„Mit einem Fuß auf einem Ufer und mit dem ande­ren Fuß auf einem ande­ren Ufer“

Wie übersetzt man die Biographie des eigenen Vaters? Noch dazu ohne Erfahrung im Literaturübersetzen? Die deutsch-iranische Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt von einem besonderen Übersetzungsauftrag und dem Leben in zwei Welten.

Interview:

Die Autorin und Sozialpädagogin Mehrnousch Zaeri-Esfahani (Bild: Christina Laube)
Hosein Zae­ri-Esfa­ha­ni wird 1940 in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen in Isfa­han gebo­ren und erar­bei­tet sich mit Intel­li­genz und Fleiß sei­nen Weg nach oben. Er ist in sei­nem Jahr­gang lan­des­weit der bes­te Schü­ler in Natur­wis­sen­schaf­ten und wird Arzt. Nach pre­kä­ren Anfangs­jah­ren in der Pro­vinz kann er mit sei­ner Fami­lie wie­der nach Isfa­han zie­hen und dort in rela­ti­vem Wohl­stand leben. Doch nach der Macht­über­nah­me von Aja­tol­lah Cho­mei­ni und der Pro­kla­mie­rung der Isla­mi­schen Repu­blik 1979 ist es mit dem einst so libe­ra­len Iran vor­bei: Uni­ver­si­tä­ten wer­den geschlos­sen, regie­rungs­kri­ti­sche Zei­tun­gen ver­bo­ten und poli­ti­sche Geg­ner hin­ge­rich­tet. Und so flieht Hosein 1985 mit sei­ner Frau und sei­nen vier Kin­dern über die Tür­kei und die DDR nach West­deutsch­land, wo sich die Fami­lie noch­mal ein ganz neu­es Leben auf­baut. Sei­ne beein­dru­cken­de Lebens­ge­schich­te wur­de von sei­ner Toch­ter Mehr­nousch unter dem Titel Wer weiß, wofür das gut war … ins Deut­sche über­tra­gen und von sei­nem Sohn Mehr­dad Zae­ri illustriert.

2020 erschien die Bio­gra­fie Ihres Vaters Hosein Zae­ri-Esfa­ha­ni: Wer weiß, wofür das gut war …, die Sie selbst aus dem Per­si­schen über­setzt haben. Wie kam es zu die­sem Projekt?

Alles fing im Jahr 2000 an. Da schrieb mein Vater sei­ne Memoi­ren auf und bat mich, die­se zu über­set­zen. Es han­del­te sich um ein per­si­sches Manu­skript mit rund 400 getipp­ten Sei­ten in eng geschrie­be­ner Schrift. Doch das war zeit­lich gese­hen genau in mei­nen beruf­lich wil­den Jah­ren, in denen ich als Sozi­al­päd­ago­gin und ehren­amt­li­che Vor­sit­zen­de des Flücht­lings­rats Baden-Würt­tem­berg einen Zehn- bis Zwölf-Stun­den-Tag hat­te. Es war die Zeit, in der wir hier Per­spek­ti­ven für die Geflüch­te­ten des Bal­kan­krie­ges suchen muss­ten und mit einer Mas­se von Alt­fäl­len kur­di­scher Geflüch­te­ter vor der tür­ki­schen Gewalt kon­fron­tiert waren. Dazu kamen dann noch die Anschlä­ge des 11. Sep­tem­ber, die eine grau­sa­me Zäsur in der euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik mit sich brach­ten und noch heu­te die Toten im Mit­tel­meer ver­ant­wor­ten. Es gab wirk­lich viel zu tun. So muss­te das Manu­skript lei­der war­ten. Genau 20 Jahre!

War­um hat Ihr Vater für die Über­set­zung sei­ner Memoi­ren gera­de Sie aus­ge­wählt – und keins Ihrer Geschwis­ter oder jeman­den, der sich beruf­lich mit Lite­ra­tur­über­set­zen beschäftigt?

