Poli­tisch sen­si­bel übersetzen

Auf poco.lit. schreiben Lucy Gasser und Anna von Rath über postkoloniale Literatur. Im Rahmen ihres neuen Projekts macht.sprache. laden sie zur Diskussion über gute und schlechte Übersetzungsbeispiele sensibler Begriffe ein.

Von und

Bild: Scott Web via Unsplash.

Als Her­aus­ge­be­rin­nen des Online-Maga­zins poco.lit. ver­öf­fent­li­chen wir regel­mä­ßig Arti­kel zum The­ma post­ko­lo­nia­le Lite­ra­tur. Wir lesen Bücher auf Eng­lisch und Deutsch im Ori­gi­nal oder über­setzt und als bilin­gua­le Platt­form ver­öf­fent­li­chen wir alle Rezen­sio­nen, Essays oder Kom­men­ta­re zu die­sen Büchern eben­falls in bei­den Spra­chen. Als wir Vale­ria Lui­sel­lis Roman Lost Child­ren Archi­ve lasen, waren wir begeis­tert von der Art und Wei­se, wie die Autorin sich sen­si­blen Archi­ven nähert. Im Roman arbei­tet einer der Protagonist:innen an einem Klang­ar­chiv, in dem er ver­sucht, die Geis­ter der letz­ten Chiricahua-Apach:innen fest­zu­hal­ten. Ihn inter­es­sie­ren beson­ders Cochise, Geroni­mo und Chi­ri­ca­hua. Die­se drei stel­len die letz­ten mora­li­schen und poli­ti­schen Füh­rungs­per­so­nen der letz­ten frei­en Völ­ker auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent dar, bevor kolo­nia­le Sied­lungs­be­stre­bun­gen alles vereinnahmten.

Da unse­re Rezen­sio­nen auf Eng­lisch und Deutsch erschei­nen, wer­fen wir immer einen Blick in die Über­set­zun­gen der Bücher, sofern denn wel­che exis­tie­ren. Im Kunst­mann Ver­lag erschien 2019 Bri­git­te Jako­beits deut­sche Über­set­zung von Lui­sel­lis Roman und wir geste­hen, dass uns eini­ge der Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen in Das Archiv der ver­lo­re­nen Kin­der überraschten.

Then, maps of Apa­che ter­ri­to­ry and images of chiefs and war­ri­ors star­ted fil­ling the walls around his desk.

Dann hin­gen plötz­lich Land­kar­ten von india­ni­schem Ter­ri­to­ri­um und Bil­der von Häupt­lin­gen und Krie­gern um sei­nen Schreibtisch.

Es wun­der­te uns sehr, dass aus dem spe­zi­fi­schen Ter­ri­to­ri­um der Apach:innen in der Über­set­zung ein ver­all­ge­mei­nern­des india­ni­sches Ter­ri­to­ri­um wur­de. Tat­säch­lich ist es so, dass die­se Ent­schei­dung die rück­sichts­vol­le Art, mit der Lui­sel­li ihren Roman über sen­si­ble Archi­ve kon­stru­iert hat, untergräbt.

I‑Wort – von spe­zi­fi­schen Grup­pen zu ver­all­ge­mei­nern­den Überbegriffen

Der Begriff „India­ner“, den wir hier aus­nahms­wei­se ein­mal zu Ver­ständ­nis­zwe­cken aus­schrei­ben, wird in Deutsch­land in bestimm­ten Krei­sen mitt­ler­wei­le wie das N‑Wort gehand­habt und als I‑Wort bezeich­net. Die­ses Wort wur­de von kolo­nia­len euro­päi­schen Gesell­schaf­ten zur Abgren­zung ihrer eige­nen Grup­pe von der Grup­pe derer ent­wi­ckelt, deren Land sie in Besitz neh­men woll­ten. Es fasst will­kür­lich ver­schie­dens­te geo­gra­fisch und kul­tu­rell diver­se Gesell­schaf­ten zusam­men, von denen Apach:innen nur eine sind.

