sein könn­te, wird unwei­ger­lich ent­deckt. Er hat kei­ne Wahl­frei­heit in wel­cher Rich­tung auch immer.

[Über­set­zung: Gis­bert Haefs, Manesse]

Ein Par­tei­mit­glied lebt von sei­ner Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedan­ken­po­li­zei. Selbst wenn es allein ist, kann es nie sicher sein, dass es auch wirk­lich allein ist. Wo auch immer es sein mag, schla­fend oder wach, arbei­tend oder ruhend, in sei­nem Bade­zim­mer oder sei­nem Bett, kann es ohne War­nung über­wacht wer­den, ohne dass es über­haupt ahnt, dass es über­prüft wird. Nichts von dem, was es tut, ist unbe­deu­tend. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, sein Ver­hal­ten der Ehe­frau und den Kin­dern gegen­über, der Aus­druck auf sei­nem Gesicht, wenn es allein ist, die Wor­te, die es im Schlaf mur­melt, selbst sei­ne cha­rak­te­ris­ti­schen Bewe­gun­gen, all das wird pein­lich genau unter die Lupe genom­men. Nicht nur tat­säch­li­ches Fehl­ver­hal­ten, son­dern jede noch so klei­ne Ver­schro­ben­heit, jede Ände­rung im Ver­hal­ten, jede ner­vö­se Eigen­heit, die mög­li­cher­wei­se auf einen inne­ren Kon­flikt hin­weist, wird unwei­ger­lich ent­deckt. Ein Par­tei­mit­glied hat kei­ner­lei Ent­schei­dungs­frei­heit.

[Über­set­zung: Hol­ger Hano­well, Reclam]

Wer Mit­glied der Par­tei ist, lebt von der Geburt bis zum Tod unter der Kon­trol­le der Denk­pol. Auch wenn er allein ist, kann er nie sicher sein, dass er allein ist. Wo immer er sich befin­det, schla­fend oder wach, bei der Arbeit oder in der Pau­se, im Bad oder im Bett, er kann ohne Vor­war­nung inspi­ziert wer­den, auch ohne dass er es weiß. Nichts, was er tut, ist gleich­gül­tig. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Erho­lung, sein Ver­hal­ten Frau und Kin­dern gegen­über, sein Gesichts­aus­druck, wenn er allein ist, was er im Schlaf mur­melt, selbst die typi­schen Bewe­gun­gen sei­nes Kör­pers sind sämt­lich Gegen­stand strengs­ter Über­prü­fung. Und die­ser ent­geht nichts, sie bemerkt jeg­li­ches Fehl­ver­hal­ten, jeg­li­che noch so gerin­ge Abwei­chung, jede Ände­rung der Gewohn­hei­ten, jeg­li­chen ner­vö­sen Tick, der auf inne­re Kämp­fe hin­deu­ten könn­te. Es besteht kei­ner­lei Ent­schei­dungs­frei­heit, egal in wel­cher Rich­tung.

[Über­set­zung: Frank Hei­bert, Fischer]

Ein Par­tei­mit­glied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedan­ken­po­li­zei. Selbst wenn er allein ist, kann er sich nicht sicher sein, dass er es tat­säch­lich ist. Wo er auch sei, ob er schläft oder wach ist, arbei­tet oder ruht, im Bad oder im Bett, kann er ohne Vor­war­nung und ohne es zu wis­sen beob­ach­tet wer­den. Nichts, was er tut, ist gleich­gül­tig. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne For­men der Ent­span­nung, sein Ver­hal­ten gegen­über Frau und Kin­dern, sein Gesichts­aus­druck, wenn er allein ist, die Wör­ter, die er im Schlaf mur­melt, selbst die typi­schen Bewe­gun­gen sei­nes Kör­pers, alles wird arg­wöh­nisch über­wacht. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Ver­ge­hen, son­dern auch jede Ver­schro­ben­heit, wie klein auch immer, jeder Wech­sel der Gewohn­hei­ten, jede ner­vö­se Eigen­heit, die mög­li­cher­wei­se das Sym­ptom eines inne­ren Kamp­fes sein könn­te, wird mit Sicher­heit ent­deckt. Er hat kei­ner­lei Wahl­frei­heit in jeder nur denk­ba­ren Hin­sicht.

