Zwi­schen Auf­bruch und Stillstand

Am Wochenende vom 1. bis 3. Oktober fand in Berlin ein Festival nur zum Thema Literaturübersetzung statt. Beobachtungen von der Translationale. Von

Das Programmheft genießt den Spätsommer in Berlin.

Nach­dem Übersetzer:innen nun fast andert­halb Jah­re auf ihre übli­chen Begeg­nungs­or­te wie die Jah­res­ta­gung des Über­set­zer­ver­ban­des in Wol­fen­büt­tel oder die Buch­mes­sen ver­zich­ten muss­ten, bot die Trans­la­tio­na­le, ein Fes­ti­val für Lite­ra­tur­über­set­zung, ein neu­es Ver­an­stal­tungs­high­light im Kalen­der. In die­sem Sin­ne war das Fes­ti­val wie so vie­le Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen im Herbst Vor­bo­te einer neu­en Nor­ma­li­tät, in der es zwar Beschrän­kun­gen beim Ein­lass gibt, sich aber vor und nach den Pro­gramm­punk­ten ein Gewu­sel ent­wi­ckeln darf, das an ver­gan­gen geglaub­te Zei­ten erin­nert. Im Col­le­gi­um Hun­ga­ri­cum Ber­lin ver­teil­te sich das Fes­ti­val auf über drei Eta­gen. Die Ver­an­stal­te­rin­nen – Nora Bie­rich, Clau­dia Hamm, Eva Pro­fou­so­vá, Doro­ta Stroińs­ka von der Welt­le­se­büh­ne und Auré­lie Mau­rin vom TOLE­DO-Pro­gramm des Deut­schen Über­set­zer­fonds – und ihr Team waren drei Tage lang in allen Win­keln des Gebäu­des anzu­tref­fen und führ­ten auch durch eini­ge Veranstaltungen.

Gebär­den­poe­sie von Jona­than Sav­kin
© MIKA Fotografie 

Was ein Fes­ti­val für Lite­ra­tur­über­set­zung zu bie­ten hat, wenn es die Begrif­fe „Lite­ra­tur“ und „Über­set­zung“ etwas wei­ter fasst, zeig­te sich bereits am Frei­tag­abend. In dem Work­shop Hand­ver­le­sen tref­fen hören­de und nicht-hören­de Lyriker:innen auf­ein­an­der, um sich gegen­sei­tig zu über­set­zen oder gemein­sam neue Poe­sie zu kre­ieren. Im Rah­men der Trans­la­tio­na­le stell­ten eini­ge Tan­dems ihre Pro­jek­te vor, die nicht nur von viel Lei­den­schaft zeug­ten, son­dern auch ästhe­tisch inter­es­san­te Akzen­te set­zen. Gefolgt wur­de die Per­for­mance von der Dead Ladies Show, eine in Ber­lin schon lan­ge eta­blier­te Abend­ver­an­stal­tung, bei der die beweg­ten Lebens­ge­schich­ten außer­ge­wöhn­li­cher, aber bereits ver­stor­be­ner Frau­en (an die­sem Abend ging es um zwei Über­set­ze­rin­nen) zele­briert wer­den. Ange­führt von der bri­ti­schen Über­set­ze­rin Katy Der­byshire gelang es, den ers­ten Abend auf einer locke­ren Note aus­klin­gen zu las­sen und dem bis dato recht nüch­tern gehal­te­nen Fes­ti­val ein biss­chen mehr Charme zu verleihen.