Doch es gehört in Deutsch­land noch lan­ge nicht zum All­ge­mein­wis­sen, dass das voll­stän­dig aus­ge­schrie­be­ne I‑Wort eine unsen­si­ble Bezeich­nung ist, denn die Figur essen­zia­li­sier­ter, mono­li­thi­scher Indi­ge­ner erfreut sich schon seit lan­gem gro­ßer Beliebt­heit. In Deutsch­land herr­schen idea­li­sier­te Vor­stel­lun­gen vom Leben indi­ge­ner Kul­tu­ren vor, die in Roma­nen und Fil­men fest­ge­hal­ten oder sogar nach­ge­spielt wer­den. Schon Karl Mays viel gele­se­ne und ver­film­te Aben­teu­er­ge­schich­ten – er spielt in einer ähn­li­chen Liga wie Joan­ne K. Row­ling mit Har­ry Pot­ter – zei­gen die gro­ße Vor­lie­be für „edle Wil­de“, die den Traum von der Frei­heit ver­kör­pern. Karl May war, wäh­rend er über Win­ne­tou und Old Shat­ter­hand schrieb, noch nie an einem der Schau­plät­ze gewe­sen und den­noch trug er maß­geb­lich zum deut­schen Ver­ständ­nis nord­ame­ri­ka­ni­scher Indi­ge­ner bei. So gibt es heu­te noch soge­nann­te deut­sche „Wochen­end-India­ner“ oder „Frei­zeit-India­ner“, die – teil­wei­se in Ver­ei­nen orga­ni­siert – ver­klei­det in Wäl­dern, an Flüs­sen und Seen ein Aus­stei­ger­le­ben zele­brie­ren. Dabei erin­nern die Insze­nie­run­gen eher an Karl May als an tat­säch­li­che All­tags­rea­li­tä­ten auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent. Fik­tio­na­le Ideen wer­den durch der­ar­ti­ge Pra­xen auf den Stand der Wahr­heit erho­ben und über­de­cken mehr­di­men­sio­na­le­re Reprä­sen­ta­tio­nen indi­ge­ner Völ­ker. Des­halb hät­ten wir uns für die Über­set­zung von Lui­sel­lis Roman gewünscht, dass sie spe­zi­fisch bleibt – wie der Ausgangstext.

Die­se Schwie­rig­kei­ten, die das Über­set­zen von poli­tisch sen­si­blen Tex­ten mit sich bringt, fällt uns bei der Arbeit für poco.lit. immer wie­der auf. Es han­delt sich um kon­kre­te Über­set­zungs­bei­spie­le, die eini­ges dar­über ver­ra­ten, wie der aktu­el­le Stand der Dis­kur­se über Zuge­hö­rig­keit, Race, Geschlecht, Sexua­li­tät usw. ist, und bei genau­em Hin­schau­en auch, wie unter­schied­lich die­se Dis­kur­se in ver­schie­de­nen Län­dern geführt werden.

Race – von Bio­lo­gie zu sozia­ler Konstruktion

In Deutsch­land gewin­nen in letz­ter Zeit die Debat­ten über den Begriff Ras­se an Sicht­bar­keit, nicht zuletzt in der Dis­kus­si­on über die Strei­chung des Begriffs aus dem Grund­ge­setz. So über­rascht es nicht, dass Reni Eddo-Lod­ges hoch­ge­lob­tes Buch Why I’m No Lon­ger Tal­king to White Peop­le About Race, das 2019 in der deut­schen Über­set­zung von Anet­te Gru­be als War­um ich nicht län­ger mit Wei­ßen über Haut­far­be spre­che erschien, schnell zu einem Best­sel­ler wur­de. Viel­leicht gab es Leser:innen, die erleich­tert waren, dass in der Über­set­zung die­ses ras­sis­mus­kri­ti­schen Tex­tes das Race im Titel nicht mit Ras­se über­setzt wur­de, denn im deutsch­spra­chi­gen Dis­kurs ent­springt das Kon­zept von Ras­se einer Geschich­te des „wis­sen­schaft­li­chen“ Ras­sis­mus. Wäh­rend der deut­schen Kolo­ni­al­be­stre­bun­gen und des Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­such­ten Wis­sen­schaft­ler wie­der­holt Ras­se als legi­ti­me, wis­sen­schaft­li­che Kate­go­rie zur Unter­schei­dung von Men­schen zu ver­an­kern. Kon­kret bedeu­tet das, dass sie Kör­per­tei­le und Kno­chen ver­ma­ßen, um die Exis­tenz von ver­schie­de­nen bio­lo­gi­schen Men­schen­ras­sen – die es selbst­ver­ständ­lich nicht gibt – zu bewei­sen. Ziel war es, zu recht­fer­ti­gen, dass wei­ße Men­schen Schwar­ze Men­schen und Men­schen of Color aus­beu­ten oder sogar umbrin­gen konn­ten. Die­ser pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Ras­sis­mus gilt mitt­ler­wei­le als ent­larvt. Heu­te in Bezug auf Men­schen von Ras­se zu spre­chen, löst bei vie­len in Deutsch­land regel­rech­tes Unbe­ha­gen aus. Doch Race mit Haut­far­be zu über­set­zen, wie im Fall von Reni Eddo-Lod­ges Buch, bringt ähn­li­che Pro­ble­me mit sich.