[Über­set­zung: Eike Schön­feld, Suhrkamp]

Als Par­tei­mit­glied lebt man von der Geburt bis zum Tod unter der Auf­sicht der Gedan­ken­po­li­zei. Selbst wenn man allein ist, kann man sich nie sicher sein, dass man wirk­lich allein ist. Wo man sich auch befin­det, ob schla­fend oder wachend, ob bei der Arbeit oder in der Frei­zeit, ob im Bad oder im Bett, man kann jeder­zeit und ohne Vor­war­nung kon­trol­liert wer­den, ohne zu wis­sen, dass man kon­trol­liert wird. Nichts von dem, was man tut, ist gleich­gül­tig. Alle Freund­schaf­ten, alle Bezie­hun­gen, das Ver­hal­ten gegen­über Frau und Kin­dern, der Gesichts­aus­druck, wenn man allein ist, die im Schlaf gemur­mel­ten Wor­te, selbst cha­rak­te­ris­ti­sche Kör­per­be­we­gun­gen – alles wird sorg­fäl­tigst unter die Lupe genom­men. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Fehl­ver­hal­ten, auch jede Ver­schro­ben­heit, wie harm­los auch immer, jede Ver­hal­tens­än­de­rung, jeder ner­vö­se Tick, der ein Sym­ptom inne­rer Kon­flik­te sein könn­te, wird mit Sicher­heit ent­deckt. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Fehl­ver­hal­ten, auch jede Ver­schro­ben­heit, wie harm­los auch immer, jede Ver­hal­tens­än­de­rung, jeder ner­vö­se Tick, der ein Sym­ptom inne­rer Kon­flik­te sein könn­te, wird mit Sicher­heit ent­deckt. Das Par­tei­mit­glied hat kei­ne Wahl­frei­heit, in wel­cher Bezie­hung auch immer.

[Über­set­zung: Kars­ten Sin­gel­mann, Rowohlt]

Ein Par­tei­mit­glied lebt von Geburt an bis zum Tod unter den wach­sa­men Augen der Gedan­ken­po­li­zei. Selbst wenn er allein ist, kann er nie wis­sen, ob er wirk­lich allein ist. Wo er auch sein mag, ob er schläft oder wach ist, arbei­tet oder ruht, sich im Bad oder im Bett befin­det, er kann ohne Vor­war­nung kon­trol­liert wer­den – und ohne zu wis­sen, dass man ihn kon­trol­liert. Nichts, was er tut, ist ohne Belang. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Ver­gnü­gun­gen, sein Ver­hal­ten gegen­über Frau und Kin­dern, der Aus­druck sei­nes Gesichts, wenn er allein ist, sei­ne im Schlaf gemur­mel­ten Wor­te, selbst die ihm eige­ne Art, sich zu bewe­gen, all dies wird mit Argus­au­gen unter­sucht. Nicht nur jedes tat­säch­li­che Fehl­ver­hal­ten, auch jede noch so klei­ne Ver­schro­ben­heit, jede Ver­än­de­rung in den Gewohn­hei­ten und jeder ner­vö­se Tick, mög­li­che Anzei­chen für einen inne­ren Kampf, wird mit Sicher­heit ent­deckt. Er hat kei­ne Ent­schei­dungs­frei­heit, gleich wor­um es geht.

[Über­set­zung: Jan Strüm­pel, Anaconda]

Wer Mit­glied der Par­tei ist, lebt vom ers­ten bis zum letz­ten Lebens­tag unter den Augen der Gedan­ken­Po­li­zei. Selbst, wenn er allein ist, kann er sich nie sicher sein, dass er wirk­lich allein ist. Ganz egal, wo er sich auf­hält, am Tag und bei Nacht, bei der Arbeit oder im Schlaf, in der Bade­wan­ne oder im Bett, kann er ohne Vor­war­nung kon­trol­liert wer­den, ohne dass er es weiß. Nichts, was er tut, ist irrele­vant. Sei­ne Freund­schaf­ten, sei­ne Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen, sein Ver­hal­ten gegen­über Frau und Kin­dern; sein Gesichts­aus­druck, wenn er allein ist; die Wor­te, die er im Schlaf vor sich hin mur­melt; sogar sei­ne typi­schen Kör­per­be­we­gun­gen wer­den eifer­süch­tig beob­ach­tet. Nicht nur kon­kre­tes Fehl­ver­hal­ten, son­dern jede noch so klei­ne Eigen­heit, jede Ver­än­de­rung der Gewohn­hei­ten, jeder ner­vö­se Tick, der auf inne­re Kämp­fe hin­deu­ten könn­te, wird unwei­ger­lich ent­deckt. Wer Mit­glied in der Par­tei ist, hat kei­ner­lei Ent­schei­dungs­frei­heit.

