Das Ende der Unsichtbarkeit

In ihrer Studie „Die andere Kreativität“ gibt Angela Sanmann faszinierende Einblicke in die Übersetzungsstrategien schreibender Frauen des 18. Jahrhunderts und zeigt, wie diese das subversive Potential des Übersetzens für ihre Zwecke nutzten.

Von

Die französische Malerin Marguerite Gérard (1761-1837) zeigte Frauen als Kunstschaffende (Ausschnitt). Quelle: Wikimedia

Wer mag bestim­men, wie weit der Geist des Wei­bes drin­gen kann? […] Ich beu­ge ger­ne mei­ne Knie vor dem gro­ßen Mann: denn ich wäh­ne kei­ne Errei­chung. Aber ent­zü­ckend ist mir der Blick in’s bes­se­re Leben, wo kein Unter­schied zwi­schen Mann noch Weib seyn wird, wo gleich ein­müt­hi­ges Bestre­ben nach höchs­ter mög­li­cher Ver­voll­komm­nung unse­re Bestim­mung, und For­schen in dem, was war und seyn wird, unser aller Arbeit seyn wird. 

Die­ser ein­drück­li­che Aus­blick auf eine geschlech­ter­ge­rech­te Welt ent­stammt einem Leser­brief, den ver­mut­lich Marie Kathe­ri­ne von Grä­ve­mei­er an die Redak­ti­on der Pono­ma schick­te. Die Zeit­schrift Pono­ma erschien monat­lich von 1783 bis 1784, und rich­te­te sich gezielt an ein weib­li­ches Publi­kum. Daher gilt sie als eine der ers­ten deutsch­spra­chi­gen Frau­en­zeit­schrif­ten über­haupt. Ihre Her­aus­ge­be­rin war nie­mand Gerin­ge­res als Sophie von La Roche, die schon zu Leb­zei­ten für ihre Geschich­te des Fräu­leins von Stern­heim berühm­te und gut ver­netz­te Autorin.

Die Über­set­ze­rin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Ange­la San­mann inter­es­siert sich in der im März die­ses Jah­res erschie­ne­nen Stu­die Die ande­re Krea­ti­vi­tät für das über­set­ze­ri­sche Wir­ken von La Roche im Rah­men ihrer her­aus­ge­be­ri­schen Tätig­keit. Obwohl La Roche kei­ne Über­set­zun­gen unter eige­nem Namen ver­öf­fent­lich­te, argu­men­tiert San­mann mit Blick auf die edi­to­ri­sche Pra­xis der Zeit­schrift, dass es sich bei eini­gen der in Pono­ma anonym ver­öf­fent­lich­ten Tex­te um Über­set­zun­gen aus der Feder von Sophie von La Roche handle. 

Die­se Les­art der aus­ge­wähl­ten Pono­ma-Tex­te ist völ­lig neu und wirft erst­ma­lig ein Licht auf La Roches scharf­sin­ni­ge, über­set­ze­ri­sche Stra­te­gien. Neben Sophie von La Roche beschäf­tigt sich San­mann noch mit drei wei­te­ren Über­set­ze­rin­nen aus dem deutsch-fran­zö­si­schen Sprach­raum des 18. Jahr­hun­dert, denen sie jeweils ein Kapi­tel wid­met: Lui­se Gott­sched, Marie-Éli­sa­beth de La Fite und Mari­an­ne Wil­hel­mi­ne de Ste­vens (letz­te­re ist wohl am wenigs­ten bekannt).

Die aus­ge­wähl­ten schrei­ben­den und über­set­zen­den Frau­en, so lau­tet San­manns The­se, nut­zen eine augen­schein­lich rein repro­du­zie­ren­de Tätig­keit wie das Über­set­zen nicht nur für ihre eige­nen lite­ra­ri­schen Ambi­tio­nen, son­dern auch um sub­til gesell­schafts­kri­ti­sche Ansich­ten zu arti­ku­lie­ren. Gän­gi­ge The­men­schwer­punk­te sind dabei nicht nur die Fra­ge nach der gesell­schaft­li­chen Stel­lung der Frau (im Kon­text der Que­rel­les de Femmes), son­dern auch die Bil­dung von Frau­en, die feh­len­de poli­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­on sowie die Rol­le einer Lite­ra­tin in der Gesellschaft. 