Der eng­li­sche Begriff Race war zwar in der anglo­pho­nen Welt eben­falls wäh­rend der Kolo­ni­al­ge­schich­te eng mit einem sci­en­ti­fic racism ver­bun­den, er ist aber inzwi­schen Teil eines ras­sis­mus­kri­ti­schen Dis­kur­ses gewor­den, der ras­si­fi­zier­te Zuschrei­bun­gen als sozia­le Kon­struk­ti­on aner­kennt. Das eng­li­sche Race hat sich also von den bio­lo­gi­schen Asso­zia­tio­nen, die an den Begrif­fen Ras­se oder Haut­far­be haf­ten, ent­fernt. Wie Race als selbst­kri­ti­sches Kon­zept fun­giert, zeigt sich bei­spiel­haft in Fati­ma El-Tay­ebs Buch Anders Euro­pä­isch: Ras­sis­mus, Iden­ti­tät und Wider­stand im ver­ein­ten Euro­pa. El-Tay­eb hat das Buch auf Eng­lisch geschrie­ben und in Zusam­men­ar­beit mit Jen­ni­fer Sophia Theo­dor selbst ins Deut­sche über­setzt. Sie beschreibt im Eng­li­schen ein euro­päi­sches Nar­ra­tiv von „racel­ess­ness“, das Euro­pa für eine Selbst­dar­stel­lung nutzt, die ein Bild des Kon­ti­nents als einen Ort ohne Race-Pro­blem und damit ohne Ras­sis­mus erschafft. Das fol­gen­de Über­set­zungs­bei­spiel ver­deut­licht die Ver­schie­den­heit der Race-Dis­kur­se im anglo­pho­nen und deut­schen Sprachraum:

This is how racel­ess­ness pro­du­ces haun­ting. (Euro­pean Others: Quee­ring Eth­ni­ci­ty in Post­na­tio­nal Euro­pe 6)

So pro­du­ziert die Vor­stel­lung von ‚Ras­sen­lo­sig­keit‘ bzw. Ras­sis­mus­lo­sig­keit eine Heim­su­chung. (78)

Dass das eng­li­sche racel­ess­ness in der deut­schen Aus­ga­be mit „Ras­sen­lo­sig­keit” bzw. „Ras­sis­mus­lo­sig­keit” über­setzt wur­de, zeigt, dass das, was im Eng­li­schen schon als ras­sis­mus­kri­ti­sches Kon­zept fun­giert, im Deut­schen expli­zit als sol­ches erklärt wer­den muss. In Deutsch­land gab es kei­nen dis­kur­si­ven Racial Turn und das Über­set­zungs­pro­blem zieht sich in Bezug auf einen gro­ßen Teil des Voka­bu­lars rund um Race durch. Brit Ben­netts Roman The Vanis­hing Half, aus dem Eng­li­schen über­setzt von Isa­bel Bog­dan und Robin Detje, beschäf­tigt sich bei­spiels­wei­se mit der light­ness eini­ger zen­tra­ler Cha­rak­te­re. In der 2020 erschie­ne­nen deut­schen Über­set­zung Die ver­schwin­den­de Hälf­te wird dies mit Hell­häu­tig­keit über­setzt. Wie bei dem Begriff Race ent­steht mit der Über­set­zung eine bio­lo­gi­sche Bedeu­tung, die es im Ori­gi­nal so nicht gibt.

