Hin­rich Schmidt-Hen­kel: der Überflieger

Tarjei Vesaas „Die Vögel“ zählt zu den wichtigsten Romanen der norwegischen Literatur. Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Von

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021: Hinrich Schmidt-Henkel für „Die Vögel“. Bild: Ebba D. Drolshagen

Am 28. Mai wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Tar­jei Vesaas (1897–1970) ist einer der wich­tigs­ten nor­we­gi­schen Autoren der Moder­ne, hier­zu­lan­de jedoch bis­lang nur für sei­nen Roman Is-slot­tet (Das Eis-Schloss) bekannt, den Hin­rich Schmidt-Hen­kel eben­falls über­setzt hat. Nun ist mit Die Vögel (1957) auch jenes Buch zu ent­de­cken, das laut Karl Ove Knaus­gård der bes­te nor­we­gi­sche Roman über­haupt ist. Auch wenn die­ses Urteil sub­jek­tiv ist und eher der Ver­mark­tung dient als der lite­ra­tur­kri­ti­schen Bewer­tung, Die Vögel hin­ter­las­sen defi­ni­tiv einen blei­ben­den Eindruck.

Vesaas erzählt die Geschich­te von Mat­tis, einem etwa vier­zig­jäh­ri­gen Mann, der zusam­men mit sei­ner Schwes­ter Hege in einer abge­le­ge­nen Hüt­te wohnt. Schnell wird klar, dass Mat­tis sehr eigen ist. In einer Gesell­schaft, die nur aus Klu­gen und Star­ken zu bestehen scheint, fin­det er sich nur schwer zurecht. Arbei­ten fällt ihm nicht so leicht wie allen ande­ren, die ihn dafür als „Dus­sel“ („tust“) beschimp­fen. Aber: Er ver­fügt über eine rei­che Fan­ta­sie und sieht Din­ge, die sei­nen Mit­men­schen ver­bor­gen blei­ben. So nimmt er die Schnep­fen, die über sein Haus flie­gen, als Zei­chen dafür, dass etwas pas­sie­ren wird. Nur was? Etwas Gutes, etwas Schlim­mes? Er ver­sucht auch, den ande­ren von sei­nen Beob­ach­tun­gen zu erzäh­len, erfährt aber wenig Zuspruch. Oft wird er nicht so gese­hen, wie er ist, son­dern mit schrä­gen, abfäl­li­gen Bli­cken beob­ach­tet. Auch wenn Mat­tis hin und wie­der glück­li­che Erfah­run­gen macht, so meh­ren sich doch die Zei­chen des Unheils. Ein Jäger erschießt eine sei­ner Schnep­fen, und als auf dem Hof der Geschwis­ter ein Holz­fäl­ler namens Jør­gen auf­taucht, wird Mat­tis’ und Heges fra­gi­les Bezie­hungs­ge­fü­ge auf den Kopf gestellt.

Der Roman fas­zi­niert weni­ger durch sei­nen Span­nungs­bo­gen als durch die Wahl sei­ner Per­spek­ti­ve. Der Über­set­zer Hin­rich Schmidt-Hen­kel beschreibt sei­nen Lek­tü­re­ein­druck fol­gen­der­ma­ßen: „Als Lesen­de neh­men wir sehr vie­les von Mat­tis’ Innen­le­ben wahr, das die ande­ren Figu­ren nicht mal ahnen. Auf die­se Wei­se wer­den wir zu Mit­wis­sen­den, Mit­füh­len­den, Mit­er­le­ben­den – und erken­nen, womög­lich noch schmerz­haf­ter als Mat­tis selbst, wie beschränkt die Sicht der ande­ren auf ihn ist. Dar­um rüh­ren die Augen­bli­cke auch so sehr an, in denen sie ihm mit Respekt oder Ein­füh­lung begeg­nen, wie die bei­den Mäd­chen auf dem See oder auch wie die Bäue­rin, die ihn schla­fen lässt und mit ihm Kaf­fee trinkt.“

Die Jury­be­grün­dung

„Wie es Vesaas ver­mit­telt durch Hin­rich Schmidt-Hen­kel schafft, uns in eine traum­glei­che Gedan­ken­welt eines hoch­sen­si­blen Kin­des im Erwach­se­nen­kör­per hin­ein­zu­neh­men, ist bild­schön. Die Über­set­zung trifft den Ton die­ser kla­ren Poe­sie in ihrer wun­der­bar stim­mi­gen Stille.“