Die Stu­die zeigt anhand aus­sa­ge­kräf­ti­ger Bei­spie­le, dass sich alle vier Frau­en beim Über­set­zen Frei­hei­ten nah­men, die es ihnen ermög­lich­ten, indi­vi­du­el­le Les­ar­ten der Ori­gi­na­le zu for­mu­lie­ren und die Wir­kung der Über­set­zung in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen nach eige­nem Belie­ben zu steu­ern. San­mann rückt „das schöp­fe­ri­sche Ele­ment des Über­set­zens“ ganz bewusst in den Mit­tel­punkt, um dar­aus Rück­schlüs­se auf die Prak­ti­ken und die poli­ti­schen Posi­tio­nen der Über­set­ze­rin­nen zu zie­hen. Um kon­tro­ver­se oder über­haupt poli­ti­sche Hal­tun­gen zu äußern, muss­ten schrei­ben­de Frau­en Stra­te­gien ent­wi­ckeln, argu­men­tiert San­mann. Da Wer­ke aus frem­den Kul­tu­ren zudem nach ande­ren Kri­te­ri­en beur­teilt wur­den als „ein­hei­mi­sche Pro­duk­tio­nen“, mach­ten sich Frau­en in der Rol­le der schein­bar die­nen­den Über­set­ze­rin weni­ger angreif­bar als in der einer Ver­fas­se­rin oder Autorin. 

Das 18. Jahr­hun­dert war eine kom­ple­xe Zeit­span­ne vol­ler Wider­sprü­che. Fein her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den in der vor­lie­gen­den Stu­die die Unter­schie­de zwi­schen den bei­den Jahr­hun­dert­hälf­ten, die nicht nur ein sich ste­tig ändern­des Frau­en­bild ver­zeich­nen, son­dern auch ande­re Ansprü­che an das Über­set­zen stel­len. Dass vor allem Frau­en über­set­zen, wird im Zuge des Jahr­hun­derts unter­schied­lich bewer­tet: „Obwohl das Über­set­zen häu­fig mit dem unter­ge­ord­ne­ten Sta­tus des weib­li­chen Geschlechts ver­knüpft […] wird, herrscht Unei­nig­keit dar­über, ob es sich über­haupt um eine ange­mes­se­ne Tätig­keit han­delt“, schreibt San­mann. Die Angst bestand, dass eine intel­lek­tu­el­le Tätig­keit Frau­en zu sehr von den häus­li­chen und erzie­he­ri­schen Pflich­ten ablen­ke. Schrei­ben­de Frau­en befan­den sich daher in einem per­ma­nen­ten Recht­fer­ti­gungs­mo­dus, um ihre über­set­ze­ri­schen und ande­ren lite­ra­ri­schen Tätig­kei­ten zu legitimieren.

San­mann wid­met sich in der Stu­die nicht nur den Über­set­zun­gen, son­dern auch Para­tex­ten wie Brie­fen, Titel­blät­tern, Vor­re­den oder Fuß­no­ten, in denen der genann­te Recht­fer­ti­gungs­mo­dus zum Ein­satz kommt. Tat­säch­lich zeich­nen die Para­tex­te ein fas­zi­nie­ren­des Bild der über­set­zen­den Frau­en und ihrer (zumeist männ­li­chen) Her­aus­ge­ber und Unter­stüt­zer. Der Ton­fall schwingt zwi­schen Demut und Selbst­be­wusst­sein hin und her, immer dar­auf aus, die lite­ra­ri­sche Tätig­keit zu begrün­den. Die­se wider­sprüch­li­chen Zwi­schen­spie­le illus­triert San­mann am Bei­spiel von Marie-Éli­sa­beth de La Fite am deut­lichs­ten. La Fite hat La Roches Geschich­te des Fräu­leins von Stern­heim ins Fran­zö­si­sche über­setzt und Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Es han­delt sich dabei augen­schein­lich um Details – an einer mar­kan­ten Stel­le fügt sie eine „Note de la Tra­ductri­ce“ ein, um das Ver­hal­ten einer Figur zu kon­tex­tua­li­sie­ren, weil sie Unter­hal­tung der weib­li­chen Roman­fi­gu­ren über die Pro­ble­me der Ehe als zu kri­tisch bewer­tet. Gleich­zei­tig lässt sie eine Fuß­no­te Wie­lands weg, die ursprüng­lich dazu dien­te, eine ande­re kon­tro­vers anmu­ten­de Pas­sa­ge abzu­mil­dern und nimmt Aus­las­sun­gen vor, die patri­ar­cha­len Gedan­ken­gän­gen entgegenlaufen.

