Son­ja Finck und Frank Hei­bert: die Chamäleons

Louis-Karl Picard-Sioui zeichnet mit seinen „Stories aus Kitchike“ das gegenwärtige Reservatsleben in Kanada nach. Sonja Finck und Frank Heibert haben die vielen Stimmen des Romans virtuos übersetzt.

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Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021: Sonja Finck und Frank Heibert für „Stories aus Kitchike - Der große Absturz". Bild links: Véronique Soucy, Bild rechts: privat

Am 28. Mai wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Der kana­di­sche Autor Lou­is-Karl Picard-Sioui dürf­te im deutsch­spra­chi­gen Raum bis vor kur­zem ein völ­lig Unbe­kann­ter gewe­sen sein – bis Son­ja Finck und Frank Hei­bert den Schrift­stel­ler, Dich­ter, Per­for­mer und Kura­tor für visu­el­le Kunst im Jahr 2019 ent­deckt haben und Chris­ti­an Ruzics­ka vom Seces­si­on Ver­lag glück­li­cher­wei­se von sei­nen Sto­ries aus Kit­chi­ke über­zeu­gen konn­ten. Picard-Sioui stammt aus Wenda­ke, einem Reser­vat in der Nähe der Stadt Qué­bec, und setzt sich mit sei­ner Orga­ni­sa­ti­on „Kwahia­tonhk!“ aktiv für indi­ge­nes Schrei­ben und die indi­ge­ne Lite­ra­tur­sze­ne ein.

In einem Reser­vat spie­len auch die Sto­ries aus Kit­chi­ke – Der gro­ße Absturz, aller­dings ist Kit­chi­ke ein fik­ti­ves Reser­vat. Picard-Sioui prä­sen­tiert in sei­nem Buch humor- und schwung­voll die bit­te­re gegen­wär­ti­ge Lebens­wirk­lich­keit indi­ge­ner Grup­pen in Kana­da, die von Ras­sis­mus und Unter­drü­ckung geprägt ist und noch immer von den Fol­gen der Kolo­nia­li­sie­rung belas­tet wird.

Son­ja Finck mit den „Chro­ni­ques de Kitchike“

Die­se eigent­lich schwe­re Kost wird von Picard-Sioui jedoch äußerst geschickt und fast schon luf­tig ver­mit­telt, was auch an der inter­es­san­ten Struk­tur des Buches liegt. Das Buch­co­ver gibt kei­nen Auf­schluss über das Gen­re, und zu Beginn der Lek­tü­re wir­ken die ein­zel­nen Kapi­tel, die von einem Pro­log und einem Epi­log ein­ge­rahmt wer­den, eher unzu­sam­men­hän­gend. Die­ser Erstein­druck ver­flüch­tigt sich aber schnell, denn die ver­schie­de­nen Haupt­fi­gu­ren der Kapi­tel tau­chen immer wie­der in den jeweils ande­ren Kapi­teln auf. Erzählt wird letzt­end­lich eine aus den Ein­zel­schick­sa­len der Per­so­nen zusam­men­ge­füg­te Haupt­ge­schich­te, die im längs­ten Kapi­tel „Der gro­ße Absturz“ kul­mi­niert. Jedes Kapi­tel bil­det für sich eine stim­mi­ge Geschich­te, aber die ver­schie­de­nen Epi­so­den wer­den geschickt ver­floch­ten und bil­den einen Roman. Kei­nen klas­si­schen Roman, son­dern eine moder­ne, genau kon­zi­pier­te Erzählung.

Als ers­te Figur macht man mit Pierre Wabush Bekannt­schaft, des­sen tem­po­rei­che, direk­te Erzähl­stim­me vom ers­ten Satz an zu über­zeu­gen weiß. Pierre wacht ver­ka­tert in einer ande­ren Woh­nung auf und kommt über Umwe­ge zu dem Schluss, dass es in Kit­chi­ke so nicht wei­ter­ge­hen kann. Er will sei­ne Pas­si­vi­tät hin­ter sich las­sen und aktiv ein­grei­fen. Wie das Leben in Kit­chi­ke aus­sieht und war­um es so nicht wei­ter­ge­hen kann, erfährt man in den fol­gen­den Kapi­teln durch ganz unter­schied­lich erzähl­te Epi­so­den. Da gibt es Jean-Paul Paul Jean-Pierre, der in sei­ner Woh­nung plötz­lich Unmen­gen von schwar­zen Löchern fin­det, den alten Scha­ma­nen Roméo Cœur-Bri­sé, der im Wald zusam­men mit einem alten Mis­sio­nar eine rüh­ren­de Beob­ach­tung macht, eine gro­ße Panik in der ört­li­chen Tank­stel­le, oder eben den gro­ßen Absturz, der dem ein oder ande­ren Strip­pen­zie­her von Kor­rup­ti­on und Unge­rech­tig­keit das Herz in die Hose rut­schen lässt.

