Von St. Clare’s nach Lindenhof

Wie Enid Blytons berühmtes Zwillingspaar Hanni und Nanni aus dem englischen Internat in eine deutsche Fantasiewelt kam - in acht echten und einundreißig Pseudoübersetzungen. Von

Auch im Kino feiern Hanni und Nanni große Erfolge: Jana und Sophia Münster als stilecht uniformierte Sullivan-Zwillinge im Film „Hanni & Nanni“ (DEU 2010). Quelle: IMAGO Images/ Mary Evans

Seit Han­ni und Nan­ni Sul­li­van in den 1960er Jah­ren in das Inter­nat Lin­den­hof gekom­men sind, haben sie es nicht mehr ver­las­sen. In die­ser Zeit haben sie viel erlebt, oder viel­mehr immer das­sel­be in Varia­tio­nen. Sie haben Unter­richt in Fran­zö­sisch, Mathe­ma­tik, Geschich­te, Eng­lisch (oder Deutsch?) und Zeich­nen gehabt, mal Schul­uni­for­men getra­gen und mal nicht, waren die Neu­en an der Schu­le und Schü­ler­spre­che­rin­nen, haben Hand­ball, Thea­ter und aller­lei mehr oder weni­ger lus­ti­ge Strei­che gespielt, sich um neue Mit­schü­le­rin­nen geküm­mert, Pfer­de und ihre Schu­le vor dem Ver­kauf geret­tet, waren in Geis­ter­schlös­sern, auf Mal­lor­ca und in New York, haben Mit­ter­nachts­par­tys gefei­ert und Ent­füh­rer verjagt.

Han­ni und Nan­ni hei­ßen eigent­lich Patri­cia und Isa­bel O’Sullivan und kom­men aus Eng­land. Sie leben in den 1940er Jah­ren, stam­men aus der obe­ren Mit­tel­schicht, haben zu Hau­se Dienst­bo­ten und spre­chen mit iri­schem Akzent. Mit 14 Jah­ren kom­men sie in das Inter­nat St. Clare’s, wo sie bis zur sechs­ten Klas­se blei­ben. An ihrer Schu­le wird Lacros­se gespielt und mor­gens gebe­tet. Ihre Aben­teu­er wur­den zwi­schen 1941 und 1945 in sechs Bän­den von der bri­ti­schen Kin­der­buch­au­torin Enid Bly­ton erzählt.

Han­nis und Nan­nis Erleb­nis­se kann man hin­ge­gen in 39 Bän­den nach­le­sen. Genera­tio­nen von Mäd­chen sind damit auf­ge­wach­sen. Aller­dings nicht unbe­dingt mit den Geschich­ten, die Enid Bly­ton geschrie­ben hat. Denn wäh­rend die­se das Leben in einem eng­li­schen Mäd­chen­in­ter­nat der 1940er Jah­re weit­ge­hend rea­lis­tisch beschreibt und dabei ein paar erin­ne­rungs­wür­di­ge Cha­rak­te­re erschafft, spie­len die über­setz­ten deut­schen Bän­de in einer Hybrid­welt, und die spä­te­ren über­haupt in einer Fan­ta­sie­welt, in der die Figu­ren immer ste­reo­ty­per agieren.

Die ursprüng­li­che Serie umfasst fol­gen­de Bände:

Band 1–6 von Enid BlytonDeut­sche Über­set­zung von Chris­ta Kupfer
The Twins At St. Clare’s (1941)Bd. 1: Han­ni und Nan­ni sind immer dage­gen (1965)
The O’Sullivan Twins (1942)Bd. 2: Han­ni und Nan­ni schmie­den neue Plä­ne (1965)
Sum­mer Term At St. Clare’s (1943)Bd. 3: Han­ni und Nan­ni in neu­en Aben­teu­ern (1965)
Second Form At St. Clare’s (1944)Bd. 4: Kein Spaß ohne Han­ni und Nan­ni (1965)
Clau­di­ne At St. Clare’s (1944)Bd. 11: Lus­ti­ge Strei­che mit Han­ni und Nan­ni (1967)
Fifth For­mers At St. Clare’s (1945)Bd. 13: Fröh­li­che Tage für Han­ni und Nan­ni (1967)
(Durch den spä­te­ren Ein­schub von Fol­ge­bän­den wei­chen die deut­schen Band­num­mern tlw. ab.)