Die Über­set­zung

Kurio­ser­wei­se geht aus dem Impres­sum nicht her­vor, aus wel­cher Spra­che Hin­rich Schmidt-Hen­kel die­sen Roman genau über­setzt hat. Da steht bloß: „Aus dem Nor­we­gi­schen von …“, die­ser Hin­weis ist jedoch unprä­zi­se. Denn es gibt zwei Vari­an­ten die­ser Spra­che: Bok­mål und Nynor­sk. Ers­te­re ist aus dem Däni­schen her­vor­ge­gan­gen (Nor­we­gen stand lan­ge unter däni­scher Herr­schaft), Letz­te­re aus zahl­rei­chen alten Dia­lek­ten, die der Lin­gu­ist Ivar Aasen im 19. Jahr­hun­dert zu einer ein­heit­li­chen Schrift­spra­che zusam­men­fass­te. Neben Vesaas schrei­ben zahl­rei­che ande­re Autor*innen in die­ser Vari­an­te (etwa Jon Fos­se, eben­falls von Schmidt-Hen­kel über­setzt). Es ist nicht ersicht­lich, wie­so deut­sche – und oft auch inter­na­tio­na­le – Ver­la­ge nie­mals ver­ra­ten, aus wel­cher Vari­an­te des Nor­we­gi­schen genau über­setzt wur­de. Ist es die Sor­ge um ein Publi­kum, das kei­ne sprach­wis­sen­schaft­li­chen Fach­be­grif­fe mag? Ist es schlicht­weg Igno­ranz – oder, und das wäre der güns­tigs­te Fall, eine Mischung aus bei­dem? Wie so vie­le Din­ge, die Ver­lags­po­li­tik betref­fen, blei­ben auch hier offe­ne Fra­gen. Zwar wird in der Bio­gra­phie des Autors am Schluss des Buches kurz erwähnt, dass es sich um eine Über­set­zung aus dem Nynor­sk han­delt, die­se Anga­be wäre aber auf dem Titel­blatt bes­ser auf­ge­ho­ben gewesen.

Da es im Nor­we­gi­schen also zwei offi­zi­el­le Sprach­for­men gibt und im Deut­schen nur eine, stellt sich die Fra­ge, wie man die sel­te­ne­re von bei­den – näm­lich Nynor­sk – in einer Über­set­zung behan­delt. Abge­se­hen von sei­nem Stil erfin­det Vesaas hier nichts Neu­es, er hält sich an die gram­ma­ti­ka­li­schen Regeln. Hin­rich Schmidt-Hen­kel ver­fasst dem­zu­fol­ge auch einen hoch­deut­schen Text.

Die Spra­che ist schlicht. Auf den ers­ten, ober­fläch­li­chen Blick wirkt sie sogar ein­fäl­tig. Hier spre­chen die Figu­ren in kur­zen Sät­zen, die oft kaum län­ger sind als weni­ge Zei­len. Das ent­spricht dem Natu­rell der Figu­ren. Die Dif­fe­renz zum Nynor­sk macht Schmidt-Hen­kel oft durch alter­tü­meln­de, lokal­ge­färb­te Vari­an­ten wett. Hier „plitscht“ („tipl[ar]“) der Regen aufs Dach, Geschäf­te besie­gelt man mit den Wor­ten „ordent­lich ver­gol­ten“ („grei sku­ring“), Figu­ren sagen Din­ge, die „rei­ne­weg wahn­wit­zig“ sind, ver­hal­ten sich „spott­lus­tig“ („erte­lyst­ne“), wenn die Umstän­de es erfor­dern, und füh­len „sich in den Him­mel getra­gen“ („boren høgt opp“), wenn das Glück doch mal zu ihnen kommt. Mat­tis selbst ist der „Dus­sel“ („tus­ten“), eine Bezeich­nung, die oft eine Belei­di­gung, aber auch ein necki­scher Kom­men­tar zu sei­nem lin­ki­schen Ver­hal­ten ist.

Heut­zu­ta­ge wür­de man eine sol­che Bezeich­nung wohl als dis­kri­mi­nie­rend auf­fas­sen, da die Geschich­te aber in einer ande­ren Zeit spielt, hat die Ent­schei­dung des Über­set­zers ihre Berech­ti­gung. Schmidt-Hen­kel hat, wie er selbst sagt, wäh­rend der Arbeit an Vesaas eini­ges gelernt: „Beson­ders ein Lern­pro­zess ist bei der Arbeit an dem Buch wei­ter­ge­gan­gen, näm­lich zu ver­su­chen, mit ganz ein­fa­chen Wor­ten tie­fe Wir­kun­gen zu erzie­len, Räu­me anzu­deu­ten, ohne sie zu benen­nen. Das habe ich schon bei ande­rem von Vesaas oder auch von Jon Fos­se geübt, aber hier ist es in beson­de­rem Maße von­nö­ten. Und für die­ses Buch, die­se Figur beson­ders typisch ist, genau das Wort zu fin­den, das auf dem Grat balan­ciert: Ein­fach, aber viel­sa­gend, unge­küns­telt, aber nicht deppenhaft.“

