Gro­ße klei­ne Spra­che Rumänisch

Das Land am Schwarzen Meer bietet so viel mehr als Transsilvanien und Dracula – die moderne rumänische Literatur ist in Aufbruchstimmung und hat keine Angst vor großen Gefühlen.

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Ion Theodorescu-Sion: Frau im Park (Gemälde, 1919)
"Frau im Park" (1919) von Ion Theodorescu-Sion. Quelle: WikiCommons

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.


Sie über­set­zen aus dem Rumä­ni­schen ins Deut­sche und umge­kehrt. Wie haben Sie bei­de Spra­chen gelernt?

Mein Geburts­ort Cluj-Napo­ca (dt. Klau­sen­burg) gehört zu Sie­ben­bür­gen, wo es eine deut­sche Min­der­heit gibt. Ich habe dort einen deut­schen Kin­der­gar­ten und eine deut­sche Schu­le besucht und spä­ter an der Uni­ver­si­tät Babeș-Bolyai Ange­wand­te Fremd­spra­chen und an der Uni­ver­si­tät Osna­brück Ger­ma­nis­tik stu­diert. Die Dozent:innen haben uns ver­mit­telt, dass wir als zukünf­ti­ge Übersetzer:innen bei­de Spra­chen mög­lichst auf mut­ter­sprach­li­chem Niveau beherr­schen soll­ten, um Fein­hei­ten über­tra­gen zu kön­nen. Mitt­ler­wei­le ver­ste­he ich, was damit gemeint ist. Es reicht nicht, die Mut­ter­spra­che in- und aus­wen­dig zu ken­nen, wenn man kein Gespür für die zwei­te Spra­che hat. Durch das Über­set­zen in bei­de Rich­tun­gen habe ich das Gefühl, mei­nen sprach­li­chen Hori­zont per­ma­nent erwei­tern zu können.

Wie sieht die rumä­ni­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Bunt. Wie ein Basar, auf dem es aller­lei zu ent­de­cken gibt, aller­dings kei­ne Meter­wa­re, eher Uni­ka­te. Was mich begeis­tert, ist, dass der rumä­ni­sche Bücher­markt sich gera­de zu öff­nen scheint. Den Ver­la­gen ist bewusst gewor­den, dass sich das lesen­de Publi­kum ver­än­dert hat und mit ihm der Bedarf an neue­rer Lite­ra­tur. Die eta­blier­ten Schriftsteller:innen gibt es immer noch. Hin­zu­ge­kom­men sind jün­ge­re, fri­sche Stim­men, die – ohne sich selbst zu zen­sie­ren – direkt und offen The­men behan­deln, die sie beschäf­ti­gen. Sei­en es Erkran­kun­gen (Dia­na Bădică, Ioana Stăn­ces­cu), Erfah­run­gen in der Arbeits­welt (Mihai Radu, Lavi­nia Bra­niș­te) oder fami­liä­re Kon­flik­te (Maria Orban, Bog­dan Coșa, Simo­na Goșu). Die­se Schriftsteller:innen schrei­ben aus einem ande­ren Blick­win­kel auch über die Migra­ti­on inner­halb von Euro­pa und the­ma­ti­sie­ren dabei deren Wir­kung auf das Indi­vi­du­um und sein Umfeld (Iri­na Nechit, Mir­cea Țuglea). Zusätz­lich gab es in letz­ter Zeit eini­ge viel­ver­spre­chen­de Debüts im Bereich der Gen­re­li­te­ra­tur, his­to­ri­sche, Lie­bes- und Fan­ta­sy-Roma­ne. Es ist toll, die­se Wer­ke im Buch­la­den neben den eta­blier­ten Autor:innen ste­hen zu sehen. 

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

  • Aus der unmit­tel­ba­ren Unwirk­lich­keit von M. Ble­cher (1909–1938), das als Mei­len­stein der mit­tel­eu­ro­päi­schen Moder­ne gilt. Der Roman wur­de von Ernest Wich­ner über­setzt, in einem aus­führ­li­chen Nach­wort begrün­det Her­ta Mül­ler die gro­ße Bedeu­tung die­ses Buches. 
  • Der Unfall von Mihail Sebas­ti­an, aus dem Rumä­ni­schen von Georg Aescht, erschie­nen im Claas­sen Ver­lag. Wegen sei­ner Her­kunft dis­kri­mi­niert, wur­de der jüdi­sche Autor erst lan­ge nach sei­nem Tod (1945) wie­der­ent­deckt, obwohl er zu Leb­zei­ten eng mit Autoren wie Iones­co, Elia­de und Cior­an befreun­det war. Der Unfall gilt als sein bedeu­tends­ter Roman. 
  • Vol­ler Ent­set­zen, aber nicht ver­zwei­felt: Tage­bü­cher 1935–1944, Mihail Sebas­ti­ans Tage­bü­cher, von Edward Kan­te­rian und Rai­ner Erb über­setzt und eben­falls im Claas­sen Ver­lag erschie­nen. Ein auf­wüh­len­des Zeug­nis der Mensch­lich­keit, das mit Vic­tor Klem­pe­rers Tage­bü­chern ver­gleich­bar ist, weil es das dama­li­ge Leben unter Ver­fol­gung und wach­sen­der Todes­ge­fahr dokumentiert. 
  • Hum­bug und Varia­tio­nen von Ion Luca Cara­gia­le, ein Klas­si­ker der rumä­ni­schen Lite­ra­tur, der auf­grund sei­ner sprach­li­chen Kom­ple­xi­tät als unüber­setz­bar galt, erschien in Eva-Ruth Wem­mes Übersetzung. 
  • Der Som­mer, als Mut­ter grü­ne Augen hat­te von Tatia­na Țîbu­leac, einer aus Mol­da­wi­en stam­men­den Schrift­stel­le­rin, wel­cher 2019 der Euro­päi­sche Preis für Lite­ra­tur ver­lie­hen wur­de. Der Roman han­delt von einer letz­ten Mut­ter-Sohn-Begeg­nung, bei dem sich Hass in Lie­be ver­wan­delt. Er wur­de vor kur­zem in Ernest Wich­ners Über­set­zung veröffentlicht.