Han­ni und Nan­ni sind immer dage­gen erschien 1965 im Franz Schnei­der Ver­lag, also 24 Jah­re nach dem Ori­gi­nal. „Deut­sche Bear­bei­tung: Franz Schnei­der Ver­lag“, steht im Impres­sum. Die­se deut­sche Bear­bei­tung war wohl auch dafür ver­ant­wort­lich, dass die von Chris­ta Kup­fer über­setz­te Ver­si­on um eini­ges kür­zer aus­fällt als die ursprüng­li­che. Immer wie­der feh­len ein­zel­ne Sät­ze und Absät­ze. Viel Hand­lung geht dabei meis­tens nicht ver­lo­ren (dass ein Pfund nicht aus 14 Unzen besteht, müs­sen die deut­schen Lese­rin­nen nicht unbe­dingt wis­sen), aber die eng­li­sche Ver­si­on liest sich dadurch, dass vie­le Dia­lo­ge aus­führ­li­cher sind, etwas leben­di­ger. Gegen Ende fehlt schließ­lich ein gan­zes Kapi­tel, das sich um ein mora­li­sches Dilem­ma Isa­bels dreht.

Band 1

Die Hand­lung des ers­ten Ban­des beginnt damit, dass die Zwil­lin­ge Patri­cia und Isa­bel O’Sullivan ger­ne mit ihren Freun­din­nen Mary und Fran­ces Waters in die vor­neh­me Ring­me­re-Schu­le gehen wol­len. Ihre Eltern fin­den aber, dass die Mäd­chen in ihrer vori­gen Schu­le ein biss­chen zu ein­ge­bil­det gewor­den sind, und schi­cken sie in das ihrer Ansicht nach viel ver­nünf­ti­ge­re St. Clare’s, wo es kei­ne Mäg­de gibt, um die Sachen der Mäd­chen zu fli­cken, und wo die jün­ge­ren Schü­le­rin­nen Diens­te für die älte­ren ver­rich­ten müs­sen. Die Zwil­lin­ge füh­len sich dort anfangs gar nicht wohl und sehen auf alles her­ab. Schon bald aber leben sie sich ein und hal­ten St. Clare’s für die bes­te Schu­le, in die sie kom­men konnten.

Damit ist der wich­tigs­te Hand­lungs­bo­gen, die cha­rak­ter­li­che Ent­wick­lung von Han­ni und Nan­ni, im Wesent­li­chen abge­schlos­sen. Der Rest des Ban­des ver­läuft sehr epi­so­den­haft, beschäf­tigt sich mit den Pro­ble­men ande­rer Schü­le­rin­nen und mit alber­nen Strei­chen. Die fünf wei­te­ren Ori­gi­nal­bän­de beglei­ten den Wer­de­gang der Zwil­lin­ge bis zur vor­letz­ten Klas­se, wobei die bei­den nicht mehr unbe­dingt durch­ge­hend die Haupt­rol­le spielen. 

Eng­lisch-deut­sche Hybridwelt

„Isa­bel and Patri­cia O’Sullivan were so ali­ke that only a few peop­le could tell which was Pat and which was Isa­bel“, erfährt man in der eng­li­schen Ver­si­on; auf Deutsch hei­ßen sie auch noch fast gleich, sodass sich die Fra­ge auf­drängt, wie die bei­den an ihrer neu­en Schu­le über­haupt irgend­wer jemals unter­schei­den soll. Zwar lau­ten die vol­len Namen Han­na und Mari­an­ne, die­se wer­den aber von nie­man­dem ver­wen­det. Die Spitz­na­men sind ein Sym­ptom dafür, dass die deut­sche Vari­an­te über­haupt etwas ver­kind­licht und ver­nied­licht daher­kommt: So sind die Zwil­lin­ge 12 Jah­re alt und nicht wie im Ori­gi­nal 14; was einer­seits wohl mehr dem Alter der inten­dier­ten Lese­rin­nen ent­spricht, ande­rer­seits auch dem durch­wegs prä­pu­ber­tä­ren Ver­hal­ten der Schü­le­rin­nen. Es ist schon erstaun­lich, wie viel Freu­de Enid Bly­ton 14-Jäh­ri­gen an alber­nen Strei­chen zuschreibt.