Schon in Iran stell­te sich her­aus, dass ich sprach­lich sehr begabt bin. Ein­ein­halb Jah­re nach unse­rer Ankunft in Deutsch­land beherrsch­te ich die deut­sche Spra­che bereits so gut, dass ich mei­nen deut­schen Mitschüler*innen in Gram­ma­tik und Dik­tat Nach­hil­fe gab. Alle dach­ten, dass ich nach dem Abitur Ger­ma­nis­tik oder Lin­gu­is­tik stu­die­ren wür­de. Doch dann ent­schied ich mich im letz­ten Moment für Sozi­al­päd­ago­gik. Das Schrei­ben wur­de bei die­ser Tätig­keit zu mei­nem wich­tigs­ten Werk­zeug. Alles, was ich mach­te, dreh­te sich um Spra­che. Da war es nahe­lie­gend, dass ich die Bio­gra­fie über­set­zen musste.

War das Buch Ihre ers­te Erfah­rung mit dem lite­ra­ri­schen Übersetzen?

Ja, das war mei­ne ers­te und letz­te Erfah­rung mit dem Über­set­zen. Ich muss sagen, dass ich Literaturübersetzer*innen sehr bewun­de­re und ehre. Um über­set­zen zu kön­nen, muss man eine gewis­se linea­re Fähig­keit haben, so als wür­de man auf eine Ket­te Per­len auf­zie­hen. Man muss schon vor­her wis­sen, wann wel­che Per­le dran­kommt, damit man nicht wie­der alle Per­len raus­zie­hen muss, wenn man eine falsch auf­ge­fä­delt hat. Das ist die­sel­be Fähig­keit, die auch Krimiautor*innen beherr­schen, glau­be ich. Und ich bin nun ganz sicher, dass ich die­se Fähig­keit nicht zu den mei­ni­gen zäh­len kann. Und das ist auch völ­lig in Ord­nung. Ich bin eher eine von denen, die in Clus­tern denkt und arbei­tet, also alles gleich­zei­tig macht. Das Lite­ra­tur­über­set­zen über­las­se ich ger­ne den­je­ni­gen, die es gut können. 

Wie lan­ge hat die Arbeit an der Über­set­zung gedauert?

Ich begann am 1. Janu­ar 2019 und reich­te am 1. Okto­ber des­sel­ben Jah­res das fer­ti­ge Manu­skript beim Gra­fi­ker ein. Es dau­er­te so lan­ge wie eine Schwan­ger­schaft. Für die rei­ne Über­set­zung und für das Schrei­ben brauch­te ich neun Mona­te. Im Win­ter und Früh­ling muss­te ich zum Bestrei­ten mei­nes Lebens­un­ter­hal­tes wei­ter­hin mit mei­nen Erzähl­stun­den und mei­ner DENK­werk­statt deutsch­land­weit auf­tre­ten. Aber dafür konn­te ich die vie­len Bahn­fahr­ten zum Arbei­ten nut­zen. Natür­lich war ich auch sehr dank­bar um das Sti­pen­di­um, das ich vom För­der­kreis deut­scher Schrift­stel­ler in Baden-Würt­tem­berg für die­ses Buch­pro­jekt erhal­ten habe. 

Wie sind Sie bei der Recher­che vor­ge­gan­gen? Konn­ten Sie auch Erkun­dungs­fahr­ten nach Isfa­han unter­neh­men, wo ein gro­ßer Teil des Buches spielt?

