Poe­ti­sche Varia­tio­nen in Blau

Patrick Modiano auf der Suche nach den Leerstellen der Erinnerung: Elisabeth Edl übersetzt seinen neuen Roman versiert und voller Empathie für seine poetische Sprache. Von

View of Paris von Aleksandra Ekster. Quelle: Wikiart

Dicke  Wäl­zer sind nicht sei­ne Sache. Sei­ne Roma­ne umfas­sen weni­ger Sei­ten, viel­leicht, weil Patrick Modia­no die Kunst beherrscht, mit weni­ger viel mehr zu sagen? Enc­re Sym­pa­thi­que ist im Febru­ar als 29. Roman des Nobel­preis­trä­gers für Lite­ra­tur erschie­nen und span­nend wie eh und je, viel­leicht gera­de, weil er immer eine Varia­ti­on des glei­chen Anlie­gens bear­bei­tet, die Suche nach den Leer­stel­len im Leben von Men­schen: Modia­no erklärt im Inter­view mit Yves Cal­vi, dass er selbst den Ein­druck habe, immer wie­der den­sel­ben Roman zu schreiben. 

Und tat­säch­lich sind sei­ne The­men unend­lich, sie enden nie, denn er beginnt immer wie­der von vor­ne. Fas­sen wir zusam­men: Ent­we­der jemand ist ver­schwun­den oder ver­schwin­det, vor­zugs­wei­se eine Frau. Die Umstän­de sind unter­schied­lich, aber irgend­wie kommt der Erzäh­ler dann dazu, die­se Frau zu suchen. Und obwohl der Erzäh­ler eigent­lich über­haupt nichts mit die­ser Frau zu tun hat, sie nicht ein­mal kennt und sich ihre Lebens­we­ge nicht gekreuzt haben, min­des­tens glaubt er das, kommt es durch irgend­ei­nen Zufall oder eine Fügung dazu, dass er sie sucht oder suchen muss. 

Il y a des blancs dans cet­te vie, des blancs que l’on devi­ne si l’on ouvre le » dos­sier «: une simp­le fiche dans une che­mi­se à la cou­leur bleu ciel qui a pâli avec le temps. Pres­que blanc, lui aus­si, cet anci­en bleu ciel. Et le mot » dos­sier « est écrit au milieu de la che­mi­se. À l’encre noire.
Es gibt Leer­stel­len in die­sem Leben, Leer­stel­len, die man errät, sobald man das »Dos­sier« auf­schlägt: ein schlich­tes Kar­tei­blatt in einer him­mel­blau­en Map­pe, aus­ge­bleicht mit der Zeit. Fast schon weiß, auch die­ses eins­ti­ge Him­mel­blau. Und das Wort »Dos­sier« steht mit­ten auf der Map­pe geschrie­ben. In schwar­zer Tinte.

So beginnt Unsicht­ba­re Tin­te mit dem Dos­sier in ver­blass­tem Blau. Es han­delt von Noël­le Lef­eb­v­re, einer jun­gen Frau aus Anne­cy, die der Ich-Erzäh­ler, der bei einem Pri­vat­de­tek­tiv ein Prak­ti­kum macht, im Auf­trag eines Kli­en­ten fin­den soll. Der Lesen­de geht mit, durch die Stra­ßen von Paris, auf das Post­amt und beglei­tet die Suche. Aber dann erfährt er plötz­lich, dass die Suche abge­bro­chen wur­de, die Hand­lungs­strän­ge und Geschich­ten ver­la­gern sich, mal ins Hier und Heu­te, mal in die Vergangenheit.

J’essaye tant bien que mal de tran­scri­re le dia­lo­gue que j’ai eu cet après-midi-là avec le dénom­mé Gérard Mou­ra­de, mais il n’en res­te que des bri­bes après un si grand nombre d’années.
Ich ver­su­che mehr schlecht als recht das Gespräch auf­zu­schrei­ben, das ich an jenem Nach­mit­tag mit besag­tem Gérard Mou­ra­de geführt habe, doch vor­han­den sind nur mehr Bruch­stü­cke nach so vie­len Jahren.

Und dann kom­men Gedan­ken ins Spiel, wie sich die Din­ge um Noël­le auch hät­ten ver­hal­ten können:

Il croyait donc tout ce que je lui avais dit con­cer­nant Noël­le Lef­eb­v­re. Et j’avais, en ce temps-là, une tel­le faci­li­té à m’introduire dans la vie des autres que je me suis deman­dé si je ne l’avais pas ren­con­trée, elle, dans le café bou­le­vard des Capu­ci­nes, le soir, après son travail.
Er glaub­te offen­bar alles, was ich ihm über Noël­le Lef­eb­v­re erzählt hat­te. Und damals fiel es mir so unge­heu­er leicht, mich ins Leben ande­rer ein­zu­schlei­chen, dass ich mich gefragt habe, ob ich ihr nicht begeg­net war in die­sem Café am Bou­le­vard des Capu­ci­nes, eines Abends, nach ihrer Arbeit.