Auch wenn Bly­tons Geschich­ten in einer abs­tra­hier­ten Welt spie­len, die weder zeit­lich noch räum­lich genau defi­niert wer­den kann und außer­halb des welt­po­li­ti­schen Gesche­hens exis­tiert, so merkt man den Geschich­ten an eini­gen Stel­len doch ihr Alter an. Ein­zel­ne Details wer­den folg­lich in der deut­schen Ver­si­on ange­passt, etwa das Gram­mo­phon im Gemein­schafts­raum durch einen Plat­ten­spie­ler ersetzt, und wäh­rend die eng­li­schen Mäd­chen das Inter­nats­ge­bäu­de mit Hut und Man­tel ver­las­sen, zie­hen die deut­schen Mäd­chen nur einen Man­tel an. Im eng­li­schen St. Clare’s wird mor­gens gebe­tet, im deut­schen Lin­den­hof nicht. Das Tri­mes­ter endet in St. Clare’s mit dem gemein­sa­men Sin­gen der Schul­hym­ne, wäh­rend in Lin­den­hof ledig­lich ein „gemein­sa­mes Lied“ gesun­gen wird. Etwas gewun­dert haben sich deutsch­spra­chi­ge Lese­rin­nen der 1960er Jah­re viel­leicht dar­über, dass es in den Klas­sen­räu­men und Stu­dier­zim­mern offe­ne Kami­ne gibt und es üblich ist, dass Zwölf­jäh­ri­ge selbst­stän­dig Feu­er machen.

Wo genau St. Clare’s liegt, ist unbe­kannt, denn im gan­zen ers­ten Band fin­det sich nur ein ein­zi­ger geo­gra­phi­scher Hin­weis – der Schul­zug fährt von Pad­ding­ton ab, auf Deutsch von Hof­kir­chen; einen Ort die­ses Namens gibt es in Bay­ern. Dass es aber in Eng­land sein muss, merkt man an eini­gen sehr spe­zi­fisch bri­ti­schen Sit­ten und Gebräu­chen, die groß­teils nicht über­nom­men wur­den. Im eng­li­schen Inter­nat gibt es after­noon tea, im deut­schen Nach­mit­tags­kaf­fee. Die Schü­le­rin­nen von St. Clare’s tra­gen grey coats als Schul­uni­for­men. Die­se wer­den in der deut­schen Ver­si­on, zumin­dest im ers­ten Band, nicht erwähnt; in eini­gen spä­te­ren Bän­den, die kei­ne eng­li­sche Vor­la­ge mehr haben, gibt es aller­dings wie­der Schuluniformen.

Bezahlt wird in Lin­den­hof mit Mark und Pfen­nig. Das Ball­spiel Lacros­se, das selbst heu­te im deutsch­spra­chi­gen Raum nicht sehr bekannt ist, wird in der Über­set­zung zu Hand­ball, wobei sich schon vie­le sport­kun­di­ge Lese­rin­nen gewun­dert haben, war­um bei den Spie­len oft nur drei bis vier Tore geschos­sen wer­den – was beim Lacros­se durch­aus üblich ist, für ein Hand­ball­match aber sehr wenig.

Dass die eng­li­schen Vor­na­men der Mäd­chen fast immer ein­ge­deutscht wer­den, die Nach­na­men jedoch groß­teils nicht, führt zu selt­sa­men eng­lisch-deut­schen Hybri­den: Han­ni und Nan­ni Sul­li­van, Kat­rin Gre­go­ry, Suse Nay­lor, Mary und Frän­zi Waters.

Spra­che als Statussymbol

Wäh­rend die Spra­che im Ori­gi­nal sehr gerad­li­nig und schnör­kel­los wirkt, kommt sie in der Über­set­zung manch­mal arg gestelzt daher, vor allem wenn man bedenkt, dass hier Zwölf­jäh­ri­ge reden:

„We’ll go and see what she wants. But I’m not doing any boot-clea­ning or fire-ligh­t­ing, that’s cer­tain. And neit­her are you!“
„Wir wer­den uns erkun­di­gen, was sie will. Aber du kannst ver­si­chert sein, daß ich weder Schu­he put­ze noch Feu­er anmache.“