Die Jury­be­grün­dung

„Ein Reser­vat gehört nicht zu den typi­schen Hand­lungs­or­ten der Lite­ra­tur. Die­ser Roman über das kana­di­sche Kit­chi­ke nimmt einen allein des­halb sofort gefan­gen. In locker ver­bun­de­nen Sto­ries ent­fal­tet Picard-Sioui in stän­dig wech­seln­dem Jar­gon eine Welt an der Peripherie.“

Die Über­set­zung

Mit Son­ja Finck und Frank Hei­bert hat sich für die Über­set­zung der Sto­ries aus Kit­chi­ke ein äußerst erfah­re­nes und erfolg­rei­ches Duo zusam­men­ge­fun­den. In ihrem Tole­do Jour­nal beschrei­ben die bei­den anschau­lich, wie ihre Zusam­men­ar­beit aus­sah und wie berei­chernd das Über­set­zen zu zweit sein kann. Und das merkt man dem Text auch an. Die Über­set­zung über­zeugt von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te und wird mit einem erhel­len­den Nach­wort des Duos gekrönt, das wich­ti­ge Gedan­ken­gän­ge und Ent­schei­dun­gen aufzeigt.

In fast jedem Kapi­tel wird eine neue Figur ein­ge­führt; die vie­len Stim­men, die auf die­se Wei­se das Leben in Kit­chi­ke prä­sen­tie­ren, wer­den jeweils durch einen ganz eige­nen Ton, durch eine spe­zi­fi­sche Syn­tax und ein eige­nes Tem­po gekenn­zeich­net. Die Über­set­zung zeigt, wie gewis­sen­haft und genau Finck und Hei­bert die­se ver­schie­de­nen Stim­men nach­emp­fun­den und ins Deut­sche über­tra­gen haben – wie sie sich cha­mä­le­on­haft an jede Kapi­tel­um­ge­bung gekonnt ange­passt haben.

Der Pro­log ist aus der Ich-Per­spek­ti­ve von Pierre Wabush geschrie­ben, der mal wie­der in Lydi­as Woh­nung auf­ge­wacht ist, ohne genau zu wis­sen, wie es dazu gekom­men ist. Der Stil der Wabush-Kapi­tel ori­en­tiert sich stark an der gespro­che­nen Spra­che, es wim­melt nur so von Wor­ten wie nix und Shit und Fuck und her­aus­ge­feu­er­ten Sät­zen vol­ler Ein­schü­be. Pierre nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt die Lese­rin­nen und Leser unge­fil­tert und aus­drucks­stark an sei­nen Gedan­ken­gän­gen teil­ha­ben und so auch an sei­nen Ansich­ten über sei­nen Wohnort:

Kit­chi­ke ist tote Hose, mau­se­tot, das ist kei­nem Nach­wuchs zumut­bar. So ein Erbe willst du kei­nem mit­ge­ben: zer­ris­sen zwi­schen der Stadt und dem Reser­vat, der glor­rei­chen Ver­gan­gen­heit und der kolo­nia­len Gegen­wart, kei­ne Träu­me, kei­ne Hoff­nun­gen, gefan­gen in bescheu­er­ten Klein­krie­gen, umzin­gelt von ras­sis­ti­schen Fren­chies, regiert von Möch­te­gern­ma­fio­si von Kana­das Gna­den. Dop­pelt gearscht ins Lebens star­ten, das wün­sche ich keinem.

Pierre Wabush erwacht dank der Über­set­zung von Finck und Hei­bert und ihrer Lie­be zum Detail sofort zum Leben, man weiß schon nach weni­gen Wor­ten, mit was für einem Typen man es zu tun hat, näm­lich mit einem, der „Fake riech ich von wei­tem“ denkt. Mit Fake hat die für die­sen Cha­rak­ter gefun­de­ne Spra­che glück­li­cher­wei­se nichts zu tun, das Über­set­zungs­team hat nicht nur eine authen­ti­sche Welt, son­dern vor allem auch authen­ti­sche Cha­rak­te­re geschaf­fen. Gera­de ein moder­ner, umgangs­sprach­li­cher Ton kann schnell anbie­dernd und auf­ge­setzt wir­ken – das ist hier aber kei­nes­wegs der Fall, Pierre Wabush ist ganz ein­fach Pierre Wabush, der sein eige­nes Ding durch­zieht, auch auf sprach­li­cher Ebene:

Das erlaubt mir, die wah­re Absicht mei­ner ‚Aus­kund­schaf­tie­rung‘ zu ver­ber­gen (ich weiß, das Wort gibt’s so nicht, ist mir aber Banane) […].

