Mit Mai­glöck­chen und Zahn­bürs­te im Gepäck?

Zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ entdecken wir hebräische Literatur in Deutschland einst und jetzt – denn Berlin ist wieder ein literarisch-kulturelles Zentrum geworden.

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Detail einer hebräischen Handschrift (aus David Vogels Roman Eine Wiener Romanze, übersetzt von Ruth Achlama). Quelle: Gnazim – Archive of Hebrew Writers, Tel Aviv

Hebrä­isch in Bewe­gung zwi­schen Euro­pa und Erez Israel

Drei typi­sche Ein­zel­fäl­le: Sho­ham, Len­sky, Elischeva

Wer sich mit den Anfän­gen moder­ner hebräi­scher Lite­ra­tur Ende des 19., Anfang des 20. Jahr­hun­derts befasst, wid­met sich einer Mino­ri­tät von Autorin­nen und Autoren, die durch ihr indi­vi­du­el­les Schaf­fen und kul­tu­rel­les Enga­ge­ment das Wie­der­erste­hen der hebräi­schen Spra­che mög­lich gemacht haben. Die­se „Men­ta­li­tät des Ran­des“, also das Bewusst­sein, in einer „klei­nen Spra­che“ (mit „gro­ßer Bedeu­tung“ – schließ­lich ist einer der wirk­mäch­tigs­ten Welt­tex­te über­haupt, der Haupt­teil der Bibel, in Hebrä­isch ver­fasst) bleibt auch in der Gegen­wart spür­bar: Hebrä­isch Schrei­ben­de wir­ken inmit­ten eines Rei­gens gera­de­zu über­mäch­ti­ger ande­rer Spra­chen wie etwa Eng­lisch, Rus­sisch, Deutsch, Fran­zö­sisch oder Ara­bisch. Die Zer­streu­ung hebräi­scher Kul­tur­zen­tren über die ver­schie­de­nen Län­der Euro­pas und der ara­bi­schen Welt begann mit der Zer­stö­rung des Zwei­ten Tem­pels in Jeru­sa­lem 70 n. Chr. durch die Römer (eine gra­fi­sche Dar­stel­lung die­ser „Dis­tri­bu­ti­on of Hebrew Poe­try“ fin­det man in dem Stand­werk Hebrew Ver­se, Pen­gu­in Books 1981, einer von dem israe­li­schen Dich­ter T. Car­mi her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie hebräi­scher Dich­tung von der Bibel bis in die Moder­ne). Erst im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts wur­de das Hebräi­sche im Zuge des Zio­nis­mus, der einen jüdi­schen Staat in Paläs­ti­na mit Jeru­sa­lem als Haupt­stadt anstreb­te, zu einer Natio­nal­spra­che, die in allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen regiert und nicht allein dem reli­giö­sen Leben vor­be­hal­ten bleibt.

Die ers­ten hebräi­schen Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler stam­men über­wie­gend aus Ost­eu­ro­pa; der Anteil bedeu­ten­der Frau­en ist hier übri­gens ver­gleichs­wei­se groß. Drei Per­sön­lich­kei­ten möch­te ich hier skiz­zie­ren, weil sie bei­spiel­haft für vie­le ande­re Lebens­läu­fe der frü­hen hebräi­schen Lite­ra­tur ste­hen. Matit­ja­hu Sho­ham etwa (War­schau, 1893–1937) gehör­te einem hebrä­isch schrei­ben­den Zir­kel in War­schau an; von einer Sehn­sucht nach dem Nahen Osten erfüllt, sie­del­te er 1930 tat­säch­lich nach Paläs­ti­na über. Aus ver­schie­de­nen Grün­den jedoch konn­te er sich gesell­schaft­lich im Land nicht inte­grie­ren und kehr­te bereits andert­halb Jah­re spä­ter des­il­lu­sio­niert nach War­schau zurück. In sei­ner Paläs­ti­na-Zeit voll­ende­te Sho­ham sein berühm­tes­tes, bibli­sches Thea­ter­stück Zor wi-Jeru­scha­la­jim (Tyros und Jeru­sa­lem), in dem sich Göt­zen­dienst und der Glau­be an den einen Gott JHWH, ver­kör­pert von Köni­gin Ise­bel und dem Pro­phe­ten Elia, gegen­über­ste­hen. Das vom Natio­nal­dich­ter Chaim Nach­man Bia­lik gelob­te Stück wur­de 1933 mit dem Isra­el-Preis aus­ge­zeich­net. 2003 brach­te der Regis­seur Yos­si Yis­rae­li den bear­bei­te­ten Text im Beit Les­sin Thea­ter in Tel Aviv als musi­ka­li­sches Thea­ter­stück auf die Bühne.

Von dem Dich­ter und Über­set­zer Chaim Len­sky (1905, Slonim-1943, Sowje­ti­sches Arbeits­la­ger) erschien erst 2006 im Ver­lag Mos­ad Bia­lik in Jeru­sa­lem eine Aus­ga­be sei­ner gesam­mel­ten Gedich­te (hg., ein­ge­lei­tet und mit Anmer­kun­gen ver­se­hen von Ver­ed Ari­el-Naha­ri). Ange­sichts die­ser Fül­le an hebräi­schen Gedich­ten zieht sich einem das Herz zusam­men: Es sind zum Groß­teil lyri­sche, durch Reim und Metrik gebun­de­ne Ver­se, die zugleich aus der Kennt­nis der euro­päi­schen Lite­ra­tu­ren wie auch aus dem Reser­voir der bibli­schen und nach­bi­bli­schen Dich­tung schöp­fen. Unter vie­len Tex­ten sind Datum und Ort ihres Ent­ste­hens notiert: 1933, Lenin­grad, Sibi­ri­en. Und das ist eben das Wun­der: dass die­se hebräi­schen Ver­se fern von Paläs­ti­na, lan­ge vor der Grün­dung des Staa­tes Isra­el geschrie­ben wur­den. Len­sky leb­te seit 1925 in Lenin­grad. 1934 wur­de er für fünf Jah­re inhaf­tiert und muss­te „for the crime of wri­ting in Hebrew“1 Zwangs­ar­beit ver­rich­ten, spä­ter kam er in ein sibi­ri­sches Arbeits­la­ger. Mit dem Jahr 1942 ver­liert sich sei­ne Spur; er starb offen­sicht­lich in einem Arbeits­la­ger in Kansk.