Ein wesent­li­cher Unter­schied zwi­schen der eng­li­schen und der deut­schen Ver­si­on ist, dass in ers­te­rer die Klas­sen­un­ter­schie­de viel deut­li­cher spür­bar und Patri­cia und Isa­bel wohl um eini­ges wohl­ha­ben­der als Han­ni und Nan­ni sind. Lie­ber als nach St. Clare’s/Lindenhof wären die Zwil­lin­ge ja mit ihren Freun­din­nen nach Ringmere/Ringmeer gegan­gen: „[…] eine aus­neh­mend gute Schu­le, nur Kin­der von wohl­ha­ben­den Leu­ten gin­gen dort­hin, und man fän­de so net­te Freun­din­nen.“ In der eng­li­schen Ver­si­on erfährt man aller­dings um eini­ges mehr: „It’s such a nice exclu­si­ve school, […]. You know – only girls of rich par­ents, very well-bred, go the­re, […].“ Und abends sind evening dres­ses üblich.

Han­ni und Nan­ni sind trau­rig, weil sie nach Lin­den­hof müs­sen, „wo jeder hin­ge­hen kann, wo sechs oder acht Mäd­chen in einem Raum schla­fen“. Patri­cia und Isa­bel mer­ken zusätz­lich an: „[the dor­mi­to­ries] aren’t near­ly as nice­ly fur­nis­hed as the maids’ bedrooms are at home!“ Aus dem deut­schen Sul­li­van-Haus­halt wur­den die Dienst­bo­ten gestri­chen, eben­so wie an allen ande­ren Stel­len, an denen sie im Ori­gi­nal erwähnt wer­den. Doch die Mut­ter der Zwil­lin­ge fin­det, die alte Schu­le habe sie ein biss­chen zu sehr ver­wöhnt, „and nowa­days we have to learn to live much more sim­ply“. Wenn man bedenkt, dass die­ser Band 1941, mit­ten im Zwei­ten Welt­krieg, ver­öf­fent­licht wur­de, erscheint die­ser Gedan­ke ver­nünf­tig. Die­ser Zusam­men­hang wird im Buch sel­ber aller­dings nicht aus­ge­führt, und es ist auch unklar, wann die Geschich­ten eigent­lich spie­len. Hin­wei­se auf Krieg gibt es jeden­falls nicht.

Die Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Schicht spielt in der eng­li­schen Ver­si­on eine weit­aus grö­ße­re Rol­le als in der deut­schen, und die­se äußert sich auch in der Spra­che. Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel dafür ist die Schü­le­rin Sheila/Suse, deren Eltern ein­fa­che Leu­te sind, die es zu Wohl­stand gebracht haben. Das merkt man an ihrer Sprech­wei­se, die sich von jener der decent peop­le unterscheidet.

„Hark at Shei­la! ‚Didn’t ought to!‘ Good hea­vens, Shei­la whe­re were you brought up? Haven’t you learnt by now that decent peop­le don’t say ‚Didn’t ought to!‘“

Was auch immer an die­ser Aus­drucks­wei­se eng­li­sche Mit­tel­schichts-Mäd­chen der 1940er Jah­re empört haben mag, es ist auf Deutsch nicht nach­voll­zieh­bar, denn die deut­sche Suse sagt „du hät­test nicht gesollt“. Die ande­ren Mäd­chen mögen Shei­la nicht, weil sie stän­dig mit ihrem Reich­tum angibt:

„My good­ness, you talk about your ser­vants, and your Rolls Roy­ce cars, your hor­se and your lake and good­ness knows what – and then you talk like the daugh­ter of the dustman!“

– auf Deutsch etwas holp­rig wie­der­ge­ge­ben mit „aber zur glei­chen Zeit hast du die Sprech­wei­se eines Stra­ßen­keh­rers!“ Die deut­sche Suse gibt außer­dem nicht mit ihren Rolls Roy­ce-Autos an, son­dern mit ihren Mer­ce­des-Wagen. Ser­vants erwähnt sie nicht: Die­se wer­den in der Über­set­zung, wie erwähnt, kon­se­quent gestri­chen. Die ande­ren Mäd­chen beto­nen die Zuge­hö­rig­keit zu ihrer Schicht durch Rede­wen­dun­gen wie „I say“, „gol­ly“, „my word“ etc. In der deut­schen Ver­si­on fal­len die­se ersatz­los weg.