Eine der vie­len Stär­ken der Stu­die besteht dar­in, dass San­mann die­se Wider­sprü­che und Uneben­hei­ten nicht kaschiert, son­dern bewusst ein Licht dar­auf wirft. Die Ansich­ten, Über­zeu­gun­gen und Ambi­tio­nen der aus­ge­wähl­ten Frau­en waren kei­nes­wegs homo­gen und spie­geln so die Wider­sprü­che ihres Zeit­al­ters wider. Pro­to­fe­mi­nis­ti­sche, gesell­schafts­kri­ti­sche Ele­men­te gehen mit kon­ser­va­ti­ven, miso­gy­nen Ele­men­ten ein­her (Lui­se Gott­sched sind bei­spiels­wei­se alle ande­ren schrei­ben­den Frau­en ihrer Genera­ti­on höchst suspekt). Die Über­set­ze­rin­nen gewin­nen an Kom­ple­xi­tät, auch weil deut­lich wird, welch ein Minen­feld an gesell­schaft­li­chen und eige­nen Ansprü­chen die­se navi­gie­ren mussten.

Sophie von La Roche ist die bekann­tes­te der vier Frau­en, was ihr Kapi­tel nicht zwangs­läu­fig am inter­es­san­tes­ten macht, aber doch am bemer­kens­wer­tes­ten. Im Zen­trum steht die Über­set­zung von Fan­ny de Beau­har­nais’ Moins que rien ou Rêve­ries d’u­ne Mar­mot­te, die in der Zeit­schrift unter dem Titel Weni­ger als nichts oder Träu­me­rey einer Mar­mot­te von Madame de Beau­har­nais (1783) erschien. Sophie von La Roche bezeich­net die Über­set­zung als treue Über­tra­gung, obgleich sie ein­deu­tig beleg­ba­re Ein­grif­fe vor­nimmt – dar­un­ter Ein­fü­gun­gen, Aus­las­sun­gen und Inten­si­vie­run­gen, die laut San­mann die leicht pro­to­fe­mi­nis­ti­sche Ten­den­zen des Ori­gi­nals ver­stär­ken. Als Bei­spiel dient die Ver­wen­dung des Begriffs „Welt­bür­ge­rin“ (das Bedürf­nis zu gen­dern, hat­ten Frau­en anschei­nend bereits vor über 250 Jah­ren), der im Ori­gi­nal so nicht vor­kommt und in La Roches Über­set­zung erst­ma­lig als Motiv in der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur auf­taucht. La Roche ver­wen­det ihn als Gegen­stück zum exklu­siv männ­li­chen Ide­al des „Kos­mo­po­li­ten“ und kre­iert ein völ­lig ande­res Weib­lich­keits­ide­al als der Ori­gi­nal­text, der eine Form des weib­li­chen Patrio­tis­mus zeichnet.

Nicht weni­ger auf­schluss­reich ist eine wei­te­re Über­set­zung, die San­mann eben­falls La Roche zuschreibt. Bei dem Text Uebung gerech­ter Men­schen­lie­be von Joseph dem zwey­ten in Euro­pa – und in Ame­ri­ka von einem Qua­ker Antoi­ne Bene­zet (1783) han­delt es sich um eine ver­deck­te Über­set­zung, um eine „Ori­gi­na­li­täts­fik­ti­on“, die sich in Wahr­heit als eine freie Über­set­zung von Jean de Crè­veco­eurs Let­tres d’un Cul­ti­va­teur Amé­ri­cain ent­puppt, wes­halb sie laut San­mann wohl bis­lang von der For­schung über­se­hen wur­de. Der fik­ti­ve fran­zö­sisch­spra­chi­ge Brief eines Ame­ri­ka-Rei­sen­den behan­delt die Befrei­ung eines Skla­ven – ein The­ma, das zu dem Zeit­punkt im deutsch­spra­chi­gen Raum wenig prä­sent war. Damit, so San­mann, müs­se „der Beginn der deutsch­spra­chi­gen Rezep­ti­on von Crè­veco­eurs aboli­tio­nis­tisch moti­vier­ter Geschich­te deut­lich vor­da­tiert wer­den“. San­mann posi­tio­niert La Roches Über­set­zung sehr effekt­voll im direk­ten Ver­gleich mit ande­ren Über­set­zun­gen des 18. Jahr­hun­derts. Dabei illus­triert allein ein recht simp­ler Ver­gleich der Titel die völ­lig unter­schied­li­che über­set­ze­ri­sche Her­an­ge­hens­wei­se. Johann Ernst Kolbs unver­ständ­li­cher Titel Das ers­te im Mer­kur ein­ge­rück­te Stück (1788) und J. A. E. Göt­zes tro­cke­nes Der Qua­ker Miflin und sein Neger (1789) klin­gen ganz anders als La Roches etwas umständ­li­cher, aber grö­ßer gedach­ter Titel, der laut San­mann eine erzie­he­ri­sche, welt­li­che Les­art suggeriere. 