Eli­sche­va Bichovs­ky (1888, Rya­zan-1949, Tibe­ri­as) ist als nicht­jü­di­sche Schrift­stel­le­rin in hebräi­scher Spra­che eine sel­te­ne Aus­nah­me; sie schrieb vor allem Gedich­te, aber auch einen Roman, Essays sowie Lite­ra­tur­kri­ti­ken und über­setz­te aus dem Rus­si­schen. 1920 hei­ra­te­te sie ihren ers­ten Hebräisch­leh­rer, den zio­nis­ti­schen Akti­vis­ten Sime­on Bichovs­ky. Im Win­ter des Jah­res 1925 emi­grier­te das Paar mit der 1924 gebo­re­nen Toch­ter Miri­am nach Paläs­ti­na und ließ sich in Tel Aviv nie­der. Kos keta­na (Eine klei­ne Tas­se, 1926) und Sim­ta­ot (Gas­sen, 1929) war der ers­te Lyrik­band bzw. der ers­te Roman aus Frau­en­hand, der in Paläs­ti­na erschien. Beim Blät­tern und Lesen in Kos keta­na ist es ähn­lich wie bei Len­sky: Das Herz zieht sich zusam­men vor Glück und Stau­nen dar­über, dass die­se hebräi­schen Ver­se in der Welt sind (die über­wie­gend noch in Mos­kau ent­stan­den). Weil sie so gefähr­det waren; und weil es zu die­ser Zeit nicht bücher­kis­ten­wei­se davon gab, son­dern gera­de­zu zähl­ba­re „Ein­zel­fäl­le“ ver­schie­de­ner Autorin­nen und Autoren, die oft­mals aus schein­bar unver­ständ­li­chen Grün­den dar­auf beharr­ten, fort­an nur noch auf Hebrä­isch zu schreiben. 

Hebräi­sches Schrei­ben in Deutsch­land einst und jetzt

In Lea Gold­bergs post­hum ver­öf­fent­lich­ten Roman Ver­lus­te – Anto­nia gewid­met (Arco 2016, in mei­ner Über­set­zung) strei­tet sich der Prot­ago­nist Jehu­da Elchanan Kron mit sei­ner Schwes­ter Nina über die Renais­sance der hebräi­schen Spra­che. Kron lebt in den 30er Jah­ren als hebräi­scher Dich­ter in Ber­lin, Nina ist zu Besuch aus Moskau:

»Du schreibst also immer noch Gedich­te, Nan?«, woll­te die Schwes­ter schließ­lich wis­sen.
»Der Kern mei­ner Arbeit.«
»Und die ernährt dich anstän­dig und aus­rei­chend?«
»Ja.« (In sol­chen Fäl­len lügt man bes­ser!)
»Und das lesen auch vie­le? Ich mei­ne, in die­ser Spra­che?«
»Ja, natür­lich.«
»Komisch!« sag­te sie und brum­mel­te vor sich hin: »›Bereschit bara‹, nein, bei mei­ner See­le! Ich kann mir nicht vor­stel­len, wie man in die­ser ver­que­ren Über­set­zung schrei­ben kann? Ist doch tot die­se Spra­che, Nan? Sehr ver­quer! Wie soll man bit­te in die­ser Spra­che was füh­len! Die wickelt mich nie um den Fin­ger!«
»Ich kann jetzt nicht mehr auf Rus­sisch füh­len, Nina« (Ver­lus­te, S.146).

Ja, es hat­te etwas Revo­lu­tio­nä­res und Wider­spens­ti­ges, als sich Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf den Fun­da­men­ten einer jahr­tau­sen­de­al­ten Spra­che eine neue hebräi­sche Lite­ra­tur for­mier­te – in euro­päi­schen Metro­po­len wie Mos­kau, War­schau, Lon­don, Paris und allen vor­an Ber­lin. Die gegen­wär­ti­ge hebräi­sche Lite­ra­tur­sze­ne Ber­lins kann auf eine ehr­wür­di­ge Tra­di­ti­on zurück­schau­en: Neben Lea Gold­berg leb­ten und arbei­te­ten eine Zeit­lang auch lite­ra­ri­sche Grö­ßen wie etwa Saul Tscher­ni­chow­ski, Uri Zvi Grin­berg und Samu­el Agnon in der deut­schen Haupt­stadt. Tscher­ni­chow­ski ist übri­gens einer der weni­gen Dich­ter der frü­hen hebräi­schen Lite­ra­tur, der nun auch auf Deutsch zu lesen ist (in der Über­set­zung von Jörg Schul­te: Dein Glanz nahm mir die Wor­te, Ber­lin: Edi­ti­on Ruge­rup 2020). Als Ende Novem­ber 2020 im Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um Ber­lin vir­tu­ell das Para­ta­xe Sym­po­si­um VII. Nah­ost Ber­lin. Die lite­ra­ri­sche Midd­le East Uni­on statt­fand, bün­del­te Tal Hever Chy­bow­ski die­se Tra­di­ti­on des dia­spo­ri­schen Hebrä­isch in Ber­lin in sei­ner Nah­ost­ber­lin Key­note

Im Fol­gen­den möch­te ich zumin­dest eini­ge Namen und Initia­ti­ven nen­nen, wel­che die gegen­wär­ti­ge hebräi­sche Sze­ne Ber­lins maß­geb­lich gestal­ten. Mati She­moelof und Hila Amit, die gemein­sam das eben erwähn­te Nah­ost­Ber­lin-Sym­po­si­um kura­tiert haben, set­zen sich, seit sie in Ber­lin leben, ver­stärkt mit ihrer miz­ra­chi­schen Iden­ti­tät, ihren Wur­zeln in ara­bisch­spra­chi­gen Län­dern des Nahen Ostens aus­ein­an­der. Mati She­moelofs Fami­lie stammt aus Bag­dad, er bezeich­net sich selbst als ara­bisch-jüdi­schen Dich­ter. Die Geschich­te sei­ner Migra­ti­on erzählt er in sei­nem Gedicht­band Bag­dad Hai­fa Ber­lin (in der Über­set­zung von Jan Küh­ne, Ber­lin: Apho­ris­ma 2019). Anfang des Jah­res 2021 erschien Hapras (Der Preis), sein ers­ter Roman über einen israe­li­schen Schrift­stel­ler mit ara­bi­schen Wur­zeln in Ber­lin. Hila Amit wid­met sich in ihrem Debüt Meo­schri wahal’a (Moving on from Bliss, 2016) mit Kurz­ge­schich­ten dar­über hin­aus Gen­der­fra­gen und quee­ren Lebens­ent­wür­fen; 2018 kam in eng­li­scher Spra­che die Stu­die A Queer Way Out – The Poli­tics of Queer Emi­gra­ti­on from Isra­el her­aus. Als aus­ge­bil­de­te Hebrä­isch-Leh­re­rin hat sie außer­dem ein neu­ar­ti­ges Lehr­buch ent­wi­ckelt, Hebrä­isch für alle. Von der Spra­che zur Viel­falt, das erst­mals unter­schied­li­che Geschlech­ter­iden­ti­tä­ten und Kon­stel­la­tio­nen des Zusam­men­le­bens por­trä­tiert. Gemein­sam mit Mati She­moelof ist sie Initia­to­rin und Mit­glied von Anu. Jews and Arabs wri­ting in Ber­lin; Mati She­moelof hat zudem die Grup­pe Poe­tic Haf­la begrün­det, die Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen und Per­for­man­ces orga­ni­siert; auch hier ist das Ziel, israe­lisch-jüdisch-ara­bisch-paläs­ti­nen­sisch-deut­schen Begeg­nun­gen einen Rah­men zu geben.