Decent oder mean? Abschwä­chung bri­ti­scher Werte

Am Anfang füh­len sich die Zwil­lin­ge im Inter­nat nicht wohl. Denn in ihrer alten Schu­le Redroofs/Neuenburg waren sie jemand: Head Girls, Ten­nis- und Hockey Cap­tain. In ihrer neu­en Schu­le St. Clare’s/Lindenhof hin­ge­gen sind sie nur zwei von vie­len und gehö­ren außer­dem zu den Jüngs­ten. Das gro­ße The­ma im ers­ten Band ist, dass die Zwil­lin­ge ver­su­chen, some­bo­dies ins­tead of nobo­dies zu wer­den. Die­se For­mu­lie­rung fin­det sich im Ori­gi­nal immer wie­der, in der deut­schen Ver­si­on wird sie hin­ge­gen immer unter­schied­lich wie­der­ge­ge­ben oder über­haupt weggelassen.

Band 6

Decent ist im eng­li­schen Buch eben­falls ein sehr wich­ti­ges Wort, Ehr­ge­fühl spielt in allen eng­li­schen Büchern eine gro­ße Rol­le. In der deut­schen Ver­si­on dage­gen wird ein gan­zes Kapi­tel, das sich nur um die­ses The­ma dreht – Isa­bel gerät in ein mora­li­sches Dilem­ma, weil sie ver­se­hent­lich die Fra­gen für die anste­hen­de Geo­gra­phie­prü­fung gese­hen hat – weg­ge­las­sen. Im Übri­gen ist nicht immer leicht nach­zu­voll­zie­hen, was in St. Clare’s als decent gilt und was nicht. Eine Leh­re­rin zu mob­ben, die es nicht schafft, in der Klas­se für Dis­zi­plin zu sor­gen, ist mit dem sen­se of honour der Schü­le­rin­nen ver­ein­bar; ein schlech­tes Gewis­sen haben sie erst, als sie mit­be­kom­men, dass die Leh­re­rin kün­di­gen will und des­halb finan­zi­el­le Pro­be­me bekä­me. Decent ist man auch, wenn man sei­nen Mit­schü­le­rin­nen groß­zü­gi­ge Geschen­ke macht, was zu der absur­den Situa­ti­on führt, dass ein weni­ger mit Bar­geld geseg­ne­tes Mäd­chen des­we­gen sei­ne Mit­schü­le­rin­nen bestiehlt, was ja wie­der­um nicht decent, son­dern mean ist. In der deut­schen Über­set­zung ist das alles nicht so markant.

Sechs Bän­de sind nicht genug

„Als Han­ni und Nan­ni aber zu den Lieb­lin­gen der Mäd­chen wur­den, sind wir gedrängt wor­den, immer mehr Bücher zu brin­gen“, ist hin­ten im ers­ten Band im Namen der „Han­ni und Nan­ni-Redak­ti­on im Franz Schnei­der Ver­lag“ zu lesen. Die­sem „Drän­gen“ kam der Ver­lag nach und brach­te wei­te­re Bän­de her­aus. Dass die­se gar nicht von Enid Bly­ton stam­men, ver­rät der Ver­lag aller­dings nicht, im Gegen­teil: Als Autorin wird Enid Bly­ton genannt, eine Über­set­zer­an­ga­be fehlt. Wer die Geschich­ten wirk­lich ver­fasst hat, wur­de nie offi­zi­ell verraten.

Die neu­en Bän­de beschrei­ben jene Schul­stu­fen und Tri­mes­ter, die Enid Bly­ton aus­ge­las­sen hat, oder spie­len in den Feri­en und wur­den zwi­schen den bereits über­setz­ten Ori­gi­nal­bän­den ein­ge­scho­ben. Das sorg­te schon damals für Kon­ti­nui­täts­pro­ble­me. So wird bei­spiels­wei­se im neu­en Band 6 (1972 erschie­nen) die Mit­schü­le­rin Clau­di­ne erwähnt, die aber erst im nun­meh­ri­gen Band 11 (1967 erschie­nen) dazukommt.