Über­zeu­gen konn­ten vor allem die Ver­an­stal­tun­gen, bei denen die Mode­ra­to­rin­nen im Blick hat­ten, dass neben ver­sier­ten Literaturübersetzer:innen auch noch ande­re im Publi­kum sit­zen könn­ten. Am Sams­tag­nach­mit­tag ver­such­te man mit einer Kung-Fu-Vor­füh­rung im Rah­men des Mate­ri­al­ge­sprächs zu Karin Betz’ Über­set­zung von Die Legen­de der Adler­krie­ger die Ver­an­stal­tung auf­zu­pep­pen. Das wäre nicht unbe­dingt not­wen­dig gewe­sen, da die Mode­ra­to­rin Jing Bartz sich auch mal trau­te, die „ein­fa­che­ren“ Fra­gen zu stel­len (Wor­um geht es eigent­lich in dem Roman?) und die Ver­an­stal­tung so im Griff hat­te, dass sie Betz eines der greif­ba­re­ren Bil­der für den Über­set­zungs­pro­zess ent­lock­te: Über­set­zen sei wie ein „inne­res und äuße­res Kung-Fu“ – die­se Beschrei­bung hat­te deut­lich mehr Witz als alle zuvor geäu­ßer­ten Plat­ti­tü­den über das Übersetzen.

Über­ra­schend auf­schluss­reich war auch das Gespräch zwi­schen Robert Walsers Über­set­ze­rin­nen Mari­on Graf und Lídia Nádo­ri. Der Mode­ra­to­rin Lydia Dimitrow gelang, wor­an ande­re in den manch­mal über­lan­gen 90-minü­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen schei­ter­ten: einen roten Faden zwi­schen den ein­zel­nen Dis­kus­si­ons­teil­neh­mern zu spin­nen und gleich­zei­tig einen nicht über­trie­ben wis­sen­schaft­li­chen Über­set­zungs­ver­gleich durch­zu­füh­ren, der ganz deut­lich auf­zeig­te, wie unter­schied­lich über­set­ze­ri­sche Stra­te­gien sein kön­nen. Am Sonn­tag­mor­gen stieß dann wie geru­fen noch die mit der Über­set­zer­bar­ke aus­ge­zeich­ne­te Lite­ra­tur­ver­mitt­le­rin Ani­ta Dja­fa­ri hin­zu, die dafür sorg­te, dass sich die Über­set­ze­rin Laris­sa Ben­der und die Lite­ra­tur­agen­tin Nico­le Witt in der Podi­ums­dis­kus­si­on zum The­ma „Welt­li­te­ra­tur“ nicht in all­zu pes­si­mis­ti­schen Tira­den ver­ann­ten. Alle paar Minu­ten erin­ner­te sie dar­an, wie sehr sich die Buch­bran­che ste­tig ver­än­dert und auch wei­ter­ent­wi­ckelt. Hin und wie­der tut es gut, wenn jemand vor Augen führt, dass die über­setz­te Lite­ra­tur in Deutsch­land noch immer nicht dem Unter­gang geweiht ist.

Der Schrift­stel­ler Dže­vad Karaha­san © MIKA Fotografie 

Einer der weni­gen Tief­punk­te der Trans­la­tio­na­le war aus­ge­rech­net die Fes­ti­val­re­de des bos­ni­schen Schrift­stel­lers Dže­vad Karaha­san. Die Über­set­zungs­bran­che ist lei­der auch nicht vor Wider­sprü­chen gefeit: Zum einen beschwert man sich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den über die man­geln­de Sicht­bar­keit. Zum ande­ren lädt man Nichtübersetzer:innen ein, die wich­tigs­ten Reden zu hal­ten. Am Über­set­zert­ag des Deut­schen Über­set­zer­fonds hielt die Schrift­stel­le­rin Mit­hu San­y­al die Eröff­nungs­re­de und gestand, dass sie vom Lite­ra­tur­über­set­zen eigent­lich wenig Ahnung habe. Ähn­li­ches pas­sier­te auch auf der Trans­la­tio­na­le: In der Bio­gra­phie von Dže­vad Karaha­san kommt das Wort „Über­set­zer“ über­haupt nicht vor. Wohl aus genau die­sem Grund dau­er­te es eine gute hal­be Stun­de, bis er das Wort „über­set­zen“ über­haupt in den Mund nahm. Sei­ne pater­na­lis­ti­sche Rede han­del­te zwar irgend­wie von „der Spra­che“, aber als er über Dan­te und Pla­ton schließ­lich sei­nen Weg zu Les­sing fand, hat­te man end­gül­tig den Ein­druck, dass es ihm vor allem dar­um ging, rhe­to­risch gewandt zu wir­ken. Mit Lite­ra­tur­über­set­zung oder den in den ver­gan­ge­nen Mona­ten inten­siv geführ­ten über­set­ze­ri­schen Debat­ten hat­te das alles aber wenig zu tun. 