Wem der Neo­lo­gis­mus „Aus­kund­schaf­tie­rung“ gefällt, dem wird auch der Rest des Buches gefal­len, es wim­melt nur so von krea­ti­vem Wort­ge­brauch und Wort­neu­schöp­fun­gen, so ist Jean-Paul Paul Jean-Pierre fest davon über­zeugt, dass „‚Intel­lek­tu­el­le­rei­en‘ […] nichts für India­ner waren.“ Apro­pos Jean-Paul Paul Jean-Pierre: Was für ein Name. Und die­sen Namen liest man nicht nur ein­mal, nach die­sem Namen ist ein Kapi­tel benannt, und in die­sem Kapi­tel steht gefühlt (oder gar tat­säch­lich) in jedem zwei­ten Satz die­ses Band­wur­m­un­ge­tüm. Der Name passt ganz wun­der­bar zu sei­nem Trä­ger, einem arbeits­lo­sen Mann, der noch nie sei­nen Geburts­ort Kit­chi­ke ver­las­sen hat und eine ganz eige­ne Art des Den­kens und des Sich-trei­ben-las­sens verkörpert:

Jean-Paul Paul Jean-Pierre wuss­te nicht, was er dar­auf erwi­dern oder wie er den Chef trös­ten soll­te. Er such­te nach einer Ant­wort, und sei­ne Gedan­ken dreh­ten sich wie üblich im Kreis und ver­lie­fen dann im Sand. Im Sand, am Strand, am Meer. Neu­lich war er im Zoo gewe­sen und hat­te sich die Mee­res­fi­sche ange­schaut, sie hat­ten so glück­lich gewirkt, wie sie da im Was­ser hin und her flitz­ten. Vor allem die See­pferd­chen. Wobei er nicht genau wuss­te, ob See­pferd­chen über­haupt zu den Fischen zähl­ten, oder auch am Strand, im Sand glück­lich waren?

Frank Hei­bert mit „Sto­ries aus Kitchike“

Die­ser Abschnitt zeigt ganz deut­lich: Hier hat man es mit einer ande­ren Figur zu tun, die eine eige­ne Stim­me hat. Die Gedan­ken von Jean-Paul Paul Jean-Pierre flie­ßen und über­spü­len den Lesen­den mit ihrer hyp­no­ti­schen Absur­di­tät. Der merk­wür­di­ge Name der Figur ver­kör­pert die kolo­nia­len Fol­gen und die mis­sio­nie­ren­den Über­grif­fe der katho­li­schen Kir­che, die den Kin­dern der indi­ge­nen Grup­pen oft­mals christ­li­che Dop­pel­na­men gaben. Auf­fäl­li­ge Namen zie­hen sich durch den gesam­ten Roman: Die pri­vi­le­gier­ten Wei­ßen tra­gen ein­fach die Namen ihrer ange­se­he­nen Beru­fe, so wird der Augen­arzt „Herr Auge“ genannt.

Sto­ries aus Kit­chi­ke war­tet aber nicht nur mit Humor und Absur­di­tät auf, son­dern hat noch vie­le wei­te­re Facet­ten zu bie­ten. So ist eine Geschich­te, die im Kapi­tel „Pow­wow“ vom Reser­vats­chef nach­er­zählt wird, mit den klas­si­schen Ele­men­ten eines Mär­chens bzw. einer Fabel aus­ge­stat­tet, in einem ande­ren Kapi­tel tritt die indi­ge­ne Göt­tin Yawen­dara auf und eröff­net im Text eine Meta­ebe­ne, wäh­rend das Kapi­tel, in dem sich ein alter Mis­sio­nar und ein alter Scha­ma­ne im Wald tref­fen, durch anmu­ti­ge Natur­be­schrei­bun­gen besticht, die die Schön­heit der Ursprüng­lich­keit bedäch­tig widerspiegeln:

Lang­sam ver­schwand die Son­ne hin­ter den Baum­wip­feln und warf dunk­le Schat­ten­net­ze über die Män­ner. Die bei­den Freun­de tru­gen bereits genug Fins­ter­nis ins sich und woll­ten sich nicht ein wei­te­res Mal dar­in verlieren.