1973 brach­te der Schnei­der Ver­lag zudem eine Son­der­aus­ga­be mit Voka­beln her­aus: Adven­tures with Han­ni and Nan­ni I & II ent­spricht (bis auf eini­ge Kür­zun­gen) auf­ge­teilt auf zwei Bän­de dem Text von The Twins at St. Clare’s. Der Schock, dass die Zwil­lin­ge im Ori­gi­nal Patri­cia und Isa­bel hei­ßen, wur­de den Lese­rin­nen aller­dings erspart: Die eng­li­schen Namen wur­den durch „Han­ni and Nan­ni“ ersetzt.

Eini­ge der ers­ten Fort­set­zungs­bän­de fügen sich noch eini­ger­ma­ßen gut in die Serie ein, auch wenn sich die Schü­le­rin­nen Dirndlklei­der nähen, doch ent­fer­nen sie sich zuneh­mend von den Ori­gi­na­len. In Band 15, der 1971 erschien, machen die Mäd­chen ihren Abschluss, und es war wohl geplant, die Serie damit enden zu las­sen. Doch es ging wei­ter: In den Jah­ren 1984 bis 1988 wur­de die Rei­he mit den Bän­den 16 bis 19 erneut fort­ge­setzt. In den Bän­den 16 bis 22 fin­det sich fol­gen­des Vorwort:

Lie­be Hanni-und-Nanni-Fans!
Die Bücher von Enid Bly­ton über Han­ni und Nan­ni, die lus­ti­gen Zwil­lin­ge, gibt es seit vie­len Jah­ren, Mil­lio­nen begeis­ter­te Lese­rin­nen haben sie ver­schlun­gen, und wir haben zahl­rei­che Leser­brie­fe zu die­ser Serie bekom­men. Vie­le Mäd­chen haben uns gebe­ten, es sol­le wei­ter­ge­hen mit Han­ni und Nanni.
Da wir noch eini­ge unver­öf­fent­lich­te Manu­skrip­te von Enid Bly­ton haben, ent­schlos­sen wir uns wei­ter­zu­ma­chen. Die neu­en Geschich­ten knüp­fen aber nicht an den Abschied vom Inter­nat Lin­den­hof an, son­dern an die lus­tigs­ten und auf­re­gends­ten Erleb­nis­se der Zwil­lin­ge im Alter von drei­zehn, vier­zehn Jah­ren. Ab Band 16 geht es also mit die­sen neu­en Aben­teu­ern weiter.
Wir wün­schen euch viel Spaß beim Lesen!
Euer Franz Schnei­der Verlag

Die Behaup­tung, es gäbe unver­öf­fent­lich­te Han­ni und Nan­ni-Manu­skrip­te von Enid Bly­ton, ist eine dreis­te Leser­täu­schung, die aber funktionierte.

Mit Band 16 beginnt eigent­lich eine völ­lig neue Serie, die mit der ursprüng­li­chen Serie nur noch den Namen, Tei­le des Figu­ren­en­sem­bles und den Rah­men gemein­sam hat. Die Bän­de 16 bis 19 spie­len eigent­lich zur sel­ben Zeit wie die bereits erschie­ne­nen, las­sen sich aber nicht mit ihnen ver­ein­ba­ren. Neue Figu­ren wer­den ein­ge­führt, die Hand­lung wird nun end­gül­tig nach Deutsch­land ver­legt und moder­ni­siert. Lin­den­hof liegt in Bay­ern, die Per­so­nen spre­chen Deutsch. Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang ist, dass im Inter­nat Nach­mit­tags­tee ser­viert wird, nicht wie in den ers­ten Bän­den Kaf­fee. Die Mäd­chen lesen Karl May und Schnei­der­Bü­cher (sic!), hören Schla­ger, trin­ken Cola, tra­gen Jeans und schla­fen nicht mehr in Schlaf­sä­len, son­dern in Vierbettzimmern.

Stark ver­än­dert hat sich auch die Spra­che der Schü­le­rin­nen, die zuwei­len betont modern und umgangs­sprach­lich erschei­nen will („Ach Kin­der, mich kotzt alles an“), vor allem Han­ni und Nan­ni amü­sie­ren sich mit unge­wöhn­li­chen For­mu­lie­run­gen wie „Mich laust die grü­ne Hasel­maus“ und spre­chen ein­an­der mit „Gro­ße“, „Schwes­ter­mau­se­schwänz­chen“ und ähn­li­chen alber­nen Spitz­na­men an. Sehr anders ist auch der Erzähl­stil, der sich durch viel inter­ne Foka­li­sie­rung und Iro­nie aus­zeich­net, bei­des Eigen­schaf­ten, die bei Enid Bly­ton so gut wie nicht vorkommen.