Am Sonn­tag­nach­mit­tag lud dann noch der Lite­ra­tur­über­set­zer Frank Hei­bert sei­ne Tell-Kol­le­gin Sieg­lin­de Gei­sel, die oce­lot-Buch­händ­le­rin Maria-Chris­ti­na Piwo­war­ski, die Über­set­ze­rin Olga Radetz­ka­ja und den Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Albrecht Busch­mann dazu ein, sich 90 Minu­ten lang mit Über­set­zungs­kri­tik zu beschäf­ti­gen. Im ers­ten Teil erfolg­te eine behut­sa­me Annä­he­rung an das The­ma, wäh­rend es im zwei­ten in die Pra­xis ging. Schul­meis­ter­mä­ßig ver­teil­te Hei­bert selbst gewähl­te Text­aus­zü­ge an die Betei­lig­ten, die die­se dann live kom­men­tie­ren soll­ten. Eini­ge ner­vö­se Hand­be­we­gun­gen ver­mit­tel­ten den Ein­druck, dass sich so man­che der Betei­lig­ten tat­säch­lich in ein Klas­sen­zim­mer zurück­ver­setzt fühl­ten, in dem sie ohne jeg­li­chen Kon­text oder Hil­fe­stel­lung einen Text ana­ly­sie­ren muss­ten. Und auch im Publi­kum war eine gewis­se Anspan­nung zu spü­ren – die Kol­le­gin­nen hat­ten wohl Angst, die eige­ne Über­set­zung an die Wand pro­ji­ziert zu sehen. 

Die Über­set­zungs­kri­ti­ke­rin­nen bei der Arbeit © privat

Erstaun­lich war an der kurz­wei­li­gen Ver­an­stal­tung vor allem eins: In der ers­ten Hälf­te echauf­fier­te man sich noch über die infla­tio­när ver­wen­de­te Rede­wen­dung „da stol­pert man“, mit der oft Unstim­mig­kei­ten in der Über­set­zung beschrie­ben wer­den, und kri­ti­sier­te, dass Über­set­zun­gen nur dann im Feuil­le­ton bespro­chen wer­den, wenn sie beson­ders schlecht sind. In der zwei­ten Hälf­te mach­ten die Teil­neh­men­den dann genau das, was man weni­ge Minu­ten zuvor als Sün­den der Lite­ra­tur­kri­tik abge­tan hat­te. Sie „stol­per­ten“ durch die Über­set­zun­gen und iden­ti­fi­zier­ten vor allem poten­zi­el­le Feh­ler sowie Unge­reimt­hei­ten. Am Schluss jeder Ana­ly­se stell­te Hei­bert noch sei­ne Gret­chen­fra­ge: „Ver­traut ihr der Über­set­zung“? Die meis­ten Text­aus­schnit­te rie­fen eine gewis­se Skep­sis bei den Expert:innen her­vor, was der Ver­an­stal­tung einen leicht bit­te­ren Bei­geschmack ver­lieh. Schließ­lich wür­de man anneh­men, dass zumin­dest Vertreter:innen der Lite­ra­tur­bran­che Ver­trau­en in die Arbeit der Über­set­zen­den haben. Gut über Über­set­zun­gen zu spre­chen, will also gelernt sein.

Das Col­le­gi­um Hun­ga­ri­cum war das Wochen­en­de über ins­ge­samt gut gefüllt, wirk­te jedoch kei­nes­wegs aus­ge­bucht, wie es eini­ge Tage vor Fes­ti­val­be­ginn gehei­ßen hat­te. Vie­le hat­ten sich bei dem strah­len­den Son­nen­schein wohl ument­schie­den, zumal sich das Fes­ti­val auch in die lan­ge Lis­te der im Herbst in Ber­lin statt­fin­den­den Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen ein­rei­hen muss­te. Die Kon­kur­renz ist in der Haupt­stadt groß, was wohl einer der vie­len Grün­de ist, war­um die Trans­la­tio­na­le ins­ge­samt wenig Lite­ra­tur­in­ter­es­sier­te ohne Trans­la­ti­ons­hin­ter­gund anzog.