Sol­che Ein­grif­fe konn­ten Über­set­ze­rin­nen im 18. Jahr­hun­dert rela­tiv unbe­ach­tet vor­neh­men, weil nur weni­ge über­haupt Zugang zum Ori­gi­nal hat­ten oder die Ori­gi­nal­spra­che lesen konn­ten – ein direk­ter Ver­gleich war somit schwie­rig. Des Wei­te­ren waren freie Über­set­zun­gen vor allem in der ers­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­dert noch typisch, obgleich sie im Zuge des Jahr­hun­derts an Gül­tig­keit ver­lo­ren. Eini­ge Über­set­ze­rin­nen wie Gott­sched oder de Ste­vens ver­kün­den sehr offen, dass ihre Tex­te freie Über­set­zun­gen sind, wäh­rend La Fite und La Roche gro­ße Umwe­ge ein­schla­gen, um ihre über­set­ze­ri­sche Tätig­keit zu ver­schlei­ern, auch wenn es sich bei ihren Tex­ten de fac­to um freie Über­set­zun­gen handelt.

Am sicht­bars­ten wer­den die in der Stu­die auf­ge­zeig­ten über­set­ze­ri­schen Stra­te­gien im direk­ten Ver­gleich mit ande­ren Über­set­zun­gen ihrer Zeit oder mit spä­te­ren bzw. post­hum ver­öf­fent­lich­ten Ver­sio­nen der glei­chen Über­set­zung – vor allem bei Mari­an­ne Wil­hel­mi­ne de Ste­vens. De Ste­vens lite­ra­ri­sche Tätig­keit geriet voll­stän­dig in Ver­ges­sen­heit und wur­de von der For­schung wei­test­ge­hend igno­riert, obwohl die Über­set­ze­rin zu Leb­zei­ten durch­aus bekannt war, auch dank ihrer sen­sa­ti­ons­taug­li­chen Lebens­ge­schich­te: Im Alter von zwölf Jah­ren ver­lor sie ihr Augen­licht und war seit­dem bei allen schrift­li­chen Tätig­kei­ten, auch beim Anfer­ti­gen ihrer Über­set­zun­gen ins Deut­sche, auf die Hil­fe ande­rer ange­wie­sen. San­mann unter­sucht de Ste­vens Vers­über­set­zung von Chris­ti­an Fürch­te­gott Gel­lerts Fabeln und Erzäh­lun­gen (Fables & Con­tes, 1777), die in dem Jahr­hun­dert viel­fach über­setzt wor­den sind. San­mann zeigt anhand aus­ge­wähl­ter Bei­spie­le, wie de Ste­vens (und nicht nur sie) ganz bewusst den miso­gy­nen Ton­fall des Ori­gi­nals dämpft. Im Rah­men ihrer selbst­be­wusst frei­en Über­set­zung ände­re de Ste­vens, schreibt San­mann, „die­je­ni­gen Aspek­te, die tra­dier­te Geschlech­ter­rol­len, die Insti­tu­ti­on der Ehe oder das Phä­no­men der Blind­heit betreffen“.