Eng­li­sche Fort­set­zun­gen und deut­sches Chaos

Band 20 (Pame­la Cox)

Im Jahr 2000 ergänz­te die eng­li­sche Autorin Pame­la Cox die St. Clare’s-Serie um die von Bly­ton nicht beschrie­be­nen Schul­jah­re 3 und 6. Die bei­den Fort­set­zungs­bän­de wur­den – in stark gekürz­ter Über­set­zung – als Band 20 und 21 in die deut­sche Rei­he ein­ge­glie­dert, obwohl eben die­se Schul­jah­re dort bereits ganz anders erzählt wor­den waren und sich die­se in eine völ­lig ande­re Rich­tung ent­wi­ckelt hat­te. Dazu kommt, dass die Per­son, die die­se Bän­de über­setzt hat – ihr Name wird im Impres­sum nicht genannt – offen­bar nicht sehr gut mit den bis­he­ri­gen deut­schen Büchern ver­traut war, denn vie­le Namen sind anders über­setzt als bis­her, eini­ge Namen sogar den fal­schen Per­so­nen zuge­ord­net. Ab die­sem Band fehlt im Vor­wort der Satz mit den „unver­öf­fent­lich­ten Manu­skrip­ten“, dafür steht der Name der Ver­fas­se­rin im Impressum. 

Fort­set­zung von Pame­la CoxDeut­sche Über­set­zung (ohne Übersetzerangabe)
The Third Form at St. Clare’s (2000)Bd. 20: Gute Zei­ten mit Han­ni und Nan­ni (2000)
The Sixth Form at St. Clare’s (2000)Bd. 21: Han­ni und Nan­ni kom­men groß raus (2000)
(Ein wei­te­rer Fort­set­zungs­band von Pame­la Cox, Kit­ty at St. Clare’s, 2008, wur­de nicht ins Deut­sche übersetzt.)

Offen­bar wur­de Han­ni und Nan­ni durch die­se Bän­de wie­der aktu­ell, denn noch im sel­ben Jahr erschien ein wei­te­rer deut­scher Fort­set­zungs­band von der Jugend­buch­au­torin Sarah Bos­se, die auch die Fünf Freun­de-Serie fort­ge­setzt hat. Ihre Geschich­te igno­riert die vori­gen bei­den Bän­de und schließt wie­der an Band 19 an. Bemer­kens­wert dar­an ist, dass er sich inso­fern gänz­lich vom bri­ti­schen Ursprung ver­ab­schie­det, als er in einem sehr deut­schen Umfeld spielt und die Mäd­chen bri­ti­sche Kul­tur als fremd wahr­neh­men: Für einen Tanz wol­len sie „bri­tisch“ aus­se­hen und orga­ni­sie­ren ein Büf­fet mit bri­ti­schem Essen.

Band 22 (Sarah Bosse)

Nach Band 22 folg­te eine sie­ben­jäh­ri­ge Pau­se, dann ging es mit den Bän­den 23 bis 27 aus der Feder der Jugend­buch­au­torin Bri­git­te End­res wei­ter. Par­al­lel dazu erschie­nen acht Son­der­bän­de von Pas­ca­le Kess­ler und Wal­traud Moeg­le, die zu einer ande­ren Ära spie­len. In der Neu­ge­stal­tung zum 50-jäh­ri­gen Han­ni und Nan­ni-Jubi­lä­um im Jahr 2015 wur­den sie als Band 28 bis 35 in die Serie ein­ge­glie­dert. Im sel­ben Jahr ging es mit Band 36 wei­ter, Autor ist Mark Stich­ler. 2018 erschien mit Nr. 39 der bis­lang letz­te Band der Serie. Han­ni und Nan­ni sind also – zählt man nur die deut­schen Bän­de – seit 55 Jah­ren in der Schu­le. An die 60 Klas­sen­ka­me­ra­din­nen haben sie auf ihrem Weg beglei­tet. Sie haben alles erlebt, was man in einer Mäd­chen­schu­le erle­ben kann, und das oft mehrmals. 