Ein­mal Flücht­ling, immer Flücht­ling! Ich habe die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, mei­ne Geburts­stadt je wie­der­zu­se­hen. Lei­der konn­te ich vor Ort nicht recher­chie­ren. Doch wozu gibt es heu­te Goog­le-Earth, You­tube, Wiki­pe­dia und all die ande­ren Sei­ten, wo man alles fin­det, was man braucht. Ich ging auf der uralten 33-Bogen-Brü­cke in Isfa­han spa­zie­ren. Ich fand her­aus, wann und wie in den 60er Jah­ren die Dat­telern­te in der ira­ni­schen Pro­vinz Buschehr, einer der hei­ßes­ten Orte der Welt, von­stat­ten­ging. Ich fuhr mit dem Jeep durch den rei­ßen­den Fluss Dala­ki und ich fand her­aus, wel­che Uni­form die Grenz­sol­da­ten der DDR am 25. Dezem­ber 1985 tru­gen, als wir als Flücht­lin­ge im Ost­ber­li­ner Trä­nen­pa­last lan­de­ten. Dafür muss­te ich nur im DDR-Nost­al­gie­shop eine Post­kar­te bestel­len. Auf einer Inter­net­sei­te fand ich eine Lis­te aller ira­ni­schen Erd­be­ben seit 1950 auf den Tag genau mit der Zahl der Toten und der Stär­ke des Bebens.

Ich mach­te tat­säch­lich eine Zeit-und-Ort-Rei­se in die Kind­heit mei­ner Eltern und in mei­ne Hei­mat. Bevor ich über­haupt ent­schied, die Memoi­ren zu über­set­zen, hat­te ich bereits zwei Jah­re lang dazu recher­chiert, denn ich woll­te ursprüng­lich das Roh­ma­te­ri­al mei­nes Vaters für einen Zeit­rei­se-Jugend­ro­man nut­zen. Doch nach zwei Jah­ren Recher­chie­ren und Schrei­ben erkann­te ich, dass das Kon­zept nicht auf­ging, und gab mei­nen Zeit­rei­se-Jugend­ro­man vor­erst auf. Das tat sehr weh, und ich brauch­te erst ein­mal drei Mona­te Abstand, bis ich in der Sil­ves­ter­nacht zusam­men mit mei­ner Schwes­ter die gemein­sa­me Idee ent­wi­ckel­te, die­ses Roh­ma­te­ri­al tat­säch­lich ein­fach zu über­set­zen. Unse­re bei­den Brü­der waren sofort begeis­tert von der Idee. Wir wuss­ten alle, dass die­ses Pro­jekt sehr ambi­tio­niert sein wür­de. Denn wir woll­ten unbe­dingt im Janu­ar 2020, zum 80. Geburts­tag unse­res Vaters, das fer­ti­ge Buch in den Hän­den hal­ten. Wir hat­ten also nur ein Jahr Zeit. So teil­ten wir die Auf­ga­ben auf und mach­ten uns sofort an die Arbeit. Hät­te ich nicht schon vor­her so viel recher­chiert, hät­te ich nie­mals in so kur­zer Zeit über­set­zen können.

2016 haben Sie mit Das Mond­mäd­chen und 33 Bogen und ein Tee­haus zwei eige­ne auto­bio­gra­fisch gepräg­te Bücher geschrie­ben. Hat das Ihre Arbeit an der Über­set­zung beein­flusst? Und was neh­men Sie für sich per­sön­lich aus dem Über­set­zen mit?

Die­ses Buch war der Abschluss mei­ner acht­jäh­ri­gen Auto­bio­gra­fie-Tri­lo­gie, so dass ich mit mei­ner eige­nen Geschich­te Frie­den schlie­ßen konn­te, um jetzt end­lich von mir selbst weg­kom­men und fik­ti­ve Geschich­ten oder noch mehr Bio­gra­fien schrei­ben zu kön­nen. Die­se Über­set­zung war mein Weg, mich end­gül­tig in mein eige­nes Leben zu inte­grie­ren und den Platz zu fin­den, wo ich ger­ne bin.

Wie ist es, die Lebens­er­in­ne­run­gen des eige­nen Vaters zu über­set­zen – macht es Sie stolz oder war es auch eine Bür­de? Ist man ehr­fürch­ti­ger als sonst – oder gera­de kritischer?