Ein ande­res Kenn­zei­chen der Spra­che in die­sem Roman ist ihre star­ke Rhyth­mi­sie­rung. Hier ein Beispiel:

No er det natt.
Kva skal ein gje­ra når alle ikring ein er ster­ke og klo­ke?
Får ald­ri visst det.
Men kva skal ein så gje­ra? Ein må gje­ra noko da òg. Hei­le tida.
Det går ei strime over det­ta huset. Fug­len sjølv er sko­ten og har lagt i hop auga, og med stein over seg – men stri­ma står.
Kva skal ein gje­ra då?
Kva skal ein gje­ra med Hege? Det er gali fatt med hen­ne.
Får ald­ri visst det.
Men det susar ute no, anten det susar eller ikkje.

Jetzt ist es Nacht.
Was soll man tun, wenn alle rings­um stark und klug sind?
Werd ich nie erfah­ren.
Aber was soll man da tun? Man muss ja auch dann irgend­was tun. Die gan­ze Zeit.
Ein Strei­fen geht über die­ses Haus. Der Vogel ist abge­schos­sen und hat die Augen zu, ein gro­ßer Stein liegt auf ihm – aber der Strei­fen bleibt.
Was soll man da tun?
Und mit Hege, was soll man mit der tun? Sie hat es schwer.
Werd ich nie erfah­ren.
Drau­ßen saust es, ob es jetzt saust oder nicht.

Im nor­we­gi­schen Text ist kein Wort län­ger als zwei Sil­ben, was natür­lich schwer ins Deut­sche zu über­tra­gen ist. Wör­ter wie „irgend­was“ („noko“) und „abge­schos­sen“ („sko­ten“) fal­len da her­aus, sind aber zum Glück nur Ein­zel­fäl­le. Oft gelingt es Hin­rich Schmidt-Hen­kel, den Rhyth­mus des Nor­we­gi­schen ein­zu­fan­gen, der an die­ser Stel­le zwi­schen dem Jam­bi­schen, Tro­chäi­schen und Dak­ty­li­schen wech­selt und Mat­tis’ erra­ti­sche, quä­len­de Gedan­ken­schlei­fen wie­der­gibt. Die zitier­te Pas­sa­ge steht stell­ver­tre­tend für vie­le ande­re, in denen die Über­set­zung die­ses so ein­fa­chen, so schwie­ri­gen Romans glückt. Die Nomi­nie­rung für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se ist also mehr als verdient.

Lieb­lings­stel­le

„Denn wenn das wirk­lich der Balz­flug war, der Schnep­fen­strich, dann kam der Vogel bald wie­der vor­über, auf der­sel­ben Stre­cke, Mal ums Mal, wäh­rend der kur­zen abend­li­chen Flug­zeit. Er kann­te das von alt­ein­ge­führ­ten Stre­cken andern­orts, von denen er wuss­te. Früh­mor­gens folgt der Vogel wie­der dem­sel­ben Strich, hat­te ein Jäger ihm erzählt. In tro­cke­nen Grä­ben hat­te er manch­mal Stel­len gese­hen, wo Schnep­fen­schnä­bel gesto­chert hat­ten, dane­ben die Spu­ren zar­ter Vogelfüße.“



Tar­jei Vesaas | Hin­rich Schmidt-Hen­kel

Die Vögel

Im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal: Fug­la­ne

Gug­golz Ver­lag 2021 ⋅ 279 Sei­ten ⋅ 23 Euro

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  1. 1
    Lorenz Manthey

    Ein groß­ar­ti­ges Buch! Lei­der fand ich die Über­set­zung nicht durch­ge­hend zuver­läs­sig. Da mei­ne Nynor­sk-Lese­fä­hig­kei­ten noch nicht ganz aus­reich­ten, habe ich Ori­gi­nal und Über­set­zung neben­ein­an­der gele­sen. Unver­ständ­lich ist mir, dass manch­mal gan­ze Sät­ze in der Über­set­zung ver­schwun­den sind! Ein Phä­no­men, das mir bei Über­set­zun­gen schon öfters auf­ge­fal­len ist. Da soll­te das Lek­to­rat sorg­fäl­ti­ger mit­le­sen! Die ero­tisch auf­ge­la­de­ne Situa­ti­on auf der Insel, als Anna und Inger fast nackt dalie­gen, wird in der Über­set­zung unnö­ti­ger­wei­se ent­schärft: Ori­gi­nal: „Dei nak­ne kroppa­ne anga.“ Über­set­zung: „Die reg­lo­sen Kör­per duf­te­ten.“ War­um kann man da nicht näher am Ori­gi­nal blei­ben und schrei­ben: „Die nack­ten Kör­per dufteten“?

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