Tal Hever-Chy­bow­ski lebt zwi­schen Paris und Ber­lin; er ist Direk­tor des Mai­son de la cul­tu­re yid­dish und bie­tet mit Yid­dish in Ber­lin Sprach­kur­se an. Dane­ben ist er Her­aus­ge­ber der ers­ten moder­nen Lite­ra­tur­zeit­schrift für dia­spo­ri­sches Hebrä­isch Mikan we’eilach, in der Essays, Pro­sa und Poe­sie hebrä­isch schrei­ben­der Autorin­nen und Autoren erschei­nen, die nicht in Isra­el leben. Eine wei­te­re wich­ti­ge Insti­tu­ti­on für Ver­an­stal­tun­gen rund um hebräi­sche Lite­ra­tur und Kul­tur ist die von der Autorin und Künst­le­rin Michal Zamir geführ­te Hasi­f­ri­ya Ber­lin (Hebräi­sche Büche­rei Ber­lin), eine Kom­bi­na­ti­on aus lite­ra­ri­schem Salon in Ber­lin-Wil­mers­dorf und wach­sen­der Biblio­thek für in Ber­lin leben­de Israe­lis. Auf der Sei­te der Hebräi­schen Büche­rei gibt es mit dem Online-Maga­zin für Pro­sa und Lyrik (Magasin meku­wan lesi­f­rut ule­schi­ra) auch ein wach­sen­des Textarchiv. 

Tat­säch­lich leben eini­ge nam­haf­te israe­li­sche Autorin­nen und Autoren vor­über­ge­hend oder dau­er­haft in Ber­lin. Eini­ge schrei­ben aus­schließ­lich auf Hebrä­isch, ande­re dane­ben oder sogar haupt­säch­lich auch auf Deutsch oder Eng­lisch. Der Wunsch, über­setzt zu wer­den, erscheint mir bei Autorin­nen und Autoren, die „im selbst gewähl­ten Exil“ wei­ter­hin in ihrer Mut­ter­spra­che schrei­ben, oft­mals noch grö­ßer. Denn Über­set­zung ist die Vor­aus­set­zung, um in zwei Län­dern und zwei Lite­ra­tur­be­trie­ben gleich­zei­tig agie­ren zu kön­nen. Hebräi­sche Bücher erschei­nen ja wei­ter­hin zunächst in Isra­el (zumin­dest bis jetzt – denn Plä­ne, ein oder viel­leicht sogar gleich meh­re­re hebräi­sche Ver­lags­häu­ser in Ber­lin zu grün­den, lie­gen durch­aus in der Luft). Des­halb haben Online-Stores für hebräi­sche E‑Books wie E‑vrit eine gro­ße Bedeutung. 

Der wohl bekann­tes­te israe­li­sche Autor in Ber­lin ist der­zeit Tomer Gar­di. Mit dem Roman Bro­ken Ger­man (Graz: Dro­schl 2016) nahm er 2016 am Inge­borg-Bach­mann-Preis teil. Sei­nen zwei­ten Roman Sonst krie­gen Sie Ihr Geld zurück (in der Über­set­zung von Anne Bir­ken­hau­er, 2019) schrieb er wie­der­um auf Hebrä­isch. Eben­falls zu den bereits ins Deut­sche über­setz­ten Autoren zählt Ron Segal; sein ers­ter Roman Jeder Tag wie heu­te erschien 2014 bei Wall­stein (in der Über­set­zung von Ruth Ach­la­ma); im April 2021 folg­te bei Seces­si­on Kat­zen­mu­sik (in der Über­set­zung von Mar­kus Lem­ke). Dar­über hin­aus gibt es wei­te­re auf­re­gen­de, bis­her nicht über­setz­te hebräi­sche Pro­sa in Ber­lin zu ent­de­cken: So hat Yael Dean Ben-Ivri mit Gilad (2019) eine packen­de Novel­le geschrie­ben, in der eine schwan­ge­re Frau nach dem Unfall­tod ihres Freun­des die gemein­sa­me Toch­ter zunächst als Jun­gen groß­zieht. Die­ser Schick­sals­schlag zwingt sie, sich erneut mit der Geschich­te ihres eige­nen Vaters zu kon­fron­tie­ren, der die Mut­ter bei ihrer Geburt ver­ließ. Oder Amir Naa­man, der mit Jon­kei had­vasch (The Hum­ming­birds) (2020) das Gen­re der Gothic Novel ins Hebräi­sche ein­führt; Prot­ago­nist die­ses schlan­ken Romans mit ero­ti­schen, hor­ror­haf­ten Ele­men­ten ist ein in Ber­lin leben­der Israe­li, schwu­ler Sex­ar­bei­ter und lei­den­schaft­li­cher Leser. Heim­ge­sucht vom Schat­ten einer inni­gen Drei­er­freund­schaft gelangt er schließ­lich zum Haus jener rät­sel­haf­ten hebräi­schen Schrift­stel­le­rin in Lon­don, die damals die Fan­ta­sie der Jun­gen befeu­er­te. Dem­nächst erscheint ein Aus­zug aus dem Roman in mei­ner Über­set­zung im Rah­men des Pro­jekts text­hel­den – Ber­lin setzt über im stadt­spra­chen maga­zin.   

Tomer Dotan-Drey­fus wech­selt als Autor zwi­schen Hebrä­isch und Deutsch; der­zeit arbei­tet er an sei­nem ers­ten Roman in deut­scher Spra­che, Biro­bidschan, der sich mit dem geschei­ter­ten Expe­ri­ment einer jüdi­schen Sied­lung im rus­si­schen Fer­nen Osten aus­ein­an­der­setzt und sich dabei in die Tra­di­ti­on des magi­schen Rea­lis­mus stellt. Mit die­sem Roman  wird er  Deutsch­land 2022 bei der Lon­don Jewish Book Week ver­tre­ten. Seit län­ge­rer Zeit lebt außer­dem der Dich­ter, Über­set­zer und Her­aus­ge­ber Dory Manor in Ber­lin, einer der ein­fluss­reichs­ten Akteu­re der israe­li­schen Lyrik­sze­ne. Zwi­schen 1996 bis 2006 war Paris sei­ne Wahl­hei­mat. Von dort aus rief er mit Ho! eine der wich­tigs­ten israe­li­schen Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten ins Leben. In Paris lern­te er sei­nen Part­ner Mos­he Sakal ken­nen, einen preis­ge­krön­ten hebräi­schen Roman­cier, der nun seit über einem Jahr eben­falls in Ber­lin schreibt. 