Dass Son­ja Finck und Frank Hei­bert für die Über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen sehr genau recher­chie­ren und äußerst sen­si­bel vor­ge­hen muss­ten, ver­an­schau­licht das fol­gen­de Zitat (nach­zu­le­sen im Tole­do Jour­nal):

Jean-Paul Paul Jean-Pierre était un Indi­en. Un Indi­en on ne peut plus indi­en, hors de l’Inde. Mais il n’était pas membre de la dia­spo­ra du sous-con­ti­nent. Il n’était pas ce gen­re d’Indien. Jean-Paul Paul Jean-Pierre était un Indi­en d’Amérique. Un Amé­rin­di­en abori­gè­ne auto­ch­to­ne indi­gè­ne, membre de Pre­miè­res Nati­ons d’Amérique du Nord de la Gran­de Tortue.

Jean-Paul Paul Jean-Pierre war näm­lich ein India­ner. Das Wort hat­ten die Wei­ßen sich aus­ge­dacht, als sie kapier­ten, dass Kolum­bus nicht in Indi­en gelan­det war, dass die Urein­woh­ner also kei­ne Inder waren. Jean-Paul Paul Jean-Pierre war ein India­ner aus Nord­ame­ri­ka. Ein ein­ge­bo­re­ner auto­chtho­ner indi­ge­ner nord­ame­ri­ka­ni­scher India­ner, Ange­hö­ri­ger der Ers­ten Natio­nen der nord­ame­ri­ka­ni­schen Gro­ßen Schildkröte.

In die­sem Abschnitt muss­te das Duo nicht nur für das im Deut­schen nicht funk­tio­nie­ren­de Wort­spiel „Un Indi­en on ne peut plus indi­en, hors de l’Inde“ eine geeig­ne­te Über­set­zung fin­den, son­dern auch für die vie­len Begriff­lich­kei­ten, die zur Beschrei­bung von indi­ge­nen Per­so­nen ver­wen­det wer­den, wobei natür­lich abge­wo­gen wer­den muss, wel­che Wör­ter guten Gewis­sens ver­wen­det wer­den kön­nen und wel­che Kon­no­ta­tio­nen die jewei­li­gen Begrif­fe mit sich brin­gen. Eine Leit­fra­ge, die sich die bei­den bei der Ent­schei­dungs­fin­dung gestellt haben, lau­te­te: „Wie aber über­set­zen wir den ‚Blick von innen‘? Bei so einer Fra­ge lohnt es sich immer her­aus­zu­fin­den, was die betrof­fe­nen Men­schen selbst dazu mei­nen, und ihnen so die Defi­ni­ti­ons­macht über ihre Benen­nung zurück­zu­ge­ben.“ Durch die­se Her­an­ge­hens­wei­se haben Finck und Hei­bert respekt­vol­le und dif­fe­ren­zier­te Lösun­gen gefun­den, die sie im Nach­wort nach­voll­zieh­bar erklären.

Son­ja Finck und Frank Hei­bert ist es mit Bra­vour gelun­gen, den zwi­schen Gesell­schafts­kri­tik und Humor pen­deln­den Roman ins Deut­sche zu über­tra­gen. Sie haben sich aktiv dafür ein­ge­setzt, Picard-Siou­is Gegen­warts­schil­de­rung des Reser­vat­le­bens in den deut­schen Sprach­raum zu brin­gen, und rücken auf die­se Wei­se das The­ma der immer noch vor­herr­schen­den Unter­drü­ckung indi­ge­ner Grup­pen in den Fokus. Gleich­zei­tig geben sie den facet­ten­rei­chen Stil und die unter­schied­li­chen Jar­gons des Tex­tes leben­dig wie­der, Sto­ries aus Kit­chi­ke spru­delt nur so vor Krea­ti­vi­tät und Lust am Spiel mit Spra­che. Finck und Hei­bert schen­ken den deutsch­spra­chi­gen Lese­rin­nen und Lesern mit die­ser Über­set­zung ein Lese­er­leb­nis, das glei­cher­ma­ßen lehr­reich und unter­halt­sam ist, und zei­gen auf, wie gelun­ge­ne Kul­tur­ver­mitt­lung aussieht.

Lieb­lings­stel­le

„Da das Pro­blem ein schwar­zes Loch war, muss­te die Lösung, das wuss­te Jean-Paul Paul Jean-Pierre genau, im bun­tes­ten, leuch­tends­ten ihrer Bücher zu fin­den sein.“

Lou­is-Karl Picard-Sioui | Son­ja Finck & Frank Hei­bert

Sto­ries aus Kit­chi­ke – Der gro­ße Absturz

Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal (Qué­bec): Chro­ni­ques de Kit­chi­ke

Seces­si­on 2020 ⋅ 184 Sei­ten ⋅ 20 Euro

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