Im Fal­le von Race wird immer häu­fi­ger die Ent­schei­dung getrof­fen, den eng­li­schen Begriff bei­zu­be­hal­ten – wie wir es in die­sem Arti­kel tun. Es ist sicher­lich noch kei­ne per­fek­te Lösung, aber sie repro­du­ziert immer­hin die bio­lo­gi­schen Kon­no­ta­tio­nen ande­rer gän­gi­ger Vor­schlä­ge nicht. Für light­ness scheint es aktu­ell noch kei­ne bes­se­re Lösung zu geben – wür­de es mit Leich­tig­keit über­setzt, wür­de nie­mand ver­ste­hen, wor­um es geht. Eine lösungs­ori­en­tier­te Her­an­ge­hens­wei­se bedeu­tet zunächst eine Abwä­gung von Prio­ri­tä­ten, bis sich neue krea­ti­ve Lösun­gen fin­den und rele­van­te Dis­kur­se wei­ter­ent­wi­ckelt haben. Für eine gelun­ge­ne Abwä­gung ist es natür­lich wich­tig, dass Über­set­zen­de die poli­tisch sen­si­blen Dimen­si­on bestimm­ter Begrif­fe im Blick haben. Die­se Arbeit ist selbst poli­tisch, da es fast immer meh­re­re Über­set­zungs­op­tio­nen gibt – ent­spre­chend drückt es auch eine Hal­tung aus, sich nicht mit den Optio­nen zu beschäftigen.

Gen­dern – von poli­ti­schen und ästhe­ti­schen Entscheidungen

Die Rezen­sio­nen und Essays, die wir auf poco.lit. ver­öf­fent­li­chen, han­deln inhalt­lich oft von Kolo­nia­lis­mus und Ras­sis­mus. Das Ziel unse­res Online-Maga­zins ist es, auf Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men auf­merk­sam zu machen und dies mög­lichst dis­kri­mi­nie­rungs­frei zu tun. Wenn wir Tex­te auf Deutsch schrei­ben oder eng­li­sche Tex­te ins Deut­sche über­set­zen, stellt sich natür­lich die Fra­ge des Gen­derns. Als gram­ma­ti­ka­lisch geschlechts­spe­zi­fi­sche Spra­che macht es das Deut­sche einem nicht leicht, sich kon­se­quent geschlech­ter­ge­recht aus­zu­drü­cken. Übersetzer:innen wer­den immer wie­der vor die Ent­schei­dung gestellt, ob sie Sub­stan­ti­ve ins gene­ri­sche Mas­ku­li­num, gen­der­in­k­lu­siv oder gen­der­frei über­set­zen: Wird aus „Dear Rea­der“ „Lie­ber Leser“, „Lie­be Leser:innen“, „Lie­be Lesende“?

Bei Roma­nen wird es inhalt­lich selbst­ver­ständ­lich weit­aus kom­ple­xer: Wir hat­ten im April 2021 die Gele­gen­heit mit Anna­bel Assaf genau dar­über in Bezug auf ihre Über­set­zung von Akwae­ke Eme­zis Roman Der Tod des Vivek Oji zu spre­chen. Der Tod des Vivek Oji ist ein Roman, in dem es bewusst um die Infra­ge­stel­lung von prä­skrip­ti­ven Geschlech­ter­rol­len geht. Eine Pro­no­me­n­ver­schie­bung in einer Sze­ne gegen Ende des Romans ist von zen­tra­ler Bedeu­tung: ein he ändert sich zu einem she. Die betref­fen­de Figur wird als my cou­sin bezeich­net, aber die Geschlechts­neu­tra­li­tät die­ses Begriffs ist in der deut­schen Über­set­zung nicht auf­recht­zu­er­hal­ten, so dass Assaf sich zwi­schen Cou­si­ne und Cou­sin ent­schei­den muss­te. Als die Erzähl­stim­me ein­mal she ver­wen­det, ent­schei­det sich Assaf fort­an für Cou­si­ne. Doch der Pro­no­me­n­wech­sel ist in der deut­schen Über­set­zung um eini­ges auf­fäl­li­ger gewor­den als im Aus­gangs­text. Assaf tausch­te sich über den sprach­li­chen Umgang mit Tran­s­i­den­ti­tä­ten in ihrer Über­set­zungs­com­mu­ni­ty aus und wäg­te die ver­schie­de­nen Mei­nun­gen mit ihrer eige­nen ab. Sie ent­schied sich, dass sie kei­ne Dis­kur­se in das Buch hin­ein­schrei­ben woll­te, die dort nicht schon vor­han­den waren. Mir­jam Nuen­ning, die Über­set­ze­rin des 2016 im w_orte und meer Ver­lag erschie­ne­nen Romans Kind­red – Ver­bun­den von Octa­via But­ler, wähl­te eine ähn­li­che Her­an­ge­hens­wei­se. Nuen­ning ent­schied sich dage­gen, das Wort Skla­ve gen­der­in­k­lu­siv zu for­mu­lie­ren, weil sie den im Roman dar­ge­stell­ten wei­ßen Men­schen, die die­ses Wort benut­zen, kei­ne Sen­si­bi­li­tät für Gen­der­viel­falt andich­ten wollte.