Natür­lich gehö­ren auch Dra­ma­ti­ke­rin­nen und Dra­ma­ti­ker zur Lite­ra­tur­sze­ne. Liat Fass­berg etwa schreibt zwar haupt­säch­lich auf Deutsch, ist aber auch wei­ter­hin mit der hebräisch­spra­chi­gen Thea­ter­sze­ne ver­wo­ben. Sie ist eine Kol­le­gin aus dem „Hebräi­schen Komi­tee“ von EURODRAM – Euro­pean net­work for dra­ma in trans­la­ti­on, arbei­tet als Dra­ma­tur­gin und Dra­ma­ti­ke­rin an Pro­jek­ten in Deutsch­land und Isra­el und ist außer­dem Mit­glied der Pathos Mathos Com­pa­ny in Tel Aviv. 2017 gewann sie mit ihrem Stück Etwas kommt mir bekannt vor den Retz­ho­fer Dra­ma­preis sowie 2020 den Gar­gon­za Arts Award in der Kate­go­rie Literatur. 

Wo ein Zen­trum ist, ist auch ein Rand. Und auch die­ser ent­fal­tet sei­ne eige­ne Pro­duk­ti­vi­tät und kul­ti­viert krea­ti­ve Wege, um mit der hebräi­schen Spra­che und ihrer Lite­ra­tur­sze­ne, sowohl in Isra­el als auch in der Dia­spo­ra, Kon­takt zu hal­ten. Auf drei Autorin­nen, die eben­falls auf Hebrä­isch schrei­ben und publi­zie­ren, möch­te ich dar­um an die­ser Stel­le ver­wei­sen: Tali Oka­vi in Kiel, Lou­lou Omer in Wien und ich in Köln. Tali Oka­vi ist zugleich Lyri­ke­rin und Pro­sa­au­torin; zuletzt hat sie die Novel­le Rezuot (Strei­fen, 2017) sowie die Kurz­ge­schich­ten-Samm­lung Blutat hao­s­cher (Glücks­bla­se, 2018) vor­ge­legt. Von Rezuot erschien 2019 im Online-Maga­zin Re:Levant. Das Isra­el Maga­zin – Jeder Mensch hat eine Geschich­te unter dem Titel Sil­ves­ter ein Aus­zug in mei­ner Über­set­zung. Lou­lou Omer arbei­tet mul­ti­dis­zi­pli­när, als Dich­te­rin, Tän­ze­rin und Musi­ke­rin und initi­iert Pro­jek­te, in denen ver­schie­de­ne Küns­te zusam­men­tref­fen. 2019 etwa rea­li­sier­te sie in der MUK – Musik und Kunst Pri­vat­uni­ver­si­tät der Stadt Wien die Per­for­mance Fast ein Wun­der. Re-enac­ting Ger­trud Kraus. Gedich­te publi­zier­te sie u. a. in der erwähn­ten Lite­ra­tur­zeit­schrift für dia­spo­ri­sches Hebrä­isch Mikan we’eilach; sie schreibt auch auf Deutsch und Fran­zö­sisch. Ich selbst schrei­be Lyrik in bei­den Spra­chen, haupt­säch­lich auf Deutsch, aber eben auch auf Hebrä­isch. Mei­ne hebräi­schen Gedich­te sind bis­her hier in Deutsch­land in zwei Antho­lo­gien sowie in Online-Maga­zi­nen in Isra­el (Hamus­sach 4/2020) und Ser­bi­en (Lib­ar­tes 18/30.6.20) erschie­nen. Auch mein zwei­ter Lyrik­band Hio­ba Hymo­re, an dem ich aktu­ell arbei­te und für den mir im April eines der bei­den Die­ter-Wel­lers­hoff-Sti­pen­di­en 2021 des Lite­ra­tur­haus Köln und der Stadt Köln zuge­spro­chen wur­de, wird hebräi­sche Gedich­te ent­hal­ten. Schließ­lich wand­te sich kürz­lich noch ein wei­te­rer jun­ger israe­li­scher Autor an mich, Omri Meshorer-Harim, der in Basel lebt und hebräi­sche Gedich­te schreibt, mit Tal al-mut (Jugend-Tau, 2020) bereits einen eige­nen Gedicht­band publi­ziert hat und Lyrik aus dem Deut­schen übersetzt. 

Geschrie­ben wird immer auch an unver­mu­te­ten, schein­bar ungla­mou­rö­sen Orten. Wir soll­ten uns grund­sätz­lich, umso mehr aber, wenn es um „klei­ne Spra­chen“ geht, auf­merk­sam umschau­en und uns öfter auch nach „off road“ aufmachen. 

Das Zen­trum und die Rän­der einer gro­ßen klei­nen Sprache

„Wer wird mich lesen, wer wird mich lesen kön­nen bzw. wie groß wird mein Leser­kreis sein?“ Das frag­ten sich vor allem die frü­hen hebrä­isch Schrei­ben­den. Als sich die moder­ne hebräi­sche Lite­ra­tur Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in Euro­pa zu ent­fal­ten begann, hat­te der Ver­wand­lungs­pro­zess der hei­li­gen Spra­che des jüdi­schen Vol­kes in eine säku­la­re, trans­na­tio­na­le Spra­che noch eine viel stär­ke­re Bri­sanz. Ein lite­ra­ri­sches Zeug­nis par excel­lence hier­für ist die Figur des Jehu­da Elchanan Kron aus Lea Gold­bergs Roman Ver­lus­te, der bei einem Spa­zier­gang durch das Ber­li­ner Scheu­nen­vier­tel über die Leser­schaft und das Schick­sal sei­ner hebräi­schen Gedich­te nach­sinnt. Der Name der fik­ti­ven Stadt Kas­ri­lev­ke aus dem Roman Fun Kas­ri­lev­ke des jid­di­schen Schrift­stel­lers Scholem Ale­jchem erscheint hier als Arche­typ des elen­den, rück­stän­di­gen Schtetls:

So ging Kron auch jetzt daher, blick­te in die Gesich­ter der Vor­über­ge­hen­den […], und in sei­nem Hirn häm­mer­te die­ser urlängst ver­trau­te Gedan­ke: Was ver­bin­det dich mit denen? Was hast du mit jenen Gestal­ten gemein, die hier an dir vor­über­zie­hen? Die­sel­be his­to­ri­sche Ver­gan­gen­heit? End­los abrol­len­de Lei­dens­ge­schich­ten? Das Grau­en­von Men­schen-ohne-Zuhau­se, die ihre Zuflucht in jenem einen Stück­chen Land sehen? […] Bist du dir nicht gewiss, dass alles, was du schreibst, die Spra­chen­fra­ge ein­mal bei­sei­te­ge­las­sen, ein­deu­tig jedem Goi, der die­sel­be Bil­dung hat wie du und des­sen Ansich­ten den dei­ni­gen ent­spre­chen, viel näher ste­hen und teu­rer sein muss als jedem ein­zel­nen die­ser Söh­ne dei­nes Volks? […] Vor allem doch dies: Dass sie, die­se Cha­jims und Jan­ke­les, dei­nen Namen in Isra­el nicht ken­nen, nichts ahnen von dei­nem in Qua­drat­buch­sta­ben gedruck­ten Namen, trifft dich mehr als die Aus­sichts­lo­sig­keit, dei­ne Gedich­te für dei­ne gebil­de­ten Freun­de und Anhän­ger der Welt­kunst zu über­set­zen … Ja, gera­de weil du so maß­los gekränkt bist, so maß­los ver­letzt bist von der Vor­stel­lung, dass wenn dir, so Gott will, eines Tages eine Leser­schaft ver­gönnt sein wird, sie sein wird wie die­se, der Groß­teil davon, zumin­dest an der Wur­zel, sein wird wie die­se. Du bist ein bin­dungs­lo­ser Intel­lek­tu­el­ler, mein Freund Kron, mein wer­ter Freund Kron, Lehr­ling aller gro­ßen Welt­re­vo­lu­tio­nen. Der Revo­lu­tio­nen und Krie­ge der Welt. Has­sen tust du’s, die­ses Kas­ri­lev­ke – und bist doch ein Teil davon (Ver­lus­te, S. 194 f.).