Modia­nos Erzähl­stil ist ruhig, oft red­un­dant, minu­ti­ös beschrei­bend, die Far­ben zum Bei­spiel, durch­ge­hend im Roman, Farb­spie­le, kleins­te Schat­tie­run­gen beschreibt er: blau, him­mel­blau, ultra­ma­rin­blau, blass­blau… Eli­sa­beth Edl folgt ihm, sei­nem Duk­tus und Rhyth­mus, lang­sam, aber auch mit ihrer Inter­pre­ta­ti­on: das „damals“ ver­la­gert die Hand­lung in die Ver­gan­gen­heit, und Edl erkennt den Gedan­ken, dass das „intro­du­i­re“ eigent­lich ein „ein­schlei­chen” ist. Es sind die­se Fein­hei­ten, die kaum auf­fal­len, die aber Nuan­cen aus­drü­cken, die unmerk­lich sind – oder fast.

Und wäh­rend er über Jah­re immer wie­der mit unter­schied­li­chen Ansät­zen nach die­ser Frau sucht, kommt der Ich-Erzäh­ler immer mehr durch­ein­an­der, er ver­hed­dert sich in all sei­nen Erzähl­fä­den. Er ver­sucht eine Ord­nung zu schaf­fen in all den ver­wor­re­nen Infor­ma­tio­nen, die den Effekt haben, dass die­se Frau ihm immer näher kommt und er sich ihr immer näher fühlt. 

J’aimerais respec­ter l’ord­re chro­no­lo­gi­que et noter les moments au cours de ces nombreu­ses années où Noël­le Lef­eb­v­re m’a de nou­veau occu­pé l’esprit, en pré­cisant cha­que fois la date et l’heure. […] Je crois qu’il est pré­fé­ra­ble de lais­ser cour­ir ma plu­me. Oui, les sou­ve­nirs vien­nent au fil de la plu­me. Il ne faut pas les forcer, mais écri­re en évi­tant le plus pos­si­ble les ratures.
Ich wür­de mich gern an die chro­no­lo­gi­sche Rei­hen­fol­ge hal­ten und die Augen­bli­cke wäh­rend die­ser vie­len Jah­re, in denen Noël­le Lef­eb­v­re mei­ne Gedan­ken aufs neue beschäf­tig­te, ganz genau notie­ren, jeweils mit Datum und Uhr­zeit. […] Ich glau­be, es ist bes­ser, ich las­se mei­ner Feder frei­en Lauf. Ja, die Erin­ne­run­gen kom­men mit dem Krit­zeln der Feder. Man darf sie nicht erzwin­gen, son­dern muss ein­fach schrei­ben und dabei so wenig wie mög­lich streichen. 

Edl nimmt hier die Satz­me­lo­die auf und schreibt im Erzäh­ler-Duk­tus ein­ge­scho­be­ner Sät­ze, flüs­si­ger als im Ori­gi­nal, es liest sich schnel­ler. Dabei wird der Erzäh­ler immer nach­denk­li­cher in sei­nen Aus­füh­run­gen, wenn er fest­stellt, dass er sich eigent­lich nicht sicher sein kann, an was die Men­schen, die er befragt, denn über­haupt noch erin­nern mögen, und ob er denn nun glau­ben sol­le, dass deren Erin­ne­run­gen Rea­li­tä­ten von Noël­le Lef­eb­v­re wie­der­gä­ben, oder ob es nicht doch so sei wie bei ihm? Er weiß eigent­lich nichts und je weni­ger er weiß, des­to poe­ti­scher wird die Sprache. 

Dann kommt die Wen­de: Plötz­lich schreibt sie, aus Rom, völ­lig unver­mit­telt. Sie lebt, so schreibt sie, schon immer in Rom, obwohl sie auch in Paris gelebt hat, aber eigent­lich nur kurz, jeden­falls in ihrer Erin­ne­rung. Und hät­te sie dem Besu­cher aus Paris mit­tei­len wol­len, wie sie sich fühlt, hät­te sie es nur in einem Gedicht ver­mocht, jenem Gedicht, an das der Besu­cher sich viel­leicht erin­nert hät­te, es datiert vom 10. Juni, vor vie­len Jah­ren, und er fand es in den Noti­zen von Noël­le Lefebvre. 

Le plus simp­le pour qu’il com­pren­ne son état d’e­sprit depuis qu’el­le vivait à Rome, serait de lui réci­ter un poè­me, le seul qu’el­le savait à peu près par cœur:

Le ciel est, par-des­sus le toit,
si bleu, si cal­me!
Un arb­re, par-des­sus le toit Ber­ce sa palme.
Am ein­fachs­ten wäre es ihm ein Gedicht auf­zu­sa­gen, das ein­zi­ge, das sie mehr oder weni­ger aus­wen­dig konnte:


Der Him­mel über dem Dache,
so blau, so lind!
Ein Baum wiegt sich über dem Dache den Wip­fel im Wind.

Deckungs­gleich könn­te man sagen, auch in ande­ren Pas­sa­gen liest man die Kunst Edls, eng und doch eigen zu for­mu­lie­ren. So bleibt, was Modia­nos Erzähl­kunst aus­macht, „le Modia­nisme”, eine Poe­sie in Roman­form und ein Lese­sog, der spür­ba­rer nicht sein könn­te. Eli­sa­beth Edl hat die­se Authen­ti­zi­tät in die Über­set­zung ein­ge­schrie­ben und das ist gro­ßes Können.

Patrick Modiano/Elisabeth Edl: Unsicht­ba­re Tin­te (im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Enc­re Sympathique)

Han­ser 2021 ⋅ 144 Sei­ten ⋅ 19 Euro

www.hanser-literaturverlage.de/buch/unsichtbare-tinte/978–3‑446–26918‑7/

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