Die Fort­set­zungs­bän­de haben das Pro­blem, das alle Seri­en haben, die auf unbe­stimm­te Zeit fort­ge­setzt wer­den: Wirk­li­che Ent­wick­lung ist nicht mög­lich. So ver­kom­men die Figu­ren zuneh­mend zu Ste­reo­ty­pen. Erschwe­rend kommt hin­zu, dass die Figu­ren auf Vor­bil­dern aus den 1940er Jah­ren basie­ren, sodass vie­les 80 Jah­re spä­ter frag­wür­dig erscheint. Enid Bly­tons Geschich­ten sind Pro­duk­te ihrer Zeit, und wenn es für ein Mäd­chen in den 1940er Jah­ren als mora­lisch ver­werf­lich dar­ge­stellt wird, dass es sich für Mode und Schmin­ke inter­es­siert, ist das eine Sache; wenn aber ein Mäd­chen in einem Buch aus den 2010er Jah­ren von sei­nen Mit­schü­le­rin­nen gemobbt wird, weil es sich mehr für Mode als für Sport inter­es­siert, drängt sich schon die Fra­ge auf, ob die Serie wirk­lich unbe­dingt wei­ter­ge­führt wer­den muss.

„Genera­tio­nen von Mäd­chen haben Han­ni und Nan­ni heim­lich unter der Bett­de­cke gele­sen“, wirbt der Ver­lag auf der Buch­rück­sei­te unter der Über­schrift „Der Klas­si­ker“, und dem deut­schen Ver­lag war es offen­sicht­lich ein Anlie­gen, jeder Genera­ti­on ihre eige­ne Han­ni und Nan­ni-Serie zur Ver­fü­gung zu stellen.

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  1. 1
    Kathi

    Sehr span­nen­der Text! Ich habe als Kind Ende der 80er die Bän­de 1–18 auf Deutsch gele­sen. Die neue­re Ent­wick­lung kann­te ich nicht. Für mich ist es also span­nend dar­über zu lesen. Bei „Han­ni und Nan­ni“ (wie bei vie­len „Cha­rac­ters“) ist es ja eigent­lich so, dass die Leser­schaft sich alle 3 jah­re kom­plett aus­tauscht, also dass Leser zu alt wer­den für die Rei­he und neue nach­kom­men. War­um die Rei­he dann mit „brand­neu­en“ Bän­den wei­ter­ge­führt wird, liegt wahr­schein­lich dar­an, dass dem Buch­han­del Neu­erschei­nun­gen gebo­ten wer­den müs­sen, damit die Gesamt­rei­he wei­ter­hin beach­tet wird. 

    Zu „Han­ni und Nan­ni“ gibt es in der Tat seit den 60ern die­se „Füller“-Bände. Wur­de Enid Bly­ton damals teil­wei­se gefragt? Sie ist 1986 gestor­ben. Bei der „Dolly“-Reihe wur­de Dol­ly älter und schließ­lich erwach­sen in den deut­schen Zusatz­bän­den. Han­ni und Nan­ni sind in der End­los­schlei­fe geblie­ben. Ein wenig wie die Drei ???. Und unver­ges­sen: Die „Tina und Tini“- Rei­he, die über­haupt nicht von Enid Bly­ton sind aber unter ihrem Namen ver­öf­fent­licht wur­den. Da haben die Erben, den­ke ich, ein­fach alles abge­wun­ken, was der Schnei­der Ver­lag so wollte.

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      Lucia Marjanovic

      Dan­ke für das Lob!
      Enid Bly­ton hat noch zu Leb­zei­ten ihren Namen zu einer Trade­mark gemacht. Mit ihrem Mann Ken­neth Dar­rell Waters grün­de­te sie die Dar­rell Waters Ltd., um die Rech­te an ihrem Namen und an ihren Wer­ken zu ver­wal­ten. Der Name Enid Bly­ton™ ist streng­ge­nom­men kei­ne Autoren­be­zeich­nung, son­dern nur eine recht­li­che Information.
      Nach­dem der deut­sche Ver­lag also die Rech­te erwor­ben hat­te, hat­ten Enid Bly­ton bzw. ihre Erben mei­nes Wis­sens kein Mit­spra­che­recht (und auch kein Inter­es­se) mehr an den deutsch­spra­chi­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen unter ihrem Namen.

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