Als er mich vor 20 Jah­ren frag­te, ob ich für ihn über­set­zen wür­de, war es für mich aus­schließ­lich eine Bür­de. Ich hat­te einen solch gro­ßen Respekt vor dem Leben die­ses Man­nes, dass ich wie gelähmt war. Auch die per­si­sche Spra­che mach­te mir gro­ße Angst, weil ich mich in Deutsch­land nicht inte­griert, d. h. sowohl das Eige­ne bewahrt als auch das Neue auf­ge­nom­men hat­te. Ich hat­te mich lei­der nur assi­mi­liert und dadurch alles Ira­ni­sche geleug­net und mein Per­sisch fast ver­lernt. Erst als ich Mut­ter wur­de und mit mei­nen Kin­dern zumin­dest in den ers­ten drei Jah­ren nur Per­sisch sprach und erst als ich anfing, her­aus­zu­fin­den, wer ich über­haupt bin, also mir mei­ner eige­nen Geschich­te bewusst wur­de, auch durch mei­ne zwei auto­bio­gra­fi­schen Roma­ne, hat­te ich genug Selbst­BE­WUSST­SEIN, um mir zu erlau­ben, über das Leben eines ande­ren Men­schen – hier mei­nes eige­nen Vaters – zu schrei­ben. Und dann war es schließ­lich für mich eine ein­zi­ge Freu­de voll Leich­tig­keit, tief in die­se ira­ni­sche Schatz­kis­te ein­tau­chen und all die Edel­stei­ne und Dia­man­ten, die ja auch mir und mei­nen Kin­dern gehö­ren, ent­de­cken und für die Leser*innen schlei­fen zu dürfen.

Haben Sie nah am Aus­gangs­ma­te­ri­al über­setzt oder an man­chen Stel­len auch mal stär­ker ein­ge­grif­fen? Und kann man als Toch­ter über­haupt neu­tral bleiben?

Bei die­ser Fra­ge muss ich lachen. Wer das Buch liest, ver­steht war­um. Mein Vater ist ein sehr beson­de­rer Mensch. Posi­tiv aus­ge­drückt, kann man sagen, dass er ein sehr ver­nunft­be­gab­ter und nüch­ter­ner Mensch ist. Er sieht die Din­ge sehr sach­lich und neigt nicht zu Dra­ma­ti­sie­run­gen. Als Natur­wis­sen­schaft­ler und Arzt sind ihm die­se Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten enorm zuträg­lich. Doch sei­ne Auto­bio­gra­fie glich eher einer tabel­la­ri­schen wis­sen­schaft­li­chen Zusam­men­fas­sung. Es wäre für alle sehr schlecht gewe­sen, wenn ich neu­tral geblie­ben wäre (lacht). Selbst die emo­tio­nals­ten oder schlimms­ten Momen­te schrieb er als eine Art neu­tra­len jour­na­lis­ti­schen Text. Etwa die Stel­le, an der er als Acht­jäh­ri­ger auf dem Schah­platz in Isfa­han das Fahr­rad­fah­ren lern­te. Die­se Stel­le hat­te er in einem ein­zi­gen Satz abge­han­delt. Doch ich wun­der­te mich, wie er sich an die­ses nor­ma­le Ereig­nis erin­nern kann oder bes­ser gefragt, war­um? Da hat er mir erst erzählt, was es damals bedeu­te­te, wenn eine Frau ohne männ­li­che Beglei­tung auf Plät­zen her­um­saß und dass sei­ne Mut­ter dies trotz­dem tat und alle Kon­se­quen­zen ertrug, weil sie unbe­dingt woll­te, dass er mit der Zeit geht und Fahr­rad­fah­ren lernt. Für die Beschrei­bung die­ser Epi­so­de brauch­te ich etwa ein­tau­send Wor­te. Also, Gott sei Dank bin ich nicht neu­tral geblie­ben als Über­set­ze­rin. Ich habe all die wahr­heits­ge­treu­en Emo­tio­nen, Über­trei­bun­gen, Extre­me und dra­ma­tur­gi­schen Momen­te, die eine gute Geschich­te hat und braucht, spä­ter beim Über­set­zen wie­der eingebaut.