[Über­set­zung: Lutz‑W. Wolff, dtv]

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Gra­vie­ren­de Unter­schei­dun­gen fin­den sich in die­sen Über­set­zun­gen nicht. Man könn­te sich an Klei­nig­kei­ten fest­bei­ßen (War­um wer­den bei Wolff die Kör­per­be­we­gun­gen „eifer­süch­tig“ beob­ach­tet? War­um ver­wen­det Simo­ne Fischer „es“ für das Par­tei­mit­glied, das allei­ne ste­hend etwas selt­sam klingt?), aber die­se gebie­ten kei­ne beson­de­ren Ein­bli­cke noch sagen sie beson­ders viel über die Gesamt­qua­li­tät der Über­set­zun­gen aus. Tat­säch­lich wei­sen die Über­set­zun­gen mehr Gemein­sam­kei­ten als Unter­schie­de auf: Allein der Satz „Nichts, was er tut, ist gleich­gül­tig.“ fin­det sich fast wort­gleich in allen Über­set­zun­gen wie­der. Gänz­lich über­ra­schend ist das natür­lich nicht, die Über­set­zer haben das Buch schließ­lich nicht von Grund auf neu geschrie­ben oder in eine Tran­s­krea­ti­on ver­wan­delt (was tat­säch­lich inter­es­sant gewe­sen wäre). Und wie bereits geschil­dert, kommt Orwells Eng­lisch ohne jenen Fir­le­fanz daher, der mehr Krea­ti­vi­tät von den Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern gefor­dert hät­te. Trotz­dem ist die Gleich­för­mig­keit die­ser Über­set­zun­gen, die größ­ten­teils kei­ne offen­sicht­li­chen über­set­ze­ri­schen Ambi­tio­nen auf­zei­gen, ein Problem.

Im direk­ten Ver­gleich ist Micha­el Wal­ters Über­set­zung von 1984 näm­lich erstaun­lich gut geal­tert. Wüss­te man nicht, wann die Über­set­zung erschie­nen ist, wür­de sie in die­ser Auf­rei­hung nicht groß und schon gar nicht nega­tiv auf­fal­len. Das spricht für Wal­ters Über­set­zung, lässt aber die Fra­ge auf­kom­men: War­um das Buch über­haupt neu über­set­zen? Aus ver­le­ge­ri­scher Sicht ist die Ant­wort ein­deu­tig: Man rech­net offen­bar fel­sen­fest mit kom­mer­zi­el­lem Erfolg, der die Über­set­zungs­kos­ten wie­der rein­holt. Nur so lässt sich erklä­ren, war­um so vie­le Ver­la­ge das Buch im Pro­gramm haben. 

Die meis­ten die­ser Über­set­zun­gen sind soli­de und les­ba­re Über­tra­gun­gen ins Deut­sche. Sie unter­schei­den sich nicht gra­vie­rend: Ja, der eine Über­set­zer mag ein Bild ele­gan­ter über­tra­gen, ein ande­rer fin­det eine adäqua­te­re Bedeu­tung. Man­che bas­teln lan­ge Sät­ze und ver­lei­hen Dring­lich­keit, ande­re nei­gen eher zur Kür­ze. Signi­fi­kan­te Abwei­chun­gen, die über Klei­nig­kei­ten hin­aus­ge­hen, oder gar ein über­set­ze­ri­sches Pro­gramm las­sen sich (außer bei Frank Hei­bert) nicht fest­stel­len. Tat­säch­lich lesen sich die­se Über­set­zun­gen über wei­te Tei­le hin­weg wie gut gekoch­ter Ein­heits­brei. Die Neu­über­set­zung von 1984 wird sicher­lich für so eini­ge Über­set­zer nicht mehr als eine blo­ße Pflicht­kür gewe­sen sein, die ihnen vom Ver­lag auf­er­legt wurde. 

Stu­re Fleiß­ar­beit ist aber nicht unbe­dingt im Sin­ne des Ori­gi­nals. Denn ihren Lese­rin­nen und Lesern dürf­ten die­se Über­set­zun­gen wenig neue Impul­se geben, da sie wenig Über­ra­schun­gen bereit­hal­ten und neue Les­ar­ten ver­mis­sen las­sen. Wie kann ein Buch die Zeit über­dau­ern, wenn es nicht von jeder Genera­ti­on neu ent­deckt und auch tat­säch­lich neu inter­pre­tiert wird? Und soll­te man gera­de bei Klas­si­kern nicht den Anspruch stel­len, mit jeder Über­set­zung auch neue Inter­pre­ta­tio­nen auf­zu­zei­gen? Offen­sicht­lich spiel­ten die­se Über­le­gun­gen bei einem Groß­teil die­ser Neu­über­set­zun­gen kaum eine Rolle. 