Ein Bei­spiel für die­se Pra­xis ist ihre Über­set­zung der Fabel Liset­te, die von einer erblin­de­ten Frau han­delt, deren frus­trier­ter Ehe­mann eine Affä­re mit der Pfle­ge­rin sei­ner Frau beginnt. Wäh­rend sich im Ori­gi­nal abfäl­lig über den Ver­lust der Schön­heit und die Bedürf­tig­keit der Ehe­frau geäu­ßert wird, sind sol­che Ste­reo­ty­pi­sie­run­gen in der Über­set­zung nicht oder nur in Maßen zu fin­den. Erstaun­lich ist hier der direk­te Ver­gleich zwei­er Fas­sun­gen von de Ste­vens, eine frü­he von 1775 und die Druck­fas­sung von 1778, der deut­lich macht, wel­che mini­ma­len, aber doch höchst auf­schluss­rei­chen Über­ar­bei­tun­gen de Ste­vens selbst im Nach­hin­ein noch an ihrer Über­set­zung vor­ge­nom­men hat. So wird bei­spiels­wei­se die Pfle­ge­rin an einer Stel­le der Druck­fas­sung nicht wie zuvor als „riva­le“ (franz.) sti­li­siert, son­dern schlicht mit ihrem Namen „Eléo­no­re“ ver­se­hen, was laut San­mann weni­ger den Fokus auf den Kon­kur­renz­kampf der bei­den Frau­en, son­dern auf den ehe­bre­che­ri­schen Mann rücke.

Über­set­ze­ri­scher Inter­ven­tio­nen die­ser Art deu­ten auf eine bewuss­te, stra­te­gi­sche Len­kung der Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te. San­mann wen­det sich mit einer Mischung aus femi­nis­tisch gepräg­ter Auf­de­ckungs­ar­beit und über­set­zungs­his­to­ri­schem Inter­es­se den bis­lang über­se­hen­den über­set­ze­ri­schen Akti­vi­tä­ten die­ser Frau­en zu:

Wenn die Zusam­men­schau die­ser Ele­men­te kein in sich geschlos­se­nes Tableau ergibt, son­dern ein Mosa­ik aus Frag­men­ten und Leer­stel­len, so erwei­sen sich auch die Wider­sprüch­lich­keit und die Dis­pa­rat­heit als auf­schluss­reich, sei es das Feh­len einer sys­te­ma­ti­schen Über­set­zungs­theo­rie aus weib­li­cher Feder oder der unkla­re text­ge­ne­ti­sche Sta­tus vie­ler mut­maß­lich von Frau­en ver­fass­ter Über­set­zun­gen. In sol­chen Lücken und offe­nen Fra­gen spie­gelt sich die feh­len­de Selbst­ver­ständ­lich­keit weib­li­cher intel­lek­tu­el­ler Tätig­keit insgesamt.

San­manns Leis­tung besteht nicht nur dar­in, die ver­schie­de­nen Hal­tun­gen im Kon­text der ein­zel­nen Lebens­wer­ke die­ser Frau­en zu betrach­ten, son­dern besag­te „Frag­men­te und Leer­stel­len“ über­haupt erst zu iden­ti­fi­zie­ren und ihnen eine schlüs­si­ge Bedeu­tung zuzu­wei­sen. Ihre Her­an­ge­hens­wei­se besteht aus einem dezi­dier­ten Clo­se Rea­ding, das von einer ver­glei­chen­den Über­set­zungs­kri­tik unter­mau­ert wird. San­mann dringt tief ins Detail und zieht alle mög­li­chen ande­ren Spu­ren und Zeug­nis­se her­an, die Auf­schlüs­se über das Leben und Schaf­fen die­ser Frau­en geben könn­ten. Dabei zeigt sie, dass man nicht nur bewusst zwi­schen den Zei­len lesen muss, son­dern auch, dass bewusst zwi­schen den Zei­len über­setzt wurde.