Was ist noch nicht übersetzt?

Ganz viel. Zum Bei­spiel Sofia Nădej­de, eine der ers­ten Femi­nis­tin­nen in Rumä­ni­en. Nach ihr wur­de der in 2018 ins Leben geru­fe­ne Preis für Frau­en­li­te­ra­tur benannt. Oder Cel­la Serghi, die trotz der männ­li­chen Domi­nanz zu einer der wich­tigs­ten Autor:innen der Zwi­schen­kriegs­zeit wurde.

In der Gegen­warts­li­te­ra­tur gibt es eine Rei­he von Schriftsteller:innen, die von Bezie­hun­gen, Schei­dun­gen, Ent­täu­schung und All­tag in der post­kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft erzäh­len – und dabei zugleich die kom­ple­xen psy­cho­lo­gi­schen Struk­tu­ren in den Blick neh­men. Viel­leicht wer­den in Zukunft auch eini­ge der fol­gen­den Namen den deut­schen Leser:innen etwas sagen: Octa­vi­an Sovi­a­ny, Ioana Crețoiu, Ceci­lia Ște­fă­nes­cu, Radu Paraschivescu. 

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Rumänischen?

Sobald es um lan­des­ty­pi­sche Spei­sen und Tra­di­tio­nen geht, wird es schnell her­aus­for­dernd. Aber auch kirch­li­che Bräu­che las­sen sich oft nicht auf Anhieb ver­mit­teln. Zu guter Letzt ist Rumä­nisch eine bun­te, mit lau­ter Flü­chen und Schimpf­wör­tern gewürz­te Sprache.

Wie gehen Sie mit die­sen Schwie­rig­kei­ten um?

Wenn es zum Bei­spiel um tra­di­tio­nel­le Gerich­te geht, bevor­zu­ge ich es, die rumä­ni­sche Bezeich­nung zu über­neh­men. Die Leser:innen kön­nen ein­fach dar­über hin­weg­le­sen oder die Erklä­rung im Glos­sar oder in der Fuß­no­te fin­den, wenn sie neu­gie­rig sind. Eine Alter­na­ti­ve wäre, ein deut­sches Äqui­va­lent zu fin­den. Aber die­se Metho­de hat sich für mich nicht bewährt. Denn das ist so, als wür­de man dar­auf bestehen, sich eine viel zu enge oder brei­te Jeans anzu­zie­hen, nur weil man sei­ne Grö­ße nicht fin­det. Dann blei­be ich lie­ber mei­ner alten Jeans treu.

Was kann Rumä­nisch, was Deutsch nicht kann?

Die rumä­ni­sche Spra­che war lan­ge Zeit star­ken Restrik­tio­nen aus­ge­setzt. Die rumä­ni­schen Autor:innen muss­ten erfin­de­risch wer­den, woll­ten sie ver­öf­fent­li­chen. Sie waren gezwun­gen, nach For­mu­lie­run­gen und Sprach­bil­dern zu suchen, durch die sie ihre Ideen zum Aus­druck brin­gen konn­ten, ohne dass sie durch die Zen­sur fie­len. Die­sen Zugang zum Schrei­ben haben die Schriftsteller:innen, ob bewusst oder nicht, nach dem Fall des Eiser­nen Vor­hangs bei­be­hal­ten und an die nach­fol­gen­de Genera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. Gleich­zei­tig ist es jetzt aber auch mög­lich, vom gan­zen sprach­li­chen Fun­dus Gebrauch machen und ohne Beden­ken über die Gren­zen jener „dezen­ten“ Spra­che hin­aus­ge­hen, z. B. wirk­lich viel­fäl­tig zu flu­chen. Rumä­ni­sche Schimpf­wör­ter und Flü­che sind ein Kapi­tel für sich, irgend­wie herrscht da eine Beses­sen­heit von Sexua­li­sie­rung, egal ob männ­li­cher oder weib­li­cher Spre­cher, das Glied wird über­all rein­ge­steckt, selbst in den Lei­chen­schmaus, und über­haupt hat man Geschlechts­ver­kehr mit allem, was einen ärgert, selbst mit einer Zwie­bel. Weder der Duden noch das Grimm’sche Wör­ter­buch, geschwei­ge denn eine Über­set­zungs­soft­ware, kön­nen mir in sol­chen Fäl­len zur Hil­fe kom­men. Und dann stellt man sich die Fra­ge, wie im Him­mel über­set­ze ich f*** den Him­mel dei­ner Mut­ter ins Deut­sche? Ist es ver­dammt, ver­flixt oder eher Him­mel­herr­gott noch mal?