Ähn­li­che Gedan­ken über das eige­ne künst­le­ri­sche Out­si­der­tum kom­men unge­fähr zur sel­ben Zeit, nur an ande­rem Ort, auch dem hebräi­schen Schrift­stel­ler David Vogel, der zwi­schen Paris und Paläs­ti­na hin und her geris­sen war. Als er in Erez Isra­el, wo er ab 1929 leb­te, aus ver­schie­de­nen Grün­den nicht Fuß fas­sen konn­te, kehr­te er 1940 nach Paris zurück, wo kaum jemand die Spra­che rede­te, in der er dich­te­te; Vogel wur­de 1944 nach Ausch­witz depor­tiert und dort ermor­det. In der von Yair Qedar pro­du­zier­ten Doku­men­tar­film­rei­he Hai­vrim (Die Hebrä­er) hat auch David Vogel ein wun­der­ba­res Por­trät erhal­ten: Ibed Vogel et Vogel (Vogel ver­lor Vogel, Regie: Aye­let Ofa­rim; lei­der ohne eng­li­sche Unter­ti­tel). Eine Aus­le­se mit Gedich­ten von David Vogel und Lea Gold­berg sowie eini­gen ande­ren klas­si­schen hebräi­schen Dich­te­rin­nen und Dich­tern, die bio­gra­phisch mit dem deutsch­spra­chi­gen Kul­tur­kreis ver­bun­den sind, fin­det man übri­gens in der von Gid­don Ticots­ky und Lina Barouch her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie Zukunfts­ar­chäo­lo­gie (2015, bei Vit­to­rio Klostermann).

Ein ers­tes lite­ra­ri­sches Doku­ment für die inne­re Ver­bin­dung und sich aktu­ell neu ent­wi­ckeln­de Anknüp­fung an die­se Tra­di­ti­on sind zwei 2019 publi­zier­te Antho­lo­gien mit hebräi­schen Gedich­ten von Autorin­nen und Autoren, die in Deutsch­land leben und arbei­ten. Neben den Israe­lis sind dar­in auch zwei Deut­sche ver­tre­ten: Hei­ke Wil­ling­ham, die aller­dings selbst nicht auf Hebrä­isch schreibt, und ich. Zwi­schen den Zei­len (im Wie­ner Pas­sa­gen Ver­lag), her­aus­ge­ge­ben von Yael Almog und Michal Zamir, ist ein bilin­gua­ler Band, der weib­li­che Per­spek­ti­ven auf das bio­gra­phi­sche wie künst­le­ri­sche Pen­deln zwi­schen Deutsch­land und Isra­el vor­stellt, und zwar von Hei­ke Wil­ling­ham, Zeha­va Khal­fa, Gun­du­la Schif­fer und Maya Kuper­man. Von den Dich­te­rin­nen bin ich die Ein­zi­ge, die nicht in Ber­lin, son­dern in Köln lebt. Die­ses Buch ist das schö­ne Ergeb­nis einer Begeg­nung und Lesung, die Michal Zamir im Sep­tem­ber 2017 im Jüdi­schen Muse­um Ber­lin initi­ier­te: Inzwi­schen Zei­len. Ein Abend mit israe­li­schen und deut­schen Dich­te­rin­nen (mit Video-Mit­schnitt). Die zwei­te Antho­lo­gie, Was es bedeu­ten soll. Neue hebräi­sche Dich­tung in Deutsch­land (in der Köl­ner para­si­ten­pres­se), wur­de von mir, gemein­sam mit dem Schrift­stel­ler, Über­set­zer und Ver­le­ger Adri­an Kas­nitz her­aus­ge­ge­ben und über­setzt; dar­in sind ins­ge­samt 13 Dich­te­rin­nen und Dich­ter mit jeweils fünf Gedich­ten und einem bio­gra­phi­schen Abriss ver­sam­melt. Es sind (man­che habe ich zuvor schon an ande­rer Stel­le erwähnt; wo nicht anders ver­merkt, leben sie in Ber­lin): Ronen Alt­man Kay­dar, Yael Dean Ben-Ivri, Tomer Dotan-Drey­fus, Asaf Dvo­ri, Yemi­ma Hadad, Zaha­va Khal­fa, Admiel Kos­man, Maya Kuper­man, Tali Oka­vi (Kiel), Lou­lou Omer (Wien), Gun­du­la Schif­fer (Köln), Mati She­moelof, Michal Zamir. Die hier vor­ge­stell­ten Gedich­te sind alle­samt deut­sche Erst­über­set­zun­gen, in man­chen Fäl­len erschie­nen die deut­schen Tex­te vor den hebräi­schen Ori­gi­na­len. So publi­zier­ten Asaf Dvo­ri und Zeha­va Khal­fa wenig spä­ter ihre Lyrik­de­büts, Tju­tot lemisch­pacha (Blue­prints for a Fami­ly, 2019) und Le’an kol se holech (Wohin geht das alles, 2020), in die auch Gedich­te aus unse­rer Antho­lo­gie ein­ge­gan­gen sind. Das Erschei­nen des Buches im Novem­ber 2019 hat­te ich zum Anlass genom­men, um im Nach­wort die Heim­kehr des Ams­ter­dam Mach­sor, jenes pracht­vol­len Gebet­buchs aus dem mit­tel­al­ter­li­chen Köln, die unmit­tel­bar zuvor im Wall­raf-Rich­artz-Muse­um Köln gefei­ert wor­den war, mit der moder­nen lite­ra­ri­schen The­ma­tik in Bezie­hung zu set­zen. Im Zusam­men­hang des Jubi­lä­ums­jah­res „1700 Jah­re jüdi­sches Leben in Deutsch­land“ wird ja wie­der­holt dar­auf ver­wie­sen, dass in Köln die ältes­te jüdi­sche Gemein­de jen­seits der Alpen ansäs­sig war. MiQua (Muse­um im Quar­tier) lau­tet der Name des im Bau befind­li­chen jüdi­schen Muse­um im Archäo­lo­gi­schen Quar­tier Köln. 