Zudem muss man im Fall von Orwells 1984 hin­ter­fra­gen, wer hier eigent­lich über­set­zen durf­te. Unlängst haben die Debat­ten über Diver­si­tät mal wie­der die Buch­bran­che erreicht – mit Erfolg könn­te man mei­nen: es gäbe jetzt mehr Viel­falt in den Ver­lags­pro­gram­men, hieß es neu­lich erst im Deutsch­land­funk. Gänz­lich ange­kom­men scheint das aber nicht zu sein, wirft man einen Blick auf die­je­ni­gen, die Orwells Meis­ter­werk über­set­zen durf­ten: Von den acht Neu­über­set­zun­gen stam­men sie­ben von Män­nern und nur eine von einer Frau. Gemes­sen dar­an, dass sta­tis­tisch gese­hen deut­lich mehr Frau­en als Män­ner als Lite­ra­tur­über­set­zer arbei­ten, ist das ein besorg­nis­er­re­gen­der Schnitt. Und es kann wohl nie­mand behaup­ten, dass es zu wenig qua­li­fi­zier­te und bekann­te Über­set­ze­rin­nen aus dem Eng­li­schen gibt. 

Hin­zu kommt, dass sich anschei­nend nie­mand unter vier­zig Jah­ren für die­se Neu­über­set­zung fin­den ließ. Simo­ne Fischer, Jahr­gang 1971, ist hier nicht nur die ein­zi­ge Frau, son­dern auch die jüngs­te. Dass Eike Schön­feld, Frank Hei­bert oder Gis­bert Haefs gute Über­set­zer sind, die seit Jahr­zehn­ten eng­lisch­spra­chi­ge Klas­si­ker ins Deut­sche brin­gen, will nie­mand abstrei­ten. Aber die Fra­ge, ob hier nicht inter­es­san­te­re und inspi­rier­te­re Über­set­zun­gen, ja sogar gänz­lich neue Les­ar­ten von 1984 ent­stan­den wären, wenn man auch bei der Wahl der Über­set­zen­den auf Viel­falt geach­tet hät­te, muss drin­gend gestellt wer­den. Schließ­lich arbei­ten Über­set­zer nicht jen­seits von Zeit und Raum, son­dern las­sen – trotz allen mühe­vol­len Bestre­bun­gen um uner­reich­ba­re „Objek­ti­vi­tät“ – ihr Wis­sen, ihre Kul­tur und ihre ganz eige­ne Her­an­ge­hens­wei­se an den Text in die Über­set­zung mit­ein­flie­ßen. Wäre dem nicht so, bräuch­te es kei­ne Neuübersetzungen.

Wel­che Neu­über­set­zung von Geor­ge Orwells 1984 soll man nun lesen? Die Ant­wort lau­tet: Es macht in die­sem Fall kei­nen signi­fi­kan­ten Unter­schied. Lesen Sie das Buch ein­fach (sofern Sie das nicht ohne­hin schon getan haben). Wer Micha­el Wal­ter schon im Regal ste­hen hat, lässt ihn am bes­ten dort ste­hen und liest die Aus­ga­be noch mal. Wer Lust hat, eine Neu­aus­ga­be zu kau­fen oder gar zu ver­schen­ken, wählt am bes­ten nach dem Cover (oder dem Ver­lag) aus – man hat die Qual der Wahl. Wer im drö­gen Lock­down-All­tag jedoch Lust auf ein biss­chen mehr über­set­ze­ri­sche Action ver­spürt, soll­te zu Frank Hei­berts Über­set­zung greifen. 

1984
Über­set­zung: Micha­el Walter
Ull­stein 1994
384 Sei­ten ⋅ 12 Euro 

1984
Über­set­zung: Simo­ne Fischer
Nikol 2021
392 Sei­ten ⋅ 8 Euro 

1984
Über­set­zung: Gis­bert Haefs
Manes­se 2021
448 Sei­ten ⋅ 22 Euro 

1984
Über­set­zung: Hol­ger Hanowell
Reclam 2021
439 Sei­ten ⋅ 8 Euro 

1984
Über­set­zung: Frank Hei­bert
Fischer 2021
336 Sei­ten ⋅ 10 Euro (E‑Book)

1984
Über­set­zung: Eike Schön­feld
Suhr­kamp 2021
382 Sei­ten ⋅ 20 Euro 

1984
Über­set­zung: Kars­ten Singelmann
Rowohlt 2021
416 Sei­ten ⋅ 10 Euro 

1984
Über­set­zung: Jan Strüm­pel
Ana­con­da 2021
400 Sei­ten ⋅ 7 Euro 

1984
Über­set­zung: Lutz‑W. Wolff
dtv 2021
416 Sei­ten ⋅ 24 Euro 

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