Über­set­zen ist eine kom­pli­zier­te Arbeit und Literaturübersetzer:innen beschäf­ti­gen sich nicht nur mit den poli­ti­schen Nuan­cen der Tex­te, die sie über­set­zen, son­dern auch mit der Ästhe­tik. Assaf hät­te bei­spiels­wei­se über­le­gen kön­nen, in dem Roman durch­weg mein:e Cousin:e zu schrei­ben. Aber abge­se­hen davon, dass die­se Ent­schei­dung inhalt­lich zu viel vor­weg­ge­nom­men hät­te, hät­te es den Text ver­län­gert, sper­rig und schwer­fäl­lig gemacht. Ob sich Übersetzer:innen für das gene­ri­sche Mas­ku­li­num, gen­der­freie oder gen­der­in­k­lu­si­ve Vari­an­ten ent­schei­den, hängt von vie­len inhalt­li­chen, poli­ti­schen und ästhe­ti­schen Fak­to­ren ab. Eins ist klar: Übersetzer:innen machen sich in jedem Fall angreif­bar. Den­noch müs­sen sie ihre Über­set­zun­gen irgend­wann abge­ben, auch wenn sie über bestimm­te Begrif­fe und Aus­drü­cke noch lan­ge nach­den­ken könn­ten. So besteht die Not­wen­dig­keit für prag­ma­ti­sche Ent­schei­dun­gen für die Ver­öf­fent­li­chung. Assaf erklär­te uns aber, dass sie auch nach Erschei­nen ihrer Über­set­zung noch offen für Feed­back ist und dass – in beson­ders drin­gen­den Fäl­len – die Opti­on exis­tiert, wei­te­re Auf­la­gen der über­setz­ten Bücher anzu­pas­sen. Zusätz­lich füh­ren Dis­kurs­ver­schie­bun­gen und sprach­li­che Wei­ter­ent­wick­lun­gen hin und wie­der dazu, dass Neu­über­set­zun­gen in Erwä­gung gezo­gen wer­den soll­ten – für Octa­via But­lers Kind­red erschien vor Mir­jam Nuen­nings Über­set­zung bereits 1983 eine von Peter Rum­mel mit dem Titel Vom glei­chen Blut bei Bas­tei Lübbe.

macht.sprache. – von Aus­tausch und gegen­sei­ti­ger Unterstützung

Bei unse­rer Arbeit für poco.lit. mer­ken wir immer wie­der, dass uns der Aus­tausch unter­ein­an­der hilft, Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Außer­dem ent­wi­ckeln wir uns wei­ter: Zu Beginn haben wir auf der Platt­form mit Stern­chen gegen­dert, mitt­ler­wei­le nut­zen wir den Dop­pel­punkt, da wir gelernt haben, dass die­ser von Screen­rea­dern bes­ser vor­ge­le­sen wer­den kann. Wir stre­ben danach poli­ti­sche Sen­si­bi­li­tät in unse­re Über­set­zungs­ar­beit und Redak­ti­on zu inte­grie­ren und dabei Schritt für Schritt inter­sek­tio­na­ler zu werden.