Hebrä­isch ohne Zahn­bürs­te: Gedan­ken zur Bezie­hung von Land und Sprache

Wie­der­um in Lea Gold­bergs Roman Ver­lus­te gibt es ein wun­der­vol­les Bild bzw. Gleich­nis, das sich auch auf die beson­de­re Situa­ti­on der modern­he­bräi­schen Lite­ra­tur im Span­nungs­feld zwi­schen Dia­spo­ra, wo Hebrä­isch nur in begrenz­ten Zir­keln leben­dig ist, und dem Land Isra­el, wo Hebrä­isch 1948 Amts­spra­che wur­de, über­tra­gen lässt. Im Zim­mer des rus­si­schen Pro­fes­sors und Kon­ver­ti­ten Ivan Jul­je­vitsch Ber­son steht ein Was­ser­glas mit einer Zahn­bürs­te und einem Mai­glöck­chen dar­in, wel­che zwei Facet­ten des Lebens, den All­tag und den Traum, symbolisieren:

Einst­wei­len fuhr der Pro­fes­sor fort: »[…] Und wenn ich manch­mal, ein­fach so, ganz plötz­lich, mich selbst und mei­ne Umge­bung anschaue, da erken­ne ich, mein Sinn für Humor ret­tet mich vor allem Bösen … Ja, zum Bei­spiel habe ich bemerkt, heu­te ist hier gemein­sam mit mir eine Art Sym­bol für mei­nen gan­zen inne­ren und äuße­ren Lebens­stil auf­ge­ho­ben. Wuss­test du nicht, wie alle hei­te­ren Hel­den bin ich zer­streut. Schau, sieh dir das an« – er mein­te das Glas auf dem Tisch – »Der Nut­zen und das Ide­al, der Traum und die Wirk­lich­keit, das Lächer­li­che und das Erha­be­ne in einem Glas. Gewiss hau­sen auch in mei­ner See­le Mai­glöck­chen und Zahn­bürs­te direkt neben­ein­an­der.«
Er ahn­te nicht, wie sehr die­se Wor­te, die eigent­lich nur zu einem alber­nen Lachen anste­cken soll­ten, jenen Men­schen zu sei­nen Füßen mit­ten ins Herz hie­ben. Wie ein schnel­ler Stumm­film, der im hel­len Tür­spalt ver­schwimmt, zog vor Kron im Lich­te des lus­ti­gen, schreck­li­chen Ver­gleichs sein gan­zes Leben vor­über: – zwei Frau­en Sei­te an Sei­te – ob eine von ihnen das Mai­glöck­chen, und die ande­re eine Zahn­bürs­te ist? Und die auf Per­ga­ment geschrie­be­nen Gedich­te, das Hin­ter­her­ja­gen hin­ter Schrift­stel­ler­lohn und Ver­la­gen? – Die­se blei­chen Ber­ge, schwei­gend in der Spra­che Ebers, und die Staats­bi­blio­thek hier mit ihren vie­len Wör­ter­bü­chern? (Ver­lus­te, S. 57) 

Aber auch ich selbst, die in Deutsch­land als Nicht-Hebrä­isch-Mut­ter­sprach­le­rin und fern vom Land Isra­el, wo Hebrä­isch gespro­chen wird, hebräi­sche Gedich­te schreibt, kann mich im Zusam­men­spiel von Mai­glöck­chen und Zahn­bürs­te wie­der­fin­den. An spä­te­rer Stel­le im Roman heißt es: „»Die Zahn­bürs­te, mein Wer­ter«, dach­te der Pro­fes­sor laut nach, »ja, sie ist alles, was nicht Ein­sam­keit ist«“ (Ver­lus­te, S. 57). Mei­ne Bezie­hung zum Hebräi­schen muss die meis­te Zeit ohne Zahn­bürs­te aus­kom­men. Denn mein Haus steht nicht in Isra­el, und ich lebe auch nicht in einer deutsch-israe­li­schen Part­ner­schaft, erle­be also, abge­se­hen von den regel­mä­ßi­gen Auf­ent­hal­ten im Land, kei­ne All­tags­rea­li­tät auf Hebrä­isch; auch gibt es kei­ne jüdi­sche Fami­li­en­his­to­rie, die mich mit dem Land ver­bin­den wür­de. Auf der ande­ren Sei­te aber bin ich weit davon ent­fernt, aus­schließ­lich lite­ra­risch mit der hebräi­schen Spra­che ver­bän­delt zu sein. Via Mail, Zoom, sozia­le Medi­en und ande­re Netz­wer­ke arbei­te und kom­mu­ni­zie­re ich täg­lich mit israe­li­schen Freun­den, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen. Tat­säch­lich nimmt der hebräi­sche Anteil die­ser beruf­li­chen und emo­tio­na­len Ban­de pha­sen­wei­se mehr Raum ein als der deut­sche hierzulande. 

Dar­um ist auch die Per­spek­ti­ve die­ses Essays eine ganz per­sön­li­che und mag sin­gu­lär, womög­lich roman­tisch oder ver­spon­nen erschei­nen. Die beson­de­re Nei­gung für die frü­hen Anfän­ge der moder­nen hebräi­schen Lite­ra­tur, wie ich sie im ers­ten Kapi­tel mit den „drei Ein­zel­fäl­len“ berührt habe, ist der Grund, war­um ich mich gern vom Mai­glöck­chen anzie­hen las­se. Und sie spie­gelt sich in der Freu­de über die pul­sie­ren­den For­men einer hebräi­schen Dia­spo­ra, vor allem in Ber­lin, aber auch andern­orts. Es ist eine schöp­fe­ri­sche, womög­lich auch etwas trot­zi­ge Lust, die­se künst­le­ri­schen Mani­fes­ta­tio­nen des Hebräi­schen hier, wo sie nicht selbst­ver­ständ­lich sind, zu fei­ern und wei­ter zu kul­ti­vie­ren. Gera­de das Wis­sen um die fra­gi­le Situa­ti­on, sowohl einer „klei­nen Spra­che“ all­ge­mein als auch einer gelieb­ten Zweit­spra­che, machen sie so wert­voll und uns Schrei­ben­de krea­tiv im Hin­blick auf die Bemü­hun­gen, sie stets wei­ter zu ent­fal­ten und leben­dig zu hal­ten. All die­ser Opti­mis­mus, was das posi­ti­ve Bild und die Mög­lich­kei­ten der Dia­spo­ra betrifft, ändert aller­dings nichts dar­an: Außer Fra­ge steht die Bedeu­tung des Lan­des Isra­el. Ohne Isra­el kein Hebrä­isch – das  soll an die­ser Stel­le noch ein­mal fest­ge­schrie­ben ste­hen. Isra­el ist das Schutz­haus der hebräi­schen Spra­che und Kul­tur. Seit Jahr­hun­der­ten lebt das jüdi­sche Volk in der Span­nung zwi­schen Exil und Blick auf Erez Isra­el. Gera­de die­ser Schwel­len­zu­stand, die­se nim­mer ruhen­de Sehn­sucht ist als Trieb­fe­der gera­de bei hebräi­schen Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­lern in der Dia­spo­ra erkenn­bar. Das Hebräi­sche teilt mit ande­ren „klei­nen Spra­chen“, so scheint mir, die­se exis­ten­ti­el­le Abhän­gig­keit von einem geo­gra­phi­schen Ter­ri­to­ri­um. Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te und Ver­glei­che blei­ben immer irgend­wie ver­schwom­men und ober­fläch­lich; den­noch ist die Über­le­gung wohl nicht ganz abwe­gig, dass etwa auch eine Spra­che wie das Maze­do­ni­sche in ihrem Fort­be­stehen bedroht wäre, wenn Nord­ma­ze­do­ni­en als auto­no­mer Staat auf­ge­löst würde. 