Außer­dem muss­te ich eini­ge Fuß­no­ten set­zen, wo ich bestimm­te Orte, Gegen­stän­de, Tra­di­tio­nen oder Gege­ben­hei­ten erklä­re. Bestimm­te Den­kens- oder Ver­hal­tens­wei­sen habe ich nicht erklärt, denn die­se kön­nen die Leser*innen intui­tiv nach­voll­zie­hen, wenn man mit Stil­mit­teln und schrift­stel­le­ri­schen Tricks, wie z. B. Rück­blen­den oder Dia­lo­gen, arbeitet.

Gab es auch Epi­so­den, an die Sie ande­re Erin­ne­run­gen hat­ten als Ihr Vater? Was haben Sie in sol­chen Fäl­len getan?

Ja, es gab da sehr vie­le Details, die ich in mei­nen Auto­bio­gra­fien anders beschrie­ben hat­te. Ich erin­ner­te mich z. B. nur an zwei Kof­fer, die wir auf der Flucht mit uns her­um­schlepp­ten. In Wahr­heit waren es vier­zehn! Dar­an konn­te ich mich wohl des­halb nicht erin­nern, weil ich die damals nicht selbst geschleppt habe. Ich habe in die­sen Fäl­len immer das auf­ge­schrie­ben, was mein Vater berich­te­te. Wir wis­sen alle, dass kei­ne Auto­bio­gra­fie zu ein­hun­dert Pro­zent „rich­tig“ ist und dass immer die Wahr­neh­mung der erzäh­len­den Per­son uns allen einen Streich spielt. 

Im Inter­view mit der Buch­blog­ge­rin juli­liest sagen Sie, Sie kom­men aus einer Fami­lie von Geschich­ten­er­zäh­lern. Wie prägt das Ihre Arbeits­wei­se als Autorin bzw. Übersetzerin?

Das Geschich­ten­hö­ren als Kind und spä­ter das Geschich­ten­er­zäh­len als erwach­se­ne Per­son ver­än­dert den Schreib­stil kom­plett. Beim Vor­le­sen eines Buches gibt es genau eine Vor­la­ge, näm­lich das geschrie­be­ne Buch. Beim Erzäh­len gibt es unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten. Ori­en­ta­lisch gepräg­te Erzäh­len­de sind zudem mit der Eigen­schaft der Schick­sals­er­ge­ben­heit geseg­net, so dass das Erzäh­len in der Regel kein Ziel hat, son­dern aus dem Pro­zess des Erzäh­lens an sich und aus den zahl­rei­chen Unter­bre­chun­gen und Anmer­kun­gen der Zuhö­ren­den besteht. Des­halb ist das Unter­bre­chen auch so gern gese­hen in die­sen Kul­tu­ren. Der Weg ist das Ziel, und wenn der Weg sich durch Ein­flüs­se von außen ver­än­dert, ist es gut so. Denn man weiß nie, wofür das gut ist. Dies führt dann tat­säch­lich auch zu einer bestimm­ten Hal­tung beim Schrei­ben. Näm­lich zu einer Gelas­sen­heit, weder line­ar noch chro­no­lo­gisch arbei­ten zu müs­sen, wie etwa meh­re­re Stel­len gleich­zei­tig zu über­set­zen, zu schrei­ben, Zeit­sprün­ge zu machen und etwas bereits Geschrie­be­nes zu löschen, zu ergän­zen, umzu­keh­ren, zu ver­än­dern oder kom­plett her­aus­zu­schnei­den und an einer ganz ande­ren Stel­le des Tex­tes wie­der ein­zu­set­zen. Das durf­te ich machen, da ich wuss­te, dass mein Vater mir abso­lut vertraut.