Da wir von dem Aus­tausch unter­ein­an­der pro­fi­tie­ren, haben wir beschlos­sen, unse­re Dis­kus­sio­nen wei­ter zu öff­nen. Seit Anfang 2021 füh­ren wir das Pro­jekt macht.sprache. durch, das vom Ber­li­ner Senat geför­dert wird. macht.sprache. wird eine App ent­wi­ckeln, um poli­tisch sen­si­bles Über­set­zen zwi­schen den Spra­chen Eng­lisch und Deutsch zu för­dern. Die Umset­zung geschieht in drei Pha­sen: 1. Sam­meln und Dis­ku­tie­ren von Begrif­fen und Über­set­zungs­bei­spie­len. 2. Öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen mit Expert:innen. 3. Ent­wick­lung einer Open Source Übersetzungshilfe.

In der ers­ten Pha­se, die gera­de statt­fin­det, sind Inter­es­sier­te ein­ge­la­den, sich auf der Platt­form machtsprache.de zu betei­li­gen: Gute und schlech­te Über­set­zungs­bei­spie­le sen­si­bler Begrif­fe aus Büchern, Fil­men, Thea­ter­tex­ten, etc. wer­den gesam­melt, sor­tiert, dis­ku­tiert und bewer­tet. Inter­es­sier­te kön­nen sich auf macht.sprache. anmel­den, ihr Wis­sen ein­brin­gen und Neu­es ler­nen. Die zwei­te Pha­se – die sich zeit­lich teil­wei­se mit der ers­ten über­schnei­det – beinhal­tet Dis­kus­si­ons­for­ma­te in Form von öffent­li­chen Online-Events mit Sprecher:innen, deren Exper­ti­se und Pra­xis­er­fah­run­gen die Dis­kus­si­on berei­chern und ver­tie­fen. Bei unse­rem ers­ten Event durf­ten wir bereits mit Mir­jam Nuen­ning und der Ber­li­ner Key­note-Red­ne­rin Dr. Michae­la Dud­ley, einer mehr­spra­chi­gen Jour­na­lis­tin und Juris­tin mit afro­ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln, über poli­tisch sen­si­bles Über­set­zen sprechen. 

Unse­re nächs­te Ver­an­stal­tung fin­det am 4. Juni als Teil des Fes­ti­vals Offe­nes Neu­kölln und in Koope­ra­ti­on mit dem Pro­jekt Arti­fi­cial­ly Cor­rect des Goe­the-Insti­tuts statt. Die ein­ge­la­de­nen Sprecher:innen sind Lann Horn­scheidt und Şey­da Kurt. Lann Horn­scheidt han­delt sprach­ak­ti­vis­tisch und dis­kri­mi­nie­rungs­kri­tisch – im Unter­rich­ten und bei Vor­trä­gen, im Tex­ten und Lek­to­rie­ren, in der Ver­lags­ar­beit und im immer wie­der neu For­mu­lie­ren. Şey­da Kurt ist freie Jour­na­lis­tin, Mode­ra­to­rin und Autorin, die außer­dem Work­shops zu dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­blem Spre­chen anbie­tet. Von Dis­kri­mi­nie­rung Betrof­fe­ne, Übersetzer:innen, Kul­tur­schaf­fen­de, Expert:innen und an Sprach­in­ter­es­sier­te betei­li­gen sich. Das kol­lek­ti­ve Wis­sen fließt in ein kura­tier­tes Über­set­zungs­tool ein, das im Novem­ber 2021 fer­tig wer­den soll. Text­aus­schnit­te kön­nen in die Über­set­zungs­hil­fe kopiert wer­den, es fin­det poten­ti­ell sen­si­ble Begrif­fe und zeigt Über­set­zungs­op­tio­nen und Erläu­te­run­gen an. Es wird als frei zugäng­li­che Wis­sens­quel­le die­nen, aber den Nutzer:innen die Über­set­zungs­ent­schei­dung selbst über­las­sen. Da es ein Open Source Tool wird, hof­fen wir, dass auch ande­re die Idee nut­zen und weiterentwickeln.

Wir laden euch herz­lich ein, auf macht.sprache. mit­zu­dis­ku­tie­ren und unser nächs­tes Event auf Zoom zu besuchen.

VERANSTALTUNG

macht.sprache. & Arti­fi­cial­ly Cor­rect:
Dis­kus­si­on mit Lann Horn­scheidt und Şey­da Kurt

04.06.2021 um 19:30 CET via ZOOM
Zur Regis­trie­rung geht es hier.

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