Mit ihrer Stu­die trägt San­mann dazu bei, die klaf­fen­den Lücken in der (weib­li­che) Über­set­zungs­his­to­rie zu fül­len. Kon­kret bedeu­tet dies, dass San­mann bei­spiels­wei­se nicht nur der bis­her unbe­ach­te­ten Mari­an­ne Wil­hel­mi­ne de Ste­vens ein Kapi­tel wid­met, son­dern auch für die Sicht­bar­keit von La Roches über­set­ze­ri­scher Tätig­keit sorgt. Erst das Sicht­bar­ma­chen der über­set­ze­ri­schen Leis­tung kann ein voll umfas­sen­des Bild der Krea­ti­vi­tät und lite­ra­ri­schen Raf­fi­nes­se die­ser Frau­en schaf­fen. Fest­ge­hal­ten wer­den muss trotz­dem (und das betont auch die Stu­die), dass es sich bei die­sen Frau­en um Aus­nah­me­erschei­nun­gen han­delt – nur weni­ge konn­ten es sich leis­ten, ihre Mei­nun­gen und poli­ti­schen Anlie­gen in die Zwi­schen­zei­len einer Über­set­zung zu packen. Sicher­lich ver­füg­ten auch nicht alle über das Geschick und die Ambi­tio­nen, ihre Über­set­zun­gen mit einer eige­nen Stim­me zu ver­se­hen. Dafür war die über­set­ze­ri­sche Pra­xis als eine der weni­gen Mög­lich­kei­ten des Brot­er­werbs für Frau­en zu essen­zi­ell und das Risi­ko groß. Das Selbst­ver­ständ­nis die­ser Frau­en und deren lite­ra­ri­schen Tätig­kei­ten wur­de von einer Viel­zahl an Fak­to­ren beein­flusst und bestimmt. Die­sen gan­zen Ver­wick­lun­gen gerecht zu wer­den und sie als sol­che zu iden­ti­fi­zie­ren, ist eine gro­ße Ambi­ti­on der Stu­die – ein Unter­fan­gen, das gelingt und die genann­ten Frau­en in einem ande­ren Licht erschei­nen lässt.

Die Tätig­keit des Über­set­zens wird nicht in einem zeit­lo­sen Vaku­um aus­ge­übt, son­dern geschieht direkt im Zen­trum der kul­tur­po­li­ti­schen Debat­ten der Zeit. San­mann erkennt die Signi­fi­kanz des über­set­zen­den Indi­vi­du­ums an, das – obgleich die Inten­ti­on einer objek­ti­ven Annä­he­rung an den Text bestehen mag – ihre Lebens­welt und ihre Anschau­un­gen in den Text mit ein­flie­ßen lässt. Auch wenn Über­set­ze­rin­nen nicht auf dem Titel­blatt ste­hen, so sind sie im Text doch erkenn­bar, wie San­mann mit Die ande­re Krea­ti­vi­tät unter Beweis stellt. Das Über­set­zen ist somit kei­ne blo­ße Form des Die­nens, son­dern immer auch poli­tisch: ein sub­ver­si­ver Akt und ein Mit­tel der intel­lek­tu­el­len Eman­zi­pa­ti­on – vor hun­der­ten von Jah­ren wie auch heu­te noch.

Ange­la San­mann

Die ande­re Kreativität 

Über­set­ze­rin­nen im 18. Jahr­hun­dert und die Pro­ble­ma­tik weib­li­cher Autor­schaft

Win­ter Ver­lag 2021 ⋅ 330 Sei­ten ⋅ 58 Euro

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  1. 1
    Vera Schladitz del Campo

    Dass die schrei­ben­den Frau­en jenes Zeit­ab­schnitts „ihre Lebens­welt und ihre Anschau­un­gen in den Text mit ein­flie­ßen“ lie­ßen, dafür habe ich vol­les Ver­ständ­nis, zumal die Frau­en damals prak­tisch ein Ali­bi erfin­den muss­ten, um über­haupt in die­sem Sin­ne tätig zu wer­den. Was ich als unpas­send emp­fin­de, ist, dass die Autorin des Arti­kels das Über­set­zen schlecht­hin abschlie­ßend so bezeich­net: „ein sub­ver­si­ver Akt und ein Mit­tel der intel­lek­tu­el­len Eman­zi­pa­ti­on – vor hun­der­ten von Jah­ren wie auch heu­te noch.“ Das trifft mei­ner Ansicht nach kei­nes­wegs mehr zu und kann somit nicht auf die heu­ti­ge Zeit über­tra­gen wer­den. Ich habe nicht das Gefühl, dass es uns an intel­lek­tu­el­ler Eman­zi­pa­ti­on man­gelt. Außer­dem wäre zu bemer­ken, dass den meis­ten Autoren sicher­lich die Haa­re zu Ber­ge ste­hen, wenn sie lesen, wie eine Über­set­zung ihren Text bewusst „dena­tu­rie­ren“ und für eige­ne Zwe­cke her­an­ge­zo­gen wer­den kann.

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