Selbst­über­set­zung hat in der moder­nen hebräi­schen Lite­ra­tur, deren ers­te Autorin­nen und Autoren alle kei­ne Mut­ter­sprach­ler waren, son­dern von Hau­se aus über­wie­gend Rus­sisch oder Pol­nisch, aber auch Deutsch spra­chen, eine lan­ge Tra­di­ti­on. Ein berühm­tes, auch im deut­schen Sprach­raum bekann­te­res Bei­spiel ist der Dich­ter Tuvia Rüb­ner; sei­nen Selbst­über­set­zun­gen aus dem Hebräi­schen ins Deut­sche habe ich vor eini­gen Jah­ren unter dem Titel „»Herz, stirb oder sin­ge.« Der Dich­ter Tuvia Rüb­ner im Lich­te sei­ner Selbst­über­set­zun­gen aus dem Hebräi­schen ins Deut­sche“ einen Essay gewid­met (in: Tuvia Rüb­ner lesen. Erfah­run­gen mit sei­nen Büchern, hg. v. Jür­gen Nel­les, Aachen: Rim­baud 2015, S. 253–275). Adam Thirl­well wie­der­um hat sich in sei­nem Buch Der mul­ti­ple Roman (aus dem Eng­li­schen von Han­nah Arnold, Fischer 2013) – ein phan­tas­ti­sches Pan­ora­ma der lite­ra­ri­schen Migra­tio­nen und Aus­tausch­be­we­gun­gen im Medi­um des Romans –, auch mit Samu­el Becketts Schrei­ben auf Eng­lisch und Fran­zö­sisch aus­ein­an­der­ge­setzt. Thir­well spürt dem Grund für Becketts Wech­sel ins Fran­zö­si­sche nach, wo sei­ne Aus­drucks­mög­lich­kei­ten deut­lich begrenz­ter waren. Sein Resü­mee ent­spricht exakt mei­nem Gefühl, wenn ich auf Hebrä­isch Gedich­te schrei­be. Und es hat mich die inne­re Ver­wandt­schaft zwi­schen dem Phä­no­men der Selbst­über­set­zung, vor allem von kom­pri­mier­ten Klein­for­men wie Gedich­ten, und der Art brut erken­nen las­sen. Die von dem Maler und Bild­hau­er Jean Dubuf­fett so bezeich­ne­te „Art brut“ – den ent­spre­chen­den eng­li­schen Ter­mi­nus „Out­si­der art“ präg­te der Kunst­his­to­ri­ker Roger Car­di­nal – sub­su­miert künst­le­ri­sche Pro­duk­tio­nen von Außen­sei­tern, „Abweich­lern“ und kör­per­lich und/oder geis­tig „Ein­ge­schränk­ten“ ver­schie­de­ner Art, auch Kin­der­kunst zählt dazu. Im Deut­schen spricht man nach dem Psych­ia­ter Leo Nav­ra­til auch von „Zustands­ge­bun­de­ner Kunst“ und meint dann vor allem lite­ra­ri­sche Tex­te von Men­schen, die irgend­ei­ne Form von psy­chi­scher Erkran­kung erleben:

Er fühl­te sich wohl in sei­nem feh­ler­haf­ten Medi­um –, in die­ser Spra­che, die ihm das minu­tiö­se Poten­ti­al, eine Sache völ­lig zu erschöp­fen, das den Sie­chen­den, den Ster­ben­den oder den Ver­rück­ten gege­ben ist, offen leg­te (S. 355).

Den Rand hal­ten?! Mün­di­ges und Unmün­di­ges beim Dichten

Seit jeher hege ich eine Zunei­gung für das Abstän­di­ge und Absei­ti­ge, füh­le mich ange­zo­gen von künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men, die außer­halb des Zen­trums lie­gen, deren Über­le­ben gefähr­det ist. Ich küm­me­re mich gern um den Rand; dar­um habe ich mich auch selbst vor eini­gen Jah­ren ent­schlos­sen, nicht den Rand zu hal­ten, das heißt, auch mein hebräi­sches Sprach­be­geh­ren ernst zu neh­men, hebräi­sche Gedich­te und Selbst­über­set­zun­gen zu schrei­ben und sie zu ver­öf­fent­li­chen. Denn lyri­sche Gebil­de ber­gen ihr Aus­drucks­ma­te­ri­al nicht nur aus dem Stein­bruch des Münd­li­chen und der im All­tag gebrauch­ten Spra­che; im Gegen­teil kann ein gewis­ser Grad des Unmün­di­gen, des begrenz­ten Sprach­ver­mö­gens rei­zend und trei­bend für das dich­te­ri­sche Schaf­fen sein. Zumin­dest hin­wei­sen möch­te ich dar­um zum Schluss auf eine gewis­se Affi­ni­tät zwi­schen dem Pro­zess des sorg­sa­men, manch­mal tas­ten­den Dich­tens in einer Zweit­spra­che, inklu­si­ve des Selbst­über­set­zens, sowie stark auf das Sprach­ma­te­ri­al fokus­sier­te Schreib­wei­sen, wie sie etwa in den Ana­gram­men Uni­ca Zürns oder in den Gedich­ten Ernst Her­becks anzu­tref­fen sind. Her­beck war auf­grund einer schi­zo­phre­nen Psy­cho­se rund 45 Jah­re in der Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­ner­ven­kli­nik Gug­ging sta­tio­niert und schrieb – ange­sto­ßen von sei­nem Arzt, dem oben erwähn­ten Leo Nav­ra­til – Gedich­te, die ihm schließ­lich auch eine gewis­se Bekannt­heit und Aner­ken­nung einbrachten. 