Allen inter­es­sier­ten Nichtübersetzer:innen stan­den die Türen des Fes­ti­vals offen – das muss­ten sie auch, da sich die Trans­la­tio­na­le unter ande­rem aus öffent­li­chen För­der­mit­teln im Rah­men von Neu­start Kul­tur finan­ziert. Die Öffent­lich­keit selbst hat­te davon aber anschei­nend wenig mit­be­kom­men, sodass die Ver­an­stal­tung pha­sen­wei­se wie ein rei­ner Bran­chen­treff wirk­te. Die­ser Ein­druck bestä­tig­te sich auch wäh­rend eini­ger Ver­an­stal­tun­gen, in denen Mode­ra­to­ren das Publi­kum mit „Sehr geehr­te Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen“ anspra­chen, offen­sicht­lich in der Annah­me, dass man auf der Trans­la­tio­na­le unter sich sei. Gemes­sen dar­an, dass die Literaturübersetzer:innen in den letz­ten Jah­ren auf vie­le Groß­ver­an­stal­tun­gen ver­zich­ten muss­ten, ist das zwar wenig über­ra­schend, für ein Fes­ti­val die­ser Grö­ßen­ord­nung aber etwas frag­wür­dig. Man kann nicht mehr Auf­merk­sam­keit von der Öffent­lich­keit ein­for­dern, nur um dann doch in sei­nem eige­nen Mikro­kos­mos zu bleiben.

Die Trans­la­tio­na­le war ein ambi­tio­nier­tes Fes­ti­val mit viel Poten­zi­al. Damit es dies jedoch voll ent­fal­ten kann, braucht es von vie­len der bereits vor­han­de­nen Zuta­ten etwas mehr, ange­fan­gen beim Publi­kum: Die jün­ge­re Genera­ti­on war in den Abend- und Nach­mit­tags­ver­an­stal­tun­gen kaum anzu­tref­fen, dabei hat­te das inter­na­tio­na­le lite­ra­tur­fes­ti­val ber­lin erst vor weni­gen Wochen bewie­sen, dass auch die U40-Jäh­ri­gen ger­ne zu Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen gehen oder gar auf deren Büh­nen sit­zen. Und das Pro­gramm bot zwar augen­schein­lich unter­schied­li­che The­men­schwer­punk­te, ihm schien aber ein recht eli­tä­res Ver­ständ­nis von Lite­ra­tur zugrun­de zu lie­gen, sodass in den Abend­ver­an­stal­tun­gen kei­ne Krimi‑, Fantasy‑, Sci­Fi- oder gar Jugendbuch-Übersetzer:innen anzu­tref­fen waren, obgleich deren Über­set­zun­gen ein viel brei­te­res Publi­kum ansprechen.

Bei der Eröff­nung des Fes­ti­vals grif­fen die Ver­an­stal­te­rin­nen die Fra­ge auf, war­um es über­haupt ein Fes­ti­val für Lite­ra­tur­über­set­zung geben soll­te. Die Trans­la­tio­na­le selbst lie­fer­te eini­ge zufrie­den­stel­len­de Ant­wor­ten: Weil die Arbeit der vie­len hoch­kom­pe­ten­ten Übersetzer:innen mehr Auf­merk­sam­keit ver­dient, weil die vie­len qua­li­ta­tiv über­zeu­gen­den Über­set­zun­gen eine gro­ße Leser­schaft fin­den soll­ten und weil über­setz­te Lite­ra­tur über alle Gren­zen hin­weg ver­bin­det. In der Haupt­stadt wird sich die Trans­la­tio­na­le aber nur durch­set­zen kön­nen, wenn sie es schafft, den Blick zu wei­ten und die­je­ni­gen in ihre Ver­an­stal­tun­gen zu locken, die man das gan­ze Wochen­en­de über am aller­meis­ten ver­miss­te: die Lese­rin­nen und Leser über­setz­ter Literatur. 


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