Ande­rer­seits habe ich das Gefühl, dass sich die rumä­ni­sche Gesell­schaft und mit ihr die sprach­li­chen Aus­drucks­for­men in einer Tran­si­ti­on befin­den. Die rumä­ni­sche Spra­che erneu­ert sich, wird leben­di­ger und passt sich den Bedürf­nis­sen der Men­schen an. Für mich als Über­set­ze­rin ist der Trans­fer gera­de sol­cher Eigen­hei­ten mit­un­ter hei­kel. So spricht mei­ne Autorin, Lavi­nia Bra­niș­te, in ihrem Roman Sonia mel­det sich von dem „Weit­weg“, das einen ein­ho­len kann, das über einen her­ein­bricht und einen ver­rückt macht. Dabei nutzt sie ein im Rumä­ni­schen bis­lang nicht exis­tie­ren­des Sub­stan­tiv, wel­ches sie aus einem Adverb abge­lei­tet hat. Sicher­lich wäre es mög­lich gewe­sen, die rumä­ni­sche Neu­schöp­fung „depar­te­le“ mit „Ent­fer­nung“ oder „Ver­gan­gen­heit“ zu über­set­zen. Aber ich fin­de es schön und berei­chernd, zu zei­gen, wie Bra­niș­te über die Gren­zen der Spra­che hin­aus­geht. Also habe ich das „Weit­weg“ erfunden.

Die rumä­ni­sche Lite­ra­tur ist äußerst men­schen­ori­en­tiert. Und das lie­be ich. In den meis­ten Fäl­len dreht sich ein Roman oder eine Kurz­ge­schich­te, selbst die Lyrik, um die per­sön­li­chen, inti­men Erfah­run­gen und Emp­fin­dun­gen. Mit­hil­fe oft auto­bio­gra­fi­scher Details trans­fe­rie­ren die Schriftsteller:innen eine indi­vi­du­el­le Geschich­te auf eine z. B. sozia­le oder poli­ti­sche Ebe­ne. Oder halt auch nicht. Es wird den Leser:innen über­las­sen, zwi­schen den Zei­len zu lesen. Obwohl Rumä­ni­en nach euro­päi­schen Wer­ten strebt, ist die hie­si­ge Lite­ra­tur bis­lang „exo­tisch“ geblie­ben. Sie geht weni­ger von Kon­zep­ten aus und beschäf­tigt sich im Kern einer­seits mit dem Leben von Men­schen, die an loka­len Tra­di­tio­nen und alt­ein­ge­ses­se­nen Denk­mus­tern fest­hal­ten und ander­seits mit der Refle­xi­on, der Betrach­tung die­ser Indi­vi­du­en und der Gesell­schaft, in der sie leben. Beson­ders die jün­ge­ren Schriftsteller:innen sind dabei aus­ge­zeich­ne­te Beobachter:innen, weil sie dem Neu­en sehr offen entgegentreten.

In man­chen Rezen­sio­nen rumä­ni­scher Neu­erschei­nun­gen wird ein Hang zur Über­trei­bung bemän­gelt, in der Dar­stel­lung von Elend und Mise­re, aber auch von Glück. Ich per­sön­lich mag die­se Eigen­heit, die emo­tio­na­le Sei­te der rumä­ni­schen Spra­che und hof­fe, dass sich die rumä­ni­schen Schriftsteller:innen nicht durch sti­lis­ti­sche und the­ma­ti­sche Erwar­tun­gen ein­schüch­tern lassen.


Manue­la Klenke

Manue­la Klen­ke wur­de 1984 in Cluj-Napo­ca gebo­ren. Sie stu­dier­te Sprach­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Babeș-Bolyai und Ger­ma­nis­tik an der Uni­ver­si­tät Osna­brück. 2008 erschien ihr Buch On Text­pro­duc­tion: The Inte­gral Rela­ti­ons­hip to Trans­la­ti­on (Ko-Autorin Ali­na Pre­da). Zuletzt über­setz­te sie die Roma­ne Null Kom­ma Irgend­was und Sonia mel­det sich (mikro­text) von Lavi­nia Bra­niș­te sowie Die grü­nen Brüs­te (danu­be books) von Flo­rin Iaru. Zur­zeit kura­tiert sie die monat­li­che Kolum­ne Deut­sche Ecke auf DLITE, dem Lite­ra­tur­blog des Goe­the Insti­tuts Buka­rest, und arbei­tet an einer Antho­lo­gie deut­scher Gegen­warts­ly­rik, die nächs­tes Jahr erschei­nen wird.



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