Mei­ne hebräi­schen Gedich­te ohne Zahn­bürs­te sind kei­ne rein expe­ri­men­tel­len Gedich­te; den­noch emp­fin­de ich das schöp­fe­ri­sche Ver­fah­ren Ernst Her­becks und Uni­ca Zürns eben­so wie das kon­zen­triert gestal­te­te Erschei­nungs­bild ihrer Tex­te mit mei­nen ver­wandt. In weni­gen Stri­chen zumin­dest möch­te ich zei­gen, was genau ich mit die­ser Ver­wandt­schaft mei­ne und wie Schrei­ben und Über­set­zen in mei­ner Sprach­ar­beit mit­ein­an­der ver­schlun­gen sind. Ein län­ge­res Gedicht, das in mei­nen zwei­ten Lyrik­band ein­ge­hen wird, trägt den Titel „der haupt­grund auf dem zun­gen­ta­blett (al magasch lescho­ni joter mero­schi)“. Das Gedicht reflek­tiert genau die­se Situa­ti­on des Schrei­bens aus der Beschrän­kung her­aus, des Dich­tens ohne natür­li­che Ver­bin­dung zum israe­li­schen All­tag. Das lyri­sche Ich ver­senkt sich in die Fra­ge, was es bedeu­tet, mit dem Hebräi­schen in einer spät erwor­be­nen, erwähl­ten und als schick­sal­haft erkann­ten Sprach­be­zie­hung zu leben. Die drit­te und vier­te Stro­phe – das Mit­tel­stück in dem ins­ge­samt sechs­stro­phi­gen Gedicht – lauten:



Die hebräi­sche Spra­che hat, ohne dass ich es zunächst bemerkt hät­te, die Vor­lie­be geweckt, abs­trakt gewor­de­ne Aus­drü­cke wie­der kon­kret zu neh­men; spe­zi­ell in die­sem Gedicht hat mich auch die Tat­sa­che inspi­riert, dass „Zun­ge“ auf Hebrä­isch auch (gespro­che­ne) „Spra­che“ bedeu­tet. Schließ­lich ist die bibli­sche Geschich­te von Judith und Holo­fer­nes (bzw. Salo­me und Johan­nes dem Täu­fer) in die Ver­se gesi­ckert. Die wört­li­che Über­set­zung des hebräi­schen Titels wäre „auf mei­nem zun­gen­ta­blett mehr als mein kopf“. Ich habe aber auf Deutsch „haupt­grund“ gesetzt, was auf die Erkennt­nis am Ende, eine Art auto­fik­ti­ve Erklä­rung für die „dop­pel­te (Sprach-)Existenz“ vor­aus­weist, die ich im obi­gen Zitat aus­ge­klam­mert habe. Vor allem aber war die Lust an dem Wort „Haupt“ lei­tend, die dem Deut­schen eine archai­sche Note zuführt. Außer­dem habe ich mich, bis­her nur in die­ser Selbst­über­set­zung, zur Klein­schrei­bung ent­schie­den. Die Groß­schrei­bung erschien mir das Gedicht zu ersti­cken; ich woll­te ein gra­zi­le­res Text­bild erzeu­gen, den fra­gi­len Per­len ent­spre­chend, um die es sich dreht. Beim Selbst­über­set­zen gestat­te­te ich mir noch mehr Phan­ta­sie und „asso­zia­ti­ve Aus­bü­xer“, als wenn ich mit der Über­set­zung eines Tex­tes beauf­tragt bin. „al-anda­lus“ (Gol­de­nes Zeit­al­ter in Spa­ni­en, in dem die hebräi­sche Poe­sie blüh­te), „klun­ker für unser hier und jetzt“ (unse­re Tage heu­te zu ver­herr­li­chen) und „bril­lierst“ (zu beein­dru­cken) etwa ant­wor­ten dem Ori­gi­nal bzw. Erst­ge­dicht nicht mit iden­ti­schen, son­dern mit ähn­li­chen Ent­spre­chun­gen, die mit Mög­lich­kei­ten für laut­ma­le­ri­sche Klän­ge, greif­ba­re Bil­der und kon­kre­te Grun­die­run­gen von Wort­be­deu­tun­gen im Deut­schen spielen. 

Mit die­sem Abste­cher in das sin­gu­lä­re Rand­ge­biet sprach­li­chen Schaf­fens, in dem ich mich auf­hal­te und wir­ke, möch­te ich die­se Refle­xio­nen beschlie­ßen. Durch­gän­gig lei­tend war der Gedan­ke, dass moder­ne hebräi­sche Lite­ra­tur sozu­sa­gen ein „Klein­un­ter­neh­men“ ist, das ohne ein eige­nes geo­gra­phi­sches Ter­ri­to­ri­um begann und in die­ser Pha­se von den Akti­vi­tä­ten ein­zel­ner Per­sön­lich­kei­ten und von grenz­über­schrei­ten­der, lite­ra­ri­scher Gemein­schafts­bil­dung leb­te. Auch nach der Grün­dung des Staa­tes Isra­els 1948 bleibt Hebrä­isch eine klei­ne Spra­che, die ohne Über­set­zun­gen einem begrenz­ten Lese­kreis vor­be­hal­ten bleibt. 

Gegen­wär­tig ist eine Wie­der­be­le­bung der dia­spo­ri­schen Tra­di­ti­on, ins­be­son­de­re in Ber­lin, zu beob­ach­ten. 2011 ver­öf­fent­lich­te der israe­li­sche Dich­ter und Über­set­zer Rami Saa­ri, der aus rund sie­ben Spra­chen über­setzt (dar­un­ter so „klei­ne“ Spra­chen wie Alba­nisch oder Est­nisch) und sein Leben u. a. zwi­schen Isra­el, Grie­chen­land und Finn­land auf­teilt, in der israe­li­schen Tages­zei­tung Haa­retz einen Arti­kel mit dem Titel „Ein guter, selbst­ge­wähl­ter Auf­ent­halt“ (Asi­ja tova mitoch bre­ra). 2010 hat­te ihm die Aka­de­mie für die hebräi­sche Spra­che für sei­ne Ver­diens­te um die hebräi­sche Spra­che den Asaf Pri­ze ver­lie­hen. Er begrün­det in die­sem State­ment, war­um er auf Hebrä­isch schreibt, aber nicht in sei­ner Hei­mat Isra­el lebt. Wenn ein schrä­ger Vogel fühlt, dass man ihm in sei­ner Hei­mat die Flü­gel stutzt, muss er auf Wan­der­schaft gehen, damit sei­ne Schöp­fer­kraft nicht lei­det, ver­rät der Vor­spann einen der Haupt­grün­de für das Exil. Rami Saa­ri bringt aber noch einen ande­ren Gedan­ken ins Spiel, dass näm­lich frem­de Orte die For­men und Inhal­te des Schrei­bens in der Mut­ter­spra­che ver­än­dern; dar­um eröff­ne er den Lese­rin­nen und Lesern in Isra­el mit sei­nen hebräi­schen Wer­ken „Luken in eine ande­re Wirk­lich­keit“. Es geht auch auf die­sem Feld um Berei­che­rung durch das Unde­fi­nier­ba­re und Absei­ti­ge. Wir brau­chen son­der­ba­re, immer auch gefähr­de­te, schwer zugäng­li­che Rän­der, die uns vor dem Trug­schluss schüt­zen, dass es ein erfüll­tes Zen­trum gibt.

  1. vgl. Ami­n­a­dav Dykman, „Len­ski, Ḥay­im“, in: The Yvo Ency­clo­pe­dia of Jews in Eas­tern Europe

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