Auch wenn ich Bücher schrei­be, arbei­te ich auf die­se Wei­se. Ich bin eine soge­nann­te Bauch­schrei­be­rin. Ich arbei­te an meh­re­ren Kapi­teln gleich­zei­tig und weiß auch vor­her gar nicht, was in dem jewei­li­gen Kapi­tel pas­sie­ren soll. Ich bin nur froh, wenn ich am Anfang des Schreib­pro­zes­ses weiß, wer Prot­ago­nist und wer Ant­ago­nist sein soll und wie und wo die Geschich­te unge­fähr enden soll. Aber das muss auch nicht unbe­dingt sein. 

Ihr Buch 33 Bogen und ein Tee­haus, ist vor kur­zem mit För­de­rung des Goe­the-Insti­tuts aus dem Deut­schen ins Ara­bi­sche über­setzt wor­den. Haben Sie dabei als Autorin auch mit der Über­set­ze­rin zusammengearbeitet?

Natür­lich! Es hat sehr gro­ßen Spaß gemacht, mit Heba Shala­by zusam­men­zu­ar­bei­ten. Sie hat mich ange­schrie­ben, wenn sie nicht genau wuss­te, was ich an einer Stel­le gemeint hat­te, da ich ja auch ger­ne mit Meta­phern arbei­te. Bei die­sem Pro­zess haben wir uns auch ein biss­chen ken­nen gelernt, und ich bin froh, dass wir uns jetzt in den Sozia­len Medi­en gegen­sei­tig fol­gen. Soll­te ich jemals nach Ägyp­ten kom­men, besu­che ich sie auf jeden Fall! Ich weiß natür­lich, dass in jeder Über­set­zung auch immer eine eige­ne Inter­pre­ta­ti­on oder auto­bio­gra­fi­sche Spu­ren der über­set­zen­den Per­son ste­cken. Und das fin­de ich gera­de wun­der­bar und sehr reiz­voll. Ich hät­te so ger­ne die Über­set­zung gele­sen. Es muss fan­tas­tisch sein, den eige­nen Text mit der Note einer ande­ren Per­son zu lesen. 

Wie hat Ihr Vater reagiert, als er Ihre Über­set­zung mit den Illus­tra­tio­nen Ihres Bru­ders Mehr­dad in den Hän­den hielt?

Geschenk zum 80. Geburts­tag (Quel­le: privat)

Das war eine sehr ver­rück­te Situa­ti­on. Unser Vater wuss­te gar nicht, dass ich sei­ne Auto­bio­gra­fie über­set­ze. Er hat­te die­sen Traum schon seit zehn Jah­ren auf­ge­ge­ben. Wir hat­ten ihm gesagt, dass ich noch immer den Zeit­rei­se-Roman schrie­be und ihm nur des­halb die­se vie­len Fra­gen zu sei­nen Memoi­ren stell­te. Alle haben mit­ge­macht, mei­ne Geschwis­ter, unse­re Ehepartner*innen und die Enkel­kin­der. Es war sehr auf­re­gend, ein Jahr lang still­zu­hal­ten. An sei­nem 80. Geburts­tag – einen Monat bevor die Pan­de­mie unser aller Welt auf den Kopf stell­te – tru­gen wir vier Kin­der einen gro­ßen, schwe­ren Kar­ton mit 50 Exem­pla­ren sei­ner Auto­bio­gra­fie an sei­nen Geburts­tags­tisch. Er pack­te aus und nahm eines der Bücher in die Hand. Mit sei­nem schar­fen Chir­ur­gen­blick erspäh­te er sofort sei­nen eige­nen Namen auf dem Buch­co­ver. Natür­lich wuss­te er, dass die Illus­tra­tio­nen von Mehr­dad sind. Er und unse­re Mut­ter fin­gen an, das Buch durch­zu­blät­tern, und sahen die vie­len Zeit­zeu­gen­fo­tos aus ihren Foto­al­ben, die mei­ne Geschwis­ter heim­lich in wochen­lan­ger Arbeit gesich­tet und ein­ge­scannt hat­ten. Unse­re Eltern schüt­tel­ten nur den Kopf und stan­den unter Schock. Sie waren sprach­los. Sie sag­ten immer wie­der: „Ist das denn die Mög­lich­keit?“ Sie brauch­ten Wochen, um zu rea­li­sie­ren, was das bedeu­te­te. Es war für uns alle und vor allem für die Enkel­kin­der ein unver­gess­li­cher Moment. 

Wel­che Rol­le spielt das Über­set­zen in Ihrem Leben und dem Ihrer Familie?

Für mei­ne Geschwis­ter und mich gehört das Über­set­zen seit unse­rer Ankunft in Deutsch­land, also seit 35 Jah­ren, dazu, und wir konn­ten uns das nicht aus­su­chen. Es war ein­fach plötz­lich da. Am Anfang war es unge­wohnt und anstren­gend. Doch im Lau­fe der Jah­re ver­lor es die Schwe­re und die Trau­er, die mit dem unge­heu­ren Abschied und dem Ver­lust einer Flucht zusam­men­hing. Es ist uns bewusst gewor­den, dass wir nicht nur Spra­che über­set­zen, son­dern auch Kul­tur, Gefüh­le, Welt­sich­ten und Wahr­neh­mun­gen. Wir haben ver­stan­den, dass wir sehr reich sind, da wir in zwei Wel­ten zuhau­se sind. Wir ste­hen immer mit einem Fuß auf einem Ufer und mit dem ande­ren Fuß auf einem ande­ren Ufer. So ver­bin­den wir Mor­gen- und Abend­land. Und das fühlt sich ein­fach nur gut an!

Mehr­nousch Zaeri-Esfahani


Gebo­ren im Jah­re 1974 in Iran, flüch­tet Mehr­nousch Zae­ri-Esfa­ha­ni mit ihre Fami­lie 1985 nach Deutsch­land. In Hei­del­berg wächst sie auf und enga­giert sich als Sozi­al­päd­ago­gin 17 Jah­re lang im Bereich Migra­ti­on und Diver­si­ty. Ab 2012 betä­tigt sie sich zuneh­mend als Refe­ren­tin mit der Metho­de Sto­ry­tel­ling und fei­ert als Autorin 2016 ein Dop­pel­de­büt mit zwei Roma­nen. Sie erhält zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen und Nomi­nie­run­gen. Als Refe­ren­tin gibt sie mit der von ihr ent­wi­ckel­ten DENK­werk­statt Semi­na­re und Vor­trä­ge zu Demo­kra­tie und gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt für Alters­grup­pen ab 7 bis 99 Jah­ren (www.zaeri-autorin.de).


Hosein Zae­ri-Esfa­ha­ni | Mehr­nousch Zae­ri-Esfa­ha­ni

Wer weiß, wofür das gut war …

Über­set­zung aus dem Per­si­schen

Ver­lag Ute Fuchs 2020 ⋅ 408 Sei­ten ⋅ 18 Euro

Mehr­nousch Zae­ri-Esfa­ha­ni

33 Bogen und ein Teehaus


Peter Ham­mer Ver­lag 2016 ⋅ 148 Sei­ten ⋅ 14,90 Euro

Mehr­nousch Zae­ri-Esfa­ha­ni

Das Mond­mäd­chen


Kne­se­beck 2016 ⋅ 144 Sei­ten ⋅ 14,95 Euro


mehrsprachig vielstimmig Translationale Berlin

Ein Fest des Übersetzens

Vom 1. bis 3. Okto­ber fin­det in Ber­lin die Trans­la­tio­na­le statt, ein Fes­ti­val für Literaturübersetzung. … 

Schö­ne über­setz­te Welt

Sal­ly Rooneys neu­er Roman bie­tet Welt­schmerz in wohl­tem­pe­rier­ten Dia­lo­gen. Ihre Über­set­ze­rin Zoë Beck fin­det dafür … 

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